Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Archiv für Kriminologie"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



3" 3433 07594154 6 



5^ 




ARCHIV 

fOb 



KRIMINAL - ANTHROPOLOGIE 



UND 



KRIMINALISTIK 



MIT EINER ANZAHL VON FACHMANNERN 



HERAUSGEGEBEN 



Pbof. Dr. HANS GROSS 



SEGHSüimZWAJirZI&STEB BAim. 




LEIPZIG 

VEELAG VON F. C. W. VOGEL 

1906. 



• • • 

• •• • 



• • * 



p::::J: :/• 
• ;..:•,• 



•-• , « • • • 

' • • •• • •• • 

: • • V •• •• 



••• ••• • 

• • • • • 



T t' K :;r'VV YOHK 



t Ki 



t ^f-^, T . -.. y AVI? 

j T ti '.t f-LNu»* '-JON*, 



^1 



1 



Inhalt <l(^ i5ü<^liBi*ni!zwnriziK8tpii Humlc«, 



Er$t^ H*!fl 






lt. 


Xm Hr. NtuMrd , 




in. 




1 liiiiff 


IV 


Hii. Viin |ir. Mhvtt WvW^ it, 
- laut Y. Li-iÄi vtim ^«hufitn^hf »ftHi 


f** Viii 






^^\.,■Uv Tlii-i*iIr<^«^t^;«Ainn^^||^,i|tli. H;tf I 



r-rji^f»"^«?Mi,rr 



in«iiiliitiWa 






m iliin« 



nik^'U ditiy lUinciTi 



r',*arrw|«f5t*- 



v*>rt>irriW 



i'>lMluVirrai4vr#H)- 



Vnmu 

FrdbltTiij, ^ , , ^ , . ^ 

i>. Uijpitv: Kimm (bia^^ ,T. , ; 

iwkr. _ , ^ "''"^^ '"*«*' 

H, >Eii-r«»rt: f)w dir« Clftli«t4«4.ilVi|Dßun iliir iltrtiltiaTi 

«rftfluiis . - ^ . - . . ^ 

'*' H*Mi. Die Vi-*'iniiOöfi^ji ij) li.n UfiJtii,*i» . 



miU^ timn 



Zwejtts und üriUm Heft 

iiU-^i-pT»**»*-!» **' ^I^*t'* Dhi7, 



^ 



S\m Mwi l»r. U- Imlitiri-r * . . , ...,.., lAi* 

l>i ....... , , , ^ IQ4 

riirt 4U.ukiHt Villi il* h»iui»ri1/U*ni»t 

v.ni V. . VwiJ l'r mi'^i . , . , . »HH 

\4*flinnfUi-rti *t«ii*m>idi, Viiii IhiVflKtijbiuir 

ii^tJi lk*nii*r. Vifii KrB>r J.iflififü^: ;,, , 

%\ 'Ha in* IiNlW'bi*!! i iiv Vi>ii J*initf Küldor ::<( 

, 4Mf Hillrihili^tit* 



\ .>it Ljiih Uotlliflrih^ 

i. tu h#'rUL*«|mu-l*uin;^'it 



Iifi^rti Mitr.it 



I r.iqiit ii>;» Mn^te* i^'iiir***!^ tfir ilh< Art il»« 



Uli*? «e^tJÄ«* EHfw'k'kHiintf dfh 

i ' ' ir-tef!nutr * , , ^ , . , , X.h> 

^it Um t\w Am{i/mh\ *b^ Wwfi and lUi' lyi 
iiilt*iM^ijp}iiili*r Mi(Hf[i({itngvii wttli^t HrilHi;£i*ü Hin**' 



Aniiiif ^!fir<h-iijihlt Man «int AlifiMiiiiaJ M*i" ': 



Vißrtes HofI, 

XSL ^\ii* ittnij i'immü:knm%eMiU *m***nn Rmulii'-i'ti* 
Uan« ?^t*liiit*t4ikprt * • . 



". M«»rkirr\nfe* V Ij»! vimi IVii i . ,, 



ii'^incr,,,, 



Ä^ « ,. V 1 irr., ,.- -,i -1 14 ij» ... 

mit Aii""*!'*"*^ '^' ' ^^ 
n, ,W. ii; «it^l. Ar' *^ «JMPi.t., hH. * 

*. I»r* Art Jim 

u Ulli, *iUlMi|Nlt'»nfi*i* :ii liri. 

mau ■ ' »nll IU*fi1ik^i*litiip ^ 



Inhaltsyerzeichnis. VII 

Seite 

11. Dr. Fritz Nektolitzky: Die Vegetabilien in den Fäces . S70 

12. Walter Albrand und Dr. Heinrich Schröder: Das Ver- 
halten der Papille im Tode S71 

13. Dr. Oskar Schalze: Das Weib in anthropol. Betrachtung 371 

Von Dr. Näcke: 

14. Hellwig: Der kriminelle Aberglauben und seine Bedeutung 

f&r die gerichtliche Medizin 372 

15. MönkemüUer: Geisteskrankheit und Geistesschwäche in 
Satire, Sprichwort und Humor 872 

16. Bresler: Greisenalter und Kriminalität 373 

17. Hoppe: Der Alkohol im gegenwärtigen und zukünftigen 
Strafrecht 373 

18. Wnlffen: Kriminalpsychologie und Psychopathologie in Schil- 
lers Räubern 374 

19. Hess: Die gesetzliche Schadenersatzpflicht der geschäfts- 
nofähig^ heimlichen Geisteskranken 374 

20. Ziehen: Die Geisteskrankheiten des Kindesalters etc. . . . 375 

21. Stelzner: Analyse von 200 Selbstmordfällen nach Beitrag 
zur Prognostik der mit Selbstmordgedanken verknQpften 
Psychosen 375 

22. Esp^ de Metz Plus fort que le mal 376 

23. Baer und Lagner: Die Trunksucht und ihre Abnahme . . 377 

24. Meißner: üranismus etc 378 

25. Iwan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit 378 

26. Geisteskrankheiten und die deutsche Klinik am Eingange des 

20. Jahrhunderts 381 

27. Havellock Ellis: Studies in the Psychology of set . . . 382 
28 Geill: Kriminal -Anthropologische Studien oder Danske 

f'orbrydere 382 



I. 

Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. 

(Vortrag gehalten in Prof. Löffler's Seminar im Juni 1906) 

von 
Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien, 



Die wachsende Einsicht in die Unzuverlässigkeit der Zeugenaus- 
sage, welche doch gegenwärtig die Grundlage so vieler Verurteilungen 
in Straff&llen bildet, hat bei Ihnen allen, künftigen Bichtem und Ver- 
teidigern^ das Interesse für ein neues üntersuchungsverfahren gesteigert, 
welches den Angeklagten selbst nötigen soll, seine Schuld oder Un- 
schuld durch objektive Zeichen zu erweisen. Dieses Verfahren be- 
steht in einem psychologischen Experiment und ist auf psychologische 
Arbeiten begründet; es hängt innig mit gewissen Anschauungen zu- 
sammen, die in der medizinischen Psychologie erst kürzlich zur Geltung 
gekommen sind. Ich weiß, daß Sie damit beschäftigt sind, die Hand- 
habung und Tragweite dieser neuen Methode zunächst in Versuchen, 
die man ^Phantomübungen^ nennen könnte, zu prüfen, und bin bereit- 
willig der Aufforderung Ihres Vorsitzenden, Prof. Löffler gefolgt, 
Ihnen die Beziehungen dieses Verfahrens zur Psychologie ausführ-. 
Ucher auseinander zu setzen. 

Ihn^i allen ist das Gesellschafts- und Kinderspiel bekannt, in dem 
der eine dem andern ein beliebiges Wort zuruft, zu welchem dieser 
ein zweites Wort fügen soll, das mit dem ersten ein zusammengesetztes 
Wort ergibt Z. B. Dampf — Schiff; also Dampfschiff. Nichts anderes 
als eine Modifikation dieses Einderspiels ist der von der Wundt'schen 
Schule in die Psychologie eingeführte Assoziationsversiich, der bloß 
auf eine Bedingtheit jenes Spieles verzichtet hat Er besteht also 
darin, daß man einer Person ein Wort zuruft — das Reizwort — , 
worauf sie möglichst rasch mit einem zweiten Wort antwortet, das 
ihr dazu einfällt, der sogenannten ,,Beaktion^, ohne daß sie in der 
Wahl dieser Reaktion durch irgend etwas beengt worden wäre. Die 
Zeit, die zur Reaktion verbraucht wird, und das Verhältnis von Reiz- 

Arelüy ffir KriminalAiithiopologie. XXVI. 1 



2 I. Fkeüd 

wort und Reaktion, das sehr mannigfaltig sein kann, sind die Gegen- 
stände der Beobachtung. Man kann nun nicht behaupten, daß bei 
diesen Versuchen zunächst viel herausgekommen ist Begreiflich, denn 
sie waren ohne sichere Fragestellung gemacht, und es fehlte an einer 
Idee, die auf die Ergebnisse anzuwenden wäre. Sinnvoll und frucht- 
bar wurden sie erst, als B leuler in Zürich und seine Schüler, ins- 
besondere Jung, sich mit solchen „Assoziationsexperimenten" zu be- 
schäftigen begannen. Wert erhielten ihre Versuche aber durch die 
Voraussetzung, daß die Reaktion auf das Reizwort nichts zufälliges 
sein könne, sondern durch einen beim Reagierenden vorhandenen 
Vorstellungsinhalt determiniert sein müsse. 

Man hat sich gewöhnt, einen solchen Vorstellungsinhalt, der im- 
stande ist die Reaktion auf das Reizwort zu beeinflussen, einen „Kom- 
plex" zu heißen. Die Beeinflussung geht entweder so vor sich, 
indem das Reizwort den Komplex direkt streift, oder indem es letzterem 
gelingt, sich durch Mittelglieder mit dem Reizwort in Verbindung zu 
setzen. Diese Determinierung der Reaktion ist eine sehr merkwürdige 
Tatsache; sie können die Verwunderung darüber in der Literatur 
des Gegenstandes unverhohlen ausgedrückt finden. Aber an ihrer 
Richtigkeit ist nicht zu zweifeln, denn Sie können in der Regel den 
beeinflussenden Komplex nachweisen und die sonst unverständlichen 
Reaktionen aus ihm verstehen, wenn Sie die reagierende Person selbst 
nach den Gründen ihrer Reaktion befragen. Beispiele wie die auf 
Seite 6 und 8—9 der Jung 'sehen Abhandlung i) sind sehr geeignet, 
uns am Zufall und an der angeblichen Willkür im seelischen Ge- 
schehen zweifeln zu machen. 

Nun werfen Sie mit mir einen Blick auf die Vorgeschichte des 
Bleuler- Jung 'sehen Gedankens von der Determinierung der Reaktion 
durch den Komplex bei der examinierten Person. Im Jahre 1901 
habe ich in einer Abhandlung 2) dargetan, daß eine ganze Reihe von 
Aktionen, die man für unmotiviert hielt, vielmehr strenge determiniert 
sind, und um soviel die psychische Willkür einschränken geholfen. 
Ich habe die kleinen Fehlleistungen des Vergessens, Versprechens, 
Verschreibens, Verlegens zum Gegenstand genommen und gezeigt, daß, 
wenn ein Mensch sich verspricht, nicht der Zufall, auch nicht allein 
Artikulationsschwierigkeiten und Lautähnlichkeiten dafür verantwort- 
lich zu machen sind, sondern daß jedesmal ein störender Vorstellungs- 

1) Jung. Die psychologische Diagnose des Tatbestandes, 1906. (Juristisch- 
psychiatrische Grenzfragen IV, 2). 

2) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Monatsschrift f. Psychiatrie und 
Neurologie, Bd. X (1904 als Buch erschienen bei S. Karger, Berlin). 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. 3 

inhalt — Komplex — nachweisbar ist, welcher die intendierte Rede 
in seinem Sinne, anscheinend zum Fehler, abändert. Ich habe ferner 
die kleinen, anscheinend absichtslosen und zufälligen Handlungen der 
Menschen, ihr Tändeln, Spielen usw. in Betracht gezogen und sie als 
^Symptomhandlungen" entlarvt, die mit einem verborgenen Sinn in 
Beziehung stehen und diesem einen unauffälligen Ausdruck verschaffen 
sollen. Es hat sich mir femer ergeben, daß man sich nicht einmal 
einen Vornamen willkürlich einfallen lassen kann, der sich nicht als 
durch einen mächtigen Vorstellungskomplex bestimmt erwiese; ja daß 
Zahlen, die man anscheinend willkürlich wählt, sich auf einen solchen 
verborgenen Komplex zurückführen lassen. Mein Kollege Dr. 
Alfred Adler hat einige Jahre später diese befremdendste meiner 
Aufstellungen durch einige schöne Beispiele belegen können i). Hat 
man sich nun an solche Auffassung der Bedingtheit im psychischen 
Leben gewöhnt, so ergibt sich als eine berechtigte Ableitung aus den 
Resultaten der Psychopathologie des Alltagslebens, daß auch die Ein- 
falle der Person beim Assoziationsexperimente nicht willkürlich, sondern 
durch einen in ihr wirksamen Vorstellungsinhalt bedingt sein mögen. 
Nun, meine Herren, kehren wir zum Assoziationsexperiment zu- 
rück ! In den bisher betrachteten Fällen war es die examipierte Per- 
son, die uns über die Herkunft der Reaktionen aufklärte, und diese 
Bedingung macht den Versuch eigentlich für die Rechtspflege un- 
interessant. Wie aber, wenn wir die Versuchsanordnungen abändern, 
etwa wie man eine Gleichung mit mehreren Größen nach der einen 
oder der anderen auflösen, das a oder das b in ihr zum gesuchten x 
machen kann? Bisher war uns Prüfern der Komplex unbekannt, wir 
prüften mit beliebig gewählten Reizworten, und die Versuchsperson 
denunzierte uns den Komplex, der durch die Reizworte zur Äußerung 
gebracht worden war. Machen wir es nun anders, nehmen wir einen 
uns bekannten Komplex her, reagieren auf ihn mit absichtlich ge- 
wählten Reizworten, wälzen das x auf die Seite der reagierenden Per- 
son, ist es dann möglich , aus dem Ausfall der Reaktionen zu ent- 
scheiden, ob die examinierte Person den gewählten Komplex gleich- 
falls in sich trägt? Sie sehen ein, diese Versuchsanordnung entspricht 
genau dem Falle des Untersuchungsrichters, der erfahren möchte, ob 
ein gewisser ihm bekannter Tatbestand auch dem Angeklagten als 
Täter bekannt ist. Es scheint, daß Wertheimer und Klein, 
zwei Schüler des Strafrechtslehrers Hans Groß in Prag, zuerst diese 

1) Adler. Drei Psycho -Analysen von Zahleneinfällen und obsedierenden 
Zahlen. Psychiatrisch- neurologische Wochenschrift von Bresler, 1905, Nr. 2S. 



4 I. Freud 

für Sie bedeutsame Abänderung der Versuchsordnung vorgenommen 
haben, i) 

Sie wissen bereits aus Ihren eigenen Versuchen, daß sich bei 
solcher Fragestellung an den Reaktionen viererlei Anhaltspunkte zur 
Entscheidung der Frage ergeben, ob die examinierte Person den 
Komplex besitzt, auf den Sie mit den Reizworten reagieren. Ich will 
Ihnen dieselben der Reihe nach aufzählen: 1. Der ungewöhnliche 
Inhalt der Reaktion, der ja Aufklärung fordert; 2. die Verlängerung 
der Reaktionszeit, indem es sich herausstellt, daß Reizworte, welche 
den Komplex getroffen haben, erst nach deutlicher Verspätung (oft 
das Mehrfache der sonstigen Reaktionszeit) mit der Reaktion beant- 
wortet werden; 3. der Irrtum bei der Reproduktion. Sie wissen, 
welche merkwürdige Tatsache damit gemeint ist. Wenn man eine 
kurze Zeit nach dem Abschluß des Versuches mit einer längeren Reihe 
von Reizwörtern dieselben dem Examinierten nochmals vorlegt, so 
wiederholt er die nämlichen Reaktionen wie beim ersten Mal. Nur 
bei denjenigen Reizworten, welche den Komplex direkt getroffen haben, 
ersetzt er die frühere Reaktion leicht durch eine andere. 4. Die Tat- 
sache der Perseveration (vielleicht sagten wir besser: Nachwirkung). 
Es kommt nämlich häufig vor, daß die Wirkung der Erweckung des 
Komplexes durch ein ihn betreffendes („kritisches") Reizwort, also 
z. B. die Verlängerung der Reaktionszeit, anhält und noch die Reak- 
tionen auf die nächsten nicht kritischen Worte verändert. Wo nun 
alle oder mehrere dieser Anzeichen zusammentreffen, da hat sich der 
uns bekannte Komplex als beim Angerufenen störend vorhanden er- 
wiesen. Sie verstehen diese Störung in der Weise, daß der beim 
Angerufenen vorhandene Komplex mit Affekt besetzt und befähigt ist, 
der Aufgabe des Reagierens Aufmerksamkeit zu entziehen, finden also 
in dieser Störung einen „psychischen Selbst verrat." 

Ich weiß, daß Sie gegenwärtig mit den Chancen und Schwierig- 
keiten dieses Verfahrens, welches den Beschuldigten zum objektiven 
Selbstverrat bringen soll, beschäftigt sind, und lenke Ihre Aufmerk- 
samkeit darum auf die Mitteilung, daß ein ganz analoges Aufdeckungs- 
verfahren für verborgenes oder verheimlichtes Seelisches seit länger 
als einem Dezennium auf einem anderen Gebiete in Übung ist Es 
soll meine Aufgabe sein, Ihnen die Ähnlichkeit und die Verschieden- 
heit der Verhältnisse hier und dort vorzuführen. 

Dies Gebiet ist ein von dem Ihrigen wohl recht verschiedenes. 
Ich meine nämlich die Therapie gewisser „Nervenkrankheiten** der 



1) Nach JuDg. 1. c. 



Tatbestandsdiagnostik und PsychoanalyFe. 5 

sogenannten Psychoneurosen , für welche Sie Hysterie und Zwangs- 
vorstellen als Muster nehmen können. Das Verfahren heißt dort 
Psychoanalyse und ist von mir aus dem zuerst von J. Breuer*) in 
Wien geübten „kathartischen'' Heilverfahren entwickelt worden. Um 
Ihrer Verwunderung zu begegnen, muß ich eine Analogie zwischen 
dem Verbrecher und dem Hysteriker durchführen. Bei beiden handelt 
es sich um ein Geheimnis, um etwas Verborgenes. Aber, um nicht 
paradox zu werden, muß ich auch gleich den Unterschied hervor- 
heben. Beim Verbrecher handelt es sich um ein Geheimnis, daa er 
weiß und vor Ihnen verbirgt, beim Hysteriker um ein Geheimnis, das 
auch er selbst nicht weiß, das sich vor ihm selbst verbirgt Wie ist das 
möglich? Nun, wir wissen durch mühevolle Erforschungen, daß alle 
diese Erkrankungen darauf beruhen, daß solche Personen es zustande 
gebracht haben, gewisse stark affektbesetzte Vorstellungen und Er- 
innerungen und die auf sie gebauten Wünsche so zu verdrängen, daß 
sie in ihrem Denken keine Bolle spielen, in ihrem Bewußtsein nicht 
auftreten und somit ihnen selbst geheim bleiben. Aus diesem ver- 
drängten psychischen Material, aus diesen „Komplexen" rühren aber 
die somatischen und psychischen Symptome her, welche ganz nach 
Art eines bösen Gewissens die Kranken quälen. Der Unterschied 
zwischen dem Verbrecher und dem Hysteriker ist also in diesem 
einen Punkte fundamental. 

Die Aufgabe des Therapeuten ist aber die nämliche wie die des 
Untersuchungsrichters; wir sollen das verborgene Psychische aufdecken 
und haben zu diesem Zwecke eine Reihe von Detektivkünsten erfunden, 
von denen uns also jetzt die Herren Juristen einige nachahmen werden. 

Es wird Sie für Ihre Arbeit interessieren zu hören, in welcher 
Weise wir Ärzte bei der Psychoanalyse vorgehen. Nachdem der Kranke 
ein erstes mal seine Geschichte erzählt hat, fordern wir ihn auf, sich 
ganz seinen Einfällen zu überlassen und ohne jeden kritischen Rück- 
halt vorzubringen, was ihm in den Sinn kommt. Wir gehen also von 
der Voraussetzung aus, die er gar nicht teilt, daß diese Einfälle nicht 
willkürliche, sondern durch die Beziehung zu seinem Geheimnisse, 
seinem „Komplex^ bestimmt sein werden, sozusagen als Abkömmlinge 
dieses Komplexes aufgefaßt werden können. Sie sehen, es ist die 
nämliche Voraussetzung, mit deren Hilfe Sie die Assoziationsexperi- 
mente deutbar gefunden haben. Der Kranke aber, dem man die Be- 
folgung der Regel aufträgt, alle seine Einfälle mitzuteilen, scheint nicht 
imstande zu sein, dies zu tun. Er hält doch bald diesen, bald jenen 



I) J. Breuer ood S. Freud. Studien über Hysterie, 1895. 



6 I. Fkeud 

Einfall zurück und bedient sich dabei verschiedener Motivierungen, 
entweder: das sei ganz unwichtig, oder: es gehöre nicht dazu, oder: 
es sei überhaupt ganz sinnlos. Wir verlangen dann, daß er den Ein- 
fall trotz dieser Einwendungen mitteile und verfolge; denn gerade die 
sich geltend machende Kritik ist uns ein Beweis für die Zugehörig- 
keit des Einfalls zum „Komplex", den wir aufzudecken suchen. In 
solchem Verhalten der Kranken erblicken wir eine Äußerung des in 
ihm vorhandenen „Widerstandes", der uns während der ganzen 
Dauer der Behandlung nicht verläßt. Ich will nur kurz andeuten 
daß der Begriff des Widerstandes für unser Verständnis der Krank- 
heitsgenese wie des Heilungsmechanismus die größte Bedeutung ge- 
wonnen hat 

Eine derartige Kritik der Einfälle beobachten Sie nun bei Ihren 
Versuchen nicht direkt; dafür sind wir bei der Psychoanalyse in der 
Lage, alle Ihnen auffälligen Zeichen eines Komplexes zu beobachten. 
Wenn der Kranke es nicht mehr wagt, die ihm gegebene Regel zu 
verletzen, so merken wir doch, daß er zeitweilig in der Reproduktion 
der Einfälle stockt, zögert, Pausen macht. Jede solche Zögerung ist 
uns eine Äußerung des Widerstandes und dient uns als Anzeichen der 
Zugehörigkeit zum „Komplex." Ja, sie ist uns das wichtigste Zeichen 
solcher Bedeutung, ganz wie Ihnen die analoge Verlängerung der 
Reaktionszeit. Wir sind gewöhnt, die Zögerung in diesem Sinne zu 
deuten, auch wenn der Inhalt des zurückgehaltenen Einfalles gar 
keinen Anstoß zu bieten scheint, wenn der Kranke versichert, er könne 
sich gar nicht denken, warum er zögern sollte, ihn mitzuteilen. Die 
Pausen, die in der Psychoanalyse vorkommen, sind in der Regel viel- 
mals größer als die Verspätungen, die Sie bei den Reaktionsversuchen 
notieren. 

Auch das andere Ihrer Komplexanzeichen, die inhaltliche Ver- 
änderung der Reaktion, spielt seine Rolle in der Technik der Psycho- 
analyse. Wir pflegen selbst leise Abweichungen von der gebräuch- 
lichen Ausdrucksweise bei unseren Kranken ganz allgemein als An- 
zeichen für einen verborgenen Sinn anzusehen und setzen uns selbst 
mit solchen Deutungen gerne für eine Weile seinem Spotte aus. Wir 
lauem bei ihm geradezu auf Reden, die ins Zweideutige schillern, 
und bei denen der verborgene Sinn durch den harmlosen Ausdruck 
hindurchschimmert. Nicht nur der Kranke, auch Kollegen, die der 
psychoanalytischen Technik und ihrer besonderen Verhältnisse un- 
kundig sind, versagen uns da ihren Glauben und werfen uns Witzelei 
und Wortklauberei vor, aber wir behalten fast immer Recht. Es ist 
schließlich nicht schwer zu verstehen, daß ein sorgfällig gehütetes 



Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. 7 

Geheimnis sich nur durch feine, höchstens durch zweideutige An- 
deutungen verrät Der Kranke gewöhnt sich schließlich daran, uns in 
sogenannter ^indirekter Darstellung" all das zu geben, was wir zur 
Aufdeckung des Komplexes benötigen. 

Auf einem beschränkteren Gebiet verwerten wir in der Technik 
der Psychoanalyse das dritte Ihrer Komplexanzeichen, den Irrtum, 
d. b. die Abänderung, bei der Reproduktion. Eine Aufgabe, die uns 
häufig gestellt wird, ist die Deutung von Träumen, das ist die Über- 
setzung des erinnerten Trauminhaltes in dessen verborgenen Sinn. Es 
kommt dabei vor, daß wir unschlüssig sind, an welcher Stelle wir die 
Aufgabe anfassen sollen, und in diesem Falle können wir uns einer 
empirisch gefundenen Regel bedienen, welche uns rät, die Traum- 
erzählung wiederholen zu lassen. Der Träumer verändert dabei ge- 
wöhnlich seine Ausdrucksweise an manchen Stellen, während er sich 
an anderen getreulich wiederholt. Wir aber klammem uns an die 
Stellen, in denen die Reproduktion durch Abänderung, oft auch durch 
Auslassung, fehlerhaft ist, weil uns diese Untreue die Zugehörigkeit 
zum Komplex verbürgt und den besten Zugang zum geheimen Sinn 
des Traumes verspricht. 

Sie werden nun nicht den Eindruck empfangen, als hätte die von 
mir verfolgte Übereinstimmung ein Ende gefunden, wenn ich Ihnen 
gestehe, daß ein der „Perseveration" ähnliches Phänomen in der Psycho- 
analyse nicht zum Vorschein kommt. Dieser scheinbare Unterschied 
rührt nur von den besonderen Bedingungen Ihrer Experimente her. 
Sie lassen ja der Komplexwirkung eigentlich keine Zeit sich zu ent- 
wickeln; kaum daß sie begonnen hat, rufen Sie die Aufmerksamkeit 
des Examinierten durch ein neues, wahrscheinlich harmloses, Reizwort 
wieder ab, und dann können Sie beobachten, daß die Versuchsperson 
manchmal trotz Ihrer Störungen bei der Beschäftigung mit dem Kom- 
plex verharrt Wir aber vermeiden solche Störungen in der Psycho- 
analyse, wir erhalten den Kranken bei seiner Beschäftigung mit dem 
Komplex, und weil bei uns sozusagen alles Perseveration ist, können 
wir dies Phänomen nicht als vereinzeltes Vorkommnis beobachten. 

Wir dürfen die Behauptung aufstellen, daß es uns durch Tech- 
niken wie die mitgeteilten prinzipiell gelingt, dem Kranken das Ver- 
drängte, sein Geheimnis, bewußt zu machen und dadurch die psycho- 
logische Bedingtheit seiner Leidenssymptome aufzuheben. Ehe Sie 
nun aus diesem Erfolge Schlüsse auf die Chancen Ihrer Arbeiten 
ziehen, wollen wir die Unterschiede in der psychologischen Situation 
hi er und dort be leuchten. 

I) Vgl. meine nTraumdeutang'^ 1900. 



8 I. Freud 

Den HauptuDterschied haben wir schon genannt: Beim Neuro- 
tiker Geheimnis vor seinem eigenen Bewußtsein, beim Verbrecher nur 
vor Ihnen; beim ersteren ein echtes Nichtwissen, obwohl nicht in 
jedem Sinne, beim letzteren nur Simulation des Nichtwissens. Damit 
ist ein anderer, praktisch wichtiger unterschied verknüpft. In der 
Psychoanalyse hilft der Kranke mit seiner bewußten Bemühung gegen 
seinen Widerstand, denn er hat ja einen Nutzen von dem Examen zu er- 
warten, die Heilung; der Verbrecher hingegen arbeitet nicht mit Ihnen, 
er würde gegen sein ganzes Ich arbeiten. Wie zur Ausgleichung 
kommt es bei Ihrer Untersuchung nur darauf an, daß Sie eine objek- 
tive Überzeugung gewinnen, während bei der Therapie gefordert wird, 
daß der Kranke selbst sich die gleiche Überzeugung schaffe. Es 
bleibt aber abzuwarten, welche Erschwerungen oder Abänderungen an 
Ihrem Verfahren Ihnen der Wegfall der Mitarbeiterschaft des Unter- 
suchten bereiten wird. Es ist dies auch ein Fall, den Sie sich in 
Ihren Seminarversuchen niemals herstellen können, denn Ihr Kollege, 
der sich in die Bolle des Beschuldigten fügt, bleibt doch Ihr Mit- 
arbeiter und hilft Ihnen trotz seines bewußten Vorsatzes, sich nicht 
zu verraten. 

Wenn Sie auf die Vergleichung der beiden Situationen näher ein- 
gehen, so ergibt sich Ihnen überhaupt, daß in der Psychoanalyse ein 
einfacherer, ein Spezialfall der Aufgabe, Verborgenes im Seelenleben 
aufzudecken vorliegt, in Ihrer Arbeit dagegen ein umfassenderer. Daß 
es sich bei den Psychoneurotikem ganz regelmäßig um einen ver- 
drängten sexuellen Komplex (im weitesten Sinne genommen) handelt, 
das kommt als Unterschied für Sie nicht in Betracht Wohl aber 
etwas anderes. Die Aufgabe der Psychoanalyse lautet ganz uniform 
für alle Fälle, es seien Komplexe aufzudecken, die infolge von Un- 
lustgefühlen verdrängt sind und beim Versuch der Einführung ins 
Bewußtsein Anzeichen des Widerstandes von sich geben. Dieser 
Widerstand ist gleichsam lokalisiert, er entsteht an dem Grenzübergang 
zwischen Unbewußtem und Bewußtem. In Ihren Fällen handelt sich um 
Widerstand, der ganz aus dem Bewußten herrührt. Sie werden diese Un- 
gleichheit nicht ohne weiteres vernachlässigen können und erst durch 
Versuche festzustellen haben, ob sich der bewußte Widerstand durch 
ganz dieselben Anzeichen verrät wie der unbewußte. Femer meine 
ich, daß Sie noch nicht sicher sein können, ob Sie Ihre objektiven Kom- 
plexanzeichen so wie wir Psychotherapeuten als „Widerstand*^ deuten 
dürfen. Wenn auch nicht sehr häufig bei Verbrechern, so doch bei 
Ihren Versuchspersonen mag sich der Fall ereignen, daß der Kom- 
plex, an den Sie streifen, ein mit Lust betonter ist, und es fragt 



Tatbestandsdia^ostik und Psychoanalyse. 9 

sich, ob dieser dieselben Reaktionen geben wird wie ein mit Unlust 
betonter. 

Ich möchte auch hervorheben, daß Ihr Versuch möglicherweise 
einer Einmengung unterliegen kann, die in der Psychoanalyse wie 
selbstverständlich entfällt Sie können nämlich bei Ihrer Untersuchung 
vom Neurotiker irre geführt werden, der so reagiert, als ob er schuldig 
wäre, obwohl er unschuldig ist, weil ein in ihm bereitliegendes und 
lauerndes Schuldbewußtsein sich der Beschuldigung des besonderen 
Falles bemächtigt Halten Sie diesen Fall nicht für eine müßige Erfindung ; 
denken Sie an die Einderstube, in der man ihn häufig genug beobachten 
kann. Es kommt vor, daß ein Kind, dem man eine Untat vorwirft, die 
Schuld mit Entschiedenheit leugnet, dabei aber weint wie ein überführter 
Sünder. Sie werden vielleicht meinen, daß das Kind lügt, während 
es seine Unschuld versichert, aber der Fall kann anders liegen. Das 
Kind hat die eine Untat, die Sie ihm zur Last legen, wirklich nicht ver- 
übt, aber dafür eine andere, ähnliche, von der Sie nichts wissen, und 
deren Sie ihn nicht beschuldigen. Es leugnet also mit Recht seine 
Schuld — an dem einen — , und dabei verrät sich doch sein Schuld- 
bewußtsein — wegen des anderen. Der erwachsene Neurotiker 
verhält sich in diesem — wie in vielen anderen Punkten — ganz so 
wie ein Kind; es gibt viele solcher Menschen, und es ist noch fraglich, 
ob es Ihrer Technick gelingen wird, solche Selbstbeschuldiger von 
den wirklich Schuldigen zu unterscheiden. Endlich noch eines: Sie 
wissen, daß Sie nach ihrer Strafprozeßordnung den Angeklagten durch 
kein Verfahren überrumpeln dürfen. Er wird also wissen, daß es sich 
beim Experiment darum handelt, sich nicht zu verraten^ und es ent- 
steht die weitere Frage, ob man auf dieselben Reaktionen zu rechnen 
hat, wenn die Aufmerksamkeit dem Komplex zugewendet ist wie hei 
abgewendeter, und wie weit der Vorsatz zu verbeißen bei verschiedenen 
Personen in die Reaktionsweise hineinreichen kann. 

Gerade weil die Ihren Untersuchungen unterliegenden Situationen 
so mannigfaltig sind, ist die Psychologie an dem Ausfall derselben 
lebhaft interessiert, und man möchte Sie bitten, an der praktischen Ver- 
wertbarkeit derselben ja nicht zu rasch zu verzweifeln. Gestatten Sie 
mir, der ich der praktischen Rechtspflege so ferne stehe, noch einen 
anderen Vorschlag! So unentbehrlich Experimente im Seminar zur 
Vorbereitung und Fragestellung sein mögen, so werden Sie doch 
die gleiche psychologische Situation wie bei der Untersuchung Be- 
schuldigter im Straffalle hier nie herstellen können. Es bleiben Pban- 
fornfibongen, auf welche sich die praktische Verwendung im Straf- 
prozeß niemals begründen läßt. Wenn wir auf letztere nicht verzichten 



10 I. Freud 

wollen, 80 bietet sich folgender Ausweg. Es möge Ihnen verstattet, 
ja zur Pflicht gemacht werden, solche Untersuchungen durch eine 
Reihe von Jahren an allen realen Fällen von Strafbeschuldigung 
vorzunehmen, ohne daß den Ergebnissen derselben ein Ein- 
fluß auf die Entscheidung der richtenden Instanz zuge- 
standen würde. Am besten, wenn die letztere überhaupt nicht zur 
Kenntnis Ihrer aus der Untersuchung gezogenen Schlußfolgerung über 
die Schuld des Angeklagten kommt Nach jahrelanger Sammlung 
und vergleichender Bearbeitung der so gewonnenen Erfahrungen müßten 
wohl alle Zweifel an der Brauchbarkeit dieses psychologischen Unter 
suchungsverfahrens gelöst sein. Ich weiß freilich, daß die Verwirk- 
lichung dieses Vorschlages nicht allein von Ihnen und Ihren ge- 
schätzten Lehrern abhängt. 



IL 
Der Lustmörder Dittrich. 

Kasuistischer Beitrag zur forensischen Beurteilung der Lustmörder 

von 

Dr. Nerlicli, Oberarzt imd Leiter der Kgl. Sachs. Landesanstalt für Geistoskranke 

zu Waldheim. 



Bis vor kurzer Zeit haben preußische und sächsische Zeitungen 
fast unaufhörlich in ihren Spalten lange Berichte über den Lustmör- 
der Dittrich gebracht, welche sich nicht selten vollkommen wider- 
sprachen und neben manchem richtigen Urteil auch viel schiefe und 
falsche Bemerkungen enthielten. Die große Öffentlichkeit befindet sich 
daher über Dittrich auch heute noch im Unklaren, und es dürfte so- 
mit nicht unangebracht sein, an dieser Stelle über Dittrich bezüglich 
seines Lebensganges und seiner Verbrechen, deren Spuren er geschickt 
au verwischen wußte, das mitzuteilen, was durch die gerichtliche 
Untersuchung und die ärztliche Beobachtung als sicher erwiesen an- 
gesehen werden muß. 

Am 22. Oktober 1905 wurde in dem bei Königstein a. K gelege- 
nen Staatswalde die etwa 40 Jahre alte Privata 0. aus D., welche 
seit 17. desselben Monats vermißt wurde, tot aufgefunden. Die Leiche 
war nur mangelhaft bekleidet und anscheinend beraubt. Die unteren 
Extremitäten waren von den Unterröcken, welche über den Oberkörper 
zurückg^chlagen waren, entblößt, außerdem war an der linken Hals- 
seite eine Druckstelle, wie sie nach Würgversuchen zu entstehen pflegt, 
sichtbar. 

Die Besichtigung und Öffnung der Leiche ergab, daß in dem der 
Druckstelle des Halses entsprechenden Unterhautzellgewebe sich kleine 
Blutaustritte vorfanden, daß die Luftröhre nebst ihren Verzweigungen 
mit erbrochenem Mageninhalt angefüllt war, und daß der Scheiden- 
schleim Samenfäden enthielt. Auf Grund dieser Befunde war anzu- 
nehmen, daß die 0. kurz vor ihrem Tode gewürgt und durch Schläge 
mittels eines stumpfen Gegenstandes ein Kopftrauma erlitten hatte. 



12 II. Nerlich 

welches zu Erbrechen und Bewußtlosigkeit geführt hatte, und es war 
ferner erwiesen, daß die 0. durch Aspiration der erbrochenen Massen 
erstickt war, und, daß sie kurz vor oder nach ihrem Tode ge- 
schlechtlich mißbraucht worden sein mußte. 

Die Nachforschungen nach dem Täter blieben lange Zeit resul- 
tatlos, bis endlich ein glücklicher Zufall es fügte, daß der am 12. Sep- 
tember 1872 geborene Lederarbeiter Max Dittrich aus Dresden als 
solcher entdeckt wurde. 

Dittrich hatte nämlich seit November 1905 in Dresden eine ganze 
Reihe von Fahrrad- und Einbruchsdiebstählen begangen und war, als 
ihm dort der Boden schließlich zu heiß wurde, nach Berlin geflüchtet 
Nach den gestohlenen Sachen wurde außer in seiner Wohnung auch 
in derjenigen seiner in Dresden lebenden Schwester Haussuchung ge- 
halten, und hierbei wurden nun verschiedene der getöteten 0- ge- 
hörige Kleidungsstücke aufgefunden, welche, wie sich herausstellte, 
Dittrich Ende Oktober 1905 seiner Schwester als Geschenk verab- 
reicht hatte. 

Dittrich wurde am 27. April 1906 in Berlin verhaftet Er legte, 
nachdem er sich längere Zeit völlig unzugänglich gezeigt hatte, end- 
lich am 1. Mai 1906 ein Geständnis dahin gehend ab, daß er die 0. 
ermordet und beraubt habe. Gleichzeitig bezichtigte er sich in einem 
ausführlich gehaltenen Schriftstück noch einer ganzen Reihe anderer 
Mordtaten, welche bis dahin unaufgeklärt geblieben waren; er wollte 
im Jahre 1899 die sechsjährige Seh. in R., im Jahre 1900 die Schiffers- 
ehefrau Gr. in E. bei Berlin, im September 1905 eine Frau Seh. in 
derselben Gegend, und im Jahre 1900 in Österreich 6 Frauen ums 
Leben gebracht haben. Er versicherte hierbei, daß er sich der 
Einzelheiten seiner Verbrechen nicht erinnern könne; er wisse nur so 
viel zu sagen, daß er dann, wenn er auf einsamem Wege mit Frauens- 
personen zusammentreffe, in große Aufregung gerate: es fange sein 
Herz an zu klopfen so stark, daß er kaum noch zu atmen und klar 
zu denken vermöge, er bekomme reichlichen Schweißausbruch und flie- 
gende Hitze, und dieser Zustand steigere sich selbst bis zu vollkom- 
mener Bewußtlosigkeit, wenn ihm bei Erreichung seines gewollten 
Zweckes, nämlich des Geschlechtsaktes, irgend welcher Widerstand 
geleistet werde; in solchem Falle kehre seine Besinnung erst dann 
wieder, wenn seine Opfer tot vor ihm lägen. 

Was nun zunächst das Verbrechen an der 0. anbetrifft, so hat 
Dittrich unter der Fülle des allmählich immer mehr zunehmenden Be- 
lastungsmaterials es niemals geleugnet. Indes hat er über sein Ver- 
halten während der Tat ganz widerspruchvolle Angaben gemacht 



Der Lustmörder Dittrich. 13 

Seine anfangs aufgestellte Behauptung, daß er sich an der 0. ge- 
schlechtlich nicht vergangen habe, mußte er auf Vorhalt des Leichen- 
befundes als unwahr bezeichnen; wollte er zuerst nicht wissen, ob er 
die 0. lebend oder schon tot an den Fundort geschleppt habe, so 
schildert er später, daß sein Opfer, als er noch einmal zu ihm zu- 
rückkehrte, sich auf die Seite gedreht und sich bewegt habe, und 
endlich sprach er sich, obgleich er sich anfangs nicht erinnern 
konnte, an welchem Ort er die Beraubung der 0. vorgenommen hatte, 
dahin aus, daß er der Leiche erst am Fundorte die Kleider genom- 
men habe. 

Nur in einer einzigen Aussage ist er sich stets gleich geblieben, 
nämlich darin, daß er die 0. nicht zu töten beabsichtigt habe, und 
daß er infolge von Zwangsideen seines freien Willens im Augenblick 
der Tat nicht mächtig gewesen sei. 

Über den Zustand Dittrichs vor und nach der Tat ist aus den 
Akten folgendes ersichtlich gewesen. 

Dittrich war um die Zeit des Verbrechens sehr unstet und ruhe- 
los; er trieb sich viel umher, hatte keine Lust zu geregelter Tätigkeit, 
suchte sich vielmehr durch Bettelbriefe an geistliche Herren in den 
Besitz von Geldmitteln, an denen es ihm übrigens stets mangelte, zu 
setzen, trug sich mit allerhand Erfindungen, beispielsweise mit der 
eines ünterseebotes, beschäftigte sich mit der Dressur von Tieren und 
erwies sich lügenhaft, reizbar und bei geringstem Widerspruch heftig. 
Für seine leichte Erregbarkeit spricht, daß er ein Hündchen seiner 
Schwester in brutaler Weise mißhandelte, und daß er seinen Schwager 
bei der ersten besten Gelegenheit niederzuschießen drohte. 

Am Tage des Verbrechens machte er auf dem Bahnhof in König- 
stein a. E. einen außerordentlich scheuen Eindruck, wie er denn auch 
am Abend desselben Tages der Dresdner Prostituierten L., welche er 
des Geschlechtsverkehrs wegen aufgesucht hatte, sehr aufgeregt zu 
sein schien. Daß es sich bei ihm überhaupt um einen in sexueller 
Beziehung überaus leicht erregbaren Menschen handelt, geht auch da- 
raus hervor, daß er mit der Witwe Th. in Dresden, nachdem er ihr 
die Ehe versprochen hatte, in der Zeit vom 16.— 23. April 1906 ganz 
intensiven Geschlechtsverkehr gepflogen hat. 

Während nun Dittrich bei seinen ersten Vernehmungen am 2., 3. 
und 4. Mai 1906 sich immer wieder als den Mörder der sechsjährigen 
Seh. in R.^ der Gr. und Seh. in E. bei Berlin und der 6 österreichi- 
schen Frauen bezeichnete, hat er alle diese Geständnisse am 17. und 
22. Mai seinem Beichtvater gegenüber und auch an Gerichtsstelle zu- 
rückgezogen, um schließlich doch am 28. Mai wenigstens die beiden 



14 II. Nerlich 

in den Jahren 1900 und 1905 an der Gr. und Seh. in E. bei Berlin 
verübten Morde zuzugestehen. 

' Über die Gründe, welche Dittrich zu einem solch eigentümlichen 
Gebaren bewogen haben, gibt ein Bericht des Kriminalkommissars W. 
Aufschluß. 

Dittrich wollte nämlich, nachdem er des Verbrechens an der 0. 
überführt war, um seinen Kopf zu retten, den Eindruck hervorrufen, 
als sei er geisteskrank, und so entschloß er sich zu einer Schilderung 
seiner Greueltaten und seines Zustandes während derselben. Als er 
aber erfuhr, daß der Tod der 0. mehr infolge eines unglücklichen 
Zufalls (durch Ersticken infolge Aspiration erbrochenen Mageninhaltes) 
eingetreten war, daß ihn somit nur eine — wenn auch langjährige — 
Zuchthausstrafe, nach deren Verbüßung ihm doch wieder die Freiheit 
winkte drohte, da hatte er das Bestreben, aller Welt seine geistige 
Gesundheit zu beweisen, um nicht zeitlebens in einer Irrenanstalt 
untergebracht zu werden. Dieses Verhalten änderte er dann wieder 
nach mehreren mit Kriminalkommissar W. gepflogenen Unterredun- 
gen, bei welchen ihm auseinandergesetzt worden war, daß er bereits 
zu viel eingeräumt habe, als daß er seine Geständnisse noch zurück- 
ziehen könnte. Dittrich fürchtete nun wieder für sein Leben; als 
ihm die Aussicht eröffnet wurde, daß er, weil die beiden E.-Fälle dem 
O.-Falle zeitlich vorausgingen, vielleicht in einer Berliner statt in der 
von ihm gefürchteten Waldheimer Irrenanstalt untergebracht werden 
könnte, gestand er wenigstens zu, die Gr. und Seh. in E. bei Berlin 
in einem Zustande geschlechtlicher Erregung vermittels Durchschnei- 
dens der Kehle getötet zu haben, indem er betonte geisteskrank und 
unzurechnungsfähig zu sein. 

Ob Dittrich wirklich der Mörder der Frauen Gr. und Seh. in E. 
bei Berlin ist, muß dahingestellt bleiben; die mir vorgelegten Akten 
enthalten hierüber nichts. Nach dem vorerwähnten Bericht des Kri- 
minalkommissars W. hat jedoch D., welcher zwecks Klarstellung die- 
ser beiden Fälle nach E. überführt wurde, an Ort und Stelle die Taten 
genau so geschildert, wie sie sich zugetragen haben mußten, und an 
der Hand der Örtlichkeit in einer Weise Aufschluß gegeben, wie es 
eine andere an dem Morde unbeteiligte Person nicht tun kann. 

An dieser Stelle mag gleich das Urteil angeführt werden, welches 
Kriminalkommissar W. über Dittrich fällt W. hält Dittrich für einen 
sehr scharfsinnigen Menschen, welcher ein treffendes Urteil über Ge- 
fangenen- und Irrenanstalten besitzt und über ein hervorragendes Ge- 
dächtnis verfügt Auffällig erscheint ihm nur, daß Dittrich mit außer- 
ordentlichem Gleichmut von seinen Verbrechen berichtet, und daß er 



Der Lustmörder Dittrich. 15 

ach jedesmal der näheren Umstände, wie er eigentlich die Tat aus- 
geführt hat, nicht erinnern kann. W. gibt schließlich der Anschauung 
Ausdruck, daß D., wenn er ihn auch^ffir geistig normal ansehen müsse, 
doch yielleicht von Zeit zu Zeit an einem geschlechtlichen Koller 
leide und seine Verbrechen in blindester Aufregung begangen haben 
konnte. 

Für die Beurteilung Dittrichs nicht unwesentlich sind noch fol- 
gende in den Akten enthaltene Tatsachen. 

Dittrich ist der Meinung, daß er auf Grund seines eigenen Ge- 
ständnisses Anspruch auf die für den Fall G. ausgesetzte Belohnung 
habe, und bittet einen Teil derselben der obenerwähnten Witwe Th> 
in Dresden auszuhändigen. Sodann sucht er dem Vertreter der Staats- 
anwaltschaft glaubhaft zu machen, daß er seine Fahrrad- und Ein- 
bruchdiebstähle nur in der Absicht verübt habe, um endlich einmal 
abgeurteilt und auf diese Weise für geistig gesund erklärt zu werden, 
während er sich in Wirklichkeit alle Mühe gegeben hat, die entwen- 
deten Fahrräder durch Umtausch ihrer einzelnen Teile unkenntlich 
und die gestohlenen Gegenstände unauffällig verschwinden zu machen. 

Nicht uninteressant ist auch die Schilderung, welche er in seinem 
in der Untersuchungshaft angefertigten Schriftstück, daß er „Re- 
vanche^ betitelte, von seiner eigenen Persönlichkeit gibt Er erzählt, 
wie er an einem sogenannten Klingelmann zum Taschendieb ausge- 
bildet wurde, wie er seine Komplizen übertölpelte, und wie er mit 
ihnen gemeinsam einen Einbruchsdiebstahl, gelegenüich dessen ein 
Kutscher angeschossen und 300000 Mark geraubt worden sein sollen, 
ausgeführt bat; er selbst bezeichnete es als sehr merkwürdig, daß 
dieser Einbruchsdiebstahl niemals zur Kenntnis der Polizei gekommen 
ist, und versichert sodann, daß er das Geld auf einem Berliner Fried- 
hof vergraben habe. In dem ganzen Schriftstück streut er sich selbst 
nach Möglichkeit Weihrauch : er renommiert mit seiner Klugheit und 
sucht sich, indem 6r die beim Einbruchsdiebstahl erbeuteten Kirchen- 
geräte der katholischen Kirche geschenkt und die Schuldbücher armer 
Witwen vernichtet haben will, als einen recht frommen und im 
Grunde genommen doch braven und gutmütigen Mann hinzustellen, 
welcher nur durch Verführung auf die Verbrecherlaufbahn gedrängt 
worden seL 

Über die Familienverhältnisse Dittrichs und ihn selbst ist aus dem 
mir zur Verfügung gestellten Aktenmaterial und der in den Irren- 
anstalten H^ W. und D. geführten Krankengeschichte folgendes zu 
eruieren gewesen. 

Dittrich stammt von einem trunksüchtigen Vater, welcher Deli- 



16 n. Neulich 

rium tremens gehabt hat, und von einer geistesschwachen Mutter, 
welche an multipler Gehirn- und Rückenmarkssklerose gelitten hat, 
ab; eine seiner Schwestern ist Prostituierte gewesen und mit den 
Strafgesetzen in Konflikt geraten, eine andere Schwester hat in der 
Jugend Krämpfe gehabt, ist später gefallen und in einem katho- 
lischen Eettungsbause längere Zeit aufhältlich gewesen. Dittrich selbst 
wurde nach dem frühen Tode seiner Eltern in einer Kinderbe- 
wahranstalt, dann in einem katholischen Waisenhause untergebracht. 
Infolge seiner Naschhaftigkeit führte er schon damals kleine Dieb- 
stähle aus. Durch einen seiner Mitschüler ließ er sich zur Mastur- 
bation verführen; einmal verschritt er sogar zur Sodomie, indem er 
eine Ziege gebrauchte. Nach der Schulzeit, während deren er sich 
nur mittelmäßig beanlagt zeigte, lernte er ein halbes Jahr als Litho- 
graph, blieb aber nicht bei diesem Beruf, sondern arbeitete bald hier 
bald dort in Maschinenfabriken oder trieb Kleinhandel mit Früchten 
und Handarbeiten. Vorübergehend war er auch als Zuhälter tätig. 
Zum Trunk hat er niemals, auch im späteren Leben nicht, geneigt 
Schon frühzeitig geriet er auf Abwege und wurde zuerst 1887 wegen 
mehrerer Diebstähle zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt; es folgten eine 
sechsmonatliche Strafe wegen Sittlichkeitsvergehens an einem Kinde, 
eine eintägige wegen unbefugten Äusspielens*, eine kurze Haltstrafe 
wegen Betteins, eine fünfmonatliche und eine dreimonatliche wegen 
Diebstahls bezw. Unterschlagung, und schließlich eine etwa 5 V2 jäh- 
rige Zuchthausstrafe wegen Bückfallsdiebstahls und Betrugs, welch 
letztere er vom 17. August 1893 bis 25. Oktober 1898 in der Anstalt 
W. verbüßte. Während der beiden letzten Jahre seiner Strafhaft, d. b. 
in den Jahren 1896—1898, klagte er über Schwindelanfälle, schien 
gleichzeitig Gesichtserscheinungen und Verfolgungsideen zu haben und 
spielte sich als Erfinder eines lenkbaren Luftschiffes auf. Wenige Tage 
nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause in W. versuchte Dittrich 
in D. eine schwangere Frau zu notzüchtigen; sein* Beginnen entschul- 
digte er damit, daß er schon seit Jahren Onanist sei und an ge- 
schlechtlichen Anfällen leide, während deren er mehr einem Stück 
Vieh gleiche und alle Vernunft und Selbstbeherrschung über sich ver- 
liere; nur bis zu einem gewissen Punkte könne er sich noch des Ge- 
schehnisses erinnern, von da an wisse er nicht mehr, was er getan 
habe. — 

Die Beobachtung Dittrichs in der Irrenanstalt W., welche vom 
18. Februar bis 30. März 1899 stattfand, förderte bei ihm ein vollkom- 
menes Wahnsystem mit Größen- und Verfolgungsideen zutage. Er 
entwarf Zeichnungen von außerordentlich komplizierten Apparaten, 



Der Lostmörder Dittrich. 17 

war trotz seiner mangelhaften Kenntnisse in Physik und Chemie von 
deren Vortrefflichkeit und Ausführbarkeit überzeugt, wollte seine Erfin- 
dungen dem Papst zur Verfügung stellen und fürchtete andererseits 
um die Früchte seiner Arbeit von ihm feindseligen, geheimnisvollen 
Mächten gebracht zu werden. Das über Dittrich damals erstattete 
Gutachten sprach sich dahin aus, daß er an einer offenbar schon seit 
Jahren bestehenden Geisteskrankheit]! leide und infolgedessen zur Zeit 
der strafbaren Handlung sich im Zustande geistiger Unfreiheit befun- 
den habe. 

Auf Grund dieses Gutachtens wurde Dittrich außer Verfolgung 
gesetzt und am 15. April 1899 der Irrenanstalt in D. zur Pflege über- 
wiesen, aus welcher er am 23. Mai 1899 entwich, um am 25. des- 
selben Monats freiwillig zurückzukehren (Zeitpunkt der Ermordung 
der sechsjährigen Seh. in R.). Dittrich hing auch in der Irrenanstalt 
in D. an seinem Erfindungswahn unerschütterlich fest und wurde 
schließlich wegen der Schwierigkeiten seiner Verpflegung in die Irren- 
anstalt W. versetzt. Hier schien er von seinen falschen Vorstellungen 
frei zu sein und wurde daher, zumal er Krankheitsaussicht zeigte und 
sich gut führte, am 15. Januar 1900 unter Aushändigung einer Geld- 
unterstützung entlassen. Er handelte nun einige Zeit in Dresden mit 
Südfrüchten und war weiterhin in Fabriken in der Nähe von E. bei 
Berlin tätig (Zeitpunkt der Ermordung der Frau Gr. in E.). Anfang 
April 1900 wurde er außerordentlich ruhelos und begab sich auf die 
Wanderung nach Österreich. Am 1 7. April hielt er in der Nähe von 
P. in Böhmen ein ungefähr 16 Jahre altes Mädchen an und forderte 
es unter Bedrohung mit einem Eüchenmesser zum Beischlaf auf; als 
das Mädchen sich weigerte, warf er es zu Boden, würgte es, ver- 
stopfte ihm mit einem Tuche den Mund, band ihm die Hände auf dem 
Rücken zusammen, hob ihm die Röcke auf und versuchte 3 mal hinter- 
einander den Geschlechtsakt auszuüben. Sein Vorhaben konnte Ditt- 
rich jedoch nicht ausführen, da sein Glied inzwischen schlaff gewor- 
den war und sich nicht mehr erigierte; hierbei hat er sich der Worte 
bedient: „er steht nicht mehr, bei Ihnen geht er überhaupt nicht hin- 
ein"^. Er entknebelte und entfesselte daraufhin das Mädchen, reinigte 
es und entfernte sich schließlich, nachdem er um Stillschweigen ge- 
beten hatte. Als Dittrich verhaftet wurde, gab er an, daß er unter 
dem Einfluß eines triebartigen Zwanges, dem er ohne nachzudenken 
und zu überlegen sofort nachgeben müsse, gehandelt habe. Dittrich 
war einige Nächte nach der Tat ängstlich erregt, er sprach ferner von 
sanen Plänen und Erfindungen und wurde bei Widerspruch ausfällig 
und heftig. Auch in diesem P.-Falle wurde das Verfahren eingestellt, 

AiehiT fttr Krimiiutlanthropologie. XXV. 2 



18 II. Nerlich 

nachdem die Gerichtsärzte Dittrich für unzurechnungsfähig erklärt 
hatten. Als Dittrich am 13. Mai 1900 der Irrenanstalt in D. zuge- 
führt wurde, wollte er sich seiner Tat überhaupt nicht erinnern kön- 
nen und erst zur Besinnung gekommen sein, als er merkte, daß das 
von ihm geknebelte Mädchen zu ersticken drohte. Von seinen Erfin- 
dungen behauptete er vollkommen abgekommen zu sein. Am 13. Juni 
1900 entwich er vermittels der Anstaltsschlüssel, welche er einem Wär- 
ter nächtlicher Weile unter dem Kopfkissen vorgezogen hatte. 

Lange Zeit hörte man von ihm nichts, bis unter dem 22. Septem- 
ber 1900 die Polizeidirektion in Dresden von Triest aus benachrich- 
tigt wurde, daß sich dort Dittrich wegen des Verbrechens des Dieb- 
stahls und unter dem Verdacht des vollbrachten Mordes in Unter- 
suchungshaft befinde. Zu einer Verhandlung kam es auch dieses 
Mal nicht, weil Dittrich laut Gutachten der österreichischen Gerichts- 
ärzte an Zwangsideen und an sexueller Perversion litt. 

Als Dittrich am 19. Oktober 1900 von neuem der Irrenanstalt 
in D. überwiesen wurde, verhielt er sich zunächst gegen Unterhal- 
tungen ablehnend, wurde aber weiterhin zugänglich und erzählte nun 
auf Vorhalt, daß er in Österreich zwar im Begriffe gewesen sei, ein 
Sittlichlichkeitsverbrechen an einem 11jährigen Kmde zu begehen, 
daß er aber, bevor er zur Ausführung desselben schritt, seiner Sinne 
wieder mächtig geworden sei. Er bestritt aufs bestimmteste jeman- 
den getötet zu haben, denn ein Mord vertrüge sich nicht mit seinen 
strengreligiösen Anschauungen. In der Anstalt beschäftigte er sich 
wiederum mit den Plänen für ein Unterseeboot, dessen Konstruktion 
ihm seiner Meinung nach völlig geglückt war, auch wollte er seine 
Kräfte in den Dienst des Papstes und der von allen Seiten angefein- 
deten und unterdrückten katholischen Kirche stellen. Dittrich wurde, 
da die Mittel der Anstalt nicht zu seiner sicheren Verwahrung ge- 
nügten, am 15. Dezember 1900 nach der Irrenanstalt W. überführt. 
I In dem am 7. Februar 1901 dort abgehaltenen Entmündigungs- 
termin schilderte Dittrich, daß er in Momenten geschlechtlicher Erre- 
gung völlig die Besinnung und die Herrschaft über sich verliere, so 
daß er nicht mehr wisse, was er tue, machte weiter die Angabe, daß 
er an Schwindelgefühl leide und in Österreich 3 Tage lang bewußtlos 
gewesen sei, und brachte endlich noch zum Ausdruck, daß er seine 
Erfinderideen, weil ihm die nötigen Vorkenntnisse fehlten, aufgegeben 
habe. Das Entmündigungsgutachten bezeichnete Dittrich als geistes- 
krank und unfähig zur Besorgung seiner Angelegenheiten. 

In der Irrenanstalt W. hat Dittrich sowohl am 24. März wie am 
7. Juni 1901 leichte Ohnmachtsanfälle gehabt, welche indes von ärzt- 

'.^ 



Der Lustmörder Dittrich. 19 

ficher Seite nicht beobachtet worden sind. Er berichtete in zahlreichen 
Schriftstücken sehr ausführlich über seine Vergangenheit, schwor bei 
seinem ^heiligen Glauben und seiner Seligkeit*', keinen Mord begangen 
zu haben, suchte sich immer ins beste Licht zu setzen, war voll guter 
Vorsätze, beschäftigte sich gern und fleißig und zeigte sich frei von 
Erfinderideen, fühlte sich aber doch gelegentlich von den Wärtern be- 
nachteiligt und erschien dann gereizt und verstimmt Da er allmählich 
Krankheitseinsicht entwickelte, sich andauernd sehr gut führte und seine 
Lage annähernd richtig beurteilte, wurde Dittrich, dessen Unterbringung 
in Familienpflege in Rücksicht auf seine Reizbarkeit und Haltlosig- 
keit ausgeschlossen erschien, am 19. Juni 1905 in die städtische Ar- 
beitsanstalt in D. abgeschoben, aus welcher er jedoch nach guter Füh- 
rung und auf Befürwortung seines Vormundes schon am 15. August 
1905 beurlaubt wurde, indem er zugleich eine ganz bedeutende Geld- 
anterstützung zur Beschaffung von Handwerkszeug und Kleidungs- 
stücken erhielt. Von sexuellen Verkehrtheiten wollte er frei sein : lobt 
er sich doch, daß er nicht aufgeregt wurde, als ihm eine Aufseherin 
um die Brust Maß nahm ; im ärztlichen Entlassungsgutachten wird er 
als verständig, aber charakterschwach bezeichnet. 

Anstatt sich nun aber eine geregelte Tätigkeit zu suchen, trieb 
sich Dittrich bald wieder umher. Am 10. September finden wir ihn 
in Berhn wieder; er schreibt von dort aus Bettelbriefe an den katho- 
lischen Pfarrer in H. und teilte darin mit, daß er sich beim Brotschnei- 
den die Flechse des rechten kleinen Fingers durchschnitten habe (Zeit- 
punkt der Ermordung der Frau Seh. in E. bei Berlin). Am 9. Oktober 
ist Dittrich wieder in Dresden und bewirbt sich, indem er sich auf 
seine Kenntnisse, seine Belesenheit in kriminalistischen Werken und 
seine reichen Erfahrungen in Gefangenen- und Irrenanstalten beruft, 
um eine Beschäftigung bei der Kriminalpolizei. Am 17. Oktober be- 
geht er das Verbrechen an der Privata 0., durch welches ihm min- 
destens 100 Mark in die Hand fielen. Mitte November bricht er im 
katholischen Waisenhaus in Dresden ein und begeht um dieselbe Zeit 
Fs^rrad- und Kleiderdiebstähle, worauf am 21. Dezember seine poli- 
zeiliche Festnahme und am 30. Dezember seine Überführung in die 
Irrenanstalt in D. erfolgte. Am 1. Februar 1906 entweicht er aus 
der letzteren vermittels selbstgefertigter Instrumente, nachdem er zu- 
vor seine geistige Gesundheit betont hatte, verübt am 5. Februar einen 
Fahrraddiebstabl, wird am 13. Februar in Berlin aufgegriffen und vom 
10. Februar bis 7. März in der Irrenanstalt 3. verpflegt, in welch letz- 
terer er Zeichen geistiger Schwäche dargeboten hat. Vom 8. März bis 
9. April befindet er sich wieder in der Irrenanstalt in D., aus welcher 



20 U. Nerlich 

er, da er sich fleißig und ruhig zeigte, gut führte und einsichtig er- 
schien, unter Aushändigung von Geldmitteln entlassen wurde. Er hält 
wiederum bei keiner Tätigkeit aus, begeht einen Einbruchsdiebstahl 
und flüchtet schließlich auf einem gestohlenen Fahrrad nach Berlin, 
wo endlich am 27. April seine Verhaftung erfolgte, nachdem sich in- 
zwischen herausgestellt hatte, daß er das Verbrechen an der Privata 
0. begangen haben mußte. 

Nach kurzem Aufenthalt in der Irrenanstalt H. wurde er am 
30. April in das Untersuchungsgefängnis in Dresden eingeliefert, auf 
Antrag des dortigen Geriohtsarztes aber am 12. Juli 1906 zur Beob- 
achtung und Begutachtung gemäß § 81 Str.-Pr.-O. für das Deutsche 
Reich der Landesanstalt für Geisteskranke in Waldheim überwiesen. 

Dittrich hat sich während der Beobachtung im allgemeinen ruhig 
verhalten, sich gelegentlich jedoch gereizt gezeigt, namentlich dann, 
wenn er über sein Vorleben Auskunft geben sollte. Mit mir selbst 
hat er zu sprechen überhaupt abgelehnt, und wenn er mit dem zwei- 
ten Arzt der Anstalt sich unterhielt, verweigerte er ebenfalls mitunter 
die Antwort mit dem Bemerken, er wolle sich „nicht noch tiefer hin- 
einleiern, als es schon geschehen^ sei. Über seine Tat empfand er 
auch nicht die geringste Reue; er war zwar gelegentlich, wenn er 
fürchtete mehr als notwendig ausgesagt zu haben, verstimmt, im all- 
gemeinen indes erwies er sich doch jedes tieferen Gefühls bar und 
erschien heiter und guter Dinge, ja er brachte es sogar wiederholt 
fertig, bei körperlichen Untersuchungen in lautes Lachen auszubre^jhen. 
Seine Umgebung betrachtete er mit lauernden Blicken und suchte stets 
durch verfängliche Fragestellung etwas darüber, wie sich seine Zu- 
kunft gestalten könnte, zu erfahren. Zugänglicher als den Ärzten 
zeigte er sich Wärtern und Patienten gegenüber. Einem der letzteren, 
einem gelernten Instrumentenmacher, teilte er unter dem Siegel der Ver- 
schwiegenheit mit, daß er damit umgehe eine Trommel besonderer Art 
zu konstruieren; er wolle im Innern der Trommel ein Glockenspiel an- 
bringen, welches beim Rühren bestimmte Melodien ertönen lasse. Weiter 
trug er sich mit dem Gedanken einen Apparat zu erfinden, vermöge dessen 
eine im Knopfloch befindliche Blum^ einige Tage frisch erhalten wer- 
den könnte. Dabei renommierte er mit seinem Scharfblick und mit 
seinen Kenntnissen und prahlte mit seinem Verständnis für die indi- 
viduelle Behandlung und Abrichtung von Tieren, für welche er große 
Liebe zu besitzen behauptete. Auch den Wärtern gegenüber suchte 
er sich stets in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu setzen und er- 
zählte ihnen Geschichten, bei denen seine eigene Person immer im 
Vordergrund stand und die Hauptrolle spielte. Unter anderem schilderte 



Der Lustmörder Dittrich. 21 

er ihnen den Einbnichsdiebstahl, welchen er auch in seiner „Revanche" 
erwähnt, verbürgte sich für die Wahrheit des ganzen Herganges, be- 
hauptete, das damals geraubte Geld 1891 auf dem Friedhof zu K. und 
kürzlich auf einem Friedhof in Berlin vergraben zu haben, und be- 
merkte auf Vorhalt, daß er, da er doch niemals im Besitz erheblicher 
Geldmittel gewesen sei, nur flunkere, der Raub käme erst 1908 zur 
Verteilung, wenn seine Komplizen aus dem Gefängnis entlassen wür- 
den; während er nun an dem einen Tage seine Gehilfen in einer 
österreichischen Strafanstalt schmachten ließ; sollten sie mehrere Tage 
nachher in einer italienischen ihre Strafe abzumachen haben. Als ihm 
ärztlicherseits eröffnet wurde, daß die Schilderung seines Lebens, wie 
er sie in seiner „Revanche*' gebe, deswegen als Mache angesehen 
werden müsse, weil er trotz seiner bekannten großen Schreibseligkeit 
früher niemals seine Ausbildung zum Taschendieb, welche er in die 
90 iger Jahre verlegt, erwähne, und weil alle anderen noch erwähnten 
Vorgänge vom psychologischen Standpunkte meist ganz unwahr- 
scheinlich klängen, setzte er eine höhnische Miene auf und erklärte 
mit verschmitztem Lächeln: „Darüber spreche ich mich nicht aus/ 
Kam man mit ihm auf die an der Privata 0., der Gr. und der Seh. 
verübten Verbrechen zu sprechen, so ging er hierauf niemals ein, sondern 
machte nur geheimnisvolle Andeutungen, daß sich in Wirklichkeit 
diese Verbrechen doch noch anders ^ als er dem Kriminalkommissar 
W. zugegeben habe, abgespielt haben: er bereue alles, was er zu 
Papier gebracht habe, er gebe keine Auskunft mehr, er sei auch gar 
nicht imstande, die ganze Wahrheit zu sagen, er wolle in die Irren- 
anstalt H., alles andere habe keinen Zweck. Auf die Frage, warum 
er um Aushändigung der im Fall Gr. ausgesetzten Belohnung an die 
Witwe Th. gebeten habe, äußerte er, man habe ihm gerichtlicherseits 
nahe gelegt, sich über die Verteilung der Belohnung auszusprechen. 
Im übrigen fühlte er sich stets zurückgesetzt und verkannt^, er befinde 
sich hier in einer grausamen Lage, man nehme zu wenig Rücksieht 
auf ihn und achte in ihm nicht genügend den Menschen. Mehrmals 
war er der Meinung, daß sein Berliner Wirt S. ihn um seinen Koffer 
und die in ihm enthaltenen wertvollen Zeichnungen bringen könnte. 
Trunksucht stellte er stets in Abrede und wollte auch zur Zeit seiner 
Verbrechen immer nüchtern gewesen sein. 

Gegen eine körperliche Untersuchung verhielt sich Dittrich in der 
Segel ablehnend; soweit sie möglich war, ergab sie folgendes Re- 
sultat: Sein Schädel, an welchem Narben nicht zu bemerken waren, 
hatte annähernd normale Maße, der Querdurchmesser desselben war viel- 
leicht etwas verkürzt. Die Pupillen reagierten gut und ausgiebig, die 



22 11. Nerlich 

Gesichtshälften erwiesen sich ungleichmäßig innerviert. Die Knie- 
scheibensehnenreflexe ebenso wie die Schmerzempfindlichkeit schienen 
leicht erhöht zu sein. Der Gang war sicher. Krankhafte Verände- 
rungen der Brust- und Bauchorgane ließen sich nicht nachweisen. 
Am kleinen Finger der rechten Hand befand sich eine leicht gerötete 
Schnittnarbe, welche beim Attentat auf die Frau Seh. entstanden sein 
sollte; eine ähnliche Narbe war auch an dem Kleinfingerballen der 
linken Hand vorhanden. 

Am 23. August 1906 wurde Dittrich nach beendeter Beobachtung 
in das Untersuchungsgefängnis zu Dresden zurückgeholt, nachdem 
folgendes Gutachten über ihn erstattet war: 

Dittrich erscheint, da er von einem trunksüchtigen Vater und 
einer geistesschwachen Mutter abstammt und sich auch unter seinen 
Geschwistern geistig abnorme Individuen vorfinden, zur Seelenstörung 
disponiert. Und in Wirklichkeit leidet er auch an einer ausgespro- 
chenen Geisteskrankheit, welche mit ihren Wurzeln bis in die Jugend- 
zeit zurückreicht, zunächst aber noch latent bleibt, um schließlich im 
Jahre 1896 unter dem Einfluß der Strafhaft, welche erfahrungsgemäß 
das Auftreten von Seelenstörungen begünstigt, eine wesentliche Ver- 
schlimmerung zu erfahren. 

Diese Geisteskrankheit äußert sich einmal durch einen nicht un- 
erheblichen intellektuellen Schwachsinn; gilt doch Dittrich schon einem 
seiner Lehrer als ein nur mittelmäßig befähigter Schüler. Nun wird 
zwar Dittrich vom Kriminalkommissar W. als ein außerordentlich scharf- 
sinniger, mit treffendem Urteil begabter Mensch bezeichnet, indes kommen 
ihm diese Eigenschaften keineswegs zu; Dittrich besitzt nur ein ge- 
wisses Maß von Schlauheit und Pfiffigkeit, wie es bestimmten Kater 
gorien von Irren eigentümlich ist. Wäre Dittrich wirklich mit großem 
Scharfsinn begabt, so würde er sich nicht durch die Augsicht, viel- 
leicht in der Irrenanstalt H. untergebracht zu werden, zur Ablegung 
seiner Geständnisse in den Fällen Gr. und Seh. haben verleiten lassen; 
er mußte sich sagen, daß seines Bleibens in H. dann, wenn er als 
geisteskrank begutachtet war — und das war doch zugestandener- 
maßen sein Verlangen — nicht sein konnte, daß er dem unterstützungs- 
pflichtigen Ortsarmenverbande Dresden zur weiteren Fürsorge würde 
überwiesen werden, und daß ihm dann wiederum die Versorgung in 
dem gefürchteten Waldheim drohte. 

Seine geistige Schwäche gibt sich femer in der Art und Weise 
kund, wie er auf die Leichtgläubigkeit der Gerichtspersonen spekuliert, 
die er glauben zu machen sucht, daß er seine Fahrrad- und Ein- 
bruchsdiebstähle nur deswegen begangen habe, um endlich einmal 



Der Lustmörder Dittnch. 23 

gefaßt und bestraft und so für geistig gesund erklärt zu werden, 
während es doch aktenkundig ist, daß er die Spuren seiner Dieb- 
stähle nach Möglichkeit zu verwischen bestrebt war. Und welcher 
Schwachsinn liegt, nicht darin, daß er seine geistige Gesundheit durch 
Begebung von Verbrechen beweisen will; den Beweis seiner Zurech- 
nungsfähigkeit konnte er doch viel einfacher durch einen geordneten, 
einwandsfreien Lebenswandel führen! 

Für seine geistige Insuffizienz spricht auch die Naivität, mit 
welcher er die im Fall Gr. ausgesetzte Belohnung auf Grund seines 
eigenen Geständnisses für sich in Anspruch nimmt und verwendet 
wissen will. 

Auch sonst erscheint er außerordentlich kritik- und urteilslos, 
welche Eigenschaften ihn zu einer richtigen Erkenntnis seiner eigenen 
Persönlichkeit nicht kommen lassen; in seinem Schriftstück „Re- 
vanche^ schildert er sich als einen im Grunde genommen frommen 
und braven Menschen, welcher auf das Wohl seiner Kirche und das 
armer Witwen bedacht sei, während er doch selbst seinen Beichtvater 
belügt und die Witwe Th. um ihr Lebensglück betrügt; er bewirbt 
sich um eine Anstellung bei der Kriminalpolizei unter Berufung auf 
seine großen Kenntnisse und Erfahrungen, kann aber weiter nichts 
zu seiner Empfehlung anführen, als daß er belletristische Zeitschriften 
und Kriminalromane gelesen und in Gefangenen- und Irrenanstalten 
sich aufgehalten hat 

Hand in Hand mit dieser Schwäche auf intellektuellem Gebiet 
gehen bei Dittnch nun aber auch Defekte auf moralisch-ethischem 
Gebiet Er ist von Jugend auf Onanist, begeht Sodomie, wird Zu- 
hälter, gerät seit seinem 15. Lebensjahr unaufhörlich mit dem Straf- 
gesetze in Konflikt, zeigt sich haltlos, wechselt grundlos seine Stel- 
lungen und gerät, wiewohl ihm regelmäßig bei seinen Entlassungen 
aus den Anstalten Geldmittel, welche ihn vor der ersten Not zu 
schützen imstande waren, überwiesen wurden, doch sofort immer wie- 
der auf Abwege. Zudem besitzt er einen unbezähmbaren Hang zur 
Lüge, welcher durchaus pathologischer Natur ist. Niemals bleibt er 
bei der Wahrheit; wenn er beispielsweise behauptet, kürzlich einen 
großen Schatz auf einem Friedhof in Berlin vergraben zu haben, so 
ist diese Behauptung schon um deswillen unwahr, weil er gerade von 
Berlin aus infolge Geldmangels an den katholischen Pfarrer in H. 
Bettelbriefe gerichtet hat Er verwickelt sich auch sonst fortwährend 
in Widersprüche, heuchelt Gerichtspersonen, Ärzten und Geistlichen 
gegenüber ganz entsetzlich und schildert Vorgänge in seinem Leben, 
welche sich niemals abgespielt haben können, auf phantastische Weise. 



24 II. Neruch 

Daneben läßt er eine außerordentlich weitgehende Abstumpfung 
des Gefühls wahrnehmen. Wiewohl er großes Verständnis für die 
Tierseele zu besitzen vorgibt, behandelt er doch ein kleines Hündchen 
seiner Schwester auf ganz brutale Art ; er ist gemütsroh, erzählt von 
seinen Schandtaten mit derselben Ruhe, wie wenn er ein Hühnchen 
rupft, und empfindet, wenn er auch manchmal den Eindruck des 
Gegenteils hervorzurufen sucht, doch über seine Verbrechen auch 
nicht die geringste Reue, wie er denn auch hier, wo ihm seine scheuß- 
lichen Taten wiederholt vorgehalten worden sind, trotzdem fast immer 
heiter und guter Dinge blieb und bei seinen körperlichen Untersuchung 
gen sogar in lautes LÄchen ausbrach. Andererseits erscheint er jedoch 
zeitweise auch recht verstimmt und gereizt, eine Stimmung, welche be- 
sonders dann zum Vorschein kam, wenn er von den Ärzten exploriert 
wurde oder zu viel ausgesagt zu haben memte. Seine leichte Erregbar- 
keit kommt sodann auch in seinem krankhaft gesteigerten Geschlechts- 
trieb zum Ausdruck. Kaum hat er die (vielleicht schon tote) Privata O. 
geschlechtlich mißbraucht, da begibt er sich auch schon zu einer Pro- 
stituierten, um auch mit dieser den Beischlaf zu vollziehen, und mit 
der Witwe Th. verkehrt er innerhalb weniger Tage geschlechtlich so 
intensiv, wie es ein normaler Mensch niemals tun würde. 

Neben diesem intellektuellen und moralischen Schwachsinn, dem 
Hang zur Lüge, der Gefühlsrohheit, der Reizbarkeit und dem patho- 
logisch gesteigerten Geschlechtstrieb lasse sich nun bei Dittrich außer- 
dem Beeinträchtigungs- und Größenideen nachweisen, welche zum 
ersten Mal im Zuchthause zu W. vor ungefähr 10 Jahren aufgetreten 
und seitdem nicht mehr geschwunden sind. Man könnte ja vielleicht 
annehmen, daß Dittrich diese Ideen, um den Eindruck geistiger Stö- 
rung hervorzurufen, nur vortäuscht. Das ist jedoch keineswegs der 
Fall; vielmehr hat Dittrich diese falschen Vorstellungen nur dann ver- 
schwiegen, wenn es sich um seine Entlassung aus den Anstalten han- 
delte, er hat sie aber selbst in Zeiten, wo er von einem Vortäuschen 
sich gar keinen Vorteil versprechen konnte, zu Gehör gebracht* Auch 
diese Wahnvorstellungen tragen den Charakter der geistigen Schwäche 
an sich. Wiewohl Dittrich sich sagen muß, daß er sich durch seine 
Verbrechen das Mitleid seiner Mitmenschen verscherzt hat, fühlt er 
sich doch überall zurückgesetzt und verkannt und beklagt sich über 
grausame Behandlung und ungenügende Beachtung. Immer und 
immer wieder kommt er auf seine Zeichnungen, um deren Früchte 
ihn sein ehemaliger Wirt S. in Berlin betrügen könnte, zurück, un- 
aufhörlich spielt er sich als Erfinder komplizierter Apparate (wie 
Unterseebot, spielende Trommel usw.) auf, und das alles, obgleich er 



Der Lustmörder Dittrich. 26 

auf Vorhalt selbst zugeben muß, daß er über die Anfangsgründe in 
Physik und Chemie nicht hinausgekommen ist 

Alle die vorgenannten Krankheitserscheinungen charakterisieren 
die geistige Störung Dittrichs als sogenanntes Entartungsirresein. Als 
Ausfluß dieser Geisteskrankheit müssen auch die Verbrechen sexueller 
Natur angesehen werden, welche Dittrich seiner Versicherung nach 
unter dem Einfluß eines unwiderstehlichen Zwanges begangen hat 
Dittrichs eigenen Angaben hierüber wird man bei seiner notorischen 
Verlogenheit natürlich vj^it größtem Mißtrauen begegnen müssen. Indes 
ist doch unzweifelhaft sicher festgestellt, daß sich Dittrich im O.-Fall 
vor und nach der Tat in einem Zustand größerer Ruhelosigkeit und 
Aufregung befunden hat, und daß er überhaupt ein außerordentlich reiz- 
barer und in sexueller Beziehung leicht erregbarer Mensch ist Daher 
ist es auch durchaus wahrscheinlich, daß er, wenn er auf einsamem 
Wege mit einer einzelnen Frauensperson zusammentrifft, in einen Zu- 
stand immer mehr zunehmender Aufregung hineingerät, bis er schließ- 
lich seiner Sinne nicht mehr mächtig ist; ein normaler Mensch wird 
verkehrte sexuelle Handlungen zu unterdrücken imstande sein, Ditt- 
rich aber ist, wie zuvor ausgeführt worden ist, ein von früher Jugend 
her geisteskrankes Individuum, dessen Hemmungszentren im Gehirn 
annehmbar verkümmert sind, so daß er sich, wie es im Fall 0. ge- 
schah, nicht zu beherrschen und zu bemeistem vermag. 

Wenn nun aber Dittrich weiter behauptet, daß sich seine Auf- 
regang mitunter bis zur völligen Bewußtlosigkeit steigere, so muß diese 
Angabe Zweifel begegnen. Im P.-Falle wenigstens ist er zwar hoch- 
gradig aufgeregt, aber doch nicht bewußtlos gewesen, worauf seine 
Worte: „er steht nicht mehr, bei Ihnen paßt er überhaupt nicht hin- 
ein"^, hindeuten; immerhin beweist aber auch dieser Fall den patho- 
logischen Charakter Dittrichs, weil hier an die Stelle eines geschlecht- 
lichen Aktes ein solcher brutaler Boheit und Gewalt getreten ist, weil 
allem Anscheine nach die geschlechtliche Befriedigung auf sogenannte 
sadistische Weise erfolgte. 

Allein nichts destoweniger kann für andere Fälle die Möglichkeit, 
daß Dittrich zur Zeit der Tat bewußlos gewesen ist, nicht mit abso- 
luter Sicherheit in Abrede gestellt werden, um so weniger als er in 
der Irrenanstalt W. im Jahre 1901 mehrere Ohnmachtsanfälle gehabt 
habe, bei denen es sich vielleicht um Zustände epileptiformer Natur 
handelte. 

Zum Schluß möchte ich mir noch eine kurze Bemerkung zu den 
Fallen Gr. und Seh., deren Dittrich sich bezichtigt hat, deren Akten 
mir aber nicht vorgelegen haben, erlauben. Ist es wirklich über allen 



26 II. Nerlich 

Zweifel erhaben, daß Dittrich hier der Täter war, so würde auch 
die mehrfache Wiederholung, die Häufung ein und desselben scheuß- 
lichen Verbrechens, ihn als einen schwer geisteskranken Menschen 
kennzeichnen (vgl. Handbuch der gerichtlichen Psychiatrie von Ho che 
1901. S. 499), 

Dittrich leidet somit an einer ausgesprochenen, mit intellektuellem 
und moralischem Schwachsinn, gemütlicher Abstumpfung, erhöhter 
Reizbarkeit, Beeinträchtigungs- und Größenideen, gesteigertem Ge- 
schlechtstrieb und Neigung zu verkehrten Hanj^lungen sexueller Natur 
einhergehenden Geisteskrankheit. Diese Seelenstörung reicht mit ihren 
Wurzeln bis in die Jugendzeit zurück, hat vor ca. 10 Jahren unter 
dem Einfluß der Strafhaft eine Verschlimmerung erfahren und zu einer 
Genesung niemals geführt. Demnach hat sich Dittrich zur Zeit des 
an der Privata 0. im Oktober 1905 verübten Verbrechens in einem 
Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden, welcher 
seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen hat. 

Auf Grund dieses Gutachtens wurde in Sachen der Privata 0. 
aus D. das Verfahren gegen Dittrich eingestellt; ebensowenig kam es 
zu einer Verhandlung der beiden, die lYauen Gr. und Seh. in E. be- 
treffenden Fälle, da auch die Berliner Staatsanwaltschaft unter An- 
erkennung des Gutachtens Dittrich außer Verfolgung setzte. Dittrich 
wurde dem Ortsarmenverbande Dresden zu weiterer Fürsorge übergeben 
und schließlich am 17. Oktober 1906 in die hiesige Landesanstalt für 
Geisteskranke aufgenommen. Sein gegenwärtiges Verhalten gibt keinen 
Anlaß, an dem über ihn erstatteten Gutachten etwas zu ändern. 



.111. 

Vernichtung der Verbrechensspuren als Begünstigung 

Von 
Landgorichtsdirektor Rotering- Magdeburg. 



In jenen Tagen, in welchen die Staatsgewalt noch wenig befestigt 
war und ihr eine nichts weniger als allgegenwärtige Polizei zur Ver- 
fügung stand, waren Rechtsfrieden und Rechtsordnung nur dann zu 
wahren, wenn die Volksgenossen durch eine sozusagen quasipolizeiliche 
Tätigkeit diejenigen Funktionen übernahmen, welche in Zeiten der 
gereiften Staatsidee als Aufgabe der staatlichen Organe betrachtet werden. 
Wenn aber der Kampf gegen das Verbrechen als das unabweisbare 
Postulat der Friedensbewahrung erscheint, so tritt in der Karolinger- 
zeit uns auch die Erscheinung entgegen, daß dieser Kampf von allen 
Rechtsgenossen aufgenommen ist, welche am öffentlichen Leben teil 
zunehmen überhaupt nur befähigt waren. Allein dieses der Gegen- 
wart wenig bekannte Rechtsphänomen wurzelte in einer Verpflichtung, 
welche im Wechsel der Zeiten in einem eidlichen Gelöbnisse ihre Be- 
kräftigung empfing. Denn schon in der Merovingerzeit wurde dem 
seine Herrschaft antretenden Landesherrn der Treueid geleistet, im 
Jjüire 802 hatte der Kaiser im Hinblick auf seine Krönung die Er- 
neuerung des Eides besonders reskribiert. Und die Untertanen bis zum 
zwölften Lebensjahre leisteten diesen Eid in die Hand der Königs- 
boten. Es war damals dem Eide eine umfassendere Norm gegeben, als 
bisher: niemand solle Feinde ins Land führen, niemand die Untreue 
unterstützen, niemand solche verschweigen. ^) Als Untreue gegen den 
König galt auch das Verbrechen des Raubes als intensiven Angriffs 
auf die persönliche Rechtssicherheit und der grundsätzlichen Oppo- 
sition gegen die Besitzesordnung jener Kulturperiode. Deshalb war 

l)Waitz. Deutsche Vcrf.-Geschichte III, 3. Kap. 802, 2, et ne aliquem 
uimicom in suum regnum causA inimicitiae inducat et ne alicui infidelitate illius 
- retaceat 



28 III. ROTERING 

die Anzeigepflicht hier besonders angeordnet sine exceptionealicuius per- 
sonae. *) Auch Verbrechen gegen die Forsten wollte die karolingische 
Gesetzgebung nicht ungesühnt lassen 2) und verwies dieselbe hinsicht- 
lich der allgemeinen Bürgerpflicht auch hier wieder auf den ein für 
allemal dem Könige geleisteten Eid der Treue, in ea fidelitate, quam 
nobis promiserunt, — nullus hoc celare audeat Und derselbe Eid 
wurde wiederholt von jedem gefordert, welcher der Untreue ver- 
dächtig war. Ja das Kap. 853 ließ die Anzeigepflicht in der Fassung 
in die Eidesformel übernehmen, quem scio, qui nunc latro aut schacha- 
tor est — non celabo. Inzwischen hatte sich in Anlehnung an das 
Amt der Missi dominici das Rügeverfahren ausgebildet, vereidigte 
Rügegeschworene hatten den Königsboten auf ergehende Anfrage auch 
die ihnen bekannt gewordenen Verbrechen zu melden. Denn es galt als 
die allgemeine Treupflicht, zur Ermittelung der Wahrheit dem Könige 
die Hülfe nicht zu verweigern. Allein noch im Laufe des Jahr- 
hunderts mit den mangelhaft publizierten Kapitularien geriet dasselbe 
Rügeverfahren wieder in Vergessenheit. Partikularrechtlich nur haben 
sich Rügegerichte^ welche mit den ländlichen Dinggenossen, den Heim- 
burgen mindestens oder Bauermeistem besetzt waren, lange erhalten, in 
Oberbayem war die allgemeine Rügepflicht noch bis 1346 das geltende 
Recht 3) Andererseits auch hatten sich in Nachbildung der königs- 
gerichtlichen Einrichtungen die bischöflichen Sendgerichte entwickelt, 
indem Sendzeugen eidlich verpflichtet wurden, dem Bischof als dem 
Sendricbter auf der Visitationsreise, später den ihn vertretenden Erz- 
priestem auf jedem Send die zur Zuständigkeit des Sends gehörigen 
kirchlichen Vergehen zu rügen. Und diese Gerichte, aus denen sich 
die ständige bischöfliche Gerichtsbarkeit entwickelte, bestanden immer- 
hin so lange, daß noch ihre Fühlung mit den Femgerichten erkenn- 
bar erscheint.^) Denn auch die Freischöffen hatten die Rügepflicht, 
sobald nur ein Deliktstatbestand bekannt wurde ^ welcher als Fem- 
frage aufscheinen mochte. Wohl nicht mit Unrecht wird dafür er- 
achtet, daß die Sendschöffen gleichzeitig auch Wissende gewesen 
seien. ^) Man geht aber wohl kaum fehl mit der Annahme, daß ge- 
rade diese Rügepflicht in maßloser Ausdehnung dazu beigetragen bat, 



1) Kap. S5d, 4, and S06, 2, qaia qui latro est, et infidelis est noster et 
Francomm. 

2) Kap. 802, 39. 

3) Schröder. Rechtsgeschichte, § 50. Zöpfl. Recht&altertümer I, § 16. 
Brunn er, Grundriß, S. 157. 

4) Schröder. § 49. 

5) Walter. Rechtsgeschichte, § 632. 



Vernichtung der Verbrechensspuren als Begünstigung. 29 

die Abneigung gegen die Sondergerichte zu verstärken, welche bis 
über die Schwelle des Mittelalters hinaus das Surrogat waren für 
eine straffe, dem Faust- und Fehderecht immer noch gewachsene 
landesherrliche Gerichtsgewalt, welches von roter Erde aus der Ge- 
rechtigkeit ihren Lauf verschaffte. 

So mußte zum dritten Male die Rügepflicht der Volksgenossen einer 
sonst verkümmernden Rechtspflege als Stütze dienen, so war sieben 
Jahrhunderte hindurch die Staatsgewalt nicht hinreichend erstarkt, um 
dieser Unterstützung von unten her entraten zu können Allein zu 
einer allgemeinen Denuntiationspflicht ist die Rechtsentwicklung auf 
dieser sich abwärts neigenden Ebene nicht gediehen. Diese wider- 
sprach doch noch dem Biedersinn des deutschen Volkscharakters, sie 
wäre eine exotische Pflanze gewesen auf germanischem Boden. Das 
Delatorenunwesen der römischen Eaiserzeit, die execranda delatorum 
pemicies konnte in den heimischen Gauen nicht erwachsen. Zwar 
das Kaiserrecht II. 19 hat allgemein verkünden dürfen ,,der Kaiser hat 
geboten allen den luten, die in dem riche leben, dasz ein iglich mann 
wa er yeman sieht — übel ding vollfüren, daz er de sal angrifen 
und sal ihn antworten in des Kaisers vinsternisse.^ Allein der über- 
einstimmenden kanonischrechtlichen Anschauung ungeachtet ist dieser 
Rechtsgedanke kein Gesetz. Gleichwohl in beschränkter Tragweite 
hat die Gesetzgebung jene Pflicht doch anerkannt ^) Und zwar dieses 
infolge eines eigentümlichen Phaenomens. Der alte Gedanke, daß 
dem Gemeinwesen von den Untergenossen die Treue verschuldet wird 
und diese Treupflicht der eidlichen Bekräftigung bedarf, wiederholte 
sich im Mittelalter, aber dieses letzte Mal nicht mehr im Hinblick auf 
das Staatswesen im großen vielmehr nur im Hinblick auf die engere 
politische Heimat, die Stadt. Die besondere Bedeutung des Bürger- 
rechts im Geiste jener Zeit führte zu einer Beschränkung dieses Vor- 
zugs auf nur einen Teil der Stadtbewohner, derjenigen nämlich, 
welche mit Weichbildgut angesessen waren oder als Kaufmannschaft 
die Gilde gewonnen, welche als Ministerialen oder außerhalb des Weich- 
bildes wohnende Pfahlbürger die Bürgerschaft erworben hatten. 2) Und 
bei der Aufnahme wurde der Stadt der Bürgereid geleistet, aus diesem 
hinwiederum die Verpflichtung hergeleitet,«*) für das Gemeindewohl 
als wäre es das eigene Hauswesen, in die Bresche zu treten und 

1) Bisweilen auch hinsichtlich der Markgenossen, wenn sie Holzfrevel wahr- 
nehmen. Grimm, Weist. I, 417 und sol ye einer den andern rügen — sonst 
so! ihn der heim burger fumemen. 

2) Schröder. § 51. 

3) Osenbrüggen. Alamannisches St.-R., S. 204. 



30 III. ROTERINO 

wenigstens in den zwingenden Fällen auch die Anzeigepflicht zu über- 
nehmen. So bei Verschwörung, ,,die zu rebellion und aufruhr des 
gemeinen manns dienen möcht, welcher das gewar würd, der ist bi 
seinem eid schuldig, solich straks uns, als der obrigkeid anzuzeigen", 
(Freiburg, St.R. 1520). Auch die Tiroler Landes 0. 9. 17 verordnete, 
daß, welche solche Dinge verschweigen, „allermaasen wie die thäter 
oder anfänger der aufruhr in gleiche straf zu nehmen." Ahnlich 
Worms St.R. 6. 2. 16. falls „unser Stadt gemeinen nutz abgetragen 
und entzogen oder verhalten wirt." Oder es bestand eine Anzeige- 
pflicht für die Mitbewohner des Hauses (Bremen 1433).') Jedenfalls 
galt sie nicht für ehrenhafte Sachen, denn solche Dinge waren ge- 
eignet für „das Abmachen in der Stille." Dazu gehörte nach Um- 
ständen ein Totschlag, aber ein Diebstahl nimmermehr.^) Ja im 
Dithmarschen wurde jede Anzeige bestraft, welche nicht vom Schließer 
oder Eidgeschworenen ausgingt). 

Mag es nun auch als eine AbspUtterung der Anzeigepflicht be- 
trachtet werden, daß jeder Bürger gehalten war, dem Land- oder 
Zetergeschrei sich anzuschheßen, wenn das Gerüfte (mordjo, hilfio, 
feurjo, waffeno) erhoben, das Lärmhom geblasen, die Sturmglocke 
geläutet wurde *) als auch bewaffnet herbeizueilen, als testis rogatus für 
die handhafte Tat dem Richter zu dienen, es war andrerseits die natur- 
notwendige Folge des Inquisitionsverfahrens, daß die Rügepflicht der 
Volksgenossen zurücktreten mußte. Und so hat denn ein späteres 
Landesstrafrecht nur in singulären Fällen den Strafprozeß auf einer 
solchen Rechtsbasis noch aufgebaut. Etwa für delicta atrociora, für 
Brandstiftung, für Hoch- oder Landesverrat, Münzfälschung, Gottes- 
lästerung ist die Rügepflicht noch angeordnet; ein weitergehender 
Zwang war nicht gestattet,^) „wan davon großer unwill und hasz 
under den leuten gewesen ist." ^) 

IL 

Mannigfache Umstände sind es, welche das Staatsleben der 

Gegenwart der Mitwirkung der Untergenossen in der Strafrechtspflege 

wenigstens entraten lassen. Denn was die Gegenwart gewährt, ist 

der Friede, „der geordnete und gesicherte Zustand unter der Herr- 



1) John. Norddeutsches Strafrecht, S. 244 u. f. 

2) Osenbrüggen. S. 205. 

3) John. 1. c Geib, Lehrbuch II, S. 390 u. f. 

4) Grimm. Rechtsaltertümer, S. 876. 

5) Köstlin. System, S. 269, Homellii prompt I, S. 467. 

6) Bayrisches LAndi-echt, 266. 



Vernichtung der Verbrechensspuren als Begünstigung. ' 31 

Schaft des Rechts." Einst aber pries man die Zeiten, in welchen der 
Friede herrschte, pries man den König, welchem es vergönnt war, 
ihn zu verbürgen, und in den Volksrechten werden jene Tage be- 
sonders vermerkt, quando pax parva est in provincia. 

Aber mit der Entwickelung der Landeshoheit wurde auch die 
Gerichtsgewalt eine gefestigte, unter der Signatur der kanonischrecht- 
licben Inquisitionsmaxime ist das prozessualische Verfahren umge- 
gestaltet in andere Formen, einst der absolute Fürstenabsolutismus, 
in unseren Tagen die Allgegenwart des Königs durch die überall 
vertretene Polizei überhebt die staatliche Machtbewährung einer 
jeden Nachhülfe, welche von unten her sich aufdrängen könnte. 
Strafanzeigen sind zwar noch Hülfsmittel strafrechtlicher Verfolgung^ 
aber es ist ein gerüttelt und geschüttelt Maß, mit welchem sie an die 
Behörde herantreten, sie muß mit Mühe nur sich ihrer erwehren. Das 
Prinzip gilt allgemein, der Private braucht die Strafrechtspflege 
nicht zu unterstützen, er sei denn als Beamter dazu berufen, als testis 
rogatus dazu beordert Selbst § 139 St.G.B. trifft nur die Anzeige- 
pflicht der erst noch geplanten Delikte. 2) 

Dieser grundsätzlichen Anschauung entsprechend ist denn auch 
niemand verpflichtet, zwecks Erleichterung der Strafverfolgung die 
Spuren des begangenen Verbrechens intakt zu erhalten. Und hinsicht- 
lich dieser Spuren kommen insbesondere solche in Betracht, welche sich, 
sei es in geschlossenen Räumen, sei es im Wald, auf freiem Felde oder 
des Reichs Straße als die Spuren eines Kampfes, eines Angriffs auf 
die körperliche Integrität oder den Besitz, Blut- oder Fußspuren, 
Körperabdrücke, Eindrücke der Brechwerkzeuge, Zinken oder andere 
an tauglichen Orten festgelegte Bilderschriftzeichen, 3) überhaupt als 
Spuren von der Anwesenheit des Verbrechers vorzufinden pflegen. 
Die positive Gesetzgebung hat es bis jetzt unterlassen, den inquirieren- 
den Beamten zu bevollmächtigen, um solche Spuren ganz und gar 
mtakt bis zum endlichen Rechtstage zu erhalten, eine Sachbeschädigung 
vorzunehmen,^) etwa einen Teil des Fußbodens aussägen, ein Stück 
der Tapete abreißen, den Baumstumpf abhauen zu lassen. Die pro- 
zessuale Benutzung der Wahrnehmungsobjekte kann immer nur salva 
rei substantia statthaben, obgleich die Praxis damit nicht auskommt, ^) 
die verfassungsmäßige Gewährleistung des Eigentums nicht berück- 

1) lex Alam. H. 36. 

2) Kohl er. Studien I, S. 45 u f. 

3) Zigeonerzeichen. Groß. Erforechong des Sachverhalts, S. 51. 

4) Bennecke-Beling. Lehrb. d. St-P., S. 336. 

a) Groß. Erforschung des Sachverhalts, S. 92 u. f. 



32 III. ROTERIKO 

sichtigt Allein der Erfabrungssatz: die Vernunft ist in der Minorität, 
trifft hier nicht zu, die Opposition vom Volke heraus ist eine so 
seltene, daß die Gesetzgebung es vermieden bat^ auf deren Möglichkeit 
nur hinzuweisen. Die Autorität des Beamten macht vieles wett. 

Es ergibt sich sonach, daß niemand verpflichtet ist, im Interesse 
der strafrechtlichen Untersuchung eine positive Handlung vorzunehmen, 
welche bezweckt, jene Spuren auf eine relativ lange Dauer der Wahr- 
nehmung und Verwertung für den Aufklärungsdienst festzulegen, etwa 
einen Raum zu schließen, die maßgebliche Stelle auf seinem Acker- 
felde zu überdachen, mindestens abzusperren, die Zerstörung der Yer- 
brecherzinken ^) zu verhindern. Es besteht keine eine solche Bechts- 
pflicht auch für den Nichtbeamten begründende normative Vorschrift 

Gegenteils die Benutzung solcher Bäumlichkeiten mit dem Erfolge 
der Vernichtung der Verbrechenspuren, wie eine solche als wirtschaft- 
liche Maßnahme in der Einzelwirtschaft nicht selten geboten ist, die 
Beackerung der Unfallstelle, das Scheuern des Wohnraumes, die Re- 
paratur von Tür und Fenster, das Überfahren der auf dem Privat- 
wege sich zeigenden Fußspuren sind eine strafbare Begünstigung mit 
nichten. Denn niemand darf zur Unterstützung des Richters berufen 
werden als unter der Signatur der zwingenden prozessualischen 
Vorschrift 

Gleichwohl eine kleine Wendung der Dinge ändert die Situation. 
Sobald solche Maßnahmen erfolgen in der Zweckabsicht, dem Delin- 
quenten Beistand zu leisten, um ihn der Bestrafung zu entziehen, 
bilden sie die Rechtsbasis der Begünstigung. Nicht immer, 2) wenn auch 
zumeist, sind die Begünstigungsakte an sich, von der sie begleitenden 
Absicht abgesehen, rechtswidriges Gebaren. Die Beförderung der 
Auswanderung, Beherbergung zur Nachtzeit sind solches nicht. So 
tritt das erlaubte Verhalten durch die Begleitumstände auf der sub- 
jektiven Seite der Tat in den Schatten des Strafrechts. Es entspricht 
das der zivilrechtlichen Auffassung im Sinne des Schikaneverbots 
§ 226 B.G.B. Es darf durch an sich erlaubtes Tun nicht absichtlich 
die Staatsaufgabe der Verbrechensausgleichung erschwert, nicht das 
subjektive Recht des Staats auf Ausübung der Strafklage oder sein 
Rechtsanspruch auf Strafe vereitelt werden. Denn nachdem nun ein- 
mal im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Staat die Verwal- 
tung des Strafrechts unter Verzicht auf Mitwirkung des Verletzten . 
übernommen hat, darf er keineswegs seine Ansprüche preisgeben. 



1) Groß. S. 41, 47 u. f. 

21 Finger. Lehrb. I, S. 265. 



Vernichtung der Verbrechensspuren als Begünstigung. 38 

Aas einer solchen Preisgebung würde das Gefühl der negativen Eechts- 
sicherheit im Volke resultieren , das Bewußtsein von der Schwäche 
der Gerichtsgewalt aber führt zur femgerichtlichen Sonderbildung, 
wenn nicht gar zur Privat- oder BlutracheJ) 

III. 

Auf der subjektiven Seite der Tat hat nun die Textierung des 
§ 257 StG.B. durch das ^um — zu" die Zweckabsicht zum Postulat 
erhoben. Die Zielstrebigkeit des Willens muß ihre Spitze kehren 
gegen die strafrechtliche Repression. ^) Es genügt nicht, daß die Ver- 
eitelung dieser die notwendige Folge der wirtschaftlichen Maßnahme 
ist Es genügt indessen, wenn der Wunsch, jenen Erfolg zu erreichen, 
nur als treibendes Motiv, wenn auch nicht ^) als alleiniger Beweggrund 
erkennbar erscheint Denn zu unserem Handeln motivieren sehr oft 
nicht einzelne, vielmehr mehrere, viele als der Gegenstand des Wunsches 
vorgestellte Erfolge, nicht selten Beize, welche nicht einmal zum 
vöUigen Bewußtsein sich durchzuringen vermögen, vielmehr schon 
unter der Schwelle des Bewußtseins der inneren Wahrnehmung ent- 
schwinden, mindestens dem Bewußtsein nicht hinreichend nahe treten, 
um im Drange des Lebens durch das Gedächtnis fixiert werden zu 
können. Fungiert aber die inkriminierte Handlung als das Mittel, 
dies^ wenn auch keineswegs bloß^) diesen Zweck zu erreichen, so 
ist dem in dem „um — zu^ sich ausprägenden Postulate Genüge ge- 
tan. Sonach schließt der glaubhafte Einwand des Täters, er habe 
sich anch der wirtschaftlichen Benutzung seines Eigentums nicht ent- 
schlagen können, den Vorsatz als die Zweckabsicht des § 257 StG.B. 
noch keineswegs aus. 

IV. 

Die Vmge femer, von welchem Zeitpunkte an die Vernichtung 
der Verbrechensspuren als möglicherweise strafbar zu erachten, läßt 
sidi nicht allgemein, vielmehr nur von Fall zu Fall beantworten. 
JedenbJls ist die bloße unbestimmte Möglichkeit, daß gewisse Ver- 
änderungen in der Außenwelt auf ein begangenes Verbrechen hin- 
weisen, kein Verpflichtungsgrund für eine nähere Prüfung der Rechts- 
lage. ^) Es ist anerkannten Bechtens, daß Rücksicht auf die entfernte 



1) Loening. Grundriß, S. TS, 75. 

2) Lucas. Verschaldung, S. 33, 13, 47. Bosch. Gefahr, S. 53 u. f. 
'3) Frank. Kommentar, § 59, II. Olshaasen. Komm., § 257 u. 35. 

]• inger. Lehrb., S. 121. 

4) Lucas. 1. c. 

5) Ziebarth. Forstrecht, S. 4SS. 
Aiekir Ar Kiifflioalanthropologie. XXVI. 3 



34 III. ROTERING 

Möglichkeit einer Gefährdung von Rechtsgütem nns nicht zwingt, das 
anscheinend harmlose Tun zu unterlassen, das Gegenteil wäre das 
Gebot der völligen Untätigkeit. Vielmehr kann eine Vereitelung der 
strafrechtlichen Ausgleichung erst statthaben mit Bücksicht auf die 
begonnene oder die gegenwärtig schon drohende Untersuchung. Es 
entscheidet auch hier das Prinzip der Verhältnismäßigkeit ^ Je 
schwerer das wahrscheinlich begangene Verbrechen ist, um so eher 
sind Opfer zu bringen, um so sicherer ist es auch, daß der Staat ein- 
schreiten wird. Ohne eine gewisse Wahrscheinlichkeit der hinreichen- 
den Veranlassung — des Deliktstatbestandes — ist eine prozessualische 
Maßregel überhaupt nicht von Nöten. 

Auch nach anderer Richtung hin hat die Reflexion sich zu er- 
strecken. Wie lange nämlich hat der Besitzer einer Eäumlichkeit sich 
des Eingriffs zu enthalten, welcher ohne Vernichtung der Verbrechens- 
spuren nicht durchgeführt wird? Es entscheidet lediglich das pro- 
zessualische Bedürfnis. Mit der Verfahrenseinstellung, in der Regel 
mit dem Geständnisse oder dem Abschlüsse der Untersuchung wird 
dasselbe entfallen, der Besitzer kann auch glauben, auf das Beweis- 
mittel werde nicht mehr reflektiert, nachdem die Behörde einen ent- 
sprechenden Zeitraum hat unbenutzt vergehen lassen. Der Zweckab 
sieht des § 257 St.G.B. wird damit die Rechtsbasis entzogen, eine Be- 
günstigung entfällt Den Folgen eines eventuellen Vorsatzes in der 
Ausgestaltung der Zweckabsicht 2) entgeht der Täter leicht durch eine 
Anfrage bei der Behörde selbst. 

V. 

Besondere Rechtsverhältnisse schließlich treten dann ein, wenn 
eine Aufforderung, 3) die Verbrechensspuren zu erhalten, von der Be- 
hörde selbst ausging. Ist dies geschehen, so wird der Einwand, das 
Bestehen eines Beweisinteresses auf Seiten der Untersuchungsinstajiz 
sei nicht mehr unterstellt, in der Regel erschüttert, bis ein entsprechen- 
der Bescheid ergangen ist Von besonderem Interesse aber ist die 
Entscheidung der ferneren Frage, ob eine solche Aufforderung unter 
Hinweis auf § 137 StG.B. mithin als förmliche Beschlagnahme eines 
Teils der unbeweglichen Sache überhaupt ergehen darf? 

Unzweifelhaft beziehen sich § 94 Abs. 2 und 95 St.P.O. auf her- 
auszugebende oder vorzulegende, also bewegliche Gegenstände, An- 
dererseits hebt § 94 Abs. 1 als die Formen der Beschlagnahmedurcb- 

1) B.G.B. § 228, 904, 633—655. Gcw.O. 105f. StG.B. § 302a. 

2) Lucas. S. 13. 
8) Ziebarth. 1. c. S. 489. 



Vernichtung der Verforechensspuren als Begünstigung. 3& 

fabroDg nicht allein das in Verwahrung nehmen — sondern auch die 
in anderer Weise erfolgende Sicherstellung hervor. Nun ist aber un- 
bedenklich zur Ausführung der nach §^102 statthaften Durchsuchung 
der Wohnung und anderer Bäume in vielen Fällen wenigstens die 
Beschlagnahme als Aufrechterhaltung des Status quo die unumgäng- 
liehe Voraussetzung, so wenn bei der Frequenz des zugänglichen 
Ortes oder weil die Durchsuchung bei Abwesenheit der Zeugen nicht 
sofort erfolgen kann, die Vernichtung der Verbrechensspuren durch 
Menschen oder Naturereignis inzwischen zu befürchten ist. Das Ge- 
setz gestattet aber eine Durchsuchung aller Räume ohne Ausnahme, 
indem § 104 nur „die Wohnung, die Geschäftsräume und das be- 
friedete Besitztum^, also die unter der Signatur des Hausfriedens 
stehenden Bäume gegen eine übernachtete prozessualische Maßnahme 
schützt. Andere freie Räume, Feld, Wiese, Wald und Heide genießen 
also eines besonderen Schutzes nicht Sie sind aber Gegenstand der 
Dorcbsuchung ^) und daher um so mehr auch der Beschlagnahme, *) 
als gerade diese einer unbeschränkten Einwirkung von Seiten der 
Menschen, Tiere oder der Naturkraft ausgesetzt sind. Und damit 
werden so oft besondere Maßnahmen erforderlich, um die Spuren zu 
sichern, welche eine vorgehende Straftat hinterlassen hat 

Was nun schließlich die Strafbarkeit der Beseitigung von Ver- 
brechensspuren anbetrifft, so ist in der bestehenden Gesetzgebung ein 
durchgreifender Schutz dieser Beweismittel nicht vorgesehen. Beacht- 
lich ist die beschränkte Strafbarkeit der sogenannten echten Be- 
günstigung. Sie entfält zunächst da gerade, wo die Nezessitierung 
(nr dieses Delikt am meisten in die Erscheinung tritt, wo nämlich 
Angehörige es sind, welche das Vordelikt ausgeführt haben. Sie ent- 
ßllt, wenn dieses Delikt eine bloße Übertretung ist oder infolge tat- 
sächlichen Irrtums für eine solche gehalten wird. ^) Sie entfällt femer, 
wain dieser Irrtum sich bezieht auf einen Strafausschließungsgrund % 
oder generell, wenn die Zweckabsicht der Vereitelung der strafgericht- 
lichen Repression nur nicht nachweisbar ist Sie soll auch da nicht 
gegeben sein, wo der Begünstiger Teilnehmer am Vordelikt ist^), 
mindestens dann nicht, wenn die Begünstigung gleichzeitig als Selbst- 
b^nstigung erscheinen müßte. 



1) Benneckc-Beling. S. 173, Note. 

2) V. Kries, Lehrb., S. 295, 284. Ziebarth, S. 488. 

3) Olshauscn. Korn. § 257. Note 25. 

4) Olshauscn. Note 22. 

5) Kohler. Studien I, S. 118. Hälschner. St.-R. III, S. 882. Frank. 
} 2o7, Note 4. 

3* 



36 111. ROTERING 

In beschränkter Tragweile ist allerdings die Anwendung des § 1 37 
St.G.B. dazu berufen, diese Lücken auszufüllen. Eine Beschlagnahme 
setzt aber zunächst ein nicht bloQ an die Einzelperson gerichtetes Er- 
suchen voraus, vielmehr eine objektiv und generell wirksame Sperre, 
wie eine solche durch Hinweis auf die Strafe des Gesetzes wirksam 
erfolgt. Solchen Falles ist die Beseitigung von Grundstücksbestand- 
teilen, blutbefleckten Steinen oder Erdschollen wohl eine Entziehung 
im Sinne des § 137 St.G.B. Auch das bloße Entfernen von Blut- 
flecken, Verändern eines Baumstumpfes kann den Deliktstatbestand er- 
füllen aber nur dann, wenn mit demselben bezweckt wird, die Identi- 
fizierung der als Beweismittel dienenden Gegenstände für den Be- 
amten unmöglich zu machen. In der alleinigen Veränderung eines 
Beweismittels als solchen ist aber ein auch nur teilweises Entzieben 
eines Beschlagnahme-Objekts nicht zu finden.^) 

So hat die bestehende Prozeßgesetzgebung bislang noch auf eine 
umfassende Sicherstellung jener Beweismittel verzichtet Es ist kaum 
zweifelhaft, daß das loyale Verhalten der nur zu oft für die Aufklärung 
der Rechtslage interessierten Normgebundenen die Klinke der Ge- 
setzgebung noch ruhen zu lassen gestattet hat. 



1) Stenglein. Kom., § 137, Note 15. 



IV. 
Diebstahl aus Aberglauben. 

Von 
Dr. Albert Hellwlg (Berlin-Hermsdorf). 

Über Diebstahl aus abergäubischen Motiven kann ich als Er- 
ganzimg zu meiner ersten Abhandlung über dies Thema hier eine 
betrachtliche Zahl weiterer Materialien veröffentlichen, welche ich 
mittlerweile teils bei fortgesetzten folkloristischen Studien gefunden 
habe, die mir zum Teil aber auch als Antwort auf briefliche Anfragen 
oder in vielen volkskundlichen und kriminalistischen Zeitschriften ge- 
druckte Umfragen von vielen Gelehrten brieflich mitgeteilt sind. 

Die Materialien lassen sich schwer systematisch ordnen, wenn- 
gleich man verschiedene Gruppen unterscheiden kann, je nachdem, 
welchem Zweck die gestohlene Sache dienen soll. 

In überaus vielen Fällen führen volksmedizinisohe Anschau- 
ungen und Prozeduren zu Diebstählen aus Aberglauben. 

In der Provinz Posen, und zwar speziell in der Gemeinde 
Uhlenhof bei Bitschenwalde, herrscht unter den Frauen der Aberglaube; 
eine Wunde könne geheilt werden, wenn sich die Leidende ein intimes 
Kleidungsstück einer Feindin verschafft, dasselbe verbrennt und die 
iVsehe auf die Wunde legt 2) Gegen Anschwellung der Halsdrüsen 

1) Bd. XIX, S. 286-89. 

2) Aufzeichnung des Primaners Hahn zu Bogasen (Posen), mir mitgeteilt 
TOoProfeesor Knoop (Rogasen). — Es könnte vielleicht zweifelhaft erscheinen, 
ob hier die nach § 242 StrGB. erforderliche «rechtswidrige Zueignung^ gegeben 
i«t. Ich mochte das aber ohne Bedenken annehmen, da das Kleidungsstück nicht 
in der Absicht, es zu vernichten weggenommen wird, sondern um es in eine 
andere Form (Asche), überzuführen und dann zu benutzen. Dagegen er- 
scheint es mir zweifelhaft, ob der von Dr. Hans Schneickert in Bd. XVlil 
S. 263 dieses Archivs als „Diebstahl aus Aberglauben'' geschilderte Fall wirklich 
krimmeU strafbarer Diebstahl ist Denn die Frau hatte von Anfang an die Ab- 
sicht, nach beendeter Kur die Pelzstola wieder zurückzubringen oder zu bezahlen» 
Es sdieint mir nur furtum usus vorzuliegen, der aber sehr interessant ist, weit 
eine derartige Ausrede selten geglaubt werden wird. 



38 IV. IIellwio 

kennen die Siebenbürger Sachsen folgendes probates Mittel: Man 
stehle ein Stück Speck, binde es mit einem Fußlappen über Nacht 
um den Hals und hänge den Verband am nächsten Tage an einen 
Baum und spreche: „Baum, du hast viele Knoten, nimm mir weg auch 
meine Knoten.** Ein ähnliches Mittel wendet man in Schlesien, 
speziell in Patschkau und Umgebung gegen Warzen an: Man stiehlt 
ein Stückchen rohes Fleisch, drückt es kreuzweise auf die Warzen and 
spricht dazu: „Im Namen Gottes des Vaters f, des Sohnes f und des 
heiligen Geistes f.*' Dann vergräbt man das Fleisch bei Mondschein 
unter der Dachtraufe und glaubt nun, wie das Fleisch verfaule, so 
verschwänden auch die Warzen. 2) Analog auch in Steiermark. 'j 
Im nördlichen Hannover, insbesondere im Kirchspiel Hanstedt 
(Kreis Winsen) mußte man, um einen fleischroten Fleck am Auge, 
ein sogenanntes „Flesch-mal'^ zu beseitigen, ein Stückchen Rindfleisch 
stehlen und, in Leinen genäht, um den Hals gehängt tragen, bis das 
Leiden verschwunden war; dann wurde das Päckchen unter einen 
Schweinetrog geworfen.^) Trotz äußerlicher Ähnlichkeit unterscheidet 
sich dieser Brauch in seinen Grundgedanken wesentlich von den 
andern Fällen: Während man sonst Analogiezauber vornimmt, d. h. 
glaubt, daß die Warzen u. s. w. analog verschwinden wie der ver- 
grabene Speck verfault, glaubt man hier, daß das Mal auf das Fleisch 
übergeleitet werde und wirft das Fleisch daher erst fort, nachdem 
das Mal beseitigt ist. 

Aus dem Königreich Sachsen wird mir folgendes berichtet: 
^Ein Mann hatte in seiner kürzlich beendeten Militärzeit viel Warzen 
an den Händen. Er hat da mit absolutem Erfolg folgendes Mittel 
gebraucht. Aus dem Schranke eines Kameraden stahl er ein Stück 
Speck, strich damit unter Anrufung der Dreieinigkeit über die Warzen 
und grub danach den Speck unter eine Dachtraufe. Als der Speck 
verfault war, waren auch die Warzen verschwunden und blieben es 
bis heute. Aber Eigentumsspeck wäre nach sicherem Glauben erfolg- 
los gewesen. Es mußte ad hoc gestohlen werden." ^) Wäre der 

1) H. V. Wlielocki. „Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbürger 
Sachsen'' (Berlin 1893), p. 95. 

2) Dr. KQhnau. ^Zaubermittel gegen Krankheiten und leibliche Schäden, 
besonders das Versprochen (Sympathie)", in „MitteUungen der schiesisdien Ge- 
sollschaft für Volkskunde", Heft XIV (Breslau 1905), p. 86. 

3) Viktor Fossol. „ Volksmedizin und medizinischer Aberglaube in Steio^ 
mark" (2. Aufl., Graz 1S86), p. 

4) Briefliche Mitteilung von Dr. Ed. Kück (Friedenau bei Berlin), dem diee 
bei einer Studienreise im vorigen Jahr erzahlt ist. 

5) Briefliche Mitteilung vonPfarrerJ.Hieronymus(Frankenaub.Mittweida). 



Diebstahl aus Aberglauben. 39 

Diebstahl entdeckt worden, so hätte das Kriegsgericht aus Unkennt- 
nis des Aberglaubens den Missetäter wegen schweren Diebstahls, be- 
gangen an einem Kameraden, wohl sicherlich zu längerer Gefängnis- 
strafe, wenn nicht gar zu Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heere 
verurteilt Beachtenswert ist hier die durch den Erfolg bewiesene 
scheinbare Bestätigung der Richtigkeit dieses Aberglaubens. ^) 

In einem im 18. Jahrhundert anonym erschienenen ausführlichen 
Buch über Aberglauben findet sich für Deutschland ohne nähere 
Angabe ein Mittel gegen Fieber angeführt, bei dem u. a. gestohlenes 
Brot angewandt werden muß. 2) Gestohlenes Brot spielt auch sonst 
öfters eine Bolle als Heilmittel. Wenn in Rußland eine Frau in 
ihrer Schwangerschaft keinen Appetit hat, so begibt sich ihre Schwieger- 
mutter oder eine andere zur Familie gehörige Person in ein fremdes 
Haas und sucht in demselben ein Stück Brot zu entwenden^ dessen 
Genuß dann nach dem Volksglauben den Appetit der Schwangeren 
wieder anreizen soll. 3) Analog gilt in Bosnien und der Herzego- 
wina das einer Zigeunerin aus ihrer Tasche gestohlene Brot als 
außerordentlich appetitreizend. ^) In Steiermark gilt das Essen ge- 
stohlenen Brotes als wirksamstes Mittel gegen, das Schluchzen,^) 
anderwärts anch Schluckauf genannt In Bayern, wenigstens dem 
Frankenwald, sollen Warzen vergehen, wenn man sie mit gestohlenem 
Streichwasser — Wasser zum Abstreichen des Brotes, ehe es in den 
Backofen kommt — wäscht.«) 

Im Kanton Bern hat man folgendes Mittel, um Warzen los-. 



1) Aoalogiezanber mit Speck, um Warzen zu vertreiben, Qbt man nach 
Otto Knoop ^Yoikssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und Märchen 
aas dem östlichen Hinterpommem" (Posen 1885), p. 161 Nr. 65, auch in Pommern, 
aber ohne, daß der Speck gestohlen sein muß. Auch der bekannte Dr. Georg 
Friedrich Most erwähnt in seinem Buch über „Die sympathetischen Mittel und 
Kumethod^i'' (Bostock 1842) dieselbe Kur gegen Warzen, nur verlangt er un- 
^eriadierten ond ungesalzenen Speck von einem frischen Schwein. 

2) H. L. Fischer. „Das Buch vom Aberglauben*^, neue verbesserte Auf- 
lage, Teil I (Leipzig 1791). p. 180. — Dieses Mittel ist offenbar der „Chemnitzer 
Bockenphilosophie'' entnommen: Vgl. Jakob Grimm „Deutsche Mythologie" 
«Göttingen 1835), Anhang p. LXXIV, Nr. 183. 

3) K. A n d r e j e w. „Über den Aberglauben des russischen Volkes** („Archiv 
für wissenschaftliche Kunde von Rußland*^, herausgegeben von Erman, Bd. I, 
Berlin 1841, p. 626). 

4) Deli^ „Wie unser Volk denkt*" in „Wissensdiaftliche Mitteilungen aus 
Booden und der Herzegowina*", Bd. III (1895) p. 564. 

5) Viktor Fossel, a. a. 0., p. 115. 

6) Dr. G. J. Lamm er t „Volksmedizin und medizinischer Aberglaube in 
Bayern und den angrenzenden Bezirken'* (Würzburg 1869), S. 187. 



40 IV. Hellwig 

ZU werden: Man stiehlt so viele Erbsen, als man Warzen bat, und 
wirft sie über die linke Scbulter ins Fener. Ein anderes Mittel aus 
diesem Kanton, speziell dem Simmental, ist folgendes Mittel, das bei 
Verrenkungen gut sein soll: „Hat man sich errenkt, (Luxation), so 
soll man, ohne zu sprechen, hingehen und ein Waschtuch stehlen, das- 
selbe stillschweigend nach Hause tragen und das kranke Glied damit 
umwinden; alles muß unberufen geschehen/ 2) Aus Deutschland 
hat uns die Chemnitzer Rockenphilosophie folgenden Glauben über- 
liefert: „Wer einen geschwollenen Hals hat, gehe stillschweigend in die 
Mühle, stehle ein Band von einem Sack und binde es um den Hals." ^) 
Genau derselbe Glaube herrscht noch heutigen Tages in der Ob er- 
pfalz.*) 

Vor einigen Jahren war ein Arbeiter im Westen Englands des 
Rübendiebstahls angeklagt worden; er bat um seine Freisprechung, 
denn er hatte den Diebstahl nur begangen, um seinem verkrüppelten 
Sohn mit den gestohlenen Rüben die Glieder einzureiben und ihn da- 
durch zu heilen.^) Bei den Mohammedanern Bosniens und der 
Herzegowina stiehlt man bei Ohr weh etwas Hauswurz, zerreibt 
sie auf einen Stein und tropft jeden Tag in der Frühe einen Tropfen 
dieses Saftes in das Ohr.«) 

Bei den Mazedoniern erhalten Epileptiker ein besonders her- 
gerichtetes Bad. In dasselbe gibt man: das Ei einer Henne die zum 
erstenmal gelegt hat; eine gefundene oder gestohlene Münze; Haar 
von Wimpern, Augenbrauen und vom Kopfe sowie Fingernägel. "0 

In der Steiermark gibt es eine ganze Reihe von Sympathie- 
mitteln gegen den Rotlauf, die als ganz besonders wirksam gelten, 
wenn sie gestohlen oder gefunden sind. Folgende sind am ver- 
breitetsten: Das Umhängen einer Kupfermünze, das Tragen eines Kupfer- 



1) Züricher and ReiDhard. « Allerhand Aberglaube aus dem Kanton 
Bern" im ^Schweizerischen Archiv für Volkskunde'', Bd. 7 (1903) S. 188, Nr. 81. 

2) H. Zahler. „Die Krankheit im Volksglauben des Simmentais*'. Ein 
Beitrag zur Ethnographie des Bemer Oberlandes. (XVL Jahresbericht der geo- 
graphischen Gesellschaft zu Bern, Bern 1896), p. 222. 

3) Jakob Grimm, a. a. 0., Aphang p. LXXVL, Nr. 216. 

4) G. Lammert a. a. 0., S. 240. 

5) ^Aberglauben in England*" („Halleschc S^itung*", Halle a. S., 19. No- 
vember 1905). Zur selben Zeit auch in zahlreichen andern Blättern. 

6) Mehmed Fejzibeg Kulinovic. „Volksaberglauben und Volksheil- 
mittel bei den Mohammedanern Bosniens und der Herzegowina". („Wissenschaft- 
liche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina'*, Bd. VII. Wien 1900, p. 359. 

7) Bernhard Stern. «Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der 
Türkei" (Berlin 1903) Bd. I, p. 99. 



Diebstahl aas Aberglauben. 41 

rin^es, eines Säckchens mit Rausch^elb, eines roten Bindfadens, einer 
roten Zimmermannsschnur, von Kampfer und drei Pfefferkörnern in 
ein ' Ledersäckchen eingenäht 

In Bosnien, wie überhaupt bei den Südslaven führt der 
Glaabe an die Wirksamkeit der Totenfetische des öfteren zu Dieb- 
stählen. So glaubt man in Bosnien, heftiges Nasenbluten müsse so- 
fort aufhören, wenn der Leidende einige Tropfen Blut durch einen 
von der rechten Hand eines Toten weggestohlenen Fingerring fallen 
lasee.^) 

In gewisser Beziehung eigenartig ist folgender von Hebbel in einem 
Briefe an Dr. Schulz im Jahre 1863 aus Österreich berichtete Fall. 
„Auf der Eisenbahnfahrt von Baden nach Wien hörte er von Mit- 
reisenden das Kurverfahren des Mödlinger Halters preisen, dem man 
drei Monate hintereinander je einen Gulden bringt, der aber gefunden, 
gestohlen oder kreuzerweise zusammengebettelt sein muß, wenn die 
Kur Erfolg haben soll. Dafür schneidet der Halter dem Patienten 
jedesmal in den Daumen oder in die große Zehe. Nach dem dritten 
Male verschwindet der Schmerz oder aber er bleibt, je nachdem das 
Individuum Gott und dem König Salomo angenehm oder wider- 
wärtig ist.*' 3) Dieser Fall liegt insofern eigenartig, als hier nicht nur 
der Patient einen Diebstahl aus Aberglauben begeht, sondern auch 
der Kurpfuscher sich der Anstiftung von Diebstahl unter Benutzung 
des Aberglaubens in Idealkonkurrenz mit der Hehlerei schuldig macht 

Aber nicht nur um Krankheiten zu heilen, müssen nach dem 
Volksglauben oft Gegenstände gestohlen werden, sondern auch um 
Olüok in Haus und Hof zu haben. 

Wenn die Topfgewächse gut wachsen sollen, muß man die Ab- 
leger (Enken) stehlen, glaubt man in Pommern^), ebensowohl als in 
Nordböbmen, speziell im Friedländer-Bezirk. ^) Ähnlich ist die 
Bestimmung der Chemnitzer Bockenphilosophie: „Wer kein Glück zum 
Flachs hat, stehle ein wenig Lein und menge ihn unter seinen." *) 



1) Fossel a. a. 0, p. 151. 

2) Friedrieb S. Krauß. .„yolksglaubo tmd religiöser ßrauch der Sfid- 
»lavcn« (Münster L W. 1890), p. 142. 

S) Dr. Karl Giannoni. ^Geschichte der Stadt Mödling'' (Mödling 1905), 
p. 205 Ami)., unter Bemfnng auf Eoh «Hebbel-Biographie'' 11, p. 717, mir brief- 
lich mitgeteilt von Rentier Eder (Mödling). 

4) Otto Knoop. «Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und 
Märchen aus dem östlichen Hinterpommem** (Posen 1S85), p. 176 Nr 202. 

5) Briefliche Mitteilung von Rentier Eder (Mödling). 

^ Jakob Grimm, a. a. 0., Anhang p. LXXX, Nr. 404. 



42 IV. Hellwig 

Im Königreich Sachsen glaubt man guten Krautsamen erzielen zu 
können, wenn man einen Krautstrunk vom Nachbar stiehlt. Auch 
stellt man um das Krautfeld vor Hasenfraß zu schützen, Holzstangen (?) 
darin auf, die aber womöglich gestohlen sein müssen. '^) Auch in der 
Bukowina entwendet man Ableger von Blumen sowie Zweige von 
Obstbäumen zur Veredlung am liebsten heimlich, weil man glaubt, daß 
diese dann am besten und schönsten gedeihen.^) 

Aus Schlesien wird folgende Begebenheit berichtet. Auf dem 
Gute Bankwitz bei Karlsruh, zwischen Namslau und Brieg, wollte die 
Schafzucht nicht recht gedeihen. Der alte Schäfer Schampel mochte 
anstellen was er wollte, es verging keine Woche, ohne daß eins der 
Tiere krank wurde. Da griff er endlich zu folgendem Mittel. In 
der Nacht sandte er zwei Knechte zur benachbarten Wassermühle aus 
und befahl ihnen, dem Müller das Wehr zu stehlen. Dabei legte er 
ihnen ans Herz, den ganzen Weg über die Namen der Dreieinigkeit 
und den 83. Psalm zu beten. Unterließen sie dies, so würde sie der 
Satan holen. Die Knechte taten, wie ihnen befohlen war, brachten 
das Wehr und legten es schweigend vor die Stalltür. Sobald dies 
geschehen war, wurden die Schafe über das Wehr getrieben. Das 
zuletzt verrückt gewordene Tier wurde abseits genommen und, als 
die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne hervorbrachen, von dem 
Schäfer mit einem Beil getötet Dann wurde der Leichnam genommen 
und an der Giebelseite des Stallgebäudes eingegraben. Auch hierbei 
mußte von allen Teilen wiederum tiefes Schweigen beobachtet werden. 
Der Erfolg war, daß das Gut seitdem von Schafkrankheiten verschont 
geblieben ist*) 

Für Deutschland können wir der schon öfters angeführten 
Chemnitzer Rockenphilosophie folgenden Aberglauben entnehmen: 
„Einen gestohlenen Sandwisch den Hühnern ins Fressen getan, so le^en 
sie die Eier nicht weg," ^) und wer „Schwaben hat, soll einen Hemm- 
schuh stehlen und auf den Ofen legen, so gehen sie weg.** ^) 

In Bosnien und Herzegovina ist zu einem Zauber, um die 
Bienen zu zwingen, nicht fortzuziehen, u. a. auch einem schwarzen 

1) Briefliche MitteiluDg von Pfarrer J. HieroDymus (Fi'ankenau bei 
Mittweida). 2) Derselbe. 

3) Briefliche Mitteilung des Polizeikommissars Dr. Eudoxius Mironovici 
(Czemowitz). 

4) U. Jahn. ^Deutsche Opfergebräuche bei Ackerbau und Viehzucht*^ (n^^er- 
manistische Abhandlungen*^, herausgegeben von Karl Weinhold, Bd. III, Bres- 
lau 1884), p. 331. — Der Verfasser stützt sich auf eine mündliche Mitteilung. 

5) Jakob Grimm, a. a. 0., Anhang p. LXXXIV, Nr. 481. 

6) Bodem. 



Diebstahl aus Aberglauben. 48 

Schaf gestohlene Wolle nötig. ^) Ein anderes dort gebräuchliches 
Mittel, um die Bienen an sich zu fesseln, ist folgendes: Kaufe einen 
Bienenkorb, stiehl einen zweiten und laß dir einen dritten schenken. ^) 

Bei den Südslayengilt das aus dem Schnappsack einer Zigeunerin 
gestohlene Brot nicht nur, wie wir oben sahen, als appetiterregend, 
«oodern wird auch als probates Mittel angesehen, um einem Kind 
früh das Sprechen beizubringen. ^) Speziell ist dies auch der Fall bei 
Mohammedanern Bosnien und der Herzegowina.'^) 

Auch im Liebessauber spielen gestohlene Sachen öfters eine 
Solle. So stehlen bei den Magyaren die jungen Mädchen bei Neu- 
mond auch Kuchen, kochen dieselben mit ihren Menses und mischen 
einen Teil davon in die Speisen der betreffenden Burschen. 5) Eben- 
falls stiehlt die Maid am Andreastage eine Männerunterbose, steckt in 
dieselbe einen Teil von einem Stückchen gerösteter Brotschnitte, während 
sie den andern Teil verscharrt, und legt dann die Unterhose unter 
ihr Kopfkissen. Im Traume wird sie dann ihren Gemahl sehen. 
Dasselbe tun die Burschen mit einem Mädchenhemde und zwar am 
Kathiurinenabend. Wer eine derartige Zauberprozedur vornimmt, muß 
dea ganzen Tag über gefastet haben. ^) 

Bei den Rumänen gilt ein Totenfetisch als Liebesmittel. Die 
FoBe eines Toten werden mit einem Tuch oder roten Faden zusammen- 
gebunden; wenn der Tote in den Sarg gelegt wird, befreit man die 
Fuße von dieser „piedica," von dieser Fessel, die dem Toten in die 
Stidel gesteckt wird, damit er auf der Keise gut geben könne. Die 
IHedica wird sorgsam bewacht, denn die Zauberinnen suchen sie als 
ein vorzügliches Liebeszaubermittel zu stehlen, das unfehlbar insbe- 
soodere das Herz der Mädchen beeinflußt Ältere Dirnen tragen dar- 
nach anch großes Verlangen, weil sie im Besitze eines Stückchens 
von der piedica leicht einen Gatten bekommen zu können meinen. ?) 

1) Giro Trahelka. „Die HeilkuDde nach volkstümlicher Überlieferung, 
mit Amzfifi^en ans einer alten Handschrift*^ („Wissenschaftliche Mitteilungen aus 
BoKÜen and der Herzego wina"", Bd. II, Wien 1894), p. 3S2, Nr. 32. 

2)Laka Grjic-Bjelckosic. „Volksglaube und Volksbrauche in der 
Herzegowina* (ebendort, Bd. VI, Wien 1899, p. 623, Nr. 11). 

8) Dr. Friedrich S. Krauß. „Sitte und Brauch der Südslaven*' (Wien 
1SS5U p. 548. 

4) Mehmed Fejzibeg Kulinovic „Volksaberglauben und Volksheil- 
mitte] bei den Mohammedanern Bosniens und der Herzegowina (Wissenschaft- 
liche Mitteihmgen ans Bosnien und der Herzegowina*', Bd. VII, Wien 190U, p. 364. 

5) H. V. WlislockL „Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren 
<Mflii8ter i. W. 1893), p. 49. 

6) V. Wlislocki, a. a. 0., p. 88. 

7) Flachs. „Rumänische Hochzeits- und Totengebräuche" (Berlin 1899), 



44 IV. Hellwig 

Bei den Südslaven taugt der von der rechten Hand eines Toten 
gestohlene Ring als Liebeszaubermittel. Ein verliebtes Mädchen glaabt, 
daß der Mann ihrer Wahl in Liebe zu ihr entbrennen und sie bald mit 
dem Ehering beglücken würde, wenn sie nur durch jenen Totenring auf 
ihn schaue. 1) Auch die Totentüchel und die Totenschnur gelten als 
besonders wirksamer Talisman. Sie dienen als Liebeszauber, andrer- 
seits aber auch als Mittel, um die zweite Ehe zu verhindern, ^j 

Ebenfalls wird die von der Bahre eines Toten weg entwendete 
Kerze bei einer mystischen Prozedur gebraucht, welche junge Mädchen 
vornehmen, um einen bestimmten Mann in sich verliebt zu machen. ^) 

Auch zum Diebszauber ist Stehlen nötig. Hierbei ist das Eigen- 
artige, daß es nicht, wie sonst allgemein, immer nötig ist, eine 
bestimmte Sache zu stehlen, sondern manchmal nur irgend etwas, 
aber zu einer bestimmten Zeit Gelingt dieser Diebstahl, so glauben 
sich die Diebe ein Jahr lang vor aller Entdeckung und Bestrafung 
gesichert zu haben. Ich glaube nicht mit Löwenstimm^) und, wie 
ich in meiner ersten Abhandlung selber annahm, daß wir es hier mit 
einem „reinen Diebsaberglauben^ zu tun haben. Vielmehr haben wir 
es hier meines Erachtens sowohl mit einem Diebsaberglauben als auch 
mit einem Diebstahl aus Aberglauben zu tun. Denn dieser eine Dieb- 
stahl wird ohne Zweifel von den betreffenden Dieben aus Aberglauben 
vollführt, nicht wie sonst, um sich an der gestohlenen Sache unmittel- 
bar zu bereichem; auch daß hier nicht eine bestimmte Sache ge- 
stohlen werden muß, sondern ein beliebiger Gegenstand, aber zu be- 
stimmter Zeit, ist für den Begriff des Diebstahls aus Aberglauben 
kein wesentliches Merkmal. Die Verbindung zwischen beiden Arten 
bilden diejenigen Fälle, wo ein bestimmter Gegenstand zu bestimmter 
Zeit gestohlen werden muß, um den gewünschten Erfolg herbeizu- 
führen. 

Aus Deutschland erfahren wir aus der Chemnitzer Rocken- 
philosophie folgenden hierher gehörigen Aberglauben. Wer Weihnachten, 
Neujahr und am Dreikönigsabend etwas stiehlt, ohne ertappt zu werden, 
der kann das ganze Jahr über sicher stehlen. ^) Ahnlicher Aberglaube 
existiert auch heute noch in den verschiedensten Teilen Deutschlands. 



zitiert bei Bernhard Stern, „Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der 
Türkei" ^Berlin 1903), Bd. I, p. 281. 

1) Friedrich S. Krauß, a. a. 0., p. 142. 

2) Eodem p. 140 f. 

3) Eodem. 

4) Loewenstirom. «Aberfi^laube und Strafrecht" (Berlin 1897), p. 151. 

5) Jakob Grimm, a. a. 0., Anhang p. LXXX. Nr. 889. 



Diebstahl aus Aberglauben. 45 

In Lippe, Westfalen und in dem Kreise Luckau in der Nieder- 
lausitz herrscht mehr oder weniger, allgemein der Aberglaube, wem 
es gelange, in der Christnacht während des Festgeläutes irgend etwas 
zu stehleDf der sei während des ganzen Jahres bei seinen Diebstählen 
g^n Entdeckung 'gefeit. Ein Bauer aus einem Dorfe im Kreise 
Luckau erzählte meinem Gewährsmann, ein übelbeleumundeter Mensch 
habe sich in der Christnacht auf seinem Gehöft zu schaffen gemacht 
und wohl irgend eine Kleinigkeit mitgenommen. Des Abends machte 
er stets die WahmehmuQg, daß die Kühe keine Milch gaben. Von 
dritter Seite, so erzählte er, sei ihm die Mitteilung geworden, daß die 
erwähnte Person mit einem Eimer hinter seinem Garten betroffen worden 
sei, daß es ihn selber aber ungeachtet aller Wachsamkeit niemals ge- 
lungen sei« die betreffende Person beim Ausmelken der Kühe abzufassen. 
Als man endlich den Kuhstall mit einem neuen Anhängeschloß versah, 
hörte der Diebstahl der Milch auf. Der Bauer war des nicht zu er- 
schütternden Glaubens, der in der Christnacht begangene Diebstahl 
habe die Diebin bei Begehung des Diebstahls für andere unsichtbar 
gemacht 

In Franken glaubt man, wenn man sich am Sylvesterabend 
beim Läuten der Kirchenglocken schweigend und unbeschrieen in ein 
Hans schleicht, welches im letzten Jahre keinen Toten hatte, und ein 
Stück Brennholz stiehlt, ohne sich ertappen zu lassen, so könne man 
das ganze Jahr ungefährdet stehlen,^) und in Mecklenburg, wer 
am Sylvesterabend Holz im Walde stehle, ohne sich abfassen zu 
lassen, könne dies ungestraft das ganze Jahr tun. 3) In Branden- 
burg ist es die Neujahrsnacht Wer in ihr eine Wagenrunge stiehlt 
und auf seinen Wagen nimmt, kann im Walde künftighin Holz auf- 
laden, ohne daß der Förster ihn sieht 4) Ebenso ist man in der 
Oberpfalz beim Stehlen sicher, wenn man in der Fastnacht vor 
Sonnenaufgang drei Späne Holz und drei Häufchen Streu stiehlt 
und unbeschrieen verbrennt s) 

In der Bukowina besteht bei der Landbevölkerung der Brauch, 
daß Verstorbenen bis zur Beerdigung Kerzen in die Hände gegeben 
werden, die manchmal auch angezündet werden, „um für sein Seelen- 
heil zu brennen." Diese Kerzen werden manchmal entwendet, weil 
man glaubt, daß alle Bewohner eines Hauses, um das man mit einer 

1) Briefliche MitteiluDg des Lehrers K. Wehrhan (Elberfeld), Schriftführer 
des ,V«:^iis for rheinische und westfälische VolkslcuDde'^. 

2) W o 1 1 k e. „Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 3. Bearbeitung 
von E. H. Meyer (Beriin 1900) p. 271. 

3) Eodem. 4) Eodem. 5) Eodem. 



*4(i IV. Hellwig 

derartigen brennenden Kerze herumgeht, in festen Schlaf fallen. ^ 
Es ist dies eine interessante Parallele zo dem bekannten Glauben an 
die ;;Diebshand'* („main de gloire''). Da der Brauch, bei Sterbenden 
und Toten — meistens geweihte — Kerzen brennen zü lassen, auch 
sonst weit verbreitet ist, namentlich auch in Deutschland, und da 
weiter auch der Glaube an Totenfetische, der Glaube an die Talisman- 
natur aller Gegenstände, die mit einem Leichnam in irgend einer Be- 
ziehung stehen, gleichfalls universell ist, so werden sich vielleicht auch 
deutsche Richter mit einem derartigen Diebstahl zu befassen haben. 

Auch tüT allerlei andere Zwecke ist es glückbringend, eine 
Sache zu stehlen. In Dänemark raubt man dem Fisdher sein Glück, 
wenn man ihm sein Angelgerät stiehlt, 2) womit der entsprechende 
russische Aberglaube zu vergleichen ist») In Ostpreußen gilt es 
als ein „Glückszwang,*' sich heimlich etwas von dem Eigentum eines 
soeben Gestorbenen anzueignen. *) Femer stehlen Serbinnen und 
Bulgarinnen, die ein zügellos unsittliches Leben führen wollen, vor 
ihren strengen Ehemännern aber in Furcht sind, die Kupfermünzen 
von den Augen eines Toten weg und waschen sie im Wein oder 
Wasser ab, welches der zu bezaubernde Gatte trinken muß. Tut er 
dies, so wird er für die Untreue seiner Ehewirtin ebenso blind sein, 
wie jener Tote, auf dessen Augen die Münzen gelegen sind. Be- 
sonders hilft aber das verknotete Tuch von einem Toten in Prozeß- 
verhandlungen. Diebstahl des Totenbandes ist daher alltäglich, soll 
jedoch in neuerer Zeit unter den Kroaten seltener werden, weil man 
sich vor der Bache des Toten fürchtet, die auch nicht etwa dadurch 
abgewendet werden kann, daß man dem Toten ein schöneres Tüchel 
oder eine schönere Schnur wiederbringt.^) Gegen eine überhand- 
nehmende Gräberschändung schützt der Glaube, daß, wer etwas aus 
einem Friedhofe stiehlt und heimträgt, noch vor Ablauf des Jahres 
sterben wird.^) 

Daß ein analoger Aberglaube in Ostpreußen besteht, ergibt 
sich aus einer Gerichtsverhandlung, die Anfang 1906 in Johannis- 
burg (Ostpreußen) stattfand. Eine Frau M. hatte ein Tuch ge- 
stohlen, mit dem eine Leiche gewaschen war. Ein solches Tuch soll 

1) Briefliche Mitteilung von Polizeikommissar Dr. Eudoxins Mironovici 
(Czemowitz). 

2) E. S. Hartland. „The legend of Perseus", Bd. II (London 1895), p.93, 
unter Berufung auf Grimm, „Deutsche Sagen". 

8) Loewenstimm, a. a. 0., p. 149f. 

4) E. Lemke. „Volkstümliches in Ostpreußen", Teil 1 (Mohrungen 1884), p.57. 

5) Krauß, a. a. 0., p. 140f. 

6) Eodem. p. 135. 



Diebstahl aus Aberglauben. 47 

Angeklagten gute Dienste leisten: Tragen sie es in der Gerichtsver- 
handlang, so verwirren sie das Gericht und erzielen Freisprechung 
oder mildere Beurteilung. Frau M. soll aus dem Verleihen der 
Tücher ein Gewerbe machen, sie kann auch sonst hexen. ^ 

Bei den Südslaven sucht manches verheiratete Weib dem Toten 
unbemerkt die Mütze vom Kopfe wegzustehlen. Die Diebin bewahrt 
die Mütze sorgfältig auf im Glauben, daß ihr Mann, sollte er in den 
Krieg ziehai müssen, im Felde sein Leben nicht lassen werde. ^) 

Aus einem handschriftlich erhaltenen kriegsgerichtlichen Urteil 

ans dem Jahre 1713, das zu Lille gegen vier Schweizer Soldaten 

eines franzosischen Regiments vom Obersten Syry gefällt ist, erfahren 

wir, daß die vier Angeklagten um Mittemacht Wachskerzen angezündet 

und den Teufel mittelst einer aus der Kirche entwendeten Hostie 

herbeigerufen und dabei beschriebene Zettel dreimal über die linke 

Achsel geworfen haben, um sich beim Gelingen ihrer Beschwörung 

darauf mit ihrem Blute zu verschreiben. ^) Aus dem Judenburger Kreis 

in Steiermark wird folgendes berichtet: „Wenn jemand unsichtbar 

w«den will, so geht er im Kreis um Farrenkrautsamen; um aber diesen 

aufzufangen, muß er sich schon früher um neun Stück Kelchtücher 

umgesehen haben, denn wenn ihm der Böse den Samen gibt, fällt 

dieBer durch acht solche durch, und erst im neunten bleibt er hängen.^ ^) 

In Palästina haben manche Familien als Familienerbstück ein 

hohles silbernes Kreuz, in welchem sich ein Splitter vom wahren 

Kreuz Christi befinden soll. Zur größeren Vorsicht trägt man diese 

Kelique eingenäht in einem Säckchen auf dem bloßen Körper. Teils 

geschieht es, damit der Talisman nicht durch einen Zufall abgerissen 

vrerde, teils, damit ihn nicht ein anderer stehle. Denn während sonst 

Diebstahl „Haram" (Sünde) ist, betrachtet man das Stehlen eines solchen 

Kreuzes als „HalaP (Verdienst). Dieser Talisman, der unter anderm 

auch g^en den bösen Blick schützen soll, verliert sofort seine Kraft, wenn 

sein Besitzer ihn unvorsichtigerweise einmal in das Bad mitnimmt."^) 

Auch Geld wird gestohlen, weil man glaubt, mit gestohlenem 

Geld mehr Glück zu haben. Dies glaubt man — wie übrigens auch 

U Briefliche MitteiluDg des Amtsrichters Hen necke (Johann isburg). Ich 
verde den Fall auf Grand der Akten später darstellen. 

2)KraDß, a. a. 0., p. 140 f. 

S) L. £. Rochholtz. „ Aargauer Besegnungen*^ in „Zeitschrift für deutsche 
Mythologie und Sittenkunde", Bd. 4 (Göttingen 1859), p. 138. 

4) J. G. Seidl. „Steiennärkische Sagen und Volksgebräuche'' (eodem, 
B<i. 2, Göttingen 1855), p. 30. 

5) Bernhard Stern. „Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der 
Türfua" (Berün 1903), Bd. I, p. 804. 



48 IV. Hellwig 

von gefundenem Geld — in Mödling in Österreich. ^j Speziell muß 
man, wenn man in der Lotterie gewinnen will, im Elsaß das Los mit 
gestohlenem Gelde kaufen.*^) Gleiches wird aus der Neu mark (Pro- 
vinz Brandenburg) berichtet: ,, Gestohlenes (bezw. mit der Absicht, es 
nicht zurückzugeben, entliehenes) Geld gewinnt, wenn dafür ein 
Lotterielos gekauft wird; es gewinnt auch auf dem Schützenplatz bei 
Würfel- und Roulettebuden." Dieser Glaube herrscht besonders in der 
Umgegend von Pyritz und Stettin und gibt oftmals, namentlich Kindern 
Anlaß zum Entwenden kleiner Geldbeträge. ^) Dieser Aberglaube, der 
mit dem bekannten Spielerglauben, daß mit geliehenem Geld gewonnen 
werde, nahe verwandt ist, verdient die Aufmerksamkeit der Bichter, 
namentlich wenn es sich um Diebstahl oder Unterschlagung nur ge- 
ringfügiger Summen handelt, ohne daß Not oder ein anderes Motiv 
festgestellt werden kann. 

In der Mark Brandenburg wird das sogenannte „Donnerkraut" 
oder „Donnerbart" auch „Hauslauch" genannt (Sempervivum tectorum) 
noch heutigen Tags auf Dächer und Mauern gepflanzt, weil man 
glaubt, sich dadurch vor Blitzschlag sichern zu können. Der Glaube 
ist uralt Auch der Kopf des brandenburgischen Boland war oben 
etwas ausgehöhlt, mit Erde gefüllt und mit Donnerkraut bepflanzt 
In Nachahmung davon hat man übrigens auch auf den neuen Boland 
zu Berlin, der im vorigen Jahr enthüllt wurde, Donnerkraut gepflanzt. 
Dieser Brauch ist deshalb für uns wichtig, weil diese Pflanze in der 
Mark wild nicht wächst Sie ist auch kaum in Handelsgärtnerden 
zu haben, wird vielmehr durch freiwillige Abgabe von Enken oder 
von Abergläubischen noch lieber durch heimliches Entwenden ver- 
breitet 4) Dieser Glaube an die schützende Kraft des Hauslauchs, 
vermutlich auch der Glaube, daß entwendete Enken wirksamer sind, 
herrscht auch in Pommern,^) Siebenbürgen,«) in der Nord- 
schweiz') und in England. ö)^) 



1) Briefliche Mitteilung von Rentier Robert Eder (Modling). 

2) Briefliche Mitteilung von Schriftsteller Godelück (Straßburg i. E.). 

S) Briefliche Mitteilung von Pfarrer Handtmann (Seedorf bei Lenzen, 
Provinz Brandenburg). 

4) ^Berliner Lokal- Anzeiger" vom 15. Oktober 1905. 

5) Knorrn. ^Sammlung abergläubischer Gebrauche'' („Baltische Studien'', 
XXXm, Stettin 1883, p. 145 Nr. 274.) 

6j H. V. Wlislocki. „Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbttrger 
Sachsen'' (Berlin 1893), p. 113. 

7) Runge. „Volksglaube in der Schweiz" („Zeitschrift für deutsche Mytho- 
logie und Sittenkunde", Bd. IV, Göttingen 1859), p. 174 Nr. 1. 

8) „Ilallesche Zeitung" vom 19. November 1905. 

9j Nach Wuttke. „Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart", 8. Be- 



Diebstahl aus Aberglauben. 49 

Zum Schluß wollen wir noch einige Beispiele dafür anführen, 
daß man unter gewissen Voraussetzungen durch Stehlen einer be- 
stimmten Sache dem Nachbar zugleich sein Glück rauben kann. 
Dieser Glaube hängt eng mit dem andern zusammen, daß gerade ge- 
stohlene Sachen am meisten Glück bringen. Beide gehen ineinander 
über und ergänzen sich, wie sich das z. B. auch aus dem oben schon 
angeführten Beispiel des Angelhakens ergibt In Dänemark raubt 
man durch Stehlen des Angelgeräts dem Nachbar sein Glück; hier 
ist also mehr die negative Seite des Glaubens ausgebildet. In Ruß- 
land fangt man mit gestohlenen Angelhaken am besten. Hier tritt 
also mehr die positive Seite hervor. 

Im Egerland (Böhmen) gibt es Leute, die gehen an einem 
iMontag oder Samstag oder am 1. Mai zu ihren Nachbarn, schleichen 
sich in den Kuhstall, stehlen Milch und tragen sie in ihren Stall; 
damit reiben sie dann ihren Kühen die Euter ein und glauben nun, 
sich immer gute Milch gesichert, dem Nachbarn aber schlechte an- 
gezaubert zu haben. ^) Die Magyaren glauben sich das Glück einer 
Person anzueignen, wenn sie in der Neujahrsnacht von ihrem Dünger- 
haufen Mist stehlen, ihn neben den eigenen Düngerhaufen legen und 
ihn dann siebenmal mit einem Stabe klopfen.^) 

Dies sind die neuen Materialien, welche^ich beizubringen vermag. 
Sie bestätigen von neuem die schon in meiner ersten Abhandlung 
ausgesprochene Ansicht, daß abergläubische Gebräuche, welche zu 
einem Diebstahl führen können, durchaus nicht so selten sind. Daß 
ihre Kenntnis aber für den Praktiker von großer Bedeutung ist, werde 
ich demnächst in einer besonderen Abhandlung über einen Kirchen- 
diebstahl zeigen, welcher meines Erachtens auf Aberglauben zurück- 
geführt werden muß. 3) 

arbeitoDf^ (Berlin 1903), § 132, sind Donnerkraut und Donnerbart verschiedene 
Pflanzen; sie dienen aber dem gleichen Zweck; ihr Gebrauch ist über ganz 
Deutschland verbreitet. 

1) John. „Beitrage zum Volksaberglauben im Egerlande** in der „Zeitschrift 
för österreichische Volkskunde«*, Bd. VI (1900), p. 124. 

2) H. V. Wlislocki. „Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren" 
(Münster i. W. 1893), p. 84. 

3) Ebenfalls gesondert behandeln und eingehend volksmedizinisch erläutern 
werde ich einen vor Jahresfrist in Bayern zur Aburteilung gelangten Fall von 
Wilddiebstahl aas Aberglauben. 



Aithir fttr KrimlnaUnthropologto. XXV f. 



V. 

Dr. Karl Birkmeyer: 
Was lösst V. Liszt vom Strafrecht übrig? 

Von 
Dr. Ottokar Tesar (Berlin). 

flEine Warnung vor der modernen Richtung im Strafrecht", so 
lautet der Untertitel der Schrift, die hier einer eingehenderen Be- 
sprechung unterzogen werden soll. Es muß heute, in einer Zeit, da 
die Freiheit der Wissenschaft und ihrpr Lehre als eine der schönsten 
modernen Errungenschaften mit Recht sorgsam gehütet wird, eigen- 
tümlich empfunden werfen, einer Warnung vor einer wissenschaft- 
lichen Richtung zu begegnen, da doch auf die Wissenschaft als solche 
nur das Kriterium ; inhaltlich richtig oder falsch, nicht aber gut oder 
schlecht, gefährlich oder ungefährlich paßt. Was kann der Sinn einer 
derartigen Warnung sein? Es mag sein, daß man erwartet, einer 
großen Anzahl von Personen, die sich mit ihr befaßt, mangele es an 
kritischem Geist, um die Unrichtigkeiten der Lehre zu erkennen, oder 
an der nötigen Reife, um zu den richtigen Schlußfolgerungen zu 
kommen, die sich bei inhaltlicher Erfassung der I^ehre ergeben würdeo. 
So wird die unreife Jugend vor dem Lesen philosophischer Schriften^ 
die sie nicht versteht, gewarnt. Die Warnung kann jedoch noch einen 
andern Sinn haben. Es mag die Furcht vor der Wirkung des In- 
halts der Lehre auf die, die sich mit ihr befassen, sein, aus der die 
Warnung entspringt. Es könnten vielleicht alte Dogmen ins Wanken 
geraten, bisher als unumstößlich geltende Wahrheiten viel von ihrem 
Glanz verlieren. Denn fürchtet man nicht eine derartige Apostasie, 
so überläßt man es ruhig der Kritik, die innerliche Richtigkeit eines 
Lehrgebäudes zu beurteilen, der gemäß der einzelne dann seine Stel- 
lungnahme einrichten mag. Wenn man jedoch warnt, so hält man 
es für nötig, dem, der sich mit der Lehre befaßt, ein Schutzmittel auf 
den Weg zu geben, das ihn in den Stand setzen soll, den Gefabren 



Dr. Karl Birkmeyer: Was läßt v. Liszt vom Strafrecht übrig? 51 

einer faszinierenden Wirkung der Lehre zu trotzen und nicht den 
alten Glauben zu verlieren. Denn, wenn man einmal mit den neuen 
Ideen vergiftet ist, ist eine gläubige Rückkehr kaum zu erhoffen. 
Diese Wamungsschrift soll nun ihren Zweck dadurch erfüllen, daß 
sie die Fülle der inneren Widersprüche, die der neuen Lehre anhaften, 
aufdeckt, wodurch die bloße Scheinexistenz des ganzen Lehrgebäudes 
dokumentiert werden soll. 

Eine genaue Nachprüfung der Grundlagen, auf denen Birkmeyer 
seine Beweise vorhandener Widersprüche basiert, erscheint überaus 
interessant. 

Gleich „I. (S. 2) *) Liszt's Festhalten am Strafrecht eine Inkonse- 
quenz'^ soll die Fundamente der neuen Bichtung als haltlos zeigen. 
Doch begegnen wir schon hier eigentümlichen Interpretationsversuchen. 
DaB V. liszt auf dem Standpunkt steht, das Verbrechen, die Verände- 
rung in der Außenwelt, kommt insofern in Betracht, als es die im 
V^brecher liegende kriminelle Gesinnung widerspiegelt, daß also 
bestraft wird die antisoziale Tendenz im Menschen, soll in logischem 
Widerspruch stehen mit dem Warten auf Verbrechen, mit dem Warten 
auf äußere Taten, während man doch eigenUich schon vor der Tat 
strafen sollte. Trotzdem Birkmeyer v. Liszt's Argument: Schutz der 
Freiheit der Menschen als Rechtfertigung des Festhaltens an äußeren 
Handlongen vorbringt, sagt er doch (S. 3.), daß eines von beiden un- 
baltbar sein müsse, entweder seine kriminalpolitische Grundanschauung 
oder sein Eintreten für das Strafrecht. Allein ein derartiger Schluß 
erscheint doch als durchaus nicht zwingend. Ist doch v. Liszts 
Kriminalpolitik nur ein Segment der Politik als solcher, in der ganz 
gut kollidierende Interessen vorkommen können, indem sie die Kom- 
ponenten darstellen, aus denen sich dann erst die Resultante einer be- 
stimmten Forderung ergibt. So liegt es auch in diesem Fall; die 
Freiheit des Menschen erscheint als ein wertvolles Gut, das weitgehen- 
den Schutz verdient Daß v. Liszt sie dadurch geschützt wissen will, 
daß er die strafende Gewalt nur gegen die Personen vorgehen lassen 
^ die schon ihrem äußeren Verhalten nach eine große Wahrschein- 
lichkeit dafür darbieten, daß die rechtsfeindliche Gesinnung in ihnen 
vorhanden ist erscheint selbstverständlich. Da das Strafrecht des 
Staates ebenso von relativem Wert ist, wie die Freiheit der Bürger, 
würde es eine unzulässige Beschränkung der letzteren darstellen, 
könnte man jede Person, bei der sich ein Verhalten findet, das in der 



1) Die Zitate beziehen sich, soweit nichts anderes angegeben, auf die im 
Titd genannte Schrift Birkmeyers. (Verlag C. H. Beck, München, 1907.) 



52 V. Tesar 

Überwiegenden Mehrzahl der Fälle auch bei untadeligen Gesinnungen 
vorkommt, schon einer gerichtlichen Untersuchung nach einer etwa 
vorhandenen rechtsfeindlichen Gesinnung unterziehen. So bildet für 
V. Liszt die Forderung gewisser äußerer Handlungen mit Recht die 
Forderung nach zum Schutz individueller Freiheit nötigen gesetzlichen 
Beweisregeln und Prozeßvoraussetzungen. 

Daß ein derartiges Nebeneinanderbestehen der Kriminalpolitik mit 
den politischen Freiheitsforderungen nicht nur möglich, sondern not- 
wendig ist, dürfte einleuchten und damit der Satz Birkmeyers als 
unverständlich erscheinen: (S. 3). „Ein Nebeneinanderbestehen von 
beiden verträgt sich nicht mit den Denkgesetzen, über die auch 
V. Liszt sich nicht hinwegsetzen kann, wenn er sich nicht dem Vor- 
wurf aussetzen will, willkürlich statt wissenschaftlich zu verfahren.*- 

Doch Birkmeyer braucht ja die Behauptung, daß v. Liszts Kri- 
minalpolitik zur Aufhebung des Strafrechts führe, um zu zeigen, daß 
dies ja auch gar nicht anders möglich sei, wenn man eben auf dem 
Standpunkt des Determinismus steht; „und wer die Willensfreiheit 
leugnet, der kann kein Straf recht begründen." So lesen wir (S. 4) 
diesen Satz wieder als unwiderlegliches Dogma hingestellt, trotz der 
Ausführungen A. Merkel's und Hold v. Ferneck's, daß es nur auf dem 
Boden der Willensunfreiheit ein Straf recht geben könne, trotz der 
Ausführungen v. Liszts, der das Strafrecht unabhängig von der Willens- 
freiheit macht. Hier auf das Problem der Willensfreiheit einzugehen, 
verbietet zum mindesten der Raum. Nur darauf möchte ich zurück- 
kommen, weswegen nach Birkmeyer die Willensunfreiheit das Straf- 
recht ausschließe. Birkmeyer sagt uns am Schlüsse seiner Schrift 
(S. 97), daß dieser allen Modernen gemeinsame Determinismus zu 
einer Eliminierung des Begriffs der Zurechnungsfähigkeit aus dem 
Strafrecht und damit zu einer Auflösung des Strafrechts selber führen 
müsse. Gegenüber dieser Behauptung möchte ich mit v. Liszt auf 
die Unabhängigkeit der Zurechnungsfähigkeit von der Willensfreiheit 
hinweisen. Denn dieZurecbnungsfähigkeit ist ein Zustand des Menschen, 
der die Grundlage bildet für die Zurechnung zur Schuld, dafür, daß 
wir auf Grund eines bestimmt qualifizierten Geschehens über einen 
Menschen ein Unwerturteil fällen. Das Unwerturteil der Schuld ist 
ein soziales Werturteil, sozusagen eine Funktion der sozialen Psyche. 
Aufgabe der Wissenschaft ist es nun, den Zustand der Menschen gene- 
rell zu beschreiben, bei denen auf Grund einer äußeren Tat dieses 
Unwerturteil statt hat. Und wenn die Wissenschaft einmal ganz genau 
feststellen könnte, daß das Unwerturteil stattfindet auf Grund von 
Handlungen von Menschen, die eine ganz bestimmte Beschaffenheit 



Dr. Karl Birkmeyer: Was läßt v. Liszt vom Straf rocht übrig? 53 

der grauen Gehirnrinde zeigen, so wäre damit das soziale Werturteil 
der Schuld als soziale Funktion und der Begriff der Zurechnungs- 
fahigkeit als Grundlage desselben ebensowenig aus der Welt geschafft, 
wie auf dem Gebiet der Individualpsychologie der Bestand von 
|)8ychischen Funktionen, Vorstellungen, Gefühlen dadurch beseitigt wird, 
daß durch die Fortschritte in der Anatomie und Psychologie ihre 
Grundlagen in bestimmten Mollekularveränderungen in den zentralen und 
peripherischen Organen gefunden wird. Abgesehen von dieser prin- 
zipiellen Erörterung wollen wir nun die Grundlagen untersuchen, von 
denen aus Birkmeyer im besondern das Fallen des Begriffs der Zu- 
rechnnngsfähigkeit in der modernen Schule dartun will. 

„Wer aber ein Verbrechen begeht, handelt anormal und ist folg- 
lich unzurechnungsfähig'' (S. 92). In dem „und ist folglich unzu- 
rechnungsfähig", liegt der Fehlschuß Birkmeyers. Er substituiert ein- 
fach anorraal=unzurechnungsfähig und gelangt damit zu Folgerungen, 
die den Vertretern der Ansicht, jedes Verbrechen enthüllt eine Anor- 
raalital im Verbrecher, fernstehen. Zu der Erkenntnis der Anormalität 
muß doch jeder kommen, der von der Norm ausgeht, die ja nicht 
nur ein befehlendes Element, sondern auch als Rechtsbestandteil, 
gremäß dem Wesen alles Rechtes ein beschreibendes enthält. (Siehe 
Windelband, Präludien, Normen und Naturgesetze. Hold v. Ferneck, 
Rechtswidrigkeit z. B. S. 27, 168, 170). 

Gerade die klassische Schule, die so viel mit dem Volksbewußt- 
sem operiert, dem ihre Vergeltungsstrafe allein entsprechen soll, muß 
doch vor allem darauf hinweisen, daß auch der Inhalt der Normen 
zum größten Teil dem Volksbewußtsein entspricht, das normgemäße 
Verhalten das im Volksrechtsbewußtsein gegründete ist, indem eine 
etwaige Nichtübereinstimmung im Inhalt einzelner Rechtsbestimmungen 
mit dem sogenannten Volksbewußtsein, durch die im Volke lebende 
motivierende Kraft des Rechtes als Formalmacht korrigiert wird. 

Führen wir statt Volksbewußtsein den Begriff des Normal-, des 
Durchschnittsmenschen ein, dem die Qualität eines „Kautschukbe- 
^riffes" nicht mehr nachgesagt werden kann, als dem von der klas- 
sischen Schule so oft herangezogenen Volksbewußtsein, so können 
wir sagen, es ist das der Norm gemäße Verhalten das dem Normal- 
menschen entsprechende, es ist das normwidrige: Zeichen eines Ab- 
weichens von diesem Typus, Zeichen eines Anormalseins. So können 
wir der (S. 83) zitierten Äußerung Krohnes, ein Mensch, der ein Ver- 
brechen begeht, ist in dem Augenblicke nicht ganz normal, vollkommen 
zustimmen, und wenn Psychiater, wie Aschaffenburg, auf die bei Ver- 
brechern gefundene Anormalität hinweisen, so erscheint dies nur al& 



54 V. Tesaä 

eine neue, auf dem induktiven Wege individueller Verbrecherbeobach- 
tung gewonnene, das Wesen der Anormaiität im einzelnen charakte- 
risierende Bestätigung der aus dem Rechtsbegriff auf deduktivem 
Wege gewonnenen Erkenntnis. Bei Verfeinerung der Mittel der Ver- 
brecherbeobachtung, eventuell unter Heranziehung der „Tatbestands- 
diagnostik*', die sich auch bei der Diagnose von Geisteskranken bereits 
bewährt hat (siehe Archiv, B. 19, S. 49 ff.), dürfte auch die Anormaii- 
tät in den Fällen, wo sie bisher noch nicht konstatiert werden konnte, 
erforscht werden können. 

Deswegen aber jedes Anormalsein als Unzurechnungsfähigkeit 
zu bezeichnen, ist kein Grund vorhanden und auch nicht v. Liszts 
Absicht. Sagt er doch in seinem Lehrb. (14. u. 15. Auflage S. 162), 
daß die Unzurechnungsfähigkeit erst dann vorhanden ist, wenn die 
soziale Anpassungsfähigkeit völlig fehlt, wodurch negativ auch das 
Wesen der Zurechnungsfähigkeit, heute wenigstens, (über verminderte 
Zurechnungsfähigkeit später) gegeben erscheint. Denn zeigt auch das 
einzelne Verbrechen gewisse anormale Gefühle, gewisse Defekte des 
Intellekts, so können doch einzelne Teile der Psyche noch intakt 
bleiben, Wege, auf denen in die Psyche des Verbrechers eingedrungen 
und das Anormale derselben repariert werden kann. Erst dann, wenn 
dies völlig fehlt, um mit v. Liszt zu sprechen, wird die Unzurech- 
nungsfähigkeit als gegeben erscheinen. (Siehe auch Garofalo Mitt. 
d. J. K. V. IV. B. S. 145). So kommen wir, wenn wir von Liszts 
Standpunkt über das Verhältnis von Anormaiität und Zurechnungs- 
fähigkeit festhalten, durchaus nicht zu einer Negation der letzteren 
bei Vorhandensein der ersteren im Verbrecher. Wenn Birkmeyer den 
Begriff des normalen Motivierbarseins als Kautschukbegriff, den Begriff 
des normalen Durchschnittsmenschen juristisch vollkommen unfaßbar 
und daher als unbrauchbar bezeichnet (S. 87), so ist doch vor allem 
darauf zu verweisen, daß er selbst (S. 71) die Frage nach der Zurech- 
nungsfähigkeit einer besonderen Klasse, der Jugendlichen, als eine in 
letzter Linie medizinische auffaßt, eine Bemerkung, die für das ganze 
Gebiet der Unzurechnungsfähigkeit gilt. Daß aber die Medizin ihre 
Abgrenzungsbegriffe, speziell auf psychiatrischem Gebiet, fließenden 
Grenzen gegenüber aufzustellen sich bemüßigt fühlt, dürfte allgemein 
anerkannt sein. Ist daher die Jurisprudenz gezwungen, mit derartigen 
Begriffen zu arbeiten, so kann es doch ihr nicht zum Vorwurf ge- 
macht werden, zumal, wenn sie sich dessen bewußt ist, daß gegen- 
über den mannigfaltigsten Spielarten des Lebens jede Grenzbestimmung 
etwas Kautschukartiges an sich tragen muß. Muß docfh auch die 
klassische Schule bei Bestimmung der Zurechnungsfähigkeit vom 



Dr. Karl Birkmoyer: Was läßt v. Liszt vom Straf recht übrig? 55 

mdetermmisüschen Standpunkt mit einem solchen arbeiten, wenn 
es sich um die Beeinflussung der Willensfreiheit durch Gewohnheit 
handelt. 

So können wir getrost sagen, daß auch v. Liszt die Zurechnungs- 
fabigkeit als Basis des Strafrechts nicht aufgeben muß; damit hätten 
wir schon eine Klasse von Verbrechern, die Augenblicksverbrecher, 
für das Straf recht der modernen Schule gerettet, eine Klasse, die „nach 
dem bekannten Kompromißvorschlag v. liszts dem Vergeltungsstraf- 
recht vorbehalten bleiben soll" (S. 93). Wir haben es hier mit einem 
jener Kompromisse zu tun, die auf die scharfe Gegnerschaft Birk- 
mejers stoßen deshalb, weil sie Kompromisse sind; denn Kompro- 
misse sind Halbheiten (S. 41). Sehen wir jedoch genau zu, ob es 
^ sich um ein Kompromiß handelt, das Halbheiten enthält, wo keiner 
der Standpunkte der beteiligten Teile zur Geltung gelangt, v. Liszts 
Standpunkt ist es, daß jeder bestraft werde gemäß seiner Schuld, ge- 
mäß seinem dargetanen Mangel an sozialem Verhalten; seine Schuld- 
große bestimmt sich nach dem, was aus der Tat in eventueller Ver- 
bindung mit seinem Vorleben für die täterische Psyche erschlossen 
werden kann. Die Schuldgröße der klassischen Schule richtet sich 
Dach dem, was in der Psyche der Gesellschaft durch die einzelne 
Tat verursacht ist, eine Größe, die durch das Werturteil der Gesell- 
schaft über die angegriffenen Rechtsgüter einerseits und durch die Form, 
wie die Veränderung in der Außenwelt auf den freien Willen als 
Ursache zurückgeführt werden kann, andererseits bedingt ist Beim 
Aogenblicksverbrecher nun wird die Schuldgröße nach beiden An- 
schauungen zusammenfallen, indem auch v. Liszt die Schuld beim 
Aogeoblicksverbrecher danach beurteilen wird, daß die dem Rechts- 
gut in der Gesellschaft zukommende Wertschätzung im Täter nicht 
vorhanden war, er wird beim Augenblicksverbrecher auf nichts anderes 
Wert legen können, als auf das, worauf sich die klassische Schule 
stutzt, dolus und culpa und die Wertschätzung des angegriffenen 
Recbtsgutes in der Gesellschaft, indem das Nichtvorhandensein des- 
selben im Täter den Maßstab für die, die Grundlage der Schuld 
bildende Anormaliät darbietet Wenn daher v. Liszt diese Klasse der 
Vergeltungsstrafe überläßt, so ist dies nur die Konstatierung eines mit 
den Gegnern gemeinsamen Bodens für. die Behandlung gewisser Ver- 
breeherklassen, keineswegs aber das Anraten von Maßregeln dem Ge- 
setzgeber g^enüber, die man selbst für unsinnig hält; man hat eben 
auf Grund des Gesamtsystems keinen Grund, gegen diese Verbrecher 
anders vorzugeben, als es die Gegner tun. Es wäre aber eine wenig 
ehrliche Kampfesweise, wenn man gewisse Ansichten des Gegners 



56 V. Tesak 

nur deshalb bekämpfte, weil sie gegnerische sind, obzwar sie mit 
der eigenen wissenschaftlichen Überzeugung übereinstimmen. 

Wir können für diesen Fall im Vorschlag eines Kompromisses 
nicht ein Aufgeben v. Liszts eigenen Standpunkts, sondern lediglich 
eine Verständigung in dem Sinne sehen, daß die beiden Parteien ge- 
meinsame Basis festgestellt wird. Halten wir daher für diesen Vor- 
schlag das Ankämpfen gegen die Kompromisse als durchaus nicht 
gerechtfertigt, so sind die Angriffe, die wegen eines andern Kom- 
promißvorschlages gemacht werden, ebenso grundlos. Denn (S. 46) 
V. Liszt wird es imputiert, er gebe dem Gesetzgeber den Bat, einen 
lächerlichen Widersinn zum Gesetz zu erheben. „Welche Gering- 
schätzung des Gesetzgebers spricht sich in der Zumutung aus, etwas 
mit der Autorität des Gesetzes zu umkleiden, was man selbst für 
albern erklärt und verspottet! Welche Herabwürdigung der wissen- 
schaftlichen Gegner, von denen die Zustimmung zu solchen Kompro- 
missen verlangt wird ! Welche Verachtung des Volkes, dessen Bechts- 
bewußtsein mit dergleichen Kompromissen abgespeist wird!" (S. 46) 
All diese Vorwürfe werden gemacht, weil v. Liszt dem Gesetzgeber 
anrät, falls die Gegner der modernen Richtung eine langdauemde (Je- 
fängnisstrafe gegenüber unverbesserlichen Landstreichern verwerfen, 
dagegen die Verbindung von Strafe und Arbeitshaus mit in Summa 
gleicher Dauer akzeptieren sollten (v. Liszt Aufs. IL 72, Birkm. S. 45), 
ruhig das letztere zu akzeptieren, obzwar er die Verquickung einer 
kurzen und ausdruckslosen „Strafe" mit einer langdauernden und 
„einschneidenden korrektionellen lachhaft" einen lächerlichen Wider- 
sinn nennt. Doch Birkmeyers Angriffe wegen dieser Äußerung er- 
scheinen ungerechtfertigt. Denn das, was v. Liszt dem Gesetzgeber 
anrät, ist kein Widersinn, nach dem beurteilt, was den Inhalt des 
Rates darstellt. Der Widersinn liegt nicht im Wesen der Sache, 
sondern nur in den Namen, die im Wesen gleiche Institute, Übel, 
die wegen eines Verbrechens verhängt werden, in grundverschiedener 
Weise bezeichnen. Nicht das Volk wird verachtet, indem dessen 
Rechtsbewußtsein mit dergleichen Kompromissen abgespeist wird ; im 
Gegenteil, das Rechtsbewußtsein des Volkes wird dadurch geachtet, 
daß man einem Übel, wie es das Arbeitshaus darstellt, das im Volk 
als Strafe empfunden wird, auch den ihm entsprechenden Namen 
gibt. Wo steht es denn geschrieben, daß die sogenannte klassische 
Schule den Strafbegriff souverän bestimmen kann! Muß sie doch selbst 
heute Maßregeln, die nach ihrer Lehre nicht Strafen sein können, mit 
dem Namen der Strafe belegen. Jeder Tag Freiheitsstrafe, der wegen 
Rückfalls oder wegen Gewohnheitsmäßigkeit verhängt wird, ist als 



Dr. Karl ßirkmeyor: Was läßt v. Liszt vom Straf recht übrig? 57 

Strafe vom Standpunkt einer auf den Charakter der einzelnen Tat 
lediglich wertlegenden Theorie nicht zu rechtfertigen, sondern da 
hier auf die Gesinnung Rücksicht genommen wird, höchstens Siche- 
rungsmaßregel, eine Folgerung, die auch von konsequenten Anhängern 
der klassischen Schule (siehe Ad. Merkel, Holtz. H. S. 560) gezogen 
wird. 

So müssen wir sagen, daß auch unser geltendes Recht den 
Strafbegriff, indem die Rückfallstrafen de lege lata zweifellos Strafen 
sind, viel weiter gezogen hat, als er vom Standpunkt der klassischen 
Schule gezogen werden dürfte, daß auch die jahrhundertelange Ent- 
wicklung des Rückfalls im Recht als Straferhöhungsgrund, die Über- 
einstimmung dies^ Standpunktes mit dem Yolksrechtsbewußtsein zeigt. 
Warum soll denn nicht auch in unserem Fall die moderne Schule, 
entgegen der klassischen Schule, das als Strafe bezeichnen können, 
was als Strafe empfunden wird, und wenn dasselbe von anderen als 
etwas anderes bezeichnet wird, ihnen ruhig die Freude einer besondern 
Namengebung überlassen werden! Daß der Gesetzgeber zum Wohl 
der Gesellschaft nicht durch die Benennung seiner Maßregeln allein 
wirke, dürfte doch zugegeben werden. Keineswegs wird bei v. Liszt 
die Grenze zwischen Strafe und Sicherungsmaßregel verwischt. Auch 
er erkennt es an, daß Strafe und Sicherungsmaßregel nicht nur ver- 
schiedene Namen, sondern auch verschiedene Begriffe sind. Wenn 
für V. liszt die Strafe Prävention durch Repression gegen den Ver- 
brecher wegen des Verbrechens ist, so kann als Sicherungsmaßregel 
das bezeichnet werden, das Prävention ohne besagte Repression zum 
Inhalt hat, und von der Strafe geschieden werden. Das Anerkennen 
einer besonderen Prävention ohne Strafcharakter steht doch nicht in 
-direktem Widerspruch" mit der Anerkennung der Prävention durch 
Strafe. 

Wenn Birkmeyer sagt, bei der Scheidung zwischen Strafe und 
Prävention muß es unbegreiflich erscheinen, wenn man sagt: es ist 
mir höchst gleichgültig, ob ich eine bestimmte Maßregel eine Strafe 
oder Sicherungsmaßregel nenne (S. 20) , so ist das letztere eben gar 
nicht Meinung der Gegner. Nicht ob „ich" eine Maßregel Strafe oder 
Sicherungsmaßregel nenne, sondern ob „ihr" sie so nennt, ist gleich- 
jrültig, es kommt nur darauf an, ob sie Strafe ist und im Volke als 
solche empfunden wird. 

Auf die Vorwürfe Birkmeyers gegenüber den Kompromißvor- 
schlägen V. Liszts den vermindert Zurechnungsfähigen gegenüber, soll 
bei der Besprechung der verminderten Zurechnungsfähigkeit zurück- 
gekommen werden. 



58 V. Tesar 

Wenden wir uns nun den andern Gruppen zu, die nach Birk- 
meyer von den Modernen aus dem Strafrecht ausgeschieden werden 
müssen^ Beginnen wir bei den Jugendlichen. 

„Von den jugendlichen Verbrechern nun scheiden nach v. Liszt 
aus dem Straf recht aus alle ^Kinder bis zum vollendeten 14. Lebens- 
jahr," (S. 67) so beginnt Birkmeyers Klage darüber, daß wieder so 
zahlreiche Individuen dem strafenden Arm der Gerechtigkeit entzogen 
werden. Denn v. Liszts Forderung geht dahin, das Altersminimum 
auf 14 Jahre zu erhöhen. Dem gegenüber müsse der konsequente 
Vertreter der Vergeltungsstrafe Stellung nehmen, da ja auch den Jugend- 
lichen gegenüber die Vergeltungsstrafe an dem Satz festhalte: „Wo 
genügende Schuld vorliegt, da muß auch gestraft werden" (S. 70). 
Allein eine derartige Formulierung v. Liszt gegenüber ist unrichtig. 
Denn auch v. Liszt will, wo genügend Schuld vorliegt, strafen; in 
dem genannten Fall leugnet er nur die genügende Schuld, unter der 
von ihm gewünschten Altersgrenze (S. 71), weil er die Zurechnungs- 
fähigkeit leugnet (siehe den von Birkmeyer selbst zitierten Ausspruch 
V. Liszts (Aufs. I, 446). Bei der Entscheidung dieser Frage jedoch 
handelt es sich um die Entscheidung einer medizinischen Frage, wie 
Birkmeyer selbst zugibt (S. 71), um die Feststellung, daß die „nor- 
male" Reife unter den gegenwärtigen Verhältnissen regelmäßig erst 
nach dem 12. Lebensjahr eintritt, wie van Calker es in der von 
Birkmeyer trotz des Kautschukbegriffes „normale Reife" (s. S. 87) ge- 
billigten Fassung ausdrückt. Die medizinische Frage glaubt Birkmeyer 
in seinem Sinn entschieden zu finden, da die wissenschaftliche Depu- 
tation für das Medizinalwesen in Preußen, zum § 55 des R.St.G.B. (bezw. 
§ 49 d. nordd. Entw.) um ein Gutachten gefragt, sich für das 12. Jahr 
entschieden, da damit ein gewisser Abschluß in der Entwicklung der 
Zähne und des Knochensystems stattgefunden. Dies sei der Grund ge- 
wesen für die Annahme des 12. Jahres in § 49 nordd. Entw. „Nun wird 
V. Liszt selbst kaum behaupten wollen, daß etwa die Faktoren der straf- 
rechtlichen Zurechnungsfähigkeit, die Verstandes und Willenskraft sich 
heutzutage später entwickeln, als vor 38 Jahren." So lautet der Fehl- 
schluß Birkmeyers (8. 72). Daß sich aber die medizinische Wissenschaft 
in dieser ziemlichen Spanne Zeit weiter entwickelt haben kann, dem- 
zufolge heute betont wird, daß weniger die Zahn- und Knoch^system- 
entwicklung als der Pubertätsprozeß mit seiner, das gesamte Innen- 
leben beeinflussenden Wirkung einen Markstein in der Entwicklung 
der jugendlichen Psyche darstellt, das scheint Birkmeyer übersehen 
zu haben. Ein Argument, daß sich eher heute die Zurechnungsfäbig- 
keilsgrenze nach unten verschoben, sieht Birkmeyer in der verbreche- 



Dr. Karl Birkmeyer: Was läßt v. Liszt vom Strafrecht übrig? 59 

rischen Frühreife, eine Behauptung, die als Stütze die ErimiDalstatistik 
über die Kriminalität der Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren, ins- 
besondere aber das Überwiegen der Verurteilten innerhalb dieser Gruppe 
gregenüber den Freigesprochenen sucht. Zeigt aber nicht gerade eine der- 
artige Verwendung der Zahlen der Kriminalstatistik die Gefahren, die sie 
als Grundlage für Schlüsse auf Zurechnungsfähigkeit, als Grundlage der 
Sehuldzurechnung bietet. Denn diese Ziffern zeigen zum großen Teil 
etwas anderes, als die zunehmende Schuldfähigkeit der Jugendlichen. 
Sie zeigen die erhöhte Schuld der Gesellschaft. Infolge der Kon- 
zentrierung der Arbeit in den Großstädten ist der Kampf ums Dasein 
verschärft, der Vater und Mutter zur Arbeit außer dem Haus ruft 
and der Erziehung der Kinder entzieht. Die Kapitalisierung der 
Grundrente, in Verbindung mit der Bevölkerungszunahme in den Ar- 
beitszentren, führt zum Wohnungselend mit seinem Bettgehertum, mit 
den entsittlichenden Wirkungen des dadurch notwendigen, allzu intimen 
Verkehrs der Personen verschiedenen Geschlechts miteinander; der 
Arbeitsbedarf der Großstädte führt zur allzu frühen Verwendung der 
Jagend im Getriebe des täglichen Lebens mit seinen Gefahren und 
Versuchungen. All diese Schuld der Gesellschaft den „Kindern'* 
aufzubürden, davor mag man zurückschrecken, nicht von Sentimen- 
talität geleitet, wie dies Birkmeyer (S. 75) nennt, sondern im Geiste 
wahrer Gerechtigkeitsliebe, die die Schuld der Gesellschaft nicht den 
Kindern ihrer Opfer entgelten lassen will. So mag der Vorwurf einer 
Klassenjustiz der neuen Schule erspart bleiben , indem sie, wenn sie 
auch die zahlreichen Ungerechtigkeiten der modernen Gesellschaft den 
Eltern gegenüber nicht beseitigen kann, statt durch ,,vergeltende" 
Strafe, durch eine gedeihliche Erziehung für die „Kinder*' sorgt. Bei 
der wachsenden Einsicht des Volkes in die sozialen Faktoren jugend- 
licher Kriminalität wird auch eine Verwirrung der rechtlichen und 
sittlichen Anschauungen im Volke und eine dadurch hervorgerufene 
Schädigung der Rechtsordnung, wie sie von van Calker unter An- 
erkennung Birkmeyers hervorgehoben wird (S. 75), bei einem Ersatz 
der Freiheitsstrafen durch Fürsorgeerziehung nicht zu befürchten sein. 
Auch die Prävention gegen das Verbrechen, die Birkmeyer bei den 
Jugendlichen in einer von seinem Vergeltungsstandpunkt eigentümlichen 
Weise hervorbebt, wird dadurch besser als früher erreicht werden. 
Es muß daher die Forderung v. Liszts nach einer Erhöhung der Alters- 
grenze, unter Motivierung des Vorschlags mit dem Kriterium sittlicher 
Beife, nur begrüßt werden; denn von da ab kann man erst von einer 
Gesinnung, also auch erst dann von einer rechtsfeindlichen Gesinnung 
sprechen, die nach v. Liszt als Gegenstand des Strafrechts betrachtet 



60 V. Tesar 

wird (S. 73 Am. 164). Der Versucb, hier einen Widerspruch bei 
V. Liszt zu konstruieren, kann als gescheitert angesehen werden. 

Ebensowenig kann ein solch er^^darin gefunden werden, daß die 
sittliche Besserung bei den Jugendlichen betont wird, die zu erreichen 
in vielen Fällen bei geistig gerade besser veranlagten Jugendlichen 
begründeterweise zu erhoffen ist (v. Liszt Aufs. 1.] 440. Birkm. S. 74, 
Am. 164). Denn die rechtliche Besserung, die Anpassung an die 
Forderungen des gesellschaftlichen Lebens, stellt das Miniraum an 
Erfolg dar, das von der Strafe Jugendlichen gegenüber verlangt wird, 
dem gegenüber die sittliche Besserung als ein das Minimum in sich 
schließendes, anzustrebendes Plus erscheint. So erscheint für die 
„Kinder" das Fortfallen der Strafe als vollkommen berechtigt, zumal 
für diesen höchst problematischen Schutz der Gesellschaft reicher Er- 
satz in einer zielbewußten Erziehung geboten wird. 

„Sofort aber muß weiter konstatiert werden, daß auch die Ver- 
brecher der 2. Altersstufe . . . von Liszt zum größten Teil ebenfalls 
bewußt und absichtlich der Strafe entzogen, in Wahrheit aber alle, 
in Konsequenz der Lisztschen Auffassung, straflos ausgehen müssen*' 
(S. 77). Betrachten wir die Folgerungen Birkmeyers, die ihn zu diesem 
Satz führen, v. Liszt verlangt nftmlich für diese Gruppe die Prüfung 
ihrer Zurechnungsfähigkeit in einer die sittliche Reife des Jugend- 
lichen betonenden Weise, in konsequenter Durchführung seiner Prin- 
zipien. Wenn es jedoch nicht gelungen ist, die Zurechnungsfähigkeit 
in diesem Sinn näher zu bestimmen , eine Definition zu geben , durch 
die nicht bloß an die Stelle des einen, zu definierenden Begriffs eine 
Anzahl, der Definition ebenso bedürftige Ausdrücke gesetzt werden, 
darf nicht daraus gefolgert werden, daß sich nun der Richter um die 
Zurechnungsfähigkeit der Jugendlichen im Sinne sittlicher Reife über- 
haupt nicht mehr zu kümmern braucht (S. 78 unten). Vielmehr tritt 
diese nur in formeller Weise zurück, indem sie nicht mehr Gegenstand 
einer besondem Entscheidung ist, sondern in die Urteilsgründe rückt, 
die für die Entscheidung, Zwangserziehung oder Strafe, maßgebend 
sind. Das ist doch nicht prinzipiell eine Schrankenlosigkeit des richter- 
lichen Ermessens (S. 79). Doch die Hoffnung, daß der zurechnungs- 
fähige Jugendliche der Strafe zugeführt werde, soll noch dadurch ver- 
ringert werden, daß wegen ihrer erziehlichen Wirkung für Jugend- 
liche in der Regel nur ziemlich lange dauernde Strafen gegen- 
über der Zwangserziehung zur Wahl gestellt werden sollen. Dies 
müsse zur Folge haben, daß der Richter immer die letztere wählen 
wird, um den ;,exorbitant hohen und schreiend ungerechten" Strafen 
zu entgehen (S. SO). Dies wäre richtig und die Epitheta für die 



Dr. Karl Birkmeyer: Was läßt v. Liszt vom Straf recht übrig? 61 

Strafe gerechtfertigt, wenn der Richter nicht noch eine Wahlmöglich- 
keit hätte: die bedingte Verurteilung, die eben auch Strafe ist. Erst 
wenn der Jugendliche die Größe seiner Schuld dadurch dargetan, daß 
er dem psychologischen Drucke der bedingten Verurteilung gegen- 
über sich unempfindlich zeigte, wird die' nun gegen ihn zur Voll- 
streckung gelangende längere Freiheitsstrafe den Charakter der Un- 
gerechtigkeit verlieren. Schließlich kommt Birkmeyer dazu, da v. Liszt 
die Personen der 2. Altersstufe als vermindert zurechnungsfähig be- 
zeichnet, ihre Straflosigkeit in der modernen Richtung zu folgern (S. 81). 
Soweit die Jugendlichen unter die Klasse der vermindert Zurechnungs- 
fähigen nach V. Liszts letzten Ausführungen fallen, kann auf die späteren 
Erörterungen bezüglich der vermindert Zurechnungsfähigen verwiesen 
werden. 

Wenden wir uns nun Birkmeyers Äußerungen bezüglich der 
unverbesserlichen zu. „Ich selbst leugne die Existenz von unver- 
besserlichen Gewohnheitsverbrechern". So Birkmeyer (S. 12) und 
verweist hierbei auf seinen Münchner, Vortrag (6.S.B. 67 S. 412). Denn 
vom Standpunkt der Willensfreiheit könne es keine Unverbesserlichen 
geben. Dem gegenüber wäre nur zu erinnern, daß gerade auf dem 
Boden der katholischen Kirche, die doch gewiß größtenteils an der 
Willensfreiheit festhält, der Begriff der Inkorrigibilität sich ausgebildet 
bat und auch im kanonischen Strafrecht, sogar bei den die Gnaden- 
wirkungen ihrer Weihe genießenden Priestern Verwendung fand 
z.B.C. 10.X.2. 1. C. 2.x. 5. 27). Was nun den Begriff der ünver- 
hesserlichkeit anlangt, so faßt ihn Birkmeyer schon dadurch ziemlich 
weit, daß er darunter alle Zustandsverbrecher im Sinne v. Liszts 
<S. 76 u. 77) subsumiert, alle, bei denen ein eingewurzelter Hang zum 
Verbrechen vorhanden ist. Es muß zugegeben werden, daß gegenüber 
einer Gruppe von Personen, innerhalb welcher sich die mannigfaltigsten 
Abstufungen der Verschuldung finden, eine Bezeichnung zu finden 
schwierig ist, die der Eigentümlichkeit aller in der gleichen Weise 
^recht wird. Die Bezeichnung als unverbesserlich im strikten Sinn 
mag für die ganze Personengruppe nicht gerade glücklich sein, indem 
sie von der obersten Grenze strafrechtlicher Verschuldung, wo die- 
selbe bereits in Unzurechnungsfähigkeit übergeht, genommen ist. Noch 
schwieriger mag im einzelnen Fall die Zuweisung eines Menschen in 
diese Gruppe werden, da man auf oft recht unsichere Symptome der 
Schuld angewiesen ist. Dieser Schwierigkeiten ist auch v. Liszt sich 
durchaus bewußt, wenn er für die Einreihung in diese Gruppe nicht 
önr allein dem Rückfall indizierende Bedeutung zuweist, sondern auch 
beim ersten Verbrechen die Konstatierung des verbrecherischen Hanges 



62 V. Tesak 

für möglich hält. Wenn bei v. Liszt ^kann zum unverkennbaren 
Ausdruck gelangen", nicht das ^kann" bei der Kritik weggelassen 
wird, so wird man auch schwerlich darauf verfallen, zu meinen, „daß 
nichts leichter wäre, als einen unverbesserlichen Verbrecher auf den 
ersten Blick vom besserungsfähigen zu unterscheiden'' (S. 14). 

Fassen wir den Unverbesserlichen als typischen Endpunkt in 
der Abstufung der Verschuldung einer bestimmten Verbrechergattung 
auf, und sind wir uns bewußt, daß die Unverbesserlichkeit, wenn wir 
die ganze Gruppe der Zustandsverbrecher hierunter subsumieren, nur 
eine symptomatische Bedeutung für eine besonders hohe Schuld hat 
(s. M. E. Mayer, Gutachten für d. 28. d. Jur. T. S. 159. B. 1), so werden 
wir einer genauen Definition dieser Schuldgröße umsomehr enthoben, 
als doch für diese Gruppe die unbestimmte Verurteilung mit Nach- 
prüfung des erstrichterlichen Urteils durch ein Straf vollzugsam t vor- 
gesehen ist Es ist dann nicht notwendig, die Merkmale der Ver- 
schuldung so genau in den gesetzlichen Tatbestand aufzunehmen, daß 
bei einer richtigen Subsumption unter diesen die Möglichkeit einer 
Heranziehung von Elementen mit niederer Verschuldung absolut aus 
geschlossen ist. Und die Zurechnungsfähigkeit der Unverbesserlichen? 
Daß die wirklich Unverbesserlichen, die für jedes Eindringen in die 
Psyche tot sind, zurechnungsunfähig, weil psychisch krank sind, gegen 
die nur eine Sicherungsmaßregel zulässig ist, dürfte von niemand 
außer von dem, der die Möglichkeit eines solchen Zustandes wegen' 
der Willensfreiheit leugnet, bezweifelt werden. Diese scheiden aus 
dem Strafrecht aus und sollen auch ausscheiden, wenngleich sie 
sich heute noch als irre Verbrecher teilweise in den Strafanstalten 
finden (s. Aschaffenburg, Das Verbrechen und seine Bekämpfung. 
II. Aufl. S. 165), während sie als verbrecherische Irre überhaupt nicht 
hätten hineinkommen sollen. Daneben befinden sich unter den, auch 
von V. Liszt unter die Unverbesserlichen gerechneten, Leute, denen 
man eine Unzurechnungsfähigkeit im Sinne eines völligen Fehlens 
einer Motivierbarkeit nicht nachsagen kann. Nur gegenüber unserem 
heutigen Strafvollzug und gegenüber den heutigen sozialen Verhält- 
nissen erscheinen sie als unverbesserlich; Leute, die gegenüber einem 
geänderten Strafvollzug, z. B. dem progressiven, mit größerer Indi- 
vidualisierung, noch determinierbar erscheinen, die insbesondere nach 
ihrer Entziehung gegenüber den schädlichen Emflüssen ihres Milieus 
noch verbesserlich sein mögen. Diese Leute können noch von der 
strafenden Gerechtigkeit erfaßt werden, wenn auch die gegen sie an- 
gewendeten Maßregeln bereits eine Duplizität des Charakters tragen; 
einerseits soll durch ihre Qualität als Übel für die Psyche motivierend 



Dr. Karl Birkmeyer: Was läßt v. Liszt vom Strafrecht übrig? 63 

eingewirkt werden, und insofern tragen sie Straf Charakter, anderer- 
seits sollen aber durch sie die schädlichen Reize des Milieus abge- 
halten werden, wodurch sie in die große Gruppe sozialpolitischer 
Maßnahmen gehören. So können wir die gegenüber dieser Verbrecher- 
gmppe angewendeten Maßregeln, die Straf- und Sicherungscharakter 
tragen, getrost als Sicherungsstrafe bezeichnen. So mag denn der 
Kreiß der Personen, die als Unverbesserliche dem Strafrecht 
entzogen werden müssen, auf das gebührende Maß beschränkt sein. 
So entgehen wir auch, indem wir dem Begriff der Unverbesserlich- 
keit nur symptomatische Bedeutung für eine besondere verbrecherische 
G^innnng beilegen, auch dem Vorwurfe einer Begriffskriminalpolitik 
(Kitzinger, Die intern, krim. Vereinigung. S. 83), indem wir in dessen 
inhaltlicher Homogenität durchaus nicht ein unantastbares Dogma 
der modernen Schule sehen. 

Haben wir diesen Standpunkt eingenommen, so müssen wir auch 
nicht bezüglich der gewerbsmäßigen Verbrecher zum Besultate: weil 
nnverbesserlicb, anormal, deshalb unzurechnungsfähig, deshalb nicht 
strafbar kommen (S. 22 u. ff.). Es entfällt daher auch ein weiteres 
Eingehen auf das Widersprüchesuchen Birkmeyers zwischen zeitlich 
oft weit voneinander liegenden Äußerungen v. Liszts^ die doch nur 
vom Standpunkt einer Entwicklung und nicht von dem eines dog- 
matischen Nebeneinanderbesteh n zum großen Teil betrachtet werden 
dürfen. 

Die unter V. (S. 27) bei Birkmeyer vorkommende Behauptung einer 
Ausdehnung des Begriffs der Unverbesserlichkeit ist aus v. Liszts 
Schriften nicht einzusehen. So führt Birkmeyer (S. 28) v. Liszts Satz 
aus den Aufs. II 399. 400 an: „Besserung im Sinne der bürgerlichen 
Besserung, also der Anpassung an die Forderungen des gesellschaft- 
lichen Lebens, dürfte ausgeschlossen sein, wenn der Verbrecher das 
21. Lebensjahr bei Begehung der That überschritten hat'', woran die 
Fdgerung, weil unverbesserlich, nicht strafbar geknüpft wird. Die 
einen derartigen Schluß unmöglich machende ergänzende Stelle, die 
bei v. Liszt sofort auf die citierte folgt (Aufs. II. S. 400), läßt Birk- 
meyer erst eine Seite später (S. 30, Anm. 66) folgen, jene Stelle, die 
besagt, daß, wenn nicht Besserung, so doch Motivierung durch einen 
Appell an die egoistischen Motive, d. h. Abschreckung, noch möglich 
ist. Damit sind die Vorwürfe Birkmeyers auf die un verbesser 
liehen Zustandsverbrecher über 21 Jahre eingeschränkt, für die das 
bereits Gesagte gilt Wenn schließlich v. Liszt S. 32 wegen der An- 
gabe besonderer Altersstufen der Vorwurf des Formalismus gemacht 
wird, so gilt dieser nicht mehr gegenüber der Betonung des 22. 6e 



64 V. Tesar 

burtstages als Beendigungspunkt für die Besserungsfähigkeit wie 
gegenüber den andern fixen'Altersgrenzen, z. B. den Altersgrenzen bei 
Sittlichkeitsdelikten an Kindern. 

So bleiben uns noch Birkmeyers Bedenken gegenüber der Lehre 
von der verminderten Zurechnungsfähigkeit. Um eine Übersicht über 
den Kreis der Personen zu erhalten, auf den v. Liszts Vorschläge 
betreffs der Behandlung vermindert Zurechnungsfähiger sich erstrecken, 
mögen die Gruppen angeführt werden, die v. Liszt in seinen letzten 
Ausführungen über diesen Gegenstand unter die verminderte Zurecb- 
nungsfähigkeit subsumiert (Mitt. d. I. K. V. B. XIII. S. 476 u. 477 f. 
Es sind Schwachsinnige, mit Neurosen behaftete, an einer chronischen 
Intoxikation leidende, unter dem Einflüsse der Pubertät, der Menstru- 
ation, des Klimakteriums stehende und senile Personen, schließlich die 
Perversen. Da gerade mit diesen Zuständen sich sehr häufig eine 
Gemeingefahr verbindet, geht das Streben der modernen Schule nach 
einem Schutz gegen derartige Personen durch Verwahrung, ein Streben, 
dem auch Birkmeyer zustimmt (S. 52). Daß es sich hierbei um keine 
eigentlich strafrechtliche Aufgabe auch für die moderne Schule han- 
delt, dürfte aus der von ihr hierbei gewünschten Ingerenz des Zivil- 
richters ersichtlich sein (These III u. IV. Mitt d. I. K. V. B. XI IL 
S. 546). 

Der eigentliche Streitpunkt bezüglich dieser Gruppe ist: Können 
diese Personen bestraft werden? Nach v. Liszt seien sie nicht normal 
motivierbar, folglich unzurechnungsfähig, also nicht strafbar; so Birk- 
meyer (S. 37). Anders verhält es sich , wenn man von der Unzu- 
rechnungsfähigkeit ausgeht und diese als vorhanden annimmt, wenn 
die Bestimmbarkeit durch Motive völlig fehlt; dann können wir die an- 
geführten Gruppen nicht unter die Unzurechnungsfähigkeit subsumieren. 
Dies führt uns dazu, daß die zweigliedrige Einteilung, Zurechnungsfähig- 
keit — Unzurechnungsfähigkeit falsch ist, daß wir, um der Natur und 
den hergebrachten Begriffen Zurechnungsfähigkeit und Unzurechnungs- 
fähigkeit keine Gewalt anzutun, ein Mittelglied einschieben müssen, das 
bis jetzt gefehlt. Darf diese Mittelgruppe gestraft werden? Sind diese 
Leute schuldig? Wir können heute, im allgemeinen, obzwar wir uns 
der Gefabren der Verallgemeinerungen gegenüber dem Wesen nach 
oft weit auseinanderliegenden, trotzdem unter einen Begriff gebrachten 
Erscheinungsformen des Lebens bewußt sind, diese Frage bejahen. 
Denn heute spricht die Gesellschaft ihnen gegenüber noch nicht das 
aliön6, das alienus, das Anderssein gegenüber gesellschaftlicher Voll- 
wertigkeit vollkommen aus (s. Lippmann, Mitt d. L K. V. XIII, 524), 
vielmehr fällt sie ihnen gegenüber noch ein Schuldurteil, mag das- 



Dr. Karl Birkmeyer: Was läßt v. Liszt vom Strafrecht übrig? 65 

selbe anch bei Kenntnis ihres Zustandes von geringerer Strenge sein. 
Es mag ja einmal die Gesellschaft, nach Verbreitung der fortgeschrittenen 
medizinischen Forschungen in ihr, diesen Menschen die ^similitude 
sociale'' (Tarde) vollkommen absprechen; dann wird auch das Fallen 
der Strafe ihnen gegenüber gerechtfertigt erscheinen. Vorläufig stellt 
die Bestrafung der vermindert Zurechnungsfähigen ebenso richtiges 
Recht dar, wie vor Jahrhunderten die Bestrafung von Tieren und 
leblosen Gegenständen. So mag auch v. liszts „Kompromisvorschlag*' 
den Volksanschauungen solange entsprechen, als die Ansichten ein- 
zelner Psychiater über die große Verschiedenheit des Innenlebens 
dieser Personengruppen von dem der Durchschnittsmenschen noch 
nicht Gemeingut des Volkes geworden, er mag aber nur den 
Dnrchgangspunkt bilden zur Straflosigkeit, die einer hohem Ent- 
wicklungsstufe in der Auffassung der „similitude sociale^ entspricht. 
Von diesem Gesichtspunkt aus mag, dem Kompromißvorschlag v. Liszts 
gegenüber, Birkmeyers Beurteilung als nicht gerechtfertigt erscheinen. 
Aber Birkmeyer kommt es nicht so sehr darauf an, ob die ver- 
mindert Zurechnungsfähigen gestraft werden oder nicht, als vielmehr 
darauf, daß durch die Aufnahme der verminderten Zurechnungsfähig- 
keit ins Strafrecht die Psychiater in ihm mehr Macht erlangen, was 
unbedingt zu vermeiden ist. Denn, wenn sie einmal über die ver- 
minderte Zurechnungsfähigkeit zu entscheiden haben, verminderte Zu- 
rechnungsfähigkeit aber nach ihrer Meinung nicht strafbar ist, werden 
sie jeden Verbrecher als vermindert zurechnungsfähig erklären und 
dadurch dem Strafrecht entziehen (S. 64). Da die Psychiater nicht 
an die Vergeltung (S. 60) „glauben", sind sie vom Strafrecht möglichst 
fernzuhalten. Durch die verminderte Zurechnungsfähigkeit aber haben 
die Psychiater, die Feinde des Straf rechts, die Bresche gefunden, 
durch welche sie in die belagerte Festung eindringen und sie zer- 
stören können (S. 63). Daß damit die moderne Sichtung wegen ihres 
Sympatbisierens mit den Feinden des Strafrechts gleichsam eines 
Landesverrates beschuldigt werden soll, kann sie ruhig hinnehmen, 
ausgehend von der Überzeugung, daß wahre Wissenschaft nur un- 
bewiesene Dogmen zerstören könne. Vielmehr spricht doch gerade 
die Freundschaft mit den Psychiatern für die moderne Schule, indem 
sie die reichen Erfahrungen dieser Personen, die für unser heutiges 
Strafrecht nicht nur als Psychiater, sondern überhaupt als berufs- 
mäßige Psychologen in Betracht kommen, für sich zu verwerten sucht, 
nm den Vorwürfen zu entgehen, daß ein großer Teil der Leute, die 
beute in den Strafanstalten als geisteskrank erkannt werden, es bereits 
im Zeitpunkt der Verurteilung waren (Aschaffenburg, Das Verbrechen 

Arehir fOr ErimiiiaUiithropologie. XXVI. ^ 



66 V. Tesab 

und seine Bekämpfung. II. Aufl. S. 165). Daß man im Lager der 
klassischen Schule selbst mit den Feinden zu sympathisieren anftogt, 
das mag Birkmeyer mit Bedauern konstatieren (S. 64), für die »Mo 
dernen" ist es jedoch ein neuer Beweis für die Richtigkeit der ein- 
geschlagenen Richtung, sich gegen die Psychiater nicht mit dem Wall 
unantastbarer Dogmen zu verschanzen, sondern ihrer Wissenschaft 
wie jeder andern willig Eingang zu gewähren. -^ 

So, glaube ich, können wir sagen, daß v. Liszt und die moderne 
Schule genug übrig lassen, das als Grundlage für den Neuaufbau 
eines Strafrechtssystems dienen kann. Wenn Birkmeyer (S. 96) es 
als weise Vorsicht bezeichnet, daß man mit einem Vorentwurf auf 
Grund der neuen Ideen noch nicht zu Tage getreten, da die Undurch- 
führbarkeit der modernen Ideen sich dadurch zeigen würde, so sei 
demgegenüber darauf hingewiesen, daß die als undurchführbar be- 
zeichneten Ideen bereits größtenteils, wenn auch nicht in Deutsch- 
land durchgeführt sind oder in Strafgesetzentwürfen der Durch- 
führung harren. Bezüglich der unverbesserlichen verweise ich auf 
die Schweizer Entwürfe, das norweg. St.G.B., bezüglich der be- 
dingten Verurteilung auf Frankreich, Belgien, bezüglich der unbe- 
stimmten Strafurteile auf einzelne Staaten Nordamerikas (bezüglich 
Deutschland vgl. v. Liszt, E. F. Klein und die unbestimmte Verur- 
teilung, Aufs. II, S. I33j. Was schließlich v. Liszts Geringschätzung 
der Strafe anlangt, so gilt diese hauptsächlich gegenüber der Unzu- 
länglichkeit des heutigen Systems mit Recht, wie die Rückfallstatistiken 
beweisen. Sie ist femer nur relativ gegenüber der Wertschätzung 
der sonstigen sozialpolitischen Maßregeln zum Schutz der Gesellschaft 
vor dem Verbrechen. Es ist daher gerade eine ümkehrung der Sach- 
lage, wenn Birkmeyer zum Schluß vor der modernen Richtung warnt, 
indem er einen Satz aufstellt, der vielmehr von den „Modernen" auf- 
gestellt werden könnte, indem er die Strafe als wirksamstes Be- 
kämpfungsmittel gegen begangene Verbrechen bezeichnet, die unent- 
behrlich zum Schutz der menschlichen Gesellschaft ist. Findet doch 
auch V. Liszt die Rechtfertigung der Strafe in ihrer Notwendigkeit 
zum Schutz der Gesellschaft Es ist daher nicht zutreffend, wenn die 
neue Schule nur in ihrer Tätigkeit als niederreißend dargestellt wird 
als eine Schule, die das alte Strafrecht angeblich vernichtet und gleich- 
sam sympathisierend mit dem Verbrechen das Verbrecherheer auf die 
Menschheit losläßt. Gerade umgehrt! Ausgehend von der Unzuläng- 
lichkeit der herrschenden Strafe setzt sie Neues an die Stelle des Alten, 
zum erhöhten „Schutz der Gesellschaft und der menschlichen Rechts- 
ordnung vor dem Verbrechen". 



VI. j 



Kriminalpsychologie und Straipo]]tik. 

Vortrag, gehalten am 17. November 1906 in der foren8isch-p8ychologi8chen 
Vereinigung in Heidelberg 

Von Professor Dr. Hans Gross. 



Ich danke Ihnen, meine Herren, vor allem für die Aufforderung, 
vor Ihnen zu sprechen, in Heidelberg, das für jeden akademischen 
Menschen einen unvergleichlichen Zauber besitzt und wo gerade von 
mir besonders verehrte Lehrer wirken. Dazu kommt, daß Sie mir 
über einen Gegenstand zu sprechen gestatten, der in unseren Tagen 
von Bedeutung ist. Niemand zweifelt daran, daß die psychologischen 
Momente in jedem künftigen Strafgesetz großen Einfluß gewinnen 
werden. Vor der Schaffung eines neuen Strafgesetzes stehen aber 
Sie in Deutschland und wir in Österreich, hüben und drüben können 
wir nur gewinnen, wenn wir uns dieser schweren Arbeit Schulter an 
Schulter unterziehen und uns über wichtige grundlegende Prinzipien 
aussprechen und vielleicht auch einigen. 

Sehen wir zu, was wir als Ausgangspunkt für ein neues Straf- 
gesetz einbringen, so finden wir, daß Sie das verhältnismäßig neuere 
und modernere Gesetz bieten — wir, so unwahrscheinlich es klingt, 
stelleu das nationalere Gesetz — eine Tatsache, die nicht als unwichtig 
angesehen werden darf. Es wird immer gesagt, seit dem letzten Reichs- 
gesetz in Strafsachen, der C. C. C, seien wir getrennte Wege gegangen, 
die Entwicklung unserer Strafgesetze erfolgte völlig unabhängig von 
einander. Ich habe nicht zu untersuchen, welchen guten oder schlim- 
men Wirkungen der so starke französische Einfluß auf das reichs- 
deutsche Str.G. gehabt hat, ich darf aber sagen, daß sich das öster- 
reichische Str.G. von der C. C. C. über die Theresiana und Josephina auf 
gut deutschem Boden ohne wesentlichem fremden Einfluß entwickelt 
hat, so daß unser altes Gesetz immerhin als Spiegelbild nationaler 
Entwicklung von Wichtigkeit sein muß. Unser Str.G., früher immer beiseite 
geschoben und wenig berücksichtigt, hat erst in allerletzter Zeit eine 



68 VI. Gross 

gewisse Würdigung erfahren, seitdem man wahrnahm, wie korrekt 
seine Redaktoren gedacht haben — es ist nicht unmöglich, daß manche 
seiner Bestimmungen neues Leben bekommen werden. Dies gilt 
namentlich von Normen, welche man heute nur mit Hilfe umständ- 
licher und langweiliger Dekretierungen zu lösen vermeint und die das 
alte österreichische Gesetz mit einem einzigen Worte in naiver, aber 
psychologisch richtiger Weise entschieden hat. Ich glaube deshalb, 
daß eine sorgfältige Untersuchung darüber, ob und welche Bestim- 
mungen aus dem zwar arg veralteten, aber national entwickelten und 
psychologisch korrekt gebildeten österreichischen Str.6. etwa über- 
nommen werden könnten, eine der wichtigen Vorarbeiten bilden wird, 
welche geleistet werden müssen, bevor an die eigentliche Schaffung 
des neuen Str.6. geschritten werden darf. 

Fragen wir, was außerdem noch an Vorarbeiten für das neue 
Str.6. geschaffen werden soll, so stellen sich einige Momente als not- 
'wendig heraus. 

1. Vor allem muß „die vergleichende Darstellung des deutschen 
und ausländischen Str.R." fertig vor uns liegen. Als die Schaffung 
dieses Werkes beschlossen und in Angriff genommen wurde, haben wir 
es alle für recht zweckmäßig und förderlich befunden, seitdem aber 
einige Bände des in seiner Art einzig dastehenden Standard work 
vorliegen, sei dem wissen wir den unabsehbaren Wert dieser groß- 
artigen Arbeit einzusehen, wir begreifen, daß ohne diese, für alle 
Zeiten giltige 6rundlage weder Ihr, noch unser Str.6., noch über- 
haupt ein für kultivierte Leute bestimmtes, geschaffen werden kann. 

2. Das zweite, notwendige Moment liegt darin, daß wir wenig- 
stens in den äußersten Umrissen eine Ätiologie des Verbrechens auf 
6rund allgemeiner moralstatistischer Arbeiten besitzen sollten. Auf 
deren unabsehbare Wichtigkeit wurde unzählige Male hingewiesen, 
und es haben namentlich v. Liszt, 6erland, Köbner u. a. dargetan, in 
welcher Richtung eine moderne Kriminalstatistik gearbeitet sein muß. 
Die mühsam zusammengestellten Zifferkolonnen, die zeigen, wie viel 
Leute innerhalb eines gewissen Zeitraumes wegen Verbrechens des § X. 
oder Übertretung des § Y. verurteilt wurden, wie alt die Bestraften 
waren, wie groß der Prozentsatz Freigesprochener ist, welcher Nation 
und Religion, welcher Bildung und welchem Stande die Leute ange- 
hört haben, und hundert andere zum Teile verläßliche Daten sind von 
großem allgemeinen Interesse, sie sind auch für manche Sonderfragen 
der 6esetzgebung8technik von Bedeutung, aber der eigentlichen öe- 
setzgebung im großen Stil, der Kriminalpolitik, bringen die starren 
und doch wieder nach Belieben beugsamen Zifferreihen wenig Förde- 



Kriminalpsychologie und Straf pol itik. 69 

rung. Es ist z. B. bezeichnend, daß eine nach der ingeniösen Me- 
thode von Otto Köbner ausgearbeitete und so überaus wichtige Rück- 
falisstatistiky nichts anderes ergeben hat, als was man kriminalpsycho- 
logisch und konstruktionsgemäß ohnehin schon längst ausgerechnet 
hatte; freilich war dieser Nachweis wichtig genug. 

Was wir brauchen und kaum in den ersten Anfängen besitzen, das 
wäre eine Vergleichung und Verwertung der Ergebnisse aus der großen 
allgemeinen Statistik mit und auf unsereSondererfahrungen. Die Statistik 
des Gewerbes, des Vermögens, der Wohnungs-, Wanderungs- und Seß- 
baftigkeitsverhältnisse, die Moral- und Sittlichkeitsstatistik, die stat. 
Ergebnisse über hygienische Momente, die Statistik der sozialen Be- 
w^ng, der Eeligions- und Bildungsfragen, der Auswanderung, des 
Zuges nach der Stadt, der Ehelichkeit der Geburten, der Eheschließungen, 
der Kinderzahl, der Ernährung, Krankheiten, Armenverpflegung und 
vieler anderer wichtigen Momente enthält Klärung, Sicherstellung und 
Anhaltspunkte für unsere Fragen in unabsehbarer Menge. Sie müssen* 
aber erst aus den Zifferreihen herausgesucht, ängstlich geprüft und 
auf eine unserer Fragen nach der anderen sorgfältig angepaßt werden. 

So allein kämen wir in allerdings mühsamer und langwieriger 
Arbeit zur Ätiologie des Verbrechens. Welchen Wert solche Arbeiten 
haben, sehen wir aus den Versuchen, die mit dem Anpassen der Er- 
gebnisse aus der medizinischen Statistik gemacht wurden: es scheint, daß 
wir doch einige Klärung erhalten, wenn wir die Kolonnen der heutigen, 
lediglich konstatierenden Kriminalstatistik parallel stellen mit jenen 
der Statistik über unsere großen Volkskrankheiten, namentlich sind 
Tuberkulose, Lues, Hysterie, Epilepsie, Alkoholismus, aber auch 
Rachitis, Gicht und Anämie etc. wegen der mit ihnen verbundenen 
psychologischen Schwächung und verminderten Widerstandsfähigkeit 
von größter Bedeutung. Das ist so ungefähr die einfachste und am 
leichtesten durchzuführende Arbeit, sie zeigt uns wenigstens in 
weiten Zügen den Weg, den wir bei anderen statistischen Arbeiten 
einzuschlagen hätten und welche Erfahrungen wir hierbei machen 
könnten. 

3. Ähnlich verhält es sich mit der in der Entwicklung begriffenen 
Erscheinungslehre des Verbrechens. Fragt die Ätiologie des Verbrechens 
nach sdner Entstehung, so will die Erscheinungslehre die äußere 
Form des Verbrechens untersuchen und feststellen, um aus ihr Rück- 
schlüsse auf das innere Moment zu versuchen. Wir wissen heute, daß 
jeder äußeren Erscheinung ein inneres Moment als Korrelat entspricht, 
und umgekehrt; wir halten als Grundprinzip fest, daß unser Straf- 
prozeß nichts anderes ist, als die Frage nach der Kausalität: wir 



70 VI. Gross 

fragen, ob der Verdächtigte verantwortlich kausal zur Tat ist, und nennen 
jeden Umstand prozessual relevant, der zum Hergange relevant ist. 
Wie also ein Verbrechen begangen wird, welche Formen es anzu- 
nehmen pflegt, welche äußere Einflüsse maßgebend sind, was wir 
dabei Typisches wahrnehmen, welche Verschiedenheiten zutage treten, 
wovon das Typische und das Verschiedene abhängt, welche Grup- 
pierungen zulässig sind, wie sich die Erscheinung des Verbrechens 
nach Zeit und Ort ändert, oder was chronisch und international ist, 
was berücksichtigt wird und was gleichgiltig bleibt, wie sich das 
einzelne Verbrechen gestaltet aus der Hand des Neulings und des 
Vielerfahrenen, was uns an der Erscheinung begreiflich und seltsam 
erscheint, was regelmäßig und was ausnahmsweise geschieht, wie die 
äußeren Verbindungen und Zusammenhänge hergestellt und unter- 
halten werden und wie das Verbrechen wieder aus der Außenwelt 
verschwindet — das Alles muß wichtig und zum Verständnisse des 
psychologischen Moments unentbehrlich sein. — 

Allerdings: wie die Verhältnisse heute drängend stehen, können 
wir weder die Schaffung einer Ätiologie des Verbrechens auf moral- 
statistischer Grundlage, noch die einer vollständigen Erscheinungs- 
lehre des Verbrechens abwarten und die Bildung eines neuen Straf- 
gesetzes auf diese unabsehbare Zeit hinausschieben; aber wir ver- 
langen einerseits Berücksichtigung des in beiden Richtungen Ge- 
schaffenen und andererseits die Anerkenntnis, daß alles, was hier noch 
geschaffen werden wird, kriminalpolitisch maßgebend ist, und so sei 
schon jetzt darauf hingewiesen, daß wir große, weite Gesetzesformen 
haben müssen, in welchen spätere Erkenntnis Raum findet — mit 
den vielen kleinlichen, engen Bestimmungen heutiger Gesetze langen 
wir nicht mehr aus. — 

4. Was wir aber unbedigt brauchen und was lange eher fest- 
gestellt sein muß, bevor wir überhaupt an die Ausarbeitung eines 
Str.G. herantreten dürfen, ist die Feststellung eines Prinzipes, eines 
das gesamte Str.G. durchziehenden Prinzipes, welches den Gesetzgeber 
geleitet hat und den Richter leiten soll. Nicht als ob es ausdrück- 
lich aufgestellt werden müßte — dies wäre ebenso gefährlich, als 
ob man eine Strafrechtstheorie im Str.G. aufstellen wollte — wohl 
aber muß es erkennbar sein, es muß sich aus dem Aufbau, dem 
Prinzip und den einzelnen Bestimmungen gleichmäßig und konsequent 
entnehmen lassen und gestatten, Auslegungen und Ergänzungen aus 
ihm sinnrichtig vornehmen zu können; es hat den Anschein, als ob 
bislang in der Strafpolitik das psychologische Prinzip viel zu 
wenig berücksichtigt worden wäre. Sehen wir uns nun um, wie das- 



Kriminalpsychologie und Strafpolitik. 71 

selbe in unserer Arbeit herangezogen werden sollte, so sagen wir, 
die uns maßgebenden Momente vornehmend, wieder: 

Wille ist der innere Effekt der stärkeren Antriebe, — 
Handlung der äußere Effekt der stärkeren Antriebe, — 
Strafe ist die autoritativ aufgestellte Hemmungs Vorstellung wider 
die das Zusammenleben erschwerenden oder unmöglich machen- 
den Vorgänge — 
und wenn also das Str.G. die Aufgabe hat, auf den sogenannten 
Willen und jenen Begriffskomplex, den wir Psyche nennen, zu wirken, 
so muß auch das psychologische Moment das einzige sein, welches 
als das leitende Prinzip des Str.G. angesehen werden kann. In das 
Tatsächliche übersetzt heißt dies also: es muß jeder Vorgang, der 
strafbar sein soll, und alle Momente, welche auf sein Zustandekommen 
einwirken oder mit ihm auftreten, psychologisch untersucht und 
festgestellt werden, welche Strafe als Hemmungsvorstellung einzu- 
setzen ist, wenn sie prinzipgemäß die Erschwerung des Zusammen- 
lebens verhindern soll. 

Wir haben also immer zu fragen: was und wie gestraft werden 
soll, und sehen wir zu, wie man bei Erledigung dieser Fragen vor- 
gegangen ist, so kann nicht geleugnet werden, daß dies häufig ledig- 
lich nach Befinden geschehen ist. Denn gäbe es ein festes, logi- 
sches und auf bestimmter Grundlage aufruhendes Prinzip, so könnte 
nicht die große internationale und wissenschaftliche Verschieden- 
heit bestehen, nach der Vorgänge als strafbar oder nicht strafbar auf- 
gestellt werden. Legen wir uns die einzelnen Deliktsgruppen in irgend 
einem Strafgesetz zurecht, so finden wir allerdings bei jeder gradativ 
ein Prinzip. Delikte gegen Leib und Leben, gegen das Eigentum, 
gegen die Freiheit, gegen die Ehre etc. haben irgend ein leitendes 
Prinzip, aber bei jeder Gruppe hegt ein anderes zugrunde, was wir 
namentlich bei den politischen und religiösen Delikten sowie jenen 
gegen die Sittlichkeit mit voller Deutlichkeit wahrnehmen können; ein 
wechselndes Prinzip ist aber überhaupt keines, und so dürfen wir 
sagen, daß die Frage nach dem, was gestraft wird eigentlich ohne 
Prinzip erledigt wurde. 

Noch klarer wird dies, wenn wir nach dem Wie der Strafe 
sehen, da hier die verschiedenen Prinzipe mit voller Deutiichkeit zu- 
tage treten, wenn sie überhaupt bestehen. Vor allem lag es nahe, 
die schwersten Verbrechen: Hochverrat, Mord etc. mit den schwersten 
Strafen zu belegen, welche das jeweilige Strafensystem kannte. Das 
nächste Prinzip fand man naturgemäß in einer gewissen Relation: 
man mußte wohl Tötung strenger bestrafen, als Körperverletzung, 



72 VI. GR088 

Notzucht mehr als Unzucht, Brandstiftung mehr als gewöhnliche Sach- 
beschädigung, Raub mehr als Diebstahl, Verleumdung mehr als Be- 
leidigung. Endlich gab es bei einzelnen Delikten eine Anzahl von 
Prinzipien, die durch die Zeit und Verhältnisse gegeben waren; Raub 
war ein besonders bedenkliches Delikt, als sich Handel und Wandel 
fast nur auf offener Landstraße bewegten; Brandstiftung mußte mit 
aller Gewalt unterdrückt werden, weil es keine Feuerversicherung 
gab; Banknotenfälschung war gefährlich, weil die Technik bei Er- 
zeugung der echten Noten noch wenig entwickelt war. Hiermit sind 
wir aber mit den „Prinzipien" zu Ende, und kein Mensch vermag zu 
sagen, wie man auf eine der heute bestehenden Strafen für Meineid, 
Sachbeschädigung, Münzfälschung, Aussetzung, Urkundenfälschung, 
Betrug etc. geraten ist; es hat auch noch niemand versucht, diesfalls 
eine Erklärung und Rechtfertigung aufzustellen, oder zu untersuchen, 
wann und warum z. B. für eine Verletzung an Eigentum oder an Leib 
und Leben oder an Freiheit und Ehre die genau gleiche Strafe ver- 
hängt werden kann. Unsere Zeit, welche aus ist auf eine Umwertung 
aller Werte, verlangt nun aber auch die Feststellung des Wertes einer 
Strafe und fragt, wit welchem Rechte man bisher einen bestimmten 
Wert eingesetzt hat. Wenn ich mir um 10 Taler Bücher kaufe oder 
um den gleichen Betrag Nahrung oder Kleider, so ist damit nicht 
gesagt, daß diese Dinge den gleichen Wert haben, sie besitzen nur 
den gleichen Preis; aber Preis und subjektiver Wert ist in gewisser 
Beziehung wieder dasselbe, und wenn ich um 10 Taler Nahrung 
brauche, so sind mir Bücher im Preise von 10 Taler im Augenblick 
wertlos. Wenn also unter Umständen auf Tötung die gleiche Strafe 
ausfällt, wie auf schwere Eigentumsschädigung, so ist zwar damit 
nicht gesagt, daß Leben und ein gewisses Maß von Eigentum gleichen 
Wert hat, aber im strafrechtlichen Effekt kommt es auf dasselbe hin- 
aus, und wir haben also auch hier auf die momentane und lokale 
Einwertung, die das Volk vornimmt, sorgfältige Rücksicht zu nehmen. 

Freilich wird man sagen, es hätten sich die einzelnen Wertan- 
sätze oder Strafbestimmungen historisch entwickelt; irgendwo, wenn 
auch zeitlich weit zurückgelegen, mußte man anfangen, und ist viel 
Zeit vergangen, so dürfe man um den justus titulus der damaligen 
Strafbestimmung nicht mehr fragen : darin liege die gewaltige Macbt 
des historischen Momentes. 

Aber, welche Bürgschaft besitzen wir dafür, daß man in jenem 
fernen Zeitpunkt auf irgend einer uns unbekannten Grundlage richtig 
eingewertet hat, weiter ob man im Laufe der Zeit die neuen Ein- 
flüsse richtig einwirken ließ und endlich, ob sich diese fortererbten 



Kriminalpsychologie und Strafpolitik. 73 

und vielfach umgewandelten Werte mit unseren heutigen Verhält- 
nissen vertragen? Auch hier hat der Respekt vor der historischen 
Macht sein Ende, und es erübrigt nichts, als jedes einzelne Delikt 
auf seine psychologischen Bestandteile zu zerlegen, diese zu unter- 
suchen, und festzustellen, welche Strafe als Hemmungsvorstellung 
wirksam sein könnte, um bei normalem Beagieren dem Antriebe zum 
Verbrechen mit Erfolg entgegenwirken zu können. 

Selbstverständlich glaubt niemand, daß man bei diesen psycho- 
logischen Auswertungen direkt zu Ziffern und Zahlen gelangen 
und entnehmen können wird, wieviel an Strafe auf jedes Delikt zu 
verhängen ist — aber wir bringen die einzelnen Werte auf 
gemeinschaftlichen Nenner und haben — vielleicht allerdings 
nach manchen Schwierigkeiten und Irrtümern — wenigstens die Mög- 
licbkeit, eine konsequente und sinngemäße Gleichförmigkeit erreichen 
zu können. 

Eine Untersuchung des psychologischen Momentes in den ein 
zelnen, uns möglichen Strafmitteln würde zu weit führen, da diese 
für jedes einzelne umständlich genug wäre. Es genüge die Behaup- 
tung, daß die Todesstrafe psychologisch unmöglich ist, daß weder 
Sie in Deutschland, noch wir in Österreich weiter das entsetzliche 
brandmarkende und vernichtende Wort „Zuchthaus'' (statt Kerker) 
verwenden dürfen, da sein Gebrauch einer verstümmelnden Strafe gleich- 
kommt, und daß wir endlich vom psychologischen Standpunkte aus 
gezwungen sind, einen Ersatz für die Geldstrafe zu suchen; sie führt, 
trotz allen Drehens und Wendens, doch immer zur Empfindung: „Der 
Reiche kann zahlen, der Arme wird eingesperrt/ Die destruierende, 
unabsehbar demoralisierende Wirkung dieses Satzes muß beseitigt 
werden. — 

Legen wir uns einige Beispiele zurecht, und konstruieren« wir 
psychologisch. Vorerst ein allgemeines, etwa Rückfall mit allen seinen 
Konsequenzen: Gewohnheitsverbrechen,* [gewerbemäßiges Verbrechen 
etc.; sagen wir, der A stünde vor der erstmaligen Begehung etwa 
eines Diebstahls und scheiden wir alle Sonderwirkungen (Affekt, große 
Notlage, besonders günstige Gelegenheit etc.) aus, so daß bloß normale 
Verhältnisse vorliegen. Für die Begehung wirken nun etwa: üble 
Veranlagung, schlechte Erziehung, böses Beispiel, Trägheit, Sucht 
nach mühelosem Wohlleben, Gleichgiltigkeit gegen die Meinung der 
Mitmenschen etc. Gegen die Begehung: Spuren von Gewissen, Re- 
ligion und Ehrgefühl sowie alle anderen besseren Regungen und 
hauptsächlich Furcht vor dem Ertapptwerden und der nun folgenden 
Strafe. Diese wird, wie es auch psychologisch erklärlich ist und 



74 VI. Gross 

wie es auch jede Erfahrung lehrt, vor der Begehung ziffermäßig ver- 
veranschlagt: „wieviel riskiere ich ?" lautet die bekannte Formel, nach 
ihr wird dann richtig oder unrichtig berechnet Nun wirken die ge- 
nannten Überlegungen pro und contra Begehung, und welche Kom- 
ponenten stärker sind, diese ziehen die Resultierende auf ihre Seite. 
Sagen wir die Tat wird begangen, der A. wird bestraft und steht 
wieder vor der Möglichkeit der Begehung eines Diebstahls. In der 
unvergleichlich größter Zahl der Fälle sind nun die Kräfte pro und 
contra dieselben geblieben. Veranlagung, Erziehung, genossenes Bei- 
spiel, Trägheit, Gleichgiltigkeit etc. können sich ebensowenig geändert 
haben, als die früheren Spuren besserer Neigungen sich nicht erhöht 
haben werden. „Aber er kann sich gebessert haben'' — wir fragen 
lediglich: „was soll sich gebessert haben?". Die schlechten Trieb- 
federn (Anlage, Erziehung etc.) können sich nicht bessern, und wo- 
her er mehr Ehrgefühl, Gewissen, Religion etc. bekommen haben soll 
läßt sich nicht sagen. Die einzige variierbare Kraft ist die Aussicht 
auf Strafe, und weil im ersten Falle die Tat begangen wurde, ist 
der Schluß a contrario gestattet: „Damals war das Moment der 
drohenden Strafe zu schwach, denn sonst hätte ihn dasselbe abge- 
halten." Wir müssen also konstruktionsgemäß sagen: 

1 . Die Wiederbegehung einer Tat, i. e. Rückfall ist die Regel, weil 
die früher wirkenden Kräfte dieselben geblieben sind und kein Grund 
zur Annahme vorliegt, daß dieselben jetzt sich anders äußern sollten; 

2. Wird einer, der ein Verbrechen begangen hat (abgesehen von 
Affektverbrechen, Delikten aus Not oder besonderer Gelegenheit 
nicht rückfällig, so ist dies als Ausnahme anzusehen, da gleichbleibende 
Ursachen stets die gleiche Wirkung äußern müssen; 

3. Tritt diese Ausnahme ein, d. h. wird Einer nicht rückfällig, 
so ist daran regelmäßig die variierbare Größe, die Strafe schuld; 

4. Die Tatsache, daß einer rückfällig wurde, beweist somit, daß 
die Wirkung der ersten Strafe zu schwach war; 

5. Es muß für jeden Fall progressive Strafe angedroht und voll- 
zogen werden; dann weiß jeder, daß er schon beim ersten Rückfall 
empfindlicher gestraft wird, und daß die Strafe jedesmal größer wird: 

6. Dies wird so lange fortgesetzt, bis konstatiert wird, daß der 
Verurteilte nicht reagiert — dann tritt Sicherungsstrafe ein; 

7. Die vagen und schwierigen Begriffe des gewohnheits- oder 
gewerbemäßigen Verbrechens, die psychologisch nicht faßbar sind, 
hätten ganz zu entfallen, Sprünge im strenger Strafen sind sinnlos, es 
kann nur versuchend progressiv vorgegangen werden. — 

Hierzu einige Beispiele aus dem besonderen Teile. 



Kriminalpsychologie und Strafpolitik. 75 

Etwa KindestötuDg. 

Wir wissen, daß die besonders milde Behandlung der Kindes- 
lotung ihren Grund zum Teil in der, durch die Geburtsvorgänge ver- 
anlaßten psychopathischen Geistesverfassung, zum Teile in den über- 
wältigenden Sorgen wegen des Unterhaltes und der bevorstehenden 
Schande sucht (sogen. Ehrennotstand). 

Wir wissen auch, daß eine Anzahl von neuem Gesetzgebungen 
diesen „Ehrennotstand" allein als maßgebend angesehen haben (s. die 
Ausführungen v. Liszt^ in der „Vergl. Darstellung" Bd. V, p. 106 ff.) 
— aber unter allen Umständen wird doch der psychopathische Zu- 
stand bei der Geburt als Ursache angenommen werden; denn wenn 
ein Mädchen die Geburt ihres Kindes etwa fünf Jahre verheimlichen 
konnte und, als Entdeckung jetzt erst drohte, das Kind jetzt tötet, so 
wird ihr niemand die Milderung zubilligen, wenn sie auch erst jetzt 
in den „Ehrennotstand'' geraten ist; kurz, der abnorme Zustand bei 
nnd sofort nach der Geburt ist das mildernde, wenn überhaupt Kindes- 
totung milder bestraft wird als andere Tötung. Wir müßten also vom 
^'infach psychologischen Standpunkte aus sagen: die erschütternden und 
schwächenden Einflüsse bei dem Geburtsvorgange wirken derart ver- 
wirrend, daß die Furcht vor Not und Schande mit abnormer Kraft 
ausgestattet wird, und die normalen Instinkte auf Beschützung des 
Neugeborenen überwältigt. Diese Überlegungen setzen nun aber 
voraus, daß der für uns maßgebende Entschluß zur Tötung infolge 
und während der psychopathischen Geburtsvorgänge entstanden 
und gefaßt worden ist. Wir fragen aber, ob man auch nur einen 
einzigen Fall kennt, in welchem der geschilderte Hergang nachweis- 
bar gewesen ist? 

Wenn eine unehelich Geschwängerte ihren Zustand vor der Ge- 
burt nicht geleugnet und Vorbereitungen für das zu erwartende Kind 
getroffen hat, wenn sie auch nicht im Geheimen entbunden und Bei- 
stand herbeigerufen hat — dann hat sie aber gewiß noch nie, etwa 
in einem unbewachten Augenblick, das Kind getötet. Dies müßte 
aber vorkommen können, wenn das Töten von psychopathischen Vor- 
gängen bei der Geburt kausiert wäre. 

In allen Fällen, in welchen aber ein Kind bei der Geburt ge- 
tötet wurde, hat die Mutter eher die Schwangerschaft geleugnet, hat 
keine Vorbereitungen für das Kind getroffen, hat im Geheimen ent- 
bunden und keinen Beistand herbeigerufen — sie hatte also den Be- 
schluß, das Kind zu töten, schon lange vor der Geburt gefaßt, und 
die physiologischen und psychologischen Momente können auf diesen 
Entschluß unmöglich schon eingewirkt haben. 



76 VI. Gross 

Untersuchen wir also die ganze Frage vom psychologischen 
Standpunkte aus, so müssen die gesamten psychopathischen Einwir- 
kungen bei und nach der Geburt, welche seit ungefähr 100 Jahren 
im Strafrecht eine so große Rolle gespielt und so viele Schwierig- 
keiten verursacht haben, aus unseren Erwägungen völlig ausgeschlos- 
sen werden: sie haben psychologisch nie gewirkt. 

Wir kommen daher diesfalls zu dem Schlüsse, daß wir, die wir 
doch auch den Kindsmord privilegiert und milde behandeln wollen, 
hiefür ganz andere Erwägungen aufsuchen müssen; — ob wir mit 
der Lehre vom sogen. Ehrennotstand unser Auslangen finden werden^ 
ist sehr fraglich. — 

Ein weiteres Beispiel soll zeigen, wie wir uns vielleicht die Frage 
der Noch Verantwortung beim Kausalnexus erleichtem können. Die 
Schwierigkeit liegt natürlich darin, daß wir an einem bestimmten 
Punkte mit mehr oder weniger Berechtigung plötzlich sagen: „hier 
ist die Reihe der Kettenglieder von Ursache und Wirkung so lang, 
daß wir keine Verantwortung mehr annehmen dürfen''. Ich erinnere 
an das immer gebrauchte Beispiel von dem Verletzten, der im Spitale 
stirbt War die unmittelbare Todesursache eine im Spitale erlittene 
Infektion, so verantwortet der Täter den Tod: wurde der Verletzte von 
dem zufällig einstürzenden Dache des Spitales erschlagen, so verant- 
wortet der Täter den Tod nicht mehr. 

Welcher Unterschied liegt aber, auf den bösen Willen des Täters 
angepaßt, hier vor? Gewöhnlich hilft man sich damit, daß man die 
Verantwortung entfallen läßt, wenn etwas Außergewöhnliches, ein 
purer Zufall eingetreten ist, und wie alle diese Hilfen, die nicht helfen, 
heißen mögen; gelöst ist die Frage erst, wenn wir auf psychologischem 
Wege eine Anpassung an die Schuld des Täters zu finden vermögen. 

Nehmen wir Aussetzung als Beispiel und fragen wir, was sich 
der Täter bei der Verübung sagen mußte: er konnte naturgemäß 
nichts anderes in Erwägung ziehen, als: „Entweder wird der Aus- 
gesetzte gerettet oder er geht zugrunde — ich nehme auch die zweite 
Möglichkeit auf mich''. Weiter, als die Erwägungen des Täters waren, 
können wir auch den Kreis der Verantwortung nicht ziehen, und 
müssen sagen: die vom Täter psychologisch aufgestellte Alternative 
schließt allerdings auch den Kreis der Möglichkeiten und der Kette 
von Ursache und Wirkung: ist also eine dieser beiden Möglichkeiten ein- 
getreten, so ist auch der Kausalnexus geschlossen ; ist der Ausgesetzte 
von einem Dritten aufgenommen, so ist auch die eine Alternative 
geschlossen und alles, was jetzt kommt, hat der Täter nicht mehr zu 
verantworten, es beginnt eine neue Reihe von Ursache und Wirkung 



Krimmalpsychologie und Straf politik. 77 

w laufen, und diese hatte der Täter in seine Erwägungen nicht ein- 
^^escblossen. 

Selbstverständlich ist es nicht überall so leicht, genau den Punkt 
zu finden, wo die Reihe der vom Täter kausierten Wirkungen ge- 
schlossen ist, und wo daher seine Verantwortung beendet ist, aber 
undenkbar kann es auch nicht sein, dies bestimmen zu können, 
und wir haben wenigstens die Möglichkeit, auch hier gerechte Grenz- 
linien zu ziehen. — 

Ähnlich steht es bei der so schwierigen Frage, wie weit wir für 
Fahrlässigkeit verantwordich machen wollen, welche Frage nament- 
lich deshalb allein auf psychologischem Wege behandelt werden kann; 
weil sie fast untrennbar mit anderen, rein psychologischen Dingen: 
Dummheit, Vergessen, Aberglauben etc. verbunden ist. Dies ist um 
80 wichtiger, als die meisten modernen Strafgesetze nach dem Muster 
des D.St.G. vernünftigerweise darauf verzichtet haben, den psycholo- 
gischen Begriff der Fahrlässigkeit zu definieren. 

Wer sich nun darüber klar werden will, was Fahrlässigkeit ist, 
muß nach dem Beispiele Feuerbachs diese in die bewußte Fahrlässig- 
keit („ich riskier's") und die unbewußte Fahrlässigkeit (ich weiß etwas 
überhaupt nicht, oder habe es vergessen) zerlegen. Betrachten wir 
aber die psychologischen Vorgänge in den beiden Fällen genauer, so 
kommen wir zu dem Ergebnis, daß von einem strafbaren Verschulden 
eigentlich nur bei der bewußten Fahrlässigkeit die Rede sein kann. 
Auch da ist natürlich nicht jedes „Riskieren^ schuldhaft: jede Eisen- 
bahnuntemehmung, jede Fabriksleitung, jeder Bergbaubetrieb etc. ris- 
kiert, und wenn der Landarzt gestern von einer neuen Operation 
gelesen hat und sie heute macht, um möglicherweise ein Leben zu 
retten, so riskiert er auch; in diesen und unzähligen ähnlichen Fällen 
hat immer eine gewisse Wahrscheinlichkeitsrechnung mitzutun, über 
deren mathematische Momente wir absolut nicht im Klaren sind. Wenn 
z. B. der Staat den Eisenbahnen nur eine Maximalgeschwindigkeit 
von n Kilometern pro Stunde gestattet, so argumentiert er: „wenn ich 
bloß unter n Kilometer pro Stunde gestatte, so riskiere ich pro Jahr 
nur X Verunglückungen (ohne solche geht es ja nie ab) — gestatte 
ich aber eine Geschwindigkeit von über n Kilometer, so würde ich 
X + y Verunglückungen riskieren, x kann ich riskieren — aber x + y, 
das wäre zu viel, ich verbiete also das Letztere". Ja, warum darf 
man x und nicht mehr riskieren, wie ist man denn gerade dazu gekom- 
men, alle Jahre x zu opfern, und warum ist es denn zu viel, wenn 
rasm auf die Zahl x + y k-äme? Navigare necesse est, vivere non 
necesse est! Fragen wir hier um das psychologische Moment, so 



78 VI. Gross 

kommen wir allerdings vorerst nicht weiter, als zur Feststellung einer 
psychologischen Seltsamkeit, die im Hirne des Staates entsteht, wenn 
er ruhig alle Jahre x Bürger opfert, aber mit Staatsanwalt und Strafe 
kommt, wenn Einer x -t- y Menschen riskieren wollte. Aber bei 
genauerer Untersuchung nehmen wir wahr, daß sich diese schein- 
bare „Seltsamkeit** nach bestimmten psychologischen Regeln ordnen 
läßt. — 

Wenden wir dies auf unsere Fälle an. Sagen wir, A. habe auf 
seinem Dachboden eine Falltüre offen gelassen, in der Absicht, sofort 
wieder hinaufzugehen und diese zu schließen. Nun überlegt er aber, 
ob er sich diese Mühe machen soll — bei wie viel Prozent Wahr 
scheinlichkeit, daß jemand herabstürzen könnte, muß er die Türe 
schließen gehen, wenn er nicht straffällig werden soll? niemand 
weiß Antwort darauf, wenn wir nicht die Vorgänge, die sich damals 
bei jenen Überlegungen in seinem Hirn abgespielt haben, psycho- 
logisch untersuchen — dann kann man wenigstens ungefähr einen 
Maßstab zur Beurteilung seiner Schuld finden. — 

Wenn wir also sagen: wir müssen bei der bewußten Fahrlässig- 
keit Straffälligkeit dann annehmen, wenn dem Beschuldigten ein ge- 
wisser — allerdings nicht feststellbarer — Prozentsatz von Gefahr 
beim Riskieren klar war, so müssen wir bei der unbewußten Fahr- 
lässigkeit von anderen Gesichtspunkten ausgehen. Hier wollte der 
Täter nicht riskieren, er wußte um die Gefahr nicht, sei es, daß er 
etwas Wichtiges vergessen hat, sei es, daß er überhaupt nicht darum 
wußte, oder Vorgänge aus Unkenntnis, Irrtum oder Aberglauben falsch 
auffaßte; es handelt sich also stets um einen Mangel in der Psyche, 
den wir nicht strafen können. Wenn die Bäuerin ihrem Kinde 
auf eine Schnittwunde Spinnweben legt und dadurch eine schwere 
Infektion verursacht, so wußte sie einfach um die möglichen Folgen 
nicht. Das ist aber keine Gesetzesunkenntnis, denn daß es verboten 
ist, das Leben eines anderen zu gefährden, hat sie gewußt, sie wollte 
dies aber auch gar nicht tun, und Unkenntnis von wissenschaftlichen 
Tatsachen ist nicht strafbar. Wenn jener oftzitierte rumänische Soldat 
nach Vorschrift eines alten Zauberbuches seinem Kameraden mit 
dessen Einwilligung den Kopf abgeschnitten hat, um einen großen 
Schatz zu heben, so hat er das Leben des andern wissentlich 
nicht gefährdet, weil der Kopf am Schlüsse der Prozedur nach 
dem Buche wieder angeheilt werden sollte. Der Mann wurde wegen 
„grober Fahrlässigkeit" schwer bestraft, aber sicher mit Unrecht, denn 
man bestrafte nur seine Dummheit Nehmen wir an, der Mann hätte 
das gesamte St.G. besser gekannt, wie wir alle zusammen — er hätte 



Kriminalpsychologie und Strafpolitik. 79 

die Tat doch vollbracht, denn er irrte nicht im Gesetze, sondern in 
Tatsachen, er ersah in seinem Vorgehen keine Gefährdung. 

Wenn wir also annehmen, daß bei unbewußter Fahrlässigkeit 
Strafbarkeit nicht vorliegt, so müssen wir doch feststellen, ob im ein- 
zelnen Falle echte unbewußte Fahrlässigkeit zu beurteilen ist, da sich 
unter ihrem Schein auch oft bewußte Fahrlässigkeit verbirgt Sagen 
wir, ein Arzt kennt irgend ein neues, wichtiges Medikament, einen 
lebenrettenden Kunstgriff, eine notwendige Operation nicht, so ist diese 
nar zum Schein unbewußte Fahrlässigkeit (Nichtwissen etc.), in Wirk- 
lichkeit bewußte culpa. Jeder Arzt weiß, daß er sich durch das Lesen 
einiger weniger, ohnehin nur selten erscheinender Fachzeitschriften un- 
gefähr auf der Höhe erhalten kann, und liest er diese nicht, so riskiert er 
bewußt, daß es vielleicht „so auch geht**. Wird er dann bestraft, so ge- 
schidit dies nicht etwa dafür, daß er vor 20 Jahren auf der Universität 
zu wenig gelernt hat oder weil er etwas nicht gewußt hat, sondern weil 
er die Bebandlungen riskiert hat, ohne seine Kenntnisse zu ergänzen. 

Wir haben also in jedem solchen Falle zuerst festzustellen, ob er 
wirklich unbewußte Fahrlässigkeit betrifft, — ist dies der Fall, dann 
bandelt es sich um psychologische Vorgänge und Zustände, und diese 
können nicht gestraft werden. 

In besonderer Richtung ist das psychologische Moment in einem 
großen Fragenkomplex zu verwerten, welcher sich um die Erhaltung 
der Art, die Zuchtwahl im Mensch engeschlechte dreht. Allerdings 
sind di^ eigentlich physiologische Fragen, aber bei ihrer Lösung han- 
delt es sich in erster Linie um eine edukative Wirkung auf die Psyche 
der Staatsbürger im allgemeinen, welche einsehen muß, um w^as es 
sich handelt. Der altruistische, alles Menschliche erhaltende, pflegende 
und schützende Zug unserer Zeit ist weit gegangen: wir lassen kein 
vom Weibe geborenes Wesen töten und wenn es die scheußlichste 
Mißgeburt wäre; wir ziehen Verunstaltete, Blödsinnige, Wesen, denen 
zwei, auch drei Sinne fehlen und die ärgsten Schwächlinge auf, um 
sie glücklich wenigstens soweit zu bringen, daß sie sich und ihre 
Fehler fortpflanzen können; wir pflegen alle unrettbar Kranken und 
schwer leidenden Bresthaften, die entsetzlichsten Krüppel und würden 
es Mord nennen, wenn ein mitleidiger Arzt die qualvollen Leiden 
eines dem Tode Geweihten um einige Stunden verkürzen wollte. So 
kommt es nicht nur dazu, daß die Menschen heute fast vollends in 
Pfleger und Gepflegte, Schützer und Beschützte, Leidende und Tröster 
zerfallen, sondern daß durch unser fortwährendes Erhalten, Retten und 
Versorgen Rainen von Menschen existieren, deren Nachkommen das 
ungeheure und so verderbliche Heer der Degenerierten bilden. Die 



80 VI. Gross 

Natur schaltet jedes mißlungene junge Tier sofort aus, jedenfalls noch 
eher, bevor es degenerierte Nachkommen gezeugt hat, nur die Kultur 
erhält sie, und viel zu wenig wird der schweren Verantwortung ge- 
dacht, die daraus erwächst^ wenn wir die künstlich und geradezu ab- 
sichtlich gepflegte Degeneration soweit treiben, daß heute schon die 
Degenerierten einen erschreckend hohen Prozentsatz erreicht haben. 
Das hat schon Plato gewußt und warnend besprochen. — 

Fragen wir, wie hier die Kriminalpolitik mitwirkt, so sehen wir 
ihre Tätigkeit in der großen Gruppe von fürsorgenden Gesetzen, die 
sich der Schwachen, Unfähigen und Armen im Geiste annehmen, die 
einen polizeilichen Charakter tragen und am liebsten jedem der gerade 
in der Gesellschaft Wertlosesten einen Behtiter mitgeben möchte. Die 
Zahl dieser Gesetze ist groß. Eine Gruppe schützt Dinge, die erst 
gerade durch die Existenz des Gesetzes schirmbedürftig und hilflos 
scheinen; eine zweite Gruppe bestraft unterlassene Hilfeleistung, An- 
zeige und Hinderung von Verbrechen ; eine dritte Gruppe schützt die 
Allzuarmen im Geiste vor Betrug, Ausbeutung und Schädigung; eine 
vierte bestraft die beleidigte Ehre aller, die zu schwach sind, um sich 
selber zu wehren, und wenn wir genauere Umschau halten, so gewahren 
wir, daß es das Gesetz fast nirgends mehr dem Starken und Gesun- 
den überläßt, sich selbst zu schützen, ein großer Teil der Bestim- 
mungen ist zu Gunsten der Degeneration getroffen. — 

Aber so, wie heute die Auffassungen und die Verhältnisse geschaffen 
sind, können wir direkte Änderungen nicht erreichen, wohl aber kann 
eine überlegte Kriminalpolitik eine große Wirkung auf die psycho- 
logischen Vorgänge im Richter erreichen, wenn sie alle enge, schabioni- 
sierende und zwängende Fassung der gesetzlichen Bestimmungen 
meidet. Es genügt nicht, die diesfalls bestehenden, doch nicht zu 
beseitigenden Gesetze vorsichtig und psychologisch begründet zu for- 
men, sondern es muß vor allem durch weite, zum Denken anregende 
Bestimmungen auf die Psyche des Richters gewirkt werden. Dies- 
falls ist eigentlich noch wenig geschehen, und wenn wir zusehen, was 
es in unseren Gesetzen an starren und unbiegsamen Zahlen — Alter, 
Schadenshöhe, Verjährung etc. — und an Definitionen giebt, die den 
Unklugen nicht klug und den Klugen nicht klüger machen, so wun- 
dern wir uns nur, wie psychologisch unrichtig man vorging, wie den 
Leuten noch immer der unsinnige Begriff von dem sich selbst anwen- 
denden St.G. im Kopf steckt. Darin liegt die ganze Schwierigkeit 
unserer Strafrechtspflege, und unsere einzige Hoffnung kann in einem 
neuen, psychologisch durchdachten, weiten, zum Denken und Anpassen 
zwingenden StG. liegen. 



VII. 
Children' Courts in the United States. 

Their origin, development, and results. 
Reports prepared for the International Prison Commission. 

Samuel J. Barrows, 

Commissioner for the United States. 

Washington, Government printing office. 1904. 

Von 

Elsa V. liiszt» Berlin-Charlottenburg. 



Über die jetzt so vielfach erwähnten amerikanischen Jugend- 
gerichtshöfe (J. C.) geben die von Samuel J. Barrows zusammen- 
gestellten Berichte einen guten Überblick. 

Das Buch gibt 9 ausführliche Berichte der bedeutendsten Juvenile 
CoTUts, meist von den betreffenden Richtern selbst verfaßt; im An- 
hang sind mehrere Gesetze abgedruckt und noch emige Nachträge 
und neuere Statistiken gegeben; den Schluß bildet ein Verzeichnis 
samtlicher Staaten der Union mit einer Anmerkung, ob, bez. welche 
Gesetze über Jugendgerichte sie besitzen. Außerdem enthält das Buch 
noch ein alphatisches Sachregister, so daß man sich leicht orientieren 
kann. Störend wirkt die ungleichmäßige Behandlung der einzelnen 
Berichte. In einzelnen wird eine klare, sachliche historische Über- 
sicht gegeben (so z. B. von Th. Murphy Police Justice über die Ent- 
wicklung in Buffalo New-York; von Mrs. Hannah Kent Schoff über 
Pennsylvania usw.); andere Verfasser geben nur aneinandergereihte, 
allerdings sehr lebendige Einzelbilder, so vor allem Judge Lindsey 
über Denver (Colorado); manche geben eine Statistik, andere wieder 
nicht und dergleichen mehr. Im ganzen aber ist das Buch außer- 
ordentUch lesenswert und anregend. 

Barrows beginnt seine Einleitung mit den Worten: „Würde man 
fragen, welches ist die bedeutsamste Entwicklung von rechtlichen 
Grundsätzen und Methoden in den Vereinigten Staaten innerhalb der 
letzten 5 Jahre, so kann die Antwort ohne Zögern die sein: Die Ein- 
führung und Einrichtung von J. C. Niemals vielleicht hat eine recht- 

AreUr fSr Eriminalanthropologie. XXVI. 6 



82 Vll. E. V. LiszT 

liehe Reform solch rasche Fortschritte gemacht 1899 in Chicago 
beginnend, entstand die Institution in einer Stadt nach der anderen, 
in einem Staat nach dem anderen , bis sie nun in 8 Staaten und 1 1 
großen Städten eingeführt ist" (Seither sind noch verschiedene hinzu- 
gekommen). 

Die Entstehung der Gesetze ist überall auf übereinstimmende Er- 
wägungen zurückzuführen. Alle, die für das öffentliche Wohl Inte- 
resse hatten, Richter, gemeinnützige Vereine, Frauenvereine, sahen^ 
daß viel gestraft wurde; der Gerechtigkeit im alten Sinne wurde so 
sehr Genüge getan, daß die Gefängnisse überfüllt waren, daß sogar 
kleine Kinder sich darin befanden. Und trotzdem war die Kriminalität 
beständig im Wachsen begriffen. Man kam zu der Einsicht, daß der 
Grund zu diesen besorgniserregenden Zuständen darin zu suchen sei, 
daß man die jugendlichen Übeltäter falsch behandelte. Indem naan 
sie mit alten gewiegten Verbrechern zusammensperrte, erzog man sie 
erst selbst zu Verbrechern, die nun fast ausnahmslos dem geordneten 
bürgerlichen Leben verloren waren. „Der Staat hatte unschuldige 
Kinder für das Verbrechen erzogen, und die Ernte war groß/ sagt 
ein Richter. „Kinder wurden als Verbrecher gebrandmarkt, bevor sie 
wußten, was ein Verbrechen überhaupt ist," sagt ein anderer. So 
verschieden nun die Gesetze im einzelnen sind, so verschieden der 
Umkreis ihrer Wirksamkeit, so kommen doch dieselben Grundgedanken 
überall zum Ausdruck. Kinder (der Begriff erstreckt sich bis zum 
16. Lebensjahr) sind keine Verbrecher; wenn sie Straftaten be- 
gehen, die bei Erwachsenen Verbrechen genannt werden, so liegt die 
Ursache hierfür viel mehr noch als bei Erwachsenen an der Um- 
gebung, vor allen an den häuslichen Verhältnissen; daher muß die 
Behandlung hier einsetzen. Kinder dürfen nicht mit er- 
wachsenen Angeklagten oder gar Verbrechern von Amts 
wegen zusammengebracht werden; vor allem nicht in Ge- 
fängnissen, aber auch nicht in den Gerichtsgebäuden. Deswegen sind 
für sie besondere Verhandlungstage anzusetzen, an denen nur 
gegen sie vorgegangen wird; es werden wenn möglich besondere 
Räume benutzt, oder sogar besondere Gebäude. Das Schwergewicht 
der ganzen Einrichtung aber liegt in dem sogenannten Probations- 
system. Dieses setzt sich zusammen aus der Urteils- oder Straf- 
aussetzung, der Gewährung einer Bewährungszeit und der 
Stellung unter die Fürsorge eines probation officers 
für diese Zeit. In einem Bericht über Probation and Juvenil Courts 
sagt Mrs. Williamson (Annais of the American Academy of political 
and social science XX S. 259): „Das Bewährungssystem ist vielleicht 



Children' Ck)urts |n the United States. 83 

die praktischste Bewegung einer Straf rechtsreform , da es die Quelle 
verstopft, aus der das Verbrechen quillt." 

Das erste Jugendgericht wurde 1899 in Illinois einge- 
führt; es unterscheidet, wie die Gesetze der meisten anderen Staaten, 
zwischen verwahrlosten und straffälligen Kindern. Ich muß 
hier einfügen, daß diese Übersetzung, die sich vielfach (auch bei Baem- 
reither) findet, ziemUch willkürlich ist; die Bedeutung der Ausdrücke d e- 
pendent and delinquent ist in den einzelnen Staaten eine verschie- 
dene; unter den ersten Begriff fallen überall die verlassenen Kinder, 
die kein Heim haben, meist die, die sich herumtreiben, oft auch die, 
die sich gegen Verordnungen, nicht aber gegen Staatsgesetze ver- 
gangen haben; während anderseits unter delinquent children immer 
solche verstanden werden, die ein Gesetz verletzt haben ; oft aber auch 
solche, die nur irgend eine Dummheit gemacht haben, die in schlechter 
Gesellschaft leben, die häßliche Redensarten führen. Ich brauche im 
folgenden für „dependent" den Ausdruck verwahrlost, für „delin- 
quent" straffällig. 

In Illinois gehört in die Gruppe der verwahrlosten Kinder 
ein Kind, das verlassen ist, das kein Heim hat, das keine elterliche 
oder sonstige Fürsorge genießt, das gewohnheitsmäßig bettelt oder 
Almosen empfängt, das sich in schlechter Gesellschaft befindet, oder 
in einem übel beleumundeten Hause lebt, oder dessen Heim wegen 
Grausamkeit oder Vernachlässigung von Seiten der Eltern kein passender 
Anfenthalt für das Kind ist. 

Als straffällig wird jedes Kind betrachtet, das ein Gesetz ver- 
letzt hat, das unverbesserlich ist, das mit Bewußtsein in schlechter 
Gesellschaft lebt, das in Müßiggang und Verbrechen aufwächst, das 
wissentlich übelbeleumundete Häuser besucht. 

Aus der Mitte der Richter des Circuit Court, des höchsten Ge- 
richts im Staate Illinois, ist ein Richter zu wählen, der das Amt des 
Jugendrichters übernimmt; vor ihn kommen alle Fälle, die ver- 
wahrloste und straffällige Kinder betreffen. Jeder angesehene Bürger 
Ivann hier Anzeige erstatten über jeden Fall, in dem es sich ihm um 
ein solches Kind zu handeln scheint. Ein Probation officer wird so- 
fort beauftragt, die nötigen Nachforschungen anzustellen. Die Eltern 
werden benachrichtigt, es wird ihnen mit dem Kind zusammen ein 
Termin zum EJrscheinen vor Gericht bestimmt Hält der Richter es 
für nötig, so wird das Kind bis dahin einem Unterkunftshaus für 
Kinder zugewiesen. Die Verhandlung geht ohne Formalitäten vor 
sich; der Richter spricht zu dem Kind, als wäre es sein eigenes. Es 
ist selten, daß Zeugen vernommen werden, sowohl das Kind wie die 

6* 



84 Vn. E. V. LiszT 

Eltern beantworten offen die Fragen des Richters, der sieb bald 
das Vertrauen beider zu erwerben weiß. Die Hauptsache ist nicht 
herauszufinden, ob das Kind eine bestimmte Tat begangen hat, ,jeder 
Gedanke an Strafe ist ausgeschaltet" ; es handelt sich vielmehr darum, 
möglichst klar die ganze Lage des Kindes, seine häusliche Umgebung, 
seinen Charakter, seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu er- 
kennen, um danach die Maßregeln ergreifen zu können, die das Kind 
vor fernerem Schaden bewahren und ihm eine vernünftige Erziehung 
gewährleisten sollen. Die Verurteilung eines Kindes unter 
14 Jahren zu Gefängnis ist verboten. Fast in allen Fällen, 
in denen ein Kind, das als straffällig anzusehen ist (charged with 
delinquency), zum erstenmal vor Gericht kommt, wird es seinen Eltern 
zurückgegeben, aber unter die Aufsicht und Fürsorge eines Probation 
officers gestellt. In den meisten Fällen war das Ergebnis ein günstiges: 
es fand sich keine Veranlassung, das Kind wieder vor das Gericht 
zu bringen. 

Das Gesetz gestattet dem Richter, so viele Probation officers an- 
zustellen, als er für nötig hält. Diese Beamten erhalten aber keine 
Entschädigung aus Staatsmitteln, abgesehen von 15 Polizei- 
beamten, die als Probation officers fungieren; eine große Anzahl der 
freiwilligen Beamten wird durch den Women's club of Chicago oder 
durch reiche Privatpersonen besoldet. 

In einem andern Bericht über den J. C. in Illinois (Annais XVII 
S. 298 ff.) heißt es: „Der J. C. ist das größte derartige Werk, das Illi- 
nois je unternommen hat. Durch den J. C. kann in 10 Jahren mehr 
zur Unterdrückung des Verbrechens getan werden, als im Crirainal 
Court in 50 Jahren. '^ 

Der Staat New- York hat 3 J. C, einen in Buffalo und 2 in 
New-York-City. 

Nach dem New-York Penal code sect. 291 § 7 war es möglich, 
alle Verhandlungen gegen Kinder, die den Penal code verletzt hatten, 
an jedem Polizeigericht getrennt von denen gegen Erwachsene zu 
führen. 

Judge Murphy, der Verfasser des Berichts über den J. C. in Buffalo, 
setzte gleich nach seinem Amtsantritt am 1 . Januar 1 900 bestimmte Tage für 
Verhandlungen gegen Jugendliche fest; niemand außer den beteiligten 
Personen durfte zugegen sein. Bald aber stellte es sich heraus, daß 
damit noch wenig getan war. Der Richter konnte nur auf Verweis 
erkennen, der selten etwas nützte, oder aber er mußte das Kind an ein 
reformatory überweisen, und das war häufg eine zu harte Strafe. Die 
Charity Organisation Society unternahm es nun, zusammen mit dem Richter 



Children' Courts in the United States. 85 

und anderen interessierten Personen, einen Gesetzentwurf zu beraten und 
einzubringen, der die Bewährung und die Stellung unter Obhut ernes 
Probation officers gestattete. Der Entwurf wurde angenommen und 
trat am 1. Januar 1902 in Kraft. Es können danach 5 (jetzt 10) Prc- 
luition officers angestellt werden (ohne Gehalt von seiten des 
Staates.) Ihre Tätigkeit ist dieselbe wie im Staate Illinois; sie 
haben die Recherchen anzustellen, bei der Verhandlung die Interessen 
des Kindes zu vertreten und bei Stellung unter Probation die Auf- 
sicht nnd Fürsorge zu übernehmen. Die Resultate des Systems 
:^ind die denkbar günstigsten gewesen. Miss Montgomery, ein Pro- 
bation officer sagt, das System bringt die Knaben zum Nachdenken 
.und wenn die Knaben zu denken beginnen, dann hat das Besserungs- 
werk schon einen großen Schritt vorwärts getan. Sie wissen es nicht, 
aber sie haben begonnen, sich ihre Rettung selbst zu erarbeiten.** 

Eine andere Dame erzählt von einem Knaben, der unter ihrer 
Obhut stand und ihr jeden Sonnabend über seine Tätigkeit berichten 
mußte. Er war ein unruhiger Bursche, der sich gern herumtrieb. So 
war er eines Tages nach Chicago gekommen und hatte am Ende 
der Woche kein Geld, um nach Buffalo zurückzufahren; er ging zur 
Poiizeistation und bat, man möge ihn doch bis Sonnabend nach Buf- 
falo schicken. „Warum ?^ wird er gefragt. „Weil ich eine Dame sehen 
will." „Was für eine Dame?'' „Oh nur eine Dame, die gut zu mir 
war, als ich einmal in B. hereingefallen war; sie sagte mir, ich solle 
ihr jeden Sonnabend berichten und ich möchte ihr so gern gefallen." 
Der Junge bekam sein Billet. 

Den ausführlichsten Bericht gibt Richter Lindsey über den J. C. 
in Denver (Colorado). Er ist sehr wenig übersichtlich, weit- 
schweifig und führt dieselben Dinge oft 4 bis 5 mal an; anderseits 
aber sind seine Schilderungen einzelner Fälle so lebendig und an- 
schaulich, daß man erst hier einen rechten Begriff des ganzen Ver- 
fahrens bekommt. Judge Lindsey muß ein hervorragendes Talent 
für das Amt eines Jugendrichters haben; man staunt immer wieder, 
in welch ruhiger, liebevoller, verständiger Weise er mit den schwie- 
rigsten Jungen fertig wird. Der Geist seiner ganzen Anschauungs- 
weise kommt an verschiedenen Stellen zu deutlichem Ausdruck. So 
sagt er S. 119: „Der Staat wird niemals Fortschritte machen in diesem 
weitreichenden Problem, bis er nicht die Methode des Gefängnisses 
nod des Straf gerithtes verläßt, mit ihrem falschen Geist der Strafe 
and Bache, und an ihre Stelle ein System setzt, das in eigensinnige 
Kinder die Lehren der Reinheit, Wahrheit, Rechtschaffenheit und des 
Fleißes pflanzt, sodaß die Seele erweckt wird, anstatt orniedri^rt zu 



86 Vn. E. V. LiszT 

werden." Und weiter S. 118: „Die Kinder kommen meist aus den 
elendsten, schmutzigsten Verhältnissen. Wie absurd und lächerlich 
scheint es, daß nichts getan wurde, die Ursachen zu entfernen, die 
dem Staat Verbrecher erzeugten, Verbrecher, die nun zu Gefängnis 
verurteilt wurden, was das Elend und die ünsinnigkeit der Situation 
nur vermehrte; solche Knaben habe ich wieder und wieder im Ge- 
fängnis gesehen, während der Staat weiterschlief und glaubte, daß 
er seine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllte, daß er die Gesellschaft 
schützte, während er nur die siedende Masse vermehrte, die die Vor- 
brecher der Zukunft hervorbringt" 

Die Probation officers haben hier in Denver weniger Bedeutun*? 
als in Illinois; sie stellen im wesentlichen nur die nötigen Nach- 
forschungen an. Besuche in den Wohnungen werden selten gemacht; 
die eigentliche Überwachung behält der Richter als sein eigener Pro- 
bation officer selbst in der Hand. Er hat dazu angeordnet, daß alle 
Jungen, die unter Bewährung stehen, alle 14 Tage zu ihm kommen 
und Zeugnisse ihrer Lehrer und Lehrherren vorlegen müssen; die 
Mädchen berichten ebenso an eine Dame. Die Kinder setzen bald 
ihren ganzen Ehrgeiz darein, recht gute „reports" zu bringen und das 
Lob des Richters zu erringen. Viele lehrreiche und anregende Er- 
örterungen knüpfen sich an die Besprechung dieser reports. Lindsey 
selbst erzählt von seinen Gesprächen mit den Knaben: „Das Gericht 
wird eröffnet mit einer kurzen „Sonnabendmorgen- Unterhaltung. "^ 
Sie wird so interessant wie möglich gemacht. Man macht keinen 
Versuch, den Knaben zu predigen. Ich spreche zu ihnen fast so, als 
wenn ich selbst einer von ihnen wäre (an anderer Stelle sagt er, daß 
ihm dies nicht schwer wird, „da ich selbst viel von einem Knaben 
an mir habe"), der über irgend eine gewöhnliche Knabenschwierigkeiten 
diskutiert, irgend einen Punkt illustriert oder einen Grundsatz einschärft. 
Ihre Pflichten als kleine Bürger werden ihnen eingeprägt. Es wird 
ihnen oft gesagt, daß sie die besten Knaben in Denver sind. Mit 
den wenigen Ausnahmen haben wir das größte Mitleid. Einige von 
ihnen haben früher Dinge getan, die sie nun ebenso verachten wie 
wir; sie wissen, daß wir die Knaben nicht verachten; sie sollten nicht 
fürchten, gefaßt zu werden, wie die meisten Jungen es tun. Sie 
sollten sich viel eher fürchten, unrecht zu tun, weil es sie mehr ver- 
letzt als irgend einen anderen. Einen Mann, der sein Vermögen 
verloren hat, oder der das Opfer eines Verbrectens geworden ist, 
bemitleiden wir nicht so sehr, als den Knaben, der etwa dies Ver- 
brechen begangen hat. Er ist der Gegenstand unseres Mitleids. Des- 
wegen sind wir hier, ihnen zu helfen, der Welt zu beweisen, daß sie 



Children' Courts in the United Staates. 87 

doch gute Knaben sind, nicht schiechte Knaben. Sie müssen selbst 
helfen, unseren Glauben zu rechtfertigen.'' 

Auf diese Art gewinnt der Richter das Vertrauen der Kinder; 
um so mehr, als er genau all ihre besonderen Ausdrücke kennt, als 
er genau Bescheid weiß über die verschiedenen Gesellschaften und 
Banden in allen Stadtteilen. Es wird bald eine Ehrensache für die 
Kinder, dem Richter Freude zu machen, indem sie das Ansehen des 
J. C. immer mehr heben. Viele Knaben kommen auch als freiwillige 
probationers zum Richter; sie haben irgend etwas Unrechtes begangen, 
sind aber nicht gefaßt worden; ein Freund, der selbst unter Bewäh- 
nmg steht, redet ihnen so lange zu, bis sie überzeugt sind, daß es 
das allerbeste für sie ist, dem Richter alles zu gestehen und mit seiner 
Hufe zu versuchen, gute Bürger zu werden. So sind in 2 Jahren 
150 Kinder gekommen, und über keins von ihnen ist später irgend 
eine Klage eingelaufen. 

Nur in ganz schweren Fällen werden die Kinder einer Anstalt über- 
wiesen. Aber auch hier läßt der Richter Vertrauen walten ; er schickt 
die Kinder hin, allein, oft weit durch die Stadt, unbewacht, mit ihrem 
eigenen Überweisungsschein in der Tasche; und noch niemals hat 
ein Kind dies Vertrauen getäuscht. Es ist das ein Beweis für die 
Bichtigkeit eines Wortes, das sich in einem anderen Bericht findet: 
Jeder Charakter wird besser durch Freiheit als durch Gewalt ge- 
bildet.« 

Die Grundlage für das Verfahren in Colorado bildet ein Komplex 
ron Gesetzen, die 1903 zusammengefaßt wurden, zum Teil aus älteren, 
abgeänderten, zum Teil aber auch aus ganz neuen Gesetzen. Das 
erste betrifft die Behandlung von straffälligen Kindern. Es 
gibt eine Definition des Begriffes „delinquent,'^ den es sehr weit faßt; 
80 fallen auch Kinder darunter, die eine häßliche und unanständige 
Sprache führen. Gegen sie soll getrennt von Erwachsenen verhandelt 
werden. Eltern, die zum bestimmten Termin nicht erscheinen, können 
wegen contempt of court bestraft werden. Beamte, die der Be- 
stimmung, daß Kinder nicht in das Gefängnis kommen 
dürfen, zuwiderhandeln, werden bestraft Jedes Kind, das 
verhaftet wird, soll sofort vor den County Court (Vormundschafts- 
goricht) gebracht werden. Für die Behandlung der verwahrlosten 
Kinder existiert ein besonderes Gesetz, da nach dem Staatsgesetz von 
Colorado nicht zwei Dinge in einem Gesetz behandelt werden dürfen. 
Die Probation officers erhalten im allgemeinen kein Ge- 
balt; nur in Städten von über 100000 Einwohnern werden drei Be- 
amte besoldet; einer mit 1500 Dollar, zwei andere mit je 1200 Dollar 



88 Vn. E. V. LiszT 

jährlich, und außerdem erhalten sie Ersatz für die Kosten bis 500 
bez. 300 Dollar. Die besoldeten Probation officers haben die Macht- 
befugnisse eines Sheriffs, so können sie z. B. Verhaftungen voraehnaen. 

Von größter Wichtigkeit ist ein Gesetz, das in Colorado zuerst er- 
lassen wurde, und das die Bestrafung von Eltern und sonstigen 
Personen, denen Kinder anvertraut sind, vorsieht, für den 
Fall, daß sie Schuld an dem schlechten Betragen, an der delinquency, 
der Kinder tragen. So wird in dem Fall, daß ein Kind verurteilt 
wird, weil' es etwa für seinen Vater Branntwein gekauft hat, der Vater 
bestraft, der es hingeschickt hat, und der Verkäufer, der dem Kinde 
das Getränk gegeben hat Gerade dies Gesetz hat viel dazu beige- 
tragen, das Verantwortlichkeitsgefühl der Erwachsenen gegenüber 
Kindern zu stärken. 

Dann hat Colorado ein Gesetz, das dem Vormundschaftsgericht 
die Gerichtsbarkeit für alle Fälle, in denen es sich um jugendliche 
Übeltäter handelt, überträgt. 

Man sieht, eine Fülle von Gesetzen, die alle ineinandergreifen und 
bei richtiger Handhabung in mustergiltiger Weise für die Erziehung, 
für das leibliche und geistige Wohl der werdenden Staatsbürger 
sorgen. 

Den Bericht über Pennsylvania gibt Mrs. Hannah Kent 
Schoff, President National Congress of mothers, Chairman Juvenile 
court committee, New Century Club, Philadelphia. 

Hier in Pennsylvania ist die ganze Bewegung für Errichtung 
eines J. C. von Frauen eingeleitet worden. Frauen haben das meiste 
zur Durchführung der Idee getan. 

Den Anstoß gab 1899 die Verurteilung eines achtjährigen 
Mädchens wegen Brandstiftung. Der Fall erregte solches Mitleid, 
solches Grauen in Frau Kent Schoff, daß sie nicht ruhte, bis sie 
die Erlaubnis erhalten hatte, das kleine Mädchen in einer Familie 
unterzubringen. Dann aber machte sie sich daran, die bestehenden 
Bestimmungen, unter denen ein solcher Fall möglich war, genau zu 
studieren. Sie fand, daß der Richter keine andere Wahl gehabt hatte, 
als das Kind, das das Gesetz verletzt hatte, in ein Reformatory zu 
überweisen, und selbst dieses wollte das Mädchen wegen der 
Schwere seines Verbrechens zuerst kaum aufnehmen. Der Staat 
hatte zwei Zufluchtshäuser für Kinder, die aber lange nicht groß 
genug waren. Ein Gesetz verbot, Kinder länger als zwei Monate im 
Armenhaus zu behalten, einen Ersatz dafür aber gab der Staat nicht. 
Die Children's Aid Society tat ihr möglichstes, die Kinder unterzu- 
bringen, aber es fehlten ihr die Mittel, ausreichend zu helfen. Be- 



Children' Courts in the United States. 89 

fanden sich doch im Philadelphia County Prison im Jahre 1900 
500 Kinder von 6 bis 16 Jahren! Außerdem gingen jeden Monat 
2- bis 300 Kinder durch die Polizeistation; dann waren 800 Kinder 
in jeden Reformatory, ohne Unterscheidung, weswegen sie hin- 
gekommen waren. Es war ja so leicht, sie dorthin zu bringen; jeder 
Beamte konnte auf den Wunsch von Eltern, die behaupteten, ihr Kind 
sei unverbesserlich, ohne weitere Nachforschungen es in eine Anstalt 
überweisen. „Der Staat setzte eine Prämie aus für elterliche Unver- 
antwortlichkeit und begrüßte alle, die Erziehung und Unterhalt auf 
Kosten des Staates wünschten", sagt Mrs. Kent Schoff. „Die Kirchen, 
die Millionen für Missionszwecke ausgaben, waren blind für die Not 
an ihrer eigenen Tür". „Keine Mutter dachte an diese Kleinen, nur 
das kalte gesetzliche Verfahren im Criminal Court galt für sie". „Da- 
gegen liegt doch das einzige wirksame Mittel, dem Verbrechen Ein- 
halt zu tun, darin, daß man seine Quelle verstopft, und das kann nur 
beim ersten Fehltritt in der Kindheit geschehen. Kluge Behandlung 
in dieser Zeit wird das Kind retten, aber unverständige Behand- 
lung oder Vernachlässigung wird alle schlechten Eigenschaften 
entwickeln, und das Resultat wird ein Verbrecher sein, gegen den 
die Gesellschaft sich schützen muß und dessen Unterhalt sie viel kosten 
wird". Der richtige Weg kann aber nur eingeschlagen werden, wenn 
inteUigente Frauen dem Gegenstand dieselbe Sorge widmen, die kluge, 
liebevolle Mütter ihren eigenen Kindern angedeihen lassen. „Unschul- 
dige Kindheit muß leiden, bis die Frauen erkennen, daß eine weitere 
Mutterliebe von ihnen verlangt wird, als die für ihre eigenen Kinder. 
Bis sie jeder Frage, die Kindheit betreffend, Mutterfürsorge und 
Mnttergedanken widmen, werden wir das alte System sehen, das 
Tausende von Leben zerstört, das aus Kindern Verbrecher gemacht 
hat, die ebenso leicht zu guten Bürgern hätten gemacht werden können." 
Frau Kent Schoff bildete unter ihrem Vorsitz aus Mitgliedern des New 
Century Club Philadelphia ein Komittee, das alle Bestimmungen Kinder 
betreffend in sämtlichen Staaten der Union sammelte und herausgab 
(diese Sammlung wird immer weiter ergänzt). Es fand sich, daß 
Illinois die besten Bestimmungen für Kinder hatte, und es wurde be- 
schlossen, ein ähnliches Gesetz in P. vorzubereiten. So wurden 1901 
zwei Gesetze angenommen, betreffend die Einrichtung eines J. C. 
nnd die Anstellung von Probation officers. Sämtliche Fürsorge- 
beamte sind Frauen; sie werden dem Congress of Mothers ent- 
nommen, für ihr Amt besonders ausgebildet und vom New Century Club 
besoldet Das Schwergewicht des ganzen Verfahrens liegt bei ihnen ; 
der Richter wechselt alle Monate und hat keine Gelegenheit, sich 



90 VII. E. V. LiszT 

genügend in seine Aufgabe einzuleben. Es ist dies ein Nachteil des 
Verfahrens in Pennsylvania. Die Frauen haben sich sehr bewährt: 
Frau Kent Schoff meint: „Indem sie in ihrer Weise mit Mutter und 
Kind umgehen, kommen sie in engere Beziehung zu ihnen, als das 
ein Mann je kann". 

Frau Kent Schoff sagt weiter: „Eine Erfahrung mit einigen 
Tausenden von Kindern hat entscheidend bewiesen, daß es keine Ver- 
brecherklasse von Kindern gibt. Die Umgebung eines Kindes, der 
Mangel an häuslicher Fürsorge und Vernachlässigung mögen es wohl 
zum Verbrechen bringen. Trotzdem aber finden wir in jedem Kind 
den Keim des Guten, und diesen zu beleben und zu entwickeln, ist 
ist unsere Aufgabe. Strafe tut das nicht. Erziehung, Hilfe, Liebe 
und geduldiger Antrieb der besseren Instinkte kann allein diesen 
Trieb entwickeln. Wir sehen nicht auf das Verbrechen, wir sehen 
auf das Kind/ Ein Richter des J. C. erklärt: „Meine Erfahrung heim 
J. C. hat mich zu der Überzeugung geführt, daß die Einführung dieses 
Gerichtshofes von unschätzbarem Wert ist als zivilisatorischer Faktor 
in unserer Gemeinde". 

In Wisconsin wurde 1901 ein J. C. Gesetz angenommen, ähn- 
lich dem in Illinois; auch hier verdankt es seine Entstehung den 
Bemühungen einer Frau, Mrs. Whitcomb. 

In New Jersey kam 1903 ein J. C. Gesetz zustande; es ist 
hier aber noch immer möglich, daß Kinder ins Gefängnis kommen, 
und das ganze Verfahren scheint noch nicht so ausgebildet zu sein 
wie in anderen Staaten. 

In Indiana wurde 1903 ein besonderer J. C. eingerichtet, und 
es wurden zwei besoldete Probation officers angestellt, während 
freiwillige so viel wie nötig bestellt werden können. Über das Pro- 
bationsystem des Gerichtshofes in IndianopolisJndiana gibt Mrs. Bogers 
einen sehr guten Bericht. Sie schließt mit den Worten: „Wir glauben, 
daß das Probationsystem eine wissenschaftliche Methode ist, jugend- 
liche Verbrecher zu behandeln, weil es die Tatsachen zu bestimmen, 
weil es die Ursachen hinter den Wirkungen zu erkennen sucht. 
Wir glauben, daß es ein humanes und ein ethisches Verfahren ist, 
weil es diese Ursachen zu entfernen sucht durch die emporhebende 
Macht von gesundem menschlichen Einfluß. Wir glauben, daß ein 
J. C. ohne Probationsystem sowohl unwissenschaftlich als inhuman 
ist; und wenn er auch jedem Buchstaben des Gesetzes Genüge tut 
und hat kein wissenschaftliches Verhalten gegenüber dem Ver- 
brechen, so ist er ein Unsinn; und wenn er nicht die Macht des per- 
sönlichen Kontaktes hat, ist er wie tönendes Erz und wie eine klin- 



Children' Courts in the United States. 91 

^nde Schelle. Das Probationsystem war einer der ersten Schritte 
in der wissenschaftlichen Behandlung der Kriminalität, aber so lange 
als es nur bei Erwachsenen angewendet wurde, arbeitete es am fal- 
schen Ende. Seine Anwendung bei jugendlichen Übeltätern sollte 
einer der wichtigsten Faktoren sein zur endlichen Lösung des Pro- 
blems der Kriminalität''. 

Missouri erhielt 1903 durch die Bemühungen des Humanity 
Clubs von St. Louis (eines Frauenvereins) ein J. C. Gesetz. 

In den Gesetzen von verschiedenen anderen Staaten finden sich 
Tereinzelte Bestimmungen für die Behandlung von Jugendlichen, aber 
eigentlich J. C. haben sie noch nicht. 



Wie man sieht, gibt das Buch eine Fülle von Anregungen für 
die verschiedensten Gebiete. Überall finden wir, daß die Begriffe 
Strafe und Vergeltung für Kinder jetzt völlig ausgeschaltet sind; tiber- 
all, wo von ihnen die Rede ist, fühlt man heraus, daß sie in diesem 
Zusammenhang für völlig veraltet angesehen, als „Reste von Bar- 
barei* betrachtet werden. Es hat sich eben in den letzten zehn Jahren 
ein völliger Umschwung in den Anschauungen vollzogen. Es handelt 
sich nicht mehr ausschließlich um die Bestrafung begangener Ver- 
brechen, sondern darum, die Verbrecher zu bessern, d. h. sie von der 
Begehung weiterer Straftaten abzuhalten, sie auf die bestmögliche 
Weise wieder zu guten Bürgern (der Ausdruck findet sich sehr häufig) 
zu machen. Und vor allen Dingen will man die Ursachen des 
Verbrechens beseitigen, die eben in der vernachlässigten 
Jagend zu finden sind. 

Wir dürfen natürlich nun nicht die amerikanischen Einrichtungen, 
in Emzelheiten unverändert, einfach auf unsere Verhältnisse übertragen 
wollen; die Voraussetzungen sind ja ganz andere. Wir haben seit 
100 Jahren die allgemeine Schulpflicht, die es in vielen Staaten der 
Union heute noch nicht gibt. Bei uns kommen seit mehr als 30 Jahren 
Kinder unter 12 Jahren überhaupt nicht vor den Straf richter; der Staat 
nimmt sich jetzt ihrer an, wenn auch nur die Gefahr künftiger Ver- 
wahrlosung besteht. Aber Kinder von 12 bis 16 Jahren kommen 
ins Gefängnis, und daß sie daraus nicht als „gute Bürger" entlassen 
werden, wird wohl von keiner Seite mehr bezweifelt. Die Trennung 
der Kinder von den Erwachsenen vor Gericht ließe sich auch bei 
nna durchführen; dagegen wären alle Fälle, in denen es sich um 
Jngendliche, sei es verbrecherische, sei es verwahrloste, handelt, an 
einen, für diese Aufgabe besonders befähigten Richter zu über- 



92 VII. E. V. LiszT 

tragen. Auch für uns würde sich die Einführung des Probation- 
Systems mit seiner Urteilsauf Schiebung und vor allem seinen persön- 
lichen Pflegern empfehlen. 

Es fehlt aber in weiten Kreisen an Interesse, an Verständnis für 
die Wichtigkeit aller hierher gehörigen Fragen. Dieses Verständnis 
zu wecken, Lösungen der Probleme zu zeigen, die nicht nur von 
Theoretikern erörtert, sondern von praktischen, warmherzigen Men- 
schen mit Erfolg in die Wirklichkeit übertragen worden sind, dazu 
kann das vorliegende Buch helfen, dazu sollte dieser Bericht bei- 
tragen. 



Kleinere Mitteilungen. 



Von Dr. Herrn. Pfeiffer, Privatdozent a. d. Universität Graz. 

1. 

,Cber die forensiche Blutdifferenzierungsmethode nach 
vanltallie.'^ Vortrag gehalten auf der Versammlung deutscher Naturforscher 
nnd Ärzte in Stuttgart 1906. Vortragender prüfte die vor kurzem von 
van Itallie angegebene Blutdifferenzierungsmethode auf ihre forensische 
Venrertbarkeit. Sie besteht bekanntlich auf der verschiedenen Thermo- 
labilität der Menschen- und Tierblutkatalasen (katalytische Abspaltung von 
Sauerstoff aus einer 1 proz. Wasseretoffsuperoxydlösung) bei V2 8ttindiger 
Einwirkung einer Temperatur von 63^ C. Während — nach van Itallie's 
Angaben — bei dieser Temperatur und Zeitdauer ihrer Einwirkung die 
katalytische Wirkung des Menschenblutes nahezu quantitativ erhalten bleibt, 
geht jene des Tierblutes mit Ausnahme des Affenblutes zugrunde, so daß 
au» dieser Differenz Menschen- von Tierblut unterschieden werden kann. 

Vortragender kommt mit seinen Versuchen zu folgenden Ergebnissen: 

Es erheben sich schon von vornherein schwere Bedenken gegen die 
praktische, forense Verwertbarkeit eines Verfahrens, welches bei Verbrauch 
^oßer Materialmengen nur die einfache Unterscheidung von Menschen- und 
Tierblat ganz allgemein gestattet, da sich doch häufig das gerichtsärztliche 
Interesse auf die Entscheidung der Frage konzentriert, welcher Tierart (Reh, 
Hase, Huhn etc.) eine Blutspur entstamme. Auch gegen die Verwendung 
der von v. Itallie vorgeschlagenen „ Gärtuben " spricht sich Vortragender 
der ihnen anhaftenden Ungenauigkeit wegen aus. Sie gestatten nur eine 
approximative Ablesung des abgespaltenen Gasvolumens. 

Die Versuche des Vortragenden führten zu dem Resultate, daß die 
katalytische Wirkung unbeeinflußter Blutlösungen innerhalb weiter Ver- 
«lonnungsgrenzen (1 : 8000 — 64 000) noch nachweisbar sei, daß dieser „kata- 
U-tische Titer" bei verschiedenen Tierarten und bei verschiedenen Indivi- 
duen einer Spezies nicht unerheblichen Scliwankungen unterworfen sei, daß 
dieses Vermögen der Sauerstoffabspaltung nicht dem Blutserum, sondern 
den roten Blutkörperchen anhafte und daß das katalytische Vermögen des 
Blutes nicht nur durch thermische, sondern auch durch chemische Einflüsse 
verschiedener Art zerstört werden könne. Bei unverändertem (genuinem) 
Blute bestünden v. Itallies Angaben tatsächlich zu Recht. Es könne im 
Laboratoriumsversuch mit frischem Blute hinsichtlich seiner Provenienz von 
Mensch oder Tier durch V2 stündiges Erhitzen auf 63^ unterschieden werden, 
da die Katalasen des erstgenannten dabei nahezu quantitativ erhalten bleiben, 



94 Kleinere Mitteilungen. 

diejenigen des letztgenannten zerstört werden. Bei eingetrockneten oder 
gefaulten Blutlösungen hingegen — also gerade bei Objekten der gerichts- 
ärztlicben Praxis — ändern sich aber diese Verhältnisse in ganz regel- 
loser Weise ; so daß dann ein Rückschluß auf die Provenienz des Blutes 
nicht mehr gezogen werden könne. 

Vortragender kommt zu dem Ergebnis ^ daß eine Methode, gegen die 
schon gewisse praktische Bedenken sprechen, die außerdem bei etwas ver- 
ändertem Blute auch nicht halbwegs verwertbare Resultate gebe, gerade 
in Fällen der forensischen Praxis aber vollständig im Stiche lasse, nicht in 
die Reihe der heute so exakt arbeitenden Blutuntersuchungsverfaliren auf- 
genommen werden dürfte. An der Diskussion beteiUgte sich im Namen 
des üntersuchers, Dr. Fraenk el, Prof. der gerichtlichen Medizin Dr. Strass- 
mann, Berlin. Auch von dieser Seite wird das Verfahren van I tallies 
als unbrauchbar bezeichnet, so daß — in Übereinstimmung mit früheren 
Beobachtungen von Arnold und Werner — heute der Stab über die 
Brauchbarkeit dieser Neuerung gebrochen erscheint. 



Von Professor C. Stooß in Wien. 
2. 

Erinnerungsvermögen. In der Strafsache gegen Frau Luise 
Rutthofer, die ihren Mann erstochen hat, sagte der Arzt Dr. August Sieber 
als Zeuge aus, Rutthofer habe ihn vor 8 bis 9 Jahren konsultiert. 

Über das weitere Zeugenverhör berichtet die Neue Freie Presse vom 
28. September 1906. 

«Präs.: Die Angeklagte hat behauptet, daß Sie, Hen- Zeuge, ihr, als 
Sie wegen des Zustandes des Rutthofer einmal besuchte und Ihnen dabei 
mitteilte, daß ihr Mann einen Selbstmordversuch unternahm, indem er sich 
bei Bregenz in den See stürzen wollte, sagten: ^Das nimmt noch ein schlechtes 
Ende mit ihrem Manne, der leidet an Verfolgungswahn!" Haben Sie diese 
Äußerung zu Frau Rutthofer gemacht? — Zeuge: Ich kann mich über- 
haupt nicht erinnern, einmal mit Frau Rutthofer gesprochen zu haben, 
noch weniger eine solche Diagnose gestellt zu haben. Aber ich muß hinzu- 
fügen, daß ich für Frauenphysiognomien ein überaus schlechtes Gedäclit- 
nis habe. 

Geschworner Hans Mund ing: Ich muß hier seitens der Geschwomen 
die Erklärung abgeben, daß die Geschwomen der festen Überzeugung sind, 
daß der Herr Zeuge schon mit Rücksicht auf die von ihm vorgenommenen 
Untersuchungen des Landesrates Rutthofer sich erinnern und es wissen 
müßte, wenn er diese Diagnose gestellt hätte. — Zeuge: Ich glaube 
nicht. — Verteidiger: Können Sie es bestimmt verneinen? — Zeuge: 
Ich kann mich nicht erinnern, ich glaube nicht, aber ich kann es auch 
nicht ausschließen. Es ist möglich.» 

Die österreichische Strafprozeßordnung, § 3 1 5, gibt den Geschwomen 
das Recht, an jede Person, die einvernommen wird, Fragen zu stellen. Die 
Erklärung des Geschwomen Munding: „Daß die Geschwomen der festen 
Überzeugung sind, daß der Herr Zeuge schon mit Rücksicht auf die von 
ihm vorgenommenen Untersuchungen des Landesrates Rutthofer sich er- 



Kleinere Mitteilungen. 95 

Innern und ^ wissen müßte, wenn er diese Diagnose gestellt hätte'' ist 
kanm eine gesetzliche Ausübung des Fragerechts. Die Geschwornen sind 
nicht berufen, vor dem Wahrsprudi Erklärungen über ihre Überzeugung 
abzugeben. Allein wichtiger als dieses prozessuale Bedenken gegen die 
Znlissigkeit der Erklärung des Geschworaen ist das psycholo- 
gische Bedenken gegen den Inhalt seiner Erklärung. Der Geschwome 
and seine Kollegen halten es für selbstverständlich, daß sich ein Arzt an 
eine Äußerung erinnere, die er vor 8 oder 9 Jahren einer Frau über den 
Zustand ihres Mannes gemacht hat, und daß er bestimmt wisse, ob er sich 
so geäußert habe oder nicht Diese Zumutung verkennt die Kraft des 
menschlichen Gedächtnisses durchaus. Ein Arzt äußert sich täglich über 
den Zustand von Kranken. Wie ist es da möglich, daß er noch nach 
Jahren über solche Einzelheiten Bescheid weiß! 

Interessant ist die Mitteilung des Zeugen, er habe für Frauenphysio- 
^omien ein schlechtes Gedächtnis. In der Tafr kann das Gedächtnis eines 
Menschen je nach dem Gegenstand sehr verschieden sein. Wer in bezug 
aaf Wahrnehmungen der einen Art ein außerordentliches Gedächtnis hat, kann 
im übrigen ein sehr mäßiges Erinnerungsvermögen besitzen. Das Mißtrauen, 
das die Geschwornen gegen die Wahrheitsliebe des Zeugen bekundeten, 
beruhte daher auf unrichtigen psychologischen Voraussetzungen. Damit soll 
nicht gesagt sein, daß Berufsrichter von solchen psychologischen Irrtümern 
frd sind. 

3. 

Zur Eidesfrage. In der lehrreichen kleinen Schrift: „Die Aufgaben 
d€8 Verteidigers. Gedanken eines alten Verteidigers zum Prozesse Stemberg.'' 
Berlin, Bermühler 1901, berichtet der Verfasser S. 14 in der Anmerkung: 

^In dem Bezirke, in welchem ich zuerst vor vielen Jahren in die An- 
valtspraxjs trat, sollten beiden Parteien Eide abgenommen werden ; der er- 
sachte Richter verwechselte die Eide, und so beschwor in der Tat jede 
Partei das als wahr, was ihr Gegner behauptet und sie 
widersprochen hatte... Das Prozeßgericht hob natürlich beide Eides- 
leistungen auf, und nun leistete jede Partei den Eid, der ihr zukam.'' 

Das ist nun allerdings schon mehr als 30 Jahre her, fügt der Verfasser 
bei, aber in den Verhältnissen selbst hat sich nichts geändert. Gewiß 
nidit! tin diesem Falle lag nicht nur ein sprachliches Mißverständnis vor, 
wie es bei Nachsprechen eines Eidessatzes oft vorkommt.» Vergl. Hans 
<;roß Kriminalpsychologie, 2. Aufl. 1905, S. 627. 

Der Richter hat sich nicht Rechenschaft gegeben, welche Parteiden 
emen und welche den andern Eidessatz zu beschwören habe. Er hat sich 
nicht in die prozessualische Sachlage hineingedacht. 

Den Parteien ist der Sinn des Eidessatzes gar nicht zum Bewußt- 
sein gekommen ; sonst hätten sie nicht das Gegenteil von dem, was sie für 
wahr hielten und was ihrem Interesse entsprach, feierlich erklärt und eid- 
lidi bekräftigt. 

Diese Gedankenlosigkeit erklärt sich aus der Natur des „sententionierten" 
ödes.') Das Formelhafte des Eidessatzes ist der Geistesträgheit günstig. Da- 

1) Österreich hat ihn in der Hauptsache beseitigt 



96 Kleinere Mitteilungen. 

zu kommt, daß der Eidessatz häuHg nicht dem Fassungsvermögen und dem 
Verständnis desjenigen angepaßt wird, der ihn beschwören soll. Die 
Heiligkeit des Eidschwurs vermag diese Übelstände nicht zu heben. 

Es wäre zu wünschen ^ daß die Psychologie der eidlichen Aussage 
näher untersucht würde. 

Von Rechtsanwalt Dr. Rudolf Mothes in Leipzig. 
4. 
Ein Uhren nepp er? Vorigen Sommer besuchte ich die Niederlande. 
Von Dordrecht wollte ich nach Antwerpen fahren. Ich nahm den Schnell- 
zug, der von Amsterdam nach Brüssel geht. In dem Abteil zweiter EJasse, 
worein ich stieg, saß ein alter Herr, offenbar ein Semit. Ich kümmerte 
mich zunächst nicht um ihn, sondern zog meinen Bädecker heraus und ver- 
folgte an der Hand der Karte den Reiseweg. Der Alte suchte sogleich 
eine Anknüpfung, er nannte mir das Hollandsche Diep, den Moerdijk usw. 
Dann erzählte er von seiner Heimat Thüringen, von seiner Jugend, von 
seinem Ramschhandel und den großen Umsätzen, die früher dabei zu maclien 
waren. So scheinbar ganz unauffällig brachte er erst aus der hnken Westen- 
tasche eine goldene Taschenuhr und zog sie auf, dann aus der rechten. Ich 
äußerte instinktiv meine Verwunderung darüber, daß er zwei Taschenuhren bei 
sich trug, und sprach die Vermutung aus, daß wohl die eine Uhr Bahnzeit, die 
andre Stadtzeit zeige. Er meinte: „Das sind Gelegenheitskäufe, wenn sich ein 
Abnehmer findet, schlage ich sie wieder los. Besonders an Deutsche verkaufe 
ich viel. In Deutschland gibt es so wenig achtzehnkarätiges Gold.** Da- 
bei klappte er den Deckel der rechten Uhr auf und wies auf eine einge- 
prägte 18. Den deutschen Feingehaltsstempel entdeckte ich freilicli nicht 
Nach dem Preise habe ich den Alten nicht gefragt Denn ich wollte im 
Schnellzuge zwischen Amsterdam und Brüssel keine goldene Taschenuhr 
kaufen. Ich hatte zuviel von den Nepperuhren gehört, die sich die Be- 
trüger bei der Firma Septimius Dietrich in Leipzig für billiges Geld kaufen, 
um sie dann als Gelegenheitskauf oder wegen angeblicher Geldnot schein- 
bar unterm Preise zu verkaufen. Ganz geriebene Gauner verkaufen die 
Nepperuhren sogar unter dem Vorgeben, sie rührten von einem Diebstahle 
her. Der Alte im Schnellzuge hat seine Sache nach meiner Ansicht recht 
geschickt gemacht wenn er ein Nepper war. Er hat eine von Ausländem 
viel gefalirene Strecke gewählt. Er hat in zwangloser Weise ein Gespräch 
eingeleitet und das Augenmerk mit Geschick auf seine Ware gelenkt Zweck- 
mäßigerweise fuhr er zweiter Klasse. Er war gut angezogen und gebärd ete 
sich ganz biedermännisch. Ich kann mir schon denken, daß dieser oder 
jener ihm zwischen Amsterdam und Brüssel eine goldene Uhr abkauft und 
dann nicht weiß, gegen wen er die Wandelungs- oder Schadensersatzklage 
erheben soll. 

Von Medizinalrat Dr. P. Näcke. 
5. 
Ein ganz au ßergewöhnlicher Fall von Schlaftrunkenheit 
Kürzlich durchlief die Zeitungen folgendes Ereignis, das ich nach dem Be- 
richte der Frankfurter Zeitung vom 2. Okt 1906 erzähle. Kurz vor Be- 



Kleinere Mitteilungen. 97 

ginn der Vorstellang in einem Zirkus in Ldbau erscheint ein russischer 
Seeoffizier, angetrunken, und setzt sich in die vorderste Zuschauerreihe. 
Sehr bald schläft er ein und ergötzt das Publikum durch lautes Schnarchen. 
PlötzOch erwacht er jäh, als ein Artist ein paar Pistolenschüsse abgibt 
^Der Kapitän reckte sich empor (heißt es weiter) und sah mit verglasten 
Aagen dorthin. Offenbar befürchtete er einen Anschlag auf sich oder eine 
Meuterei, und in dieser Verkennung der Lage zog er seinen Revolver und 
gab ebenfalls ein paar Schüsse ins Blaue ab.^ Glücklicherweise ohne 
Schaden. Er ward entwaffnet und an die Luft gesetzt Es ist also hier 
m klassischer Fall von Schlaftrunkenheit geschildert, nur daß der Schlaf 
m durch Alkohol künstlich herbeigeführter war, was aber am psycholo- 
gischen Mechanismus nichts ändert. Ob die Motive des Losschießens wirk- 
lich die vom Zeitungsschreiber angenommenen waren, bleibe dahingestellt. Mög- 
lich sind sie immerhin, sogar wahrscheinlich, besonders in einer Zeit des 
AafmhrB und der Meuterei, wie sie im russischen Heere und in der Flotte 
jetzt (1906) 80 häufig sind. Der Ausgang der Sache war noch ein sehr 
gläcklicher. Wie leicht aber hätte namenloses Unglück entstehen können! 
Verkomung von Zeit, Ort, Personen und Situation ist bei plötzlich aus 
tiefem Kausche künstlich Erweckten sehr häufig, doch sind Unglücksfälle, 
die darauf zurückzuführen wären, wohl nur selten erwähnt 



Die Papillarlinien der Ferse. Genügend fast schon ist über die 
Hautlinfen der Finger berichtet worden. Wenig untersucht sind dagegen 
znrrdt noch die der Ferse, die freilich nur theoretisches Interesse bieten. 
Der anermüdliche F6r^ hat auch diese studiert (CJomptes rendus des s^ances 
de la Sod^t^ de Biologie, s^ance du 24 fevr. 1906). Die Hautlinien sind 
hier fast nur schräg oder quer. Schlingen — immer nach außen und nach 
Tom — kommen nur ganz ausnahmsweise vor. Verf. sah sie nur einmal 
bei einem Normalen, und zweimal unter 219 erwachsenen Geisteskranken. 
Hiofiger kamen sie bei idiotischen und epileptischen Kindern vor und 
hier öfter einseitig; dort waren sie stets bilateral und symmetrisch. Die 
Abdrücke geschahen mittels Druckerschwärze. 



Das räudige Schaf der Familie. Es ist allgemein bekannnt, daß 
bisweüen in den besten Familien, bei sorgsamster und gleicher Erziehung 
Mter guten, wohlerzogenen Kindern plötzlich einmal ein boshaftes, schlecht 
dezipliniertes erscheint, bis zum Bilde einer sogenannten moral insanity. 
Woher dies? Wenn es sich nicht etwa um latente oder angehende Psychosen, 
anderweite Gehimkrankheiten oder Neurosen handelt, so gibt es nur zwei Mög- 
lichkaten. Erstens der Fall, auf den wohl zuerst die Franzosen hinwiesen und 
den man stets im Auge haben muß : Das Kind stammt von einem fremden 
Vater, oder zweitens, Vater oder Mutter oder beide befanden sich zurzeit der 
Konzeption, die Mutter auch während der Schwangerschaft, in einem somatisch 
oder psychisch schlechten Zustande, der dann den Keim affizieren muß. So 
plausibel dieser GAind ist, so schwer ist er doch in concreto zu beweisen, da 

Arehir fir Kriminalaiithropologie. XXVI. 7 



98 Kleinere Mitteilangen. 

wir, wenn, wie doch meist, eine Reihe von Beischlafsakten stattfanden, die weit 
auseinander liegen können, nie sicher wissen, welcher der befruchtende war. 
Daher läßt sich z. B. auch fast nie sicher erweisen, ob die Kon- 
zeption im Rausche stattfand oder nicht, und wenn manche Frauen 
genau den Empfängnisakt von den nicht befruchtenden Akten unterscheiden 
wollen, so ist dies wohl nur eine Illusion, eine Auto- Suggestion. 



8. 

Die Rindersterblichkeit in Deutschland. Kürzlich las ich, 
daß bis zu einem Jahre in Deutschland mehr Kinder sterben, als in den 
anderen Kulturstaaten. Dies erscheint um so rätselhafter, als hier doch 
die Hygiene im ganzen besser als sonst und die Rasse eine im ganzen 
gesunde ist Woher? Es dürfte wohl schwer sein, hierfür eine absolut 
richtige Antwort zu erhalten, aber gerade an diesem Thema können 
wir ersehen, wie unendlich schwierig es ist, die Statistiken zu deuten, weil 
sie eben zu vieldeutig sind und sich daher nur sehr schwer miteinander 
vergleichen lassen. Lassen wir nur ein paar Momente für die Kmdersterb- 
lichkeit Revue passieren, um die ganze Schwierigkeit darzustellen. Zunächst 
ist Kräftigkeit, Kinderreichtum der Rasse ein wichtiger Faktor, sodann 
der Bau des weiblichen Beckens, die Größe des Kindes, das Alter der 
Eltern bei Zeugung derselben, ihr .Altfersunterschied, das Verhältnis der 
ehelichen zu den unehelichen Geburten, die Hygiene im allgemeinen und 
besonderen, namentlich die der Schwangerschaft, das Stillen der Kinder, die 
Art der künstlichen Kinderernährung, ^) die Pflege des Kindes, die so gefähr- 
liche Beschäftigung verheirateter 'Frauen in der Industrie etc. Im Hinter- 
grunde stehen als drohende Gespenster chronische Krankheiten der Eltern, 
die die Lebenstüchtigkeit der Sprößlinge mit bestimmen, in vorderster Reihe 
der Alkoholismus und die Syphilis. Auch der Beruf ist nicht zu unter- 
schätzen, ob es sich um Industrie-, Landarbeiter, Städter, I<andbevölkerung 
u. s. f. handelt. Neuerdings ist man noch auf eine bisher unbekannte mögliche 
Ursache der Kindersterblichkeit gekommen. Unter dem V^iehfutter sollen 
öfters schädliche Kräuter etc. sein, deren Säfte in die Kuhmilch übergegangen, 
dem Tiere nicht schaden, wohl aber dem Kinde. Ich weiß nicht, ob man 
dies direkt bewiesen hat, indem man den Vergiftunp:stod des Kindes kon- 
statierte. Man sollte doch denken, daß das Kochen der Milch — und 
selbst bei den Ärmsten wird sie wohl nur gekocht den Kleinen gegeben — 
die organischen Gifte zerstört. Jedenfalls glaube ich nicht, daß diese mög- 
liche Quelle der Kindersterblichkeit eine große ist. Es ließe sich aber 
denken, daß in gewissen Gegenden mehr schädliche Kräuter wachsen und 
so die Milch vergiften als in anderen. Jedenfalls ersieht schon an dem 



1) Ich kenne einen Fall, wo in einer guten Familie das erste neugeboi-ene 
Kind immer mehr abnahm. Man holte den Arzt, der meinte, das Kind hungere, 
und in der Tat nahm es durch genügende Nahrung rasch zu. Die Mutter war 
erstaunt, und hatte keine Ahnung gehabt, wie viel man dem Kind künstliehe 
Nahrung geben müsse. Wie oft mag dies erst in den uniem Kreisen geschehen. 
Daher sind die „Mutterschaftsschulen", wie jetzt in Paris, sehr segensreiche 
Institutionen. 



Kleinere Mitteilungen. 99 

einen Beispiele der Laie sofort , wie kompliziert die Frage nach den 
Quellen der Kindersterblichkeit ist. Wir sind meist nur auf Annahmen 
hingewiesen^ und eine wirkliche Besserung der Verhältnisse ist nur dann 
mogiicfa, «-enn zugleich mehrere mögliche Quellen beseitigt sind. Wie mit 
der Kindersterblichkeit, so verhält es sich aber auch bez. der 
Kompliziertheit des Problems mit jedem anderen sozialen 
Phänomen, wie Verbrechen, Selbstmord, Morbidität, Morta- 
lität etc. Auch hier gibt es kein Universalmittel, sondern 
es müssen überall eine Reihe von Mitteln versucht werden, 
am möglichst viele Quellen zu verstopfen. Das zeigt aber weiter, 
wie vorsichtig jede Statistik zu verwerten ist, auch wenn sie 
sonst wichtig erscheint. Die einzelne Zahl ist vielleicht richtig, aber jede 
derselben kann aus einer ganz verschiedenen Zahlenzusammensetzung — den 
Ureachen entsprechend — bestehen, welche man der Zahl an sich nicht 
ansehen kann. 



9. 

Einige neuere soziale Einrichtungen von hohem Werte 
im Kgr. Sachsen. Für den Volksfreund und Soziologen ist es erhebend, 
folgende Tatsachen zu kennen. 

1. Am 1. April 1905 ist in Dresden eine hochwichtige Wohnungs- 
ordnung erschienen, mit scharfen Bestimmungen gegen Überfüllung der 
Wohnung, femer bez. der Kontrolle des Schlafstellenunwesens und der Durch- 
führung notwendiger hygienischer Vorschriften. Seit dem I.Juli 1906 ist diese 
Verordnung in voller W^irksamkeit. Was das besagen will, geht daraus 
hervor, daß die Zahl der Haushaltungen mit Aftermiete oder Schlafleuten 
in Dresden auf 25 000 geschätzt wird. Um diese Zahl zu inspizieren und 
zo kontrollieren, sind vom Stadtrate für die 6 Wohnungsaufsichtsbezirke 
^> ständige Aufsiditsbeamte angestellt, nebst einer Anzahl technischer und 
anderer Hilfskräfte. Wer das ti-aurige Schlafstättenwesen der Weltstädte 
kennt, ihren traurigen Einfluß auf die Gesundheit so vieler Tausende, noch 
mehr aber auf die sexuelle Moral, wird diesen Schritt der Stadt Dresden 
mit Freuden begrüßen und eine baldige Nachahmung dieser Einrichtung in 
anderen Großstädten wünschen. Die Früchte werden sich bald zeigen und 
das hineingesteckte Geld tausendmal ersetzen. 

2. Als eine Art von Ergänzung obiger Einrichtung ist die Errichtung 
einer „Lau d es desinfektoren schule" in Dresden durch Lingner (den 
bekannten Fabrikanten des Odols und großen sozialen Wohltäter) unter 
staatlicher Kontrolle zu notieren. In Kursen von 10 Tagen (zunächst jedes 
Jahr 10 — 12 solcher) sollen 12 — 15 Teilnehmer von Ärzten und Chemikern 
m der Praxis der Desinfektion unterrichtet werden, und zwar unentgeltlich. 
Die Gemeinden werden nur das Reisegeld und die Auslagen für Wohnung 
and Beköstigung zahlen. Die Teilnehmer werden dann geprüft und er- 
balten ein staatliches Zeugnis als ^geprüfter Desinfektor.^ Dies ist nament- 
lich für die kleineren Städte und das platte Land sehr nötig, wo gewöhn- 
lich von Desinfektion nach Seuchen nicht oder kaum die Rede ist Und 
doch braucht hier nicht besonders auf die große Wichtigkeit aufmerksam 
gemacht zu werden. 






100 Kleinere Mitteiluogen. 

3. Der Rat der Stadt Leipzig will selbslßtillenden Müttern eine Still- 
prämie gewähren, um den eventuellen Lohnausfall zu decken, i) Die 
Mütter sollen durch Ärzte, Hebammen und Aufsichtsdamen des Ziehkinder- 
amtes kontrolliert werden. Um aber die Mütter auf die Wichtigkeit des 
Stillens nachdrücklichst zu verweisen, sollen die Hebammen ein besonderes 
Merkblatt an die Wöchnerinnen verteilen. Die Hebammen, die sich be- 
sondere Mühe nach dieser Richtung hin geben, sollen außerdem noch eine 
Geldprämie erhalten. Man sieht, die Stadt Leipzig, die schon durch ihr 
Ziehkinderamt Mustergiltiges und Nachahmenswertes geschaffen hat, will 
auch in der wichtigen Frage der Herabsetzung der Kindersterblichkeit mit 
au der Spitze marschieren. Die vorgeschlagenen Einrichtungen werden 
jedenfalls ihren Zweck erfüllen und mit dazu beitragen, die durch den Fort- 
schritt der Kultur geschaffenen Schattenseiten zu mildem und nebst den 
vorher besprochenen Einrichtungen allmählich den Volkskörper gesünder zu 
gestalten. Das alles sind erreichbare Ziele, während Eheverbote, wie ich 
des öfteren schon betont, nur wenig Ersprießliches versprechen. An allen 
den modernen Fortschritten zur Hebung des Wohlstands, der Gesundheit 
und Wohlfahrt der unteren Klassen sind die Sozialdemokraten aber so gut 
wie unbeteiligt gewesen. Sie verlieren sich in fruchtlose Diskussionen 
und verhindern nur, wo sie können, die wahre Wohlfalirt des Volkes, in- 
dem sie allein die Zertrümmerung des Bestehenden anstreben, ohne Besseres 
dafür an die Stelle zu setzen! 



10. 

Zur Frage der Unehelichen. Die Zahl der unehelich Geborenen 
macht bekanntlich einen ziemlich hohen Prozentsatz unserer Bevölkerung 
aus, etwa 10 — 12 Proz. im ganzen. Das wäre schließlich gleichgiltig, wenn 
nicht gerade sie ein Hauptkontingent zu den Dirnen, Verbrechern, Geistes- 
kranken und Vagabunden stellten, und das macht eben ihre große soziale 
Bedeutung aus. Leider wissen wir relativ noch recht wenig Statistisches 
über sie. Spann hat kürzlich in interessanter Weise die uneheliche Be- 
völkerung Frankfurts a. M. behandelt, woiüber ein kurzes Referat z. B. in 
der Politisch- Anthropol. Revue 1906, p. 428, sich befindet. Doch hier gilt 
es nur die Großstadt und deren Verhältnisse sind zum Teil ganz andere 
als die durchschnittlichen, abg^ehen davon, daß auch lokale Bedingungen Be- 
rücksichtigung verdienen. Es käme zunächst darauf an, den Lebe ns- 
gang einer großen Zahl unehelich Geborner bis zu ihrem Tode 
zu verfolgen und ihn mit dem ehelich Geborner gleicher 
Schichten Schritt für Schritt zu vergleichen. Das fehlt eben 
noch! Dann erst würde man ersehen können, wieviel dem Miheu, wieviel 
dem endogenen Elemente bei den so überaus häufigen Entgleisungen hier 
zuzumessen ist. Wenn irgendwo, so ist es hier das Milien, 
welches fast ausschlaggebend ist. Mit wenig Liebe meist bei der 
G eburt begrüßt, bei Fremden unter kärglichen Verhältnissen erzogen, wachsen 
sie gewöhnlich wie wilde Pflanzen auf, fühlen sich sehr oft von jung 
an von den anderen scheel angesehen und später im Lebenserwerb nicht 

1) Beschluß im Ilerbst 1906. 



Kleinere Mitteilungen. 101 

selten wegen ihres Gebnrtsroakels benachteiligt. Was Wunder, wenn sie so 
oft mißraten? Hier sind übrigens Unterschiede zu konstatieren. Da die 
sexuelle Moral der niederen Volksschichten nicht unerheblich von der der 
oberen abweicht, so ist es natürlich, daß sie doi*t kaum auffallen und cet. 
par. ihren Weg so gut wie die anderen machen werden. Auch heiraten 
dieMädchen mit Anhang kaum weniger häufig, als die kinder- 
losen, weil das pretium virginitatis noch nicht sehr hoch ge- 
stiegen ist. Da für gewöhnUch femer beide Eltern kräftig sind, ist es 
verstandlich, daß auch die Bastarde nicht den anderen körperlich und 
pdstig nachstehen würden, wenn die Ernährung eine gleich gute, wie bei 
den übrigen wäre, was wohl nicht immer zutrifft. Aber die Erziehung ist 
mangelhaft, und es fehlt meist die Liebe. So geraten sie leichter in schlechte 
Gesellschaft und auf Abwege. Daß es für sie viel besser ist, wenn 
sich ihre Mütter bald verheiraten und sie mitnehmen, ist klar. 
Daß aber die anderen Mütter, also die, welche sich nicht verheiraten, ein 
beträchthehes Maß von Entartung aufweisen sollen, wie Spann es meint^ 
möchte ich sehr bezweifeln. P>eilich neigen sie leicht wieder zu unehe- 
lidhen Schwängerungen, wenn sie einmal gefallen sind und sich nicht ver- 
heiraten. Aber auch deshalb brauchen sie noch nicht entartet zu sein. Upd 
ich glaube — entgegengesetzt der Ansicht Spann's — daß die Mütter 
als Vormünder ihrer unehelichen Kinder im allgemeinen 
immer noch besser sind, als Fremde, da die Mutterliebe sich doch 
nur selten ganz verleugnet Nur wo die Mutter dazu unwürdig erscheint^ 
sollte ein fremder Vormund eintreten. 

Anders aber liegen die Verhältnisse, wenn die beiden 
Eltern nicht gleichen Standes sind. Dann gehört gewöhn- 
lich die Mutter der unteren Volksschicht an, der Vater aber 
ist, viel häufiger als beim Volke, ein Entarteter, ein Rou^. 
So müssen a priori schon im ganzen körperlich, vor allem aber geistig 
und moralisch inferiore Wesen entstehen, denen später die soziale 
Sdiicht des Vaters meist unerreichbar ist, die aber eben durch ihre Geburt 
mehr Ansprüche an das Leben machen, als die anderen unehelich Erzeugten^ 
und, da dies meist nicht zu realisieren ist, unzufrieden werden und mit 
Willen der Gesellschaft gegenüber eine feindliche Stellung einnehmen. 
In diesen Schichten dürften also die meisten Entgleisungen 
stattfinden, doch wäre dies alles erst noch statistisch zu er- 
härten. Die Frauen hängen gewöhnlich sehr an ihren unehelichen 
Kindern und sorgen gut dafür, wie ich oft genug beobachtete, auch wenn 
mehrere da waren, während der Mann meist nur die Lust des Augen- 
blickes kennt und die progenies verleugnet. Hier tritt der nackte Egoismus 
des Mannes so recht zu Tage! Interessant ist es aber auch zu sehen^ 
wie oft ganze Geschlechter von Unehelichen wimmeln. Man 
kann hier nicht ohne weiteres auf eine ererbte ethische Abstumpfung 
schließen, sondern es spielt besonders die Tradition, das Beispiel eine Rolle. 
Eine Mutter kann femer ihrer unehelichen Tochter gegenüber in Liebes- 
sachen nicht zu streng sein, da sie immer an ihre eigene Vergangenheit 
erinnert wird. Merkwürdig ist es auch, daß die Mutterliebe in einzelnen 
F^len den Charakter zu veredeln scheint. Etwas leichte Personen werden 
geordnet, und in treuer Fürsorge für ihren unehelichen Nachwuchs geben 



102 Kleinere Mitteilungen. 

sie Tanz und Tand auf, wie ich es wiederholt erlebte. Sie wurden oft 
solider. Daher das scheinbare Paradoxon, daß Wärterinnen mit einem onehe- 
lichen Rinde oft besser, solider sind, als solche ohne dasselbe, da sie nun- 
mehr einen Lebenszweck sehen und nicht mehr leichtfertige Graupen im 
Kopfe haben, wie früher. Um aber die große Ungerechtigkeit den armen 
unehelichen Kindern gegenüber wenigstens einigermaßen wett zu maclien, 
sollte der Vater nicht nur Alimente zahlen, sondern auch 
dieselben prozentual seinem Vermögen. Dann würden doch so 
und so viele sich die Sache mehr tiberlegen. Es würden weniger Kindei- 
erzeugt und diese besser erzogen werden können. 



11. 

Die grausamen Strafen in China. Wiederholt habe ich betont, 
daß die Chinesen nicht nur wahrscheinlich das geilste, sondern auch das 
grausamste Volk sind und Strafen erfunden haben und zum Teil noch aus- 
üben, die bei weitem die scheußlichsten Folterqualen des Mittelalters oder 
die Grausamkeiten der Indianer übertreffen. Sie sind z. ß. wohl die Er- 
finder des scheußhchen Todes durch Schlaflosigkeit Der Delinquent 
wird in eine Art engen und am Boden mit Spitzen versehenen KäHgs ge- 
sperrt, und sobald er einschlafen will, wird er mit zugespitzten Bambus- 
Stäben aufgeweckt, bis die Erschöpfung ihn erlöst. Früher wurden gewisse 
Verbrecher auch zwischen zwei Bretter der Länge lang eingespannt und dann 
sagittal in der Mitte durchgesägt! Mattignon *) macht uns eben mit einer 
neuen (aber vermutlich sehr alten) Scheußlichkeit der Chinesen bekannt, dem 
„Lynchii" oder der „Hinrichtung (supplice) der 1 000 Stücke", welche erat kürz- 
lich von der Kaiserin von China für Peking aufgehoben ward, also anderswo 
noch besteht. Verf. gibt Photographien dieser Prozedur, die er sehr richtig als 
„Fleischer-Chirurgie'^ des Schaifrichters bezeichnet. Diese Todesart ist für 
schwere Verbrecher festgesetzt, auch für Frauen, die ihren Mann töteten. Nackt 
wird der Verbrecher an einen Pfahl gebunden (die Frauen behalten aber die 
Hosen an). Vorher hat, wenn der Scharfrichter von den Angehörigen des Pelin- 
quenten „ geschmiert '^ worden war, der Hinzunchtende ein tüchtige Dosis Opium 
bis zur Abstumpfung der Empfindlichkeit geschluckt. Die Operation selbst ge- 
schieht in 6, durch verschieden lange Pausen getrennte Zeiten : 1., Abtragung der 
linken Brust und des Brustmuskels durch zwei halbzirkelförmige Schnitte; 
2., dasselbe rechts; 3., Ausschneidung der ganzen Muskeln von der Vorderfläehe 
des linken Oberschenkels; 4., des rechten; 5., dasselbe am linken Oberarm; 
6., am rechten. Gewöhnlich ist dabei aber der Verbrecher schon tot, da 
nach der Höhe der Bestechung der Nachrichter die Dauer des Ivcidens ver- 
längert oder verkürzt, indem er ein Mc^sser ins Herz stößt Nach dem Tode 
werden sämtliche Extremitäten ausgerenkt und einzelne in das so zahlreich 
versammelte Volk geworfen, daü jedesmal mehrere Zuschauer erdrtiekt 
werden. 

Man braucht darüber wohl keine weiteren Worte zu verlieren. Auch 
hier sehen wir, wie bei andern ähnlichen Anlässen, die sensations- und 



1) Mattignon. Un supplice qui disparait en Chine. „Le L>Tichii". Ar- 
chives d'anthropol. erimin. etc. 1005, p. 836. 



Kleinere Mitteilungen. 103 

bIntdOrstige Menge dem ekelhaften Schauspiele beiwohnen, anch hier reißen 
sich die Leute um die verstreuten Fleischfetzen, wahrscheinlich um sie zu 
aberglänbischen Zwecken zu gebrauchen. Forscht man tiefer, so fragt es 
sich: wie kommen nur solche Scheußlichkeiten gerade mit Vor- 
liehe bei Mongolen und Mongoloiden (Indianern) vor? Es muß 
doch irgend ein psychologischer Grund dafür da sein! Idi sehe ihn nun 
For allem in der Hypästhesie der Haut, die gerade hier nach einem der 
besten Kenner Chinas (Mattignon) existieren und selbst bis zur Anästhesie 
geh«i soll, weshalb die Chinesen sogar samt und sonders von ihm als 
Hysteriker hingestellt wurden ! Auch ihre stoische Ruhe beim Erti-agen aller 
Wanden usw. erklärt sich so auf das einfachste. Vielleicht hat aber auch der 
Ahnenkult seine Hand mit im Spiel. Man weiß, wie hoch dem Mongolen der 
Ahne gilt Um sein tiefstes Verachten auszusprechen, würde es also genügen, 
den Ahnenkult im betreffenden Fall unmöglich zu machen, also z. B., in- 
dem man den Verbrecher auf das grausamste zurichtet, ein ewiger Schand- 
fleck auch für die Nachkommen. Tradition und Dteratur haben dann 
das weitere hinzugetan, indem sie das Gemüt der Mongolen verrohten. 
Doch darf man auch das Kind mit dem Bade nicht ausschütten, da es 
Mongolen Völker gibt, die geradezu durch Gutmütigkeit und Weichherzig- 
keit bekannt sind. 



12. 

Erhaltensein des Bewußtseins noch einige Zeit nach dem 
Hängen. Im ;, Journal of Mental Pathology" 1905, p. 103 lesen wir 
folgende interessante Tatsache. Ein reformierter Pastor Meury in Jersey 
Gty erzählt, daß er einen gewissen Gentz, der eine Frau erschossen hatte 
und gehängt werden sollte, zum Richtplatze begleitet und mit ihm aus- 
gemacht hatte, daß er (Gentz) nach dem Aufhängen gewisse Zeichen machen 
sollte und zwar erst zweimal seine Hände zucken (twitch), dann ein- 
mal und endlich wieder zweimal und das 1 Minute, nachdem der Hals 
gebrochen sei. Der Geistliche berichtet dann: „Als Gentz mit Gewalt auf- 
gezogen wurde, ward sein Körper steif. Ungefähr ^/i Minute verflossen 
darauf. Dann sahen sechs Männer, denen ich gesagt hatte, was Gentz 
aoszufflhren versprochen hatte, und ich die gefesselten Hände die (betreffen- 
den) Zeichen machen. Das Entsetzen war zu groß.^ Jetzt unternimmt 
dieser Pastor einen Kreuzzug gegen die Todesstrafe in New Yersey. — An 
dem Faktum selbst darf man darnach wohl nicht zweifeln. Es ist aber nur 
ein Beweis dafür, daß das Bewußtsein noch ganz kurz nach dem Hängen be- 
stehen kann. Es wird dies aber glücklicherweise wohl nur eine große Selten- 
heit 8ein, da bei der richtigen Technik der Blulstrom so plötzlich unter- 
hroclien wird (noch gründlicher freilich beim Erdrosseln!), eventuell sogar 
das Rückenmark durch Verrenkung des Halswirbels oben zerquetscht, daß 
wohl auch nur ein momentanes Bewußtsein danach kaum anzunehmen ist 
Die angstvollen Gesichter etc. bei Gehängten sind wohl schon vorher 
inner\iert worden, und andere Zuckungen sind rein reflektorisch. Immerhin 
ist dies eine grausame Art zu töten. Man wird deshalb andere Mittel zu 
diesem Zwecke anwenden, wenn man überhaupt noch die Todestrafe bei- 
behalten will, die ich für gewisse Fälle doch für gut halte. Hier kommen 



104 Kleinere Mitteiluogen. 

dann nur die Guillotine und die amerikanische Tötung durch Eiektrisation 
in Frage, doch scheint die Methode für letztere noch weiterer Vervoll- 
kommnungen zu bedürfen^ wie das Frl. Robinowitsch (Journal of M^tal 
Pathology, 1905, p. 758S.) weiter ausführt. 

Ich hatte das Vorhergehende schon niedergeschrieben, als mir die 
große und interessante Arbeit von N. Minovici: ^tude sur la pendaison, 
in Archives d'anthropol. criminelle etc. 1905, p. 564s8. und 657ss in die 
Hände fiel. Verf. hat selbst viele Erhängungsversuche an sich gemacht 
und dabei konstatiert, daß er bei unvollkommener Hängung, d. h. also, wenn 
die Füße nicht freihängen, bis zu 26 Sekunden das aushalten konnte und 
ihm dann erst das Bewußtsein zu schwinden begann, bei vollständigem 
Hängen aber bereits nach 5 bis 6 Sekunden. Gleich von Anfang an kon* 
trahiren sich die Gesichtszüge schmerzlich, wegen des Drucks des Bandes be- 
sonders am Zungenbein. Also schwindet beim Hängen jedenfalls 
nicht sofort das Bewußtsein und die oben mitgeteilte Beobachtung 
des Geistlichen erscheint daher um so wahrscheinlicher. Nun ist in den- 
selben Archives d'anthropol. crimin. 1905, p. 643 ein noch viel auffallen- 
derer Fall erwähnt. Dr. Beaurieux sah den Kopf eines Hingerichteten nach 
der Guillotinierung auf dem Halsdurchschnitt aufsitzen. Unmittelbar dainacfa 
bewegten sich während 5 bis 6 Sekunden die Augenlider und Lippen, un- 
regelmäßig rhythmisch, das Gesicht war gerötet. Nach emigen Sekunden 
hörten die Zuckungen auf, die Lider schlössen sich halb, und als der Arzt 
den Hingerichteten bei seinem Namen rief (später allerdings gibt er zn, 
daß er möglicherweise bloß aufgeschrien habe) erhoben sich langsam 
die Lider ohne Zucken und die Pupillen akkomodierten sich ge- 
nau auf den Arzt. Nach einigen Sekunden schlössen sich die lider, 
und auf erneutes Anrufen richteten sich von neuem die Augen auf den Arzt, 
um sich dann wieder mit den Lidern zu bedecken. Ein dritter Versuch 
mißlang. Das Ganze hatte 2 5 bis 30 Sekunden gedauert. Nach 
der Meinung der Ärzte und zweier Sachverständiger handelt es sich hierbei 
um einfachen Reflex. Hören und Sehen war noch möglich, und die Groß- 
hiiiirinde kann dann wohl auch noch leben. Die andern Experten hielten 
das Bewußtsein für ausgeschlossen, Beobachter scheint jedoch daran zu 
zweifeln und ich glaube mit Recht. Denn im Schlafe oder im Coma bei 
tiefer Bewußtlosigkeit oder im Rausche gelingt es nicht, durdi Anrufen die 
Lider des Schläfers etc. sich öffnen und den Blick auf den Frager richten 
zu sehen. Es scheint also vielleicht sogar nach Trennung des 
Kopfes das Bewußtsein und damit der Schmerz nicht sofort 
zu schwinden, wenn auch nur auf höchstens '/^ Minute, was 
praktisch wohl nicht viel besagt. Der berühmte Scharfrichter Deibler 
hat nie an Guillotinierten Zuckungen an Armen, Beinen oder des Rumpfes 
gesehen, was bei Erhängten öfters eintritt. 



13. 

Gibt es eine Zeitempfindung, einen Zeitsinn? Ein Oberbeamter 
der Anstalt Hubertusburg erzählte mir folgendes: Als er noch als junger 
Mann hier vor Jahren in den Expeditions- Dienst- trat, war ihm gesagt worden, 
daß in der damals noch bestehenden Abteilung für schwachsinnige Zöglinge 



Kleinere Mitteilungen. 105 

dn Kind sei^ das, wenn aas dem Schlafe geweckt, genau die Zeit angeben 
köDDa Als er nun einmal nach Mitternacht mit dem Lehrer auf den Schlaf- 
saal des Betreffenden kam, ward dieser aus tiefem Schlafe erweckt und gab, 
bis TieUeicht auf einige Minuten Differenz, genau die Zeit an, als er auf- 
wachte. Leider wußte mir der durchaus vertrauenswürdige Erzähler nichts 
Nib«^ zu sagen, nicht einmal sicher, ob es ein Knabe war. Auch ein 
anderweit versetzter Lehrer, der damals mit die Zöglinge unterrichtete und 
nach obigem befragt wurde, konnte sich des Namens und des speziellen 
Kindes nicht entsinnen, sagte aber aus, daß damals eine gleiche Erscheinung 
an mehreren Kindern beobachtet worden wäre. Die Pluralität der Fälle 
möchte ich lieber als Erinnerungstäuschung hinnehmen, dagegen ist an dem 
ersten Faktum wohl nicht zu zweifeln. Ich muß gestehen, daß ich ähn- 
lidies noch nicht gehört hatte. Eine ungefähre Zeitbestimmung, wenn 
man nadits aufwacht, kennt fast jeder, besonders wenn er, wie ich, seit 
Jahren schlecht schläft und Erfahrungen über die Lichtintensität der ein- 
einzefaien Zeitabschnitte in den Jahreszeiten, und auch etwa vorkommende, 
regelmäßige Geräusche, gesammelt hat. Aber das sind alles nur unge- 
fähre Angaben, man täuscht sich nur zu oft und zu Hilfe werden allerlei 
Erfahrungen genommen. Dort aber, bei dem Kinde, geschah die Zeitan- 
gabe anscheinend ohne alle Überlegung, bewußte Assoziation etc. und zwar 
angeblich fast absolut richtig. Wie ist das zu erklären? Ich weiß es 
nicht Wohl könnte die Intensitätsdauer des Schlafes, die Verdauungstätig- 
keit etc. eine Art von organischem Zifferblatt abgeben, doch ist unser 
organischer Sinn zu stumpf, um solche Vorgänge genau chronologisch zu 
bemessen. Vielleicht gibt es Ausnahmen, vielleicht spielen noch andere 
Verhältnisse mit Man sollte auf solche Fälle genau achten, sie sammeln 
and zergliedern. Es gibt, man weiß es, eine Art Zeitbestimmung durch 
Suggestion oder Autosuggestion. Manche prägen sich z. B. beim Einschlafen 
den Gedanken ein, früh um 6 Uhr aufzustehen, also eine Autosuggestion. Oder 
aber, man befiehlt dies einem und es geschieht, also eine Suggestion. Solche 
Filie sollen vorkommen, doch zweifle ich, ob genau die Zeit eingehalten wird. 
Wöin man jemandem in der Hypnose anbefiehlt, im Wachen zu einer be- 
stimmten Zdt etwas auszuführen, so soll es genau (?) geschehen. Auch in 
aUen diesen Fällen ist der nähere Mechanismus unbekannt, und man kennt nur 
deren Ursache: die Suggestion, die in unserem Beispiele aber ganz abgeht 
Nun spricht Möbius^ von einem „Zeitsinn" bei Tieren. „Das Er- 
wachen des Wandertriebes — sagt er — zu einer bestimmten Zeit, die 
bis aof wenige Tage bestimmt ist, zeigt am besten, daß die Tiere einen 
Zeitsinn haben. Es handelt sich nicht um Hunger oder Kälte ... Im 
Kleinen kennt jeder Beispiele vom Zeitsinn der Tiere. Ich hatte einen 
Puifel, der gegen Mittag spazieren ging. Genau zur Essenszeit kam er 
zurück. Solche Fälle zeigen, daß die Pünktlichkeit der Tiere auch ohne 
Leitung durch Licht und Wärme bestehen kann, während man die 
regelmäßigen Handlungen der freilebenden Tiere auf diese Dinge (beson- 
ders den Sonnenstand) beziehen könnte." Ich glaube dagegen, daß wir in 
diesen Dingen sehr vorsichtig sein müssen. Über die Genese des Wander- 
triebe wissen wir immer noch nichts Sicheres, doch scheinen Kälte und 



1) Die Geschlechter der Tiere. II. Teil, Halle, Marhold, 1906, p. 22. 



106 Kleinere Mitteilongen. 

Hunger mitzuspielen. Daß hier nicht eigentlicher ^ Zeitsinn " vorliegt, er- 
sieht man daraus, daß der Spielraum der Wanderzeit für jede Spezies ein 
ziemlich großer ist. Wir wissen femer, daß die wilden Tiere in den Mena- 
gerien genau die Fütterungsstunde kennen, wie dei; Pudel von Möbius die 
Mittagszeit Der Hunger ist hier sicher schuld und die Assoziationserfah- 
rung, daß zu dieser Zeit die Nahrung gereicht wird. Ist das Tier krank, 
hat es wenig Hunger, so weiß es auch nichts von der Essenszeit, wenn 
nicht etwa weitere Assoziationen ihm zu einer solchen Kenntnis verhelfen. 
Das ist aber kein eigentlicher Zeitsinn, meine ich, das Tier weiß nur, 
daß es hungrig ist und zu essen bekommen wird, nicht aber um welche 
Zeit etc. Das Tier wird weiter durch Erfahrung wissen, wann es kalt und 
wann es warm ist, die Reihenfolge der Jahreszeiten sicher nie. Es ist sogar 
fraglich, ob die einfache Assoziation von Eis oder Schnee mit Kälte auftaucht. 
Fast sicher abzuweisen ist wohl die Kenntnis des Sonnenstandes beim Tier, 
wenn es auch merkt, daß es allmählich finster oder heller wird. Man weiß 
ja, daß der Gebildete sogar, wenn er die Uhr nicht schlagen hört oder an 
die Uhr sieht oder andere Momente mithelfen, bez. der genauen Zeitan- 
gabe mehr oder weniger im unklaren ist. Bei Tieren wird das natürlich 
um so größer sein. Nur große Zeitabschnitte können leidlich durch 
Hunger, Kälte, Licht oder Finsternis etc. bestimmt werden, nie aber kleine. 
Jener „grobe*' Zeitsinn, wenn man will, ist mehr ein Fühlen des orga- 
nischen Rhythmus durch die Ernährung, Brunst etc. Assoziationen spielen 
weiter ein große Rolle. Beides tritt natürlich auch beim Menschen ein, 
nur viel ausgeprägter, feiner, schon weil die Assoziationskomplexe viel 
größer sind. 



14. 

Die Homosexualität in Konstantinopel. Vor einiger Zeit 
hatte ich in diesem Archiv (Bd. 16, p. 353) einiges über die Homosexuali- 
tät im Orient, speziell in Konstantinopel mitgeteilt, auf Grund von Angaben 
eines ziemlich Eingeweihten. Es ward mir nun zur beliebigen Verwendung 
von geschätzter Seite ein Brief (datiert Ende Nov. 1905) eines Herrn zur 
Verfügung gestellt, der seit sehr vielen Jahren in Konstantinopel lebt,' die 
betreffenden Verhältnisse dort genau kennt und dessen Mitteilungen daher 
meine frühere Mitteilung in einigen Punkten ergänzen bezw. richtig stellen 
sollen, außerdem von gewissem kulturgeschichtlichen Interesse sind. Hier 
also die uns am meisten auffallenden Steilen daraus. 

„ . . . Daß die Gelegenheit zu homosexuellem Verkehr in Konstantin opel 
schwieriger zu finden wäre, als in Italien, Deutschland oder Rußland, dürfte 
nur dann Geltung haben, wenn man sich nicht an die richtige Quelle 
wendet, welche vielleicht gerade ihrer Zugänglichkeit wegen von den Fremden- 
führern verschwiegen wird, um den Fremden besser ausbeuten zu können . . . 
Die beliebte und allgemein zugängliche Quelle homosexueller Genüsse quillt 
im ganzen osmanischen Reiche in den türkischen Bädern, deren es in Kon- 
stantinopel an allen Ecken und Enden gibt. In der größten Mehrzahl 
dieser Bäder bestehen genau gleiche Einrichtungen . . . Ebenso bestehen 
aber auch in Bezug auf das, was in homosexueller Beziehung geboten wird, 
feste Gewohnheiten, von denen abzuweichen es nur schwer geJingt, oft über- 



Kleinero Mitteilungen. 107 

haopt nidit Ich erwähne dies deshalb besonders^ weil die zur Schablone 
verdichteten Einrichtungen eine der Eigentümlichkeiten orientalischen Lebens 
sind, der man anf vielen anderen Gebieten ebenfalls begegnet. Wenn An- 
gebot und Nachfrage einander regeln, so muß man annehmen, daß die hiesige 
Bevölkerung dnrchgehends der passiven Päderastie huldigt, denn zu einer 
solchen einen Antrag zu erhalten, gehört zu den Selbstverständlichkeiten 
des tfirkischen Bades. Ja, es bedarf dazu nicht einmal einer mündlichen 
Verständlichnng, man braucht nur der schrittweise erfolgenden Annäherung 
an die Ausübung derselben keinen Widerstand entgegenzusetzen, damit sie 
nahezu sicher erfolge. Wie aus den Beschreibungen bekannt, wird jedem 
bö»er aussehenden Gast ein junger Bursche zur Hedienung zugewiesen; 
derselbe ladet ihn zunächst ein, in eine der abgesonderten Schutzkammem 
einzutreten, anstatt im großen allgemeinen Raum zu bleiben. Obwohl diese 
Kammern bloß durch eine Öffnung, nicht aber durcli eine verschließbare 
Tür vom gemeinschaftlichen Raum getrennt sind, genieren sich doch die 
Badeburschen kaum, ihre Liebesdienste zu verrichten, wozu außer dem er- 
wähnten Vorgang auch die mutuelle, oder nach Belieben des Gastes bloß 
einseitige Manustupration gehört ... in die Kammer neugierige Blicke zu 
werfen, fällt niemanden ein. Die Burschen sind in der Regel dienstwillig 
und bescheiden, auch hinsichtlich der Entlohnung ihrer Gefälligkeiten sind 
sie nicht anspruchsvoll, solange sie im gewohnten Geleise gehen; verlangt 
aber der Gast etwas anders Geartetes, so findet er in der Regel kein Ent- 
gegenkommen und, wennschon eine erhöhte Forderung gegenüber der aktiven 
Betätigung des Gastes begreiflich ist, so ist es nicht leicht zu verstehen, 
wieso bei der erwähnten Ungeniertlieit die Zumutung, sich beispielsweise 
des Lendensclmrzes (des einzigen Kleidungsstückes der Badediener) zu ent- 
ledigen, oft auf einen zähen, selbst durch erhöhte Trinkgeldangebote nicht 
besiegbaren Widerstand stößt. Hierfür gibt es wohl nur die Erklärung, 
daß dies vom gewohnten abweicht und daß das Schamgefühl vielleicht 
überhaupt nur in dem Unbehagen über Ungewohntes besteht ... In Pera, 
dem europäischen Stadtteil, sind die türkischen Bäder den Männern von 
Sonnenuntergang an zugänglich, mehrere von ihnen bleiben die ganze Nacht 
offen ; in Stambul, dem türkischen Stadtteil, gibt es besondere Badeanstalten, 
oder Abteilungen für Frauen und andere für Männer, welche alle von früh 
bis Sonnenuntergang offen sind ; die Bedienung in den Stambuler Bädern wird 
in der Regel von Türken besorgt, wovon man sich leicht überzeugen kann . . . 
Diese Verhältnisse sind hier derart bekannt und offenbar geduldet, daß vor 
einiger Zeit die Notiz in den hiesigen Zeitungen erscheinen konnte, die Be- 
hörden hätten zur Beschränkung der Geschlechtskrankheiten eine strenge 
sanitätspolizeiliche Überwachung der öffentlichen Bäder angeordnet. Ab- 
weichend von den beschriebenen Gewohnheiten fand ich unter den zahlreichen 
Bädern, die ich im Laufe der Jahre kennen lernte, nur eines, in welchem 
die Hausordnung auf aktive Betätigung des Gastes zugeschnitten ist, und 
wo eigenen Lustknaben, richtiger Jünglingen, die sich mit sonstiger Be- 
dienung nicht befassen, die entsprechende Obliegenheit zukommt. 

Erpressungen scheinen hier nicht vorzukommen; ich habe wenigstens 
von keinem öffentlich bekannt gewordenen Fall gehört. Gesellschaftüch, 
unter den hier lebenden „Europäern'', ist die Homosexualität ebenso ver- 
pönt wie anderwärts, und man vei*meidet es sorgfältig, davon zu sprechen; 



108 Kleinere Mitteilungen. 

es scheint aber, daß keiner sich um die diesbezüglichen Privatangelegen- 
heiten des anderen kümmert, so lange kein öffentlicher Skandal entsteht 
Vorstehende Darlegungen machen durchaus keinen Anspruch darauf, die 
homosexuellen Verhältnisse Konstantinopels zu erschöpfen, manches wird 
außerdem bestehen, das nicht zu meiner Kenntnis gelangte; das hier Mit- 
geteilte beruht aber auf eigener Erfahrung und ist, trotzdem es memes 
Wissens bisher keine Veröffentlichung gefunden hat, so leicht zugänglich, 
daß es jederzeit auf die Richtigkeit geprüft werden kann . . ." 



15. 

Sind Schmerz und Lust immer miteinander verbunden? 
Die neuere Psychologie lehrt bekanntlich, daß es kein Leid ohne Lust und 
keine Lust ohne Leid gäbe. Dies halte ich aber durchaus nicht für all- 
gemein giltig, vor allen Dingen nicht bei akuten Zuständen. Wer einen 
heftigen Schlag erhält, oder furchtbare Zahn- oder Kopfschmerzen etc. hat, 
wird bei Selbstbeobachtung gewiß nie zugleich eine Spur von Freude fühlen; 
ja meist hat er nicht einmal Zeit und Lust zur Selbstbeobachtung. Um- 
gekehrt wird bei plötzlicher Freude sicher wohl nie ein Anflug von Schmerz- 
gefühl bemerkbar sein. Anders dagegen in chronischen Zuständen. Hier 
wird meist die Intensität von Schmerz oder Wohlgefühl eine nur mäßige 
sein und weitaus gewöhnlich auf- und abschwanken, so daß nicht nur 
die Selbstbeobachtung gut einsetzen kann, sondern auch allerlei Asso- 
ziationen sich anfügen, die sehr gern die Kontraste mit einbeziehen. 
Bei chronischem Schmerze wird dann leicht z, B. die Idee auftauchen, 
daß man doch ein geplagtes Menschenkind sei, und das Erbarmen der Welt 
herausforden. Also man empfindet ein gewisses Wohlsein bei diesem Ge- 
danken. Hypochonder, Hysteriker, Neurastheniker gehören besonders hierher. 
Umgekehrt wird bei längerer Freude leicht der Gedanke auftauchen, daG 
sie so nicht immer währen könne, daß ein neidisches Geschick lauere usw. 
In beiden Fällen wird das Grundgefühl ohne Zweifel durch die assoziierte 
Kontrastempfindung gehoben, daher wird letztere von so manchen geradezu 
gesucht, und wir gewinnen auch auf diesem Wege einiges Verständnis für 
den scheinbar absurden Zusammenhang von Grausamkeit und Wollust, hier 
allerdings einen aktiven Zustand, während es sich oben um passive Lagen 
handelt. Auch der innerlich nicht Böse fühlt zuweilen ein gewisses Behagen, 
jemanden zu quälen, wehe zu tun, besonders auf moralischem Gebiete. 

16. 
Der Zungenkuß als volkstümlicher Brauch. Vor einiger Zeit 
habe ich an dieser Stelle den Zungenkuß speziell bei Homosexuellen be- 
handelt und seine hohe erotische Wirkung hervorgehoben (Bd. IH, 355 
and Bd. 17, 177). Bei uns ist derselbe nur sehr selten, in Bordellen dagegen 
gesucht, auch sonst wohl von raffinierten Wollüstlingen. Es gibt andrerseits 
einen ethnischen Zungenkuß, der durch den Gebrauch von alters her 
geheiligt ist. Als solcher kommt er in der Vend^e vor, wie ich einer Notii 
eines Fachjoumals ^) entnehme. Dort, im „pays de Mont", praktizieren die 

1) Baudouin, lo Maraichinagc. Paris, Maloine. Ref. in den Archives 
d'anthropolol. crimin. 1905, p. 853. 



Kleinere Mitteilungen. 109 

JHDgen Männer nnd Mädchen (aber nur diese) denselben, offenbar um 
äeh besser kennen zu lernen, coram publico, vor Eltern, in Gasthöfen etc. 
und zwar stundenlang. Dabei wurd die Zunge in die Mundhöhle des 
Putners eingeführt, herumgedreht und die Wirkungen so erkannt, die diese 
Minipolation mit sich bringen kann. Diese bleibt auch nicht aus, da 
der Coitus meist nicht lange auf sich warten läßt. Aber geheiratet wird 
fsst stets, so daß uneheliche Kinder zu den größten Seltenheiten gehören, 
dagegen voreheliche Kinder sehr häufig sind. Die Ehen sind aber meist 
sehr glöckliche und Scheidungen sehr selten. Der Verf. nennt diesen Kuß 
den , prähistorischen^ und hält ihn aus Italien stammend, wo er noch heut^ 
zutage um Florenz und Neapel „italienischer Kuß" genannt wird. Dem 
Ref. des obigen Buchs — E. L. — schien der „Kataglottismus", wie man 
besser den Zangenkuß (den er sehr gut: accouplement bucco - lingual 
nennt) heißt, nicht häufiger in Neapel als sonstwo zu sein; man fände 
ihn Überali mehr oder weniger, aber als landesüblich eigentlich nur in Spanien, 
spezieU in Andalusien, und hier scheinbar besonders in den öffentlichen 
Hausen. cj 

Wir sehen also das weite Vorkommen dieser ekelhaften* Sitte, und es 
gehört jedenfalls ein besonders hoher und besonders gearteter Grad der 
Gescfalechtsliist dazu, sie dem gewöhnlichen Kusse vor:;uziehen. Es ist ja 
aber eine bekannte Tatsache, daß mit den Verliebten, besonders aber 
sexuell Erregten über das Ästhetische nicht zu rechten ist. Die hohe erotische 
Wirkung dieser Art von Küssen sehen wir im erwähnten Falle an dem 
vorzeitigen Ausüben des Geschlechtsakts. Trotzdem können wir hier nicht 
von einer tief stehenden Moral der Leutchen reden, da die Ehen meist 
alle glücklich und Ehescheidungen sehr selten sein sollen. Es ist eben eine 
geheiligte Sitte resp. Unsitte! Sie aber „ prähistorisch '^ zu nennen, wie 
Beaudouin es tut, will mir nicht recht in den Sinn. Ich möchte vielmehr 
nach meinen früheren Darlegungen über die vermutliche Genese des Kusses 
('Bd. 16, 355) glauben, daß unser gewöhnlicher Berührungskuß die primäre 
Form darstellt, der Zungenkuß aber nur einen Ableger, einen Bastard. 
Dafür spricht namentlich auch der Umstand, daß die Mehrheit auf Erden, 
an der Spitze die Mongolen, von unserem Kusse und vom Zungenkusse 
nichts wissen, sondern sich durch Reiben der Nasen etc. begrüßen, dgentlich be- 
rieehen, da sie in der Tat stets eine tiefe Inspiration vornehmen und so 
den Duft der Haut des Partners einatmen. Es ist also eine ähnliche Art 
der Begrüßung, wie das Beschnüffeln der Hunde. Das Tasten aber beim 
gewöhnlJdien Kusse und das Riechen bei dem Mongolenkusse steht, wie 
ich früher hervorhob, in direkter Beziehung zur sexuellen Sphäre. Warum 
bei den meisten aber gerade der Riechkuß existiert, ist schwer zu sagen. 
Bei den Mongolen speziell vielleicht, weil hier die Hautsensibilität eine sehr 
geringe sein soll und daher beim Kusse ein andrer Sinn, das Geruchs- 
organ erhöht eintritt. Man weiß, daß gerade die Mongolen andere 
Hassen durch den Geruch scharf unterscheiden und möglicherweise 
auch früher ihre eigenen verschiedenen Stämme. Es wäre daher 
anch nicht ganz unmöglich, daß das Beriechen zunächst Freund oder 
Fdnd unterscheiden sollte und dieser Modus nachher als Begrüßung etc. 
beibehalten wurde. Die meisten Sinne aber werden beim Zungenkusse, 
dem Kusse ,more columbino" erregt, daher gilt dieser mit Recht als der 



HO Kleinere Mitteilangen. 

die libido am meisten reizende und gleicht auch in d^ Tat fast einem 
koitaleu Akte. 



17. 

Ein Verbrecher-Poem. Gedichte von Verbrechern sind schon viele 
veröffentlicht worden, neulich sogar ein ganzer Band. Sie bieten aber 
höchstens nur für die Psychologie einige Ausbeute, nur sehr selten für die 
Ästhetik. Kürzlich ist mir nun folgendes hübsche Gedicht in die Hände 
gefallen. Ein wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Münzverbrechens 
vielfach bestrafter Zuchthäusler, ein Kaufmann, hatte sich durch Lernen 
eine Unmasse von positiven Kenntnissen in Philosophie, Chemie, Philologie (!) 
etc. angeeignet, freilich als Autodidakt war es nur eine Halbbildung, die 
ihn aufblähte und sich überall verriet. Folgende Zeilen hat er noch^ wie 
er sagt, im Zuchthause verfaßt. 

1. Fiktion. (Excerpt.) 

Auch in der Nacht, nicht nur am Tage, 
Des Lebens Pflichten in Dir trage; 
Was Du mit Müh'n im Licht erworben, 
In einer Nacht ist es verdorben! 
Das Truggesicht des Lasters flieh, 
Des Unterganges Garantie, 
Wach' aufl Wer trSge ist im Schlafe, 
Ist des Verderbens eigner Sklave I 
hasse die Trägheit, laß nichts unentschieden, 
Nie darf Ernst, Fleiß und Wille ermüden. 
Reu* nach dem Falle hilft Dir nicht, 
Wenngleich sie Besserung verspricht; 
Verzehrt die Reue nicht die Kraft 
Womit Du Besseres hattest geschafft? 
Statt streng in Deinen Pflichten leben, 
Vor jedem Fall zurückebeben, 
Trostloser .Jammer Dich umstrickt, 
Der Leib und Seele lähmt, — erstickt! 
Das Glück, das Leben in dem Licht, 
Das kennt der Knecht der Sünde nicht; 
Wer Sittenherrschaft nicht errang, 
Das bleibt ein Knecht sein lebenlang! 
Nie kann ein Mensch selbständig sein, 
Der nicht an Leib und Seele rein! 
Willst Du die Welt noch unterstützen 
Dich zu verderben, auszunützen? 
Bedenke! Ein Sklave der eigenen Qual, 
Ein Sklave der Menschen! — Noch hast Du die Wahl! 
Nichts kann Dich vom Verderben retten, 
Entweder — oder — bricht die Ketten! 
Kannst Du die Herrschaft nicht erwerben, 
Mußt Du verkommen! Elend sterben! 



Kleinere Mitteilimgen. 111 

Stirbt Moloch nicht für alle Zeit, 

Verlorenes Müh'n, umsonst der Streit 

Kann Dich die Sonde so betboren, 

Des Lebens Grund Dir zu zerstören, 

Wie willst Du wohl das Leben finden? 

Kann ohne Grund sich auch 'was gründen? 

Bald ist der Himmel so entrückt, 

Dad keine Macht ihn überbrückt! 

Und lähmte Sünde Dein Gewissen, 

Ist Dir der Lebensgrund entrissen I 

Das Laster hat den Geist geknickt, 

Selbsthilfe, Selbstvertraun erstickt; 

Der Blodsina grinst Dir in's Gesicht, 

Das alte Fluch wort: „Können nicht !•* 

Zu spät! So gellt es in den Ohren, 

Verzweifelnd rufst Du: „Selbst verloren!" 

Der einz'ge Weg der Rettung schafft, 

Heißt Tat! — Aus Willen, Geisteskraft! 

Thust Du nicht, was die Wahrheit spricht, 

So rettet Dich ein Wunder nicht! 

Wer leugnet Wahrheit, Gewissen. Pflicht? 

Ein schändlicher Bube, verächtlicher Wicht! 

Beglückt uns doch täglich des Geistes Kraft, 

Die Freiheit und Herrschaft, den Himmel uns schafft! 

Natflrlidi darf maD an das Gedicht nicht die höchsten Ansprüche 
stellai! Viele dunkle Worte aber darin werden durch folgenden eigen- 
tfimhehen Umstand geklärt. Pat. — er ist uns zur Beobachtung seines 
Geöteszustands eingeliefert worden — erzählt, daß er im Zucbthaase zur 
Onanie verleitet worden sei und sie solange betrieb, bis ihm im Zucbtbause 
X. em Buch in die Hände gepascht worden sei, das in glühenden Worten 
die Folgen der Onanie schilderte. Das habe auf ihn einen so furchtbaren 
^dmek gemacht, daß er seitdem diesem Laster entsagt und obiges Ge- 
^i verfaßt habe, das stets darauf Bezug nimmt. Interessant ist also 
!•, daß in einem der best disziplinierten Zuchthäuser Deutschlands es 
fflöglicb ist, Bücher etc. zu paschen; 2., daß ein Verbrecher durch ein 
solche» doch von seinem Laster wirklich abgebracht wird, was sehr selten 
ist Wir sehen, daß er diese widrige Gewohnheit im Strafhause erwarb, 
»ie es ja meist geschieht. Alte Gewohnheitsverbrecher sind gewöhnlich alle 
80 Masturbanten geworden, wenn sie es nicht schon von Haus aus waren. 
Das Gedicht, welches ähnhche Produkte weit an Form und innerem Gehalte 
übertreffen dürfte, zeigt andrerseits aber auch, wie vorsichtig man bez. 
der Psychologie der Verbrecher quoad scripta sein muß. 
Es trirft von Ehrlichkeit, herrlichen Sentenzen etc., und doch haben wir es 
nüt einem rafHnierten, schweren Rückfallsverbrecher zu tun, obgleich der- 
wILe durchaus nicht aller sittlichen Kegungen bar zu sein scheint. 



112 Kleinero Mitteilungen. 



18. 

Religion und Moral. Wiederholt habe ich das so wichtige Ver- 
hältnis von Religion und Moral zu einander beleuchtet Im 21. Bd. 
dieses Archivs, S. 189 schrieb ich femer folgendes : „Ob . ., trotz der Religion 
die Menschen besser geworden sind, erscheint auch mir sehr fragHch. IVotz- 
dem halte ich die Religion, schon aus praktischen Gründen, für sehr nötig . . . 
daß ein solcher (dogmatischer) Glaube — mag er nun wahr oder falsch 
sein — sicher die große Masse von vielem Bösen abhält^ zu manchem 
Guten antreibt, erschemt mir klar, obgleich es sich zahlenmäßig nicht be- 
weisen iäßt.^ Zu diesem passus schreibt mir nun aus Amsterdam Dr. Bonger, 
dessen vorzügliches Buch: Criminalit^ et conditions ^conomiqnee, ich auf 
S. 187 f. des 21. Bds. näher besprochen hatte, unter dem 25. Dez. 1905 
folgendes: „...mit Ihrer Meinung, daii die Religion ein wichtiger anti- 
verbrecherischer Faktor ist, bin ich nicht einverstanden. Dort, wo man 
meint, daß die Religion jemand von einem Verbrechen abgehalten hat, irrt 
man sich. Die Religion ist dort nur eine Begleiterscheinung der Moralität 
und das Verbrechen wäre auch nicht geschehen, als die Person nicht reli 
giös gewesen wäre Aber, wie Sie sagen, das alles ist schwer zu beweisen/ 

Man sieht also, Bonger bestreitet jeden guten Einfluß der Religion, 
und wo ein solcher etwa aufzutreten scheint, schiebt er diesen allein auf 
die begleitende Moral. Nun habe ich schon wiederholt darauf hingewiesen, 
daß Religion und Moral sich nicht zu decken brauchen. Erstere kann 
ohne letztere bestehen, ist dann aber freilich keine wahre, sondern nur eine 
After-Religion, wie die Geistlichen aller Konfessionen sicher sagen werden. 
Andrerseits kann aber echte Moral auch ohne offizielle Religion bestehen, 
z. B. bei einem Atheisten oder Monisten, der aber dafür seine eigene Re- 
ligion hat. 

Bei jemand, der dogmatisch religiös und moralisch zugleich ist, 
könnte der Verbrechen-hemmende Einfluß sehr wohl einmal bloß von der 
Moral ausgehen. Es wird sich dies in concreto wohl aber ebenso schwer 
beweisen lassen, wie daß b 1 o ß die Religion daran schuld ist, da die Grenzen 
beider Gebiete untrennbar sind und vielfach übereinander greifen. Diesen 
religiös-moralisch tief Überzeugten ist nun aber die große Masse — der 
Hauptteil des Volkes sicher! — jener gegenüber zu stellen, die zur Moral 
und Rehgion von Natur aus nur mittelmäßig oder wenig „disponiert* sind, 
die zwischen gut und böse schwanken und das erstere mehr aus Nützlich- 
keit, als aus innerer Überzeugung seines Wertes wählen. Auch bez. der 
Religion gehen sie nicht in die Tiefe. Was für sie nur Interesse hat, ist das 
do-ut-des- System der dogmatischen Religion. Verschiedene werden sich ge- 
wiß durch die höllischen Strafen von manchem Bösen abhalten lassen, wie 
ich glaube. Deshalb eben halte ich die Religion schon aus praktischen 
Gründen für nötig. Wenn für solche Leute durch die Religion auch nnr 
eine künstliche Moral geschaffen wird, so ist sie doch immerhin besser 
als gar keine und kommt dem Betreffenden und der Allgemeinheit zugute. Das 
eigentliche Wesen der Religion von jeder Dograatik entkleidet zu sehen, ist nur 
sehr wenigen vergönnt, sicher am wenigsten aber denen, die auf Gott, die 
Ewigkeit etc. schimpfen, ohne irgend welchen plausiblen Grund, und die 
dafür nichts Besseres an die Stelle setzen können. Diesen seichten Menschen 



Kleinere Mitteilungen. 113 

gehe man ans dem Wege, während man den anderen, sowie denen, die irgend 
dnem dogmatischen Glanben aus tiefster Überzeugungen anhangen und 
damadi leben, nur mit Verehrung begegnen soll, auch wenn man sie nich^ 
vecst^t 




Von Dr. Alb. Hellwig in Berlin-Hermsdorf. 

19. 

Die Feuermanie der Kinder. Über die oft schier unbezwing- 
Sehe unselige Sucht der Kinder nach Feuer, die schon so zahllose Brand- 
Stiftungen hervorgerufen hat, findet sich in der Unterhaltungsbeilage zum 
,tBaiiner Lokalanzeiger ^ vom 25. Juni 1904 folgende längere Ausführung: 

Der englische ,,Aus8chuß für Feuerverhütung^ hat eme goldene Me- 
daille und einen Geldbetrag ausgeschrieben für das beste Kindermärchen, 
das vor den Gefahren des Spielens mit feuergefährlichen Gegenständen warnt 
Das Preisausschreiben richtet die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf eine 
gewöhnlich als „Unart^ bezeichnete Eigenart der Kindet^ welche sich in 
einer Vorliebe für Licht und Feuer äußert und sich gelegentlich bis zu 
einer krankhaften Neigung und Leidenschaft steigern kann. In mehr oder 
weniger ausgesprochenem Grade findet sie sich, wenigstens vorübergehend, 
80 allgemein bei fast allen Kindern, daß man von einem angeborenen In- 
stinkt zu sprechen berechtigt ist, wie er sich ja auch bei vielen Tierarten 
vorfindet Für gewöhnlich mag dieser Trieb so wenig in die Erscheinung 
treten, daß er kaum bei Eltern und Erziehern Beachtung findet; aber ge- 
legentlich äußert er sich mit einer Heftigkeit und Hartnäckigkeit, die allen 
Einflüssen und Maßnahmen trotzt, und bedeutet dann eine große Gefahr 
für die Öffentlichkeit, die das englische Komitee richtig erkannt und ge- 
würdigt hat — Die Eonder spielen mit Vorliebe am offenen Feuer, sie 
greifen nadi jeder Streichholzschachtel und entzünden ein Streichholz an 
dem andern; wenn sie sich beobachtet wissen, ziehen sie sich an einen 
entlegenen Ort zurück oder schließen sich ein und frönen im stillen ihrer 
Lust In manchen Fällen gehen sie trotz aller Verwarnungen und Strafen 
noch weiter ; leicht brennbare Stoffe werden von ihnen, wo immer sie ihrer 
habhaft werden, angezündet» offene Gasflammen werden angesteckt und 
hochgeschraubt — kurz, solche Kinder bedürfen einer ständigen, strengen 
Überwachung und können keinen Augenblick in der Wohnung allein ge- 
bfisen werden. Sicherlich handelt es sich hier um einen krankhaften oder 
krankhaft gesteigerten Trieb, der aber mit den sonst bei nervösen und 
bystOTschen Kindern auftretenden Manien, wie der Sucht zu lügen, zu 
stehlen usw. nichts zu tun hat. Die Kinder zeigen gewöhnlich keine ander- 
wdtigen nervösen Symptome; der krankhafte Trieb ist entschieden bei den 
Knaben häufiger und ausgesprochener als bei den zur Hysterie mehr ge- 
neigten Mäddien; und schließlich handelt es sich um einen Fehler und 
eine Störung, die bei dem einen früher, bei anderen später von selbst nach- 
zulassen und zu schwinden pflegt. So dankenswert die Bemühungen des 
cngfichen Komitees sind und so verdienstlich das Preisausschreiben, welches 
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf eine Gefahr hinweist, die bisher 
nur eine Sorge der Eltern und Erzieher gebiledt hatte — mit allen Kinder- 
roächen, Gedichten und Abbildungen werden sie so wenig auf das kind- 

ArehiT fftr KrimiiuUvithropologie. XXVI. 8 



114 Kleinere Mitteilungen. 

liehe Laster einwirken wie der Struwwelpeter mit seinem bekannten ^Paulindien 
war allein zu Haus'^. Eine vernünftige Erziehung, ständige Beaufsichtigung, 
ernsthafte Ermahnungen von Eltern und Lehrern werden viel ausrichten; 
wo alles dies nichts hilft — und die Fälle sind nicht selten — , wird der 
Arzt seine Autorität aufwenden müssen, um durch Suggestion und, wo es 
nottut, durch Beeinflussung in Hypnose dem krankhaften Trieb entgegen- 
zuwirken. 

Als Junge litt ich selber an der Feuermanie, und es ist fast ein Wunder 
zu nennen, daß ich kein Unheil angerichtet habe. Ins Herdfeuer Stückchen 
Stearinkerzen zu werfen und dann die Flamme gierig emporleckeu zu sehen, 
oder auch am Strand der Elbe ein großes Feuer aus Reisig anzuzünden, 
oft in gefährlicher Nähe von Bäumen, war für mich ein Hauptvergnügen. 
Noch jetzt, muß ich offen gestehen, sehe ich gerne prasselndes Feuer. In 
dem Züngeln der Flammen liegt doch ein geheimnisvoller Reiz, fast wie 
etwas Lebendes kommt mir des Feuers gewaltige Kraft vor. 



20. 
Zur Psychologie des Gespensterglaubens. Schon längst 
wissen wir, daß die früher meistens vertretene Ansicht, der Volksglaube 
bestehe aus völlig sinnlosen, unbegründeten Phantastereien, nicht haltbar ist 
Gar mancher Aberglaube ist schon wieder zu Ehren gekommen. So sei 
nur daran erinnert, daß die psychische Behandlung durch Suggestion der 
Volksmedizin schon Jahrhunderte lang bekannt war. Auch in manch 
anderem Aberglauben, so z. B. der Meinung, daß Hunde bei bevorstehen- 
dem Tode eines Hausgenossen heulen, steckt ein richtiger Kern. Wir 
können es als eine heutzutage festgestellte Tatsache bezeichnen, daJi sich 
fast eine jede abergläubische Meinung auf irgend einen konkreten Hmter- 
grund zurückführen läßt. Einen sehr interessanten und in mehr als einer 
Hinsicht bedeutsamen Beitrag zu diesen Fragen liefert der bekannte Wiener 
Psychiater Dr. M. Benedikt in semen kürzlich erst erschienenen sehr lesens- 
werten Erinnerungen „Aus meinem Leben." Während sein rechtes Auge 
durchaus normal war, hatte sein linkes von Geburt an einen seitlich sitzenden 
Star. Dieser, gar nicht allzu selten vorkommende Fehler hatte die eigen- 
artige Folgeerscheinung, daß er im Dämmerlicht und bei Mondscliein, ins- 
besondere zwischen dem Geäst von Bäumen, seltsame Figuren sah, so 
lebenswahr und täuschend, daß er lebhaft erschrak und jedesmal unwill- 
kürlich zusammenfuhr, trotzdem er an Gespenster und derlei nicht glaubte. 
Da dies Augenleiden, wie bemerkt, gar nichts Seltenes ist, vielmehr viele 
Menschen mit ihm behaftet sind, ohne eine Ahnung davon zu haben, so 
muß man Benedikt unbedingt zustimmen, daß ein Teil der Gespenster- 
geschichten, die im besten Glauben erzählt werden, auf eine derartige krank- 
hafte Veranlagung der Sinnesorgane zurückzuführen ist Da diese Täuschung 
so vollkommen sein soll, daß sie auch bei geistig und moralisch durchaus 
Gesunden zu einer Täuschung zu führen vermag, so ist es klar, daß Menschen, 
welche vielleicht infolge ihrer Anlage oder ihrer Umgebung an und für sich 
schon zu mystischen Phantasterien hinneigen, von der Realität der Gespensttf 
felsenfest überzeugt sind. Wie viele am Star Erkrankte mag es wohl 
unter den Spiritisten geben? 



Besprechungen. 



1. 

Abels: Giganten der Vorwelt München, Keusch, 1906, 47 S. 1 M. 

Es ist gut, zeitweise in die Vergangenheit zu flüchten, auch in unsere 
Vorzdt Verf. hat es nun in ausgezeichneter Weise verstanden, uns die 
Torsfindflntiichen Tierriesen nahe zu bringen, als da sind: das Mammut, 
Nashorn, den ürelefanten, die Mastodonten, Hirsche, Bären, Faultiere etc. 
Die Sprache ist schön, vielfach an die Bölsche's erinnernd, oft poetisch ge- 
flrbt und ein wahres Muster von populärer Darstellung, die aber die 
oeoesten wissenadiaftlichen Ergebnisse berücksichtigt und in ihren Schlüssen 
stetB vorsichtig ist. Dr. P. Näcke. 

2. 

Noida: Über die Indikationen der Hochgebü-gsknren für Nervenkranke. 
Halle, Marhold, 1906, 16 S. 0,50 M. 
Rldne, aber interessante Schrift Auf Grund einer langjährigen und 
omfaseaiden Praxis in St Moritz (Graubünden) zeigt Verf., daß das Hoch- 
gebirge bei vielen Nervenkranken ausgezeichnet wirkt, besonders bei Neu- 
rastiienie, Hypochondrie, Grübelsucht, Hemicranie, traumatischen Neurosen 
etc, aber auch bei leichteren Fällen von Hysterie, Melancholie und Epi- 
lepsie. Was Verf. aber über die relative Häufigkeit der einzehien Leiden 
a^ noch mehr bez. der Anteilnahme der einzelnen Stände, ist wenig ver- 
wertbar, da die Zusammensetzung der Patienten an solchen Orten eme rein 
nCÜlige und lokale ist Dr. P. Näcke. 



Hermann: Die Prostitution und ihr Anhang. Leipzig, Wallmann,1905, 
157 S. 
Sicher eins der besten Bücher über obengenannten Gegenstand, voller Sach- 
kenntnis und Dokumente und mit warmer Menschenliebe geschrieben. Nur 
«ier rote Reklamedeckel will nicht recht zu dem gediegenen Buche passen, 
^ wahrlich eines solchen äußeren Lockmittels nicht bedarf! Verf. be- 
biaptet (ob mit Redit? Ref.), nirgends sonst gäbe es so viel Prostitution als in 
[>eatBehland. Man müsse mindestens V« Mill. Bordellhuren, IV2 Mill. 
beimliehe Dirnen und 10000 Zuhälter rechnen! Unter 100 Ehemännern 
äolloi 90 diese Mädchen in Nahrung setzen ! (Doch wohl selbst für Berlin 

8* 



116 Besprechungen. 

zu hodi gegriffen! Ref.) Die öffentlichen (unter Sittenpolizei atehenden) 
Dirnen sind meist Verführte und durch Not und Elend zur Dirae geworden; 
bei den nicht eingeschriebenen, die zum Teil in Stellung sind, ist vielfach 
Eitelkeit, Vergnügungssucht, selten sinnliche Begierde schuld. Fast alle 
Frauen vom platten Lande sind von den Männern verführt und verlasseo 
worden. Viele waren im Dienste. 30 7o ^er öffentlichen Dirnen sind illegitim 
geboren. Die Not der gefallenen Mädchea bis zum Eintritt ins Bordell 
wird drastisch geschildert, ebenso die Skrupellosigkeit der Männer und 
Kupplerinnen und das Sklaventum im Bordelle selbst. Auch die ^ heim- 
lichen Bordelle", Caf^s, Tingeltangel, Singspielh^en, Ballsäle etc. 
finden Erwähnung, desgleichen die Absteigequartiere; eingehend dann 
die heimlich Prostituierten und die Zuhälter und Kuppler, die 
nicht miteinander zu verwechseln sind. Erstere sind die Geliebten 
und gewöhnlich Verlobten von Dirnen, die sie meist heiraten, von ihnen sich 
zum Teil ernähren lassen, aber sehr oft in gute Wege wieder geraten ; die 
Kuppler mit ihren Dirnen sind Verbrecher; sie benutzen den Kunden nur 
zum Stehlen und Rauben. Unter den anderen Dirnen sind Vorbestrafte 
sehr selten, sie sind auch durchaus nicht aller Ethik bar. Das meiste, 
was Lombroso über sie aussagt, ist oberflächliches Gefasel! Die Prostitution 
ist *in der Tat Ursache der geringeren weiblichen Kriminalität (ist aber des- 
halb noch nicht ein Äquivalent für Verbrechen, wie Lombroso will! Ref.). 
Die lex Heinze wird verurteilt, vortreffliche Ratschläge werden gegeben und 
die Parole geäußert: Weg mit den Bordellen und Erziehung zur Keusch- 
heit! So gut dies gemeint ist, hält dies Referent ebenso für unmöglich, wie 
Abstinenz von Alkohol, da eben die libido beim Manne stärker als beim 
Weibe, die Männer immer später heiraten und die Verführungen nie auf- 
hören werden. Gerade deshalb hat Ref. umgekehrt Vermehrung der 
Bordelle und strengste ärztliche Kontrolle der Diraen vorgeschlagen, was 
immerhin ein Notbehelf ist, da sicher die heimliche Prostitution sonst noch 
mehr blüht und schadet. Absolute Keuschheit vor der Ehe zu verlangen, 
ist bei leidenschaftlichen Männeren sehr schwer und theoretisch nicht zu redit- 
fertigen. Vor allem sollte die Gefahr einer Ansteckung die Männer zurück- 
halten. Dagegen unterschreibt Ref. durchaus die Verwerfung einer doppelten 
sexuellen Moral, i) Dr. P. Näcke. 

4. 

Waxw eiler: Esquisse d'une sociologie. Misch et Thron, Bruxelles, 306 S. 
12 Fr. 

Dies bedeutende Werk, das kein System darstellen will, keine Schlüsse« 
sondern nur Materialien, Anregungen geben und Probleme aufstellen, ist 
aus dem berühmten Institut Solvay in Brüssel hervorgegangen. Der erste 
Teil behandelt die Soziologie (die Adaption der Wesen an das Milieu, das 
lebende und soziale Milieu, die sozialen Phänomene in der vergleichenden 
Soziologie), der zweite die soziologische Analyse (Quellen und Methode, 
die soziale Formation, die sozialen Fälligkeiten, die sozialen Handlungen und 

1) Siehe näheres über alle diese Punkte in des Ref. Arbeit: Einiges zar 
Frauenfrage und zur sexuellen Abstinenz. Dies Archiv, Bd. 14, pag. 41 ss. 



Besprechungen. 1 17 

die sozialen ZasammenwirkungeD). Verf. sieht mit Recht in der So- 
ziologie eine reine Naturwissenschaft, einen Zweig der Bio- 
logie Als solcher kann man sie nur mit den einzelnen Indi- 
Tidnen und deren P&ychologie beim Zusammentreffen mit einem anderen 
Individaum studieren, nie aber das Abstraktum, den ^Staaf^^ 
einen rein metaphysischen Begriff. Haarscharf gibt Verf. seine 
Definitionen, prägt auch neue Worte, untersucht genau die Quellen und 
Methoden der Soziologie — die vornehmsten sind und bleiben die Beobach- 
tung und das Experiment — und zeigt schön die ungeheure Schwierigkeit der 
ganzen Materie auf. Nie verläßt er den tatsächlichen Boden und gibt nur 
selten einer Hypothese Raum. Eine Menge von Beispielen aus dem ge- 
meinen Leben, aus der Tierwelt, Geschichte etc. illustrieren seine Gedanken, 
und mit Recht schöpft er fortwährend aus der lebenden Sprache, die mit 
feinem Gefühle die Hauptsachen erwähnt Ganz originell ist es, daß Verf. 
am Ende aus dem französischen Lexikon über 2000 Worte herausschält, 
die alle soziologische Verhältnisse betreffen. Soziologisch ist für den 
Verf. nur, was eine Reaktion auf den Mitmenschen ausübt. 
Somit scheidet vieles aus, was andere soziologiscli nennen. Ref. kennt kein 
Werk, das so streng naturwissenschaftlich vorgeht und so wenig prätentiös 
aoftritt Gerade für den Anfänger ist daher vor allem dies Buch zu emp- 
feiilen, um ihn von Phantasterei und Überschätzen des Möglichen zu hüten. 
Auch dem Juristen sei das Buch angelegentlichst empfohlen, schon aus rein 
methodologischen Gründen. Für seine Wissenschaft wird er manche Ridit- 
Bniai finden, die er sonst nicht leicht in den Handbüchern antrifft. Das 
Werk hat geradezu auch einen hohen methodologischen Wert 
für jede Wissenschaft. Es zeigt, wie der geistige Arbeiter denken 
und forschen soll, und wie im Grunde die Prinzipien aller echten Wissen- 
ididi die gleichen sind. Trotz der schwierigen Materie hat es Verf. aber 
aiefa verstanden, nicht nur klar, sondern auch elegant und anregend zu 
äcbraben, und das ist sicher kein geringer Vorzug in einer Zeit, wo viele 
Gelehrte — namentlich bei uns — es verschmähen, klar und schön zu 
schreiben. Die Ausstattung des Buches endlich ist eine sehr vornehme. 

Dr. P. Näcke. 



5. 

H. Fachs: Ideen zur sozialen Lösung des homosexuellen Problems. 
Leipzig, Modemer Dresdner Verlag, 1906, 40 S. 
Sehr lesenswerte, klar und vernünftig geschriebene Broschüre. Die 
I^song des schwierigen homosexuellen Problems sieht Verf. darin, daß erstens 
die Homosexuellen sich mehr als jetzt offen als solche bekennen, und zweitens, 
die Heterosexuellen jene kennen zu lernen suchen, ihre Belletristik lesen etc. 
t>ann werden sicher jene in ihrer Achtung steigen. Verf. ruft am Ende 
«»: ^Beschäftigt Euch mit diesem ernsten Problem, zeigt Interesse für 
diese tief einschneidende Frage. Dann werden sich Euch Homosexuelle 
offöibarai, und Ihr werdet sehen, daß sie besser sind, als ihr Ruf. . . . 
Xur ein wenig Herz, mehr ist gar nicht erforderlich, um sich gegenseitig 
zn veretdien!" Das und vieles andere in der Schrift möchte auch Ref. 
QDtersehreiben. Der Abscheu, der Haß gegen die Homosexuellen entspringt 



118 Besprechungefi. 

zum größten Teile der Unkenntnis der Natur der gleicbgeBchlechtlidieD 
Liebe seitens der Heterosexuellen. Wer, wie Ref., viele derartige gesehen 
und einige darunter näher kennen gelernt hat, wird bald anderer Meinung 
werden und sehen, daß auch die Homosexuellen in ihren guten und schlechten 
Exemplaren den Heterosexuellen gleichen. Dr. P. Näcke. 



6. 

Hoppe: Einen Gang durch eine moderne Irrenanstalt Halle, Marhold, 
1906, 75 S. mit 16 Tafeln. 1,60 M. 
Nach einem kurzen geschichtlichen Überblick (die erste deutsche An- 
stalt, die als Irrenanstalt gebaut ward, war die zu Neu-Ruppin 18()0), der 
den gewaltigen Aufschwung in der Irrenbehandlung erkennen läßt, schildert 
Verf. in klarer, anmutiger Weise eingehend als Beispiel einer modernen 
Irrenanstalt im Pavillonsdl die zu Galkhausen in Westfalen (1900 fertig- 
gestellt) für zirka 900 Kranke. Der Laie wird staunen, wie eine solche 
Anstalt anders aussieht, als er sich dies gedacht hat, und wie sehr eine 
solche einem wirklichen Krankenhause gleicht. Auch sonst wird viel In- 
struktives mitgeteilt. Absolute Zellenlosigkeit ist dort durchgeführt, ebenso 
ist jeder Alkohol verpönt. Ref. gestattet sich hier nur einige allgemeine 
Anmerkungen. Wie alle Lebensansprüche leider gewachsen sind, so wird 
oft, scheint es dem Ref., zu viel Luxus auf die neuen An- 
stalten verwendet, was übrigens Galkhausen nicht treffen soll. Beider 
großen Bedürfnisfrage — sind doch z. B. bei vielen preußischen Irren- 
anstalten große Exspektantenlisten für Aufzunehmende nötig und sind femer 
vielenorts eine Menge harmloser Irren in Bezirks- und Armenanstalten unter- 
gebracht — 'und bei den oft schlechten Finanzen des Landes^ 
wäre es besser, möglichst einfache und billige Gebäude — 
natürlich mit den modernen Heilapparaten, aber ohne all die vielen, oft 
ziemlich überflüssigen Bequemlichkeiten, versehen — , sei es für die mehr 
chronischen Fälle auch nur im Kascrnenstii, zu bauen, dafür aber für 
doppelt so viele, als prunkvolle Anstalten, die aber für die große Zahl 
unzureichend sind. Auch würde dann wohl noch Geld für die 
so nötigen Anstalten für Säufer übrig bleiben. Auch sofortige 
Aufnahme auf einfaches ärztiiches Attest wäre unbedingt zu fordern. 

Dr. P. Näcke. 



Sommer: Klinik für psychische und nervöse Krankheiten. 1. Bd. 3. H. 
Halle, Marhold, 1906. 3 M. 
In diesem Hefte interessiert die Allgemeinheit nur der zweite lange 
Aufsatz von Lacjuer: Die ärztliche und erziehliche Behandlung von Schwach- 
sinnigen (Debilen und Imbezillen) in Schulen und Anstalten und ihre weitere 
Versorgung. Das muß besonders auch die Rechtspflege und das Militär 
interessieren, da solche Schwachsinnige in den Mittel- und Volksschulen in 
zirka 1 "/o vorkommen. Kein Experiment eraetzt die genaue Kenntnis während 
des ersten und zweiten Schuljahres. Verf. bespricht die einzelnen Systeme, ihre 
Vor- und Nachteile. Ärzte und Lehrer zusammen sollten über den Grad 



Besprechungen. 119 

von Imbezillität und Bildungsfähigkeit urteilen, auf Grund langer Erfahrung. 
Das Lehreroaaterial muß ein besonders gutes sein. Nach den vorliegenden 
Erfahrungen geht „mit großer Beetimmtheif^ hervor, daß ^fast überall die 
Loogenschwindsucht, der Alkoholismus, die Geistesschwäche, die Kriminalität, 
Armut als solche und der Verfall der Familie als ursächliche Momente des 
kindlichen Schwachsinns eine erhebliche Rolle spielen*^. Merkwürdig ist 
in solchen Familien die Häufigkeit unehelicher Zeugung, 
von Aborten, Kinderreichtum und Häufung von schwach- 
ainnigen Geschwistern, also Zeichen einer Degeneration, der 
aaeh die körperlichen Stigmata sehr oft nicht fehlen. Knaben scheinen 
häufiger als Mädchen schwachsinnig zu sein und schwerer. Der Schularzt 
soll auch psychiatrisch-neurologische Kenntnisse besitzen. Angeschuldigte 
von 12 — 18 Jahren, die nachweislich einer Hilfsschule an- 
gehören, sollten ohne weiteres die Gunst des § 55 des Str.G.B. 
genießen. Endlich macht Verf. auch in seiner lesenswerten Arbeit auf 
die Schwachsinnigen der höheren Schulen aufmerksam, die baldmöglichst 
auszumerzen wären. Dr. P. Näcke. 

8. 
Möbius: Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie. Halle, Marhold, 1907, 
69 S. 1,50 M. 
In ungemein klarer und anregender Weise, in gutem Deutsch und nicht 
mehr in herausfordernder Kampfstellung, wie früher, behandelt Verf. würdig 
sejnen Gegenstand. Nach ihm schöpft die empirische Psychologie nur aus 
der Selbstbeobachtung, die den größten Teil der Seelenvorgänge, das „Un- 
bewußte*' nicht zu ergründen vermag. Die Experimente bewegen sich nur 
an der Peripherie, können daher bloß das „wieviel" messen, nie aber das 
«was"! Dagegen geschieht das allein durch den idealistischen Monismus, 
also durch Metaphysik. Danach ist das unbekannte Seelengebiet nur „ein 
Ausschnitt aus einem einheitlichen Seelenreiche". Nicht wir denken, 
5f>ndern das „Es" denkt in uns. Sicher hat Verf. Recht, daß das 
Grus der Seelenvorgänge, also das Unbewußte, nie erkannt werden wird. 
AW durch Selbstbeobachtung ist doch zu konstatieren, hier und da wenig- 
stens, daß es sich wahrscheinlich um dieselben Gesetze, d. h. um Assoziationen 
bandelt, wie beim bewußten Denken. Und wenn auch Möbius den Begriff 
• Assoziationen^ haßt, so ist er jedenfalls der Erfahrung entsprechend, wenn- 
P^«ch wir nicht wissen können, warum es so ist. Gibt es ja überhaupt, 
web in der Physik, keine eigentlichen Gesetze, sondern nur Erfahrungssätze. 
I^inter starrt uns überall das Metaphysische an, wie schließlich in jedem 
öDfierw Worte. Denn auch das Konkrete ist in letzter Linie 
Metaphysisch, da wir die Materie an sich nicht kennen! Möbius gibt 
l«tzt wenigstens den Nutzen der psychologischen Experimente zu, wenn auch 
nnr bezüglich des „wieviel! Das ist aber schon etwas. Durch Annahme 
»ber emer allverbreiteten denkenden Substanz unsere Seelenvorgänge er- 
Wiren zu wollen, scheint dem Ref. wenig nutzbringend zu sein, da wir 
Äüch dann nicht wissen, warum das „Eis^ gerade so oder so in uns denkt. 
Auch wird eine solche Annahme nicht nach jedermanns Geschmack sein. 

Dr. P. Näcke. 



120 Besprechungen. 



9. 



Salgö: Die forensische Bedeutung der sexuellen Perversität Halle, Maiiiold, 
1907. 43 S. 1,20 M. 
Klar, aber etwas langatmig wird die völlige Überflttssigkeit des § 175 
dargelegt, da die Achantage etc. dadurch nur noch zunehme. Merkwfirdiger- 
weise fordert Verf. aber nicht die Abschaffung des Paragraphen, weil es 
so aussehen könnte, als ob der Staat die Homosexualität gestatte, ja sogar 
wQnsche! Trotz der Überschrift bespricht er nur die Inversion. Mit Recht 
geht er davon aus, daß jeder geschlechtliche Angriff zu bestrafen sei, der 
individuelles oder soziales Recht verletze, mag es sich um Homo- oder 
Heterosexuelle handeln. Was aber sonst im Alkoven geschieht, geht den 
Staat nichts an. Und eine^ „Abweichung vom allgemeinen Geschmack" hat 
er nicht zu strafen. Mit Ästhetik und Ethik hat die eine oder andere Art 
von Bedürfnis nach „Detumescenz" (das zunächst an sich mit Fortpflanzung 
nichts zu tun hat) nichts zu schaffen. Sehr richtig sagt dann Verf. weiter, 
daß irgend eine sexuelle Perversität, also auch Inversion, 
allein an sich noch kein Symptom von Psychose oder Dege- 
neration sei, daher als solche an sich den Irrenarzt nicht zu 
beschäftigen habe. Nur wenn noch weitere Anzeichen vorhanden seien, 
wäre eine Psychose etc. da. Mit Recht hebt er femer hervor, daß ein 
ganzer Teil von Existenzen geistig und körperlich absolut 
intakt seien. Aber selbst bei Feststehen von Neuropathie sei noch kein 
Grund da zur dauernden Intemierung des Perversen. Auch könne man 
von ihnen nicht Abstinenz verlangen. Es sei keine Gefahr da, daß die 
Homosexuellen je die Oberhand gewinnen. Eine Gefahr für die gute Sitte 
sei gleichfalls nicht vorhanden. Dr. P. Näcke. 

10. 

Wyler: Beiträge zu einem Grundriß des vergleichenden Irrenrechtes. 
Halle, Marhold, 1906. 182 S. 2 M. 
Hier liegt eine sehr wertvolle Vorarbeit für künftige Irrengesetz- 
gebungen vor. Die Notwendigkeit solcher tritt damit immer 
deutlicher hervor und das gilt nicht am wenigstens für das Deutsche 
Reich, wie immer mehr anerkannt wird. Dies Buch besteht aus 
drei Teilen (die rechtliche Basis der staatlichen Irrenfürsorge, die rechtlichen 
Hauptformen der Irrenfürsorge und die staatliche Aufsicht über das Irren- 
wesen) mit verschiedenen Unterabteilungen. Das Ganze bildet ein ge- 
schlossenes System und läßt überall die Desiderata durchblicken. Da Verf. 
Schweizer ist, wird eine besondere Berücksichtigung der schweizerischen 
Kantonalgesetze erklärlich, die für den Femerstehenden freilich weniger 
interessant sind. Berücksichtigt werden aus der großen Literatur für die 
einzelnen Länder Gesetze, Verordnungen und Statuten. Interessant ist es, 
daß Verf. — Jurist — die Festnahme zum Zwecke einer Intemierung in 
einer Irrenanstalt als Verhaftung ansieht Wegen der Stabilität spricht 
Verf. mehr für Gesetze als für Verordnungen. Er sagt weiter, daß recht- 
lich Geisteskrankheit wahrscheinlich nicht definiert werden könnte, dagegen 
ist es möglich, wie es mehrfach geschehen ist, „Präsumtionen für das 



Besprechangen. 121 

Bestehen einer Geisteekrankheit zu geben'^ Einige Bestimmungen über 
^DtemationaleB Irrenrecht**, d. h. Ausländem gegenüber im Inlande, werden 
gestreift Das Ganze ist nicht nur für den Psychiater, sondern auch für 
den Joristen wertvoll. Dr. P. Näcke. 



11. 

Siefert: Über die Geistesstörungen der Strafhaft etc. Halle, Marhold, 
1907. 233 S. 6 M. 

Dies Buch verdient ein näheres Eingehen. Es verarbeitet mehr oder minder 
ausführlich 83 Fälle von Haftpsychosen, Männer betreffend, die Verf. selbst 
beobachtete. An die Krankengeschichten schließen sich recht instruktive 
Epikrisen an. Über die Diagnosen im einzelnen läßtsich ja streiten, wie Verf. 
mehrfach selbst hervorhebt. Ob aber die Zahl von 83 Beobachtungen genügt, 
wie Verf. memt, um allgemeine Schlüsse zu ziehen, möchte Ref. doch bestreiten. 
Die Literatur hat er nur stiefmütterlich behandelt, und zwar die deutsche. 
Die fremdländische scheint er nicht zu kennen. Bevor wir auf einzelnes 
kommen, mögen hier die Hauptresultate semer Arbeit gegeben sein. Der 
sog. unverbesserliche Gewohnheitsverbrecher ist eine pathologische Erschei- 
Dong, nicht aber der gewöhnliche Verbrecher. Jener wird meist schon in 
frühen Jahren kriminell. Das Milieu spielt bei ihm nur eine sekundäre 
Rolle. Eine eigentliche Gefängnispsychose als klinische Einheit existiert 
nicht Die Psychosen der Strafhaft sind a) degenerative, meist im 
3. Lebensjahrzebnt auftretend, aus dem Charakter herauswachsend, plötzlich 
antretend, durch die Strafhaft erzeugt, meist gut und schnell heilend, und 
b) edite Psychosen verschiedener Art, meist schon vor dem Delikte be- 
stehend, aber nicht erkannt und nur sehr locker mit der Strafhaft zusammen- 
hingend. Die Irrenabteilungen an Strafanstalten sind zur Zeit das Beste, sind 
aber nur als Cbergangsform zu betrachten und ,Jhre endliche Einbeziehung 
in die allgemeinen Irrenanstalten als wissenschaftliches und humanes Pos- 
tulat zu betrachten," weil ihnen viele Fehler anhängen. Die unverbesser- 
Hdien Gewohnheitsverbrecher gehören nur in ärztliche Behandlung, wie 
weh die Fürsorgeerziehung ärztlich geleitet sein muß. Die Irrenanstalt 
hat solche Personen dauernd zu versorgen. Wenn das geschieht und die 
^editen Psychosen* im Gefängnisse bald erkannt werden, „dann wird die 
Frage der Unterbringung der verbrecherischen Geisteskranken und der 
gebteskranken Verbrecher gelöst sein, denn sie wird aufgehört haben, zu 
existiö^n." 

Verf., trotzdem er offenbar ein junger Mann ist, tritt sehr selbstbewußt 
anf, spottet über „Schlagworte", die er selbst zum Teil nicht verschmäht, 
wie z. B. den Ausdruck „Entartete", der noch sehr diskussionsfähig ist. 
Was er von dem Gewohnheitsverbrecher zunächst sagt, ist absolut nicht 
neu. Auch die, die am wenigsten mit Lombroso gehen, z. B. Ref., geben 
zu, daß es zum Teil Individuen sind, bei denen das Endogene das Milieu an 
Bedeutung weit überragt, ohne daß man deshalb eo ipso von einem „ge- 
borenen Verbrecher** zu reden braucht, da eben doch das Milieu die Ge- 
le^^heitsursache abgibt. Daß solche Personen pathologisch sind, verneint 
niemand, ebensowenig, daß sie sehr geeignete Kandidaten für psychotische 
Zastinde sem werden. Hier wird sicher die Haft die Gelegenheitsursache 



122 Besprechungen. 

sein. Das Gros der Gewohnheitsverbrecher aber gehört nidit dazu, son- 
dern besteht, wie namentlich Penta — der große Kenner der Gefangenen 
und ihrer Psychosen, den Ref. daher angelegentlichst dem Verf. zum Stu- 
dieren empfiehlt') — gezeigt hat, aus durch das Milieu verlotterten Ele- 
menten, wenn man den Begriff der „Gesunden^^ nicht zu eng faßt Diese 
erkranken aber, wie die meisten Kenner sagen, seltener psychotisdi im 
Gefängnisse, als die Gelegenheitsverbrecher, für welche Emzelhaft — nicht zu 
lange ausgedehnt — sehr oft eine wahre Wohltat ist Sicher gibt es keine 
charakteristische „Gefängnispsychose**, nur die gewöhnlichen Formen, mit 
oft eigentümlicher Färbung, aber durchaus nicht immer, wie Verf. anzu- 
nehmen scheint Idi kenne z.B. weibliche Verbredierinnen mit ausge- 
breitetem Wahnsysteme. Fast überall ist Verf. in seinen Schlüssen zu 
schnell; er vergißt, daß überall das Material ein verschiedenes ist und 
nur Vergleiche Einiges ergeben können, und solche sind zum Teil sicher 
möglich. Wenn er mit seiner Behandlungsweise so Großes erzielt zu haben 
glaubt, so ist wahrscheinlich der Zufall, das Material mit daran schuld, da 
es an den meisten anderen Irrenstationen sicher nicht so ruhig hergehen 
dürfte, obgleich wohl auch vernünftige Irrenärzte an der Spitze sind. 
Schwerlich wird Verf. auch die Anstaltspsychiater davon überzeugen, daß 
alle diese Kranken in die Irrenanstalten gehören. Sie werden sich da- 
gegen sträuben, da es sicher hier mehr unangenehme Elemente gibt, als in 
den Anstalten. Man wird also mit Recht solche Elemente fem zu halten 
suchen. Daß selbst die Irrenstation an einer Strafanstalt in eine kleme 
Irrenanstalt umgewandelt werden kann, ohne besondere Kosten, zeigt 
Waldheim. Daß pathologische Gewohnheitsverbrecher am besten unter 
ärztliche Aufsicht kommen, wie auch Epileptiker, Idioten etc., weiter die 
Fürsorgeerziehung, ist sehr richtig, aber nidit neu. Das einzige Neue — 
und auch das ist nicht einmal ganz neu! — des vorliegenden Buches 
siebt Referent nur in dem Satze des Verfassers, daß diese pathologischen, 
unverbesserüchen Gewohnheitsverbrecher m dauernde Versorgung der Irren- 
anstalt kommen sollen, und das eben ist zu bestreiten. Sie sollen in 
eigene Anstalten, unter ärztliche Aufsicht kommen, aber nicht in die 
gewöhnlichen Irrenanstalten. Auch im einzelnen wäre so manches einzu- 
wenden. IVotzdem bietet das Buch mannigfache Anregungen. 

Dr. P. Näcke. 



12. 

Kornfeld: Psychiatrische Gutachten und richterliche Beurteilung. Jurist- 
psych. Grenzfragen, Marhold, Halle, 1907, 22 S. 0,60 M. 
Verf. — Gerichtsarzt — zeichnet sich durch sehr merkwürdige psy- 
chiatrische Ideen aus. Wo ein nachweisbares Körperleiden Symptome einer 
Psychose auslöst, da darf man nach ihm nicht von einer eigentlichen 
Seelenstörung reden (? Ref.). Gehirn- und Geisteskrankheit fällt nicht 
zusammen (? Ref.). Die pathologische Anatomie, welche die Psychose auf 
materielle Veränderungen zurückführen wolle, habe „vollständig Fiasko ge- 

1) Verf. hätte auch bei Penta sehen können, daß doch Simulation von 
Psychosen bei gesunden Gefangenen vorkommt, in Neapel sogar relativ häufig! 



Besprechungen. 123 

mziäkt^ (? Ref.). Beim Menschen komme, dem Tier gegenüber, etwas ganz 
Xeaes hinza^ die Seele (? Ref.). Wo ein „rein geistiges Leiden" bestehe, 
d. h. also ohne Körperleiden, könne es zweifelhaft sein, ob der Kriminalist 
oder Psychologe, der erfahrene Gefängnisbeamte nicht besser imstande sind, 
deo Zustand zu beurteilen als ein Arzt (hört ! Ref.). U. s. f. Neues bringt 
Verf. sonst nicht. Interessant sind nur seine Entlehnungen aus dem eng- 
lischai Recht und verschiedene Gerichtsurteile etc., die er bringt. Er tritt 
für partidles Irresein ein und dafür, daß der Psychiater sich auch speziell 
io sdoem Gutachten für die Zurechnungsfähigkeit etc. ausspreche. 

Dr. P. Näcke. 

13. 
Vorträge, gehalten auf der Versammlung von Juristen und Ärzten in 

Stuttgart 1906. Jurist-psych. Grenzfragen, Halle, Marhold, 1907, 

89 S. 2,40 M. 
Kreus er (Psychiater) spricht zunächst über Testamentserrichtung und 
Testierfähigkeit und stellt deren schwierige Beurteilung für den Arzt fest, 
da der Testator meist tot ist und das Testament an sich einwandfrei er- 
scbeinen kann. Er untersucht hierbezüglich die Defektzustände und die 
Psychosen. Die zwei Hauptarten krankhafter Beeinflussung beim Testieren 
(resp. vereint) sind das veränderte Denken des Kranken und seine ver- 
mehrte Suggestibilität. Auch wo vor und nach dem Testieren Psychose 
bestand, sind große Schwierigkeiten da. Verf. hofft einiges von einer ge- 
wissen Einscliränkung der Testierfreiheit, womit der zweite Ref. in dieser 
Sache, Schm oller (Jurist) nicht ganz einverstanden ist, sondern ein grö- 
ßeres Zusammenarbeiten von Richtern und Medizinern verlangt, eventuell 
schon in früheren Prozeßstadien und womöglich mündlich. Testier- und 
Geschäftsfähigkeit decken sich nicht. Hegler (Jurist) erörtert die latente 
Geistesstörung bei Prozeßbeteiligten vom juristischen Standpunkte aus sehr 
gründüch. Auch bez. der Revisionen etc. läßt er sich aus. Überall gibt 
€8 viele Schwierigkeiten zu überwinden. Denselben Gegenstand behandelt 
dann rein medizinisch Finkh, indem er die einzelnen Psychosen und 
Defektzustände untersucht, die dabei in Frage kommen können, den Mecha- 
nismns auseinandersetzt und die Kennzeichen angibt, woraus man diese 
latenten Zustände erkennen kaifn. Es iiandelt sich um Grenzzustände 
Anfangs- eventuell Endstadien, freie Zwischenphasen, Remissionen, Besse- 
rung und die Rekonvaleszenz von Psychosen) und milde verlaufende Psy- 
chosen, ebenso um Entartungszustände verschiedener Art. Von Schwab 
endlich bespricht die verminderte Zurechnungsfälligkeit im früheren würt- 
tembergischen Strafrecht, was wohl nur lokales Interesse besitzt. Dagegen 
ist der allgemeine Teil, worin er über das Für und Wider der „vermin- 
derten Zurechnungsfähigkeit" spricht, die sogar schon in der Carolina im- 
plidte ausgesprochen ist, sehr interessant und klar. Dr. P. Näcke. 



14. 
A. Marie: La d^mence. Paris, Doin, 1906. 492 S. 4 fr. 

Verf. hat ein ebenso interessantes als originelles Werk geschaffen, das 
nicht zum wenigsten auch den Juristen zu empfehlen ist. Er behandelt 



124 Besprechungen. 

hier die verschiedeoen erworbenen Blödsinnsformen und zwar die dementia 
praecox, den paralytischen, senilen und anderweitig entstandenen Blödann. 
Im ersten Teile wird die Psychopathologie all dieser Zustände dargestellt, 
mit historischen Rückblicken und allerlei interessanten Ausblicken. Im 
zweiten Teile wird die spezielle Symptomatologie, vorwiegend aber wieder 
in psychologischer Hinsicht, weniger in klinischer, durchgegangen und auf die 
Ergebnisse der pathologischen Anatomie großer Wert gelegt, sowie audi die 
Beziehungen zur Psychologie aufgesucht. Im dritten Teile endlich werden 
allgemein die bio-, soziologischen und juridischen Folgen des Blödsmns abge- 
handelt Überall finden sich Statistiken und fremde oder eigene Beobach- 
tungen eingestreut, ebenso aber auch feine psychologische und psychiatrische 
Bemerkungen, die man in den gewöhnlichen Lehrbüchern veimißt Nicht 
am wenigsten für uns interessant ist aber der Umstand, daß vieles in fran- 
zösischer Darstellung erscheint, die uns zum Teil fremd dünkt. Es schdnt 
dem Ref., als ob Verf. die Ergebnisse der pathologischen Anatomie und 
ihre Folgen für die Psychologie entschieden überschätzt. Wir wissen nodi 
sehr wenig von pathologischer Anatomie, ja sogar die Neuronen-Theorie ist 
nicht einmal gesichert. Die französische Literatur ist ausgiebig benutzt, 
was für uns doppelt wertvoll ist. Die fremde dagegen leider nur wenig. 
Das Ganze ist aber trotzdem höchst lesenswert und wäie sehr wohl einer 
deutschen Übersetzung würdig. Dr. P. Näcke. 

15. 
A. Marie: Mysticisme et Folie. Paris, Giard, 1907. 342 S. 6 fr. 
Mit Tafeln. 
Ein höchst interessantes Buch von allgemeinem Interesse! Verf. will 
die nahen Beziehungen des Mystizismus und des Walmsinns aufdecken. Er 
geht auf den Ursprung aller Religionen zurück, den er mit Recht in der 
Furcht vor unbekannten Mächten findet, als ein Ausdruck des Selbst- 
erhaltungstriebes. So entstehen zuerst die bösen, dann erst die guten Geister. 
Zuerst zeigt sich der Fetischismus, dann der Polytheismus, endlich der 
Monotheismus. Weiter wird der Unterschied von Religion und Mystizismus 
dargelegt und der letztere in allen seinen Erscheinungen studiert, an der 
Hand von Literaturangaben und Beispielen. Auf allen Stadien der Reli- 
gionen findet sich Mystizismus vor. Bei der großen Bedeutung desselben 
ist es nicht zu verwundern, daß auch in den Abirrungen des menschliehen 
Geistes, d. h. also in den Psychosen, die Mystik eine große Rolle spielt, 
und die Untersuchung dieses speziellen psychiatrischen Themas bildet den 
zweiten Teil des Werkes. Wir sehen an fremden und eigenen Beispielen, 
in jeder Zeit, in jedem Milieu und bei jedem Volk, isoliert oder gruppiert, 
solche psychotische Mystiker erstehen, wobei der „religiöse Wahnsinn", den 
man jetzt nicht mehr als eine Einheit kennt, primär sich zeigt oder se- 
kundär, episodisch oder anhaltend bei allerlei Geisteskrankheiten, meist mit 
dem Stempel des Schwachsinns behaftet. Alle Stadien, die die Mystik 
historisch durchlief, erscheinen hier, aber nach rückwärts hin, sodafi die 
Psychose eine Art von Regression der „Mentalität" darstellt und sich dem 
Geisteszustände des Wilden und des Kindes hierin nähert, ein Satz, den 
Ref. freilich sehr beanstanden möchte, da es sich hier nur um Analogien, 
nicht aber um Identitäten handelt Dr. P. Näcke. 



BesprechoDgen. 125 

16. 

Mittelhäuser: Unfall und Nervenerkrankung. Eine sozialmedizinische 
Studie. Halle. Marhold, 1905, 86 S. 1,50 M. 
Eine ganz vortreffliche Belehrungsschrift neurologischer und sozialer 
Natur! Zuerst ein interessanter Überblick über die Entwicklung der 
Lehre von deu Unfallsneurosen. Jetzt betrachtet man sie als eine Störung 
des Gesamtbewußtseins. Die Hauptrolle spielen dabei ,,die im Seelenleben 
des Verletzten sich abspielende und durch das Bestehen des Unfallversiche- 
nmgsgesetzes in hervorragendem Maße geförderten (bewußten und unbe- 
wußten) Vorstellungen. Das Trauma bildet . . . em bloß auslösendes und 
gestaltgebendes Gelegenheitsmoment " . Besser ist der Ausdruck „Unfalls- 
nearoeen'^ (also der Plural !) zu wählen und psychisch decken sie sich meist 
mit dem Bilde der Neurasthenie, Hysterie, Hypochondrie oder ihrer Misch- 
formen. Eüne organische Grundlage ist anzunehmen. Reine Simulation ist 
ddu- selten, dagegen Übertreibung einzelner Symptome bei mindestens 
90 Prozent aller Fälle. Seit dem Erlaß des Unfaliversicherungsgesetzes 
von 1>S4 haben sich die Unfälle und noch mehr die gesteigerten Renten- 
ao^rücfae vermehrt. Verf. sucht den Grund dafür 1. in dem Arbeiter 
selbst und seiner Umgebung; 2. im Unfallversicherungsgesetz und seiner 
Auslegung und 3. in den Ärzten und in der Art ihrer Untersuchung. Das 
wird dann des näheren bewiesen. Sehr nachteilig wirkt die Mitteilungs- 
befngnis des ärztlichen Gutachtens im Auszuge an die Verletzten. Fehler- 
haft ist oft die Art der Untersuchung seitens der Ärzte und ihre Aus- 
bildung. Die Haupttherapie muß eine psychische sem. Nach der Heilung 
sollte die Entschädigungsfrage rasch abgewickelt werden. Die Unfallsneurosen 
and eine ^Spezialkrankheit*^ xöt* iBoxi^Vy und als solche sind sie in letzter 
histanz sozial zu behandeln. Das Niveau des Arbeiters ist zu heben und 
die Hygiene hat tiberall einzugreifen. Abstinenz von Getränken verlangt 
Verf. nur während der Arbeit. Er bekämpft die Prostitution, sagt aber leider 
flieht, wie das wirksam geschehen soll. Dr. P. Näcke. 



17. 

Hölscher: Die otogenen Erkrankungen der Hirahäute. H. Halle, Marhold, 
1905, 105 S. 3 M. 
Sehr eingehende, klar geschriebene Abhandlung mit vielen eigenen und 
fremden Krankengeschichten. Nach Darstellung der Anatomie der weichen 
(rehimhäute und ihrer komplizierten Verhältnisse, nach Schilderung der für 
Diagnose und Therapie immer wichtiger werdenden Lumbalpunktion, be- 
handelt der Verfasser des Näheren die Erkrankungen der weichen Hirnhäute: 
Die Pachymeningitis interna, den subduralen Abszeß und die Leptomeningitis 
purulenta und zwar ihr Entstehen von Ohrleiden aus, ihre Symptome, 
Diagnose, Prognose und Therapie. Eindringlich mahnt er mit Recht, bei 
Hirnhautentzündungen etc. stets die Ohren innerlich zu untersuchen, die so 
oft den Ausgangspunkt des Leidens bilden. Die Eiterungen greifen meist 
an der Basis Platz. Die Diagnose ist oft sehr schwer, die Prognose ernst, 
aber durchaus nicht immer tödlich. Auf die forensische Seite der Frage 
ist Verf. leider nicht eingegangen. Dr. P. Näcke. 



126 BesprcchuDgen. 

18. 

Weber: Die Heilung der Lungenschwindsucht durch Beförderung d«- 
Kohlensäurebildung im Körper. Halle, Marhold, 1906, 55 S. M. l. 
Interessante Broschüre. Verf. betont zunächst mit Recht, daß bd d^ 
Tuberkulose die Disposition dazu wichtiger ist als der Bacillus. 
Er bringt nun eme Menge von Tatsachen vor, die es wahrscheinlich machen, 
daß vermehrte Kohlensäurebildung der Tuberkulose entgegenarbeitet. Folg- 
lich gilt es Kohlensäure dem Körper zuzuführen. Das geschieht nach ihm 
am vollkommensten durch Einnahme von Laevulose (Fruchtzucker). Bei 
Höhlenbildung wird außerdem flüssiges Paraffin eingespritzt So hat er in 
der Tat brillante Erfolge zu verzeichnen, wohl die besten, die man bisher 
kennt. Aber, meint Ref., man warte erst die Nachprüfungen ab ! Auf dem 
verflossenen Tuberkulosen-Kongreß zu Paris erklärte offiziell der Präsident 
H^rard, daß bisher alle medikamentöse Behandlung der Phtbisis Schiff- 
bruch erlitten habe! Ref. fürchtet, daß auch Webers Therapie dazu sdüieß- 
lieh gehören wird. Immerhin erscheint sie theoretisch gerechtfertigt, und 
seine Bemerkungen auch über die Behandlung der Einzelsymptome sind 
sehr beherzigenswert. Nach ihm und andern hat die Phthise übrigens durch 
bessere Ernährung des Volkes abgenommen. Dr. P. Näcke. 



19. 

Rau: Die Verirrungen in der Religion. Leipzig, Leipziger Verlag G.m.b.H. 
(ohne Jahreszalil), 456 S. 
Dies Werk ist für den Kulturhistoriker und Psychologen sehr inte- 
ressant und enthält eine Rdhe von Dokumenten, die man sonst in ähn- 
lichen Büchern vermißt. Die bekannteren Sachen berührt er nur kurz, um 
mit Recht die weniger bekannten herauszuheben. Es ist ein ernstes wissen- 
schaftliches Buch, das den vollkommen überflüssigen Reklamedeckel ent- 
behren könnte. Solche Lockungen stoßen den ernsten Leser nur ab ! Der 
Reihe nach werden im ersten Teile die Menschenopfer, die religiöse und gastliche 
Prostitution, die Selbstaskese, die Beschneidung und der Phalluskult (namentlich 
dieser Teil ist sehr lehrreich!) und die Zwangsaskese (darunter eingehend die 
Technik des Tätowierens) im Altertum gründlich behandelt Der zweite Teil 
befaßt sich mit dem Christentum. Zuerst wird die Geschichte Jesu dar- 
gestellt, dargelegt, daß verschiedenes in den Evangelien direkt gefälscht, 
vieles eingeschoben und das meiste allmählich umgearbeitet worden ist 
Christus wird als ein Heiliger geschildert; um so mehr aber werden die 
Auswüchse des Christentums mit Recht gebrandmarkt So 
wird die Entwicklung des Askeseprinzips in der christlichen Kirche be- 
leuchtet, das Verhältnis von Christentum zu Sittlichkeit und Humanität, 
endlich die unglaublichen christliclien Glaubensepidemien der Vergangenheit 
und Gegenwart geschildert Verf. rechnet die Religionen als solche über- 
haupt zu den größten menschlichen Verirrungen und sieht im Christentum 
speziell nur die schwarzen Seiten. Nichts Gutes wird darai^ gelassen und 
das ist entschieden weit über das Ziel geschossen! Ref. gibt zu, daß wahr- 
scheinlich keine Religion so unzählige Menschenopfer sich 
leistete und solche Grausamkeiten verübte, wie gerade die 



Besprechungen. 127 

christliche^ selbst die mexikanisdien Menschenopfer nnd indianischen 
[khenßlichkdten verschwinden dagegen ganz. Sittlichkeit und Humanität 
haben sich im Laufe der Zeiten aber doch wohl gehoben; ob jedoch ge- 
rade durch das Christentum, ist nicht ganz sicher. Jedenfalls ist es ver- 
dienstlicb, daß Verf. das schwarze Konto des falschen Christentums wieder 
dsmal plastisch darstellte. Im einzelnen findet Ref. so manche Punkte^ 
doien er nicht oder nur bedingt beistimmen möchte. Im ganzen ist also 
d» Buch durchaus zu empfehlen. Dr. P. Näcke. 



20. 
Revon: Le Shinntolsmei Paris, Leroux, 1905, 229 S. 

Allee y was Japan anbetrifft, mteressiert uns jetzt doppelt Als eine 
Sphinx gShnt uns aber die japanische Volksseele entgegen, und nur sehr wenige 
Enropier sind es, die uns darüber einigermaßen aufklären können. Unter 
solchen erwähne ich namentlich den Franzosen Michel Revon, der jahrelang 
Prof. der Rechte in Tokio war und jetzt an der Pariser Universität den 
Lehraoftrag fflr die Geschichte der Zivilisation des äußersten Ostens vertritt 
Er drang tief ein in die Geheimnisse der japanischen Kunst und Religion, 
iwei dar vornehmsten Äußerungen der Volksseele. Vor einigen Jahren schrieb 
er dn Buch (lateinisch!) über die japanische Blumenkunst und dann eüi 
großes Werk über den berühmtesten Maler Japans: Bokusai. Jetzt studiert 
er die alte Landesreligion: den Shintoismus, auf Grund alter Chroniken, 
Braher Ritualbücher, theologischer Traktate etc. und zieht überall ver- 
gieidiend andere Religionen heran. Das Ganze ist das Werk stupender 
Gelehrsamkeit und feinster psychologischer Kritik. Hier sehen wir deutlich, 
wie dne Religion entsteht und sich weiter entwickelt. Erst als der Bud- 
dhiaDns eindrang (6. Jahrb.), erhielt die alte Religion den Namen Schin-tö 
d. h. der Weg Gottes, im Gegensatze zu: Butsu-dö = den Weg Buddha's, 
4e«8en Lehre übrigens die alte Doktrin beinflußte, die aber (im 8. Jahrb.) 
wiedö» davon ziemlich gereinigt wurde. Wie überall war die Furcht die 
Matter der Religion, daher entstehen erst böse, dann gute Geister. Im 
Scfamto ist alles: Lebendes und Lebloses, beseelt, alle Naturerschemungen, 
seihet die von Menschenhänden geschaffenen Dinge, bis in die einzelnen 
Teüe, ebenso beim Menschen, beim ganzen Volke etc. Alles, was hervor- 
Btidit ist Kami, d. h. Gottheit. Vor allem werden Sonne, Mond und die 
-Göttin der Nahrung'* verehrt. Merkwürdig ist die Spaltung der mensch- 
Bchen und göttlichen Seele, deren jeder Teil selbständig werden kann. Ea 
^bt femer ein Beer vager Geister. Auch spielt der Phallusdienst eine Rolle. 
I>ie Seele ist unsterblich, und es gibt eine Seelenwanderung. Das Buch ist 
jedem Leser auf das beste zu empfehlen. Er wird weitab geführt und wird 
auch den Sdiintoismus ehren, der über die Stufe des Fetischismus freilich 
nie redit hinauskam. Dr. P. Näcke. 

21. 
Uöbins: Die Geschlechter der Tiere. 1. und 2. Teil. Balle, Marhold, 
1905. 32 und 46 S., ä 1 M. 
Diesen zwei neuen Heften ist uneingeschränktes Lob zu spenden, und 
sie bUden einen wichtigen Beitrag für die Tierpsychologie. Verf. ist in 



128 BeeprechungeD. 

seinen Schlüssen sehr vorsichtig geworden, bringt eine Menge von Problemen 
vor, zeigt sich sehr wohl belesen und wartet auch mit eigenen Beobach- 
tungen auf. Erst betrachtet er die Größe und Schönheit der Tiere, dann 
untersucht er näher 16 Triebe, von denen 10 nach ihm bei einem Geschlecht 
meist stärker smd als bei dem andern. Beim Männchen : der Geschlechtstrieb, 
die Kampflust Stolz und Eitelkeit, Tanz-, Musiktrieb und Klugheit Bei 
dem Weibchen: Kinderliebe, eheliche Treue, Geselligkeit und Bausinn, während 
Todesfurcht, Last und Vorsicht, Nahrungstrieb, Mordtrieb, Eigentumssinn und 
Wandertrieb keine deutliche Geschlechtsverschiedenheit zeigen. Überall ist 
das Männchen der variablere, klügere, fortschrittliche Teil, genau so wie 
beim Menschen. Als Urtriebe gelten: Nahrungs-, Geschlechtsstrieb und 
Todesfurcht; (besser ist wohl zu sagen: Nahrungs- und Erhaltungstrieb), 
die anderen sind die sekundären Triebe. Die Geschlechtsunterschiede bei 
Mensch und Tier sind im großen erhalten, zum Teil aber verschoben. 
„Alle von der Klugheit abhängigen Fähigkeiten sind beim Manne stärker 
entwickelt als beim Weibe ... So ist es zu verstehen, wenn das Weib 
tierähnlich genannt wird: Es soll keine Kränkung sein und ist keine..." 
Mit Recht verwirft Verf. fast ganz Darwins geschlechtliche Zuchtwahl. Im 
einzelnen hätte Ref. hier und da wohl Bedenken. Ref. ist durchaus z. B. nicht 
überzeugt, daß alles, was bei Tieren der Eitelkeit zugeschrieben wird, es 
auch wirklich ist; auch glaubt er, daß das sog. Tanzen aus sexuellen und 
ästhetischen Motiven noch sehr fraglich ist. Das Letztere scheint dem Ref. 
vielmehr nur reiner Ausfluß der geschlechtlichen Erregung oder einer Ver- 
stimmung zu sein. Von dem Grunde des Wandertriebes wissen wir trotz 
Möbius noch sehr wenig. Ein eigener Trieb scheint es aber nicht zu 
sem, sondern mehr eine Art von Reflex. Mit Recht leugnet Verf. bei 
Tieren den Begriff der Grausamkeit; seine Ableitung der Polygamie von 
dem größeren Geschlechtstrieb der Männchen dürfte richtig sein. Das 
Ganze ist sehr lesenswert Dr. P. Näcke. 



VIII. 
Ein Indizien prozess. 

Milseteilt von 
Dr. A. Glos, k. k. Untersuchungsrichter, Neutitschein. 



Am 13. Februar 1904 fanden zwei Schulknaben im Wasser eines 
Baches den Leichnam eines Mannes. Hiervon verständigten sie un- 
gesäumt den Gemeindevorsteher in B., der mit einigen Ortsinsassen 
sieh sogleich an Ort und Stelle begab; dieselben fanden an einer 
Steile, die man insofern als geschützt bezeichnen muß, als sie sich 
Ton der Umgebung aus nicht leicht beobachten läßt, im damals ziem- 
tich hohen Wasser des Baches T. einen I^eichnam vor, der mit dem 
Gesichte zu Boden lag, so daß ihm das Wasser über den Kopf floß 
und der Körper nur mit wenigen Teilen aus dem Wasser hervorragte. 

Man nahm ursprünglich an, daß es sich um einen Selbstmord 
handle; im Auftrag des Gemeindevorstehers wurde der Leichnam am 
Cfer des Baches geborgen. Da man jetzt an der Leiche Verletzungen 
wahrnahm, benachrichtigte man hiervon die Gendarmerie, welche den 
Tatort bis zum Eintreffen der Gerichtskommission bewachte. Am 
selben Abend noch wurde in dem Leichnam der ehemalige Tage- 
löhner, zuletzt Gastwirt, J. B. aus P. erkannt, und förderten die ein- 
geleiteten Erhebungen zutage, daß unzweifelhaft ein Raubmord vorliegt 

Der am 14. Februar 1904 vorgenommene gerichtliche Lokalaugen- 
Bchein ergab Nachstehendes: Die Mordstelle ist infolge der Terrain- 
verhältnisse in jeder Beziehung geborgen; längs des Baches führt kein 
regehechter Weg oder Fußsteig, doch pflegen Gebirgsbewohner aus dem 
Hinterlande den Weg längs des Baches zu nehmen, um rascher die 
Easenbahnstation in L. zu erreichen. 

In einer Entfernung von ca. 325 Schritten vom Tatorte führt die 
Bezirksstraße von B. nach L.; es war nicht recht einzusehen, wieso 
J. B. in diese Gegend gelangte, woher er kam und wohin er zu gehen 
gedachte. Am rechten Ufer des Baches in einer Entfernung von 
14,85 m von demselben fand man eine stark zertretene Stelle des Bo- 

Arehir für EriminaUnthropologie. XXVI. 9 



130 VIII. Glos 

dens, auf welcher jedenfalls der erste Kampf zwischen dem Ermor- 
deten und seinem Mörder stattfand, von dieser Stelle 18,8 m entfernt 
in der Richtung zum Bache fand sich im Boden eine eigentümliche 
Vertiefung, welche dem Abdrucke eines menschlichen Antlitzes ähn- 
lich war, so daß es den Eindruck machte, aJs^ob J. B. hier gefallen 
und ihm vom Täter der Kopf gegen den aufgeweichten Boden ge- 
drückt worden wäre ; von dieser Stelle führte in der Länge Von 5,5 m 
eine Schleifspur zum Bache. Hier hatte der Täter den J. B. offenbar 
zum Bache geschleift und ihn, nachdem er ihn beraubte, ins Wa^er 
geworfen; das Wasser dürfte ihn dann noch 6,45 m fortgeschwemmt 
haben. An der Kampfstelle fand man noch einen blutbefleckten, mit 
Kot beschmutzten Handschuh des Ermordeten. 

Vorhandene Fußspuren waren, da der Boden mit ziemlich h(»hem 
Gras bewachsen war, und da auch mehrere Leute den Tatort vor 
Eintreffen der Gerichtskommission betreten hatten, nicht verwendbar, 
eine weitere Absuchung des Tatortes und seiner Umgebung') 
fand leider nicht sofort statt. Unter einer alten beim Bache wachsen- 
den Weide fand die Kommission das dem Ermordeten gehörige Ge- 
betbuch vor, welches sorgfältig mit Moos und Laub bedeckt war. 
In den Kleidern des Ermordeten fand man ein Stück Brot, ein Taschen- 
messer, eine Zigarrenspitze und ein Schuldnerverzeichnis, es fehlte, 
wie später festgestellt wurde, ein Ehering, die Tabakspfeife, der Ta- 
baksbeutel, 3 Zehnkronennoten, ein goldenes Zehnkronenstück (dieses 
Geld hatte er vom Hause aus) und die Kopfbedeckung, 

Spätere Nachforschungen und Verlautbarungen brachten zwei von 
diesen Gegenständen zum Vorschein: das Pfeifenrohr hatte ein Mann^ 
der sich dem an den Tatort eilenden Gemeindevorsteher angeschlossen 
hatte, bei einem Gestrüpp gefunden und zu sich gesteckt, die dem 
Ermordeten gehörige Mütze wurde später am linken Bachufer unter 
Laub verborgen, durch Zufall entdeckt. 

Dieser Fund war insofern von Bedeutung, als er den Weg, den 
der Täter nach Verübung des Mordes nahm, bezeichnete, er dürfte 
nicht auf der von B. nach L. führenden Bezirksstraße, sondern auf 
dem Fußsteige über die Felder gegen L. gegangen sein. 

Die Obduktion des Ermordeten ergab: Ein starker Bluterguß unter 
der Stimhaut weist darauf hin, daß J. B. vom Täter durch Schläge 

1) Mit Recht hebt Dr. Albert Weingart in seinem vortrefflichen Buche 
Krimiaaltaktik nach dem Vorgange von H. Groß (Hdb. f. UR., 4. Aufl, 
II. Bd., p. 44) hervor, daß die weitere Umgebung des Tatortes abzusuchen i?t 
Die Kriminal- und Detektivromano von Emil Gaborieau bieten hierüber auch 
eine ausgezeichnete Belehrung. Dr. Glos. 



Ein Indizienprozeß. 131 

iM^täubt wurde. Es finden sich dann verschiedene, mit einem stnmpf- 
kantigen Werkzeuge beigebrachte Verletzungen auf der vorderen Kopf- 
seite, andere auf der rückwärtigen, welche auch von rückwäxts bei- 
^bracht sein konnten; tödlich war keine. Das Gutachten der Gferichts- 
änte weist darauf hin, daß der Ermordete im betäubten Zustand ins 
Wasser geworfen worden ist und hier ertrank; im Wasser dürfte er 
24—30 Stunden gelegen haben. Die Erhebungen ergaben weiter, daß 
J. B. am 12. Februar 1904 sich nach Seh. begeben hatte, um bei dem 
Grandbesitzer F. K. und dessen Mutter eine Schuld einzukassieren; 
da der Ermordete eigens von P. kam und seit Mittag des 12. Februar 
1904 von niemand mehr gesehen wurde, lenkte sich der Verdacht 
der Täterschaft gegen jene, die zuletzt mit J. B. in Berührung kamen. 

J. B. war ein überaus sparsamer, ja geiziger Mensch, der durch 
seine übertriebene Sparsamkeit sich ein Barvermögen von mehr als 
15000 K. erworben hatte, das er teils in Sparkassen anlegte, teils 
gegen durchaus mäßige Zinsen an Privatpersonen geliehen hatte. In 
der Betreibung seiner Forderungen war er nichts weniger als ener- 
gisch, er gab sich vollkommen zufrieden, wenn ihm die bedungenen 
Zinsen bezahlt wurden, mit der Einkassierung des Kapitals hatte er 
keine Eile; es kam vor, daß er bei verschiedenen Geldnehmern sein 
Kapital verlor, da er Sicherstellung nicht zu fordern pflegte. — Er 
war verheiratet, lebte aber mit seiner Frau nicht gut. — 

Am 10. Februar 1904 verließ J. B. seine Wohnung in P. mit dem 
Bemerken, daß er nach L. gehen und am Sonntag (14. Februar) wie- 
der heimkehren werde; was er in L. zu tun beabsichtige und daß er 
aoeh nach Seh. zu gehen gedenke, um dort Geld einzukassieren, hat 
er nicht erwähnt. Am selben Tage traf B. in L. ein, besuchte seine 
Schwester und Kousine, von letzterer ließ er sich seine Sparkassen- 
bücher, die er ihr im Jahre 1903 zur Aufbewahrung gab, einhändigen, 
und übernachtete vom 10. auf den 11. Februar bei seiner Schwester. 

Am II. Februar 1904 ging er nach Seh. zu dem Grundbesitzer 
F. K., da dieser ihn brieflich kurz nacheinander zweimal aufgefordert 
hatte, er möge nach Seh. kommen und das geschuldete Geld in Em- 
pfang nehmen. Der Ermordete war nämlich auch Geldgeber des be- 
reits vor Jahren verstorbenen Vaters des F. K., und als letzterer die 
Wirtschaft übernahm, wußte er sich einigemale an J. B. um Geld zu 
wenden, das er ohne Umschweife, ohne Urkunde und Sicherstellung 
bereitwüligst erhielt. J. B. wurde auch tatsächlich am 11. Februar 
1904 von zahlreichen Bekannten gesehen und gesprochen, als er die 
«emlich belebte Gebirgsstraße nach Seh. passierte, und zwar sowohl 
anf dem Hin- als auch auf dem Rückwege. Am selben Tage sprach 



182 VIII. Glos 

er um 4 Uhr Dachmittags in der Vorschußkasse in L. vor und ließ 
sich Zinsen in seine Sparkassenbücher zuschreiben. 

Hier erzählte er, daß er bereits heute in Seh. war, um sich Geld 
zu holen, daß er jedoch die Wechsef, durch welche die Schuld der 
Mutter des F. K. verbrieft war, vergessen und deswegen morgen 
früh wieder nach Seh. gehen müsse. Gleichzeitig erwähnte J. B., 
daß er auch bei F. K. Geld zu fordern habe, daß jedoch die Schuld 
unverbrieft ist Der Beamte der Vorschußkasse gab dem J. B. den 
Rat, er möge sich seitens des F. K. die Schuld vor Zeugen auszahlen 
lassen; mit der Bemerkung, er werde das einkassierte Geld in der 
Vorschußkasse wieder anlegen, hatte sich J. B. entfernt, nachdem er 
zuvor noch die zwei von der Mutter des F. K. unterschriebenen 
Wechsel, die er seinem Gebetbuche entnahm, gezeigt hatte; im selben 
Buche sah der Beamte noch einen dritten zusammengelegten Wechsel, 
den J. B. jedoch nicht eröffnete. 

Um 5 Uhr nachmittags traf er in den Lokalitäten einer zweiten 
Sparkasse in L. ein, woselbst er sich zu seiner Einlage per 10000 K. 
gleichfalls die Zinsen zuschreiben ließ. Hier erzählte er, daß er bei 
der Mutter des F. K. eine alte Schuld, worüber er zwei Wechsel in 
Händen habe, einzukassieren gedenke und nicht wisse, ob er über die 
Abstattung eine Quittung zu geben hätte. Desgleichen machte J. B. 
auch v:on der bei F. K. aushaftenden Schuld Erwähnung und er- 
suchte den Kassierer der Sparkasse, er möge ihm eine Quittung für 
F. K. aussetzen, da er auch bei ihm die Schuld einkassieren werde 
und F. K. eine Quittung verlange. J. B. gab dem Kassierer den Be- 
trag an Kapital und Zinsen an, welch letztere der Kassierer nicht 
nachrechnete, setzte ihm dann die Quittung auf, welche dann J. B. in 
seiner Gegenwart eigenhändig unterschrieb. Obwohl die Quittung am 

11. Februar 1904 aufgesetzt wurde, datierte sie der Kassierer vom 

12. Februar, da eben an diesem Tage das Geld abgehoben werden sollte. 

Die Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1904 brachte J. B. bei 
seiner Schwester zu, früh um 7 Uhr machte er sich auf den Weg nach 
Seh. auf, nachdem er abends zuvor die Sparkassenbücher wieder 
seiner Kousine in Verwahrung gegeben hatte. Auch am 12. Februar 
1904 wurde J. B. von zahlreichen Bekannten gesehen und gesprochen. 
Am selben Tage ging J. B. mit F. K. von Scb. zurück. Zahlreiche 
Zeugen haben nun gesehen, wie F. K. mit J. B. am Vormittage des 
12. Februar von Seh. auf der nach L. führenden Bezirksstraße in der 
Richtung zum Forsthaus gegangen ist. 

Am 16. Februar stellte die Gendarmerie fest, daß zwei knapp 
an der Straße gegenüber dem Forsthause mit Holzschichten beschäf- 



Ein Indizienprozeß. 133 

tigte Waldarbeiter, Vater und Sohn, Namens H. am 12. Februar 1904 
vormittags gesehen haben, wie F. K. mit einem ihnen unbekannten 
Manne von Seh. nach L. ging, und wie beide vor dem Forsthause auf 
den zum T.-Bache führenden Fußsteig abbogen und im Walde ver- 
schwanden. 

Tags vorher schon erfolgte die Verhaftung des F. K. wegen 
dringenden Verdachtes der Täterschaft; er selbst hörte noch am 14. Fe- 
bruar 1904 von der Entdeckung des Mordes und meinte, es sei gut, 
daß er die Quittung über die Schuld und einen Zeugen für den Heim- 
weg habe. 

Gelegentlich der bei F. K. vorgenommenen Hausdurchsuchung 
wurde in der Schublade des Glaskastens gefunden: ein Betrag von 
500 K. (3 Hundertkronennoten und 10 Zwanzigkronennoten), eine von 
J. B. für F. K. am 12. Februar 1904 ausgestellte, auf den Betrag von 
772 K. lautende Quittung, welche der Kassierer der Vorschußkasse 
als die von ihm geschriebene und von J. B. gefertigte Bestätigung 
agnoszierte. Bei der Mutter des F. K. fand man zwei auf die Ordre 
des J. B. lautende, mit Bleistift durchstrichene Wechsel und eine von 
J. B. geschriebene und unterschriebene Quittung, lautend auf 769 K. 
30 H. vor. Außerdem wurden bei F. K. ein Pelzrock, ein Paar Röhren- 
stiefel, ein Sparkassenbuch und eine Unterhose beschlagnahmt, da 
diese Gegenstände blutverdächtige Stellen aufwiesen. 

Die Verantwortung des F. K. war, als ein ganzes betrachtet, nicht 
einwandsfrei, sie wies bei kritischer Würdigung, wie aus der weiteren 
Schilderung zu ersehen ist, Mängel, Lücken und Ünwahrscheinlich- 
keiten auf, so daß diese Verantwortung selbst ihrem inneren Inhalte 
nach psychologisch gewürdigt, ein wichtiges Glied in der Kette des 
Indizienbeweises bildete; letzterer umfaßte auch den sogenannten 
.Seitenbeweis'' (vgl. Groß, Kriminalpsychologie 1898, S. 145), der 
sich auf die Frage erstreckte, ob F. K. mit J. B. auf der Bezirksstraße 
von Seh. nach L. weiter ging oder beim Forsthaus auf den zum 
Tatorte führenden Fußsteig abwich. 

I) Das Leugnen von Tatsachen, welche die Stütze eines „Seitenbeweises" 
«nd, sowie die Verantwortung des Beschuldigten ihrem ganzen Inhalte nach 
maß notgedrungen auch einer psychologischen Untersuchung unterzogen wer- 
den: die Resultate dieser Untersuchung sind nicht bloß für den Gang und 
die Führung der Erhebungen, sondern auch für die Stellungnahme in bezug 
aaf das Gesamtergebnis des Erhobenen von maßgebender Bedeutung. Hier- 
mit will ich nicht gesagt haben, daß man die berühmten „Widersprüche'* aus- 
beaten soll, solche können, wenn mißverstanden, nur Justizirrtümer zur Folge 
haben. Auch soll damit nicht gesagt werden, daß die durch psychologische Er- 
wägungen erzielten Resultate schon an und für sich einen strikten Beweis er« 



134 VIII. Glos 

F. K., ein sonst unbescboitener, in der dem Verkebre so ziemlieh 
entlegenen Gemeinde Scb. eines guten Leumundes sich erfreuender 
31 jähriger, verheirateter und anscheinend in geordneten Verhältnissen 
lebender Grundbesitzer, verantwortete sich nachstehend: 

Er schuldete seit Jahren dem J. B. an Kapital und Zinsen einen 
Betrag von 772 K., die Schuld war unverbrieft und unbefristet Be- 
reits am 11. Februar 1904 erschien J. B. in Scb., um das Geld von 
F. K. und dessen Mutter abzuheben; hierzu wurde er über Veran- 
lassung der letzteren, die infolge Grundbesitztibertragung an ihren 
Schwiegersohn N. in den Besitz von Barmitteln gelangte, zweimal 
brieflich nach Scb. eingeladen, er selbst hatte weder gemahnt, noch 
eine Bezahlung verlangt. Am U. Februar war jedoch J. B. nicht 
im Besitze der beiden Wechsel, weshalb die Mutter des F. K. die Be- 
zahlung ablehnte, indem sie Rückstellung der Papiere verlangte. 

Einem angeblich ausgesprochenen Wunsche des J. B., man mö^e 
mit ihm nach L. fahren, wo er die Wechsel vergessen, wurde 
unter Hinweis auf das herrschende Regenwetter nicht entsprochen 
weshalb J. B. sich am 11. Februar 1904, ohne irgend welches Geld 
erhalten zu haben, auf den Heimweg machte. 

Am 12. Februar 1904 stellte sich J. B. neuerlich in Scb. ein, wo- 
selbst ihm die Mutter des F. K. in dessen Gegenwart ihre Schuld mit 
769 K. 30 H. ausbezahlte und die beiden Wechsel sowie eine Quittung, 
die J. B. in Seh. über Verlangen des bei der Auszahlung anwesen- 
den F. K. selbst aufsetzte, damit auch die Zinsen quittiert erschienen, 
in Empfang nahm. J. B. verwahrte das aus Hundert- und Zwanzig- 
kronennoten bestehende Geld in seinem Gebetbuche und begab 
sich aus dem Ausgedingestübchen, wo dieses Geschäft erfolgte, in da^ 
Zimmer des F. K.; nach einer Viertelstunde schon verließen jedoch 
beide Männer das Gehöfte des F. K., um nach L. zu gehen. Was 
sie in Seh. miteinander sprachen, darüber gibt nur F. K. Auskunft, 
da niömand dabei war. 

Den Gang nach L. motivierte F. K. ursprünglich damit, daß J. B. 
auch am 12. Februar für ihn keine Bestätigung hatte, daß er ihm da- 
her das Geld erst in L. gegen eine beizubringende Bestätigung 
abzahlen wollte. Außerdem stellte er an J. B. die Bitte, derselbe möge 
ihm zur Bezahlung diverser kleiner Schulden ein neues Darlehen 

setzen können : hier kann man unbefangen mit dem Verteidiger in Dostojewskis 
^Brüder Karamazov'* einverstanden sein, daß man mit Ililfe der Psychologie 
alles nachweisen könne, daß selbe auch ernste Männer zur Dichtung verleite, aber 
nur dann (und diesen Vorbehalt macht Dostojewski, selbst ein scharfsinniger 
Psychologe), wenn sie übertrieben geübt und mißbraucht wird. Dr. Glos. 



Ein Indizienprozeß. 135 

von 100 K. gewähren (ein andermal sprach er von 200 K. zum An- 
kaufe eines Pferdes), J. B. meinte jedoch, er brauche Geld, da er mit 
seinem Weibe nicht leben werde, wenn aber F. K. unbedingt die 100 K. 
benötige, möge er mit ihm nach L. in die Vorschußkasse gehen und 
dort einen Wechsel unterfertigen. F. K. dachte sich angeblich die 
Sache so, daß irgend ein Herr in der Vorschußkasse für J. B., der 
an und für sich schlecht schreiben könne, die Quittung aufsetzen und 
er ihm das Geld gegen Abrechnung des neuen Darlehens per 100 K. 
zuzählen werde, es habe sich ihm auch darum gehandelt, daß die 
Zinsen in der Sparkasse nachgerechnet werden, damit keiner den an- 
deren betrügt, was auch dem J. B. mitgeteilt wurde. 

Außerdem nahm F. K. sein Mitgliedsbuch der Sparkasse in L. 
mit, angeblich wollte er sich behufs Erlangung eines Darlehens in 
der Kasse für den Fall anmerken lassen, wenn ihm J. B. das neut* 
Darlehen nicht gewährt hätte. Seine Frau gab der Gendarmerie an, 
er habe sich das Mitgliedsbuch zu dem Zwecke mitgenommen, um in 
der Vorschußkasse Geld aufzunehmen und damit den J. B. zu be- 
zahlen, später meinte sie, es sei ihr unbekannt gewesen, ob und 
was F. K. dem J. B. schuldig war, ob er Geld beisammen hatte 
oder nicht. 

F. K. will nun mit J. B. auf der von Seh. nach L. führenden 
Bezirksstraße beim Forsthause vorbei und sodann auf dem hinter 
Lo führenden, aber in jener Jahreszeit wenig benutzten Fahrwege 
^gangen sein (ursprünglich behauptete er, durch das Dorf gegangen 
zu sein), auf dem Wege über das Forsthaus schon wären sie zwei 
Holzweibem begegnet, was jedoch trotz umfassendster Nachforschungen 
sich nicht bewahrheitete; sonst seien sie, auch in der Stadt, nie- 
mandem begegnet, der dem F. K. oder J. B. bekant wäre, obwohl 
sie über den Ringplatz gingen. 

Um 1 Uhr mittags seien sie in L. eingetroffen, wo sie die IjO- 
kalitäten der Sparkasse verschlossen fanden; J. B. meinte, die Schreiber 
kämen erst um 2 Uhr, er (F. K.) möge ihm das Geld geben, er werde 
die Quittung holen, sie sei schon fertig; den letzteren Zusatz 
machte F. K. erst später. (F. K. war in jener Sparkasse selbst Mit- 
glied und Schuldner, laut einer Tafel sind die Amtsstunden von 8 — 12, 
2-6 Uhr.) 

J. B. sei dann weggegangen, während er (F. K.) auf ihn zu- 
nächst auf den Stiegen und dann im Vorhause der Sparkasse ge- 
wartet hätte, nach 10 Uhr sei er aber schon mit der Quittung zurück- 
gekommen, ohne erwähnt zu haben, wo er sie geholt hat. Im Vor- 
hause habe nun J. B. das Geld gegen die beigebrachte Quittung im 



136 VIII. Glos 

Betrage von 772 K. in Empfang genommen und sich gegen V^ ^ Uhr 
von J. B. mit dem Bemerken verabschiedet, daß er nach U. A. zn 
seiner Schwester auf Besuch gehen, in U. A. auch Geld einkassieren 
werde und daß er diese Geschäfte bei Tag besorgen wolle; es sei noch 
verabredet, daß am kommenden Montag (15. Februar 04) J. B. dem 
F. K. das neue Darlehn per 100 K. gegen Beibringung eines Wechsels 
vorstrecken werde. (Tatsache ist, daß J. B. am 12. Febmar von seiner 
Schwester in ü. A. erwartet wurde, dort aber nicht eintraf.) Als sie 
aus dem Vorhause auf den Bingplatz, wo das Sparkassengebäude ist, 
heraustraten, sei unweit ein Fuhrwerk eines Fleischhauers aus Lo. 
gestanden, dessen Frau habe gerade das Fuhrwerk besteigen wollen; 
sie sei ausgeglitten, worüber er (F. K.) und J. B. gelacht haben, sodaß 
die Frau sie beschimpfte, J. B. erwähnte angeblich noch, „die Frau 
trinke viel/ 

Die betreffende Frau wurde eruiert, bestätigte, daß sie mit dem 
Fuhrwerke unweit des Sparkassengebäudes stand und beim Besteigen 
des Wagens, da das Pferd zufällig anzog, ausglitt, in diesem Momente 
sei jemand vorbeigegangen, ohne daß sie angeben könne, wer es war; 
den J. B. kenne sie sehr gut und habe nur früh am 12. Februar dem- 
selben auch begegnet, wie er nach Lo. ging. 

Wie nun F. K. selbst angab und auch durch Zeugen nachge- 
wiesen wurde, hatte derselbe bald nach 1 Uhr mittags mehrere Ge- 
schäftsleute in L. aufgesucht, bei denen er jahrelang alte Schulden 
im Betrage von zirka 200 K. bezahlte und dies mit Zwanzigkronen- 
noten und einem goldenen Zehnkronenstück, das er vor kurzem von 
einem Grundbesitzer in Seh. erhalten haben wollte, was jedoch dieser 
entschieden in Abrede stellte. 

Um Bezahlung dieser Schulden wurde F. K. nicht gemahnt 
F. K. rechtfertigte die gemachten Ausgaben damit, daß er sich vom 
Hause aus angeblich 280 K. mitgenommen habe, um eventuell auf 
der Straße, wie sich dies öfters treffe, ein Pferd zu kaufen, und als 
sich keine Gelegenheit hierzu bot, habe er kleinere Schulden bezahlt.' 
Freilich konnte er auf eine solche Gelegenheit nicht hoffen, wenn er 
hinter Lo., und nicht auf der Verkehrsstraße gegangen ist, in L. 
tat er diesbezüglich nichts. 

Noch vor 2 Uhr mittags erschien F. K. auch im Geschäfte 
des Kaufmanns G. in L., bei dem J. B. insbesondere zu arbeiten pflegte, 
fragte nach einem gewissen B. (er nannte einen entfernt ähnlichen 
Namen wie den des J. B.) ob er nicht da war, berichtigte sich dann 
dahin, daß er den J. B. meine; als er darauf eine verneinende Antwort 
erhielt, blieb er unschlüssig stehen, schaute zum Fenster hinaus und 



Ein Indizienprozeß. 137 

entfernte sich, nachdem er zuvor die Bemerkung gemacht hatte: ^es 
wird schon Nachmittag, wo treffe ich ihn? ich komme später noch 
Daebscbaaen/ Er ließ sich aber nicht mehr blicken. 

Dieses eigentümliche Gebaren erklärte F. K. damit, daß er ge- 
hofft habe, den J. B. vielleicht noch bei 6. anzutreffen und mit ihm 
noch die Angelegenheit des neuen Darlehns zu ordnen, da er viel- 
leicht nicht sofort nach U. A. gegangen sei. Eine Zeit lang hielt sich 
F. E. in L. noch in einem Gasthause auf, wohin er in sehr lustigen 
Stimmung kam, traf dortselbst einen Bekannten von Seh., mit dem 
er gemeinsam den Heimweg antrat, wobei sie auf der Bezirks- 
straße (und nicht auf dem zurzeit schlecht gangbarem Fahrweg) 
^Dgen. Auf dem Heimwege forderte F. K. die beim Forsthaus noch 
arbeitenden 2 Holzarbeiter H. auf, Feierabend zu machen und mit- 
zugeben, was aber jene unter Hinweis darauf, es sei noch Zeit, ablehnten. 

Seinem Begleiter erwähnte F. K., daß er mit J. B. in die Stadt 
gegimgen, daß dieser um Geld nach Seh. kam, selbiges aber nicht 
erbalten habe, da er den Wechsel nicht mitbrachte; auch erzählte 
F. K., daß J. B. mit seiner Ehegattin in Unfrieden lebe. 

In Seh. angelangt, hielt sich F. E. eine Zeit lang zunächst bei 
seiner Mutter auf, dann war er mit seiner Frau beisammen, nach 
dem Feierabend überbrachte er dem Dorfschmied ein Bügeleisen zur 
Reparatur, blieb bei ihm zirka eine Stunde, worauf er sich in das 
Gasthaus des Zeugen begab, mit dem er von L. nach Seh. gemein- 
sam g^angen war, hier blieb er bis zirka 10 Uhr nachts, die übrige 
Zeit und den Tag nachher brachte er erwiesenermaßen zu Hause zu. 
F. E. hatte demnach von zirka 2 Uhr mittags des 12. Februar 04 
bis zum 14. Februar 04 inklusive sowie auch für den 12. Februar 1904 
vormittags bis ungefähr 1 1 Uhr ein lückenloses, einwandfreies Alibi, da 
er ja geradezu für jeden Schritt und Tritt Zeugen hatte: das Vertrauen 
auf dieses Alibi zeigt sich auch in einer Äußerung dem eskortierenden 
Gendarmen gegenüber, zu dem er unvermittelt und ungefragt die Be- 
merkung machte, „da müßte ich den B. bei Tag erschlagen haben, 
und da müßten mich Leute gesehen haben.'' 

Es war jedoch dringender Verdacht, daß der Mord in den Mittags- 
stunden geschah und daß F. E., der eben für diese kritische Zeit 
keine Zeugen hatte, bestrebt war, wenigstens für die übrige Zeit sich 
Zeugen zu schaffen. Seine Verantwortung, daß er auf der Bezirks- 
straße und dann hinter den Scheunen von Lo. nach L. mit dem J. B. 
^ng, wurde nicht bestätigt, im Gegenteil gelang es, Zeugen zu eruieren, 
die glaubwürdig und verläßlich nachwiesen, daß er mit dem J. B. 
beim Forsthaus auf den zum Tatorte führenden Fußsteig abgewichen ist. 



138 Vm. Glos 

Bevor J. B. und F. K. zum Forsthause kamen, wurden sie in einer 
Entfernung von 626 bezw. 810 m vom Forsthause von den an der 
Straße arbeitenden Holzarbeitern, Fuhrleuten, dem Forstpersonale und 
einem Steinbrucharbeiter, welche sämtlich noch arbeiteten, gesehen. 

Die knapp an der Straße mit Holzschichten beschäftigten Wald- 
arbeiter, Vater und Sohn, Namens H. waren gleichfalls an dem kriti- 
schen Tage, an welchem ein sonniges Wetter herrschte, in Arbeit. 
Ungefähr gegen 11 ühr vormittags bemerkte H. sen. zwei Männer, 
welche von Seh. die Bezirksstraße herunterkamen ; selbe hätten, wenn 
sie auf der Straße weitergegangen wären, an ihm vorbeigehen müssen, 
doch bogen beide in den Wald ein, passierten einen über den dort 
fließenden T.-Bach führenden Steg und verschwanden im Walde auf 
dem zum Tatorte führenden Fußsteig. 

In einem der Männer erkannte H. bestimmt den F. K. am Ge- 
sicht und seinem „geduckten" Gange, wovon er auch gleich seinem 
etwas schwachsinnigen Sohne und einem Heger Erwähnung machte, 
was diese auch bestätigten. Den Begleiter des F. K. beschrieb H. 
als einen kleinen Mann, der einen bläulichen Winterrock, schwarze 
Pelzmütze hatte, während F. K. eine braune Mütze trug. Dies sah 
Zeuge aus einer Entfernung von 50 Schritten und konnte, da die Aus- 
sicht unbehindert war, auch deutlich sehen, zumal damals die Sonne 
schien. Erst nach seiner Einvernahme gelang es noch, eine Zeugin 
zu eruieren, die bestimmt bestätigte, daß F. K. mit noch einem Manne 
am kritischen Tage zum Tatort abbog. Dieselbe ging, nachdem sie 
in L. Einkäufe besorgt hatte, auf der Bezirksstraße von L. nach Scb. 
und traf gegen 11 Uhr vormittags beim Forsthause ein, woselbst sie 
bei den noch arbeitenden H. stehen blieb. Sie fragte, ob schon Mittag 
sei, und erhielt von H. sen. zur Antwort, es sei 11 Uhr. Während 
Zeugin mit H. sprach, kamen von Seh. zum Forsthaus herunter zwei 
Männer, von denen sie den ihr persönlich wohlbekannten F. K. be- 
stimmt erkannte, was sie auch dem H. mit den Worten sagte „Wo- 
hin geht denn heute F. K.?'' Sie ging dann ihres Weges weiter, dachte 
sich noch, daß diese zwei Männer an ihr vorübergehen werden, doch 
bogen selbe in den Wald auf den mehrerwähnten Fußsteig ein, wo- 
selbst sie verschwanden. 

Zeugin hatte den F. K. bestimmt erkannt, und auch die von ihr 
angegebene Beschreibung der Kleider beider Männer stimmte voll- 
kommen, sie sah auch, daß F. K. einen Weichselstock in den Händen 
hatte, was auch richtig war. 

F. K. gab zu, die Zeugin zu kennen, leugnete aber ursprünglich, 
sie am kritischen Tage gesehen zu haben, erst in der Hauptverhand- 



Ein Indizieuprozoß. 139 

lang räumte er dies ein, meinte aber, er sei nur abseits in den Wald 
gegangen, um seine Notdurft zu verrichten, was die Zeugin entschieden 
bestritt; hingegen beharrte er bei seiner Behauptung, daß die H. nicht 
mehr an ihrem Arbeitsplatze waren. Zeuge Z. bestätigte, daß, als er 
auf der Straße ober dem Forsthause Holz auflud, J. ß. und F. K. in 
der Richtung zum Forsthause gingen. Zeuge lud noch 2 Raummeter 
Holz auf und fuhr erst dann zum Forsthause, woselbst er die noch 
arbeitenden H. fragte, wie spät es sei, und zur Antwort erhielt, es 
werde bald Mittag sein. 

Der von L. nach Seh. tagtäglich gehende Landbriefträger S. 
passierte um die 12. Stunde die Straße von Lo. zum Forsthause und 
sab weder den J. B. noch den F. K., welche beide ihm persönlich 
bekannt waren. Die ganze Straße war überhaupt an dem Tage be- 
lebt, da viele Fuhrleute um Holz in den Wald gefahren kamen und 
auch Holzweiber in dem Wald Reisig und dürres Holz suchten. Da- 
für, daß der Mord weder am 13. Februar 04 noch in der Nacht vom 
12. zum 13. verübt wurde, sprachen (außer dem ärztlichen Gutachten 
aod der Tatsache, daß von 11 Uhr vormittags des 12. Februar 04 
J. B weder in Lo., noch in L. noch in U. A. oder B. und T. gesehen 
wurde, trotzdem er zum Mittagstisch bei seiner Schwester eintreffen 
sollte) noch nachstehende Tatsachen: 

Am 13. Februar 04 waren knapp beim Tatorte Leute den ganzen 
Vormittag beschäftigt, überdies hatte es in der Nacht vom 12. zum 13. 
gefroren, und konnten demnach die oben konstatierten Spuren nicht 
entstehen und war auch nicht einzusehen, wieso J. B. in der Nacht 
oder etwa am Nachmittag des 12. Februar 04, nachdem er in der 
Stadt L. gewesen wäre, an diese entlegene Stelle käme. 

Unaufgeklärt blieb der Umstand, unter welchem Vorwande F. K. 
den J. B. in diese Richtung geführt hätte, mag sein, daß er denselben 
begleitete, da J. B. seine in U. A. lebende Schwester besuchen wollte 
und dies eben der kürzeste Weg war. Fraglich ist auch der Umstand, 
ob und was dem J. B. in Seh. ausgezahlt und was geraubt wurde. 
Jedenfalls hat J. B. von der Mutter des F. K. das Geld in Seh. er- 
balten, dafür spricht der Umstand, daß J. B. in Seh. auch die Quit- 
tung selbst aufsetzte, die Quittung war seine Handschrift; F. K. hin- 
gregen hatte ihn gar nicht ausgezahlt, diesen Standpunkt vertrat die 
gegen F. K. wegen Verbrechens des Raubmordes erhobene Anklage- 
schrift, indem angenommen wurde, daß F. K. dem J. B. das Geld, 
das letzterer von der Mutter des J. B. erhalten, weiters das vom selben 
^om Haus mitgenommene Geld und den Ring, sowie die auf 772 K. 
lautende Quittung geraubt hatte; dies stützte sich auf die Tatsache, 



140 VIII. Glos 

daß F. K. am kritischen Tage über 200 K. an Schulden bezahlte, bei 
ihm noch 500 K. gefunden wurden, deren Erwerb er in verläßlicher 
Weise nicht nachweisen konnte, da seine diesbezüglichen Angaben 
über Ein- und Ausgang von Bargeld in seiner Wirtschaft nicht über- 
zeugend waren. 

Auch behauptete F. K., daß er am 12. Februar 04 sich zur Be- 
zahlung der Schuld des J. B. von der Mutter 400 K. geliehen hatte, 
wogegen diese der Gendarmerie angab, es sei dies am 9. Februar 04 
gewesen und hätte sich der Sohn das Geld zum Ankaufe eines Pferdes 
genommen ; tatsächlich hat aber F. K. am 9. Februar 04 einen Betrag 
von über 200 K. an eine Bank als Teilzahlung einer Hypothekar- 
schuld abgesendet Was seine sonstigen Verhältnisse anbelangt, war 
er wohl nicht verschuldet, aber immerhin war sein Besitz derart be- 
lastet, daß es ihm in der Wirtschaft an flüssigem Gelde fehlte, wes- 
halb er auch bei Sparkassen gegen Hypothek oder Wechsel Schulden 
kontrahierte. 

Auch hatte er es gerade nötig, seinen Viehstand zu ergänzen, 
und brauchte Geld, das er gerade jetzt von sich hätte geben sollen; 
denn der die beabsichtigte Bezahlung ankündigende Brief ging von 
seiner Mutter aus, J. B. hatte, wie aus seinen obigen Äußerungen zu 
entnehmen, auch von F. K. Bezahlung erwartet und verlangt, da ihm 
einmal auch gesagt wurde, nach der Heirat der Schwester des F. K. 
werde man ihn bezahlen, diese Heirat fand Ende Januar 1904 statt 
Das Erscheinen des J. B. kam ihm, wie die Anklage annahm, wohl 
nicht gelegen; vom ersten an J. B. gerichteten Brief bis zum Ein- 
treffen desselben verstrichen mehrere Tage, binnen welchen leicht ein 
Entschluß reifen konnte und die Art und Weise der Ausführung der 
Tat auch überlegt werden konnte. 

Was die Intelligenz des F. K. anbelangt, so muß hervorgehoben 
werden , daß derselbe wohl kein Schlaukopf war, daß er in einem 
entlegenen Gebirgsdorfe, über dessen Grenzen er nicht viel hinauskam, 
aufwuchs und lebte: eine gewisse ünbeholfenheit und linkisches Be- 
nehmen bei ausgeprägter Gutmütigkeit und Frömmigkeit dürften da- 
zu beitragen, daß F. K. in der militärischen Konduitliste als etwas 
beschränkt bezeichnet wird. Im Militärverbande blieb er aber nicht 
lange, da er wegen eines Armbruches superarbitriert werden mußte. 
Daß F. K. in seiner Gemeinde tatsächlich nicht für einen beschränkten 
Menschen galt, dafür sprach auch die Tatsache, daß er zum Aus- 
schußmitgliede einer in Seh. bestehenden Sparkasse gewählt wurde 
und daß er auch seine Wirtschaft durchaus verständig führte. Seine 
Rechtschaffenheit war allgemein anerkannt, weshalb es auch hieß, 



Ein Indizienprozeß. 141 

ihm sei eine solche Tat nicht zuzutrauen, dies bildete ein Gegengewicht 
g^en den Indizienbeweis; vom Standpunkte der Erfahrung muß 
man notgedrungen nicht die Fähigkeit zu einer schweren Tat bei 
einem Menschen ausschließen, dessen Lebenswandel bisher ein einwand- 
freier war, ja man darf sagen, daß solche Menschen zu einem schweren 
Delikt sich oft leichter und rascher entschließen, als gewiegte Ver- 
brecher. *) Wie bereits erwähnt, beschlagnahmte die Gendarmerie bei 
F. K. ein paar hohe Männerstiefel, einen Winterrock, eine braune 
Oberhose, eine weiße Unterhose und die Quittung, an welchen Gegen- 
standen blutverdächtige Stellen vorkamen; die braune Oberhose kam 
zum Vorschein, als nach einiger Zeit eine neuerliche Hausdurchsuchung 
vorgenommen wurde. 

Diese Gegenstände wurden nun durch das gerichtlich-medizinische 
Institut in \Vien unter Anwendung der mikrospektroskopischen und 
biologischen Methode auf das Vorhandensein von Blutspuren unter- 
sucht; Menschenblut wurde bloß an der Tricothose und der braunen 
Oberhose konstatiert. An ersterer waren nachstehende blutverdächtige 
SteUen: 

aj entsprechend den zwei Knopflöchern und am Hosenschlitze 
jedoch nur in den oberen Anteilen des letzteren verwaschene, braun- 
rötliche, wie verwischte Flecke, die sich nur an der Außenseite des 
fiewebes finden. Auch der Zwirn, mit dem der obere Knopf angenäht 
H zeigt ähnliche Spuren ; 

b) entsprechend dem rechten Knie, gegen die Innennaht zu eine 
über zwei Handflächen große, wie verwaschene, blaßrötliche, undeut- 
lich begrenzte Verfärbung, die außen deutlicher sichtbar ist und eine 
größere Fläche einnimmt, als innen; 

c) ein ähnlicher weniger deutlicher und kleinerer Fleck ent- 
sprechend dem linken Kniee; 

d) an der Vorderseite des linken Hosenbeines 13 cm noch nach 
außen unten unter dem unteren Ende des Hosenschlitzes ein unregelmäßig 
iceformter 6 cm langer, bis 2 cm breiter blaßbrauner Fleck (nur außen 
sichtbar), zwei streifenförmige 2 und 3 cm lange Flecke nach unten 
außen von diesem Fleck. 

Untersucht wurden bloß die Flecke a) und b); beide der mikro- 
skopischen Untersuchung unterzogen — nirgends ist eine Zusammen- 
setzung aus Blutscheiben erkennbar. Bei der spektroskopischen Unter- 
suchung zeigen die Cyankali-Extrakte Absorptionsstreifen im Spektrum 



1) Es ist bekannt, daß ungefähr 50 ° ^ <3er Mörder unbestraftes Vorleben 
aufweisen. 



142 VIII. Glos 

und zwar zwei dunkle Bänder zwischen den Linien D. und E. Bei der 
biologischen Untersuchung zeigten die Proben nach wenigen Minuten 
eine weißliche Trübung, nach zirka 1 Stunde einen flockigen Nieder- 
schlag, Kontrollproben blieben klar. 

Die braune Oberhose zeigt an der Hinterseite des rechten Kniees 
vier höhnen- bis mandelgroße zum Teil aufgerauhte, zum Teil lack- 
artig glänzende, steife braunrote Flecke; im Bereiche der Kniegegenden 
ist der Stoff auffallend licht, zerknittert, in der Umgebung dieser 
lichten Stellen braunrot gefärbt, rechts besonders unten innen, links 
unten außen. An der Innenseite der Hose entsprechend diesen Stellen 
sind flockige Verfärbungen nicht zu erkennen, ebensowenig an den 
Taschenfuttern und am „Bund^futter. Hier wurden alle 3 Methoden 
angewendet und gelangten die Sachverständigen zu dem Resultate: 

An der Unterhose und an der Hose sind Blutspuren nachweis- 
bar, die nach dem positiven Ausfall der biologischen Reaktion von 
Menschenblut herrühren. Die Blutspuren an diesen beiden Ob- 
jekten stimmen zum Teil in ihrer Lage überein, indem sich an beiden 
in der Gegend des rechten Knies Blut nachweisen ließ. Die Blut- 
spuren am Knie der Unterhose können sehr wohl dadurch entstanden 
sein, daß das Blut von der Außenseite der Hose durch den Stoff auf 
die Unterhose durchgeschlagen ist, dafür spricht die blasse Farbe der 
Blutspur an der Unterhose, ihr geringer Farbstoffgehalt und das 
Fehlen von Blutkörperchen, welche erfahrungsgemäß beim Durch- 
sickern von Blut durch dicke Stoffe zurückgehalten werden. . 

F. K. erklärte die Blutspuren an der Unterhose daher, daß er 
behauptete, mit seiner Frau zurzeit der Menstruation geschlechtlich 
verkehrt zu haben, für die Blutspuren an der Oberhose hatte er keine 
Erklärung als die, daß er diese am kritischen Tage nicht getragen 
habe (ursprünglich gab er der Gendarmerie das Gegenteil an). Gegen 
die Annahme, daß die Blutspuren Menstrualblut sind, spricht 

a) an der Unterhose der Umstand, daß gerade der untere Teil 
des Schlitzes und die Innenfläche der Hose daselbst von Blutspuren 
frei ist, die Verteilung der Blutspuren in der Umgebung der Knopf- 
löcher, welche den Eindruck macht, als wenn sie beim Zuknöpfen 
der Hose entstanden wären; 

b) an der Hose die Verteilung einzelner Blutspuren mit erhaltenen 
Blutkörperchen an der Rückseite der Beinteile; 

c) an beiden Objekten das Vorhandensein von Blutspuren in der 
Kniegegend und unterhalb derselben, die Ausdehnung dieser Blut- 
spuren, endlich das Fehlen der Scheidenepithelien und Bakterien, welche 
erfahrungsgemäß dem Menstrualblut beigemischt sind und in Men- 



Ein Indizienprozeß. 143 

stroalblntflecken stets nachweisbar sind. Es kann nicht bezweifelt 
werden, daß die Blutspuren an der Unterhose und Hose nicht von 
Menstroation herrühren. 

Die gegen F. K. durchgeführte Hauptverhandlung endete mit 
dessen Freisprach (11 Stimmen nein, 1 Stimme ja). Der Schilderung 
dieses Falles füge ich eine Schlußbemerkung bei: 

Die Ermittelung und Überführung des Täters bei schweren Ver- 
brechen wie Mord, Brandlegung und dergl. muß überaus häufig durch 
Indiiien erfolgen; es ist insbesondere ein Verdienst der Kriminalistik, 
daß man heute die richtige Verwendung und Wertung des Indi- 
zienbeweises gelernt hat; es wäre jedenfalls eine erfolgreiche Arbeit, 
wenn man wichtigere aus frtlheren Zeiten stammende Indizienfälle 
vom Standpunkte der heutigen Kriminalistik beleuchten würde, wie 
dies in diesem Archiv Bd. III durch Ernst Lohsing in einem Falle 
geschehen ist (^Der Fall Ziethen im Lichte der Kriminalistik.") 

Es wäre auch interessant klarzustellen, welche Kraft man jeweils 
den oder jenen Indizien im Verlaufe der Zeit zugestanden und wie- 
so sich die Anschauungen änderten und welchen Einfluß dies auf 
das Urteilsprechen ausübte. Im Volksbewußtsein scheint der Indi- 
zienbeweis kein großes Vertrauen zu genießen, sagt doch Franz 
V. Holtzendorf in seiner klassischen Schrift: „Das Verbrechen des 
Mordes und die Todesstrafe" : „Von der Kraft der Indizien in ihrem 
Zusammenwirken hat der aus der unteren Volksklasse hervorgegangene 
Verbrecher bei seinem wenig geübten Urteil keine deutliche Vor- 
stellung. „Beweis" heißt für ihn immer noch direkter Zeugenbeweis 
und Geständnis." 



IX. 
Verwerfung eines Zeugen wegen Untauglichkeit. 

Von 
Privatdozent Dr. jur. et phil. Hans Beiohel, Hilfsrichter in Leipzig. 



Die von Hans Groß zuerst angeregte, ^) von Binet (Lasuggestibilite 
1900), L. W. Stern (ZS. f. d. ges. Str. R Wss. 26 180 u. ö.), Diehi, 
Chomjakow, Borst u. a. weitergeführte Psychologie der Aussage, 
insbesondere der Zeugenaussage, wird, zumal wenn sie erst von ge- 
wissen Übertreibungen, wie sie Anfangsstadien eigen sind, sieb frei 
gemacht haben wird, auf die forensische Praxis je länger je mehr 
in fruchtbringender und fördernder Weise einzuwirken nicht verfehlen. 
In dieser Hoffnung bestärkt auöh die Tatsache, daß schon jetzt hier 
und da Gerichte sich veranlaßt finden, ihr Aufmerksamkeit zu schen- 
ken und praktische Zugeständnisse zu machen. Ausweis hierfür ist 
ein Zivilprozeß, in welchem Klaggrund sowohl als Einredebehaup- 
tung auf das Zeugnis des Ehemannes der Beklagten, eines überaus 
schwerhörigen und von den Parteien selbst als geistig nicht vollwertig 
bezeichneten Mannes, gestellt waren. Nachdem der vernehmende 
Richter vergeblich versucht hatte, mit dem Zeugen eine wirkliche 
Verständigung zu erzielen, und mit Rücksicht hierauf die Beweis- 
verhandlung einstweilen abgebrochen hatte, beantragten die Parteien 
beim Prozeßgericht erneute Vernehmung des Zeugen, nötigenfalls im 

1) Groß' Handbuch für Untersuchungsrichter erschien 1S94 in zweiter, seine 
Kriminalpsychologie erschien 1898 in erster Auflage. Es war also irrig, wenn 
Binet (La science du tömoignage, L*Ann6e psychologique XI 128) im Jahre 1905 
meinte, qu*il-y-avait une scienc ä fonder: sie war schon gegründet Nicht 
minder irrig ist, wenn 0. Li p mann in seinem sonst trefflichen Referat m der 
Philos. Wochenschrift und Literaturzeitung II (1906) 89 anzunehmen scheint, 
Binet sei der „Prophet" der Aussagepsychologie. Alles was Binet wollte, hatte, 
wie gesagt, schon beträchtliche Zeit vor ihm Hans Groß in die Wege geleitet 
Wenn Philosophen dies bislang übersehen zu haben scheinen, so kann dies nur 
daran liegen, daß sie Fachbeiträgen, die von Juristen ausgehen, nicht die an- 
gemessene Aufmerksamkeit zollen. Ich behalte mir vor, in einer Philosophischen 
Fachzeitschrift auf diese Unterlassung zurückzukommen. 



Vcrweifang eines Zeugen wegen Untaugiichkeit. 145 

Wege schriftlicher Verständigang. Das Gericht — L.-G. Leipzig, 
Zivilkammer 3, Aktenzeichen 3 Gg. 79/05 — beschloß hierauf, zu 
allerarst ein Gutachten des Gerichtsarztes beizuziehen, und übersandte 
diesem die Akten mit folgendem Begleitschreiben: 

„Der Herr Sachverständige wolle den Zeugen wegen seines psychi- 
schen Status, insbes. wegen seiner Suggestibilität, explorieren. 

Dem vernehmenden Richter hat F. den Eindruck erweckt, daß 
er volkommen unter dem Einfluß seiner Frau stehe, daß seine Urteils- 
fähigkeit geschwächt, die Kritik, die er an den ihm entgegentretenden 
Dingen und Vorgängen übt, mangelhaft, die Gedankenentwickelung 
und die Fähigkeit des Gedankenausdruckes unter der Norm bleibend sei. 

Sind diese Vermutungen richtig, so heißt es lediglich Papier ver- 
schreiben, wenn man den Zeugen in höchst mühsamer Weise über ein 
kompliziertes Beweisthema — wann ist „Zahlungseinstellung^ des 
Zeugen erfolgt? — vernimmt. Denn selbständiger Beweis wert kann 
alsdann seiner Aussage nicht zukommen. Dies umsoweniger, als 
Zeuge, wie man erprobt hat, zu Berichtsangaben nicht zu bewegen 
scheint, Verhörsangaben aber nach bekannten Erfahrungen schon unter 
normalen Verhältnissen ein geringerer Beweiswert innewohnt^ 

In Verfolg dieses Auftrages wurde der Zeuge durch den Gerichts- 
assistenzarzt Dr. W. Richter eingehend untersucht, und es fand der 
Sachverständige die Beobachtungen des Richters allenthalben bestätigt. 
In seinem gutachtlichen Bericht fügte er hinzu, der Zeuge sei nicht 
imstande, einen genügenden selbständigen Bericht z. B. über sein 
Vorieben zu geben, vielmehr müsse ihm aUes, was man zu wissen 
wünsche, durch einzelne Fragen mühsam abgekauft werden. Sein 
Interesse sei eingeengt, über Zeitverhältnisse und Zeitereignisse sei er 
nnr dürftig unterrichtet; bei den einfachsten Fragen wundere er sich 
übw die Zumutung, daß er das alles wissen solle. Nach alledem 
Btehe, so schloß die Auslassung, eine ersprießliche, als Beweismittel 
verwertbare Aussage von dem Zeugen nicht zu erwarten. 

Kit Bücksicht hierauf lehnte das Gericht die Vernehmung des 
Zeugen anderweit und endgiltig ab. 



▲lehiT fftr Kriminaltnthxopologie. XXVI 10 



X. 
Hausfriedensbruch ans Sinnlichkeit. 

Mitgetsilt von 

Staatsanwalt Dr. Kersten in Dresden. 

Der 33jährige, verheiratete Fabrikarbeiter F. war innerhalb 
mehrerer Wochen zu wiederholten Malen tagsüber, zum Teil mittels 
Erbrechens verschlossener Türen, nnberechtigterweise in den Keller 
eines direkt an der Straße gelegenen Hanses eingedrungen und so 
in |den Verdacht des Diebstahls gekommen. Sdne Handlungsweise 
erschien jedoch ziemlich unverständlich, zumal in dem Keller keine 
geeignete Diebesbeute vorhanden war. Nach allerlei Ausflüchten Fs. 
kam schließlich die Wahrheit an den Tag. 

Unter dem Schaufenster des in dem betreffenden Hause befind- 
lichen Schnittwarengeschäftes ist ein zu dem darunter liegenden 
Kellerfenster führender Lichtschacht, den ein Eisenrost überdeckt. 
F. hatte bemerkt, daß man infolgedessen von dem Keller aus durch 
das Fenster und den Lichtschacht den über den Eisenrost hinweg- 
gehenden oder dort zur Besichtigung verweilenden weiblichen Personen, 
insbesondere Schulmädchen, unter die Röcke sehen könne. Um 
solche Beobachtungen zu machen und sich dabei geschlechtlich zu 
erregen, pflegte er den Keller aufzusuchen. 

Er wurde wegen Hausfriedensbruchs und an den Kellertüren ver- 
übter Sachbeschädigung zu einer mäßigen Geldstrafe verurteilt. 

Akten der Kgl. Staatsanwaltschaft Dresden St.A. VI 277/06. 



XL 
Mord in Notlage. 

Mitgeteilt Ton 
Staatsanwalt Dr. Kersten in Dresden. 



Not und Lüge brachten im Mai 1899 den 26jährigen Steinsetz- 
and Fabrikarbeiter Paul L., der sich mittellos mehrere Monate zuvor 
v^eiratet hatte und seit einigen Wochen Vater eines Kindes war, 
in schlimme Verhältnisse. 

Er war, wohl ohne sein Verschulden, arbeitlos geworden. Seine 
in der Großstadt D. gelegene Wohnung hatte er auf Betreiben seiner 
Frau, die sich mit dem Wirte wegen der Wäsche überwerfen hatte, 
ffir den 1. Juni 1899 gekündigt Hierzu kam, daß er seiner Frau 
vorgeschwindelt hatte, er habe bereits für eine neue Wohnung gesorgt. 

Seine Lage wurde kritisch am 31. Mai 1899: denn am nächsten Tage 
mußte sich die Unwahrheit seiner Angabe herausstellen; es stand zu 
erwarten, daß er mit seiner Familie aus der bisherigen Wohnung auf 
die Straße geworfen werden und der armenbehördlichen Unterstützung 
anheimfallen würde. 

Diese Aussichten empfand L. aJs unerträglich, und so reifte in ihm 
im Laufe des Tages bei ruhiger Stimmung der Entschluß, sich das 
Lä)en zu nehmen, zuvor jedoch Frau und Kind umzubringen, damit 
sie nicht ohne Versorger und in Not zurückblieben. Als Zeitpunkt 
für die Ausführung des Vorhabens ersah er die bevorstehende 
Nacht aus. 

Mit der festen Absicht, Weib und Kind zu töten, legte er sich 
am Abend nieder. Angeblich hat er noch mehrere Stunden ruhig 
geschlafen und um Mittemacht seiner Frau beim Wärmen eines Ge- 
tränkes ffir das Kind geholfen. 

In der zweiten Morgenstunde schritt er zur Tat Mit den Händen 
erw&rgte er seine Frau und dann das Kind, dem er überdies mit 
einem Tiscbmesser einen Stich in den Hals versetzte. Nachdem er 
zur ünkenntlichmachung des Tatortes unter das Bett Spiritus gegossen 

10* 



148 XI. KEK8TEN 

und angezündet hatte, begab er sich nach Abschließung der Wohnung 
in den Keller. Dort versuchte er sich zu erhängen, wobei jedoch der 
Strick riß. Dann entwich er aus dem Hause. 

Durch den ausbrechenden Wohnungsbrand wurde die Untat bald 
entdeckt. L., auf den sich natürlich sofort der Verdacht lenkte, wurde 
einige Tage später in der Gegend von G. aufgegriffen, wohin er 
nach planlosem Umherirren gewandert war, um sich angeblich dort 
an der gleichen Stelle, wo sich wenige Wochen zuvor sein Bruder 
entleibt hatte, den Tod zu geben. 

Er war ohne Weiteres geständig. Die Zurechnungsfähigkeit des 
außerehelich geborenen, wenig gut beanlagten L. wurde in sorgfältig- 
ster Weise geprüft und während eines längeren Aufenthaltes in einer 
Irrenanstalt festgestellt. 

Zum Tode verurteilt, wurde er zu lebenslänglicher Zuchthaus- 
strafe begnadigt Er starb in der Strafanstalt Anfang 1904 an 
Herzlähmung. 

Kurz nach seiner Aburteilung schrieb er an seine Angehörigen 
folgenden Brief: 

„Liebe Mutter und Geschwister! Ihr werdet gewiß gelesen haben, 
daß mich das schwerste Urteil getroffen hat. Ich will es ruhig er- 
tragen, da ich es ja nicht anders verdient habe. Ich wünsche und 
hoffe, daß ich vor dem himmlischen Richter bestehen werde und 
bald bei meiner lieben (Frau) Marie und (Tochter) Elsa sein werde, 
so Gott will. Liebe Mutter und Geschwister. Es ist ja nichts Leichtes 
für mich, so jung und so unglücklich geworden, und muß bloß weinen, 
wenn ich dran denke; aber die Reue kommt immer zu spät Liebe 
Mutter. Ich habe Euch schon in den letzten Briefen gebeten, mir 
meinen letzten Wunsch zu erfüllen und das Grab für meine 
liebe selige Marie und Elsa mit zu versorgen, was Ihr mir 
auch versprochen habt, und ich hoffe, daß Ihr Euer Versprechen 
halten werdet und freue mich darüber; denn sonst habe ich ja weiter 
nichts mehr auf der Welt, liebe Mutter. Ich will Euch noch zu wissen 
tun, daß mir das Sparkassenbuch von meiner lieben Marie ausgehän- 
digt worden ist und Ihr dasselbe bei mir holen sollt und dafür meinen 
Wunsch erfüllen. . . . Verzeiht der schlechten Schrift. Es grüßt Euer 
Sohn, Bruder und Schwager Paul. Behüt Euch Gott." 

Aus L's. selbstverfaßtem Lebenslaufe sei folgendes mitgeteilt: 

„ • . Meine Mutter war Waschfrau und meinen Vater habe ich 
überhaupt nicht kennen gelernt Als wir noch klein waren, hat uns 
die Großmutter erzogen. Später, als diese starb, waren wir uns meis- 
tens selbst überlassen, denn die Mutter war meistens auf Arbeit und 



Mord in Notlage. 149 

kQmmerte sich nicht viel um uns, da sie ein Liebesverhältnis mit 
einem Verheirateten hatte, was bis jetzt noch ist und auch nicht ohne 
Erfolg geblieben ist. Mit meinem 6. Lebensjahre besuchte ich die 
Schule, wo ich aber nicht viel gelernt habe, denn die elterliche An- 
baltung fehlte. . . . Die letzten Jahre habe ich im Sommer beim 
Steinsetzermeister J. und im Winter in der Färberei von N. gearbeitet 
and bin stets nüchtern und zuverlässig gewesen. Voriges Jahr im 
Winter 1898 lernte ich meine liebe Frau kennen, welche auch mit 
in der Fabrik arbeitete und da ich mich mit meiner Mutter ihrem 
Schatz nicht vertragen konnte und wir uns auch sogar einmal schlugen. 
Am 11. Januar 1899 heiratete ich meine Frau und am 27. März 1899 
schenkte uns der liebe Gott eine kleine Tochter und wir freuten uns 
beide darüber, daß sie so gesund und munter war. Wir lebten auch 
ganz glücklich zusammen, da ich im Winter schönes Geld verdiente. 
Ende Februar wurde in der Fabrik Feierabend und da ging ich 
wieder zum Steinsetzmeister J. in Arbeit. Da aber die Witterung 
schlecht wurde und wir wenig verdienten, hörte ich auf und wollte 
mir andere Arbeit suchen, was aber vergebens war. Da nun auch 
die Kindtaufe dazu kam und auch die Miete vor der Tür war und 
ich auch eine andere Wohnung haben mußte . • . , wußte ich mir 
keinen anderen Rat als mich und die Meinigen von der Welt zu 
bringen und machte die entsetzliche Tat. ..." 

Akten des Kgl. Landgerichts Dresden A. 2/1900. 



^ 



XII. 

Die Bedeutung der Ohrmuschel für die Feststellung 
der Identität 

Von 

MUDr. B. Imhofer» Ohrenarzt in Prag. 

(Mit 7 Abbildungen.) 

Lange bevor es eine Ohrenheilkunde als Wissenschaft gab, haben 
sich die alten Anatomen und auch die Anthropologen mit der Beschrei- 
bung der Ohrmuschel und ihrer Bedeutung für die Physiognomie 
beschäftigt. 

Schon Lavater (1741— 1801) macht in seinen „Physiognomischen 
Fragmenten*' (1775—78) auf die Stellung des Ohres in der Gestaltung 
der Physiognomie aufmerksam, und in neuerer Zeit (1854) sagt 
Am6d6 Joux ^) ^Montre moi ton oreille, je te dirai qui tu es, d'ou tu 
viens et ou tu vas.'' Derselbe Autor behauptet femer, daß keines der 
Organe im menschlichen Körper die Ähnlichkeit des Vaters auf die 
Kinder so verpflanze wie die Ohrmuschel und meint, man könne da- 
her aus der Form des Ohres häufig ein Urteil fällen über die Echt- 
heit der Abstammung von Kindern,-respektive die eheliche Treue der 
Mutter. Auch Boulland ^), auf dessen Arbeit ich noch zurückkommen 
werde, schließt seine Ausführungen mit den Worten: „Fügen wir noch 
hinzu, daß das Ohr das Organ ist, durch welches sich die Ähnlichkeit 
am besten von Eltern auf Nachkommenschaft überträgt, und daß man 
durch seine Beschreibung die Kindesunterschiebung erkennen kann." 

Die Erkenntnis der Bedeutung des Ohres für die Identitätsfest- 
stellung drängte sich mir auf, aJs ich eine größere Anzahl von Ver- 
brechern zu dem Zwecke untersuchte, um über die noch immer aktuelle 
Frage des Verbrecherohres einige Anhaltspunkte zu gewinnen; ich 
will hier nicht näher auf diesen Gegenstand eingehen, da die betreffen- 
den Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, sondern nur 
bemerken, daß ich bis jetzt 120 lebende Verbrecher untersucht und 
gegen 2500 Photographien des Verbrecheralbums unserer Krimmal- 
polizei durchmustert habe, wobei mir gleich im Beginne der Beobach- 



Die Bedeatung der Ohnnuschel für die Feststeliiinji^ der Identität 151 

taugen auffiel, welch charakteristisches Gepräge die Ohrmuschel dem 
Bilde eines Menschen verleiht 

Die Identitätsfeststellung, bisweilen eine ganz leichte und einfache 
Prozedur^ kann in manchen Fällen die größten Schwierigkeiten bereiten, 
Dod hier ist der Arzt vor allem berufen, den Kriminalbeamten mit 
mnea anatomischen Kenntnissen zu unterstützen und sich an den be- 
treffenden Untersuchungen zu beteiligen. 

Die Feststellung der Identität kann nötig werden 

1. an der Leiche, 

2. am Lebenden und zwar 

a) Feststellung der Identität einer gesuchten Person, 

b) Feststellung der Familienzugehörigkeit einer bestimmten 
Person. 

Diese letztere Frage, deren Bedeutung meines Erachtens noch zu 
wenig gewürdigt worden ist, kann im zivilrechüichen Verfahren zur 
Erörterung gelangen, z. B. bei Erbansprüchen, Kindesunterschiebungen 
(ieh möchte hier nur an den bekannten Kwielecka-Prozeß erinnern), 
endlich bei Ehescheidungen. 

Zum Zwecke der Identifizierung hat die Anatomie dem Krimi- 
nalisten eine Menge von Kennzeichen zur Verfügung gestellt; wir 
können über einen Mangel an Identitätsmerkmalen sicher nicht klagen 
aber wir haben auch keinen Überfluß an solchen, denn fast in jedem 
Falle wird eine Anzahl derselben versagen, so daß schon aus diesem 
Gnmde die Suche nach neuen Kennzeichen, die eine Identitätsfest- 
stdlnng ermöglichen, nicht zwecklos erscheint. 

An der Leiche müssen wir mit den bei langwierigen Krankheiten 
sehr häufigen Ödemen (Wassersucht) rechnen, die sich bisweilen auch 
im Gesiebte zeigen und die sonst charakteristischen Kennzeichen des- 
selben hochgradig yerändem können. Das Auge, ein bewährtes Identi- 
fizierongsmerkmal, verändert sich schon kurze Zeit nach dem Tode; 
die Hornhaut wird trübe, das Kammerwasser verdunstet, so daß die 
Hornhaut einsinkt und sich faltet, durch Fäulnis wird die Regen- 
bogenhaut blutig imbibiert und ihr Farbstoff verändert (Kratter^). Die 
Haare gehen durch Fäulnis sehr bald verloren (insbesondere ist dies bei 
Wasserleichen der Fall); Leichen die an abgelegenen Orten liegen 
bleiben, können durch Tiere angenagt und auf diese Weise wichtiger 
Kennzeichen beraubt werden. 

Am Lebenden sind es wieder absichtliche und zufällige Verände- 
rungen der. Gesichtszüge und anderer Identitätsmerkmale, mit denen 
wir zu rechnen haben. Verzerren des Gesichtes bei der Aufnahme der 
Photographien zu kriminalistischen Zwecken, Abnahme und Wachsen- 



152 XII. IMhofer 

lassen des Bartes oder des Haares; Zunaiime des Fettpolsters im Ge- 
sichte oder Abmagerung; wir dürfen hier auch die jetzt vielfach ge- 
übten Paraffininjektionen und die dadurch bedingte Änderung der 
Nasenform nicht vergessen, mit denen Gericbtsärzte und Kriminalisten 
über kurz oder lang zu rechnen haben werden. Auch Tätowierungen 
können durch eigentümliche Behandlungsmethoden beseitigt werden 
(Casper-Liman^), Groß^). 

Von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet, bietet die menschliebe 
Ohrmuschel für die Feststellung der Identität besondere Vorteile und 
muß ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, daß ich bei 
Durchsicht älterer und neuerer Lehrbücher der gerichtlichen Medizin, 
so der von Casper, Schtirmeyer, Schauenstein, Hoffmann, Maschka, 
Straßmann, Dittrich etc. etc. dies gar nicht berücksichtigt fand. Auch 
Kratter (L c) hat in seiner Abhandlung über Identifizierung wohl die 
Haare, Augen und Zähne einer Erwähnung gewürdigt, sagt aber von 
der Ohrmuschel kein Wort, Nur einige französische Arbeiten (Bou- 
land ^), Frigerio % Julia'')) befassen sich mit diesem Thema, wenn auch 
nur der Erstgenannte in einer kurzen Exposition näher auf die Frage 
der Identifizierung selbst eingeht, die anderen aber mehr die kriminal- 
anthropologische Seite behandeln und sich mit der Erörterung des 
Verbrecherohres beschäftigen. Dagegen hat Bertillon ^) die große Be- 
deutung der Ohrmuschel für die Identifizierung richtig erkannt und 
äußert sich folgendermaßen darüber: „Es ist wirklich fast unmöglich, 
zwei Ohren zu treffen, die in allen ihren einzelnen Teilen einander 
gleich wären, und manche Gestaltungen erhalten sich ohne wamehm- 
bare Veränderung durch das ganze Leben." Durch eine große An- 
zahl vortrefflicher Abbildungen illustriert der Begründer der Anthro- 
pometrie die einzelnen Formabweichungen. Eonform mit Bertillon 
verlangt auch Groß ^) deutliche Sichtbarkeit des Ohres auf Photographien. 

Wenn wir die oben angeführten Gesichtspunkte im Auge behalten, 
so ergeben sich folgende Vorteile der Ohrmuschel für die Identitäts- 
bestimmung. Die Ohrmuschel besteht aus Knorpel, über welchem die 
Haut, wenigstens an der vorderen Fläche der Muschel, die für unsere 
Zwecke allein in Betracht kommt, straff gespannt ist, das Unterhaut- 
zellgewebe ist sehr spärlich, so daß nur an der hinteren Fläche die 
Haut in kleinen Falten abhebbar ist. Wir haben also keinerlei Ge- 
staltveränderung derselben durch Ödem, Durchtränkung mit Fäulnis- 
produkten oder Quellung im Wasser zu befürchten ; außerdem schwin- 
det der Knorpel bei Leichen viel später als die Weichteile. Während 
die letzteren nach 2 — 3 Jahren Liegens in der Erde vollständig ver- 
schwinden, wird der Knorpel erst nach 5 Jahren zerstört (Straßmann '^), 



Die Bedeutung der Ohrmuschel f&r die Feststellung der Identität. 153 

es wird also ganz gut möglich sein, charakteristische Reliefs der Ohr- 
mDsehd, soweit sie auf knorpeliger Grundlage beruhen (z. B. Gabelung 
der Antbelix [Gegenleiste] in drei Arme, stark ausgeprägte Darwinsche 
Spitze eta etc.)i nach dieser Zeit warzunehmen; das Ohrläppchen 
allefdings, ein für unsere Zwecke sehr wichtiger Teil der Ohrmuschel, 
besteht nur aus Weichteilen und fällt mit diesen zusammen der Zer- 
störung anheim. Am Lebenden wieder ist vor allem hervorzuheben, 
daß die Ohrmuschel einer willkürlichen Veränderung durch Muskel- 
aktioD nicht fähig ist; wenn auch einer der ältesten Beschreiber der* 
seibcD, Santorini^O angibt, daß die von ihm genau beschriebenen 
Muskeln der Ohrmuschel kleinste durch unsere groben Sinne nicht 
wamehmbare Bewegungen machen, so ist dies bisher weder nachge- 
prüft worden noch auch praktisch von Belang. Wir können die Ohr- 
muschel daher als ruhenden Pol in dem stetigen Wechsel der Gesichts- 
züge ansehen. 

Es sind auch keinerlei Versuche bekannt, die Ohrmuschel künst- 
lich zu verändem, während bezüglich der Nase Kratter von solchen 
Verstümmlungen behufs Vereitlung der Agnoszierung berichtet. Ein 
zweiter großer Vorteil, den die Ohrmuschel für die Identifikation bietet, 
ist ihre Auffälligkeit ; besondere Bildungen derselben lassen sich vom 
Geübten mit einem Blicke wamehmen und wiedererkennen, so daß 
es für einen hierin halbwegs versierten Kriminalbeamten ganz leicht 
möglich wäre, eine gesuchte Person an öffentlichen Orten, wo eine 
Messung sich nicht durchführen läßt, durch einen Blick auf die Ohr- 
moBchel und Vergleiche mit einer guten Profilphotographie, wie sie 
die neueren vervollkommneten Methoden der photographischen Repro- 
duktionen (Platinotypie etc.) bieten, zu erkennen. Bertillon (1. c.) gibt 
zwar an, daß die genaue Beschreibung der Ohrmuschel, wie er sie 
schildert, mindestens 5 Minuten in Anspruch nehmen müsse, läßt aber 
selbst schon bedeutende Reduktionen zu; meines Erachtens ist es ganz 
gnt möglich, sich mit einem Blicke über die Gestaltung eines Ohres 
Klarheit zu verschaffen, wenn man sich nur die hier in Betracht 
kommenden Grundformen eingeprägt hat. 

Bertillon und Boulland geben weiter an, daß sich die Gestalt der 
Ohrmuschel durch das ganze Leben unverändert erhalte; letzterer hatte 
Gel^enheit, eine Reihe von Erwachsenen zu untersuchen, von denen 
ihm Photographien aus der Kinderzeit zur Verfügung standen, und 
bind völlige Übereinstimmung der Ohrformen. Wenn ich. auch im 
allgemeinen dem beistimme, so möchte ich doch auf einige hier in 
Betracht kommende Veränderungen aufmerksam machen. Eine Ver- 
änderung der Gestalt der Ohrmuschel, besonders des Ohrläppchens, 



154 Xn. Imhofeb 

kann vor allem durch längores Tragen von Ohrgehängen herbeigeführt 
werden.*) WiUirend beim jugendlichen Individuum das Ohrgehänge 
(ich spreche hier von wirklich herabhängenden Ohrgehängen und nicht 
den einfach durchgesteckten Boutons) außer der Narbe des Sticb- 
kanals nur eine ganz seichte Depression bewirkt, die sich nach Ab- 
nahme derselben in kurzer Zeit völlig ausgleicht, macht sich nach 
jahrelangem Tragen von Ohrringen eine tiefe Furche bemerkbar, zu 
deren beiden Seiten die Haut wallartig erhoben ist; das ganze Läpp- 
chen ist stark in die Länge gezogen (Rüdinger^^) gibt an, daß sieb 
bei wilden Volksstämmen bis auf die Schulter reichende Läppchen 
finden), und auch das Ohr erscheint etwas verlängert und dementsprechend 
verschmälert. Man kann aus dieser Ohrform ganz gut den Schloß 
ziehen, daß Ohrgehänge durch lange Zeit getragen wurden, wena 
auch der Zeitraum sich nur in ganz groben Umrissen feststellen läßt. 

Auch die Atrophie (Schrumpfung) der Haut im Alter verschont 
die Ormuschel nicht. Das Ohr des Greises zeigt eine Runzelung, die 
sich besonders an der Helix (Leiste) und am Läppchen deutlich aus- 
prägt, und sehr oft charakteristische Furchenbildung desselben ver- 
wischt; der Knorpel tritt viel deutlicher hervor, er zeigt eine eigen- 
tümliche gelbe Farbe, und auch die Länge der Ohrmuschel soll nacb 
Schwalbe 1^) scheinbar etwas zunehmen. 

Endlich können auch Verletzungen die Gestalt der Ohrmuschel 
verändern, wenn man auch sagen muß, daß selbst das Fehlen großer 
Stücke derselben eine Identifizierung noch immer gestatten kann, wenn 
gerade charakteristische Teile erhalten geblieben sind. Z. B. kann 
ein Colobom (Einschnitt) im Läppchen (s. u.) noch ganz gut zur Fest- 
stellung der Identität dienen, wenn auch die obere Huschelhälfte 
abgehauen wurde. 

Methode zur Betrachtung des Ohres behuft Identifizierung. 

Ich kann hier unmöglich die ganze Detailanatomie der Ohrmuschel 
besprechen, sondern muß in dieser Beziehung auf die Werke von 
Bertillon (1. c.) und 0. Klatt*^) verweisen; die zum Verständnisse des 
Folgenden wichtigsten Benennungen bringt auch die nebenstehende 
Textabbildung. 

Die genauere anatomische Kenntnis eines Körperteiles verschaffen 
wir iins 1 . durch genaue Beschreibung seiner Formen, 2. durch Mes- 



*) Leider ist es mir aus Süßeren Gründen nicht möglich, die zahlreichen 
photographischen Aufnahmen, die ich als Belege für meine Ausführungen ge- 
sammelt habe, hier zu reproduzieren. 



Die BedeotoDg der Ofarmaschel für die Feststellung der Identität. 155 

sangj 3. durch das Stadium seiiier Entwicklungsgeschichte und ver- 
gjeicbenden Morphologie. 

Hier will ich mich nur mit den ersten zwei Punkten beschäftigen, 
bezfiglich des dritten auf meine Ausführungen an anderer Stelle 
voireisen **). 

Was die Messung des Ohres anbelangt, so ist dieselbe für die 
Anatomie und Anthropologie von größter Wichtigkeit, weniger aber 
für das Kriminalverfahren, und zwar deshalb, weil bei den doch im 
ganzen nachgiebigen Bestandteilen der Ohrmuschel eine vollkommen 
exakte Messung sehr schwer durchzuführen ist, wovon ich mich 
mehrfach fiberzeugen konnte; insbesondere ist das der Fall, wenn 
dieselbe von nicht vollkommen anatomisch versierten Personen vor- 
genommen wird. 

Schwalbe i«) gibt 1 6 Maße für jedes Ohr an, er hebt aber her- 
vor, daß dieselben für praktische Zwecke auf 4 der wichtigsten redu- 
ziert werden können. Bertillon beschränkt sich darauf, Länge und 
Breite der Ohrmuschel zu messen, und bei unserer Kriminalpolizei 
ist anch das letztere der beiden Maße als nicht genügend verläßlich 
w^elassen worden, so daß nur die Länge d. h. der Abstand vom 
Scheitel des Ohres bis zum tiefsten Punkte des Läppchens gemessen wird. 

Umsomehr Gewicht legt Bertillon auf die Beschreibung der Ohr- 
maschel und ihrer besonderen Kennzeichen. Hier tritt uns aber die 
große Schwierigkeit entgegen, eine Normalform der Ohrmuschel auf- 
znsteUen. Eb weichen die einzelnen als normal in den verschiedenen 
Lehrbüchern und Monographien dargestellten Ohren recht erheblich 
von einander ab. 

Die hiir dargestellte Ohrmuschel (s. Textabbildung n. S.) schien mir 
als die einzige unter allen den von mir untersuchten in ihren einzel- 
nen Teilen die Form zu repräsentieren, die der Mehrzahl der Ohr- 
moscheln zukommt, wenn auch die leichte Einkerbung des Tragus 
'Ecke) schon eine allerdings fast einem Drittel aller Ohren zukommende 
Vari^t bedeutet Sie zeigt auch eine Übereinstimmung mit den von 
den antiken Meistern dargestellten Ohrformen, wenn auch bei diesen, 
wie ich mich im hiesigen archäologischen Institute überzeugen konnte, 
Ohrmascheln mit ausgesprochenen Varietäten (Zwickelohr, gefurchtes 
^ppchen, stark überragende Anthelix etc. etc.) gar nicht selten vor- 
kommen. Wenden wir uns nun zu den für die Identitätsfeststellung 
wichtigsten Abnormitäten, so gibt es vor allem eine kleine Anzahl 
solcher, die so selten und so charakteristisch sind, daß ihr Vorhanden- 
sän ao einem Ohr schon als vollkommen genügend zur Identi- 
fizierung bezeichnet werden muß. 



156 



Xir. Imhofer 



Als solche möchte ich anführen : 

Vor allem: Das angeborene Colobom des Läppchens eine mehr 
oder minder tiefe Einkerbung der Umrandung desselben, die nebenbei 
bemerkt zu einer lebhaften Kontroverse unter den Anatomen und 
Anthropologen Veranlassung gegeben hat; ich habe unter den von 
mir beobachteten Ohrmuscheln (es sind, wenn man die außerhalb 
meines Beobachtungsmaterials bei der Kriminalpolizei mit hinzurechnet, 

gegen 4000) diese Eigentüm- 
I lichkeit nur zweimal zu Gesicht 
bekommen. Zweitens: Eine Form 
des Darwinschen Knotens, die 
Bertillon als Erbsenform bezeich- 
net Der Darwinsche Knoten 
sitzt etwas höher als gewöhn- 
lich als geschwulstartiges Ge- 
bilde der Helix (Leiste) auf. 
Dieses Verhalten habe ich erst 
einmal (am Lebenden) zu sehen 
Gelegenheit gehabt, während 
Herr OberkommissäxProtiwens- 
ki unter einer enormen Anzahl 
von ihm in kriminalanthropolo- 
gischer Hinsicht untersuchter 
Individuen keinen Fall gesehen 
haben will. 

Nicht so selten als auffällig 
ist die als Makakus-Ohr bezeich- 
nete Form (winkelige Abknick- 
ung der Helixlinie an Stelle der 
Darwinschen Spitze und feh- 
lende Einrollung von da ab), 
eine Form die Gradenigo »') 
bei Schwachsinnigen besonders 
häufig gefunden hat, was aber 




Annähernd normale Ohrmuschel. 

a Helix-Leisto 
ai. Helix- Wurzel 

b. Anthelix-Gegenleiste 
bi. unterer f 
b2. oberer \ 

c. Tragua-Ecke 

d. Darwinscher Hocker 

e. Kahnfurche 

f. LSppchen 



Arm der Anthelix 



g. Boden der Muschelcavitas conchae. 
meinen Erfahrungen nicht entspricht Auch eine Gabelung der 
Gegenleiste in drei Arme statt wie es der Norm entspricht in zwei, 
wobei der dritte Arm stark ausgeprägt ist und gewöhnlich gegen die 
Darwinsche Spitze hinzieht, ist eine charakteristische Abnormität Die 
beiden letztgenannten Formabweichungen fanden sich doch bereits 
bei 1 ^/o der Ohrmuscheln, verleihen aber dem Ohre ein sehr charakte- 
ristisches, auch auf Distanz leicht erkennbares Gepräge. Der Wert 



Die Bedeutung der Ohrmuschel für die Feststellung der Identität. 157 



einer Ohrmuschel, die eine derartige Abnormität aufweist, für die Iden- 
tifikation ist natürlich ein sehr großer; da uns aber solche Ohrmuscheln 
eben nur selten zur Verfügung stehen, so müssen wir zu anderen, 
bänfigeren, wenn auch weniger charakteristischen Kennzeichen unsere 
Zuflucht nehmen. Ich hielt es nun für angezeigt, Untersuchungen da- 
rüber anzustellen, durch wieviele auch häufig vorkommende Kenn- 
zeichen (man kann hier nicht von Abnormitäten, höchstens von Varie- 
täten sprechen) eine Ohrmuschel hinreichend genau bestimmt werden kann. 
Ich suchte zu diesem Behufe aus dem Verbrecheralbum eine 
ObrniuBchel aus, die folgende drei Merkmale zeigte: 

1. ein Zwickelohr (angewachsenes Läppchen mit schräg gegen 
die Wange zulaufendem unteren Rande), 

2. einen gabelförmig geteilten Tragus, 

3. eine Einkerbung am Innenrande der Helix über der Dar- 
winschen Spitze; 

und verglich dieselbe nun mit 500 anderen Ohrphotographien. 
Die Resultate veranschaulicht folgende Tabelle. 

Gemeinsam hatten unter den beobachteten Ohrphotographien 



ein 


Konnzeichen 


zwei Kennzeichen 


' drei Kennzeichen 




kmiger Tragus 


bung über der 
Inschen Spitze 


.elohr und ge- 
elter Tragus 


elohr und Ein- 
kerbung 


rbung und ge- 
elter Tragus 

• 


ohr, Einkerbung 
und 


belter Tragus 


N 


1 


1 S k 
1 -Sl 


n 


f 

^ 




ekel 


1 




s. 


t 


N 


N 


u 







23 I 107 I 44 I 10 i 5 | 14 ; 2*) 

Bei drei Kennzeichen konnte also innerhalb 500 Ohr- 
muscheln noch eine gefunden werden, welche eine Kom- 
bination dieser drei Zeichen aufwies. 

Ich suchte nun eine zweite Ohrmuschel aus, welche vier ziemlich 
denüich auch in der Photographie wahrnehmbare Merkmale zeigte, 
und zwar: 

1. eine sehr stark entwickelte Darwinsche Spitze (die übrigens 
bei Verbrechern relativ selten ist), 

2. eine von der Helixwurzel nach aufwärts gegen den unteren 
Arm der Gegenleiste ziehende Knorpelleiste, 

*) Eingerechnet das gewählte Modell. 



158 



XII. Imhofer 



3. Durohgehen der sogenannten Eahnfnrohe, die Leiste nnd 
Gegenleiste scheidet, bis znm Ansätze des Läppchens (lobe 
traversö Bertillons), 

4. den oben beschriebenen gegabelten Tragus. 

Beim Vei^leiche mit 500 weiteren Photographien ergab sich : 



Ein 
emeinsames 
CeDozeichen 



Zwei gemeinsame 
Kennzeichen 



Drei gemeinsame 
Kennzeichen *) 



vier 
gemeinsame 
Kennzeichen 



I 



9 
Ü2 





1 

g 

I 

o 
> 



9 

B t 

l'$ 

O J3 

«2 I 

fl ^ 
o a 

^ ä 

, SS 

Q 



^4 

I 



B 






S 



S 



a ['S 
CS 



3 



I 



.2 



es 









o 2 

o 

1 



29 23 44 74] 7 I12I2I I 7 ! 7 i23| 1 



§ 

P« 

3 5 



bO 



o 



P« 
P4 






".1 



1- 



o 

^ TS 

o § 
.S a 

O P, 

13 



4 — 



1**) 



Man kann also sagen: Durch vier deutlich sichtbare Merkmale 
ist eine Ohrmuschel für praktische Zwecke genügend bestimmt 
Bouilland wählt acht Gesichtspunkte, die er mit Buchstaben bezeichnet, 
und hält durch diese die Identität für genügend festgestellt 

Blau ^% der allerdings ganz andere Zwecke im Auge hat, wie die 
eingangs dargelegten, beschränkt seine Betrachtungen auf Darwinsche 
Spitze, Satyr (Seh eitel) spitze, Helix und überragende eventuell noch 
dreiarmige Anthelix. 

Ein einziges Kennzeichen ist, wenn es nicht zu den oben ange- 
führten Raritäten gehört, fast ganz wertlos, zwei Kennzeichen lassen 
noch Verwechslungen mit bis zu 23 Personen, drei Kennzeichen mit 



*) Außer dem gewählten Modell. 
*♦) Das gewählte Modell. 



Die BedeutoDg der Ohrmuschel für die Feststellcuig der Identität. 159 

bis zu 4 Personen nnter 500 zu (es neigtet sich dies nach der Häu- 
figkeit der betreffenden Signa). 

Es wäre selbstverständlich besser, noch mehr Einzelheiten in dem 
Bilde der Ohrmuschel hervorzuheben, aber man muß bedenken, daß, 
wie schon einmal erwähnt, die mit dem Identifikationsverfahren be- 
trauten Personen oft keine anatomischen und anthropologischen Vor- 
kenntnisse haben, und daher eine überflüssige Belastung ihres Ge- 
dächtnisses in dieser Richtung auch den angestrebten Erfolg vereiteln 
konnte. 

Ich würde also empfehlen, daß bei Betrachtung jedes Ohres 
seitens der Kriminalbeamten systematisch in der Weise vorgegangen 
werde, daß 1. die Helix (Leiste), 

2. die Anthelix (Gegenleiste), 

3. der Tragus (Ecke), 

4. das Läppchen 

genau berücksichtigt und in ihrer Konfiguration resp. ihren Abwei- 
chnngen eingeprägt werden, und in dieser systematischen Weise soll 
aneh die Betrachtung des Ohres an einer Photographie vorgenommen 
werden. Am geeignetsten werden hierzu nicht die von Groß empfoh- 
lenen V^-Profilphotographien, sondern Photographien streng im Profil 
erscbdnen. Allerdings wird nur eine Minderzahl von Photographien, 
aach wenn man sich mit '/4-Profil begnügt, für das Studium des Ohres 
geeignet erscheinen*). Bei Durchsicht des Albums eines bekannten 
hiesigen Photographen schien mir ca. jede achte Photographie für 
unsere Zwecke brauchbar. Dagegen ist zu berücksichtigen, daß, wie 
jichon ausgeführt, Photographien verschiedener Altersstufen heran- 
gezogen werden können. Was die Größe des Bildes anbelangt, so ist 
es sdbstverständlich desto besser, je größer dasselbe ist, wobei aller- 
dings die Schärfe keine Einbuße erleiden darf, doch habe ich mich 
überzeugt, daß die Photographien der Verbrecheralbums, die in Ve der 
natürlichen Größe gehalten sind, für unsere Zwecke vollständig ge- 
nügen; noch kleinere Maßstäbe wären aber kaum mehr verwendbar. — 
Ganz analog ist bei der Leiche zu verfahren, nachdem man die 
Ohrmuschel ohne Anwendung großer Gewalt sorgfähig von anhaf- 
tendem Schmutz, Blut etc. etc. gereinigt hat. — 

Vererbbarkeit der Form des Ohres. 

Die Vererbbarkeit von Formanomalien der Ohrmuschel, und zwar 
nicht nur von angeborenen, sondern auch von durch Verletzungen er- 

*) Ich meine hier nicht die eigens zur Identifizierung angefertigten Photo- 
graphien der Kriminalpolizei, sondern andere zufällig vorhandene Photographien 




160 XII. Imhofer 

worbenen, war in den Kreisen der Anatomen lange Zeit Gegenstaitd 
lebhafter Erörterung, und wenn man auch sagen kann, daß trotz 
Ausführungen von E. Schmidt'®) die Vererbbarkeit erworbei 
Difformitäten nicht erwiesen ist, so ist doch die Übertragung 
ders hervorstechender Formanomalien der Ohrmuschel von Eltern 
Kinder nicht abzuleugnen. Die Mitteilungen von Omstein^^^), vc 
Laloy^O) der eine charakteristische Difformität des äußeren 
durch vier Generationen verfolgte, lassen über diese Möglichkeit keinen 1 
Zweifel zu, und auch 0. Israel ^2), der Schmidt entgegentritt, sagt znm 
Schlüsse seiner Publikation: „Was die Vererbungsfähigkeit derartiger 
angeborener) Abweichungen betrifft, so ist sie unzweifelhaft^ 

Ich habe in drei Fällen auffallende Ähnlichkeit der Ohrmuschel 
an der Deszendenz nachweisen können, einmal bei Mutter und Tochter, 
dann bei Mutter und Sohn, endlich bei einer sechsgliedrigen Ver- 
brecherfamilie, bestehend aus Vater*), vier Söhnen und einer Tochter, 
deren Ohren untereinander besonders paarweise solche ÄhnlicfakoiU 
aufwiesen, wie man sie sonst kaum bei zwei Ohren verscbiedeneffi 
Menschen vorfindet (vgl. Fig.l — 6 s. S. 145 und Erklärung zu denselben). 
Zweimal habe ich große Ähnlichkeit der Ohren bei Brüderpaaren ge- 
sehen, und einmal wurde mir von einem Häftling, der eine Gabelung 
der Anthelix in drei Arme zeigte, spontan angegeben, daß seine 
gesamten Geschwister und auch die Kinder des einen Bruders diese 
Abnormität zeigen sollten. 

Auch die Zwillingsbrüder, die Bertillon abbildet, zeichnen sich 
durch ganz frappant ähnliche Ohren aus. 

Dagegen habe ich aber in mindestens ebenso vielen Fällen bei 
Angehörigen einer Familie ganz verschiedene Ohrmuscheln gefanden, 
die höchstens ein Kennzeichen, oft nicht einmal dies gemeinsam hatten. 

Immerhin bleibt die Ohrmuschel ein wichtiger Behelf zur Fest- 
stellung der Familienangehörigkeit in der Weise, daß eine Verschieden- 
heit der Form des Ohres nicht gegen die Zugehörigkeit zu einer 
Familie spricht, daß jedoch eine mehrere Teile der Muschel betreffiMNle 
weitgehende Ähnlichkeit ein sehr wichtiges Kriterium für die Zuge- 
hörigkeit zu einer bestimmten Familie bildet. 

Auch würde eine Ähnlichkeit des Ohres zwischen Vater und Kind 
in vielen Fällen, wo die Ehelichkeit der Geburt angezweifelt wird, 
in positivem Sinne zu verwerten sein. 

des zu Identifizierenden^ falls selber noch nichts mit der Kriminalpolizei zu tan 
gehabt hat. 

♦) Einer Photographie der bereits verstorbenen Mutter, die mit der Kriminal- 
polizei nichts zu tun gehabt hatte, konnte ich leider nicht habhaft werden. 



Die Bedeutung der Ohrmuschel für die Feststellung der Identität. 161 




^rebW rar KrifflinaUnthropologie. XXVI. 



11 



162 XII. Lmhofer 

Am Schlüsse meiner Ausführungen angelangt, sei es mir ge- 
stattet, Herrn k. k. Beg.-Rat Olic, Vorstand des Kriminal- Departe- 
ments der Prager Polizei, für die bereitwilligst erteilte Erlaubnis zur 
Vornahme meiner Untersuchungen, sowie Herrn k. k. Polizeikommissar 
Franz Protiwenski für seine überaus freundliche Förderung und Unter- 
stützung meiner Arbeit meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 

Literatur : 

1) Am^d6 Joux. Gazette des höpitaux de Paris 1854. 

2) Dr. Boulland (Limoges). Des plis du pavillon de Toreille au point de 
vue de Pldentit^. Gazette medicale de Paris. 1890, 13. September. 

3) J. K ratter. „Identitatsbestimmang'' in Drasches Bibliothek der ge- 
samten Medizinischen Wissenschaften. Bd. Hygiene und gerichtliche^ Medizin. 

4) Casper-Liman. Lehrbuch der gerichtlichen Medizin. Bd. II. 

5) H. Groß. Gesammelte kriminalistische Aufsätze IV, 26. «Beseitigen 
von Tätowierungen'^. 

6) Frigerio, L. L'oreille externe. Archives d'anthropologie criminelle. 
T. 3. 1S88. 

7) Julia, J. L'oreille externe au point de vue anthropologique et mMico- 
Ifigal. Biblioth. d'anthropolo^e criminelle 1889. 

8) Bertillon. Anthropometrie. Deutsch von Dr. v. Sury. 

9) H. Groß. Handbuch für Untersuchungsrichter. 1899, S. 221 flf. 

10) Straßmann. I^hrbuch der gerichtlichen Medizin. 1895, S. 574. 

11) San torin i Dominici Jo. Observationes Anatomicae. Venet. 1724. 
Kap. II. 

12) Rüdinge r. Über die willkürlichen Verunstaltungen des menschlichen 
Korpers. 1874, Berlin. 

13) Schwalbe. Das äußere Ohr. Bardelebens Handbuch der Anatomie. 
1897, 5. Bd. 

14) 0. Klatt. Die Korpermessung der Verbrecher nach Bertillon. Berlin 1902. 

15) lmhofer R. Die Ohrmuschel bei Schwachsinnigen. Zeitschrift für Heil- 
kunde. 1906. 

16) Schwalbe. Beiträge zur Anthropologie des Ohres. Internationale Bei- 
träge zur wissenschaftlichen Medizin. Festschrift für R. Virchow. 1891, I. Bd. 

17) G. Gradenigo. Zur Morphologie der Ohnnuschel bei gesunden und 
geisteskranken Menschen und bei Delinquenten. Archiv für Ohrenheilkunde. 
Bd. XXX. 

18) Blau, A. (Görlitz). Über die Form der Ohrmuschel bei Geisteskranken 
und Verbrechern. Verhandlungen der deutschen Otologischen Gesellschaft 1906. 

19) E. Schmidt Über Vererbung individuell erworbener Eigenschaften. 
Anthropolog. Korrespondenzblatt. 1888. 

20) B. Ornstein. Ein Beitrag zur Vererbungsfrage individuell erworbenei* 
Eigenschaften. Korrespondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologe. 
1889, Nr. 7. 

21) Laloy. Malformation h^r^ditaire du Pavillon de Toreille. L'anthro- 
pologie. 1890, S. 580. 

22) 0. Israel. Angeborene Spalten des Ohrläppchens. Ein Beitrag zur Ver- 
erbungslehre. Virchows Archiv für pathologische Anatomie. Bd. 119, S. 241. 



Die Bedeutung der Ohrmuschel für die Feststellung der Identität 163 

ErklSmng der Abbildungen auf Seite 145. 

Ohrmuscheln der Verbrecherfamilie R 

1. R. P., 60 Jahre alt, Vater 

2. R P., 28 ^ „ ^ 

3. R, K., 35 „ „ I 

4. R.A., 32 „ „ ( S^^°^ 

5. R. F., 33 „ „ J 

6. B. A., 30 „ „ verheiratete Tochter. 

Die einander besonders ähnlichen Paare sind 1 and 2, sowie 3 and 4, 5 und 6 
liaben unter einander weniger Ähnlichkeit, dagegen mit den beiden übrigen 
Paaren mehrere Kennzeichen gemeinsam. 



U* 



XIIL 
Über die Täuschungen bei der Schätzung von Entfernungen. 

Von 
Dr. B. V. Stemeok, o. ö. Professor der Mathematik in Czemowitz. 



Das große Interesse, das die Juristen in neuerer Zeit allen Arten 
von Sinnes- und Urteilstäuschungen zuwenden, läßt es vielleicht nicht 
ganz ungerechtfertigt erscheinen, wenn ich mir erlaube, einer sehr 
freundlichen Einladung der Leitung dieses Archivs nachkommend, im 
folgenden über eine empirische Untersuchung, die ich vor kurzem 
über scheinbare Entfernungen angestellt habe, zu berichten J) 

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß uns die Gesichts* 
Wahrnehmungen durchaus kein vollkommen getreues Abbild des uns 
umgebenden Raumes liefern; wir können uns auch leicht darüber 
klar werden, daß die Entfernungen der sichtbaren Gegenstände von 
uns im allgemeinen unterschätzt werden; wir vermuten nämlich, 
wenn wir bloß unseren Gesichtswahrnehmungen vertrauen, die Körper 
der uns umgebenden Außenwelt in geringeren Entfernungen von uns 
selbst, als sie sich in Wahrheit befinden. Zugleich findet immer auch 
eine Unterschätzung der Größe des betreffenden Gegenstandes statt; 
denn die scheinbare Größe und die scheinbare Entfernung eines Ge- 
genstandes sind miteinander durch ein einfaches Gesetz, das soge- 
nannte ^Sehwinkelgesetz" verbunden, welches besagt, daß bei gleicher 
scheinbarer Entfernung derjenige Körper größer erscheint, dessen 
Sehwinkel größer ist, bei gleichem Sehwinkel und verschiedener 
scheinbarer Entfernung aber der entferntere Körper größer erscheint. 
Die Größe des Sehwinkels hat nun em ganz bestimmtes physiolo- 
gisches Korrelat in der Größe des Netzhautbildes. Es sei aber, so 



1) Die folgenden AusführuDgen sind z. T. entnommen : 1. einer Abhandlung 
des Verfassers in den Sitzungsberichten der Wiener Akad. d. W., Bd. 114 Abt 11 a. 
(1905), 2. einem Vortrage des Verfassers in der Philos. Ges. an der Universität 
zu Wien, Dezember 1905, 3. einem auf dem Naturforschertage in Stuttgart (1906) 
vom Verfasser gehaltenen Vortrage. — Vgl. auch Anm. p. 169. 



über die Täuschungen bei der Schätzung von Entfernungen. 165 

selbstverständlich die Bemerkung auch ist, doch ausdrücklich darauf 
hingewiesen, daß die Größe des Netzhautbildes allein weder für die 
scheinbare Größe noch für die scheinbare Entfernung eines Körpers 
entscheidend ist; die Größe des Netzhautbildes vermittelt uns bloß 
die Art der Abhängigkeit zwischen scheinbarer Größe und schein- 
barer Entfernung, nämlich den Winkel, unter dem wir den betreffen- 
den Gegenstand sehen. Mit Hilfe des Netzhautbildes können wir 
daher zwar aus der Kenntnis der Größe des Gegenstandes seine Ent- 
fernung oder BJtR der Kenntnis seiner Entfernung seine Größe beur- 
teilen, aber wir können weder über die Entfernung noch über die 
Große des Gegenstandes aus dem Netzhautbilde allein irgendwelche 
Anhaltspunkte gewinnen. 

Indem wir nun zunächst einige Erscheinungen namhaft machen, 
die auf d^ Unterschätzung der Distanzen beruhen, beginnen wir mit 
dem von Mach^) erwähnten scheinbaren Schwellen der Steine des 
Tnnneleinganges beim Einfahren des Eisenbahnzuges. Indem wir die 
Entfernung unterschätzten, unterschätzten wir (da der Gesichtswinkel 
gegeben ist) auch die absolute Größe der Steine des Tunneleinganges 
und sind in der Nähe durch ihre Größe überrascht Das sukzessive 
Schwellen derselben zeigt aher, daß die Unterschätzung in jeder 
Distanz einen anderen Betrag hatte und mit abnehmender 
Distanz selbst abnimmt, mit zunehmender Distanz aber 
zunimmt. 

Auf der Unterschätzung der linearen Ausdehnung entfernterer 
Partien (die wieder eine Folge der Unterschätzung der Distanz ist) 
beruht femer auch die bekannte Erscheinung, daß die rechteckigen 
Felder, an denen man im Eisenbahnzuge vorbeifährt, in den entfern- 
tere Partien schmäler erscheinen und daher, vom fahrenden Zuge 
ans gesehen, nicht bloß in einer progressiven, sondern gewissermaßen 
«Ben Stern bildend, auch in einer rotierenden Bewegung begriffen 
oseheinen. Diese scheinbare Drehung der Landschaft während der 
£isenbahnfahrt können wir auch in folgender Art beschreiben: Die 
ganz nahen Objekte (z. B. die Wächterhäuser) scheinen auf der Erd- 
oberfläche vollkommen in Ruhe zu bleiben, welche Aussage damit 
fibereinstimmt, daß diese nahen Objekte eine Belativbewegung be- 
xüglieh des fahrenden Zuges auszuführen scheinen, mit einer der 
Zngeschwindigkeit gleichen, aber entgegengesetzt gerichteten Geschwin- 
di^eit Im Gegensatze hierzu scheinen die weiter entfernten Objekte 
niebt in Ruhe zu bleiben, sondern gewissermaßen dem Reisenden eine 



1) Erkenntnis und Irrtum. Leipzig 1905, p. 881. 



166 Xm. Sternbck 

Zeitlang das Geleite geben zu wollen. Die Geschwindigkeit, mit der 
sie sich auf der Erdoberfläche zu bewegen scheinen, ist zwar geringer 
als die des Eisenbahnznges, sie wird aber immer größer, je entfernter 
das Objekt ist; ein femer Berg bewegt sich scheinbar mit einer die 
Zugsgeschwindigkeit fast erreichenden Geschwindigkeit in einer zur 
Fahrtrichtung parallelen Geraden und der noch weiter entfernte Mond 
scheint uns auf der Reise genau mit der Geschwindigkeit unserer 
Fahrt zu begleiten. Die eben beschriebene Erscheinung ist leicht zu 
erklären; sie hat ihren Grund darin, daß, indem wir die Entfernung 
eines Objektes, z. B. eines Berges unterschätzen, sich die Richtung 
nach jenem Objekte während der Fahrt scheinbar viel zu langsam 
verändert, als daß wir das Objekt ruhend vorstellen könnten. Wäre 
das Objekt in Wahrheit so nahe, wie wir es zu sehen glauben, so 
müßte sich die Richtung nach demselben während der Fahrt bedeutend 
schneller verändern, als es tatsächlich der Fall ist. Die Unterschätznng 
der Distanzen muß daher das teilweise Mitlaufen der gesehenen Ge- 
genstände zur Folge haben. Da die Entfernungen verhältnismäßig 
umsomehr unterschätzt werden, je größer sie sind (wie wir bereits an 
den Tunnelsteinen gesehen haben), so müssen die entfernteren Objekte 
schneller mitlaufen, da bei diesen die tatsächliche Änderung der Rich- 
tung, in der wir diese Gegenstände sehen, hinter der zu erwartenden 
besonders stark zurückbleibt. Es ist somit klar, daß derartige 
Täuschungen eigentlich nicht mehr in das Gebiet der 
Sinneswahrnehmungen, sondern bereits in dasjenige des 
Urteils fallen. 

Auch von festen Standorten können wir eine Reihe von Wahr- 
nehmungen machen, die uns die mit der Größe zunehmende Unter- 
schätzung der Entfernungen deutlich zum Bewußtsein bringt. Nament- 
lich die Betrachtung derselben Gegend von zwei verschiedenen Stand- 
punkten ist hier sehr belehrend. Ich erwähne etwa den Anblick einer 
steilen Bergbahn, den dieselbe vom Fuß und vom Gipfel des Berges uns 
bietet, etwa der Pilatusbahn in der Schweiz. Wenn man vom 
Fuß des Berges aus die Tra^ besieht, so übersteigt die Steilheit ») 
derselben alle Erwartungen des Reisenden und es werden wohl schon 
viele durch diesen unheimlichen Anblick von der geplanten Befahmng 
dieser Bergbahn abgeschreckt worden sein, umsomehr überrascht 
es, nach glücklich überstandener Bergfahrt von der Felsspitze des 
Pilatus aus die unteren Partieen der Bahntrage ganz mäßig steil, ja 
fast horizontal verlaufen zu sehen, so daß die ungeheure Langsamkeit 



1) Die wahre Steilheit ist ziemlich konstant und beträgt etwa 21 ®. 



über die TäuschuDgen bei der Schätzung von Entfernungen. 167 

mit der wir einen fahrenden Zug sich nach abwärts bewegen sehen, 
fast a]8 übertriebene Vorsicht erscheint. Die Erklärung der Erschei- 
nung ist einfach. Da wir die Bahntra^e nur aus angemessener Ent- 
fernung zu überblicken imstande sind, so muß aus dem Umstand, daß 
wir die größeren Distanzen stärker unterschätzen, d. h. die entfern- 
teren Teile der Tra?e in unserer Vorstellung viel stärker an uns heran- 
ziehen, als die näheren, eine Überschätzung der Steilheit bei der 
B^racbtung von unten und eine Unterschätzung bei der Betrachtung 
Tom Gipfel aus stattfinden, wie man sich geometrisch leicht klar 
machen kann. 

Die Verwendung des Wortes „Schätzung" bedarf einer Erläuterung. 
Die Gesamtheit aller uns in einem bestimmten Momente zur Verfügung 
stehenden Erfahrungselemente hat den Effekt, daß wir irgend einen 
gesehenen Körper als in einer bestimmten Entfernung befindlich 
Torstellen. Diesen unmittelbaren Eindruck kann man, wenn man will, 
bereits eine Schätzung der Distanz nennen, da sich an die Vorstellung 
immer sogleich Urteilsakte anschließen werden. Wenn man etwa die 
Erfahningselemente in zwei Kategorien teilen wollte, deren erste die un- 
mittelbaren, sich auch dem naiven Beobachter darbietenden Erfahrungs- 
elemente umfaßt, während die zweite diejenigen enthält, die bereits 
das Besnltat komplizierterer gedanklicher Prozesse darstellen, so werden 
wir vielleicht eine ^naive" und eine „geschulte" Distanzschätzung 
unterscheiden können. Es wird z. B. der gut ausgebildete Artillerist 
Distanzen auch bei wenigen Anhaltspunkten ziemlich richtig abschätzen, 
die der naive Beobachter ganz falsch beurteilt, weil der Artillerist es 
eben gelernt hat, die Erfahrungselemente, die ihm zur Verfügung stehen, 
auch noch rein gedanklich zu verwerten, d. h. mit anderen Erfahrungs- 
eiementen, den Resultaten des genossenen Unterrichts etc. zu kombi- 
nieren« Von diesem Standpunkte aus besteht zwischen der naiven 
QDd der geschulten Distanzschätzung doch wieder kein prinzipieller 
roterschied; es steht eben tatsächlich in dem einen Falle dem be- 
obachtenden Individuum ein reicheres Erfahrungsmaterial zur Verfügung 
ala im anderen. Das Folgende soll sich im allgemeinen auf die „naive" 
Distanzschätzung beziehen. 

Wenn wir, an irgend einem fixen Orte befindlich, die Distanzen 
der uns umgebenden Körper abschätzen, so machen wir, wie bereits 
eingangs erwähnt, ausnahmslos die Erfahrung, daß die Distanz im 
allgemeinen umsomehr unterschätzt wird, je größer sie ist Dies kann 
UM nicht wundernehmen; denn je größer die Distanz eines Körpers 
von uns ist, desto spärlicher sind verhältnismäßig die uns zur Beur- 
teilung derselben zur Verfügung stehenden Erfahrungselemente; je 



168 XIII. Sterneck 

geringer aber diese Erfahrungselemente sind, desto mehr müssen wir 
die Distanz unterschätzen. Es ist bekannt, wie sehr man in finsterer 
Nacht die Distanz eines wahrgenommenen Brandes unterschätzt, so 
daß man den etwa aus Neugierde unternommenen Versuch, sich an 
den Ort der Feuersbrunst zu begeben, meist bald wieder anfgiebt. 
Auch bei der Annäherung zur See an eine Hafenstadt unterschätzen 
wir meist die Entfernung wesentlich, da die gleichartige Meeresober- 
fläche wenig Anhaltspunkte zur Beurteilung derselben bietet, und 
erwarten meist die Landung viel früher, als sie tatsächlich stattfindet. 

Von verschiedenen Standpunkten aus werden wir daher die Dis- 
tanzen der uns umgebenden Körper in sehr verschiedenem Grade 
unterschätzen, je nach der Menge der Erfahrungselemente, die nns 
die Umgebung des betreffenden Standortes für die Distanzschätzung 
liefert. Es entsteht aber die Frage, ob die Schätzungen, die wir von 
einem und demselben Standpunkte aus vornehmen, nicht doch 
in irgendwelcher gesetzmäßigen Beziehung zu einander stehen. Um 
diese Frage beantworten zu können, war es nötig, sich durch Vornahme 
von Entfernungsschätzungen ein empirisches Material zu verschaffen. 
Ich bin dabei in der Art vorgegangen, daß ich immer bloß die Ver- 
bältnisse, nicht die absolute Größe der scheinbaren Entfernungen schätzte, 
indem ich mich fragte: Wie groß ist die scheinbare Entfernung des 
Objektes B, wenn ich die scheinbare Entfernung des Objektes A gleich 
100 setze? Wie groß ist unter derselben Voraussetzung die schein- 
bare Entfernung des Objektes C? u. s. f. 

Man sieht leicht ein, daß derartige Schätzungen derVerhältnisse 
der scheinbaren Entfernungen für unsere Zwecke vollständig aus- 
reichend sind; denn gelingt es uns, den mathematischen Ausdruck zu 
finden, der für einen bestimmten Standort den Zusammenhang zwischen 
der wahren Entfernung eines Gegenstandes, die wir d nennen wollen, 
und der scheinbaren Entfernung d' desselben Gegenstandes darstellt, 
und kommt in demselben ein noch unbestimmter Proportionalitätsfaktor 
vor, so können wir letzteren durch die naheliegende Überlegung er- 
mitteln, daß für kleine, etwa nur wenige Meter betragende wahre 
Distanzen d die entsprechenden scheinbaren Distanzen d' nahezu mit 
d übereinstimmen müssen; denn die kleinen Entfernungen meiner 
unmittelbaren Umgebung, z. B. der Gegenstände meines Zimmers 
unterschätze ich erfahrungsgemäß fast gar nicht Es muß also der 
Proportionalitätsfaktor so gewählt werden, daß für kleine Entfernungen 
d die Gleichung d'«=d nahezu erfüllt ist. 

Die ersten derartigen Versuche machte ich bei Nacht und be- 
nützte als Objekte, deren scheinbare Entfernungen ermittelt wurden, 



über die Täuschungen bei der Schätzung von Entfernungen. 169 

die Lampen der StraßenbelenchtUDg; einerseits gewöhnliche Auerlampen 
in der Oberen Angartenstraße in Wien, dann elektrische Bogenlampen 
über der Straßenmitte der Rassischen Gasse nnd der Siebenbürgerstraße 
in Czernowitz. Schwieriger war es, analoge Versuche bei Tage anzu- 
stellen; namentlich war es nicht so leicht, ans der ungeheuren Mannig- 
faltigkeit der möglichen Standorte eine richtige Auswahl zu treffen. 
Die ersten Schätzungen bei Tage machte ich in der Art, daß ich die 
nordöstlich von Czernowitz sich erstreckende Ebene von einem etwa 
b(\ Meter über derselben liegenden Aussichtspunkte aus überschaute 
nnd die Verbältnisse der scheinbaren Entfernungen einiger Objekte 
schätzte. Femer habe ich im Hochgebirge einige derartige Schätzungs- 
rersnche gemacht, einerseits im Tale, nämlich von der sogenannten 
Fleißkapelle bei Heiligenblut aus, andererseits vom Gipfel des 3103 m 
hohen Sonnblicks. Es wurde natürlich die Vorsicht gebraucht, bei 
jeder einzelnen Versuchsreihe die wahren Entfernungen der Objekte 
immer erst nachträglich (bei nahen Objekten durch Abschreiten, bei 
entfernteren aus der Karte) festzustellen, um die Schätzung selbst 
nicht zu beeinflussen. 

Als Ergebnis aller dieser Versuche kam nun ein sehr einfaches 
Gesetz zum Vorschein, demzufolge die scheinbare Distanz d' sich durch 
die wahre Distanz d vermöge der Formel 

j, cd 

bestimmt, in welcher c eine Größe bedeutet, die für einen und den- 
selben Standort ihren Wert nicht ändert, welche immer die Entfernung 
d des betrachteten Objektes auch sein mag, dagegen für jeden einzelnen 
Standort einen anderen Wert hat, je nach der Menge der Erfahrungs- 
elemente, die die Umgebung des betreffenden Standortes für die 
Distanzschätzung bietet. 

Der durch diese Formel ausgedrückte Zusammenhang zwischen 
den beiden Entfernungen d und d' ist ein so ungeheuer einfacher, daß 
auch derjenige, der der Beschäftigung mit mathematischen Formeln 
ferne steht, leicht einen klaren Einblick in das Wesen desselben ge- 
winnen kann. Das Gesetz besagt nämlich, daß man, falls die Größe 
c, die zu dem betreffenden Standorte gehört, bekannt ist, aus der Kennt- 
nis der wahren Entfernung d eines Gegenstandes unmittelbar die schein- 



1) Hinsichtlich der Versuche selbst muß auf die viel ausführlichere Dar- 
ptcllnng verwiesen werden, die der hier behandelte Gegenstand in meinem dem- 
nächst erscheinenden Buche: „Der Sehraum auf Grund der Erfahrung**, Leipzig, 
J. A. Barth, 1907, findet. 



170 XIII. Sterneck 

bare Entfernang d' berechnen kann, wenn man d mit der Verhältniszahl 

-| multipliziert. Da diese Verhältniszahl ihrer Natur nach kleiner 

als 1 ist, da der Nenner größer ist als der Zähler, so wird die Ent- 
fernung d' unter allen umständen kleiner ausfallen als d. Femer 
erkennt man, daß für alle jene Entfernungen d, die im Vergleiche zur 

Größe c recht klein sind, der Bruch -^r~Ä JMihezu gleich 1 ist, so daß 

er die Größe d, mit der er multipliziert wird, nahezu gar nicht ver- 
ändert, unsere Formel erfüllt somit die bereits erwähnte notwendige 
Bedingung, daß für kleine Distanzen d die Gleichung d'=d nahezu 
erfüllt ist Endlich kann man unsere Formel auch in der Art auf- 
fassen, daß die Größe c mit der Verhältniszahl , zu multiplizieren 

ist, um d' zu liefern. Da auch dieses Verhältnis immer kleiner als 1 
ist, so erkennt man, daß d' immer kleiner als c ist Unsere Versuche 
führten somit auch zu dem Resultate, daß, wie weit auch die wahre 
Distanz eines Objektes vergrößert werden mag, seine scheinbare Dis- 
tanz doch eine bestimmte, zum Standort gehörige Grenze c niemals 
überschreiten kann. Dies stimmt ganz gut mit der bekannten Erfahrung, 
daß uns der Mond bereits in derselben Entfernung erscheint wie die 
ihn umgebenden Fixsterne; daß uns femer bei vollkommen freier Aus- 
sicht von einer hohen Bergspitze die fernsten Gebirgsgmppen alle in 
der gleichen Entfernung, also in einem Kreise um uns angeordnet, 
erscheinen. 

Diese Größe c, diese obere Grenze aller möglichen scheinbaren 
Entfemungen variert nun von Standort zu Standort. Denn diese Größe, 
die ein Maß für den jeweiligen Grad der Unterschätzung der Distanzen 
unserer Umgebung bildet und die wir daher als „Unterschätzungs- 
konstante^ bezeichnen können, wird natürlich davon abhängen, ob die 
Umgebung hell erleuchtet oder dunkel, einförmig oder abwechslungs- 
reich ist, überhaupt davon, welche Erfahmngsdaten uns vom Be- 
obachtungsorte aus zugänglich sind. Der kleinste Wert des c ergab 
sich bei den Schätzungversuchen an den Auerlampen in der Oberen 
Augartenstraße in Wien, nämlich c — 114 m; die recht finstere Obere 
Augartenstraße in Wien bietet eben fast gar keine Anhaltspunkte zur 
Beurteilung der Distanzen. Etwas größer ist der Wert des c bereits 
in der Kussischen Gasse in Gzeraowitz ausgefallen, nämlich c«»216 m; 
diese Gasse ist schmal, die elektrischen Lampen hängen sehr hoch 
und beleuchten nur wenige charakteristische Objekte, so daß die An- 
haltspunkte auch hier noch recht spärlich sind. Dagegen erhielt ich 



über die Täaschongen bei der Schätzung von Entfernungen. 171 

{n der Siebenbürgerstraße in Czemowitz, einer regelmäßigen, hübschen 
Straße, deren Häuserreihen dnrch die Bogenlampen ziemlich hell beleuch- 
tet werden, c "* 300 m, da hier die Distanzschätzungen schon wesent- 
fich erleichtert sind, und bei einer Versuchsreihe in dem ftlr die 
Schätzung allergünstigsten Teile derselben Straße sogar c»»770 m. 
Bei den Tagesversuchen war von vornherein zu erwarten, daß 
die Größe c viel beträchtlicher ausfällt. Allerdings ließen sich auch 
bei Tage Versuchsanordnungen denken, die eine so bedeutende Ein- 
engong des Gesichtskreises zur Folge hätten, daß vielleicht ebenfalls 
80 kleine Werte c zum Vorschein kämen. Wenn wir uns z. B.- auf 
einer durch einen Wald führenden Straße befinden, von der wir in 
kemer Richtung aus dem Walde heraussehen können, so dürften wir 
die Entfernungen der etwa an der Straße stehenden Bäume fast in 
ebensolchem Maße wie die der Straßenlampen bei Nacht unterschätzen, 
da wir zur Beurteilung der Distanz auch hier fast gar keine Anhalts- 
punkte haben. Bei unseren Tagesversuchen war aber im Gegensatze 
bierzü für eine möglichst freie Aussicht von den einzehien Standorten 
ans gesorgt worden, und es ergaben sich daher auch relativ sehr große 
Werte c. Aus den Distanzschätzungen in der Ebene von CzemowitZ) 
die ich von einem etwas erhöhten Standorte aus überblickte, erhielt 
ich c=10 km, denselben Wert ergaben auch die Schätzungen bei 
HeUigenblut. Bei den Schätzungen vom Sonnblickgipfel aus ergab sich 
aber sogar c*= 24 km, wohl der größte Wert, den die Größe c für 
einen terrestrischen Standort überhaupt wird annehmen können. 

Da die Größe c die größtmögliche scheinbare Distanz unter den 
gegebenen Umständen darstellt, so erkennt man, wie ungemein be- 
schränkt der uns umgebende physiologische (speziell optische) Baum 
»ch unter Umständen gestalten kann. In einer spärlich erleuchteten 
Straße ist unser Gesichtskreis mangels genügender Erfahrungselemente 
der Umgebung so beengt, daß uns auch die fernsten Objekte nicht 
weiter als 1 14 m von uns entfernt zu sein scheinen. Wenn wir dagegen 
von einer hohen Bergspitze aus die sonnenbeleuchtete, abwechslungs- 
reiche Umgebung betrachten^ so erleben wir gewissermaßen das andere 
Extrem der Dimensionen des Sehraumes; derselbe scheint sich dann, 
mindestens in horizontaler Richtung, etwa 24 km weit zu erstrecken. 

c d 
unsere Theorie des Sehraumes, die in der Formel d' — — — j 

c + d 

ibren Ausdruck findet, stimmt sehr gut mit der von Mach^) und 

Helm holt z ausgesprochenen Ansicht, daß wir den uns umgebenden 



t) Beiträge znr Analyse der Empfindungen. (1SS6), p. 76. 



172 Xm. Sterneck 

Baum in einer Art Relief Perspektive sehen. Die Stelle bei Helm ho Itz 
lautet: ^In den Beliefbildem werden gleich gut wahrnehmbare Teile 
der Tiefendimension dargestellt durch gleich große Tiefenunterschiede 
und in diesem Sinne können wir sagen, daß wir die objektive Welt 
binoku lar wie in einem Reliefbild sehen. Wie in einem solchen sind 
selbst große Abstände sehr entfernter Gegenstände, in Richtung der 
Tiefe gemessen, nur sehr schwach wahrnehmbar, während selbst kleine 
Tiefenabstände naher Objekte deutlich ausgedrückt sind." 

Aus dem Zusammenhange, wie auch aus dem Wortlaute dieser 
Stelle geht deutlich hervor, daß Helmholtz als Mittel für die Wahr- 
nehmung von Entfemungsunterschieden nur die Binokularparallaxe in 
Betracht zieht, d. h. den durch die Konvergenz der Sehstrahlen bedingten 
unterschied der Netzhautbilder in beiden Augen. M. K kommt der Bino- 
kularparallaxe bei der Wahrnehmung der Entfernungen keine so fundamen- 
tale Bedeutung zu, wie man gewöhnlich annimmt. Ein richtiges Urteil 
hierttber erhalten wir jedenfalls durch Befragen einäugiger Menschen, 
die uns sagen, daß sie zwar bei der Schätzung ganz geringer Ent- 
fernungen, z. B. beim Eintauchen der Feder ins Tintenfaß, gegenüber 
Menschen mit zwei Augen im Nachteile sind, daß sie aber, wenn die 
Distanzen halbwegs größer sind, diesen Nachteil gegen normale Men- 
schen gar nicht mehr empfinden, also z. B. schon die Distanzen der 
Gegenstände im Zimmer ziemlich ebenso richtig beurteilen. Dies ist 
auch gar nicht anders zu erwarten ; denn was die Binokularparallaxe 
leistet, das leistet ja in noch höherem Maße jede seitliche Kopf bewegung, 
selbst beim Vorhandensein eines einzigen Auges, um einen bestimmten 
Entfemungsunterschied zweier Funkte des umgebenden Raumes zu 
bemerken, braucht man ja bloß den Kopf um ein Stück seitlich zu be- 
wegen, das größer als die Fupillardistanz ist, und findet dann bei 
Fixierung eines der beiden Punkte in dem einen Auge einen Unter- 
schied der beiden Netzhautbilder vor, der jedenfalls größer ist als die 
Differenz der Netzhautbilder in beiden Augen bei ruhendem Kopfe. 
Dies scheint auch der Grund zu sein, warum wir auf die Binokular- 
parallaxe selbst dort, wo sie zweifellos noch wirksam kein könnte, 
(und dies ist nach Hillebrands^) Untersuchungen bereits bei einer 
Veränderung derselben um 35" der Fall) nicht zu achten gewohnt sind, 
da wir eben über das viel wirksamere Mittel der Kopf bewegungen verfügen. 

Diese gewohnheitsmäßige Nichtbeachtung der Binokularparallaxe 
ermöglicht dann u. a Täuschungen ganz besonderer Art So hat sich 

1) Handbuch der physiologischen Optik. (1867), p. 661, 2. Aufl. (1896), p. SOS. 

2) Theorie der scheinbaren Größe bei binokularem Sehen. Denkschriften 
der Wiener Akad. d. W., Math. nat. Kl., Bd. 72 (1902), p. 273. 



über die Täuschungen bei der Schätzung von Entfernungen. 173 

z. B. jemand den Scherz erlaubt, in der Nähe von St. Ulrich im 
6r5dnertale Miniaturhänschen von etwa 2 m Höhe an solchen Stellen 
anzubringen, die bloß von Wiesen und Felsen umgeben, fast gar keine 
Anhaltspunkte zur Beurteilung der Größe (oder, was dasselbe ist, der 
Entfernung bei dem gegebenen Gesichtswinkel) bieten. Man unterliegt 
der Täuschung und hält die Häuschen für viel entfernter und in 
normaler Größe. Auch die Tatsache, daß wir uns im Panorama durch 
ein Bundbild, das nur wenige Meter von uns entfernt ist, über die 
ßatfemung der dargestellten Gegenstände so leicht täuschen lassen, 
beweist, daß wir die Binokularparallaxe für die Distanzschätzung fast 
gar nicht zu verwerten verstehen. 

Wir wollen nun dazu übergehen, einige Anwendungen der oben 
entwickelten Theorie der scheinbaren Entfernungen zu besprechen. Es 
handelt sich um psychologisch interessante Tatsachen, die Anlaß zu 
mannigfachen Täuschungen geben können. 

Als erste dieser Tatsachen erwähnen wir die scheinbare Kon- 
vergenz paralleler Linien. Es ist ja allgemein bekannt, daß uns 
z. B. die beiden Schienen eines Eisenbahngeleises nicht parallel zu sein, 
sondern zu konvergieren scheinen. Diese Erscheinung kann nicht etwa 
mit der Theorie der Perspektive oder (was dasselbe ist) der Form 
des Netzhautbildes erklärt werden ; denn wir können uns sehr leicht über- 
zeugen, daß Form und Größe des Netzhautbildes (wie hier nochmals 
betont werden soll) auf Form und Größe der von uns vorgestellten 
Gegenstände der Umgebung ziemlich ohne Einfluß sind; das Fenster^ 
vor dem ich gerade schreibe, entwirft auf meiner Netzhaut ein Bild, 
das mindestens dreimal so groß ist als das Bild des zweiten Fensters meines 
Zimmers; dennoch erscheinen mir beide Fenster vollkommen gleich 
groB. Die Gesetze der Perspektive (die sich mit dem eingangs erwähn- 
ten Sehwinkelgesetz decken) gehören eben zu den allerprimitivsten 
Erfahrungen, und wir haben es bereits erlernt, sie bei der Betrachtung 
der Außenwelt vollständig zu berücksichtigen. 

Die scheinbare Konvergenz läßt sich aber ganz ungezwungen mit 
Hilfe der vorstehenden Theorie der scheinbaren Entfernungen erklären. 
Betrachten wir zunächst eine der beiden parallelen Geraden, so sehen 
wir ihre Punkte nicht in den wahren Entfernungen von uns, da diese 
ja umsomehr unterschätzt werden, je größer sie sind. Dies hat zur 
f'olge, daß wir eine in irgend einer Distanz vom Beschauer nach 
beiden Seiten ins Unendliche verlaufende Gerade überhaupt nicht 
gerade, sondern gekrümmt sehen, und zwar ergibt die Rechnung, daß 
wifl eine solche Gerade als der eine Ast einer bestimmten gegen den 
Beschauer konkaven Hyperbel erscheinen muß. Um dieses Rechnungs- 



174 XIII. Sterneck 

resultat empirisch zu prüfen, betrachtet man statt der Eisenbahnschienen 
besser eine in einem etwas größeren Abstände vom Beschauer verlau- 
fende Gerade^ wozu sich am besten wieder eine gerade Reihe von 
Bogenlampen eignet; man stelle sich etwa vor das Burgtheater in Wien 
und betrachte die auf der anderen Seite der Ringstraße befindliche 
gerade Reihe von Bogenlampen. Die scheinbare Hyperbelform zeigt 
sich da ganz deutlich, sowohl was die Krümmung der näheren Partien, 
als auch was den nahezu geradlinigen Verlauf der entfernteren betrifft. 
Die ganze Kurve verläuft in einer Ebene, die durch die gegebene 
Gerade (hier also die Reihe der Bogenlampen) und das Auge des Be- 
schauers gelegt ist Ein Paar paralleler Geraden, zwischen denen der 
Beschauer steht, muß dann scheinbar in der Entfernung zusammenlau- 
fen, da jede der beiden Geraden als eine gegen den Beschauer konkave 
Kurve erscheint. 

Man kann sich nun die Aufgabe stellen, zwei Linien derart diver- 
gieren zu lassen, daß sie scheinbar vollkommen parallel zu einander 
verlaufen 1). Die Lösung dieser Aufgabe wird wieder durch zwei 
Hyperbeläste geliefert, doch müssen diese jetzt dem Beschauer nicht die 
konkave sondern die konvexe Seite zuwenden. Beide Resultate ergeben 
sich nach ganz einfacher Rechnung aus unserer Formel für die Unter- 
schätzung der Entfernungen. 

Eme eigentümliche Täuschung, die wir nur kurz erwähnen wollen, 
da sie für den Juristen kaum von Bedeutung werden kann, erleben wir 
beimAnblick des Himmelsgewölbes, speziell des bewölkten Tages- 
himmels. Betrachten wir den Wolkenhimmel, so haben wir den Ein- 
druck, daß seine vertikale Erhebung im Zenith sich zum Radius des 
Schnittkreises mit dem Horizonte etwa wie 1 : 5 verhalte, an Tagen, 
an denen uns der Himmel besonders flach erscheint, im äußersten Falle 
etwa wie 1 : 9. Andererseits können wir die wahren Dimensionen der 
von einem bestimmten Punkte der Erdoberfläche aus sichtbaren, durch 
die Wolken gebildeten Kugelkalotte leicht ermitteln. Nehmen wir z. B. 
an, die Wolkenschicht schwebe in einer Höhe von 2500 m, so erhalten 
wir für den Radius des Schnittkreises mit der Horizontebene den 
Betrag von 178'3 km. Das Verhältnis der Höhe zu diesem Radius 
hat somit in Wirklichkeit den Wert 1:71. Bei geringerer Höhe der 
Wolkenschicht wird dieses Verhältnis noch kleiner, bei größerer Höhe 
wird es zwar größer, aber nur unwesentlich; so hat es z. B. für eine 
Wolkenhöhe von 3000 m immer noch den Wert 1 : 65. 

Dieses Mißverhältnis zwischen Vorstellung und Wirklichkeit läßt 
uns deutlich erke nnen, daß auch bei der Schätzung der Entfernungen 

1) Hillebrand nennt solche Kurven „Alleekurven". A. a. 0., p. 294. 



über die Täuschungen bei der Schätzung von Entfernungen. ' 175 

der Wolken die größeren Distanzen, gegen den Horizont bin, viel stärker 
nntersebätzt werden als die kleineren gegen den Zenitb. Nehmen wir an, 
daß unser Unterscbätzungsgesetz auch hier giltig ist, und nehmen wir 
die Unterschätznngskonstante c » 10 km an, was ja im allgemeinen 
der bei Tage giltige Wert sein dürfte, so finden wir für die scheinbare 
Hohe der 2500 m hoch schwebenden Wolkenschicht den Betrag von 
2000 m; für die scheinbare Entfernung der gegen den Horizont hin in 
Wirklichkeit 178*3 km von uns entfernten Wolken aber etwa 9500 m, 
so daS sieb als Verhältnis dieser beiden scheinbaren Dimensionen in 
der Tat etwa 1 : 5 ergibt Nehmen wir dagegen an, daß sich die 
Wolken bloß in einer Höhe von 1250 m befinden, so ergibt die ganz 
analoge Eecbnung das scheinbare Verhältnis 1 : 9. Noch tiefer wird 
^ch eine den ganzen Himmel bedeckende Wolkenschicht kaum be- 
finden, deshalb wird das Verhältnis der scheinbaren Dimensionen auch 
nicht mehr kleiner als 1 : 9, höchstens bei der Betrachtung des Himmels- 
gewölbes von einer Bergspitze aus. 

So ist denn die Theorie der scheinbaren Entfernungen geeignet, uns 
die scheinbaren Dimension des Wolkenhimmels vollkommen verständ- 
lich erscheinen zu lassen. 

Was nan den heiteren Himmel betrifft, so nimmt Helmholtz an, 
daß die Vorstellung von seiner Form ausschließlich in Erinnerungs- 
bildern an den Wolkenhimmel ihren Grund habe. Dies dürfte aber nicht 
ganz richtig sein, da die scheinbare Form des heitern Himmels von der 
des Wolkenhimmels allzusehr abweicht Das Verhältnis der Vertikal- 
erhebung zum Radius des Schnittkreises mit der Horizontalebene wird 
nämlich beim heiteren Himmel erfahrungsgemäß etwa mit l : 4 bis l : 3, 
beim heiteren Nachthimmel sogar mit 1:2 geschätzt. Zur Erklärung 
dieser Tatsache müssen daher noch andere psychologische Momente heran- 
gezogen werden, deren Besprechung uns aber hier zu weit führen würde 0- 

Schließlich soll hier noch jener eigentümlichen Täuschungen ge- 
dacht werden, denen wir beim Anblick von Böschungen oder 
Abhängen von Bergen unterworfen sind. Es ist allgemein bekannt, 
daß uns die Abhänge von Bergen, aus einiger Entfernung betrachtet, 
stets viel steiler erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Beim An- 
blidie eines nicht überhöhten Reliefs einer uns bekannten Gebirgs- 
gegend sind wir daher stets überrascht, wie ungemein flach die Ab- 
hänge in Wirklichkeit sind, und halten es gar nicht für möglich, daß 
das Relief die wahren Neigungen darstellt 

1) Vgl. des Verfassers Abhandlung: Über die scheinbare Form desHunmeis- 
|2:ew5lbe8 und die scheinbare Größe der Gestirne. Sitzungsberichte der Wiener 
Akad. d. V^., Bd. 115, Abt. II a. (1906). 



176 XIU. Sterneck 

Obwohl wir dieses Phänomens der Überschätzung der Steilheit bereits 
eingangs Erwähnung getan haben, möge hier doch noch kurz skizziert 
werden, wie wir auf Grund unserer Theorie der scheinbaren Ent- 
fernungen das erwähnte Phänomen auch numerisch zu verfolgen im- 
stande sind. Hierzu müssen wir natürlich die Unterschätzungskon- 
Staute c des Standortes kennen; wir wollen auch hier wieder annehmen, 
daß die Größe c etwa gleich 10 km sei, wozu wir ja nach den Ver- 
suchsergebnissen berechtigt sind. 

Betrachten wir nun eine durch den Standort und den Gipfel des 
betreffenden Berges gelegte Vertikalebene; so schneidet diese den 
Abhang des Berges in einer Linie, deren wahre und scheinbare Steil- 
heit wir mit einander vergleichen wollen. Die horizontale Visur treffe 
diese Linie (den Abhang des Berges) in der Distanz a vom Standorte, 
während die Horizontalprojektion des Abhanges selbst den Betrag b 
habe ; es ist dann a + b die Horizontalprojektion der Entfernung des 
Standortes vom Gipfel des Berges. Ist femer h die relative Höhe 
des Berges hinsichtlich des Standortes, so ist die wahre Steilheit des 
Abhanges, welche ip heiße, gegeben durch 

h 
tang ip — ~^. 

Wollen wir die scheinbare Steilheit tp' finden, so müssen wir zu- 
nächst die scheinbaren Entfernungen des Gipfels und des Fußes des 
Berges vom Standorte aus berechnen. Di e wahre En tfernung d des 
Gipfels vom Standort beträgt d «— )/ (a + b)M-Ti^ die scheinbare 

c d 
Entfernung d' beträgt also d' = , , wo c =- lo km ist Die wahre 

Entfernung des Standortes vom Fuße des Berges beträgt a, die schein- 

c a 
bare Entfernung also . 

C "y- ä 

Denken wir uns nun in den Visuren nach dem Fuß bezw. Gipfel 
des Berges diejenigen Stellen aufgesucht, die den scheinbaren Ent- 
fernungen dieser beiden Punkte entsprechen, so stellt uns ihre Ver- 
bindungslinie (näherungsweise) den scheinbaren Verlauf des Abhanges 
dar. Es ist nun leicht, den Neigungswinkel dieser Verbindungslinie 
gegen die Horizontale, d. h. die scheinbare Steilheit tp' des betrachteten 
Abhanges zu berechnen. Die Rechnung führt zu der Näherungsformel: 

tanff u/' - 2h(a + b )Ja + cj_^ 

^^ '^ 2 (a + b) b c-h^a- 
Diese Formel zeigt, daß immer ip' > ip ist, nur f ür a — fällt 
tp' mit tp zusammen, d. h. nur wenn wir uns selbst am Fuße des 
Berges befinden, sehen wir ihn in seiner wahren Steilheit; je größer 



über die Täuschungen bei der Schätzung von Entfernungen. 177 

a wird, d. b. je mehr wir uns vom Fuße entfernen, um so größer 
wird die scheinbare Steilheit ip' und erreicht schließlich bei unbegrenz- 
tem Wachsen des a den Wert 90«; dies stimmt ganz gut mit der be- 
kannten Erfahrung, daß jeder Berg, aus sehr großer Entfernung betrachtet 
schließlich geradezu vertikal aufzusteigen scheint. Einige Beispiele 
mögen die Verwendung der Formel illustrieren. 

1) Die scheinbare Steilheit des Mont-Blanc von Cha- 
monix aus. Der Ort Chamonix liegt in der Mitte des ziemlich breiten 
Tales in 1050 m Seehöhe. Der Gipfel des Mont-Blanc ist von hier 
aus sichtbar; seine Seehöhe ist 4810 m, seine Entfernung von Chamonix 
betragt in der Horizontalprojektion 10 km. Als Fuß des Abhanges 
ist ein etwa 2 km von Chamonix (in der Nähe des unteren Endes 
des Bossons-Gletschers) auf der Talsohle gelegener Punkt zu betrachten. 
Es ist also a «= 2 km, b = 8 km, h = 3760 m ; daraus findet man 
mit Hilfe der beiden Formeln: ip = 25" If, xp' = 29» 49'. 

Wie man sieht, beträgt die Überschätzung nur 4^; man ist eben 
in Chamonix dem Berge zu nahe und die ungeheuer imposante 
Wirkung, die der Anblick tatsächlich ausübt, ist durch die enorme 
Höhendifferenz von fast 4000 m und die bereits in der Natur vorhan- 
dene große Steilheit des Abhanges bedingt, weniger durch die Über- 
schätzung dieser Steilheit. 

2) Die scheinbare Steilheit des Mont-Blanc vom Aus- 
sichtspunkt La-Flegöre aus. Dieser berühmte Aussichtspunkt 
liegt an der der Mont-Blanc-Kette gegenüberliegenden Talwand in einer 
Seehöhe von 1806 m, also 756 m über Chamonix. Eine durch La- 
Flegöre und den Mont-Blanc-Gipfel gelegte Vertikalebene schneidet 
zwar wieder den ganzen Abhang des Berges, uns interessiert jetzt aber 
nur jener Teil, der vom Gipfel bis zur Seehöhe des Standortes, 1806 m, 
herabreicht Die dieser Seehöhe entsprechende Stelle des Abhanges 
ist, wie wir der Karte entnehmen, 7 km von La-Flegöre horizontal 
entfernt, während der Abstand dieser Stelle vom Gipfel in der Hori- 
lontalprojektion ebenfalls 7 km beträgt. Somit haben wir: a = 7 km, 
b«= 7 km, h «= 3004 m; daraus ip = 23" 14', xp' = 37» 0'. 

Von LÄ-Fleg6re aus überschätzen wir die Steilheit also um 14^, 
was zur Folge hat, daß der Anblick nun von viel imposanterer Wir- 
kung ist, als vom Tale aus. Dadurch erklärt es sich, warum es so 
lohnend ist, derartige höher gelegene Aussichtspunkte aufzusuchen. 
Der Verlust an relativer Höhe, der, wie man meinen sollte, der Groß- 
artigkeit des Eindrucks zunächst nachteilig sein müßte, wird eben 
reichlich wettgemacht durch die erreichte Vergrößerung der scheinbaren 
Steilheit, die durch die größere horizontale Entfernung bedingt ist. 

ArcbiT »r Eriminalanthropologle. XXVI. 12 



178 XIII. Sterneck 

3) Der Monte Maggiore von Fiume aus gesehen. Mit 
Fiume und dem Gipfel des Monte Maggiore liegt I^vrana in derselben 
Vertikalebene. Dieses kann somit als Fuß des Berges betrachtet werden. 
Man findet aus der Karte: a = 13 km, b «= 6 km, h = 1396 m, woratjs 
man berechnet: i/; = 13® 6', ip' = 28® 25', also eine Überschätzung 
von über 15^. Hier ist die wahre Steilheit so gering, daß der Anblick 
gar nicht effektvoll sein könnte, wenn nicht vermöge der großon 
horizontalen Entfernung eine so bedeutende Überschätzung stattfände. 

Wenn man von den in den Beispielen erwähnten Standorten aus 
die scheinbaren Steilheiten tatsächlich in Graden abschätzt, so zeigt 
sich, daß die Schätzungsresultate die eben berechneten Werte ip' noch 
um etwas übertreffen. Es kommt nämlich bei der unmittelbaren 
Schätzung in Graden nach dem bloßen Anblicke noch eine weitere 
Überschätzung dazu, die sich am deutlichsten zeigt, wenn der Abhang 
unmittelbar vom Beobachter aus aufsteigt (also a = ist), in welchem 
Falle die scheinbare Steilheit auf Grund unserer Formel mit der 
wahren Steilheit identisch ausfallen müßte. Diese zweite Art der 
Überschätzung hängt zweifellos damit zusammen, daß wir den zu 
dem betreffenden Höhenwinkel gehörigen Bogen nicht längs eines 
Kreises, sondern längs einer viel flacheren Kurve abschätzen, die mit 
der scheinbaren Form des Himmelsgewölbes zusammenhängen dürfte 
und nach den von mir angestellten Versuchen zu folgenden Über- 
schätzungen der Höhenwinkel führt: Ein Höhenwinkel von 

0« 20 50 100 200 30« 40o 50o 60o 70o 80o 90o 
wird geschätzt mit dem Betrage 

00 40 90 170 310 42o 52o 61o 69o 76o 83o 90^ 
Diese zweite Art der Überschätzung kommt nun jedenfalls mit einem 
gewissen Teilbetrage auch bei größeren Werten a noch zu den Wor- 
ten ip' hinzu. 

Will man nach dem Anblicke den Wert ip' selbst schätzen (d. h. 
den Neigungswinkel, den etwa der Abhang auf einem Relief erhalten 
müßte, um denselben Eindruck der Steilheit wie in der Natur hervor- 
zurufen), so muß man dabei die Vorsicht gebrauchen, den betreffen- 
den Winkel nicht unmittelbar in Graden zu schätzen, sondern er&t 
irgend einem Gegenstande, z. B. einem Lineal einen der betreffenden 
Böschung scheinbar gleichen Neigungswinkel zu erteilen und diesen 
dann durch tatsächliche Messung zu ermitteln. Hierdurch befreit man 
sich von der im anderen Falle noch hinzutretenden Überschätzung 
der Höhenwinkel. 

Aus dem eben dargelegten Zusammenwirken zweier Teilursacheo 
bei der Überschätzung der Steilheiten können wir entnehmen, daß die 



über die Tänschangen bei der Schätzung von Entfernungen. 179 

Tänschnngen. zu denen die Eigenschaften des Sehraumes Veranlassung 
geben, mitunter nicht unerhebliche Komplikationen erfahren können, 
auf die man erst aufmerksam wird, wenn man über ein entsprechen- 
dem zahlenmäßiges Beobachtungsmaterial verfügt Deshalb glaubte 
ich auch die zur Beschreibung der Erscheinungen dienlichen Formeln 
wenigstens andeutungsweise mitteilen zu sollen, da nur diese Formeln 
es ermöglichen, die zunächst hypothetischen Erklärungsversuche in 
ihren Konsequenzen an der Erfahrung zu prüfen. Im übrigen dürfte 
der Zweck dieser Zeilen schon dann erreicht sein, wenn es mir ge- 
lungen sein sollte, zu zeigen, in welch ungeheurer Verzerrung wir den 
umgebenden Baum eigentlich sehen. Mag diese Verzerrung auch 
teleologisch begründet und für uns, da sie die Aufmerksamkeit von 
den entfernteren Partien unserer Umgebung ablenkt und auf die näheren 
konzentriert, auch von ganz besonderem biologischen Werte sein, so 
bedeutet sie doch jedenfalls einen sehr störenden Umstand für alle 
jene, denen es um die Feststellung der wahren Sachverhalte zu tun 
ist, und erfordert, wenn Irrtümer vormieden werden sollen, die gewissen- 
hafteste Berücksichtigung. 



12* 



XIV. 

über die Verwendbarkeit von Hornhautmassen zur 
Identifizierung von Verbrechern. 

Von 
Dr. med. Adolf Steiger, Augenarzt, Zürich. 



Es mag dem Anthropologen und vor allem auch dem Krimina- 
listen wenig oder gar nicht bekannt sein, daß wir in der Messung der 
Hornhautwölbung ein ganz ausgezeichnetes Mittel besitzen zur Eegi- 
strierung von Menschen. 

Ob die jetzt gebräuchliche Erkennung von Personen naxjh den 
Systemen von Bertillon und Galton für die praktischen Zwecke der Kri- 
minalpolizei genügt oder nicht, entzieht sich freilich meiner Kenntnis. 
Auch weiß ich nicht, ob in diese Systeme hinein mit Vorteil neue Mo- 
mente hineingetragen werden können. Doch das sind Fragen sekundärer 
Natur, die erst dann Bedeutung erlangen müßten, wenn durch die in 
dieser Arbeit niedergelegten Ausführungen der Beweis für eine her- 
vorragende Eignung der Augenmaße zur Identifizierung erbracht 
werden könnte. 

Ich beschäftige mich nun seit ca. 17 Jahren sehr eingehend mit 
Homhautmessungen. Das soll die Legitimation sein, über die vor- 
liegende Frage überhaupt zu sprechen. 

Wer massenhaft Untersuchungen über die Krümmungsverhältnisse 
der Hornhaut anstellt, dem fällt immer wieder auf, wie groß die 
Differenzen zwischen den einzelnen Individuen sein können. Die 
Zahlen sagen freilich dem mit der physiologischen Optik wenig Ver- 
trauten nicht viel. Ich will aber doch nicht unterlassen, gleich hier 
schon anzuführen, daß die Krümmung der Hornhaut von weniger 
als 39 Einheiten des zu solchen Messungen verwendeten Maße« auf 
über 48 steigen, also um über 23 ^/o der tiefsten Ergebnisse variieren 
kann. Das sind so außerordentlich große Unterschiede, wie sie wohl 
kaum bei vielen anderen Messungen gefunden werden. 



f ber die Verwendbarkeit v. Homhautmassen z. Identifizieruiißr v. Verbrechern. 181 

Nun stehen uns aber von Seiten der Hornhaut noch andere Maße 
zur Verfügung. Da ist vor allem der Astigmatisraus von größter Be- 
dentuDg. (Wir werden gleich auf die für Nicht-Mediziner unumgäng- 
lichen Erläuterungen eingehen. Vorläufig begnüge man sich mit dem 
Worte.) Das gestattet eine zweite Messung von oft erstaunlich indi- 
viduell charakterisierender Art 

Dann kommt ein weiteres hochwichtiges Moment dazu: die Du- 
plizität des Organs. Beide Messungen, die der Homhautwölbung im 
allgemeinen und die des Astigmatismus, können auf beiden Seiten 
übereinstimmen, oder sie] weisen kleinere oder größere, oft enorme 
Differenzen auf. 

Diese kurze Einführung möge zeigen, daß wir hier vor sehr 
niodulationsfäbigen Massen stehen. 

Es sei mir nun gestattet, einer für mich allerdings etwas unge- 
wöhnlichen Leserschaft meine Ansichten über die kriminalistische Ver- 
wertbarkeit der Homhautmasse zu entwickeln. 

Die Hornhaut stellt einen Konvexspiegel dar. Schauen wir in 
eine spiegelnde konvexe Fläche, so erscheint unser Bild verkleinert, 
mehr oder weniger, je nach der Brechkraft, d. h. der Wölbung dieses 
Spiegels. Nun gibt es verhältnismäßig einfache Apparate, die die 
Messung dieser Spiegelbilder oder durch einfache Umrechnung die 
Feststellung der Stärke der Wölbung gestatten. Jeder Augenarzt 
braucht dieses Instrument tagtäglich. Die Resultate der Messungen 
werden in sogenannten Dioptrien ausgedrückt. Eine Dioptrie ent- 
spricht der brechenden Kraft einer Meterlinse, einer Linse, deren 
Brennpunkt in einem Meter Entfernung liegt. Nichts Leichteres für 
einen geübten Beobachter, als solche Messungen auf halbe oder 
^ertel Dioptrien genau auszuführen. 

Der gleiche Apparat leistet aber noch weit mehr. 

Die menschliche Hornhaut zeigt nur ausnahmsweise die ideale 
Wölbung, die ihr der ohne genaue Instrumente Untersuchende zuzu- 
schreiben versucht ist. Wir sehen hier ganz ab von den peripheren 
Teilen, die ganz wesentlich von den zentralen abweichen und be- 
schränken uns ausschließlich auf diese letzteren, die auch für das 
Sehen weitaus die größte Bedeutung haben. Messen wir nun mit 
nnserem Apparate, dem Java'schen Ophthalmometer, die Krümmung der 
Hornhaut im wagerechten Meridian, so erhalten wir eine bestimmte 
^»roBe, die, wie gesagt, in Dioptrien ausgedrückt wird. Nun läßt 
sich das Femrohr, der Hauptbestandteil des Apparates, um seine Achse 
drehen. Eine zweite Messung im senkrechten Meridian kann nun mit 
«lieser ersten Messung vollkommen übereinstimmen, oder aber sie kann 



182 XIV. Steiger 

ein abweichendes Resultat ergeben. Im ersten Fall ist die Hornhaut, 
soweit sie für unsere Zwecke in Betracht kommt, um ihren Scheitel- 
punkt herum vollständig regelmäßig gekrümmt Diese ideale Krüm- 
mung ist aber ja nicht etwa die Regel, sondern vielmehr die Aus- 
nahme. Regel ist im Gegenteil eine Verschiedenheit in den Messungs- 
ergebnissen der beiden Hauptmeridiane. Eben diese Verschiedenheit 
nennen wir Hornhaut-Astigmatismus. 

Nun können die Abweichungen zwischen den beiden Messungen 
in zweierlei Weise auftreten. Einmal kann der wagerechte Meridian 
flacher sein als der senkrechte, ein zweites Mal stärker gewölbt 
Hieraus ergeben sich zwei Hauptgruppen von Astigmatismus; der 
sogenannte Astigmatismus nach der Regel und der Astigmatismus 
gegen die Regel, oder perverser, auch inverser Astigmatismus. 

Bei beiden Gruppen kann selbstverständlich der Grad wieder 
ganz gewaltig differieren. 

Das Maß für den Astigmatismus ist wiederum die Meterlinse, 
die Dioptrie. 

Sollen nun diese verschiedenen Maße zu anthropometrischen 
Messungen Verwendung finden können, so sind eine Reihe von Er- 
fordernissen zu erfüllen. Ich weiß freilich nicht, ob mir — einem 
Laien in solchen Fragen — gerade alles das einfällt, was bei der 
Beurteilung wichtig ist. Doch scheinen mir die folgenden Fragen 
das Wesentliche zu enthalten: 

I. Sind die Messungen allenfalls auch durch Polizeibeamte 

ausführbar? 
II. Sind die Messungen zuverlässig genug? 

III. Sind die Resultate konstant? 

IV. Zeigen die Messungsresultate soviel Modulationsfähigkeit, 
daß durch die Kombination der verschiedenen Elemente — 
Homhautwölbung, Homhautastigmatismus, Zweiäugigkeit 
— sich eine genügende Differenzierung der einzelnen 
Individuen garantieren läßt? 

Nach Beantwortung dieser Fragen soll schließlich noch kurz 
ausgeführt werden, wie die Verwertung der Augenmaße praktisch 
durchgeführt werden könnte. 

I. Sind solche Messungen allenfalls auch durch Poli- 
zeibeamte ausführbar? 

Ich habe bis heute wohl über 30000 Augen ophthalmometriert. 
Wenn ich mir hieraus ein Urteil über die Schwierigkeit solcher 
Messungen gewiß erlauben darf, so verhehle ich mir andererseits 



1 bor die Verwendbarkeit v. Hornhautmassen z. Identifizierung v. Verbrechern. 183 

keineswegs, daß man nicht selten in Versuchnng kommt, gerade das, 
was man durch eine solche Übung erworben hat, als zu leicht zu 
betrachten. Dennoch glaube ich voraussagen zu können, daß jeder 
gnte Beobachter, der einigermaßen mit optischen Apparaten umzugehen 
weiß, auch die ophthalmometrische Messung sehr rasch so beherrschen 
wird, wie es für den vorliegenden Zweck notwendig ist. Wenn die 
neue Methode aber wirklich große Vorteile bieten sollte, so wäre eine 
jeweilige Untersuchung durch einen besonders geeigneten Beobachter, 
Augenarzt, Ingenieur, Lehrer, Photographen usw. gewiß kein Ding 
der Unmöglichkeit. 

Durch zwei oder drei Messungen kann sich übrigens jeder auf 
die einfachste Weise selbst kontrollieren. 

Die Untersuchung verlangt für jedes Auge kaum eine halbe 
Minute. Der sehr Geübte mißt gelegentlich ein Auge in drei bis vier 
Sekunden auf hundertstel Millimeter genau. Ich glaube also wirklich, 
daß jeder gut beobachtende höhere Polizeibeamte, der eine kurze 
Schalung bei einem ganz erfahrenen Augenarzt durchgemacht hätte^ 
die Homhautmessungen vollständig befriedigend auszuführen imstande 
sein wird. 

IL Sind die Messungen zuverlässig genug? 

Diese Frage dürfen wir mit gutem Gewissen ohne Umschweife 
mit Ja beantworten. Das Ophthalmometer gestattet uns die absolut 
genaue Messung von ganzen Meterlinsen. Was zwischen diesen liegt, 
wird abgeschätzt. Nun ist es bei auch nur geringer Übung ein 
Leichtes, halbe Meterlinsen zu schätzen, bei etwas mehr Übung ohne 
weiteres auch Viertel-Dioptrien. Ja man kann die Genauigkeit we- 
nigstens für viele Augen noch weiter treiben. Doch ist das durchaus 
nicht notwendig. Für augenärztliche Zwecke genügt die Berücksich- 
tigung der Viertel-Dioptrien auch vollständig. 

Es kommt, wie ich vermute, bei solchen Messungen überhaupt 
weniger auf eine sehr große Genauigkeit an, als auf die Möglichkeit, 
aus den Maßen ein Einteilungssystem schaffen zu können, das den 
Kreis der in Frage kommenden Individuen immer mehr einzuengen 
erlaubt. Diesem Zwecke genügt die leicht erreichbare Genauigkeit 
einer Viertel-Dioptrie vollauf. 

III. Sind die Resultate konstant? 

Ja und nein ! Das hängt wesentlich von einer genaueren Frage- 
stellung ab. Somatische Maße sind, genau genommen, überhaupt 
nicht absolut konstant. So wechselt ja bekanntlich die Körpergröße 



J84 XIV. Steigek 

sogar vom Morgen bis zum Abend in meßbarem Grade. Solche 
Schwankungen kommen aber begreiflicherweise nicht in Betracht. 

Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten. Einmal treten selbst- 
verständlich Wachstumsveränderungen auf. Das ist so einleuchtend, 
daß man eigentlich gar nicht weiter darauf einzugehen brauchte. 
Wenn ich es trotzdem tue, so geschieht das aus zwei Gründen. Zu- 
erst deshalb, weil gerade durch meine Messungen zum erstenmal über 
diese Veränderungen an einem großen Material Aufschluß gegeben 
wurde. Dann aber vor allem, um festzustellen, daß diese Verände- 
rungen unendlich geringer sind, als alle Veränderungen am Körper- 
gerüst. Ein Beispiel möge zum Beweise dienen. Bei 1300 Knaben- 
augen nahm die Homhautrefraktion im Verlaufe von 5V2 Jahren — 
vom 6. bis zum 12. Altersjahr — nur um 0,3 Dioptrien ab. Der 
Durchschnitt der Hornhautrefraktion aller Augen betrug bei der 
ersten Messung 43 Dioptrien. Die Abnahme macht mithin nur knapp 
0,7 % der ursprünglichen Krümmung aus. Vergleichen wir damit 
einmal die Körpergröße! Die wird schätzungsweise im gleichen Zeit- 
abschnitt von ca. 120 auf 150 cm ansteigen, was einer prozentualen 
Zunahme von 25^/0 entspricht! Die Kopfmaße freilich nehmen bei 
bei weitem nicht in diesem Verhältnis zu, aber doch noch ungleich 
mehr als die Augenmaße. 

Es beeinträchtigt also ganz sicher das Wachstum die Brauchbar- 
keit der Maße für die Augen weit weniger in der Verwendbarkeit 
für lange Dauer, als die groben Körpermaße. Ich will zudem nicht 
unterlassen beizufügen, daß unter den 1300 Knabenaugen und dazu 
noch unter 1 700 Mädchenaugen im gleichen Alter, also bei 3000 Augen 
beinahe 50% überhaupt keine Veränderung zeigten, die für unsere 
Zwecke in Betracht kommen könnte. Bei noch jüngeren Individuen 
müssen freilich die Abflachungen bedeutender sein. Aber gerade im 
strafmündigen Abschnitt der Jugendzeit sind die Veränderungen an 
den Augen so gering, daß die Augenmaße sicher allen anderen Kör- 
permaßen in dieser Hinsicht bedeutend überlegen sind. 

Nun ist ja natürlich dieses Alter für die anthropometrischen 
Messungen bei weitem nicht so wichtig, wie die folgenden drei bis 
vier Dezennien. Und gerade während dieser langen Periode sind die 
Hornhautkrümmungsverhältnisse am stabilsten. 

Damit kommen wir auf eine zweite Gruppe von möglichen Ver- 
änderungen : solche, die vielleicht mit Krankheiten oder mit noch ganz 
unbekannten Faktoren vereint gedacht werden könnten. Darüber 
existieren sozusagen noch gar keine Untersuchungen. Das einzige, 
was in dieser Richtung sicher festgestellt ist, das ist eine ganz all- 



fber die Verwendbarkeit v. Homhautmassen z. Identifizierung v. Verbrechern. 185 

mähliche Abflacliung in den fünfziger Jahren und später, wie ich 
schon vor 15 Jahren nachweisen konnte. Wahrscheinlich trifft diese 
Abflachung nur einen gewissen Bruchteil der Menschen, sehr wahr- 
scheinlich die hohen Grade von Astigmatismus am allerwenigsten, und 
gerade diese hohen Grade sind es, die am zuverlässigsten zur Iden- 
tifizierung beitragen. 

Ich glaube daher, daß diese Veränderungen verhältnismäßig so 
wenige Individuen treffen in dem für die kriminalistische Verwertung 
wichtigsten Alter und außerdem dem Grade nach so gering sind, daß 
auch in dieser Hinsicht die Körpermaße nicht überlegen sind. Wei- 
tere Erfahrungen sind hier allerdings noch wünschenswert. 

IV. Zeigen die Messungsresultate soviel Modulations- 
fähigkeit, daß durch die Kombination der verschiedenen 
Elemente sich eine genügende Differenzierung der ein- 
zelnen Individuen garantieren läßt? 

um diese Frage zu entscheiden, habe ich aus meinem Patienten- 
material die ersten 200 Fälle ohne Auswahl herausgenommen. Na- 
türlich konnten nur Augen berücksichtigt werden, bei denen die uns 
interessierenden Messungen seinerzeit gemacht wurden. Das ist aus 
hier nicht zu erörternden Gründen eben nicht immer der Fall. Nun 
verteilte ich alle diese 200 Individuen nach einem später zu beschrei- 
benden System in 81 Gruppen. Dabei ergab sich, daß die einzelnen 
Gruppen außerordentlich ungleich stark wurden, was eine unmittel- 
bare Folge des gewählten Zuteilungsprinzipes war. 

Gerade die stark besetzten Gruppen dienten nun als Kontrolle. 
So wählte ich z. B. Gruppe 73, eine der extremsten Eckgruppen. 
Unter den 22 Individuen dieser Gruppe konnten nur zwei miteinander 
Verwechselt werden. Alle anderen waren allein mit der Homhautmessung 
zu identifizieren. Nun ist es ja klar, daß man auf andere Faktoren 
nicht verzichten wird. So ist z. B. in weitaus den meisten Fällen das 
Geschlecht bekannt, was den Kreis der in Frage kommenden Fälle 
sofort wesentlich einengt. Oder es genügt, neben den ophthalmo- 
metrischen Maßen noch die Körpergröße oder die Hautfarbe oder die 
Sprache oder die Fingerabdrücke oder irgend ein leicht bestimmbares 
objektives Merkmal zu besitzen, um die Identität festzustellen. 

Selbstverständlich mehren sich die ähnlichen Fälle mit der Zu- 
nahme des Materials. Das ist indessen nicht nur unseren Maßen 
eigentümlich, sondern trifft grundsätzlich für alle anthropologischen 
Maße zu. 



186 XIV. Steiger 

Diese Zunahme der übereinstimmenden Fälle wächst nun aber 
in erster Linie auch mit der Annäherung an die physiologischen 
Mittelwerte. Auch das gilt ceteris paribus für alle Maße. Sehen wir 
uns deshalb vor allem auch die mittlere, größte Gruppe etwas näher 
an. Sie enthält 27 Individuen. Von diesen sind 15 Individuen so- 
fort zu erkennen. Sechsmal aber gleichen sich je zwei vollständig. 
Es ist nun einleuchtend, daß die Messungen auch in diesen Fällen die 
Identifizierung außerordentlich gefördert hätten, denn mit Zuhilfe- 
nahme eines oder mehrerer anderweitiger Erkennungszeichen, z. B. 
der Photographie wird die Identität in wenigen Augenblicken fest- 
zustellen sein. 

Das ist naturgemäß die unzuverlässigste Gruppe. Die erst er- 
wähnte war eine der zuverlässigsten. Die Aufschlüsse der anderen 
Gruppen liegen zwischen diesen Grenzen.- 

Freilich darf ich eine Schwierigkeit nicht verschweigen. Die 
menschliche Hornhaut kümmert sich wenig um unsere künstliche Ein- 
teilung nach Dioptrien. In der Natur gibt es keine Viertel und Halbe. 
Da ist alles Übergang. Daraus folgt, daß der gleiche Beobachter einen 
Fall, der gerade zwischen zwei Vierteln drin liegt, einmal so, das andere 
Mal anders ablesen wird. Das muß natürlich Störungen in der Re- 
gistrierung bezw. in der Auffindung registrierter Fälle nach sich 
ziehen. Zwei verschiedene Beobachter sind nun naturgemäß noch 
viel mehr in Gefahr, den genau gleichen Fall verschieden zu messen, 
weil bei allen solchen Feststellungen ein subjektiver Faktor nie mit 
absoluter Sicherheit ausgeschaltet werden kann. Es gibt aber keine 
morphologischen Maße, die nicht die gleiche Unsicherheit in sich 
schlössen. Auch die Körpergröße und jedes beliebige andere Maß 
richtet sich nicht nach unserer künstlichen metrischen Einheit. Auch 
da können wir bei Grenzfällen nie auf eine absolut übereinstimmende 
Ablesung für verschiedene Messungen zählen. Welche Einheit wir 
auch zugrunde legen — immer muß es Zwischenfälle geben. Je 
feiner wir abzuteilen bestrebt sind, um so größer wird die Zahl 
der unsicher zu rubrizierenden Resultate. Ich betrachte das nicht 
als eine besondere Schwierigkeit gerade der ophthalmometrischen 
Messungen. 

Fassen wir alles zusammen, so dürfen wir ohne Zweifel be- 
haupten, daß die Hornhautmaße in hohem Grade geeignet sind, eine 
sehr große Zahl von Menschen derart zu registrieren, daß der einzelne 
in den meisten Fällen sofort herausgefunden werden kann. In weit- 
aus den meisten der verbleibenden Fälle aber wird die Menge der 
in Betracht kommenden Individuen so eingeschränkt, daß für die 



über die Verwendbarkeit v. HorDbautmassen z. Identifizierung v. Verbrechern. 187 

weiteren Nachforschungen außerordentlich vorgearbeitet sein wird. 
Andere Merkmale sind ja ohnehin bei allen anthropometrischen Maßen 
noch notwendig. Wenn bei einem noch so reichhaltigen Material eine 
Messung mit einer schon registrierten absolut übereinstimmt, so darf 
selbstverständlich hieraus allein niemals ein unbezweifelbarer Schluß 
auf Identität gezogen werden. 

Fftr die praktische Verwertung der Hornhautmaße zu dem uns 
hier beschäftigenden Zwecke sind zwei Wege denkbar. 

Wenn die Bertillon'schen Messungen einer Ergänzung bedürfen, 
80 kann dies ohne Zweifel mit dem Ophthalmometer in der vollendet- 
sten Weise gegeben werden. Stimmen die Bertillon*schen Maße einer 
za identifizierenden Person so überein, daß nur noch ein letztes Glied 
zor Sicherheit fehlt, so wird die Homhautmessung in den meisten 
Fällen über jeden Zweifel hinwegheben. 

Nun weiß ich, wie ich schon eingangs betont habe, freilich nicht, 
ob eine solche Ergänzung wünschenswert oder gar notwendig ist. 

Es läßt sich aber, wenn das auch nur theoretisches Interesse 
haben sollte, auf der Hornhautmessung geradezu ein eigenes System 
aufbauen. Der Versuch eines solchen möge den Schluß dieser be- 
bcheidenen Studie bilden. 

Halten wir uns der Zeitersparnis wegen nur gerade an die 200 
oben verwendeten Fälle. Für die Ausarbeitung eines gebrauchs- 
fertigen Systems müßten natürlich viel mehr Individuen verwertet 
werden. 

Der Einteilung werden zugrunde gelegt: 

I. Die minimale Homhautrefraktion, 
II. der Homhautastigmatismus, 
IIL die Differenzen von rechts und links. 

Wir stellen zuerst die Augen nach der Hornhautrefraktion in drei 
nngefähr gleichstarke Gruppen zusammen: flache, mittlere und stark 
gtwSlbte Hornhäute. Das gleiche wird für den Astigmatismus ge- 
macht Wir teilen ein in schwache (und perverse), mittlere und starke 
Grade. Daraus ergeben sich je drei Hauptabteilungen. Sie erhalten 
inj System die Bezeichnungen A, B und C bezw. I, II und III 
'S. Tabelle I). 

Nun werden die einzelnen Individuen nach den Maßen des rechten 
Auges diesen Hauptgruppen einverleibt. Jede dieser Hauptgruppen 
itTÜlli wieder in drei Untergruppen, die genau nach den gleichen 
Gesichtspunkten gebildet werden: Wir nennen sie a, b und c und 
1, 2 und 3. Die Zuteilung zu diesen Gruppen zweiter Ordnung 



188 XIV. Steiger 

gründet sich auf das linke Auge. Auf diese Weise verteilt sich das 
ganze Material auf 81 Gruppen. Die Zugehörigkeit eines jeden Auges 
zu seiner Gruppe ist spielend leicht zu finden. 

Betrachten wir nun die Verteilung aller 200 Individuen, so fällt 
sofort eine außerordentlich ungleiche Besetzung der einzelnen Felder 
auf. Von den 81 sind 51 überhaupt ganz leer. Die Bezeichnung der 
reichst bedachten: Aa, Bb, Cc und II, 112, III 3 gibt auch gleich 
den Schlüssel zur Erklärung dieser Erscheinung: Wenn das eine Auge 
flach ist, so ist es meistens auch das andere des gleichen Menschen, 
und wenn ein Auge stark astigmatisch ist, so treffen wir diesen Fehler 
meistens auch auf dem anderen Auge. Das ist im Grunde sehr na- 
türlich. Freilich sind auch innerhalb einer Gruppe noch sehr erheb- 
liche Differenzen möglich. 

Grobe Unterschiede zwischen beiden Augen sind also nicht sehr 
häufig. Wo sie vorhanden sind, da kennzeichnen sie ein Individuum 
meist in vortrefflicher Weise. 

Nun ist es für die Bedürfnisse der Praxis natürlich nicht gut, 
wenn einzelne Gruppen ungebührlich stark werden und andere ganz 
leer ausgehen. 

Dem ist in der einfachsten Weise abzuhelfen. Tabelle II enthält 
die gleichen 200 Personen nach einer korrekteren Verteilungsgrund- 
lage geordnet. Statt der Verteilung die Häuf igkeits Verhältnisse aller 
Augen zugrunde zu legen, werden für die Abgrenzung von A, B 
und C und I, II und III nur die rechten Augen verwendet, für 
die Abgrenzung von a, b und c und 1, 2 und 3 dagegen nur die 
linken Augen. Selbstverständlich können die 200 Fälle keine auch 
nur annähernd zuverlässige allgemeine Häufigkeitsskala ergeben. 
Dazu gehören mindestens einige Tausende von Personen. Hier 
kommt es aber nur auf die Grundsätze der Einteilung an, nicht auf 
die Resultate. 

Tabelle II ist nach diesem Einteilungsmodus aufgebaut. Das 
sieht nun schon ganz anders aus! Von den 81 Feldern sind nur noch 
1 1 Felder leer. Die übrigen 70 Felder teilen sich in die 200 Personen. 
Da gibt es keine übermäßig besetzten Gruppen mehr. 

Ob nun die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Gruppen etwas 
mehr nach oben oder nach unten verschoben werden, oder etwas 
mehr nach rechts oder links — das ist rein nebensächlich für heute. 
Es lag mir nur daran, zu zeigen, daß auf Grund allein der Horn- 
faautmaße ein ganzes in sich abgeschlossenes System anthropometrischer 
Messungen möglich ist. 



Über die Verwendbarkeit v. Hombautmassen z. Identifizierung v. Verbrechern. 189 

Verletzungen und Erkrankungen der Hornhaut lassen meistens 
erhebliche Spuren zurück. Die Resultate der Messungen können dann 
in hochgradiger Weise zwischen beiden Augen differieren. Wenn nun 
in solchen Augen ein entsprechender Eintrag in die Karte des be- 
treffenden IndividuunQS gemacht wird, so ist dieses für alle Zeiten 
von den überwiegend zahlreicheren normalen Augen zu unterscheiden. 
Aber auch unter sich lassen sich die Anormalen sehr leicht so klassi- 
fizieren, daß ein Auffinden ohne Schwierigkeiten in kürzester Zeit 
möglich ist Da außerdem pathologische Kennzeichen viel variabler 
sind als physiologische und wie gesagt auch viel seltener, so sind sie 
im gegebenen Falle auch viel zuverlässiger. Heute aber wird dieser 
Aufschluß, den nur das Ophthalmometer in objektiver Weise zu geben 
vermag, noch gar nicht zu Rate gezogen. 



Tabelle I. 
Homhautrefraktlon. 

L B 



Rechtes 
Auge "^ 


bis 42.75 D. 


43.0-44.0 


44.25 
und mehr 




pervers, 
r und 


9 — — 

2 ; - - 


1 1 19 - 

1 j 3 , - 


- 1 - 13 

— — 1 


1 pervers, 
0, 0.25 

2 \ 0.5-1.25 


1 0.25 


— ' — ' — 


« 1.5 
' und mehr 


i bis 
1 1.25 

s 


3 — — 


— 2 — 


— — 6 


, , per\'ers. 
^ 1 0, 0.25 


13 2 — 


1 27 — 


— ' — 


24 

1 


2 0.5-1.25 


6 1 — — 

1 


1 ; 3 1 - 


— 1 — 


1.5 
und mehr 


ffi l 5 


__ _ 1 _ 


— — — 


1 

1 - 

1 


— 


, ! pervers, 
^ 0, 0.25 


III ^-^ 
und 

mehr 


2 - ; — 
22 3 — 


- , 5 

3 9 1 


2 


2 05—1.25 


13 


2 1.5 
und mehr 




a 1 b ! c 


a , b c 


a b i c 


t 




.. 43.0 44.25 
.Jl\ bis 1 und 
^2-^5 44.0 ; mehr 


, . 43.0 ,44.25 
,^V% bis und 
-*2-^^ 44.0 mehr 


4^75' ^^ 


44.25 
und 
mehr 


linkes 
Auge 



190 



XIV. Steiger 
Tabelle II. 
HorDhantrefraktlon. 







A 






B 




C 




Rechtes 
Auge -♦ 
4 


flache 
Hornhäute 
bis 42.75 


mittelstark 
gewölbte Horn- 
häute 
43.0—44.0 


stark gewölbte 

Hornhäute 
mehr als 44 




Aogen mit « 
perversem o 


2 1 


2 


— 7 1 


3 


— 3 


1 pervers 


^ geringem « 
Istigmat 1 


3 


' 


1 ! 2 9 


1 1 5 1 


1 u. 25 


nach der C 
Regel S. 


1 


1 


3 


— 1 2 


3 ^'^ 
und mehr 


s 

i Augen S 
In mit 7 
1^ mäßigem g 
:g Astigm. 


2 ' 3 


2 

4 


3 


5 ' 2 


6 5 5 


- pervers; 
* 0—0.25 


1 i 1 


5 7 4 

3 5 — 

< 


2 3 2 


2 1 75— 1.0 


6 1 2 j 3 


8 8 2 


o 1.72 
und mehr 


Augen 1 

III „ ™**^ -g 
stärkerem g 


3 I 3 


5 
3 


2 
2 


3 1 4 


2 
2 


4 3 


. ' pervers; 
^ 1 0-1.5 


2 


1 


' ; ' 


1 1 1 


2' 175-3 


Astigm. .o 


5 


4 l 


2 1-, 1 


' - , - 


3 ^^^ 
und mehr 




a 


b 1 c 


a 

bis 
43.0 


b 1 c 


a b 1 c 


t 




bis 
41.5 


4175 

bis 

42.25 


4 52 
und 
mehr 


43.25 43 75 
und 1 und 
43.5 mehr 


bis 
44 5 


44.5 45.5 

bis und 

45 25 mehr 


^ linkes 
Auge 



XV, 
Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. V/ 

Von 
Privatdozent Dr. Hugo Herz in Brunn. 



Im allgemeinen versteht man unter Rückfall die Begebung eines 
Verbrechens von Seiten einer Person, die wegen eines Verbrechens be- 
reits eine Strafe erlitten hatte oder der dieselbe teilweise nachgesehen 
wurde. Rückfall im engeren Sinne ist die Wiederholung eines gleich- 
artigen oder gleichen Verbrechens unter den erwähnten Um- 
standen '). 

Der Rückfall wird in den Gesetzgebungen häufig als Straf- 
verscbärfungsgrund behandelt und die Rechtfertigung darin gefunden, 
daß einen besonders intensiven normwidrigen Willen an den Tag 
legt, wer trotz früher erlittener Strafe neuerlich delinquiert, anderer- 
seits zeige das neue Verbrechen, daß die frühere Strafe unzuläng- 
lich war. 

Das österreichische Strafrecht behandelt Rückfall als erschweren- 
den umstand, wenn der Verbrecher schon wegen eines gleichen Ver- 
brechens bez W.Vergehens oder Übertretung gestraft ist (§§ 44c, 263b St.G.). 
Als Qualifikationsmoment ist im österreichischen Strafgesetz der zweite 
Rückfall beim Diebstahl erwähnt Der Diebstahl wird bei einem Be- 
trage von mehr als fünf Gulden zu einem Verbrechen, wenn der Täter 
«chon zweimal wegen eines Verbrechens oder einer Übertretung ge- 
straft worden ist (§ 176 IIa St.G.). Überdies spielt die Wiederholung 
einer strafbaren Handlung im zweiten Teile des Strafgesetzbuches 
(Übertretungen) als Qualifikationsmoment eine größere Rolle; zumeist 
erscheint mit der Wiederholung eine strengere Strafe verknüpft. 

Schließlich ist die Wiederholung der Straftat auch noch für 
den Strafvollzug von einer gewissen Bedeutung. In den Männer- 
strafanstalten wird die Strafe in drei Klassen vollzogen, die sich 
inhaltlich dadurch voneinander unterscheiden, daß den Sträflingen 

1» V. Liszt Lehrbuch des deutschen Strafrechtes, Berlin 1905. Finger. 
>trif rocht, Berlin 1902. 



192 XV. Herz 

der höheren Klasse mit Bezug auf Arbeitsentlohnung, Zuwendung 
von Nebengenüssen, Besuch, Empfang und Absendung von Briefen 
gewisse Begünstigungen gegenüber den Sträflingen der niedrigeren 
Klasse zustehen. Die Rückfälligen haben nach den Hausordnungen 
eine längere Zeit in diesen Disziplinarklassen zu verbleiben. Diese 
gesetzlichen Bestimmungen erweisen, daß die Frage der Rezidivität 
den Gesetzgebern der klassischen Epoche nicht fremd gewesen ist Um 
os mehr mußte in der neuesten Phase strafrechtlicher EntwickloQg 
das Problem die Aufmerksamkeit der Kriminalisten nach sich ziehen. 

Nicht unzutreffend charakterisierte die Bedeutung des Problems 
V. Liszt *) bereits auf dem Gefängniskongresse in St. Petersburg im 
Jahre 1899 mit den Worten: „La politique criminelle de nos jours 
peut etre resum^e en deux problÄmes dont la Solution ne peut plus 
etre ajoumöe: combatter les r6cidivistes, sauver les criminels 
d'occasion." 

Der Rückfall als individuelle Erscheinung erfordert zu seiner 
Erkenntnis das Wissen von der Umgebung und den Bedingungen, 
unter welchen er vorkommt, wie auch die genaue Kenntnis der Per- 
sönlichkeit Zeigen uns die Massenbeobachtungen die allgemeinen 
Ursachen der Wiederholung der Verbrechen, sowie die Elemente oder 
Kombinationen, welche diese Erscheinungen hervorrufen, so sollen 
die individuellen Beobachtungen jene Ursachen der Rezidivität er- 
gründen, welche sich aus den persönlichen Bedingungen des Rück- 
fälligen ergeben. Die Grundbedingung, um die Verhältnisse der Re- 
zidivität eingehend zu studieren, ist daher vor allem eine genaue 
und detaillierte Statistik. 2) 

Die österreichische Statistik zählte bis 1895 nur die Rückfälligen 
im weiteren Sinne des Wortes und gab nur bezüglich der Gesamt- 
summe eine Berechnung des Verhältnisses zur Zahl der Verurteilten ohne 
Unterschied des Geschlechtes. Seither sind in der Rückfallserhebung 
wesentliche Verbesserungen eingetreten: durch Berücksichtigung lo- 
kaler Verschiedenheiten, insbesondere auch individueller Momente.-*) 

Die Rückfalltabelle für die Jahre 1861 — 1903 zeigt in absoluten 
Zahlen folgende Bewegung: 

1) Rapport sur la IVe qaestion du prog. de la P^e Section, Bulletin 
de la comiss. pßnitent, St Peterebourg 18S9. v. Liazt. Kriminalpolitiscbe 
Aufgaben in Z. f. d. g. Straf rechts w. IX. Sack er. Rückfall, Berlin 1894. 

2) Köbner. Methode einer wissenschaftlichen Rückfallsstatistik in Z. f.d. 
g. Strafrw., Bd. XIII. Zucker. Jur. Blätter 1897, Nr. 40. Högel. Nr. 43. 
Anonymus. Nr. 45. Groß. Gcr.-Zeitung 1896. 

3) Mi sohl er. Kriminalistik als Erkenntnisquelle H. G. W. I. Hogel. 
Gesch. des österr. Straf rechtes, Wien 1904. 



Rückfälligee Verbrechertum in Österreich. 



198 





Zahl der wegen 


davon vorbe- 


wegen 


nicht 
vorbestraft!] 


Im Jahrfflnft 


Verbrechens 


straft wegen 


Vergehens oder 




Verurtdlten 


Verbrechens 


Übertretung 


1866—1870 


120935 


33129 


21126 


66 680 


1871—1875 


136519 


35195 


24 554 


76770 


1876—1880 


157 140 


40041 


35 003 


82 096 


1881 — 1885 


157377 


39 094 


39 709 


78 574 


1886—1890 


144119 


34314 


40 226 


69 629 


1891—1895 


146 640 


34 620 


42 404 


69616 


1896—1900 


160 209 


36 378 


48 089 


75 472 


1901 


36 305 


8174 


10941 


17 190 


1902 


35 495 


8127 


10 630 


16 738 


1903 


35940 


8183 


10437 


15320 


Von 100 


wegen Verbrechens Verurteilten waren 




im Jahrfünft 


vorbestraft 

wegen 
Verbrechens 


wegen 

Vergehens oder 

Übertretung 


vorbestraft 
überhaupt 


nicht 
vorbestraft 


1866—1870 


27.4 


17.5 


44.9 


55.1 


1871—1875 


25.8 


17.9 


43.7 


56.3 


1876—1880 


25,5 


22.2 


47.7 


52.3 


1881—1885 


24.8 


25.2 


50.0 


50.0 


1886—1890 


23.8 


27.9 


51.7 


48.3 


1891—1895 


23.6 


28.9 


52.5 


47.5 


1896—1900 


22.7 


30.0 


52.7 


47.3 


1901 


22.5 


30.1 


52.6 


47.4 


1902 


22.9 


29.9 


52.8 


47.2 


1903 


24.1 


30.8 


54.9 


45.1 



Diese Ziffern ergeben im allgemeinen, daß die Bezi- 
divität bezw. die Zahl der Vorbestraften zugenommen hat. 
Dagegen läßt sich im Verbrechertume selbst ein allmähliches Sinken 
der wegen Verbrechens bereits Vorbestraften wahrnehmen, was um 
so bemerkenswerter erscheint, als die offizielle Statistik weiters zeigt, 
daß auch das Verhältnis der einmal wegen Verbrechens Vorbestraften 
zu jener der wiederholt wegen Verbrechens Vorbestraften zugunsten 
der ersteren sich verschoben hat Daraus Hesse sich deduzieren, 
daß im Verbrechertume selbst die Gelegenheitsdelin- 
qnenten (Augenblicks-, Zufallsverbrecher) auf Kosten der 
Gewohnheitsverbrecher (Zustandsverbrecher)^) zugenom- 
men haben. 

In der neueren Zeit hat sich die Theorie gegen den Begriff des 
Gewohnheitsverbrechers gewendet HögeH) meint: „Der Verbrecher 

1) Bd. LXXIV der österr. Statistik, Statistik der Strafrechtspflege, Wien 
1895 und Bd. LXXI der Ö8terr. Statistik, Wien 1903. 

2) V. Liszt Strafrechtliche Aufsätze und Vorträge, Berlin 1905. 

3) Gutachten an den XXVIII deutschen Juristentag. 

Ar^ir fftr Kriaünalanthiopologio. XXVI. 13 



194 XV. Herz 

stiehlt nicht aus Gewohnheit, sondern aus Genußsucht, Arbeitschen, 
welche den Gegenstand der Gewohnheit bilden können, aber nicht 
das Stehlen." Dennoch wäre es schwer zu leugnen, daß bei einer 
ganzen Gruppe von Verbrechern die häufige und fortgesetzte Delifcts- 
verübung eine gewisse Mechanisierung der zur Verbrechensvertibung 
notwendigen Handgriffe, gleichwie einen erheblich geringeren Wider- 
stand gegen verbrecherische Impulse zeitigt. Diese Gruppe von De- 
linquenten ist gemeint, wenn wir im folgenden von einem Gewohn- 
heitsverbrechertura sprechen, zumal für diesen Begriff die Wissenschaft 
bisher noch keinen zutreffenderen und allgemein im Gebrauche be- 
findlichen Ausdruck geprägt hat 

Aus der österreichischen Rückfallstatistik ergibt sich weiter, daß 
die Zahl und der Anteil der wegen Vergehens oder Über- 
tretung Vorbestraften gestiegen ist und daß dadnrch 
gleichzeitig eine Verminderung der bisher nicht Vorbe- 
straften herbeigeführt wurde. Diese Verschlechterung der Ver- 
hältnisse ist teilweise auf die außerordentliche Vermehrung der gericht- 
lichen Vergehens- und Übertretungstatbestände zurückzuführen, welche 
Vermehrung zur natürlichen Folge hatte, daß sich die Anteile der wegen 
Vergehens oder Übertretung Vorbestraften in der Bevölkerung, also 
die Rezidivität im weiteren Sinne des Wortes erheblich vermehrt hat. 

Der Umfang und daher der Einfluß dieser Vermehrung der Ver- 
brechens-Tatbestände geht aus folgenden Ziffern hervor: 

Es sind bis Ende 1899 venirteilt worden 

a) nach dem Landstreichergesetze vom 10. Mal 1873 R.G.B1. lOS: 
644 558, 

b) nach dem Landstreichergesetze vom 24. Mai 1895 R6.BL 89: 
1295361, 

c) nach dem Tninkenheitsgesetze für Galizien und Bukowina, Ge- 
setz vom 19. Juli 1877, R.G.BI. 67: 465 259, 

d) Tierseuchen- und Rinderpestgesetz vom 29. Februar 1880, 
RGBl. 51: 588 895, 

e) Gesetz vom 25. März 1883, R.G.BI. 78 betreffend die Vereitelung 
von Zwangsvollstreckungen: 57 278. 

Die übrigen erlassenen neuen Gesetze beeinflußten die Kriminali- 
tätsziffer nur unbedeutend. 

Diese neugeschaffenen Deliktstatbestände bedingten seit dem 
Jahre 1885 einen 15prozent. Zuwachs der Verurteilungen wegen Ver- 
gehen und Übertretungen. Tatsächlich ist jedoch die Zahl der Rück- 
fälligen seit diesem Zeitpunkte um 21,6®/o gestiegen, so daß eine weit 
stärkere Vermehrung der Rückfälligen erfolgte, als dies der Vermehrung 

1) Wahlberg. Kleinere Schriften, Bd. I. 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 195 

deliktischer Tatbestände entsprechen würde. letztere Erscheinung kann 
wohl auf soziale Ursachen zurückgeführt werden: z. B. auf die mittler^ 
weile stark herangewachsene Bevölkerung in den Städten und Indu- 
striezentren, wo sich die Gelegenheit zur häufigeren Wiederholung 
krimineller Tatbestände von selbst ergab. 

Die jährlichen Schwankungen in der Zahl der Rückfälligen, und 
zwar wegen des schon vorhin erwähnten Anwachsens der Vergehens- und 
Übertretungstatbestände nur der schon wegen Verbrechens Vorbestraften 
sind in der folgenden Übersicht für die Zeit seit dem Jahre 1876 zu- 
sammengestellt Als Rechnungsgrundlage wurden die Straf mündigen 
nach den Volkszählungen von l'SSO (für die Jahre 1876 bis 1885), 1890 
(für die Jahre 1886—1895) und t900 für die letzten Jahre gewählt. 
Auf 10 000 ortsanwesende strafmündige Zivilbevölkerung 



Jahre bezw. 


entfiel 


en wegen ^ 


/erbrechens ' 


Verurteilte 


Durchschnitte 












wegen Ver- 


a) 


Männer 






brechens nicht 


einmal 


öfter 


zusammen 




Vorbestrafte 








1S76— 1885 


27.92 


4.24 


5.52 


9.73 


1886—1895 


24.44 


3.71 


4.20 


7.91 


1896—1900 


25.14 


7.28 


3.47 


7.75 


1901 


28.62 


4.84 


3.92 


8.76 


1902 


27.07 






8.45 


1903 


25.13 


b) 


Weiber 


8.48 


1876—1885 


4.31 


0.50 


0.77 


1.27 


1886—1895 


4.01 


0.43 


0.57 


1.00 


1896—1900 


4.07 


0.45 


0.41 


0.86 


1901 


4.55 


0.52 


0.39 


0.91 


1902 


4.51 






0.96 


1903 


4.52 






0.91 



Im ganzen zeigt auch das Verhältnis zur strafmündigen Bevöl- 
kerung bei beiden Geschlechtem, daß das jedenfalls anderwärts be- 
obachtete auffällige Anwachsen der Rückfälligen, darunter insbesondere 
der oftmals wegen Verbrechens Rückfälligen sich für Österreich nicht 
feststellen läßt. Im Gegenteile gerade bei den am schwersten 
Belasteten, bei den mehrmals wegen Verbrechens Vor- 
bestraften bat sich bei beiden Geschlechtern nach dieser 
Berechnung eine allmähliche, jedoch ständig anhaltende 
Besserung ergeben. 

Das Bild, welches die Reichskriminalstatistik von dem Wechsel 
der Straffälligkeit entwirft, zeigt überdies in den letzten Jahren deut- 
lich eine starke Abnahme der schwersten Verbrechen gegen Leib und 
Üben, desgleichen haben auch die Verurteilungen wegen verbreche- 
is» 



196 XV. Herz 

rischen Diebstahls stark abgenommeD. Dagegen macht sich bei den leich- 
teren Formen in allen Deliktsgruppen eine erhebliche Zunahme wahrnehm- 
bar; am meisten bei den Übertretungen der leichten Körperbeschädigung, 
des Diebstahls, des Betruges, der Veruntreuung und der Vagabundage. 

In Kombination dieser Tatsachen mit den Ergebnissen der öster- 
reichischen Rückfallstatistik wäre der Schluß nicht unzulässig, daS 
im österreichischen Verbrechertume die Gruppe der gefährlichen De- 
linquenten im Laufe der letzten drei Dezennien stark abgenommen hat. 

Zieht man sohin bei der Wertung der Kriminalitätsbewegung alle 
diese Momente in Rechnung, so ergibt sich, daß die Mehrung der 
Gesamtkriminalität in Österreich nicht als ein für die 
sozialen Verhältnisse bedenkliches Symptom angesehen 
werden kann, daß sowohl die Kriminalität in objektiver 
wie in subjektiver Hinsicht eine günstige Wendung ge- 
nommen hat, indem sowohl geringere Gefährlichkeit der 
Straftaten, als auch eine geringere Gefährlichkeit der 
sie verübenden Personen zu verzeichnen ist Ob zu dieser 
Abnahme der Rückfälligkeit alle Teile des Reiches beigetragen haben 
oder ob man in dieser Abnahme nur die Resultierende eines für die 
kulturell so verschieden entwickelten Länder auch verschieden ge- 
stalteten Entwicklungsganges zu erblicken habe, könnte nur die 
länderweise abgesonderte Betrachtung lehren, wofür jedoch der der- 
malige Stand der statistischen Erhebungen nicht zureicht. 

Dagegen lassen sich in großen Zügen die örtlichen Verschiedenheiten 
in dem gegenwärtigen Stande der Rückfälligen bereits konstatieren: 

Von je 100 in nachstehenden Kronländern wegen Verbrechens ver- 
urteilten Personen waren 





überhaupt nicht 


wegen Verbrechens 




vorbestraft 




vorbestraft 


Reicbsmittel 


50.7 


Reichsmittel 


21.2 


Bukowina 


58.7 


Dalmatien 


12.4 


Küstenland 


57.;^ 


Küstenland 


15.2 


Dalmatien 


53.1 


Bukowina 


15.9 


Tirol 


51.2 


Galizien 


16.7 


Niederösterreich 


50.S 


Krain 


20.1 


Oberösterreich 


50.3 


Schlesien 


20.5 


Steiermark 


50.1 


Steiermark 


20.9 


Kärnten 


50.1 


Kärnten 


21.0 


Schlesien 


49.6 


Niederösterreich 


22.4 


Krain 


49.3 


Vorarlberg 


22.6 


Vorarlberg 


4S.8 


Tirol 


i:'3.9 


Mähren 


47.9 


Böhmen 


24.1 


Böhmen 


46.7 


Mähren 


24.5 


Salzburg 


41.1 


Salzburg 


30.6 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 



197 



Auf je Aaf 100 wegen Auf 100 wegen 



10 000 Bewohner Verbrechens 



Verbrechens 



Reidisniittel 
Alpenländer ') 
Karstländer ') 
Sudeten länder*) 
Karpathenländer *) 



kommen 
Eigentumsdelikte 
47.0 
34.5 
49.9 
61.6 
72.8 



Verurteilte nicht Verurteilte Vor- 



Vorbestrafte 
50.7 
49.0 
53.3 
47.8 
57.2 



bestrafte 
29.7 
36.0 
27.1 
30.3 
25.4 



Raehsmittel 

Sudetenländer 

Alpenländer 

Karpathenländer 

Karstländer 



Auf 10 000 Bewohner 

kommen wegen Übertretung 

des Vagabundengesetzes 

Verurteilte 

33.3 

47.6 

35.3 

35.3 

14.9 



Auf 100 wegen 

Verbrechens Verurteilte 

kommen Vorbestrafte 

50.7 
47.8 
49.0 
57.2 
53.3 



Die westlichen vorwiegend germanischen Alpenländer sind die 
Stätten der ältesten österreichischen Kultur. Sie zeichnen sich aus 
durch konservatives Beharren in überkommenen Formen der Wirt- 
schaft und des sozialen Lebens. Das Hofsystem isoliert die Land- 
bewohner voneinander und schafft unter der einheimischen Bevölkerung 
nur wenig Berührungspunkte; die Wanderungen sind unerheblich, das 
Verbrechentum stabil. In jenen Gegenden, in denen ein starkes rück- 
falliges Verbrechentnm sich bemerkbar macht, fällt es vielfach land- 
fremden Elementen zur Last. Die vorhin ermittelten Ziffern ergaben, 
daß diese Ländergruppe sowohl rücksichtlich der Verbrechensrezidiven 
als auch rücksichtlich der wegen Verbrechens noch nicht Vorbestraften 
eine Mittelstufe einnimmt 

Böhmen, Mähren und Schlesien, die Länder mit stark entwickelter 
Vermögenskriminalität, weisen unter den wegen Verbrechens rück- 
fälligen Verurteilten die höchsten Ziffern auf, während sie andererseits 
unter den Verurteilten die geringste Zahl von Nichtvorbestraften zeigen. 

Dagegen haben die Karpathenländer, Galizien, Bukowina, 
femer Dalmatien die größte Zahl der Nichtvorbestraften, gleichzeitig 
aber auch die geringsten Ziffern der wegen Verbrechens rückfälligen 
Vmirteilten, trotzdem in diesen Ländern die Vermögenskriminalität 



1) Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Tirol, 
Vorarlberg. 

2) Krain, Küstenland (Görz, Gradisca, Istrien), Dalmatien. 

3) Böhmen, Mähren, Schlesien. 

4) Galizien, Bukowina. 



198 XV. Herz 

alle übrigen Kronländer an Extensität übertrifft. Die Erklärung dieser 
Erscheinung ist darin zu finden, daß die Karpathenländer sich als die 
Länder der größten Seßhaftigkeit darstellen, in denen trotz äußerster 
Lebensnot nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung in die 
Wanderbewegung eintritt. Die große Mehrzahl des Volkes zieht 
es vor, im Heimatlande in Not und Elend zu verkommen. Man 
findet daher im Lande nahezu keine Vagabunden und wenige Ge- 
wohnheitsverbrecher, die Mehrzahl der Dehnquenten ist einheimi- 
sches Gelegenheitsverbrechertum, welches bei der im Lande herr- 
schenden äußersten Armut und der dadurch bedingten nur geringen 
Verbrechensgelegenheit selten zu Delikten in größerem Umfange 
schreiten kann. 

Wesentlich anders liegen die Verhältnisse in den benachbarten 
gleichfalls vorwiegend slavischen Sudetenländern. Die industriellen 
Gebiete dieser Reichsteile erweisen ihre mächtige Anziehungskraft auf 
die Bevölkerung der ländlichen Bezirke, welche von den Bewohnern 
in starken Wanderzügen verlassen werden. Diesem Zuge stellt sich 
stellenweise ein heftiger Widerstand der seßhaften Bevölkerung ent- 
gegen. Der Kampf minder kultivierter Elemente ums Dasein, welche 
massenweise von den Landbezirken sich loslösen, um in die Städte 
und Industriebezirke zu wandern, verleiht diesen Ländern eine 
ungewöhnliche Lebhaftigkeit in der Bevölkerungsbewegung, dem 
Charakter der Länder selbst etwas Unruhiges. Die ständigenVer- 
schiebungen des Proletariates wirken auf die Kriminalität zurück, 
die empfindlicher als in den übrigen Reichsteilen den Schwankungen 
und dem Wechsel der Konjunktur folgt und sich in Fällen beson- 
derer Notstände leicht zu schweren Formen der Vermögenskrimi- 
nalität verdichtet. Die Unsicherheit der Existenz bedingt, daß eine 
große Schichte der Bevölkerung, „die Taglöhner"", ständig in sus- 
penso bleibt, vagierende Elemente, die bei jedem Orts- und Ar- 
beitswechsel den Gerichten als „vermögenslose Wanderer*^ in die 
Hände fallen (§ 1 des Gesetzes vom 24. Mai 1885 R.G.B1. 89). Daß 
aber eine solche kriminelle Schichte den besten Nährboden für das 
Entstehen des rückfälligen und des Gewohnheitsverbrechertums abgibt, 
beweist gleichfalls die Rückfallsstatistik, indem in den Sudetenländem 
unter den Verurteilten 17®/o zweimal wegen Verbrechens bereits vor- 
bestraft waren, während die Alpenländer nur 5.2 bezw. höchstens 
6.7 Oq ausweisen. 

A\if je 10000 Straf mündige der anwesenden Bevölkerung redu- 
ziert, ergibt sich für die einzelnen Länder nachstehende Rückfällig- 
keitstabelle, wobei jedoch für die beiden Beobachtungsjahre 1900 bis 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 



199 



1901 nur die bereits wegen Verbrechens Vorbestraften herausgehoben 
wurden. 

Anf je 10 000 Strafmündige der Ortsanwesenden der Ziviibevölkemng ent- 
fielen im Durchschnitte der Jahre 1900 — 1901 wegen Verbrechens Verurteilte 





wegen 
Verbrechens noch 


einmal 


öfter 


zusammen 




nicht vorbestraft 


vorbestralt 






a) 


Männer 






Niederösterreich 


24.41 


5.06 


4.01 


9.07 . 


Oberösterreich 


25.52 


4.10 


3.85 


7.95 


Salzburg 


29.69 


5.79 


5.49 


11.28 


Steiermark 


40.00 


7.87 


4.70 


12.57 


Kärnten 


23.09 


6.40 


5.20 


11.60 


Krain 


43.47 


9.18 


5.70 


14.68 


llrol 


26.59 


4.43 


3.78 


8.21 


Vorarlberg 


43.08 


8.86 


8.08 


16.94 


Küstenland 


27.08 


4.60 


3.91 


8.51 


Böhmen 


17.07 


3.19 


3.02 


6.11 


Mähren 


31.92 


6.48 


6.62 


13.60 


Schlesien 


36.40 


6.12 


4.95 


11.07 


Westgalizien 


36.36 


3.12 


1.34 


5.56 


Ostgalizien 


26.36 


3.38 


2.75 


6.13 


Bukowina 


38.36 


5.77 


2.36 


8.13 


Dalmatien 


48.15 


7.04 


2.90 


9.94 


Staatsgebiet 


27.63 

b) 


4.60 
Weiber 


3.70 


8.30 


Niederösterreich 


4.92 


0.68 


0.40 


1.08 


Oberösterreich 


4.41 


0.38 


0.36 


0.74 


Salzburg 


6.18 


1.22 


0.93 


2.15 


Steiermark 


5.98 


0.63 


0.38 


I.Ol 


Kärnten 


4.93 


0.45 


0.49 


0.94 


Krain 


4.47 


0.41 


0.25 


0.63 


Tirol 


3.87 


0.61 


0.61 


1.22 


Vorarlberg 


5.64 


0.32 


0.74 


1.06 


Küstenland 


2.94 


0.35 


0.12 


0.47 


Böhmen 


2.76 


0.31 


0.32 


0.63 


Mähren 


6.01 


0.87 


0.91 


1.7S 


Schlesien 


5.58 


0.58 


0.48 


1.56 


Westgalizien 


6.32 


0.43 


0.36 


0.79 


Ostgalizien 


6.07 


0.36 


0.22 


0.58 


Bukowma 


6.36 


0.45 


0.07 


0.52 


Dalmatien 


5.94 


0.26 


0.05 


0.31 


Staatsgebiet 


4.40 


0.48 


0.40 


0.88 



Aus beiden Zusammmenstellungen erhellt, daß außer 
dem Grenziande Vorarlberg Niederösterreich und die 
Sndetenläoder am meisten Rückfällige bedenklicher Art 



61.7 


58.7 


59.6 


56.0 


56.6 


49.5 


49.3 


48.8 



200 XV. Hbbz 

aufweisen; es sind dies jene Länder, in denen auch die 
Eigentumsverbrecben gleichzeitig mit der Vagabundage 
vorherrschen. 

Gehen wir nun auf die näheren Details der Rezidivität über, so 
ist es zunächst das Auftreten derselben nach den verschiedenen De- 
liktsarten, welches unser Interesse beansprucht. 

Nach der österreichischen Statistik entfielen in den Jahren 1902/3 
die höchsten Anteile: 

a) der Nichtvorbestraften 

von 100 Verurteilten 
1902 1903 

Unzuditsverbrechen 
Veruntreuung 
Erpressung 
Schwere Körperbeschädigung 

b) der Vorbestraften überhaupt 

von 100 Verurteilten 

1902 1903 

Raub 82.3 76.5 

Mord 69.5 72.6 

Verleumdung 72.2 66.4 

Majestätsbeleidigung 66.3 70.1 

Brandlegung 63.7 68.6 

Religionsstörung 61.6 63.6 

öff. Gewalttätigkeit 60.0 62.8 

c) der wegen Verbrechens Vorbestraften 

von 100 Verurteilten 

1902 1903 

Majestätsbeleidigung 36.9 42.5 

Raub 43.3 34.5 

Verleumdung 34.7 36.1 

Diebstahl 301 32.5 

Mord 32.5 35.6 

Religionsstörung 30.8 29.3 

Brandlegung 28.3 31.3 

d) der mehr als zweimal wegen Verbrechens Vorbestraften 

von 100 Verurteilten 
1902 1903 

Majestätsbeleidigung 11.5 14.6 

Religionsstörung 11.5 11.4 

Diebstahl 10.6 11.0 

Raub 10.6 7.4 

Es zeigt sich, wie auch in der deutschen Kriminalstatistik, die 
Erscheinung, daß die Rückfälligkeit sehr häufig bei Raub, Diebstahl, 
Majestätsbeleidigung und Religionsverbrechen zutage tritt. 



Rückfälliges Verbrechertom in Österreich. 201 

Die letzteren Deliktsarten geben kaum zur Besorgnis Anlaß; sie 
sind anch kein Maßstab für etwaige staatsfeindliche Gesinnung in 
einem Teile des Verbrechentams. Es handelt sich vielfach nm eine 
Gruppe unverbesserlicher Vaganten, die zu Beginn des Winters der- 
irtige Delikte begehen, da ihnen die kurzfristige Vagabundenstrafe 
meist keine voUständige Winterversorgung bieten kann und überdies 
Dcoh die Zwangsarbeitsanstalt in Aussicht stellt. Diese Habituto 
der Strafanstalten meiden daher gerne die Bezirksgerichtsarreste oder 
Gerichtshofgefängnisse und fühlen sich in dem ihnen bereits wobl- 
bekarmten Milieu der Strafanstalten wohl. 

Von den statistisch gleichgiltigen Delikten Verleumdung, Münz- 
Terfalscbung und Mord, die als Massenerscheinung nicht in Betracht 
kommen, abgesehen, ziehen Diebstahl, Betrug, Körperverletzung und 
öffentliche Gewalttätigkeit die besondere Aufmerksamkeit auf sich. 
Während die Statistik der Strafrechtspflege bei diesen Delikten lediglich 
die Vorbestraften erhebt, nicht aber den Bückfall im engeren Sinne, 
d. b. jene Bezidivisten, welche wegen eines gleichen oder ähnlichen 
Deliktes bereits abgestraft waren, lassen die Erhebungen in den öster- 
reichischen Strafanstalten 1) rücksichtlich der sogenannten Massen- 
delikte einige Schlüsse in dieser Richtung zu. 

Es befanden sich in samt- Die letzte und vorletzte 

Kchen Strafanstalten wegen Anstrafung erfolgten wegen "^ 

Verbrechens desselben Verbrechens t^ozenten 

geg«i den Staat: 240 124 51.5 

gegen Ldb und Leben: 470 198 48.6 

gegen das Eigentum: 2352 2067 87.1 

gegoi die Sittlichkeit: 170 79 46.4 

Insgesamt: 3230 
Nach eigenen Erhebungen des Verfassers aus den Akten des 
Straflandesgerichtes Brunn für das Jahr 1902 ergab sich: 

Von je 100 VerurteUten wegen Verbrechens des Diebstahls waren 
wegen Diebstahls 
. . ^ . - 1 — 5 mal über 5 mal vorbestraft über- 

mcht vorbestraft vorbestraft haupt 

49.6 37.8 12.6 50.4 

Von Je 100 wegen Roheitsverbrechens, gef. Drohung, Erpressung, 
Körperverletzung, öffentl. Gewalttätigkeit Verurteilten waren wegen dieser 
oder ähnlicher Delikte 
., , , 1 — 5 mal über 5 mal vorbestraft über- 

mcht vorbestraft vorbestraft haupt 

60.9 25.3 13.8 39.1 



1) Bd. LXXIV der österr. Statistik, Wien 1908. 



202 XV. Hebz 

Die Brutstätten der Rezidivität sind also im Eigentumsverbrecher- 
tume zu suchen. 

Insbesondere zählen die Gewohnheitsdiebe der Strafanstalten zu 
den gefährlichsten Verbrecherkategorien. Als handwerksmäßige Spitz- 
buben huldigen sie dem Grundsatze, daß man zu einer wirklichen Voll- 
kommenheit es nur dann bringen kann, wenn man nicht auf allen Ge- 
bieten unsicher umhertappt, sondern ein bestimmtes Fach sich er- 
wählt. Sie haben meist sämtlich ihre Spezialität, welche sie kultivieren 
und von der sie ohne ganz besondere Veranlassung nicht abweichen. 

Neben den Dieben gibt es noch Spezialisten in ßaufhändeln und 
solche Individuen, die unablässig mit Sicherheitsorganen anbinden. 
Jeder Sicherheitswachmann ist der Gegenstand ihrer oft mutwillig 
provozierten Angriffe, insbesondere dann, wenn sie wegen ähnlicher 
Delikte knapp vorher vorbestraft waren, und kaum aus der Straf- 
anstalt entlassen, ihr Mütchen an den vermeintlichen Urhebern ihres 
Mißgeschickes kühlen wollen. 

Wird die Rezidivität im weiteren Sinne des Wortes — denn nur 
diese wird durch die österreichische Statistik vorläufig erhoben — 
im zeitlichen Rahmen verfolgt, so zeigt sich bei einzehaen Delikten 
folgende Bewegung; 

Von 100 wegen Verbrechens des Diebstahls Verurteilten waren im 

Durchschnitte 

wegen Verbrechens ,^ , . 

der Jahre nicht vorbestraft oder Übertretung wegen Verbrechens 

vorbestraft vorbestraft 

1881— 1SS5 47.7 23.9 31.2 

1886—1890 43.0 26.2 30.7 

1891 — 1895 43.6 26.5 29.9 

1896—1900 43.3 27.4 29.2 

1901 — 1903 42.9 27.6 29.4 

Von 100 wegen Verbrechens des Betmges Verurteilten 

1881—1885 59.3 23.3 17.2 

1886—1890 54.0 26.9 18.9 

1891—1895 54.5 29.6 19.3 

1896—1900 52.4 28.7 17.9 

1901 — 1903 52.5 28.7 18.7 

Von 100 wegen Verbrechens der schweren Körperverletzung VerurteUten 
u 4^ e wegen Vergehens oder wegen 

nicht vorbestraft Übertretung vorbestraft Verbrechens vorbestraft 
1881—1885 60.5 26.9 11.9 

1886—1890 56.8 30.9 12.3 

1891 — 1895 54.6 33.1 12.1 

1896—1900 51.9 35.5 12.5 

1901—1903 50.2 36.3 13.4 



Rückfälliges Verbrecbertum in Österreich. 



203 



Im allgemeinen hat unter den wegen obiger Delikte 
Verurteilten die Zahl der Nichtvorbestraften abgenom- 
men, zugenommen die Zahl der wegen Vergehens oder 
Übertretung bereits Verurteilten, zugenommen die Zahl 
der wegen Verbrechens Verurteilten bei schwerer Kör- 
perverletzung und Betrug, dagegen abgenommen beim 
Verbrechen des Diebstahls. 

Sacker*) stellt die Behauptung auf, daß das Steigen oder Fallen 
der wichtigsten Lebensmittel, z. B. des Weizens und Roggens, indem 
sie eine Änderung der Größe der Deliktsarten gegen das Vermögen 
hervorrufen, einen entsprechenden Einfluß auf die Zahl der Rück- 
fälligen in denselben Delikten ausübt. 

Der deutschen Kriminalstatistik werden für die Periode 1882 bis 
1SS9 folgende Daten entnommen: 

Einfach. Diebstahl Schwerer Diebstahl 

im wiederholten im wiederholten 

RückfaU Rückfall 

auf 100 000 Straf mündige 

38 9.3 

38 8.4 

37 8.3 

35 8.3 

35 7.3 

33 7.1 

31 6.5 

33 7.2 



?re\s von 


100 kg 


in Mark 


Weizen 




Roggen 


208 




161 


185 




147 


173 




147 


162 




143 


157 




134 


164 




125 


174 




135 


183 




156 



Xach der österreichischen Statistik*^) 
Preis eines komb. hl Lebensmittel 
(Weizen, Roggen, Kartoffel) 

in Kronen 



1881 — 1885 
1886—1890 
1891—1895 
1896—1899 
1900—1903 



11.3 
9.81 
10.01 
11.25 
11.60 



Von 100 wegen Ver- 
brechen des Diebstahls 
Verurteüten waren wegen 
Verbrechens vorbestraft 

31.2 

30.7 

29.2 

29.2 

29.4 



Doch muß hinzugefügt werden, daß die österreichischen Ziffern 
nur sehr problematischen Wert haben, da sie ja nur die Vorstrafen 
wegen Verbrechens überhaupt, algo Rückfall im weiteren Sinne er- 



1) Rückfall a. a. 0. 

2) Herz. Die Kriminalität in Österreich in den letzten 30 Jahren im Zu- 
fi&nmicnhange mit wirtachaftlichen u. s. w. VerhälCnissen, Monatsschrift f. Kriminal- 
Psychologie und Kriminalistik. Jg. 11 1905. 



204 XV. Herz 

heben, während für unsere Untersuchung lediglich der Rückfall im 
engeren Sinne in Betracht käme. Es ist jedoch anzunehmen, daß 
das ganz ungewöhnliche Sinken der Diebstahlsfrequenz seit den 
Jahren 1876 — 1880, und zwar von 84.1 Deliktsverübungen auf 
100000 Bewohner auf 57.2, auch durch die geringere Zahl der Rück- 
fälle in diesem Delikte hervorgerufen wurde, während die geringere 
Rückfallsziffer ihrerseits durch den wirtschaftlichen Aufschwung durch 
die geringeren Lebensmittelpreise (objektive Nahrungserleichterung) 
sowohl als auch durch die günstigen Arbeitsgelegenheiten erklär- 
lich erscheint. 

Den aus den Gefängnissen und Strafanstalten austretenden mittel- 
losen Verbrechern bietet sich im Aufschwünge des Wirtschaftslebens viel- 
fache Gelegenheit zur Gründung einer sozialen Existenz, so daß viele der- 
selben (Gelegenheitsverbrecher) die verbrecherische Tätigkeit aufgeben. 
Bei dauernden Notständen bildet sich jedoch besonders bei Individuen 
mit schwachem Willen leicht ein Hang zum Verbrechen aus, der um 
so gefährlicher wird, je geringer sich der zu besiegende Widerstand 
und innere Kampf bei dem einzelnen gestaltet, und je größer die 
äußere Veranlassung (Not) ist, welche zum Delinquieren treibt 

In einem noch weit innigeren Zusammenhange mit Not und 
Arbeitslosigkeit steht der Rückfall beim Vagabundendelikte, weshalb 
derselbe speziell behandelt werden soll. Der größte Teil derjenigen 
Vaganten, bei denen die Angabe über den Beruf fehlt, die in den 
Strafprotokollen „ohne Beruf" oder schlechthin als Taglöhner be- 
zeichnet werden, Menschen, denen es meist an Ernst fehlt, ihren Er- 
werb in redlicher Berufsarbeit zu suchen, sind rückfällige Land- 
streicher. Faulheit und mangelnder Ordnungssinn lassen sie ein 
arbeitsscheues Dasein führen, welches gewöhnlich im Zucht- oder 
Siechenhause endigt. 

Die neuere Lehre legt auf die Unterscheidung zwischen Gelegen- 
heits- und Gewohnheitsvaganten bezw. -bettlem besonderes Gewicht. 
Als äußeres Symptom des Gewohnheitsdeliktes gilt der Rückfall : „die 
Verübung eines Vagabundendeliktes, welches denselben Motiven ent- 
springt, wie das frühere, und in dem sich stets dieselbe Tendenz ge- 
sellschaftlicher Schädigung wiederholt" Doch wäre es verfehlt, 
auch beim Vagabundendelikte, welches speziell durch periodisch 
wiederkehrende Notstände beeinflußt wird, bei mehrfachen Wieder- 
holungen auf Gewohnheitslandstreichertum zu schließen. Die richter- 

1) Hippel. Die strafrechtliche Bekämpfung von Bettel, Landstreicherei nnd 
Arbeitsscheu, Berlin 1895. v. »Liszt Die determ. Gegner der Zweckstrafen 
in Bd. XIII der Zeitschrift f. d. g. Strafrechtsw. 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 



205 



liehe Forschung beim Landstreicher- und Betteldelikt muß schärfer 
individualisieren, als dies bei anderen Delikten der Fall ist; sie darf 
sich auf die rein äußerliche Tatsache des Rückfalles nicht beschränken, 
sondern es müssen der Erforschung des sozialen Milieus, der sozialen 
Zusammenhänge, des Werdeganges der Einzelpersönlichkeit besondere 
Aofmerksanakeit geschenkt werden; es sind femer in den Kreis der 
Erhebungen einzubeziehen der ganze soziale Habitus, Familie, Er- 
ziehung, Ausschweifungen, Arbeitsneigung und Arbeitseignung, Laster 
and Krankheiten, kurz die Gesamtpersönlichkeit: die Geschichte der 
sozialen Entartung und Deklassierung. Hierfür kann der Strafausweis 
bisweilen als wertiroller Behelf dienen, darf aber niemals zur Grund- 
lage des Judikates angenommen werden. 

Aus den Strafakten des Bezirksgerichtes Brunn für das Jahr 
1S9S ergebeu sich für den Rückfall folgende Daten: 

Von 100 wegen Übertretung des Von 100 wegen Verbrechens ver- 
Laodstreichergesetzes (§ l und 2 urteilten Personen im Durchschnitte 
Verurteilten waren der Jahre 1896 — 1900 waren i) 



überhaupt nicht vorbestraft 

Dor wegen Landstreicherdelikts 
vorbestraft 

wegen Verbrechens bezw. Ver- 
gehens oder Übertretung vor- 
bestraft 

überhaupt vorbestraft 



23.5 



53.9 



22.5 

76.4 



nicht vorbestraft 
überhaupt vorbestraft 



47.3 
52.7 



Nach § l 

Vagabundengesetz 

waren von 

100 Verurteilten 

Männer Weiber 



Nach § 2 
Vagabundengesetz 

waren von 
100 VerurteUten 
Männer Weiber 



überhaupt nicht vorbestraft 

wegen Landstreicherdelikte vor- 
bestraft 

wegen Verbrechens, Vergehens 
oder Übertretung vorbestraft 

überhaupt vorbestraft 

Im allgemeinen weisen die wegen Landstreicherdelikten Verurteilten 
ungewöhnlich hohe Prozentsätze von Vorbestraften auf, die weitaus 
die Quote der Rückfälligen beim Verbrechen übersteigen. Von den Ver- 



9.3 

• 67.0 

23.1 
90.1 



23.1 

50.4 

26.0 
76.5 



24.7 

57.8 

17.7 
75.5 



29.1 

50.9 

19.8 
70.7 



1) Die Ergebnisse der Straf rech tspflege im Jahre 1900 und 1901 Oper. 
SUtiÄtik a. a. 0. Herz: Die Vagabundage in Österreich in ihrer Beziehung 
zur Volkswirtschaft und zum Verbrechertum e, Zeitschrift f. Volks- und Sozial- 
politik und Verwaltung, Wien 1905. 



206 XV. Herz 

urteilungen wegen Verbrechens sind mehr als die Hälfte der Delikte 
Gelegenheitsdelikte, die nur einmal begangen werden in wild auf- 
flammender Leidenschaft, Trunkenheit, wie z. B. die Körperbeschädi- 
gungen, die Verbrechen gegen den Staat Unter den wegen Körper- 
verletzung Verurteilten waren 50 Proz., bei Staats- und Religionsdelikten 
sogar 70 Prozeot noch überhaupt nicht vorbestraft, dagegen betrug 
die Zahl der Nichtvorbestraften bei Eigentumsdelikten nur 30 bis 
38 Prozent. 

Weisen sohin die wirtschaftlichen Delikte, bei denen eine aktive 
Betätigung des verbrecherischen Willens notwendig ist, eine unge- 
wöhnlich hohe Verurteilungsziffer auf, so ist dies um so mehr bei jenen 
Delikten gegen die Wirtschaftsordnung der Fall, bei welchen ein bloß 
passives Verhalten, ein Nichtstun den Deliktsbestand in sich faßt. 

Die größte Rückfallsziffer wegen des Vagabundendeliktes ist bei 
männlichen Vaganten zu finden; die weiblichen Verurteilten weisen 
die höchste Zahl von Verurteilungen wegen Verbrechens auf — eine 
Bestätigung des von Oettingen aufgestellten Erfahrungsgesetzes, daß 
das einmal gesunkene Weib auf der schiefen Ebene notgedrungen 
weiter abwärtsgleiten muß. „Der Mann findet in der Wiederausübung 
seines Berufes in nützlicher Betätigung leicht das Mittel, sich in den 
Augen seiner Mitbürger zu rehabilitieren; für das Weib, das einmal 
gesündigt, ist dies fast unmöglich." 

Geringer als die Zahl der wegen Verbrechens bereits vorbestraften 
Lau dstrei eher ist die Zahl der rückfälligen Verbrecher beim Bettel- 
delikte. Von alters her sagt man den LÄudsIreichem nach, daß sie 
zu allen Arten von Eigentumsverletzungen und Friedensstörungen 
neigen. Die Theorien der früheren Zeit gingen von dem Standpunkt 
aus, daß in der T^ndstreicherei der Keim zur Begehung künftiger Ver- 
brechen liege, man supponierte dem I^ndstreicher einen dolus eventualis 
für jede Art von Verbrechen. In gewissem Sinne haben unsere Unter- 
suchungen'^) diese Anschauung bestätigt. Die Alters- und Familien- 
standsgliederung der Vaganten hat gezeigt, daß sich an diesem Delikte 
die aktionsfähigsten, bedürfnisreichsten Lebensalter beteiligen, in denen 
jede Art verbrecherischer Betätigung den Höhepunkt erreicht: die 
Rückfallserhebung lehrt, daß die Zahl der wegen Ver- 
brechens verurteilten und vorbestraften Vaganten außer- 
gewöhnlich hoch ist. Die Beziehungen zwischen beiden 
Gruppen antisozialer Erscheinungen sind offenkundig. 



1) Moralstatistik, Erlangen 1868. 

2) Hotz. Die Vagabundage in Österreich, a. a. 0. 



RückfäDiges Verbrechertum in Österreich. 207 

Vaganten- und Verbrechertum gehen in ihren gefährlich- 
sten Formen offenbar auf gemeinsame Wurzeln zurückT 
sie losen einander ab oder gehen oft unmerklich inein- 
ander über. 

Auch im Bettlertume ist ein gewisser Prozentsatz Verbrecher zu 
finden; er ist jedoch erheblich geringer und in dem Maße ungefähr- 
licher, als die Bettler aus den Klassen der auf absteigender Lebens- 
linie sich befindenden Individuen sich zusammensetzen, Individuen mit 
geringeren Kräften, aber zugleich eingeschränkterer Lebenshaltung und 
schwächeren Bedürfnissen. Auch die Zahl der wegen Übertretung 
des Betteins Vorbestraften ist geringer als bei der Vagabundage. Dies 
beweist, daß unter der Masse der wegen Betteins verurteilten Personen 
eine große Zahl von Unbescholtenen sich befindet, von Individuen, denen 
nicht der Genuß der Freiheit eines Bettellebens vorschwebt, sondern 
die gezwungen durch gerechte Notstände die Mildtätigkeit des Publi- 
kums als letzten Ausweg zur Lebenserhaltung anrufen. 

Aus der Rückfallstatistik der Landstreicherdelikte läßt sich ent- 
nehmen: Das Betteldelikt ist im allgemeinen mehr Ge- 
wohnheitsdelikt. Der Bettler bettelt, weil er sich nicht 
zu helfen weiß. Im Landstreichertume steckt ein starker 
Zug zum gewohnheitsmäßigen Verbrechertume. Einge- 
wurzelte Neigung zur Ortsänderung, Hang zum Nichts- 
tun, verbrecherische Untaten bei aufstoßender Gelegen- 
heit charakterisieren diese Kategorie von fluktuierenden 
Bevolkerungselementen. 

Für die Beurteilung der Kezidivität und zusammenhängend 
damit der Wirksamkeit der Strafsysteme sind jene Daten von beson- 
derem Interesse, welche sich auf die Fristen beziehen, binnen welchen 
bereits Bestrafte zur Ausführung ehier neuen Straftat schritten. 

Von 100 wegen Verbrechens Ver- 
urteilten wurden rückfällig, d. h. 
neuerdings wegen Verbrechens be- 
straft in einem Zeiträume 
bis zu 6 Monaten 

Dach über 6 Monaten bis zu 1 Jahre 
nach über 1 Jahre bis zu 2 Jahren 
nach über 2 Jahren bis zu 3 Jahren 
nach über 3 Jahren bis zu 4 Jahren 
nach üb^ 4 Jahren bis zu 5 Jahren 
nach über 5 Jahren 





a)] 


llänner 




1898 


1899 


1900 


1901 


18.5 


16.7 


12.5 


11.6 


15.9 


14.8 


10.6 


10.2 


15.7 


12.0 


12.7 


11.6 


10.3 


7.7 


8.1 


7.4 


7.9 


5.5 


5.3 


4.8 


5.7 


4.5 


3.8 


2.8 


25.6 


21.3 


18.8 


16.2 



t) Hippel. Zur Vagabnndenfrage, Berlin 1902. 



208 XV. Herz 

b) Weiber 

bis zu 6 Monaten 18.4 20.0 16.2 13.3 

nach über 6 Monaten bis zu 1 Jahre 16.6 19.0 15.2 11.1 

nach über 1 Jahre bis zu 2 Jahren 17.3 10.1 12.7 14.3 

nach über 2 Jahren bis zu 3 Jahren 12.4 9.4 8.8 6.7 

nach über 3 Jahren bis zu 4 Jahren 7.6 6.2 4.0 5.6 

nach über 4 Jahren bis zu 5 Jahren 6.0 4.8 2.9 3.3 

nach über 5 Jahren 21.5 16.3 14.1 11.4 

Von je 100 in den österreichischen Strafanstalten Internierten beiderlei 
Geschlechts begingen die neue Straftat binnen einer Frist 
bis zu 6 Monaten 17.9 



bis zu 1 Jahre 


21.4 


bis zu 2 Jahren 


17.6 


bis zu 3 Jahren 


10.4 


bis zu 4 Jahren 


7.3 


bis zu 5 Jahren 


6.9 


über 5 Jahren 


18.5 



Die überwiegende Zahl der Verbrecher wird innerhalb eines Zeit- 
raumes von fünf Jahren nickfällig. Mehr als ein Drittel der übrigen 
wegen Verbrechens Verurteilten wird noch im selben Jahre nach der 
Verurteilung rezidiv. Besonders stark ist erfahrungsgemäß die Zahl 
der nach ganz kurzer Frist rückfällig Werdenden bei Eigentums- 
delikten, worüber jedoch keine offiziellen statistischen Daten existieren. 

Nur einer relativ geringen Anzahl von Verbrechern gelingt der 
Wiedereintritt ins soziale Leben: die ,,restitatio in integrum^; die 
Mehrzahl verkümmert, muß zugrunde gehen, solange die schützende 
Hand der Behörden nicht auch außerhalb der Strafanstalten zu 
wirken vermag und die Fürsorge für den entlassenen Verbrecher 
nicht staatlich organisiert erscheint. 

II. 

Die zahlenmäßige Feststellung des Rückfalls gewährt noch kein 
abschließendes Bild, erst aus der Person des Bückfälligen heraus 
kann manche Erscheinung erklärlich werden. Vom Standpunkte einer 
gerechten Judikatur, die nicht nur die verbrecherische Handlung vor 
den Bichterstuhl zieht^ sondern auch den Verbrecher berücksichtigt, 
scheint es notwendig, alles zu erheben, was wenigstens in den Haupt- 
zügen über die persönlichen Verhältnisse aller derjenigen Auskunft 
gibt, welche im rückfälligen Verbrechertume allmählich versinken. 

Der relative Umfang, in welchem die beiden Geschlechter sich 
beim Rückfall beteiligen, die Verteilung der Rückfälligen auf die 
einzelnen Altersstufen, Vermögensverhältnisse und Berufszugehörigkeit 



Rückfälliges Verbrechertum in Osterreich. 209 

können erst ein Bild davon geben, aus welchem Milieu der rück- 
fällige Verbrecher entstammt, auf welchem Boden er sich fortzeugt 
und welche Mittel zu seiner Bekämpfung anzuwenden wären J) 

In der österreichischen Eriminalstatistik werden erst in neuerer 
Zeit Untersuchungen über die persönlichen Verhältnisse der Rück- 
ßlligen angestellt Wo diese Erhebungen Lücken aufweisen, hat der 
Verfasser an der Hand eigener Feststellungen aus den Strafakten des 
k. k. Landesgerichtes Brunn für das Jahr 1902 dieselben auszufüllen 
versucht 

Nach der Statistik der letzten vier Dezennien hat sich das 
männUche Geschlecht in Österreich mit 84.8 — 86.1, das weibliche mit 
15.2—13.9 Prozent an den Verbrechensverurteilungen beteiligt. Die 
weibliche StraffäUigkeit schwankt daher zwischen V^ — Ve der männ- 
lichen. Nach den zuletzt vorliegenden statistischen Ausweisen ist die 
weibliche Kriminalität sogar auf V? der männlichen herabgesunken.^) 



Unter 100 RückfälUgen waren 


1884—88 


1889—93 


1894—98 


mJlnnliche Personen 


87.8 


88.0 


88.9 


weibliche Personen 


12.2 


12.0 


11.1 


Unter 100 wegen Verbrechens 








VerurteUten waren Rückfällige 








bei männliclien Personen 


24.8 


24.6 


23.7 


bei weiblichen Personen 


20.1 


19.2 


18.5 



Unter den Rückfälligen ist das weibliche Geschlecht gleichwie 
bei den Verbrechensverurteilungen nach dem durchschnittlichen Er- 
gebnisse der Jahre 1884—1898 nur mit 11.8 Prozent, das männliche 
mit 88.2 Prozent vertreten. Jedoch ist unter dem weiblichen Ver- 
brechertume die Gewohnheitsdelinquenz nicht erheblich geringer als 
bei den Männern. 

Von 100 wegen Verbrechens Verurteilten waren vorbestraft 
m den Jahren 1901—1902 

Männer Weiber 
öfter wegen Verbrechen 5.8 4.0 

wegen Vergehens oder Übertretung 31.3 22.3 

nicht vorbestraft 45.2 61.0 

Aus diesen Zusammenstellungen läßt sich entnehmen, daß die 
Häufigkeit des Rückfalles bei den männlichen und bei den weiblichen 
Verurteilten verschieden ist; es stehen auch Straffälligkeit und Rück- 
falligkeit bei beiden Geschlechtem nicht in demselben Verhältnisse. 



1) Prinzig. Die sozialen Faktoren der Kriminalität in der Zeitschrift f. g. 
^tnrfrechtsw., Bd. XXII. 

2) Statistik der Strafrechtspflege in Bd. LXXI der österr. Statistik, a. a. 0. 
AreUr fttr Kriminmlanthiopoiogie. XXVI. 14 



210 



XV. Herz 



Die Rückfälligkeit der Weiber ist auch in Österreich gleichwie io 
anderen Ländern noch immer geringer als jene beim männlichen Ge- 
schlechte, jedoch nicht in dem Maße, wie die weibliche Straffalligkeit 
gegenüber der männlichen. Am auffälligsten tritt diese ErscheinnDg 
bei den mehrmals wegen Verbrechens Vorbestraften zutage, wo sich 
die weibliche Rückfälligkeit der männlichen nähert, ein Zeichen, daß 
wiederholte Vorstrafen die sonst gegenüber der Begehung stn^arer 
Handlungen vorhandene Scheu des weiblichen Greschlechtes in Weg- 
fall bringen. 

Was die weibliche Rückfälligkeit bei den einzelnen Verbrechen 
anbelangt, so ergibt sich: 

Von den in den Jahren 1900 und 1901 wegen nachbezeichneter 

Verbrechen Verurteilten kommen auf 100 VerurteUte 

a) Männer 



nicht 
vorbestraft 



wegen Körperbeschädigung (§ 152 ff. 
St.G.) 

gewaltsame Handanlegung gegen Be- 
amte (§ 81 St.G.) 

Diebstahl (§ 171 ff. St.G.) 



49.6 



16.1 
41.3 
b) Weiber 

nicht 



wegen Ver- 
gehens oder 
Übertretung 
vorbestraft 

36.8 

37.3 
28.6 

wegen Ver- 
gehens oder 



vorbestraft Übertretung 
vorbestraft 
20.2 



wegen Ver- 
brechens 
vorbestraft 

13.6 

22.6 
30.1 



wegen Ver- 
brechens 
vorbestraft 

2.7 



wegen Körperbeschädigung(§ 152 St.G.) 77.1 
gewaltsame Handanlegung gegen Be- 
amte (§ 81 St.G.) 65.4 27.4 7.2 
Diebstahl (§ 171 ff. St.G.) 56.3 22.0 21.6 

Beide Geschlechter zeigen bei den Roheitsdelikten eine geringere 
Anzahl von Vorbestraften als bei den Eigentumsverbrechem. Beim 
weiblichen Geschlechte ist die Zahl der Unbescholtenen bei der ersten 
Gruppe bei weitem erheblicher, so daß die Frau bei Gewalttätigkeits- 
verbrechen nur als Gelegenheitsdelinquentin in Betracht kommen kann. 
Der Umstand, daß sie vorwiegend im Hause beschäftigt mit der 
Außenwelt weniger oder gar nicht in Berührung kommt, durch die 
Schranken der Sitte, sowie der körperlichen Schwäche von einer Reihe 
von Arbeiten, aber auch Vergnügungen ausgeschlossen ist, macht 
diese Erscheinung begreiflich. 

Bei beiden Geschlechtern nehmen die Eigentumsverbrechen den 
breitesten Raum an der Verbrechenstraffälligkeit ein. Es unterliegt 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 



211 



keinem Zweifel, daß die Versuchungen antisozialer Natur zu diesen 
Delikten bei beiden Geschlechtem die gleichen sind; daher auch im 
beiderseitigen Verbrechertume die Rezidivität nicht so bedeutende 
Differenzen aufweist wie bei der ersteren Gruppe. 

Sacker*) konstatiert sogar, daß aus den statistischen Daten der 
weiblichen Rückfalligen der Schluß zulässig ist, daß die Tenazität 
fdie Beständigkeit) der Frauen, wenigstens in der Kriminalität, viel 
größer ist als diejenige der Männer. „Den einmal gefallenen Weibern 
fällt es schwer, den Weg des Verbrechens zu verlassen, weil die 
weibliehe Organisation sich schneller entwickelt, aber früher aufhört 
mit der Entwicklung. Sie unterwerfen sich der Gewohnheit schneller, 
dem Beispiel — dem guten und schlechten, sie verharren darin länger 
als die Männer,^ 

Nach verschiedenen Ländergruppen gestaltet sich das Verhältnis 
der Rückfälligen nach Geschlechtem wie folgt: 

Von je 100 in nachstehenden Ländergnippen in den Jahren 1902 — 1903 
wegen Verbrechens Verurteilten des betreftenden Geschlechtes waren Nicht- 
vorbestrafte 









Überschuß 




Männer 


Weiber 


zu gunsten des , 
weibl. Geschlechtes 


Karpathenländer 


48.7 


67.3 


+ 18.6 


Karetlander 


44.8 


65.2 


4- 20.4 


AJpoiJänder 


40.9 


59.2 


+ 18.3 


Sudetenländer 


39.2 


55.3 


+ 16.1 



Auf 1000 Männer kommen Weiber 
in Karpathenländem 1004 

in Karstländem 987 

in Alpenländem 1019 

in Sudetenländem 1063 

Die Ländergruppen verlaufen hinsichtlich der Unbescholtenen bei 
beiden G^e8chlechtem parallel; größere Verschiedenheiten ergaben sich 
jedoch in der Differenz zwischen männlichen und weiblichen Ver- 
urteilten bei einzelnen Länderreihen. 

Die Sudetenländer, gleichzeitig die Länder des größten Weiber- 
Sberschusses, weisen die geringste Zahl der unbescholtenen Weiber 
and auch die geringste Differenz zwischen den Verurteilten bei beiden 
'"Geschlechtern auf. Die Ursache dieser Erscheinung liegt in der 
'»tarken industriellen Entwicklung dieser Gebiete. Die Eückfälligkeit 
folgt dem Siegeszuge der Großindustrie, die immer mehr die weib- 
lichen billigen Arbeitskräfte zu attrahieren trachtet. Es hat daher das 



1) Rückfall a. a. 0. 



14^ 



212 XV. Herz 

weibliche Element in diesen Gebieten vielfach mit denselben Lebens- 
bedingungen und mit denselben Schwierigkeiten wie das männliche 
zu kämpfen, wodurch Straffälligkeit und Rückfälligkeit dem männ- 
lichen öeschlechte ähnliche Züge gewinnen. 

Die dominierende Stellung der Landwirtschaft in den Alpen, also 
jener Betriebsform, welche es dem weiblichen Geschlechte ermöglicht, 
im Rahmen des Hauses seinen Arbeitspflichten Genüge zu leisten, 
tritt in der größeren Ziffer der weiblichen ünbeschohenen sowohl, als 
auch in der größeren Spannung zwischen den Verurteilten beider Ge- 
schlechter hervor. Insbesondere in den Ländern des Hofsystems ^) 
fördert die Siedelung mit ihrer Isolierung, der Vermeidung jeglicher 
Reibungen und die vollständige Beschränkung der Vtslvl auf das Haus 
den sozialen Frieden. Ähnlich wie die Alpen- und Earstländer ver- 
halten sich in bezug auf die weibliche Rückfälligkeit die Karpathen- 
länder trotz des vorherrschenden Dorfsystems. Die vorwiegend agri- 
kole Beschäftigung, die geringe Gewerbedichtigkeit, das Fehlen des 
Großbetriebes und last not least der geringfügige Weiberüberschuß, 
wodurch die Versorgungsmöglichkeit des weiblichen Geschlechtes durch 
Ehe in diesen Ländern sich bedeutend günstiger gestaltet als in den 
übrigen Teilen des Reiches, sind Faktoren, welche das Entstehen eines 
weiblichen Gewohnheitsverbrechertums verhindern. 

Die jährlichen Rückfallsschwankungen in bezug auf beide Ge- 
schlechter im Verhältnis zu den anwesenden Strafmündigen zeigen 
eine ständige Abnahme der Rezidiven bei beiden Geschlechtern rück- 
sichtlich der Verbrechen. 

Auf 10 000 straf mündige Ortsanwesende entfielen wegen Verbrechens 
verurteilte a) Männer 
wegen Verbrechens wegen Verbrechens 





nicht vorbestraft 


vorbestraft 


1876—1885 


27.92 


9.73 


1886—1895 


24.44 


7.91 


1896—1900 


25.14 


7.75 


1901 


29.62 


8.76 


1902 


27.07 


S.46 


1903 


25.13 
b) Weiber 


8.48 


1876 — 1885 


4.31 


1.27 


1886—1895 


4.01 


1.00 


1896—1900 


4.67 


0.86 


1901 


4.55 


0.91 


1902 


4.51 


0.96 


1903 


4.29 


0.91 



1) Rotering. Kriminalität im Hof- und Dorf system. Dieses Archiv. Bd.X. 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 213 

Das Verhältnis der unbescholtenen Weiber zu den Männern ist 
durchschnittlich in den letzten Jahren 1 : 6 gewesen, das der wegen 
Verbrechens vorbestraiten Weiber zu den vorbestraften Männern be- 
trug 1 : 10, das Verhältnis der Kriminalität im allgemeinen 1 : 7 (auf 
10 000 Bewohner berechnet). 

Im allgemeinen zeigen diese Ziffern nur, daß das weibliche rück- 
fallige Verbrechertum, zumal in den gefährlichen Formen des (ver- 
brecherischen) Rückfalls, in bezug auf die gesamte strafmündige Bevöl- 
kerung von geringer Extensität ist, daß femer die wegen Verbrechens 
vorbestraften weiblichen Verurteilten in den letzten drei Dezennien 
abgenommen haben, freilich nicht im gleichen Stärkeverhältnis wie 
die männlichen. Die Gründe dieser letzteren Erscheinung sind viel- 
leicht darin zu suchen, daß der Kampf ums Dasem bei einem großen, 
ja vielleicht überwiegenden Teile des weiblichen Geschlechtes noch 
immer nicht jene scharfen Formen wie bei den Männern angenommen 
hat^ daß daher auch jene großen und heftigen Kriminalitätsschwan- 
kungen beim weiblichen Geschlechte nicht zu finden sind. 

Von großem Einfluß auf die Rückfallsbewegung ist die Alters- 
gliederung der Verurteilten. Bezüglich der Rezidivität läßt sich der 
Satz aufstellen, der auch für die allgemeine Kriminalität gilt: Vor- 
zugsweise neigen jene Altersklassen zum Rückfalle, die sich am 
stärksten kriminell betätigen, das sind jene Altersstufen, in denen das 
Erwerbsleben kulminiert. 

Von 100 wegen Verbrechens Von 100 wegen Verbrechens 
Verurteilten waren im Verurteilten waren vorbestraft 

Alter von 1902 1902 

14—20 Jahren 19.6 9.4 

20—30 „ 38.5 40.1 

30—40 „ 21.0 27.0 

40-50 , 12.5 14.2 

über 50 , 9.4 9.2 
Von den im Jahre 1902 wegen Verbrechens VerurteUten und wegen 

Verbrechens Vorbestraften entfielen auf je 10 000 Seelen der Zivil- 
bevölkerung der entsprechenden Altersstufe 

Männer Weiber 

14—16 Jahre 0.93 0.13 

16—18 „ 4.10 0.18 

18—20 „ 9.45 1.29 

20-25 „ 15.33 1.52 

25—30 „ 14.90 1.41 

30—40 „ J1.51 I.IS 

40—50 „ 7.35 0.98 

50—60 ^ 4.40 0.67 

über 60 „ 1.49 0.23 



214 XV. Hebz 

Der Anteil der Rückfälligen wächst nicht bis zuletzt mit höherem 
Alter. Bei abnehmendem Alter wird auch bei bisher nicht Straf- 
fälligen der Widerstand gegen gesetzwidrige Impulse geringer, der 
Anteil der Gelegenheitsverbrecher an der Gesamtstraffälligkeit größer. 

Bei den einzelnen Massendelikten zeigt die Altersgliederung im 
rückfälligen Verbrechertume nachstehende Abweichungen: 

Von 100 wegen Verbrechens 

a) der öff. Gewalttätig- b) der schweren Körper- 
keit (§31) beschädigung 

Verurteilten u. Kückfäiligen 
waren im Alter von 

14—20 Jahren 4.0 1.5 

20—30 „ 43.9 4S.5 

30—40 ^ 229 24.8 

40—50 „ 14.2 14.1 

über 50 „ 5.0 5.8 

c) Diebstahl d) Betrug 

14—20 Jahren 12.3 4.0 

20—30 „ 41.6 34.1 

30—40 „ 24.8 31.6 

40—50 „ 13.4 18.5 

über 50 „ 7.7 13.0 

Es erweist sich, daß das rückfällige Verbrechertum bei den De- 
likten, welche körperliche Kraft und Gewandtheit erfordern, die 
stärkste Frequenz in den mittleren Altersklassen zeigt (20 — 50), dann 
aber rapid sinkt. 

Die Vermögensdelikte, insbesondere der Betrug, haben einen 
regelmäßigeren Kurvenverlauf, nur fällt beim Betrüge die geringe, 
beim Diebstahl die höhere Ziffer der jugendlichen Delinquenten auf. 
Der gewohnheitsmäßige Dieb beginnt sein Metier früher und 
verläßt das Verbrechertum erst mit se^Jnem Lebensende, indem er in 
den höheren Altersklassen von gefährlichen Formen der Verbrechens- 
verübung zu minder gefährlichen herabsteigt (Einbruch — Einschleichen, 
Mittäter — Hehler). 

Von den vorbestraften Jugendlichen kommen im Deutschen Reiche 
nach Sacker ^) auf die, welche binnen Jahresfrist ein neues Verbrechen 
begangen haben, rund zwei Drittel, und auf die, welche länger als ein 
Jahr zwischen Verbüßung der Vorstrafe und der Begehung der neuen 
Straftat verstreichen lassen, em Drittel, während unter den Vorbestraften 
überhaupt erstere rund ein Drittel, letztere zwei Drittel betragen. 

Da Rückfall im engeren Sinne des Wortes in der österreichischen 
Statistik dermalen noch nicht erhoben wird, hat der Verfasser auf 

1) Sack er. Rückfall a. a. 0. 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 215 

Grand der Strafakten des Brünner Landesgerichtes für das Jahr 1902 
einige darauf Bezug habende Daten gesammelt 

Von 100 wegen Verbrechens des Diebstahles Verurteilten der nachstehenden 

Altersklassen waren 
a) überhaupt h) wegen Diebstahls vorbestraft 

nicht (Verbrechen und Übertretung) 

vorbestraft 1 — 5 mal 5 — 10 mal 

14—20 58.4 28.5 3.7 

20—30 43.1 36.3 4.3 

30—40 35.7 23.4 19.3 

40—50 42.0 30.0 12.0 

Ober 50 36.0 20.0 24.0 

Von 100 wegen Roheitsdelikten (schwere Körperbeschädigung, öff. Gewalt- 
täti^eit §§ 81, 152 ff.) Verurteilten der nachstehenden Altersklasse waren: 

a) überhaupt b) wegen Gewalttätigkeitsdelikten 

nicht vorbestraft 

vorbestraft 1—5 mal 5 — 10 mal 

14—20 58.6 41.3 — 

20—30 51.7 37.6 1.9 

30 — 40 43.1 39.2 3.9 

40—50 25.8 42.8 7.1 

über 50 44.4 27.7 11.1 

Von 100 wegen Verbrechens des Betruges Verurteilten der nachstehenden 

Altersklassen waren 
a) überhaupt b) wegen Betruges vorbestraft 

nicht vorbestraft 1 — 5 mal 5 — 10 mal 

14—20 90.9 9.0 — 

20—30 85.7 11.7 — 

30—40 72.0 12.0 — 

40—50 46.6 40.0 8.0 

über 50 62.5 12.5 6.6 

Die höchste Zahl jugendlicher Rückfälliger im engeren Sinne 
weisen die Roheitsdelikte auf; ihnen zunächst steht der Diebstahl; 
beim Betrüge ist jugendlicher Rückfall selten. 

Die große Zahl der Nichtvorbestraften bei diesen Delikten be- 
weist, daß es sich bei den Betrügereien der jugendlichen Personen 
aosschließlich um Gelegenheitsverbrechen handelt. 

Auffallend hoch ist die Zahl der Rückfälligen im engeren Sinne 
in den höchsten Altersklassen, während offenbar im Zusammenhange 
mit dem Schwinden der physischen Kräfte das gewalttätige Ver- 
brechertum nach den 40 er Jahren sich stark vermindert 

Im allgemeinen beweisen die zusammengestellten 
Ziffern, daß Roheitsdelinquenten in den jugendlichen 
Altersklassen leicht zu Gewohnheitsverbrechern werden. 



216 XV. Herz 

Eigentumsverbrecher werden vorwiegend in den reiferen 
Jahren Gewohnheitsverbrecher. Umgekehrt erscheint 
das Eigentumsverbrechen in der Jugend, das Boheits- 
verbrechen im Alter als Gelegenheitsdelikt Mit S^unehmen- 
dem Alter nimmt sohin die Gemeingefährlichkeit des 
rückfälligen Roheitsdelinquenten ab, die der Eigentums- 
verbrecher zu. 

Im Vergleiche zum übrigen Verbrechertume erscheint die Zahl 
der verheirateten rückfälligen Verbrecher gering. Schon die häufige 
Unterbrechung des Ehelebens durch Untersuchungs-, Gefängnis- und 
Strafanstaltshaft sind dem ehelichen Leben hinderlich; auch zeigt der 
richtige Gewohnheitsverbrecher keine Neigung, mit weiblichen Wesen 
dauernde Verbindungen einzugehen, — es sei denn, er findet im 
Weibe eine Genossin seiner verbrecherischen Zwecke.^) 

Nach der Statistik der österreichischen Strafanstalten waren in 
den Jahren 1895—1900 

«rv/x ,t 1 tuw unter 100 Verurteilten 

unter 100 rückfäUigen ^^^ j^^^^ 1902/1903 unter 100 Vagabunden 

Verbrechern 2) überhaupt 

ledig 76.4 60.5 69.6 

verheiratet 20.0 36.5 • 20.8 

verwitwet 3.6 3.0 10.6 

Die rückfälligen Verbrecher stellen daher den höchsten Prozentsatz 
der ledigen Verbrecher dar, sie übertreffen in dieser Hinsicht sogar 
noch die Vaganten. *) 

Besonders wichtig für die Verschiebungen der Rückfälligen inner- 
halb der einzelnen Bevölkerungskategorien ist die Produktionsform. 
Die Änderung der letzteren durch die revolutionäre Gewalt des Kapi- 
talismus nach langen Zeiten sozialen Beharrens hat selbstverständlich 
Änderungen der Berufsgliederung, sowie Verschiebungen in den mate- 
riellen Verhältnissen innerhalb der Berufsklassen zur Folge gehabt. 

Die Landwirtschaft wird geschwächt durch ständig sich ver- 
größernde Volksabgaben an Handel und Gewerbe, Verkehr und Indu- 
strie; demgemäß steigt in der letzten Gruppe die Zahl der Verurteilten, 
somit auch die der Rückfälligen. Verhältnismäßig läßt sich dies nicht 
nachweisen, weil die amtliche österreichische Statistik, in der sich die Er- 

1) Prinz ig. Über frühzeitige Heiraten, deren Vorzüge und Nachteile. 
Conrad 's Jahrb., neue Folge, Bd. XIV. 

2) Österr. Statistik, Bd. LXXI, Statistische Übersicht der Verhältnisse in deu- 
österr. Strafanstalten und Gerichtsgefangnissen, Wien 1904. 

3) Högel. Die Familienstandsgliederung der Verbrecher. Archtv f. Kriminal 
anthropologie, 1906. 

4) Herz. Die Vagabundage in Österreich a. a. 0. 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 217 

hebungen über den Beruf der rückfälligen Verbrecher vorfinden, die wich- 
tige Scheidung in landwirtschaftliche und industrielle Taglöhner unterläßt. 
Innerhalb der Berufsgruppen zeigt das Unternehmertum, welches an 
den Verbrechen sich auch mit einem geringen Prozentsatz beteiligt 
(20 : 80), einen verschwindenden Prozentsatz von Rückfälligen (16 : 98.3). 

Von 100 wegen Verbrechens Rück- Von 100 wegen Verbrechens Ver- 
fälligen in den österr. Strafanstalten urteilten überhaupt waren nach der 

waren allgemeinen Statistik ^) 

Angehörige der höheren Berufe 0.7 — 

der Land- und Forstwirtschaft 0.9 — 

gewerbliche Lohnarbeiter 34.2 29.2 

Taglöhner 40.7 25.2 

ohne Beruf 18.0 — 

Dienatboten 6.1 4.8 

Die angeführten Ziffern beweisen, daß die größte Neigung zum 
Rückfall in jener sozialen Schichte steckt, die sich aus den Volks* 
abgaben der Landwirtschaft bildet und ergänzt, in welcher sich auch 
gewissermaßen der Übergang von der Landwirtschaft zur Industrie 
FoUzieht, das sind die wandernden Volksmassen mit niedrigem Lohn 
and noch tieferem Eulturniveau. Ihnen zunächst steht die soziale und 
wirtschaftlich expropriierte Schichte der kleingewerblichen Hilfsarbeiter. 
Der schlechte Stand der kleingewerblichen Produktion bedingt es, 
daß ledige gewerbliche Hilfsarbeiter wochen- und monatelang arbeitslos 
umherwandem, um schließlich im Lumpenproletariate oder Verbrecher- 
tume zu verkommen. 

Die starke Rezidivität der vorzugsweise dem Wanderleben aus- 
gesetzten Berufsgruppen erweist auch die statistische Erhebung der 
Bückfälligkeit im engeren Sinne, welche der Verfasser aus den Straf- 
akten des Jahres 1902 beim Landgerichte Brunn ermittelte. 

Von je 100 wegen Verbrechens des Diebstahls Verurteilten der 
nachstehenden Berufskategorien waren wegen Diebstahls 

a) Männer 

Taglöhner 
Fabrikarbdter 
Gehilfen und Lehrlinge 
Dienstboten 
Landwirtschaftliche Arbeiter 

b) Frauen 
Taglöhnerinnen 
Fabrikarbeiterinnen 
Gewerbl HUfsarbeiterinnen 
Dienstboten 

1) Österr. Statistik, Bd. LXXI., a. a. 0. 



nicht 


1— 5mal 


über 5 mal 


►rbestraft 


vorbestraft 


vorbestraft 


27.9 


42.0 


20.1 


39.0 


41.4 


12.1 


52.9 


33.8 


5.8 


44.4 


33.4 


22.0 


46.7 


26.1 


6.6 


64.4 


23.6 


2.1 


64.6 


15.5 


— 


100.0 


— 


— 


70.5 


17.6 


9.8 



218 XV. Hebz 

Von 100 wegen Gewalttätigkeitsdelikte (§§ 81, 98, 99 und 152 österr. StG.) 

Verurteilten der nachstehenden Berufsklassen bei beiden Geschlechtern waren 

wegen desselben oder ähnlichen Deliktes 





nicht 


1 — 5 mal 


über 5 mal 




vorbestraft 


vorbestraft 


vorbestraft 


Taglöhner 


41.5 


41.5 


2.9 


Fabnkarbeiter 


58.8 


35.2 


— 


Gewerbliche Hilfsarbeiter 


41.1 


38.2 


2.9 


Dienstboten 


38.4 


36.6 


1.2 


Landwirtschaftliche Arbeiter 


50.0 


24.1 


— 



Sohin zeigt auch die Rückfallsstatistik in den Berufskategorien 
der Taglöhner und Dienstboten die größte Zahl der Rückfälligen. 
Erheblich günstiger stehen die Verhältnisse bei den weiblichen Eigen- 
tumsdelinquentinnen, obzwar auch hier die stärkste Rückfallsbewegung 
bei den bereits genannten Berufsgruppen wahrnehmbar ist Bei 
allen weiblichen Verurteilten ist jedoch zu konstatieren, 
daß in allen Berufskategorien mehr als die Hälfte bei 
der Verbrechensverurteilung noch nicht vorbestraft 
war. Den günstigsten Einfluß auf die weibliche Arbeit scheint 
die Betätigung im Handelsgewerbe zu nehmen, denn von sämtlichen 
Verurteilten (13) war nicht eine einzige vorbestraft! 

Fassen wir nunmehr die Ergebnisse unserer Untersuchungen über 
den Rückfall in Österreich kurz zusammen, so ergibt sich im Zu- 
sammenhange mit der Gesamtkriminalität des Reiches folgendes Bild. 

Das Verbrechentum des Reiches hat in den letzten Dezennien 
unter dem Eindruck des durch subjektive wie objektive Nahrungs- 
erleichterung hervorgerufenen wirtschaftlichen Aufschwunges die Ten- 
denz gezeigt, an Extensität zu gewinnen, an Intensität zu verlieren. 

Der wirtschaftliche Kampf im aufstrebenden Industriestaate teilte 
die gesamte Bevölkerung in zwei große Gruppen, die eine, deren 
wirtschaftliche Beziehungen sich bereits verdinglicht haben, und die 
andere Gruppe, bei denen sich der Prozeß des Seßhaftwerdens, die 
Stabilisierung noch nicht vollzogen hat In die letztere Gruppe glie- 
dern sich alle jene Elemente" ein, welche die wirtschaftliche Ent- 
wicklung der Neuzeit aus ihren bisher innegehabten Positionen ver- 
drängt und sie expropriiert. Diese vom Lande losgelöste Masse bildet 
im Vereine mit den depossedierten Elementen des Kleinbetriebes unter 
dem Proletariate jene Klasse, welche am meisten zu niedrigen Formen 
der Kriminalität hinneigt (Diebstahl, Körperverletzung, Vagabundage). 

Solange diese Individuen in beständiger Unsicherheit um die 
tägliche Existenz kämpfen müssen, liegt für die Gesellschaft eine 
ständige Gefahr von Verbrechenswiederholungen (Rezidiven) und inten- 



Rückfälliges Verbrechertum in Österreich. 219 

siver krimineller Betätigung vor. Ermöglicht vorhandene Arbeits- 
gelegenheit diesen Elementen die aufsteigende Klassenbewegung, dann 
verliert sich dieser durch sozialen und wirtschaftlichen Druck erzeugte 
Hang zur Verbrechenswiederholung, zum Rückfalle im engeren Sinne. 
Der günstigen nahezu krisenfreien Konjunktur, unter deren Aegide 
sich im Laufe der letzten Jahre in Österreich der Übergang vom 
Agrikuhur- zum Industriestaate vollzogen hat, ist es zu verdanken, daß 
die Kückfallsziffern, zumal bei den schweren Eigentumsdelikten, im 
Rückgange begriffen sind. 

Aber noch eines anderen Umstandes ist zu gedenken, welcher 
die Rückfallsziffern, insbesondere die des Rückfalles im engeren Sinne, 
in günstiger Weise beeinflussen mußte. 

Das Fortschreiten der kulturellen EntwickluDg bedingt innerhalb 
der Verbrechen selbst Differenzierungen. Rohe, auf physische Kraft 
aufgebaute Verbrechensformen verschwinden und machen Delikten 
Platz, die auf List und Täuschung basieren. Verbrechen gegen das 
Eigentum wandelten sich in Verbrechen gegen die Bedingungen des 
Erwerbes, Deliktsformen, die in ihren ökonomischen Wirkungen weit 
gefährlicher sind als jene primitiven Wirkungen des rohen Eigentums- 
deliktes. Diese Gruppe weist die größten Verschiedenheiten auf und 
bietet bis nun der Strafgesetzgebung unüberwindliche Schwierigkeiten. 

Aber auch im verbrecherischen Individuum selbst bedingt die 
aufsteigende KlassenbewegUDg, wenn sie gelingt, ähnliche Differen- 
zierungen, die für geeignete Rückfallsbehandlung große Schwierig- 
keiten bieten. Der Mensch, der beispielsweise als Komrais gelegentlich 
»Hehlt, macht, zum selbständigen Kaufmanne geworden, betrügerischen 
Bankerott oder verletzt das Marken- und Patentrecht, den Musterschutz usw. 
In solchen Fällen wird wohl kaum von Rezidiven im engeren Sinne 
gesprochen; indes wird man den wiederholt arbeitslos gewordenen, 
durch Krisen heimgesuchten Arbeiter nur zu leicht als Gewohnheits- 
vaganten usw. behandeln, weil die nicht gelungene, aufsteigende 
Klassenbewegung bezw. Seßhaftwerdung ihn ständig zu gleichartigen 
Delikten veranlaßt. 

Auch lehrt die Erfahrung, daß bei allen auf große Raubzüge 
berechneten Vermögensdelikten, ja selbst beim Betrüge die Rückfalls- 
häufigkeit im umgekehrten Verhältnisse zur Größe des aus dem Ver- 
brechen gezogenen Gewinnes steht. Große erfolgreich durchgeführte 
Delikte dieser Kategorien werden selten oder gar nicht wiederholt. 

Gerade dieser Entwicklungsgang der Kriminalität: das Bestreben 
des gemeingefährlichen Verbrechentums unserer Tage, durch ein ein- 
ziges schwer faßbares Delikt die Gesamtheit schwer zu schädigen, muß 
den Kriminalpolitiker zur Vorsicht mahnen, jenem allzu ungestümen 



220 XV. Herz 

Drängen nach sehr strenger Bestrafung, eventueller Unschädlich- 
machung der sogenannten Gewohnheitsverbrecher Raum zu geben. 

In der kriminellen Praxis, die an sich schwerer individuellen 
Differenzierungen zugänglich ist, läge die jedes Rechtsgefühl ver- 
letzende MögHchkeit vor, daß der durch wiederholt unselige Verhält- 
nisse rezidiv gewordene Proletarierverbrecher, der Deklassierte im 
Gesetze schlechter behandelt wird als jener Delinquent, der durch 
einen einmaligen geschickten verbrecherischen Angriff die Gesellschaft 
moralisch wie materiell tausendmal mehr geschädigt hat. „Kleine Diebe 
hängt man — große läßt man laufen." 

Im Hinblicke auf die Schwierigkeit dieser Probleme scheint auch 
die neuere Theorie vielfach von einer besonderen Behandlung des 
„Gewohnheits^-Verbrechertums abkommen zu wollen. ») „Kriminal- 
politisch soll der Rückfall wie in der bisherigen österreichischen Gesetz- 
gebung nur bei bestimmten Straftaten oder Gruppen von solchen 
straferhöhend wirken." 

Es würde den Rahmen dieser Arbeit, die lediglich eine Material- 
Zusammenstellung für künftige Reformen bieten wollte, überschreiten, 
sich über die Zweckmäßigkeit oder Durchführbarkeit derartiger An- 
schauungen eingehender zu verbreiten. 



1) Högel. Am XXVIII. deutschen Juristentag. Österr. Richterzeitimg, 
III. Jg. Nr. 7. Vgl. noch Hans Groß: Deutsche Juristen-Zeitung, Nr. 16/17 
vom 1./9. 06, pag. 912. 



XVI. 
Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 

Gesammelt vom Landrichter Haussner in Zwickau. 



Ich glaube recht zu tun, wenn ich im Nachstehenden eine Beihe 
von Kriminalfällen und sonst strafrechtlich Wichtiges aus der Lite- 
ratur zusammengetragen habe und veröffentliche. Manches hat bloß 
mehr historisches Interesse, aber bei der immer mehr anerkannten 
Wichtigkeit des historischen Momentes glaube ich, daß es auch der 
Mühe wert ist, sich um solche Dinge zu kümmern; lernen läßt sich 
genüg daraus. 

I. Fünf Fälle von Mord. 

aj Ein Massengiftmord eines Totengräbers, um Arbeit 

zu bekommen. 

Haben beyde Gefangene und erstlichen C. M. bekant, daß er 
drey Gifftpulver, deren eines schwartz, das andere gelb, und das dritte 
roth von Kröten, Schlangen und Molchen gemacht, und dem Todten- 
graber zu Groß Zschocher und seinem Knechte B. M. davon gegeben, 
welche es den Leuten hin und wieder zu Dölitz, Groß Zschocher, 
Golitz, Albrechtfihain und allhier (zu Leipzig) beybracht und in die 
zwei und zwantzig Personen damit getödtet und umbgebracht, alles der 
meinung, wann die Häuser außstürben, daß sie viel zu begraben und 
zostelen betten. Daß er auch mit seinem jetzigen Eheweibe, bei leben 
»eines ersten Weibes in die drey Jahr zugehalten, geehebruchet und 
sie geschwängert, und als sein erstes Weib in die Wochenkommen, 
bette er sein jetziges Weib zu sich ins Hauß genommen, und mit ihr 
verlassen, sein erstes Weib mit Gif ft zu tödten, jhr auch einmal sechs 
Pfenn. zu Fliegenpulver geben, welches sie jhme gebracht, und es 
folgends dem ersten Weibe in Suppen und Essen eingeben, weil Sie 
aber davon nicht sterben wollen, bette er sie in Wochen liegend mit 
einem Küssen ersticket, und hernach sein jetziges Weib zur Ehe genommen. 

Hat auch B. M. bekandt, daß er daa Gifftpulver, so ihm sein 
Meister C. M. gegeben, sechs Kindern im Kovent beygebracht, davon 



222 XVI. IIaussner 

sie alle sechse gestorben, und daß sein Meister ihm gesagt hette, daß 
es Gifft wehre, jhme auch befohlen, den Leuten solches beyzubringen, 
damit sie sterben, und sie hernach alles nehmen und sich daraas 
theilen möchten, wie sie dann auch auß den Sterbehäusern viel Sachen 
gestolen u.s.w. 

So möchten sie beyde von wegen solcher jhrer begangenen und 
bekandten Mißhandlung C. M. mit fünff, B. M. aber mit drey glühen- 
den Zangengrieffen gerissen : und mit dem Bade vom Leben zum Tode 
gestrafft werden. V.R.W. Mens. Septembr. Anno 1582. 

(Practicae Novae Imperialis Saxonicae ßerum Criminalium Au- 
tore Benedicto Carpzov. Wittenbergae. 1646. Bd. 1. S. 99 No. 51.) 

b) Ein Mord aus Aberglauben. 

Hat M. V. V. in scharffer Frage bekandt, daß er benebenst seinem 
Gesellen, Z. S. Eheweib uff der Strassen ermordet und ins Wasser 
geschleiffet, dieselbe aber zuvor außgezogen, und jhr mit seinem 
Messer ein stück auß dem Halse und die lincke Brust abgeschnitten, 
sein Geselle aber mit seiner Axt jhr den Leib auffgehawen, und das 
Eingeweide, Hertz Lung und Leber herauß gerissen, in meinung, die 
Leibesfrucht darinnen zu suchen, von derselben die Händlein abzu- 
schneiden und Liechtlein drauß zu machen, damit sie jhre Dieberey 
desto besser vollbringen können, deßgleichen die abgeschnittene lincke 
Brust einem Hunde fressen zulassen, damit derselbe die Leute uff den 
Straßen anfallen sollen und die solche desto besser fallen mögen u.8.w. 

So möchte er von wegen dero an oberwehntes Z. S. Eheweibe 
begangenen und bekanten erschrecklichen Mordthat zur Feymstadt ge- 
schleiffet, und mit dem Rade vom Leben zum Tode gestrafft werden. 
V.R.W. Mens. Novembr. Anno 1605. 

(Practicae Novae Imperialis Saxonicae Rerum Criminalium Autore 
Benedicto Carpzov. Wittenbergae. 1646. Bd. 1 S. 111 Nr. 62.) 

c) Ein Mord aus Rache wegen einer 8 Jahre vorher 
erhaltenen Ohrfeige. 
Hat M. H. bekant, daß er den Müller zu Sebenitz am 5. Novembr. 
nechst verschiedenen nach Mitternacht umb 2 uhr, als er uffgestanden, 
und die Mühle vorgesetzt, und zur Hinterthür wieder ins Mühlhauß 
gehen wollen, mit einem Peile erschlagen, daß er uff der Stedte Todt 
blieben, wie dann ewrem Bericht nach, als er uffgehoben, 13 Wunden, 
Stiche und Schläge an jhm gefunden worden, und hette solches da- 
rumb getban, daß der Müller vor 8 Jahren jhme eine Maulschelle 
geben, welche er jhm so lang nachgetragen hette, und daß er auch 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 223 

willens gewesen were, jhn zu berauben, denn er gewust, daß ein 
Tisch und ein Kasten in der Stuben gestanden, darinnen er Geld zu- 
bekommen vermeinet hette. u.s.w. 

So möchte er wegen solcher seiner begangenen und bekandten 
Mißhandlung mit dem Rade vom Leben zum Tode gerichtet und ge- 
strafft werden. V.R.W. Mens. Novembr. Anno 1587. 

(Practicae Novae Imperialis Saxonicae Berum Oriminalium Autore 
Benedicto Carpzov. Wittenbergae. 1646. Bd. 1. S. 110 Nr. 50.) 

d) Mord in zwei Fällen aus Heimweh und Brandstiftung. 

Das Kindermädchen Katharine Schulze, 11 Jahre alt, war zwar 
mit seinem Dienste nicht unzufrieden, litt aber so sehr an Heimweh, 
dass es 2 Kinder erstickte und drei mal Feuer anlegte. Es wurde zu 
zehnjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. 

(Kleins Annalen Bd. VII S. 55.) 

e.i Mord in zwei Fällen und Brandstiftung aus Heimweh. 

Das 9 V2 jährige, in der Schule zurückgebliebene Kindermädchen 
N. N. wurde in Emstbrunn (unweit Wien) in Dienst gegeben. Bald 
darauf, von Heimweh geplagt, bat es seine Dienstherrin um Entlassung. 
Als die ihr verweigert wurde, lief es zu seiner Mutter und erklärte. 
es müsse vor Sehnsucht nach Hause sterben. Da es aber über seinen* 
Dienst nicht klagen konnte, schickte die Mutter es mit der Weisung 
zurück, daß es nur wenn etwa das ihm übergebene Kind stürbe nach 
Hause kommen dürfte. 

Einige Tage darauf wurde das Kind von Krämpfen befallen und 
starb. Am andern Morgen (Sonnabends) schnürte die N. ihr Bündel 
und wollte nach Hause gehen, was aber ihre Dienstherrin nicht be- 
willigte. Am Sonntage kam ihre Matter und befahl ihr, obgleich sie 
weinte, klagte und ihr Wortbrüchigkeit vorwarf, zur Wartung 
eines dreijährigen Knaben noch femer zu bleiben. Darauf brach am 
Montage in dem vom Wohnhause nur einige Schritte entfernten 
Schuppen Feuer aus, das indessen bald gelöscht wurde. Am Diens- 
tage fand die Dienstherrin, die vor einer Stunde ihren Knaben ganz 
gesund verlassen hatte, bei ihrer Rückkehr die N. ruhig mit aufge- 
schlagenem Katechismus am Tische sitzen. Auf ihre Frage nach dem 
Kinde deutete die N. nach dem Bette und sagte: „Ich habe dem 
Johann nichts getan!", worauf die Frau ans Bett stürzend, den 
Knaben ganz mit Polstern bedeckt, tot fand. Sie faßte gleich gegen 
die N. Verdacht. Dem Gerichte übergeben, legte die Beschuldigte 
folgendes Geständnis ab: In Emstbrunn gefiel es mir nicht Ich 



224 XVI. Hacssnbe 

sehnte mich nach meinen Eltern. Ich wußte, daß ich nach dem 
Tode des kleinen Kindes nach Hause gehen dürfte. Daher würgte 
ich es mit einem Tuche, bis es ganz blau wurde; doch das Kind 
tat mir leid. Ich nahm daa Tuch wieder ab, aber es bekam 
Krämpfe und starb! Da man mich nicht nach Hause gehen ließ, legte 
ich Feuer im Stadel neben unserem Hause in der Hoffnung, daß 
diese Leute, wenn Haus und Hof verbrannt wären, kein Kinder- 
mädchen mehr brauchten. Da ich auch dadurch meinen Zweck 
nicht erreichte, legte ich den Knaben aufs Bette, bedeckte sein Ge- 
sicht mit Polstern und setzte mich darauf, bis er sich nicht mehr 
rührte." Die N. zeigte nicht die geringste Reue, benahm sich beim Ver- 
höre und im Gefängnisse so unbefangen und kindlich, als hätte sie bloß 
einem Sperling den Hals umgedreht, fragte stets nur, warum man 
sie nicht zu ihren Eltern gehen ließe, hatte von der Dienstherrin das 
beste Zeugnis in Hinsicht ihres herzlichen Umgangs mit den Kindern 
und verriet in ihren Äußerungen und in der Art, wie sie den Erfolg 
ihrer Handlungen vorher berechnet hatte, die „schärfste Beurteilung 
und ein für ihr Alter ungewöhnliches Talent." 

Sie wurde verurteilt, in Gegenwart der Schulkinder mit 10 Ruten- 
streichen bestraft und dann den Eltern zur besonderen Aufsicht zurück- 
gegeben zu werden. Auf Kaiserlichen Befehl wurde sie in daa Waisen- 
Jiaus zu Wien aufgenommen, wo sie bald darauf an einem Nerven- 
fieber starb. 

(Zangerl. Da« Heimweh. Wien 1840. S. 74.) 

f) Drei Fälle von Brandstiftung. Einer zur Verdeckung 

von Mordtaten. 

Hat S. K. bekandt, daß er A. K. Weibe, alldo er Geld gemer- 
cket, in jhrem eigenen Hause mit einer Axt erschlagen, hernach auch 
jhre Tochter und den Sohn, folgends auch A. K. selbsten, als er 
nach Hause kommen, mit der Axt erschlagen und ermordet: darauf f 
die vier Körper in die Kammer getragen, Strohe, Brieffe und Schachteln 
darauff gelegt und angezündet, in meinung; wenn das Hauß weg- 
brennete, er außer den Verdacht kommen, und die Leute meinen 
selten, die Personen weren mit verbrunnen, zuvor aber bette er Kleider, 
Leinengerete, Ziechen und andere Sachen, so er gefunden, geraubet 
und hin weggetragen; Ferner hat er bekandt, daß er noch drey andere 
Personen uff der Strassen ermorden und berauben helffen, welches 
sich auch in der erkundigung also befunden. Ingleichen daß er die 
Schenke zu Deutzschenbora angestecket und weggebrandt u.s.w. 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 225 

So möchte er von wegen solcher an sieben unterschiedenen Per- 
sonen begangenen und bekandten schendlichen und Unmenschlichen 
Mordtbaten und Beraubungen , und daß er ingleichen die Schencke 
zu Deutzschenbora, und das daran gelegene Brawhauß, auch vorbenante 
vier erschlagene Cörpem mit Fewr angestecket, mit glühenden Zangen 
sechsmal gerissen, folgends mit dem Kade, jedoch wann zuvor jhme 
damit die Glieder, nemlich die Schenckel und Armen von unten auff 
zeretossen, vom Leben zum Tode gerichtet, und nach verrichteter und 
vollbrachter execution, der Cörper andern Mißhändlem und Übel- 
tbätem zum abschew und Exempel, damit sie dergleichen schreckliche 
Mordte und Übelthaten zu begehen, durch diß supplicium gleichsam 
abgeschrecket und abgehalten, hiervon auch, und was diesem Übel- 
thäter begegnet und wiederfahren, ein Gedächtnüß verbleiben möge, 
off ein Bad öffentlichen geleget und geflochten, und so viel Knüttel, 
ak er Mordtbaten verübet, neben einem Täfflein, darauf seine Übel- 
thaten geschrieben und verzeichnet, gehangen und angemachet werden. 
VJLW. M. April. Anno 1616. 

(Practicae Novae Imperialis Saxonicae Rerum Criminalium Autore 
Baiedicto Carpzov. Wittenbergae 1646. Bd. 1. S. 120 Nr. 68.) 

II. Brandstiftungen. 

a) Aus Freude am Feuer. 

Ein L«bdmädchen, kaum 17 Jahre alt, legte zweimal im 
Hause seineif Herrn Feuer an, das erste mal mit glühenden Kohlen, 
die es aus dem Ofen nahm und in der Hand in den Holzschuppen 
trag; das zweite mal mit einem Schwefelfaden, den es auf den Boden 
in Heusamen steckte. Das Machen war so sehr nach Brand 
begierig, daß es, als das F^er nach allmählicher Ausbreitung auf- 
zugeben angefangen hatte, von einer Art angenehmer Erwartung er- 
griffen wurde und die knisternde Flamme mit gespanntem, gleichsam 
begierigem Ohr beachtete (attenderet). Zuerst stand es als müßige 
Zuscbauerin der Geräte und der Arbeit da, die zum Löschen des 
Feuers angewendet wurde, dann zeigte es die Gefahr selbst an, gleich 
darauf schlang es sich einen Strick um den Hals, im Erhängungs- 
tode das äußerste Mittel für seine Angst suchend. Mit seinem Herrn 
lebte es weder in geheimem Groll, noch in offener Zwietracht, die 
den Verdacht des Zorns oder der Kachsucht hätte erwecken können, 
nnd noch viel entfernter war es von einer Lasterhaftigkeit und Bos- 
heit, die es zu einem so ungeheuerlichen Verbrechen aus leichtfertiger 
ond frecher Schadenfreude hätte anreizen können. Aber ebensowenig 

Arafair fär Krimiaalanthropologie. XXVI. 15 



226 XVI. Haussner 

hatte es vorher ein merkbares Zeichen von Wahnsinn dargeboten, von 
dem auch später weder in seinen Reden noch in seinen Handlangen 
wahrscheinliche Symptome erschienen. Dagegen war die Krankheit 
seines Körpers zweifellos. Denn schon seit dem vierten Lebensjahre 
litt es an Krämpfen, die endlich zu wirklicher dauernder Epilepsie 
sich gestalteten. Yon den Anfällen dieser Krankheit wurde es am heftig- 
sten heimgesucht, wenn sie gerade mit den Vorboten der Menstruation 
zusammentrafen, und das war eben wenige Tage, ehe es das Feuer 
anlegte, der Fall gewesen. Den Richtern, die es nach der Ursache 
der Tat befragten, antwortete es, eine innere Stimme und ein Zurufj 
der von Gewalt und Zwang wenig entfernt gewesen wäre, habe ihm 
gleichsam befohlen, daß es Feuer anlegen und sich das Leben nehmen 
sollte. In dem Gutachten wird noch gelegentlich angeführt, daß es 
einige Tage geschwankt hätte, ob es die Tat begehen solle oder nicht, 
und daß es sowohl während dieser Zeit, als zur Zeit der Tat selbst 
völlig verständig gewesen sei (minime omnium desipuit). Das Gut- 
achten selbst legt ein starkes Gewicht auf den Mangel eines Motives, 
ein nicht viel geringeres auf die Epilepsie, und schließt, es sei nicht 
mit Wahrscheinlichkeit, viel weniger mit Gewißheit zu behaupten, daß 
die Beschuldigte den freien Gebrauch ihres Verstandes gehabt habe. 
(Emesti Platneri Opuscula academica. Edidit Neumann, Berolini 
1824, erstattet im Jahre 1797: De amentia occulta alia observatio quae- 
dam. S. 13. L S. auch Jessen: die Brandstiftungen in Affekten usw. Kiel 
1860. S. 15.) 

b) Aus Rache 1) für 20 Jahre vorher erlittene Kränkung. 

H. N. aus K. war von Kindheit an zum Brotverdienen und 
Betteln angehalten worden. Die Schule hatte er so schlecht besucht, 
daß er nicht einmal lesen lernte und von den 10 Geboten nur eine 
unklare Vorstellung besaß. In seinem Charakter war eine auffallende 
Verschlossenheit, jedoch ohne Halsstarrigkeit oder Bosheit der Hauptzug. 

Auf einem seiner Bettelzüge kam er, etwa 14 Jahre alt, auch 
auf den Hof des Hufners D., wo er sehr schlecht empfangen wurde. 
Die beiden Söhne des D. gingen mit einer Peitsche auf ihn los und 
hetzten sogar einen Hund auf ihn, der ihn auf der Flucht in die 
Wade biß. Da er auch hörte, daß Arme dort oft so behandelt würden, 
trug er stets einen heftigen Groll gegen die Brüder D. im Herzen 
und dachte oft daran, sich durch Feueranlegen an ihnen rächen zu 
wollen. 

Im 21. Jahre verheiratete er sich und gelangte schließlich zu 
einem den Verhältnissen nach ungewöhnlichen Wohlstande. 



Kriminalfälle und anderes ans der Litteratur. 227 

Im Herbste 1853, etwa 20 Jahre nach dem erzählten 
Vorfalle, sah N., der inzwischen 33 Jahre alt geworden war, eines 
Tages den jüngeren D. in K., wie öfter schon, auf der Straße. Ob- 
wohl er nun nie irgendwie Haß gegen die Brüder gezeigt und auch 
in der Zwischenzeit nichts sich zugetragen hatte, was ihn wieder hätte 
anfachen können, so fiel ihm dennoch bei dem diesmaligen bloßen 
Anblicke des D. plötzlich ein, zur Ausfühning der längst beschlos- 
senen Bache zu schreiten. Am 10. November 1853 gegen Abend 
gab er gegen seine Frau vor, er wolle ausgehen, um Holz zu holen» 
machte sich aber auf den Weg nach dem D'schen Hofe, wo er um 
10 Uhr anlangte. Hier beschloß er, um keine Menschenleben zu ge- 
fährden, eine einsam stehende Scheune anzuzünden; aus demselben 
Grunde schien ihm auch der windstille Abend zur Ausführung der 
Tat besonders geeignet. Er ging in die schlecht verschlossene Scheune 
hinein, zündete mittelst Zündhölzchen einen Haufen Stroh an und ent- 
fernte sich dann eiligst Vom Wege zurückblickend, sah er die 
Scheune in Flammen stehen und wurde sogleich von Reue und Ge- 
wissensbissen ergriffen. Seiner Frau, die ihn seiner späten Heimkehr 
wegen ängstlich befragte, antwortete er sehr einsilbig, er sei verjagt 
worden, habe kein Holz bekommen können, und zeigte sich an den 
folgenden Tagen ganz verändert, durchaus still und fast träumend. 
Die Frage, ob er krank sei, verneinte er, begann aber sich zu betrin- 
ken, um, wie er später sagte, seine Gewissensbisse zu übertäuben. 
Wahrscheinlich im trunkenen Zustande entwendete er während dieser 
Zeit (am 28. Januar) ein Brett von einem Wagen, dessen Besitzer ihm 
Arbeit verweigerte, wofür er eine dreitägige Gefängnisstrafe erhielt. 
Bitten seiner Frau und Ermahnungen seines Vaters vermochten ihn 
zwar, vom Trinken abzulassen, aber er blieb bei dem beständigen 
Kampf mit dem Gedanken, daß er sich dem Gerichte angeben müsse, 
trübe und arbeitsscheu. Er sprach kaum, saß gesenkten Hauptes still- 
Ähwdgend da oder ging stundenlang auf und ab, hörte kaum, wenn 
VT angeredet wurde, und war, wenn auswärts, zur Rückkehr schwer 
zu bewegen. Endlich am 4. April 1854 ging er nach B., dem Sitze 
de« Gerichts, in dessen Bezirk er das Verbrechen begangen, unter dem 
Vorwande, daß er einen Brief dorthin zu bringen habe, übernachtete 
dort mid meldete sich am Morgen des 5. bei Gericht, wo er sogleich 
ein volles und offenes Geständnis ablegte. Hierauf fühlte er sich 
ruhiger. — Er wurde zu vierjähriger Zuchthausstrafe verurteilt 

(Aus den Akten.) 
(Dr. Willers Jessen. Die Brandstiftungen in Affekten. Kiel 1860. 
:5. 60 flg.) 

15* 



228 XVI. Haussner 

2) Für empfangene Schläge. 

Johann Sutermann, ein uneheliches Kind, schlecht unterrichtet, 
von Jugend auf hartnäckig und ungehorsam, schon von seinem 10. 
Jahre an sich selbst überlassen, war zunächst 4 Jahre bei einem 
Schornsteinfeger gewesen, dann wegen schlechter Behandlung davon 
gelaufen; hierauf hatte er bei einer Menge anderer Leute kürzere oder 
längere Zeit gedient und war wiederholt aus dem Dienste entlaufen. 
In seinem 16. Jahre war er Pferdejunge geworden, hatte kleine Dieb- 
stähle begangen und war endlich ungerechter weise in Verdacht ge- 
kommen, etwas Geld entwendet zu haben. Durch Schläge wurde ein 
Geständnis von ihm erpreßt Als er auch das Geld herbeischaffen 
sollte, suchte er sich herauszulügen, weshalb er abermals von seinem 
Dienstherm mißhandelt wurde. Um sich dafür zu rächen, zündete 
er diesem die Scheune an und lief davon. Er wurde zu achtjäh- 
riger Zuchthausstrafe verurteilt. Krankhaftes war in diesem Falle gar 
nicht vorhanden. 

(Kleins Annalen, Bd. 12. S. 69 und Jessen a. a. 0. S. 20.) 

3) Für empfangene Schläge. 

Matthäus Heinecke zündete, fast 14 Jahre alt, aus Rache 
wegen erhaltener Züchtigungen und aus Überdruß am Dienste den 
Pferdestall seines Dienstherrn an. Er war gar nicht unterrichtet, 
sehr einfältig und überdies ein Vierteljahr vor der Brandstiftung (in- 
folge eines Sturzes vom Dache) von Epilepsie befallen worden. Die 
epileptischen Anfälle dauerten eine Stunde und länger und wiederhol- 
ten sich bei jedem Schrecken. Ihre Häufigkeit ist nicht angegeben. 
Der Kreisphysikus erklärte, daß er wegen außerordentlicher Dumm- 
heit und Schwäche der Geisteskräfte einem melancholico und maniaco 
gleich zu achten sei. Das Gericht meinte aber, daß dieses Gutachten 
zu weit gehe, und verurteilte ihn zu dreijähriger Zuchthausstrafe. Der 
Täter war so einfältig, daß er das scherzweise Anerbieten eines Mit- 
gefangenen, ihm sein 56 jähriges Weib und seine Kinder abtreten zu 
wollen, mit Dank und Freude annahm und äußerst betrübt wurde, 
als ihm begreiflich gemacht wurde, daß es nur Scherz sei. 

(Kleins Annalen, Bd. 12. S. 90 und Jessen a. a. 0. S. 20.) 

c) Aus Heimweh. 
Marie Sumpf, 10 Jahre alt, noch wenig unterrichtet, von zänki- 
schem, halsstarrigem und von Bosheit nicht freiem Charakter, war 
während der Sommerzeit als Kindermädchen vermietet worden. Dieser 
Dienst wurde ihr jedoch durch eine Magd verleidet Sie bekam hef- 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 229 

tiges Heimweh, dem ihr Vater durch Prügel entgegenzuwirken suchte. 
Sie sprach nun zuerst gegen eine dritte Person davon, daß sie das 
jüngste Kind eine Nadel verschlucken lassen wollte, in der Hoffnung, 
ihre Herrschaft werde sie dann aus Furcht entlassen. Als ihr das 
aber nichts half, zündete sie das Strohdach des Hauses an. 
Der Verdacht fiel gleich auf sie, und sie bekannte ihre Schuld, nach- 
dem sie zuvor vergeblich versucht hatte, andere Personen zu verdäch- 
ügen. Ihre Sehnsucht nach Hanse gab sie als Motiv an. Sie 
war sich bewußt, eine strafbare Handlung begangen zu haben, hatte 
aber weder die Größe, noch die Folgen ihres Verbrechens recht be- 
dacht. Sie wurde zu sechsjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. 
(Kleine Annalen, Bd. 7. S. 37 und Jessen a. a. 0. S. 17.) 

d) Um zu stehlen. 

Ob nun gleich die Gefangene dagegen vorgeben, daß sie es nicht 
in G^müth und meinung, oberwenten Bartken das seine abzubrennen, 
i^etan, sondern es vielmehr zu dem ende vorgenommen bette, daß 
wann das Fewer angienge, würden die Leute eines theils, wie denn 
ohne allen zweiffei auch der kleine Nicel, so Bartkens Nachbar, jhren 
Haußrath in schrecken außtragen, und wann solches also geschehe, 
verhoffte sie durch diese gelegenheit die sieben Bösen Flachs, so sie 
dem kleinen Nicel auß der Röste gestohlen, welche er aber zusambt 
dem Grasetuche, darunter dieselben gelegen, genommen, wieder zuer- 
langen, und hette sich des verklagens bey dem Gerichte, damit sie 
bedrawet worden, desto weniger zu befahren u.s.w. 

So möchte sie von wegen solcher jhrer begangenen und bekandten 
Verbrechung nach gelegenheit dißfals mit dem Schwerd vom Leben 
zum Tode gestrafft werden. V.RW. Mens. Septembr. Anno 1596. 

(Practicae Novae Imperialis Saxonicae Herum Criminalium Autore 
Benedicto Carpzov. Wittenbergae. 1646. Bd. 1. S. 236 Nr. 12.) 

e) Aus Eifersucht. 
Franz D. hatte eine Liebschaft mit seiner Magd Marie F. ange- 
knüpft, mit ihr auch ein bald wieder verstorbenes Kind erzeugt und 
beabsichtigte, sie zu heiraten. Als er erfuhr, daß sie gleichwohl mit 
dem wohlhabenden Bauern L. sich hatte aufbieten lassen, eilte er zu 
ihr, wurde aber von ihr vertröstet. Nachdem er jedoch in Erfahrung 
gebracht hatte, daß das dritte Aufgebot erfolgt sei, und er am S. No- 
vember 1852 selbst den Hochzeitszug bei seinem Gute hatte vorüber- 
ziehen sehen, kam ihm am folgenden Sonntage, als er allein in seinem 
Walde umherging und über die Wortbrüchigkeit seiner Geliebten 



230 XVI. Haussner 

nachdachte, der Gedanke, L's Wirtschaftsgebäude anzuzünden, damit, 
„weil er von seiner Geliebten nichts mehr habe, sie auch von don 
nichts haben möge." Zuvor aber wollte er nochmals mit ihr sprechen. 
Er begab sich deshalb am 23. Nov. abends 6 Uhr auf den Weg zu 
ihr. Eine Viertelstunde vor seinem Ziele fühlte er sich unwohl, und zün- 
dete er sich deshalb seine Pfeife an. Da indessen das Licht im Hause 
gerade ausgelöscht wurde und es überdies sehr stark zu regnen begann, 
begab er sich in die Scheune auf die Dreschtenne. Als seine Pfeife 
erlosch, steckte er sie nach vorsichtigem Ausgießen des Tabaksaftes, 
nicht aber der Asche, in die Brusttasche und legte sich aufs Stroh 
nieder, wo er eine Stunde teils grübelnd, teils schlummernd zubrachte 
Dann ging er ans Scheunentor, überzeugte sich, daß der Segen nach- 
gelassen, holte seinen Hut, und war schon wieder am Tore, als ihn 
unter heftigem Ärger wieder der Gedanke an Brandstiftung überfiel. 
Er warf infolgedessen drei brennende Zündhölzer auf das Stroh, 
welche sogleich zündeten, dachte, „nun möge geschehen was da wolle,"* 
und ging nach Hause. Unterwegs sah er die Scheune, die völlig 
abbrannte, in Flammen stehen, nichts destoweniger legte er sich ruhig 
zu Bette. Der Verdacht frei auf ihn. Er gestand die Tat auch so 
gleich unumwunden ein. Die Größe seines Verbrechens schien er nicht 
zu fühlen, denn er wunderte sich darüber, daß man ihn fragte, wie 
er nach* der Tat ruhig hätte schlafen können. Sein Urteil erwartete 
er sehr gleichgültig. Das ärztliche Gutachten bezeichnete ihn als 
einen durch die Umstände und seine subjektive Beschaffenheit erregt 
gewesenen Menschen, der sich zur Zeit der Verübung des Verbrechens 
im Zustande der geminderten Zurecbnungsfähigkeit befunden hätte^ 
Der Gerichtshof verurteilte ihn in Berücksichtigung seines früher 
tadellosen Lebens, vorzüglich aber deshalb, weil er in einer aus dem 
gewöhnlichen Menschengefühl entstandenen heftigen Gemütsbewegung 
sich zu dem Verbrechen hätte hinreisen lassen, zur Strafe des schweren 
Kerkers auf acht Jahre (statt auf Lebenszeit). 
(Hitzigs Annalen 1853. Bd. 33. S. 277.) 

f) Aus Verzweiflung über schlechte Behandlung. 

Klarin, 14 Jahre alt, Dienstmädchen, beging eine Brandstiftung 
aus Verzweiflung wegen übler Behandlung im Dienste. Sie zeigle 
keine Spuren von Geisteskrankheit. Das ärztliche Gutachten nimmt 
vielmehr nur kindische Einfalt und Unreife des Verstandes an, nament- 
lich weil die Pubertätsentwickelung noch fehlte. 

(Mitgeteilt bei Platner, De excusatione fatuitatis. De venia aeta- 
tis. S. 138; siehe auch Jessen a. a. 0. S. 16.) 



Kriminalfalle und anderes aus der litteratur. 231 

g) Wegen Unlust znm Dienen. 

Anna Grabowska, die 15 jährige Tochter eines Gärtners, hatte 
gar keinen Unterricht genossen, war aber dennoch konfirmiert worden. 
Bis Oktober 1792 hielt sie sich bei ihren Eltern auf. Dann wurde 
sie in Dienst gegeben. Die Arbeit war ihr aber zu schwer. ' Sie bat 
deshalb ihren Vater, sie wegzunehmen. Dieser ließ sie darauf hart 
an; unerlaubt lief sie einige Wochen später nach Hause. Ihr Vater 
brachte sie sofort zurück. Sie erhielt keine Strafe, entlief aber doch 
noch an demselben Abende wieder. Ihr Vater fand sie nach zwei 
Tagen auf und brachte sie zurück, worauf sie von ihrem Brotherrn, 
einem adligen Gutsbesitzer, bestraft wurde. Noch an demselben Abende 
lief sie aber zum dritten Male fort zu ihrem Vater, der sie darauf 
am 16. Januar bei einem Bauern in Dienst gab. Sofort fiel ihr ein, 
diesem das Gehöft anzuzünden; zur Überlegung, daß es sündhaft und 
strafbar sei, ließ sie sich keine Zeit, obwohl sie Gott mit aufgehobenen 
Händen gebeten haben wollte, den Gedanken von ihr zu nehmen: Ihr 
Vorsatz sei zu stark gewesen und sie habe einen Schatten vor sich 
zu gehen vermeint, der sie zur Brandstiftung mahnte. Am 18. Januar 
machte sie sich durch einen wohlausgesonnenen Vorwand vom Mittag- 
essen frei, trug eine Kohle aus der Küche in den Schuppen und warf 
sie dort auf das Stroh. Dann ging sie in die Stube und suchte wieder 
einen neuen Vorwand, um unbeargwohnt eine andere Kohle in den 
Stall werfen zu können, falls die erste nicht gezündet haben sollte. 
Unterdessen ging das Feuer schon auf, und sie rettete nun ihre Klei- 
der. Als indessen das Feuer gelöscht wurde und sie einsah, daß das 
Haus ihres Brotherrn nicht abbrennen werde, warf sie abermals eine 
Kohle in das Heu im Stalle. Dabei wurde sie ertappt. Als Motiv 
gab sie (außer der gewöhnlichen Angabe, daß es ihr keine Ruhe ge- 
lassen u. 8. w.) zu schwere Arbeit an; es erwies sich indessen, daß 
nicht die Arbeit zu schwer, sondern sie selbst zu träge war. Sie litt 
an habituellen, vierwöchentlich wiederkehrenden Kopfschmerzen, die 
sie am Arbeiten aber nicht verhinderten; die Menstruation fehlte an- 
scheinend noch; psychisch wurde nichts Abnormes an ihr wahrge- 
nommen. Sie wurde zu achtjähriger Zuchthausstrafe verurteilt 

(Kleins Annalen, Bd. 12. S. 126 und Jessen a. a. 0. S. 20.) 

h) um einen Possen zu spielen. 

Nable, ein 14 jähriger Dienstjunge, beging Brandstiftung einge- 
standenermaßen, um seinem Herrn, der ihn ziemlich streng gehalten hatte, 
einen Possen zu spielen. Das ärztliche Gutachten nimmt, ohne sich 



232 XVI. Haüssnek 

weiter über die Zurechnungsfäbigkeit auszusprechen, an, daß Nähie 
zuweilen in Paroxysmen verfallen sei, in denen er, seines Verstandes 
und seiner Überlegung beraubt, ohne Bewußtsein hätte handeln kön- 
nen. Es weist die Existenz solcher Paroxysmen aber nicht nach, son- 
dern zählt nur eine Anzahl Entschuldigungsgründe auf, nämlich 
frühere epileptische Anfälle, Beängstigungen, Schwermut, kindische 
Einfalt, Heimweh und Pubertätsentwicklung. Ein bestimmtes Krank- 
heitsbild aus diesen verschiedenen Angaben zu abstrahieren, ist weder 
versucht, noch tunlich, namentlich da die Geschichtserzählung sehr un- 
vollkommen ist. 

(Mitgeteilt bei Platner, De excusatione fatuitatis, Caput III de 
fatuitate puerili S. 119; siehe auch Jessen a. a. 0. S. 16.) 

i) Aus Mutwillen. 

Bertheim, ein 17 jähriger Stellmacherlehrling, beging 17 Brand- 
stiftungen aus Mutwillen, sittlicher Roheit und Neigung zum 
Müßiggang; Diebstähle zur Befriedigung von Naschhaftigkeit und 
Vergnügungssucht; keine körperlichen noch geistigen Krankheitssymp- 
tome. Das Gutachten nahm völlig freien Verstandsgebrauch an. Leider 
ist die Geschichte und der innere Zustand dieses Brandstifters, der 
„wie ein Bandit seinen Dolch, beständig Feuerzeug und Schwefelfäden 
bei sich trug*' nicht genügend erörtert 

(Platner a. a. 0, de judiciis medicorum publicorum observatio III 
S. 172, siehe auch Jessen S. 17.) 

k) Um den Mann vom Spiele abzubringen. 

So möchte M. B. von wegen solcher jhrer begangenen und be- 
kandten Mißhandelung, nach gelegenheit dißfals, weil jhre meinung 
gewesen, jhren Mann von dem Spiele zu bringen, und daß nicht ein 
groß Fewer entstehen, und daß gantze Dorff abbrennen solte, gestalt 
sie denn darauff bald poenitiret, in deme sie ein Oster Oy ins Fewer 
geworffen. dasselbe dadurch zu leschen, inmassen es auch bey dem 
Stall allein verblieben, mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode ge- 
richtet und gestrafft werden. V.RW. Mense Majo Anno 1 629. 

(Practicae Novae etc. Autore Carpzov. Wittb. 1646. Bd. l. 
S. 235 No. 8.) 

1) Ohne Motiv. 

Die 17 jährige Magd Marie Kalinowska war die Tochter eines 
verabschiedeten Dragoners und zuerst in der lutherischen Schule 
unterrichtet worden, wurde später aber katholisch, weil die lutherischen 



Kriminalfäile und anderes aus der Litteratur. 233 

Prediger sie ihrer Unwissenheit wegen nicht einsegnen wollten; sie 
^mßte in der Tat weder die 10 Gebote, noch ein Gebet. Nach dem 
15. Jahre trat sie zuerst bei Hartke, dann bei einem anderen und end- 
lieh wieder bei Hartke in Dienst. Dieser gab ihr im allgemeinen 
ein gutes Zeugnis, nur sei sie mürrisch und zänkisch gewesen und 
habe besonders das Tanzen geliebt, weshalb sie oft sehr spät nach 
Hause gekommen sei. Sie selbst war mit ihrem Dienste zufrieden 
und hatte dazu auch alle Ursache. Am 1. April wollte sie zu Tanze 
gehen. Hartke riet ihr aber, statt dessen lieber ihre Kleider auszu- 
be^em; da sie aber von der Frau Hartke bereits Urlaub bekommen 
hatte, machte sie sich dort fort und tanzte von 8 Uhr Abends bis 
4 Uhr Morgens. Obwohl sie nichts Spirituöses getrunken hatte, wurde 
sie doch außerordentlich erhitzt, und als sie in diesem Zustande sich 
heim begab, fiel ihr ein, Feuer anzulegen. Sie legte sich jedoch 
schlafen, stand aber um 5 Uhr schon wieder auf, verrichtete die not- 
wendigsten Arbeiten, ging um 9 Uhr wieder schlafen und schlief bis 
1 Uhr Mittags. Auch in der folgenden Nacht schlief sie im ganzen 
rahig, nur bisweilen schreckte sie auf und dann war gleich der Ge- 
danke, daß sie Feuer anlegen sollte, da. Ebenso ging es in der Nacht 
zum 4. April. Sie war unruhig, wußte aber selbst nicht worüber. 
Übrigens fehlte ihr nichts. Sie aß, trank und arbeitete wie gewöhn- 
lich. Am 4. April Nachmittags arbeitete sie in der Küche. Es war 
ihr anfangs wohl, und sie dachte an nichts. Als sie aber die Küche 
verlassen wollte, war ihr, als könnte sie die Türe nicht finden, als 
könnte sie schlechterdings nicht hinauskommen, wenn sie nicht Feuer 
anlegte. Jetzt erwachte der Gedanke in ihr, Feuer vom Ofen zu 
nehmen und das Haus anzuzünden. Zu diesem Zwecke nahm sie 
sofort eine teilweise glühende Kohle, stieg auf den Heuboden und legte 
sie ins Heu. „Ich wußte nicht, ** sagte sie, „was ich tat: ich konnte 
mich des Gedankens: du mußt Feuer anlegen, schlechterdings 
nicht erwehren und ich beging die Tat, um meine Angst loszuwerden. 
Ich dachte freilich daran, daß Feuer entstehen würde, übrigens war 
^ windig, allein das war nicht hinlänglich, um mich zurückzuhalten. 
Ich dachte auch daran, daß mein Wirt durch den Brand unglücklich 
werden würde; allein alsdann erst, als ich die Kohle bereits in das 
Heu gelegt hatte und die Tat schon vollführt war. Kaum war sie 
ereschehen, als mich eine solche Freude ergriff, wie ich noch nie in 
meinem Leben gefühlt habe. Ich ging nun an meine gewöhnlichen 
Beschäftigungen, und eine halbe Stunde nachher sah ich den Kauch 
bereits aus dem Dache hervorqualmen. Feuer habe ich nicht gesehen, 
ohnerachtet ich selbst habe mit löschen helfen." Es verbrannte nur 



234 XVI. Haüssneb 

etwas Heu, und die Kohle wurde gefunden. Das Mädchen selbst hatte 
übrigens keinen Feuerlärm gemacht. Es geriet in Verdacht^ 
weil es kurz zuvor, ehe das Feuer bemerkt wurde, zweimal sehr hastig 
aufgestanden, vor die Tür gegangen und gleich wieder zurückgekehrt 
war. Dieser Verdacht verbreitete sich unter dem Mitgesinde so, daß 
der Hausherr das Mädchen näher befragte; nachdem es ein Geständ- 
nis abgelegt hatte, wurde es am 5. April 1793 an das Amt abge- 
liefert — Der Verteidiger trug auf ihre Freisprechung an, weil sie 
in einer gewissen Betäubung oder Art Wahnsinn gehandelt hätte. Das 
Gericht hingegen verurteilte sie zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe. 
In den Entscheidungsgründen heißt es: Es würde bedenklich sein, 
in diesem ganz besonderen Falle anderweitige Erfahrungen unbedingt 
zur Entscheidung dienen zu lassen und den Behauptungen der Inqui- 
sitin bloß deswegen keinen Wert beizulegen, weil nicht medizinisch — 
ausgemittelt ist, daß sie die Tat in einem Zustande verübt habe, in 
welchem die gestörte Organisation auf die Geisteskräfte nachteilig ein- 
gewirkt hat. Hier ist nun die Inquisitin 17 Jahre alt, nach ihren 
guten Zeugnissen nicht in der Schule der Verbrechen gebildet, nach 
dem Urteil des Inquirenten einfältig und nicht verschmitzt. Sie war 
in ihrer Lage zufrieden, lebte mit ihrer Herrschaft in Einigkeit und 
Zufriedenheit, stand in keinen Verhältnissen mit anderen, von welchen 
sie zur Erreichung deren strafbarer Absichten als Instrument hätte 
gemißbraucht werden können. — Wenn ein solches Subjekt beim 
Zurückkommen von einem unschuldigen Freudengelage den Gedanken 
faßt, ihrer Brotherrschaft das Haus anzustecken, sich zwei Tage mit 
diesem Gedanken herumträgt, ihren Vorsatz am hellen Mittage bei- 
nahe unter den Augen ihres unter der Türe stehenden Brotherrn und 
mehrerer bei ihm seiender Personen ausübt und gleich nach der Tat 
eine nie empfundene Freude verspürt, so hört die Behauptung des ge- 
störten Verstandes auf, ein Vorwand zu sein; man muß glauben, daß 
die ungewöhnliche Erhitzung und die darauf von ihr versicherte Er- 
kältung bei einem so jungen Mädchen nachteilig auf die Seelenkräfle 
wirken können, und man muß annehmen, daß sie in einem nicht ganz 
freien Zustande gehandelt habe. Nichtsdestoweniger läßt sich von 
ihr nicht behaupten, daß sie gar keiner Zurechnung fähig sei usw. Das 
Gericht meinte, sie habe sich dem bösen Antriebe nicht mit Aufbietung 
aller Willenskraft widersetzt, und wenn letztere wirklich zu schwach 
gewesen sei, so läge darin ein Grund, durch die Furcht vor der Strafe 
in Zukunft solcher Willensschwäche zu Hülfe zu kommen. 

(Kleins Annalen, Bd. 12. S. 53 und Jessen a. a. 0. S. 18 flg.) 



Kriminaifälle und anderes aus der Litteratur. 235 

m) Ein Brandbrief. 

So möchte er von wegen solcher Mißhandlung (in dem er in 
II. R. Scheunenloch einen Flederwisch, mit zveyen Kohlen, so Creutz- 
weise daran gebunden, neben einem wischlin Strebe gelegt) inhalts 
Cburfürstl. Sachs. Constitution, als ein Vehder mit dem Schwerd vom 
Leben zum Tode gestrafft und hingerichtet werden, und hat der Ge- 
fangene sich darwieder damit, indem er fürgeben thut, daß seine 
meinung niemals gewesen, das er anstecken wollen, nicht zu behelffen, 
V.R.W. Mens. Februar. Anno 1619. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 219 Nr. 34). 

III. Totschlag. 

Hat H. L. in guten bekandt und gestanden, daß er G. M. Vieh- 
magd uff der Wiesen, als sie gegraset, Unzucht angemuthet, und sich 
darzu entblösset. Als sie aber uffgefahren und jhme einen Schaden mit der 
Sichel am Männlichen gliede zugefüget, hat er sein Brodtmesser er- 
crieffen, Sie in die Kehle gestochen, und als sie jhme das Messer 
nehmen wollen und jhn darnieder gestossen, hat er jhr folgende be- 
schädigung zugefifgt: Ein Schnitt vom Munde übern Backen, biß 
ans Ohr, drey Stiche in Halß, die Gurgel und den Halß umb und 
umb entzweygeschnitten, beyde Brüste so wohl den Leib von der 
Weiblichen schäm an biß an den Nabel uffgeschnitten. Einen Stich 
zwischen den Brüsten, einen Stich in Rücken, beyde Sitzbacken zu 
spalten, beyde Span Adern und Waden an den Beinen biß an die 
Knorren uffgeschnitten u.s.w. 

So mag er von wegen solcher begangenen und bekandten muth- 
mlKgen und bößlichen Entleibung mit dem Schwerdt vom Leben zum 
Tode gestrafft und nach erlittener Todesstraff andern zum abscheu- 
lichen Exempel uff ein .Bad gelegt werden. V.R.W. (Die Zeit der 
Entscheidung fehlt) 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 126 No. 61). 

IV. Sittlichkeitsverbrechen. 

Ein sittsames religiöses Mädchen (29 Jahre alt) hatte lange an 
Magenkrämpfen gelitten und wurde bei der Steigerung seiner Leiden 
vom Kinnladenstarrkrampfe ergriffen, worauf Nervenleiden und Paro- 
lysmen eines ekstatischen Zustandes und Autosomnambulismus, später 
n854) aber Formen des sog. natürlichen Somnambulismus sich aus- 
bildeten. Es wurde einer vom Wundarzt Ludwig R. ausgeführten 
magnetischen Kur unterworfen. Seine Krankheit verschlimmerte sich 
jedoch, so daß es die Sterbesakramente erhielt 



236 XVI. Haüssner 

Bei einem Besuche fand es der Arzt in einem ungewöhnlichen 
Zustande. Er erhielt keine Antworten von ihm, bis er es in magne- 
tischen Schlaf versetzte. In ihm gab es an, ein fremder Mensch (der 
Sohn des Wundarztes F.) sei in sein Zimmer gekommen und habe es 
übel behandelt und beleidigt. 

Spuren an seinem Körper und Hemde begründeten den Verdacht 
eines an ihm verübten Verbrechens. 

In der gerichtlichen Untersuchung wurde das Mädchen, nach- 
dem es in magnetischen Schlaf versetzt worden war, einer körperlichen 
Besichtigung unterzogen. Bei ihr fanden sich Rötungen der Scheide- 
wände und Einrisse im Hymen. 

Die auf Veranlassung des Untersuchungsrichters in Gegenwart 
der Gerichtskommission vorgenommene Befragung der Schlafen- 
den ergab Antworten, durch die ein gewisser F. als Urheber des an 
ihr verübten Sittlichkeitsverbrechens bezeichnet wurde. 

In wachen Zustand zurückversetzt und eidlich vernommen, gab 
das Mädchen an, daß F. es besucht, von unanständigen Dingen ge- 
sprochen und schließlich es schmeichelnd am Kinne gefaßt und ver- 
lassen habe, worauf es in bewußtlosen Zustand zurückgesunken sei. 

Beim Erwachen habe es Schmerzen im Unterleibe gespürt und 
am Leintuche und Hemde Blut bemerkt. Was in der Zwischenzeit 
geschehen sei, wußte das Mädchen nicht anzugeben. 

Zwei Zeuginnen bestätigten, daß F. zu jener Zeit bei dem Mädchen 
gewesen und mit ihm allein gewesen war. 

Der Angeschuldigte F. gestand schließlich, daß er beim Anblick 
des anscheinend bewußtlosen Mädchens durch unwiderstehliche Leiden- 
schaft zur Tat fortgerissen worden sei, von ihrer Ausführung aber 
aus Scheu freiwillig abgesehen habe. Er wurde aber für schuldig 
erklärt und zu 3 Jahren schweren Kerker verurteilt. 

Das Gericht beschränkte sich in der Schlußverhandlung auf die 
Vernehmung des Angeschuldigten und die Aussagen der Zeugen, nach- 
dem in der Untersuchung ein Gutachten der medizinischen Fakultät 
zu Wien eingefordert worden war. 

(Über dieses und den Fall selbst §iehe: Allg. österr. Gerichts- 
zeitung. 1855. No. 106,107 110.) 

V. Kindstötung. 

a) Auch Menschenraub zu ihrer Verdeckung. 

Ein etwa 17 jähriges Mädchen gebar heimlich und warf das Kind 
ins Wasser. Als sich aber seine Niederkunft offenbarte und es ange- 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 237 

halten wurde, das Kind herbeizuschaffen, stahl es ein Kind und gab 
es für das seinige aus. Der Betrug wurde aber bald dadurch ent- 
deckt, daß es statt eines Knaben, mit dem es niedergekommen sein 
wollte, ein Mädchen brachte und statt eines Kindes von w^enigen 
Tagen ein 10 Wochen altes. Letzteres wurde den Eltern zurückge- 
geben; der Leichnam des getöteten Kindes konnte jedoch nicht ge- 
funden werden. Das Hofgericht begutachtete einstimmig, daß zwar 
die Todesstrafe gegen die Beschuldigte auszusprechen, sie jedoch der 
landesherrlichen Gnade dahin zu empfehlen sei, daß jene Strafe auf 
eine zehnjährige Korrektionshausstrafe herabgesetzt werden möge. 
Als mildernde Umstände, jedoch nicht als rechtliche Entschuldigungen 
wnrden die Jugend der Beschuldigten, der Mangel an Überlegungs- 
ßhigkeit, die harte Behandlung im elterlichen Hause und die große 
Armut angesehen. 

Bei der Diskussion im badischen Oberhofgerichte entstanden Be- 
denklichkeiten über den objektiven Tatbestand des Verbrechens. Da 
nämlich der Körper des toten Kindes durchaus nicht aufzufinden war, 
behauptete der Medizinal-ßeferent: Wenn die Bekenntnisse der Be- 
schuldigten keinen vollen Glauben haben sollten, so lasse sich gar 
nicht dartun: 1) ob das von ihr geborene Kind eine ausgetragene, 
reife oder unreife, 2) ob es eine lebensfähige Frucht gewesen, 3) ob 
uas Kind nach der Geburt gelebt, 4) an welcher Todesart es sein 
Leben verloren habe? Indessen nahm man schließlich das Geständ- 
nis für ausreichend an. 

Das Urteil ging auf Todesstrafe unter Empfehlung zur Begnadi- 
gung, die auch erfolgte. 

(Jahrb. des großh. bad. Oberhofgerichts in Mannheim von Hohn- 
borst. 1. Jahrg. S. 93.) 

b) Kindstötung aus Anlaß eines Traumes. 

So möchte S. A. von wegen solcher an jhrem eigenen Kinde be- 
gangenen und bekandten Mordthat, wofern jhr die hohe Obrigkeit 
dero wegen, daß sie laut jher außsage beym 4. und 14. artic. es durch 
eingeben eines schwartzen Mannes gethan, welcher jhr im Traum für- 
kommen, daher sichs ansehen lesset, daß es von jhr auß Trawrigkeit, 
Melancholey und Schwermütigkeit geschehen sey, auß sonderlichen 
Gnaden, die ordentliche Straffe der Kindermörder nicht lindern und 
mindern wolte, sambt einem Hunde, Hahn, Schlangen und Katzen an 
^ eines Affen, in einen Sack gestecket, ins Wasser geworffen und 
ertrenket, oder do die Gelegenheit des Wassers des Orts nicht vor 



238 XVI. Haussneb 

banden, mit dem Bade vom Leben zum Tode gestrafft werden, 
V.RW. Mens. Junio Anno 1608. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. 1646. Bd. 1. S. 84. Nr. 39.) 

c) Eindstötnng durcb Eindspecb. 

Eine Frau batte geständigerraaßen ibr im Ebebrucb erzeugtes 
Kind nacb der Geburt dadurcb erstickt, daß sie ibra von dem abge- 
gangenen Kindspecb vor Nase und Mund gebalten batte. Bei der 
Sektion fanden sieb Hautabscbürfungen an der recbten Wange, am 
recbten Auge, die Nasenlöcber bis in das Innere binein dunkelbraun 
bescbmutzt, die Zunge war bis zur Wurzel mit bräunlicbem Schmutz, 
der sieb abscbaben ließ, belegt. Die Scbleimbaut des Magens war 
durcb eine bräunlicb-schwarze, dem Kindspecb sebr äbnlicbe Masse 
gefleckt. Im recbten Herzen war mäßig viel dunkles geronnenes Blut, 
in den Lungen ein feinblasiger Scbaum. Die Pia war blutreicb, in 
der Himsubstanz fanden sieb reicblicbe Blutpunkte, der Sinus war 
von Blut stark ausgedebnt. 

Aus diesem Befunde und aus andern Tatsachen schlössen die 
Obduzenten, daß das Kind reif gewesen, nacb der Geburt gelebt habe 
und erstickt sei. Das Kindspech konnte in die Luftwege und den Ver- 
dauungskanal nur durcb tiefe Inspirationen und durcb Scblingbewe- 
gungen gekommen, und da es sich in relativ bedeutender Menge auf 
dem Wege durcb Nase und Mund bis zum Kehlkopf und Magen hin 
fand und auch in gleichmäßig kontinuierlicher Weise, nicht nur flüch- 
tig mit der Nasen- und Mundöffnung in Berührung gekommen sein. 
Vielmehr mußte es eine längere Zeit vor den genannten Teilen dicht 
angelegen haben, so daß das Kind es aspiriert und verschluckt bat 
Die vielen Hautabschürfungen am Gesichte, am recbten Auge und an 
den Extremitäten waren zudem sichere Zeichen, daß eine fremde Ge- 
walt eingewirkt batte, auch sprach die Beschaffenheit dieser Ver- 
letzungen dafür, daß sie durch Druck mit den Fingern und Nägeln 
entstanden waren. 

(Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin, Neue Folge XXII. 
2. S. 263. April 1875). 

d) Kindstötung durcb Verblutung. 

Zwei Schwestern wurden von demselben Dienstknechte schwanger. 
Die ältere Schwester verheimlichte ihre Schwangerschaft nicht und 
kam mit toten Zwillingen nieder. Die Eltern sagten ibr kein böses 
Wort. Die jüngere Schwester B. dagegen verheimlichte ihre Schwanger- 



Eanminalfälle und anderes aus der Litteratur. 239 

Schaft hartnäckig. Nur gegen ihre Schwester A. konnte sie ihre 
Schwangerschaft weder verheimlichen noch leugnen. Sie bat sie je- 
doch dringend, den Eltern nichts zu sagen. In der Folge gebar sie 
ein lebendiges Kind. Die Schwester A. leistete Beistand. Sie wollte 
zwar eine Hebamme herbeirufen, ließ sich aber durch die dringenden 
Bitten der Schwester davon abhalten. Eine noch jüngere 15 jährige 
Schwester schlief während der Entbindung in derselben Kammer ruhig 
fort Auch nach der Entbindung wollte die Schwester die Mutter 
rufen und die Nabelschnur unterbinden, ließ sich aber durch die 
Schwester von beidem abhalten. Die Gebärende wickelte darauf das 
Kind in einen Rock und legte es oben auf ihr Bett Das Kind wim- 
merte eine Stunde lang, immer schwächer, bis es still wurde. Ohne 
Mitwirken und Beihilfe ihrer Schwester A. stand die B. dann, ehe es 
hell wurde, auf und trug das Kind in den Garten, wo sie es vergrub 
and einen Stein darauflegte. Damit niemand etwas merken sollte, 
ging sie Tags darauf in die Schenke und tanzte hier die Nacht hin- 
doreh. Nach 12 Tagen wurde der Sachverhalt jedoch durch den 
Knecht, der im Garten grub, entdeckt. Nach dem Gutachten der Ob- 
duzenten war das Kind reif, hatte bei der Geburt gelebt und war an 
Verblutung der nicht unterbundenen Nabelschnur gestorben. Die B. 
gestand ein, daß sie gewollt habe, daß das Kind sterben solle. 

Urteil der preußischen juristischen Fakultät zu Bonn: daß B. we- 
gen der bei der Geburt ihres unehelichen Kindes begangenen Verschul- 
dungen mit siebenjähriger Zuchthausstrafe, jedoch unter Beibehaltung 
ihrer bürgerlichen Ehre, wegen Verheimlichung der Schwangerschaft 
ihrer Schwester und der derselben bei ihrer heimlichen Niederkunft 
geleisteten Hülfe mit zweijähriger Zuchthausstrafe unter gleichem Vor- 
behalt zu belegen sei Beide Verurteilten ergriffen das Rechtsmittel 
der weiteren Verteidigung, worauf die Juristen-Fakultät in Leipzig 
die Strafe der B. auf vier Jahre und die der A. auf ein Jahr Zucht- 
haus milderte. In den Entscheidungsgründen ward außer der Jugend 
der Beschuldigten (18 Jahre) auch noch der Umstand geltend gemacht, 
daß das Kind bloß durch ein factum omissivum getötet worden sei. 

(Hitzigs Annalen. Bd. 12. Heft 23. S. 132.) 

e) Kindstötung durch Ersticken auf dem Abort. 

Hat R. E. bekandt, daß sie sich fürsetzlichen uffs heimliche Gemach 
zu dem ende gesetzt, auch darzu getrucket, daß jhr Kind ins Ge- 
mach fallen sollen, und also jhr Gemüth, Meinung, und Vorsatz gewesen, 
daß es an bemeltem Ort ersticken und umbkommen sollen, welches 
dann auch erfolgt etc. 



240 XVI. Haussnek 

So möchte sie von wegen sollicher jhrer Verbrecbung, auch 
andern dergleichen leichtfertigen Vetteln, welche mit jhren Leibes- 
früchten also leichtfertig und bößlichen umbgehen, und damit zu jhrer 
Kinder tode ursach geben, gestalten sachen nach mit dem Schwerde 
vom Leben zum Tode gestrafft werden. V.R.W. Mens. Jul. Anno 1615. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 52 
No. 35.) 

f) Behauptete Stürzgeburt, jedoch Kindstötung. 

Die ledige P. wollte im Stehen geboren haben. Sie gab an, das 
Kind sei auf die Erde gestürzt. Dabei sei die Nabelschnur gerissen. 
Sie habe es für tot gehalten und den vermeintlichen Leichnam zum 
Schutze gegen Tiere mit Gras und Erde bedeckt Das Kind wurde 
jedoch bald darauf lebend gefunden, starb aber nach 3 Stunden. Es 
war nicht vollständig ausgetragen, aber doch lebensfähig. Um das 
rechte Ohr und in der rechten Schläfengegend hatte es Blutunterlau- 
fungen. und an der rechten Schulter mehrere Hautverletzungen, bogen- 
förmige Kratzwunden. Ebensolche fanden sich an der rechten Brust- 
seite. Am hintern Rand des rechten Leberlappens waren mehrere 
tief in die Substanz eindringende, unregelmäßige Einrisse vorhanden, 
das Leberparenchym zeigte jedoch keine krankhafte Veränderung. 
Die Kapsel der rechten Niere war vollständig mit Blut durchsetzt, da» 
Zwerchfell rechts bis an den ßippenrand herabgetreten. Die recht<^ 
Lunge hatte an der Spitze einen 3 cm langen Einriß mit unregel- 
mäßigen und dunkelschwarz gefärbten Bändern. Sie sank im Wasser 
unter, während die linke auf dem Wasser schwamm. In Luftröhre 
und Kehlkopf befand sich kein fremder Körpen Über sämtlichen 
Schädelknochen war ein Blutextra vasat vorhanden, ebenso zwischen 
den sehr blutreichen Hirnhäuten. Die vordere Hälfte des rechten 
Scheitelbeins war 5 cm lang frakturiert mit zackigen Rändern. 

Jede der gefundenen Verletzungen war nach Annahme der Sach- 
verständigen hinreichend, dem Leben des Kindes ein Ende zu machen. 
Die Leberruptur und der Bluterguß in die rechte Nierenkapsel, die 
einer und derselben Ursache zuzuschreiben seien, setzten eine bedeu- 
tende äußere mechanische Gewalt voraus; die Zerrung an der Nabel- 
schnur beim Herabfallen des Kindes reiche nicht aus, diese Verlet- 
zungen zu erklären. Durch den Einriß m der rechten Lungenspitze 
habe sich ein Pneumothorax gebildet, daher der tiefe Stand des 
Zwerchfells auf dieser Seite und die künstlich erzeugte Atelektase der 
rechten Lunge, die von der eingedrungenen Luft zusammengedrückt 
und schwiramunfähig gemacht worden sei. Durch den Sturz des 



Kriminalfälle und anderes aus der Ldtteratur. 241 

Kindes bei der Gebart seien diese Verletzungen der Leber und der 
Longen entschieden nicht entstanden, höchstens ließe sich dies bei dem 
Enochenbmche annehmen, aber auch da sei zu bedenken, daß das Kind 
auf weichen Sandboden aufgefallen und daß durch die Zerreißung der 
Nabelschnur die Gewalt des Sturzes erheblich gemildert worden sei. 
Noch mehr spreche gegen diese Annahme die weitverbreitete Blut- 
extravasation und die ausgedehnte Anschwellung der Weichteile der 
rechten Ohrgegend, auf die das Kind sicherlich nicht aufgefallen sei. 
Es sei vielmehr anzunehmen, daß die P. mit der Schaufel mehrere 
Sehlage gegen die rechte Seite des Kindes geführt, ehe und nach- 
dem sie 68 mit Gras und Erde bedeckt hatte. Alle gefundenen Ver- 
letzungen könnten dadurch entstanden sein. 

(Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin. Neue Folge XXIII. 
S. 33. Juli 1875.) 

VI. 4 Fälle von Abtreibung. 

a) Durch festes Schnüren. 

Hat V. H. bekandt, das als sie jhr Gärtlein am Hause umbgraben 
wollen, sie jhren Leib mit einem Gürtel über den Nabel fest gegürtet 
und solches zu dem ende gethan, damit sie jhr Kind, so sich im 
Leibe gereget, ersticken möchte, welches auch also erfolget, und sie 
bemach das Kind todt zur Welt gebracht etc. 

So möchte sie gestaltersachen nach mit dem Schwerd vom Leben 
zum Tode gerichtet und gestrafft werden. V.R.W. Mens. Sept. Anno 1620. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 51. Nr. 23.) 

b) Durch Stoßen gegen eine Tischecke. 

Hat S. P. in scharffer Frage bekandt, daß als sie schwangers Leibes 
gewesen, sie ihren Bauch zu unterschiedene mahlen an die Tischecken, 
mit gantzer gewalt gedruckt, der meinung, daß ihre Leibesfrucht da- 
durch umbkommen sollen, damit sie der zeitlichen schände entgehen 
mochte, und als sich das Kind im Leibe noch gereget, hat sie es 
wiederumb so lange gedruckt, biß sie vermeinet, daß es tod sey, da- 
rauf hernach das Kind von jhr kommen, und die Füßlein an jhme 
pur welck gewesen. 

So mag sie derowegen noch gelegenheit dißfals mit dem Schwerdt 
vom Leben zum Tode gestrafft werden. V.R.W. Mens. Jul. 1613. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 50. Nr. 21.) 

c) Durch Wälzen, Drücken und Kneipen des Leibes. 
Hat V. V. bekandt, daß sie wohl gefühlet, daß eine lebendige 
Leibesfrucht bey jhr vorhanden, und nichts destoweniger sich im 

Irehir fOr KriminaUnthropolofnd. XXVI. 16 



242 XVI. Haüssneb 

Grase hin und wieder gewältzet, auch den Leib mit beyden Händen 
hart zusam mengedrücket und geknippen, daß das Kind des Todes 
davon sein müssen, etc. 

So wird sie nach gelegenheit dißfals mit dem Schwerd vom Leben 
zum Tode billich gestrafft und hingerichtet V.R.W. Mens. Aug. Anno 1604. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 51. Nr. 22.) 

d) Durch Drücken des Leibes. 

Hat C. B. bekandt, daß sie 9 Tage vor der geburh, im Kuhstalle 
sich mit dem Leibe uff das Südefaß gelegt, und hart niedergedrücket, 
in Gemüth und meinung, die Leibesfrucht, so sich etlich mahl in 
Mutterleibe gereget, welches sie eigentlich gefühlet, hierdurch von sich 
zu treiben, und daß auch nach solchen drücken sie sich übel befunden, 
auch die letzten drey Tage gar eben gefühlet, daß jhr das Kindlein 
in der rechten Seiten wie ein Stein gelegen, und sich femer nicht 
gereget etc. 

So wird sie von wegen solcher an jhren eigenen Kinde be- 
gangenen und bekandten Verbrechung, noch gelegenheit dißfals mit 
dem Schwerd vom Leben zum Tode gestrafft, und uff ein Rad ge- 
leget. V.E.W. Mens. Jun. Anno 1598. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. 1. S. 51. Nr. 24.) 

VII. 3 Fälle fahrlässiger Tötung. 

a) Durch Erdrücken im Bette. 

Hat H. B. sein Kind, nur eines Jahrs alt in trunkener weise zu 
sich ins Bett genommen, dahero erfolget, daß er es im Schlaff ertrucket 
und ersticket, daran auch die Magd, so des Kindes halben gemietet, 
etlicher massen schuld gehabt, daß sie jhme als einem trunkenem 
Manne das Kind folgen lassen usw. 

So werden sie beyde wegen solcher Verwahrlosung 8 Tage lang 
mit leidlichen Gefängnüß billich in straff genommen. V.R.W. Mens. 
Mart. Anno 1603. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1648. Bd. i. S. 69. Nr. 36.) 

bj Durch zu kurzes Abreißen der Nabelschnur. 

Ob wohl C. F. in scharffer Frage erhalten, daß sie jhr Kindt 
vorsetzlichen nicht umbgebracht, dieweil sie aber dennoch bekant, daß 
sie bey der Geburt die Nabelschnure dem Kinde zu kurtz abgerissen, 
also daß es geplatzet, und sich hernach das Kindlein verblutet, daß 
es gestorben u.s.w. 



KriminalfSlIe und anderes aus der Litteratar. 243 

So wird die Gefangene, wenn sie jhre Sechswochen gehalten, 
derowegen, daß sie daß Kind heimlicher weise zur Welt gebohren, 
und dasselbe verwarloset, mit Staupenschlägen des lindes ewig billich 
verwiesen. V.E.W. Majo Anno 1601. 

(Carpzov, a. a. 0. Bd. 1. S. 69. Nr. 26). 

c) Durch unterlassenes Unterbinden der Nabelschnur. 

Ob wohl V. H. in scharffer Frage erhalten, daß sie jhr Kind 
füreetzlichen nicht ermordet, dieweil sie aber dennoch dameben bekant, 
daß sie zur Geburtzeit gar allein gewesen, ein Messer genommen, und 
dem Kinde die Nabelschnur damit abgelöset, sie bette nicht gewust, 
daß sie es verbinden müssen, habe es auch zu dem ende nicht liegen 
lassen, das es sich verbluten solte u.8.w. 

Als wird sie wegen solcher an jhrem eigenen Kinde beschehener 
verwarlosung öffentlich billig zu Staupen geschlagen, und des Landes 
ewig verwiesen. V.E.W. Mens. Mart. Anno 1627. 

(Carpzov, a, a. 0. Bd. 1. S. 69. Nr. 28). 

VIII. Körperverletzungen. 

a) Vorsätzliche mit Tod nach acht Jahren als Folge. 

H. erhielt am 16. Januar 1873 im Streite einen Messerstich in 
die Stirn, worauf er blutete, aber nicht zusammenstürzte, nach ange- 
legtem Verbände ausschlief und abends wieder seine Arbeit aufnahm. 

Zwei Jahre später, während deren er sich völlig wohl befunden 
haben soll, bildete sich an der Stelle der Verletzung eine haselnuß- 
große Geschwulst. Beim Hinüberstreichen drückte er sie auf und ritzte 
sich dabei an der Hand. Erst dadurch wurde er gewahr, daß die 
Spitze des Messers, mit er gestochen worden war, noch in seinem 
Kopfe stecke. 

Seitdem eiterte die Wunde. Bei schwerer Arbeit, besonders bei 
^ößerer Hitze, traten zeitweilig Kopfschmerzen ein, die in den folgen- 
den Jahren etwas heftiger wurden. Sonst befand sich H. wohl. Nur 
einmal, im Sommer 1878 traf ihn eine Art Schlag. Er stürzte plötz- 
lich hin und röchelte lange Zeit, bekam aber kein Erbrechen. Nach 
einem Aderlasse erholte er sich. 

Drei Jahre vor seinem Tode hatte sein Dienstherr und im folgen- 
den Jahre ein Arzt vergeblich versucht, die Messerspitze herauszuziehen. 

Etwa drei Wochen vor seinem Tode stellten sich ohne besondere 
Ursache intensive Kopfschmerzen ein. Vierzehn Tage später gab er 

16* 



244 XVI. HAU8SNER 

seine Arbeit auf und legte sich nieder. Es trat Erbrechen ein. Der 
Arzt fand ihn stark fiebernd, mit langsamem Pulse (50), schwerhörig 
und schwerbesinnlich. Nach der am nächsten Tage vorgenommenen 
mühsamen Entfernung der 3 cm langen, mehr wie 2 cm breiten nnd 
über 2 mm dicken Messerspitze ließen Erbrechen und Kopfschmen 
nach. H. verließ sogar auf eine kurze Zeit das Bett. 

Am folgenden Morgen aber stellte sich Schlafsucht (Sopor) ein, 
und am nächsten Tage starb H., 8 Jahre nach der Verletzung. 

(vgl. Lgerichtsarzt Dr. Rehm in Regensburg im Bayer, ärztl. Intell. 
Bl. XXVIII. 42. 1881. — Schmidts Jahrb. Bd. 193 Jahrg. 1882. N. 
2. S. 169). 

b) Vorsätzliche Körperverletzung durch Hochheben an 
den Ohren mit Tod als Folge. 

Ein 16 jähriger Knecht vom Lande, von großem Körperbau, 
bleicher Gesichtsfarbe und laxer Faser, wurde von einem anderen 
Knechte eines Abends aus Übermut bei den Ohren am Kopfe gefaßt, 
in die Höhe gehoben und über das hölzerne Geländer einer vom ersten 
Stockwerke aus nach dem Hofe gehenden Galerie hinausgehalten. 
Infolge Zurufs des dieses wahrnehmenden Bruders des so Mißhandel- 
ten zog ihn der Täter dann wieder herauf und gab ihn frei. 

Schon in der folgenden Nacht und dann am nächsten Morgen 
klagte der Mißhandelte unbestimmt über Halsschmerz. Der deshalb 
aufgesuchte Arzt hielt das Übel für rheumatisch und gab deshalb eine 
Salmiakmixtur und Linimentum volatile zum Einreiben. Am dritten 
Tage mittags war der Kranke noch in demselben Zustande, nacb- 
mittags 5 Uhr war er tot. 

Bei der Sektion entdeckte man über der Dura mater, da, wo 
sie unter der Sella turcica die Proclivitas foraminis magni überkleidet, 
einen Tropfen Blut, der diese Stelle sugilliert erscheinen ließ. An der 
Medulla oblongata war sonst weiter nichts zu bemerken. Über dem 
larynx ergoß sich nach Öffnung der Trachea unerwartet etwa ein Eß- 
löffel hellen und reinflüssigen Eiters auf der linken Seite der Muskeln. 
Zur Erklärung der Todesursache konnte dieser Eitererguß nicht aus- 
reichen. Es mußte vielmehr zunächst und allein die Zerrung 
des oberen Markfortsatzes als Todesursache angesehen 
werden. 

Auf Grund des dahin gehenden Gutachtens wurde der Urheber 
jener totbringenden Verletzung zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. 

(Aus Caspers Wochenschrift). 



Kriminalfälle und anderes ans der Litteratnr. 245 

c) Vorsätzliche Körperverletzung durch Stoß ins Genick 

mit Abortus und Tod zur Folge. 

Hat ein Junge ohne gefehr von 18 Jahren Ewer Eheweib uff 
freyer Gassen und Straßen angefallen und Ihr mit der Faust dermassen 
einen schlag inß Genicke gegeben, daß Ihr die Mütze und Haube 
vom Haupte herunter gefallen, darüber Sie denn zum hefftigsten er- 
schrocken, und am siebenden Tage hernacher mit einen hitzigen 
Fieber angriffen worden, am 9. Tage aber zu Abend, gleich umb die 
Stunde, da angeregte gewalt an jhr verübet worden, hat Sie zwo 
Töchtern zur Welt geboren, deren die eine todt, an der andern zwar 
das Leben noch etwas verspüret worden, aber doch also bald, wie 
dann auch ewer Weib die Mutter todes verblichen, und es haben die 
Medici des Ortes in jhrem judicio auß denen darinnen angeführten 
motiven und Ursachen geschlossen, daß durch den ewerm Eheweibe zu- 
gefügten Schlag, und darauf erfolgte consternation, nicht allein das 
hitzige Fieber, sondern auch der abortus verursacht worden. 

So möchte der Junge, welcher ewrem Weibe uff offener Gassen 
den Schlag beybracht, und sie mit gewalt angefallen, wofern er dessen 
geständig seyn oder überwiesen würde, öffentlich billig zur Staupen 
sreschlagen und des Landes ewig verwiesen werden. V.E.W. Mens. 
Mart. Anno 1625. 

(Practicae Novae Autore Carpzov. Wtbg. 1646. Bd. l.S. 145. Nr. 34.) 

d) Beziehung zwischen Kopfverletzung und Lungen- 

erkrankungen. 

Ein klassisches Beispiel für die den Juristen zumeist unbekannte 
Beziehung zwischen Kopfverletzungen und Lungenerkrankungen teilt 
Dr. Felix v. Winiwarter in den Mitteil. d. Ver. f. Ärzte in Nieder- 
österr. VIL 15. 1881 mit: 

L wurde am 8. Dezbr. 1880 meuchlerisch von einem anderen 
mittels eines schweren Schmiedehammers mehrfach am Kopfe verletzt. 
Er fühlte weder Kopfschmerz, noch Schwindel, ließ sich verbinden, 
lag 5 Tage zu Bett und befand sich bis zum 31. Dezbr. noch ganz wohl. 

Bei der an diesem Tage vorgenommenen gerichtsärztlichen ünter- 
snchang wurde außer zwei vernarbten Hautwunden auf der rechten 
Seite des Kopfes eine über talergroße Depression auf der linken Seite 
des Schädels festgestellt, über der die Haut völlig normal, unempfind- 
lich und ohne Reaktion war. 

Da diese Verletzung für lebensgefährlich erachtet wurde, wurde 
der Täter des versuchten Mordes angeklagt. 



246 XVI. Haussner 

Nachdem der Verletzte dann in mehreren Verhören verständige 
Auskunft gegeben hatte, klagte er vom 5. Januar an über Kopfschmerzen 
und Schwindel, wurde bettlägerig und am 29. Januar zum letzten 
Male verhört, wobei er noch ganz klare Antworten gab. Von da ab 
trübte sich sein Bewußtsein. 

Es entwickelte sich ein Lungenkatarrh. Am 5. Februar 18S1 
trat der Tod ein. 

Die Sektion ergab: An der rechten Kopfseite zwei vernarbte 
Hautwunden, unter deren einer die Glastafel einen kleinen Knochen- 
sprung zeigte; auf dem linken Seiten wandbeine die Depression, über 
der die Haut verschiebbar war; auch hier Reste von Hämorrhagien, 
Periost leicht abziehbar; die äußere Knochentafel in Talerumfang 
etwa */2 cm deprimiert zeigte zarte griesige Osteophyten. Während 
der Knochen vorn scharfkantig eingebogen war, ging er hinten all- 
mählich in das gewöhnliche Niveau über. Die äußere Knochentafel 
zeigte zahlreiche strahlenförmig verlaufende Sprünge, die Glastafel 
war in viele facettenartige, mit ihren Rändern zum Teil vorspringende 
Stücken zersplittert, gegen das Gehirn weit vorgeschoben und mit 
feinen griesigen Osteophyten besetzt. Rings um die deprimierte Stelle 
zog sich ein ziemlich breiter, etwa 2 mm hoher neu gebildeter Knochen- 
wall, an dem die Dura fest anhaftete, die wiederum der Sitz einer 
ringförmigen, diesem Knochenwalle entsprechenden Neubildung war 
Darunter war das Gehirn eingedrückt, die Windungen verflacht, die 
Sulci aufgehoben, übrigens aber die inneren Hirnhäute und das Gehirn 
nicht verändert und kein Zeichen von Entzündung vorhanden. 

Beide Lungen zeigten geringes Emphysem, der rechte 
Unterlappen war dichter, blutreich, an zahlreichen erbsen- 
bis haselnußgroßen Stellen verdichtet, in den Bronchien 
reichlicher eitriger Schleim. 

Das gerichtsärztliche Gutachten lautete: L's. Tod ist durch Bron- 
chitis und katarrhalische Entzündung des rechten unteren Lungen- 
lappens, verursacht durch die beschriebene Schädelverletzunp 
eingetreten. 

Der Täter wurde hiernach wegen vollendeten Mordes zum 
Tode verurteilt. 

(Schmidts Jahrb. Bd. 193. Jahrg. 1882. Nr. 1. S. 56). 

e) Über Stoßwirkung auf den Schädel. 

Dr. 0. Messer er hat in einer Schrift: Experimentelle Unter- 
suchungen über Schädelbrüche. München 1884. M. Riegersche Buchh. 
8. 36. S. mit 8 Taf. das Ergebnis seiner Untersuchungen über Stoß- 



KrimiDalfälle uDd anderes aus der Litteratur. 247 

Wirkungen auf Schädel mitgeteilt. Insbesondere hat er den Einfluß 
untersucht, den wechselnde Fallhöhen und verschieden breite An- 
griffsflächen auf den Schädelbruch haben. 

Von den Ergebnissen dieser Versuche, die mit einem eigens dazu 
bergerichteten Fallapparate an mehr als 80 frischen Leichen vorgenom- 
men wurden, sind besonders folgende bemerkenswert: 

Um den Bruch eines Schädels des am Rumpfe befindlichen 
Kopfes herbeizuführen, braucht ein auf ihn fallender Fremdkörper 
etwa 24 Meterkilogramm Krafteinwirkung. 

Die Form des Fallstücks hat auf die Größe des erforderlichen 
Fallmoments keinen Einfluß. Wohl aber beeinflußt sie die am Schädel 
erzeugte Bruchform. 

Die Bruchform ist ferner abhängig von der Angriffsgeschwindig- 
keit der äußeren Gewalt. 

Weiter ergab sich, daß die Fissuren regelmäßig von der unmittel- 
bar getroffenen Stelle aus am Schädelsphäroid in der Art von Meri- 
dianen verliefen, so daß man aus dem Verlaufe der Fissuren 
einen Bückschluß auf die Richtung der Gewalt machen 
kann, die auf den Schädel einwirkte. 

(vgl. auch Schmidts Jahrb. Bd. 206. Jahrg. 1885. Nr. 1. S. 51). 

f) Über eine schwere Gehirnverletzung. 

Ähnlich dem vom Medizinalrat Dr. Näcke Bd. 15. S. 284 mit- 
geteilten Falle berichtet W. Roberts, Lancet Vol. I. No. 29 (1839) 



Vor 7 Jahren sei er zu einem jungen Manne gerufen worden, 
der in den Steinbrüchen durch Pulverexplosion verunglückt war. 
Beide Augäpfel seien ihm zerschmettert gewesen, die Integumente des 
Vorderkopfes vielfach zerfleischt und über dem inneren Winkel des 
Knken Auges habe er ein kleines Loch im Os frontis gefunden, durch 
das man bis ins Gehirn habe eindringen können. Ein Chirurg sei 
bereits damit beschäftigt gewesen, mit einer Hohlsonde schwarze 
schlammähnliche Massen und Gehirnsubstanz, graue und weiße in 
erheblicheren Mengen aus der Himhöhle hervorzuholen, und habe, da 
er eine Bettung nicht mehr für möglich gehalten habe, zwecks An- 
stellung physiologischer Versuche die Sonde in gerader Richtung so 
weit in die Gehimsubstanz eingeführt, bis er sie auf der entgegen- 
gesetzten Seite des Os occipitis gefühlt habe. Dann habe er sie noch 
nach verschiedenen Seiten herumgedreht, wobei der bei vollem Bewußt- 
s«n befindliche Verletzte erklärt habe, er verspüre nur dann Schmer- 
zen, wenn die Sonde mit der äußeren Wunde in Berührung komme. 



248 XVI. Haussnkr 

Eine weitere Verletzung der Hirnschädelknochen war nicht an- 
getreten. Der Kranke soll genesen sein. 

IX. Aufklärung des Tatbestands durch den Entomologen. 

a) Durch Nachweis der Zeit des Todes. 

In einem von einer Dirne bewohnten Zimmer wurde in einer 
doppelten Kiste, wie sie zur Versendung von Seife benutzt wird, ver- 
schlossen der völlig eingetrocknete Leichnam eines 7 — 8 jährigen 
Kindes gefunden. 

Die Zimmerbewohnerin gab an, es sei die Leiche ihres vor 18 
Monaten an einer Krankheit verstorbenen Sohnes. Sie habe versäumt, 
seinen Tod rechtzeitig anzumelden, und später deshalb nicht gewagt, 
seine Beerdigung zu fordern. 

Da die Kiste für den Leichnam zu kurz gewesen war, lag er 
mit gebogenen und über einander gekreuzten Beinen „in Schneider- 
stellung'' in ihr. Der Oberkörper war mit einer wollenen Jacke be- 
kleidet, der übrige Körper in eine alte Jacke und einen alten Mantel 
der Frau. Diese Kleider waren mit einer eingetrockneten gelatinösen 
Masse imprägniert und enthielten eine Unzahl Nymphenschalen und 
Dipteralarven, die alle Falten ausfüllten und den Honigwaben ähnlich 
reihenweise nebeneinander lagen. Die große Mehrzahl dieser Schalen 
war leer. In einzelnen aber fanden sich noch tote und völlig ent- 
wickelte Insekten. Die größeren gehörten der Sarcophaga latricus 
(einer Schmeißfliegenart), die kleineren der Lucilia cadaverina an. 

An der entkleideten, mumifizierten Leiche sah man infolge völ- 
ligen Muskelschwundes Integumente dem Knochengerüste völlig an- 
kleben. Die Knochengerüste selbst erschienen entweder schwamm- 
artig durchlöchert oder in eine gelbliche, pulvrige Masse verwandelt 
Die Mehrzahl der Knochen lag bloß und war mit derselben Pulver- 
masse bedeckt. Unter dem Mikroskope erkannte man in dieser Masse 
Bälge und Exkremente von Tyroglyphus longior (der Käsemilbe). 
Die inneren Eingeweide fehlten. An ihrer Stelle fand sich eine 
schwärzliche, krümelige, scharf nach altem Wachse riechende Masse. 
Die Schädelhöhle war von einer schwärzlichen, grobpulverigen, mit 
glimmerartig glänzenden Cholestearin-Kristallen durchsetzten Masse 
erfüllt, in der außerdem noch Überreste von Diptera (Fliegen), von 
Dermestes (Speckkäfern) und Anthrenus (Kabinettkäfem), auch einzelne 
noch erhaltene Bälge von Tierkörpern der letzteren beiden Arten (D. 
lardarius und A. museorum), die in Sammlungen hausen, zu erken- 
nen waren. 



Kriminalfalle und anderes aus der Litteratur. 249 

In einem Stücke behaarter Kopfhaut fanden sich Massen von 
PediculuB capitis (Kopfläusen) und dessen Eiern. 

Der Sachverständige, der diesen entomologischen Befund begut- 
achten sollte, wies darauf hin, daß auf der Oberfläche eines der freien 
Luftströmung ausgesetzten Leichnams sich sofort massenhaft Insekten, 
namentlich Diptera sarcophaga und einzelne Coleopteren einnisten und 
daß die aus den Eiern sich entwickelnden Larven den Körper nach 
jeder lüchtung hin durchbohren und daß an dem dadurch allmählich 
zum Skelett umgewandelten Leichnam nur noch das sog. Leichenfett 
zurückbleibe, das auch schließlich durch die Larven von Dermestes 
völlig absorbiert werde. Was dann etwa noch übrig bleibe, werde 
durch Anthrenus und Acarus detriticolus (eine Milbenart) vertilgt Durch 
sie werde das Ganze schließlich in eine pulverige Staubmasse verwandelt. 

Durch Einlagerung der Leiche in der Kiste war nun in diesem 
Falle aber der freie Zutritt der Luft ausgeschlossen, und durch ihre 
kaum 2 mm breiten Spalten hatten auch die größeren Coleopteren, 
die Aasfliegen, Calliphora, Sarcophaga und Lucilia nicht eindringen 
können. Nur die kleineren Arten der Diptera Sarcophaga lactaricus 
und Lucilia cadaverius hatten bis zur Leiche vordringen können. Ihre 
Larven hatten sie zerstört und ihre Nymphenhüllen waren in den 
Kleidern zurückgeblieben. 

Vier Wochen, bis zur völligen Entwickelung 6 Wochen, brauchten 
nun diese Larven der Dipteren, um sich zur Nymphe zu entwickeln. 
Ihre Vermehrung schreitet in geometrischen Progressionen fort. Nach 
mehrten Monaten schon speichern sich Massen solcher Insektenreste 
auf. Da nun aber diese Insektenentwickelung nur während der mil- 
den Jahreszeit stattfindet, nahm der Sachverständige an, daß auch 
in diesem Falle die Einwanderung der Insekten in den Sommer- 
monaten stattgefunden, im darauf folgenden Winter aber ihre Tätig- 
keit geruht und mit Beginn des Frühlings die Dermestes begonnen 
haben, sich in den Leichenüberresten zu entwickeln. 

Da nun aber Dermestes 4 Monate lang im Larvenzustande bleibt, 
ehe er sich zum vollkommenen Insekt entwickelt, hatte die Absorption 
des Leichenfettes jedenfalls auch 4 — 5 Monate beansprucht. 

Erst darnach sind Anthrenus und Tyroglyphus aufgetreten, um 
das Zerfallen der Leichenreste in eine pulverige Masse zu vollenden. 
Auch das hat mehrere Monate gedauert. 

Es sind daher, so folgert der Sachverständige, seit dem Tode 
jenes Kindes wahrscheinlich mindestens 18 Monate bis 2 Jahre 
verflossen gewesen. 

(Dr. P. Megnin. Über die Beziehungen der Entomologie zur 



250 XVI. Haüssneb 

gerichtlichen Medizin. CJompt rend. de la Soc. de biol. 7. Ser. IV. 
S 151. Mars 1883. — Schmidts Jahrb. Bd. 198. 1883. Nr. 1. S. 75.) 

b) Durch Feststellung des Zeitpunkts, wann Insekten die 
Leiche befallen haben. 

An einer unbebauten Stelle einer Straße war am 15. Januar 187S 
der Leichnam eines neugeborenen Mädchens gefunden worden. Er 
war in Tücher eingeschlagen, die Feuchtigkeit angezogen hatten, und 
an den Stellen, wo er auf dem Boden lag, faulig. Er war 48 cm 
lang und wog 520 g. Er war so vertrocknet, daß er wie Papier 
knirschte und eine wahre Mumie darstellte. Der um ihn gewickelte 
Scheuerlappen hing so fest an der Haut, daß man ihn nicht von ihr 
abziehen konnte. Die 25 cm lange Nabelschnur war nicht unter- 
bunden. Sämtliche Knochen waren unversehrt. Die Eingeweide 
bildeten eine unförmliche Masse, an der die Grenzen der Lungen, des 
Herzens usw. sich nicht bestimmen ließen. Alle Weichteile, namentlich 
die Muskeln, waren in Leichenfett verwandelt. An Stelle des Gehirns 
fand man in der Schädelhöhle nur einige Gramm pulverige Masse. 
Die Kondylen des Schenkelbeins enthielten deutliche Verknöchemngrs- 
punkte. Der Leichnam mußte daher einer reifen Frucht angehören. 

Auf der Haut und in der Schädelhöhle wimmelte es von Milben 
und Insektenlarven. 

Es war klar, daß an die dem Wetter ausgesetzte Fundstelle der 
Leichnam erst vor kurzer Zeit gekommen sein konnte und daÜ er 
vorher an einem trockenen Orte, vielleicht in einem Schranke, Koffer 
oder dergl. aufbewahrt worden war. 

Professor Perier am naturhist. Museum und Tierarzt der Armee 
Mögnin wurden befragt, ob aus den Insekten ein Schluß auf die Ge- 
burtszeit des Kindes gezogen werden könnte. 

Perier erklärte: Der das Kind umhüllende große Lappen konnte 
die Fliegenmaden nicht abhalten, bis zur Haut zu dringen. Wäre 
der Leichnam gleich nach dem Tode auf den Boden gelegt worden, 
so würden sie sicher seine Weichteile verzehrt haben. Der Leichnam 
muß deshalb tief vergraben oder ausgetrocknet worden sein, ehe er 
ausgesetzt wurde. 

Von den in ihm gefundenen Milben und Motten bez. Schaben 
finden sich erstere an allen feuchten Plätzen, letztere nähren sich von 
Fett. An älteren, ihres Fettes schon beraubten Leichen findet man 
keine Schabkäfer. 

Mögnin stellte fest, daß eine in Mittel 2 mm dicke Lage braunen 
Staubes die Mumie überzog und daß dieser Staub nur aus Milben- 



Kriminalfälle und anderes aus der Littcratur. 251 

resten und ihren Fäces bestand. Auf der Oberfläche waren keine 
lebenden Milben mehr, dagegen fanden sie sich noch lebend in großer 
Zahl in der Schädelhöhle mitten im Mehlstaube. Alle gehörten dem 
TjTOglyphus longior an, der nur von Fettsäuren und ammoniakalischen 
Seifen lebt, die sich aus animalen in trockener Fäulnis befindlichen 
Stoffen bilden. 

M^nin berechnet den Gehalt des Leichnams, den cubmm auf 
4 Tyroglyphi angenommen, auf 240 000 tote und lebende Tyroglyphi. 
Die Erzeugung der Milben war durch einige „Nymphes hypopiales," 
die durch Dipteren, Coleopteren und Myriapoden eingeführt worden 
waren, vermittelt worden. Nur so bilden sich solche Milbenkolonien, 
ein Beweis, daß die Mumie, als die Milben in sie einwanderten, In- 
sekten von außen zugängig gewesen ist. 

Die Tyroglyphen legen 14 Tage nach ihrer Geburt 15 Eier, 
10 weibliche 5 männliche; die 2. Generation nach 30 Tagen bringt 
schon 150, die 6. nach 90 Tagen 1500 000 Käfer hervor. 

Das Gutachten lautete schließlich: 

Der Leichnam gehört einem Kinde aus dem 9. Schwangerschafts- 
monate. Über etwa stattgefundene Verletzungen oder ein etwaiges 
Geatmethaben läßt sich kein Urteil abgeben. Die Entwickelung der 
Insekten beweist aber, daß die Leiche mindestens vor 5, höchstens 
vor S Monaten der Einwirkung der Luft ausgesetzt worden ist. Über 
den Zeitpunkt der Geburt läßt sich nichts angeben. 

(Dr. P. Brouardel in Ann. d' Hyg. 3. S. L S. 153. Aoüt. 1879. — 
Schmidts Jahrb. Bd. 184. Jahrg. 1879. Nr. 19. S. 269.) 

C) Die Einwirkung der Insekten auf den Leichnam. 

Güntz (Der Leichnam des Menschen in seinen physischen Ver- 
wandlungen usw. Leipzig. 1827. S. 232. folg.) fand im Anfang März 
zwischen 6 — 13<> R. schon 51 Stunden nach dem Tode kleine 
Madennester im inneren Augenwinkel und zwischen den großen Scham- 
lippen. Im Juli bei 12 — 17o R Wärme sah er bereits 12 Stunden 
nach dem Tode dasselbe. Nach 40 Stunden waren die Maden ge- 
wachsen und fingen an, sich vom Körper zu nähren. Nach 92 Stunden 
war die Haut unterminiert, der Zugang zum Innern eröffnet. 120 
Stunden nach dem Tode fand er den Rücken noch von Maden frei. 
Erst am 11. Tage nach dem Tode, als sich unzählige Maden beim 
Verpuppen vom Körper zurückzogen, suchten andere die Rückenteile 
auf. Von der vierten Woche an hatten sich die Maden verpuppt, 
nnd nur die Jjarven des Dermestes lardarius arbeiteten an der 



252 XVI. Haussner 

weiteren Zerstörung der getrockneten Überreste. Nach 27? Monat 
waren sie noch nicht mit ihrem Zerstörungswerke zu Ende. 

Ameisen verfahren viel gründlicher. Sie hinterlassen gewöhnlich 
nur die Knochen und einzelne {jbrose Fasern und Häute. Sie können 
in sehr kurzer Zeit, spätestens in einigen Wochen, mit der Vertilgung 
der Weichteile fertig werden. 

Den Leichnam eines Selbstmörders fand man in einem Getreide- 
felde nach 4 Wochen durch Ameisenfraß in ein zusammenhangloses 
Skelett verwandelt Die leinenen Beinkleider des Verlebten, die teil- 
weise seine Knochen umhüllten, waren auf ihrer hinteren Fläche 
kaum merkbar verfärbt. 

Ein Leichnam, der zu einer Zeit, wo Raubkäfer und Ameisen 
den Boden durchwandern und Fliegen die Atmosphäre bevölkern, 
sich noch wohlerhalten und nicht von diesen Schmarotzern heim- 
gesucht zeigt, kann nur kurze Zeit erst verstorben sein. 

(vgl. Krahmer, Handbuch der ger. Med. 1851. Halle. S. 420.) 

X. Aufklärung des Tatbestandes durch den Gerichtsarzt. 

a) Durch Nachweis der Unwahrheit eines Geständnisses. 

Untersuchung wider eine angebliche Kindsmörderin, welche den 
Kindsmord eingestanden hat und nie schwanger gewesen ist (1823.) 

Die Angeschuldigte hatte während einer langwierigen Unter- 
suchung eingestanden, einen Kindsmord begangen zu haben. Später 
bekannte sie, nie geboren zu haben. Ein corpus delicti wurde nicht 
gefunden. Das Gutachten des Amtsphysikus und der Obermedizinal- 
behörde fiel übereinstimmend dahin aus, daß die Angeschuldigte niemals 
Mutter eines reifen und lebensfähigen Kindes gewesen sein könne. 
Die Möglichkeit eines Abortus ließ das Gutachten zu. Sie wurde 
wegen Verdachts des Kindesmords von der Untersuchung entbunden, 
jedoch wegen der im Laufe der Untersuchung wiederholt vorge- 
brachten frechen Lügen und verleumderischen Beschuldigungen neben 
dem erlittenen Arrest, der ihr zur Strafe angerechnet wurde, zu einer 
halbjährigen Strafe verurteilt. 

(Thons Eechtsfälle. S. 127.) 

b) Durch Nachweis eines Unfalls, wo ein Verbrechen an- 

genommen wurde. 

Der Verstorbene hatte mit seinem Schwiegersohne, dem Ange- 
schuldigten, Streit gehabt. Beide hatte man kämpfend zu Boden fallen 
sehen. Sie wurden getrennt 

Zwei Stunden später sah man den Verstorbenen anscheinend 
wohl vom Tische aufstehen und das Zimmer verlassen. Bald darauf 



KriminaifäUe und anderes aus der Litteratur. 253 

fand man ihn umsinkend an einem Hause, wenige Minuten später 
starb er. 

Der Schwiegersohn wurde darauf beschuldigt, ihn getötet zu haben. 

Der Sachverständige erklärte nach der Obduktion, er müsse Schlag- 
fluß als Todesursache annehmen. Er habe die Organe des Verstor- 
benen völlig gesund, das Gehirn aber außerordentlich blutreich gefunden. 

Dem Leichenbeschauer war die Plötzlichkeit des Todes nach dem 
Essen aufgefallen. Er hatte deshalb an die Möglichkeit des Erstickens 
gedacht, weshalb er den Sachverständigen um nachträgliche Unter- 
suchung des Mundes und Rachens, die er übersehen hatte, ersuchte. 

Es fand sich nun bei ihr im Rachen des Verstorbenen eingekeilt ein 
großes Stück Fleisch. Der Schwiegersohn wurde darauf freigesprochen. 

(Taylor. Med. Jurispr. 7. Aufl. S. 697. Casper Limans. Handb. 
d. ger. Med. 7. Aufl. IL S. 643. 1882.) 

c) Durch Nachweis des Selbstmords, wo Verdacht des 

Mordes vorlag. 

Am 24. Juni 18 . . fand man in ü. die 34 jährige verehel. Tz. 
aus großen Halsschnittwunden verblutet tot auf dem Fußboden ihres 
Wohnzimmers. 

Die Obduzenten fanden an der Leiche mehrere leichte Sugilla- 
tionen, die rechte Hand mit Blut besudelt und vier tiefe Hals- 
schnittwunden vor. 

Ihre Gutachten gingen auseinander. Der eine nahm Mord, der 
andere Selbstmord an. 

Als nach der Sektion die Leiche abgewaschen wurde, kamen 
unter dem dick geronnenen Blute, das um den Mund herum war, 
braungelbe, etwa fingerdick über die ganze Oberlippe sich hinziehende 
Streifen, die durch Waschen nicht zu entfernen waren, zum Vor- 
schein. Der eine Obduzent erklärte sie als durch kurz vor dem Tode 
auf die Mundgegend ausgeübte Gewalt entstanden. Der andere ver- 
mutete, daß die ihm schon aufgefallene krankhaft scharfe Magen- 
säure die Streifen verursacht habe. 

Der dieser Zweifel wegen zugezogene Casper konnte bei der 
Untersuchung der Leiche noch deutlich die Schnittwunden am Halse 
und die auffälligen Streifen an der Oberlippe erkennen. 

Er nahm darauf eine Besichtigung der Zunge vor, die bis dahin 
nicht beachtet worden war. 

Sie zeigte sich halb gegerbt und mit blutiger, schleimiger Flüssig- 
keit überzogen, worauf Casper erklärte, dieser Befund und der 
blutig schleimige, stark sauer reagierende Belag der Zunge erweise, 



254 XVI. Haussnek 

daß die Verstorbene noch im Leben eine ätzende Flüssigkeit in den 
Magen gebracht habe. 

Die Verstorbene hatte zuerst Schwefelsäure genommen, und als 
darauf der Tod nicht gleich eintrat, sich die tödlichen Halswunden 
beigebracht. 

(Gas per. Vjhrschr. f. ger. Med. II. S. 85. flg. 1852.) 

d) durch Nachweis der Identität an einem Skelette. 

Am 30. Oktober 1882 wurden in einem Gebüsche bei Kälberts- 
hausen, ungefähr hundert Schritte vom Wege entfernt, mit männlichen 
Kleidern angetane Gebeine eines offenbar männlichen Skeletts gefunden. 
Der Schädel lag auf dem leicht abwärts geneigten Boden etwas tiefer 
wie der übrige Körper. Alle Knochen waren lose, ohne eine Spur 
von Weichteilen. Kein Leichengeruch, keine Tiere an der Leiche, 
Die Körpergröße ließ sich nicht bestimmen. In den Kiefern befand 
sich noch eine Anzahl Vorderzähne. Am Schädel hingen einige lange 
graue und braune Haare. 

Im rechten Seitenwandbeine von der Lambdanaht ausgehend und 
parallel mit der Pfeilnaht nach vorn 4 — 5 cm weit verlaufend fand 
sich ein 0.5 — 1 cm breiter Knochendefekt, der in der Mitte schmäler 
war als an beiden Enden. Die Eänder an diesem Loche waren 
zackig, wie abgesprengt, aber doch glatter als bei ganz frischen Ver- 
letzungen, nicht verdünnt, und die beiden Tafeln waren mit der Diploe 
dazwischen wohl zu unterscheiden. Abgesprengte Knochenstücke 
aber fanden sich weder am Schädel, noch sonst in der Nähe der Leiche. 

Unversehrt waren alle übrigen Knochen des Skeletts, die sie um- 
hüllenden Kleider und der daneben liegende Hut 

Die Bekleidung war etwas altmodisch und leicht zerreißlich. Bei 
ihrer Öffnung fiel ein Reisetäschchen mit Schneiderutensilien und ein 
Notizbuch heraus. 

Eine Geldtasche, Uhr oder Wertgegenstände waren nicht vorhanden. 

Das ärztliche Gutachten erklärte, der Knochenverlust am Schädel 
müsse durch äußere Einwirkung mit einem scharfen Werkzeuge vor 
oder kurz nach dem Tode entstanden sein. Die Leiche müsse min- 
destens einige Monate gelegen haben. Der Verstorbene sei nach 
Haar und Zähnen über 40 Jahre alt gewesen. Nach dem Notizbuche 
wurde der Tote ermittelt. Es war ein vielfach im Kranken- und 
Versorghause untergebracht gewesener 39 jähriger Schneidermeister, 
der vom 9. Jahre ab an Epilepsie gelitten hatte und oft von seinem 
Vater mißhandelt worden war. Er hatte ihn auch noch als Kind mit 



Eriminalfälle and anderes ans der Litteratnr. 255 

einem Beile auf den Kopf geschlagen, wodurch eine kahle, schmerz- 
hafte Narbe und Krämpfe zurückgeblieben waren. 

Da bei genauer Untersuchung in der Nähe des Knochendefektes 
auf der Glastafel sich Knochengewächsbildung von 1—2 cm Höhe in 
größerer Breite und Länge nachweisen ließ, war klar, daß das Loch 
im Schädel des Toten sehr wahrscheinlich von jenem in der Jugend 
erhaltenen Schlage mit dem Beile herrührte. 

(Med. R Wolf zu Mosbach in Baden in Vjhrschr. f. ger. Med. 
N. F. XXXIX. S. 272. Okt 1883. — Schmidts * Jahrb. Bd. 202. 
1S05. Nr. 50. 173.) 

XI. Abweichende ärztliche Gutachten. 

a) Tod nicht durch Mißhandlung, sondern durch Unfall. 

Bei einer Rauferei wurde ein 23 jähriger Mann vom Wirte durch 
Umfassen des Leibes aus der Gaststube geschafft. An der Schwelle 
stürzten beide, während sie sich noch umfaßt hielten. Sie kamen 
Bauch an Bauch zu liegen. Der Hinausgeworfene ging dann noch 
6<K) Schritte bis zu seiner Wohnung, wobei er über einen Eckstein 
stolperte und auf einen Haufen ungeordneter Steine fiel. 

Daheim angelangt klagte er über Schmerzen in der unteren 
Bauchge^end und starb alsbald unter den Erscheinungan einer Bauch- 
fellentzündung. 

Die Sektion ergab: In der Bauchhöhle etwa 2 1 blutiger Flüs- 
sigkeit, die Leber groß und gelblichgrau gefärbt, der rechte Leber- 
lappen bedeutend vergrößert, der Dünndarm in seiner rechten Partie 
und ebenso der Blinddarm rötlich, Gefäße der Serosa injiziert, die 
einzelnen Schlingen untereinander und mit der Bauchwand verwachsen. 
Die Harnblase war runzlig und leer. An der hinteren Partie ver- 
lief von der Kurvatur herab ein dreiteiliger Riß. Die Einrißstelle 
war je 3 cm lang. Die Ränder der Einrisse waren blutig sugilliert. 
die Schleimhaut zwischen den Einrissen erschien ekchymotisch. Herz 
und Nieren zeigten nicht unbedeutende fettige Degeneration. Außer- 
dem fand man Lungenödem. Die Bauchwand war völlig unverletzt 

Die Gerichtsärzte nahmen an: dadurch, daß der Wirt auf den 
Verstorbenen gefallen sei, sei die stark gefüllte Blase geplatzt 

In einem Obergutachten wurde jedoch festgestellt, daß der Fall 
auf den Haufen Steine die Veranlassung zur Blasenruptur gewesen 
sei, weil, wenn die Verletzung schon im Wirtshause erfolgt wäre, der 
Verstorbene nicht noch hätte schreien und einen Weg von 600 Schritten 
hätte zuriicklegen können. 



266 XVI. Haussner 

Letzteres hatten die Gerichtsärzte außer durch die Trunkenheit 
des Verstorbenen damit erklärt, daß dei: Harn durch das viele Trinken 
sehr wässerig gewesen sei und sein Erguß in die Bauchhöhle des- 
halb keine Reaktion hervorgerufen habe. 

(Dr. H. Lilienfeld in Memorabilien. XXVIL 9. 1882. — Schmidts 
Jahrb. Bd. 202. Jahrg. 1884. Nr. 4. S. 53.) 

b) Ameisenfraß nach dem Tode, nicht Säureeinwirkung 

bei Lebzeiten. 

Nachdem ein Bauer vom Arzte die Totenschau seines am Tage 
zuvor verstorbenen neugeborenen Kindes erbeten hatte, fand dieser 
im Gesichte der Leiche mehrere auffallende Verletzungen, die er für 
im Leben zugefügt hielt Der Vater des Kindes gab an, die vielen 
Ameisen in der Wohnung hätten das Kind so zugerichtet Der Arzt, 
der das nicht glaubte, erstattete Anzeige. 

Bei der deshalb vorgenommenen gerichtlichen Obduktion fand 
man das Gesicht der Leiche durch schwarze Flecken auffallend ent- 
stellt. Das obere und untere Augenlid beider Augen waren dunkel- 
braun bis schwarzbraun gefärbt, pergamentartig vertrocknet, die Bänder 
saumförmig gerötet Diese vertrocknete Haut ließ sich leicht abheben. 
Die Fläche darunter war lichtbaun gefärbt. Als man die vertrock- 
neten Stellen mit Wasser befeuchtete und blaues Lackmuspapier da- 
rauf drückte, wurde es gerötet An der Nase waren ebenfalls mehrere 
solche schwarze Flecke. Die Lippen waren dunkelbraun, hart, die 
Zunge schmutzigbraun. Aus dem Munde floß schmutzig weißer 
Schleim, der Lackmuspapier rötete. Auch auf der linken Seite des 
Halses waren solche schwarze Flecken. 

Die Obduzenten erklärten: die Veränderungen im Gesichte und 
am Halse seien schon bei Lebzeiten durch Einwirkung eines ätzenden 
Stoffes entstanden und schwere Verletzungen, möglicherweise auch die 
Ursache der bei der Sektion gefundenen Herzbeutelwassersucht, also 
indirekt die Todesursache. 

Maschka dagegen führte im Superarbitrium aus, es sei mit 
vollem Grunde anzunehmen, daß die an der Leiche gefundenen Ver- 
änderungen durch Benagen der Leiche durch Ameisen, also nach 
dem Tode entstanden seien und mit ihm in keinem Zusammenhange 
ständen. 

(Vjhrschr. f. ger. Med. N. F. XXXIV. S. 193. 1881. — Schmidts 
Jahrb. Bd. 206. Jahrg. 1885. Nr. 4. S. 84 f.) 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 257 

c) Verurteilung infolge dieses Irrtums. 

Im Jahre 1872 wurde der Bahnwärter Harbauni wegen Ver- 
giftung seines unehelichen Kindes durch Schwefelsäure zu zehn Jahren 
Zuchthans verurteilt. 

Elode 1881 wurde wegen des vorstehend geschilderten Falles das 
Verfahren wieder aufgenommen und Harbaum auf Grund eines Superar- 
bitriums freigesprochen, nachdem er acht Jahre Zuchthaus verbüßt hatte. 

Bei der Obduktion im Jahre 1872 hatte man an der Leiche 
pergamentartige Vertrocknung der Lippen und Nasenflügel gefunden. 
Die Zunge hatte weißes, gekochtes Aussehen. Ein auf sie gelegtes 
Stückchen Lackmuspapier wurde gerötet. Unter dem Kinn war ein 
6 cm langer, gelber, pergamentartig eingetrockneter Streifen. Auch 
am Halse, im Nacken und auf der Brust waren mehrere derartige 
vertrocknete Stellen. 

Wegen dieser pergamentartigen Hauteintrocknungen, wie sie bei 
keinem anderen Stoffe vorkamen, hatten die Obduzenten Tod durch 
Schwefelsäure mit Bestimmtheit angenommen, obwohl sie durch die 
chemische Untersuchung nicht hatte nachgewiesen werden können. 

Das im Jahre 1881 eingereichte Obergutachten des Medizinal- 
Kollegiums Münster wie das mit ihm im wesentlichen übereinstimmende 
Superarbitrium der Königl. wissenschaftl. Deputation legten dagegen 
überzeugend dar, daß sämtiiche pergamentartig eingetrockneten Stellen 
an der Leiche dadurch hervorgebracht worden waren, daß durch 
Ameisenbisse die Oberhaut zerstört wurde und dann diese Stellen 
durch Eintrocknen an der Luft die braune Farbe und die lederartige 
Beschaffenheit angenommen hatten. 

(a. a. 0. N. F. XXXVI. S. 193 flg.) 

XII. Schwierigkelten und IrrtOmer bei der Rekognitlon. 

a) Schwierigkeit bei der Rekognition. 

Der junge Lord Aberdeen war aus Neigung zum Seeleben von 
England nach Ganada gegangen und hatte sich dort unter falschem 
Samen unter gemeine Schiffer gemengt und deren Sprache und 
Gepflogenheiten angenommen. Bei einem Sturme war er über Bord 
gespült worden und ertrunken. 

Da die Schiffer, als nach dem Verbleibe des Verstorbenen ge- 
forscht wurde, durchaus sich nicht überzeugen mochten, daß ihr Ge- 
nosse ein Edelmann gewesen sei, hatten die Hinterbliebenen die größten 
Schwierigkeiten, als sie den Tod des Lords feststellen lassen wollten. 

Archir für Kriminalanthropologie. XKVL 17 



258 XVI. Haüssneb 

(John J. Reese in New York med. Record XV. 19. 20; May 
1879. Über Identität Lebender und Toter. — Schmidts Jahrb. Bd. 
195. 18S2. Nr. 1. S. 80.) 

b) Irrtum bei der Rekognition bei 85 Zeugen und der 

eigenen Mutter. 

Ein Betrüger Orton gab sich für den reichen Erben Baron Tich- 
borne aus. Von 85 Zeugen wurde eidlich anerkannt, daß er Tich- 
bome sei. unter diesen Zeugen befand sich Tichbornes Mutter, der 
Rechtsanwalt, 6 Magistratspersonen, viele Offiziere, Dienstboten u. a. 

Orton zeigte sogar am Auge eine Angelhakenwunde, am Knöchel 
eine Aderlaßnarbö und am Kopfe eine Narbe vor, wie alle sie auch 
Tichborne gehabt hatte. 

Das Kreuzverhör entlarvte ihn. 

(a. a. 0.) 

c) Irrtum der eigenen Frau, der Geschwister und von 30 

Zeugen bei der Rekognition. 

Arnaud de Tilh hatte sich (1560) in die Familie des seit 8 Jahren 
abwesenden Martin Guerre eingeschlichen und war von dessen Frau 
und Geschwistern 3 Jahre lang für Guerre gehalten worden. 

Durch Guerres Wiedererscheinen erst wurde er entlarvt, verurteilt 
und hingerichtet. 

Von 130 befragten Zeugen beschworen 30 — 40, daß der Ang^ 
klagte Martin Guerre sei. Ebensoviel etwa beschworen, daß es der 
ihnen wohlbekannte Arnaud de Tilh sei. Etwa 60 Zeugen, denen 
Arnaud de Tilh und Martin Guerre von Person wohl bekannt 
waren, erklärten sich außer stände, zu sagen, welcher von beiden 
der Angeklagte sei. 

(a. a. 0.) 

XIII. Andere Irrtumer. 

aj Unschuldig verurteilt als Mörder. 

Zwei Brüder Booms arbeiteten mit einem blödsinnigen Verwandten 
Coloin, der schon lange der Familie lästig fiel, auf dem Felde. Sie 
schalten ihn und schlugen ihn zu Boden. Man hörte nichts mebr 
von ihm. Einige Monate später fand man seinen Hut Fünf Jahre 
später (1819) träumte ein Nachbar, er sei ermordet worden. Man 
leitete eine Untersuchung ein und fand auf jenem Felde das Taschen- 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 259 

roesserund einen Knopf des Vermißten, später auch einen Haufen 
Knochen. 

Die des Mordes beschuldigten Gebrüder Booms gestanden ihn 
ein und wurden zum Tode verurteilt. Sie baten um Straf Verwandlung. 
Als sie nur einem bewilligt wurde, widerriefen beide ihr Geständnis, 
das sie auf den Rat von Freunden und in der Annahme gewisser 
Verurteilung abgelegt hatten. 

Man bot darauf Belohnungen für das Auffinden des Vermißten 
ans, der dadurch bald darnach in New Jersey entdeckt wurde. Er 
hatte sich dahin, gleich nachdem er die Schläge erhalten hatte, aus 
Furcht vor seinen Verwandten begeben. 

Die Knochen wurden hiernach bei genauerer Prüfung 
als Tierknochen erkannt. 

(Greenleaf: Treatise on the law of evidence. 3 edit. Boston« 
1S46. 2 vol. § 214.) 

b) Unschuldig verurteilt als Dieb. 

Ein Ochsentreiber wurde von einem Diebe gebeten, zwei von 
diesem gestohlene — Tiere mit seiner Herde nach London zu treiben 
ond dort an ihn abzuliefern. Ehe der Ochsentreiber mit seiner Herde 
nach London kam, ereilten ihn die Bestohlenen. Er wurde, weil im 
Besitze der gestohlenen Tiere betroffen, festgenommen und für schuldig 
erklärt Erst nachher wurde der wahre Sachverhalt aufgeklärt 

(Wills, an Essay on principles of circumstantial evidence 3. edit. 
London. 1850. S. 79, 80.) 

c) Irrtum über die Dauer der Totenstarre. 

Tarchini Bonfanti hat in den Ann. d'Hyg. XLVI S. 307 folgen- 
den Fall langdauernder Totenstarre veröffentlicht: 

Zwei weibliche Leichen wurden mit vielen Verletzungen am Boden 
ihres Schlafzimmers liegend gefunden. Die Beschaffenheit der noch 
starren Leichen, die noch kaum begonnenen Zeichen der Verwesung 
und der Zustand der Wunden erweckte den Anschein, als wenn der 
Tod vor 36 Stunden eingetreten wäre. 

Später stellte sich heraus, daß beide Frauen 4»/2 Tage vor der 
Besichtigung ermordet worden waren. 

fvgl. auch Schmidts Jahrb. Bd. 173. S. 72.) 

XIV. Ein falsches Geständnis. 

Ein Mädchen, das wegen Verdachts der Kindstötung in Unter- 
suchung gekommen war, gestand zwar ein, ein Kind geboren und 

17* 



260 XVJ. Haussnee 

ins Wasser geworfen zu haben, behauptete aber, es sei tot zur Welt 
gekommen. Einige Tage später fand man eine Kindsleiche am Ufer 
eines Flusses im Gebtisch versteckt. Da zweifellos schien, daß die 
Leiche das Kind der Beschuldigten sei, wurde zur Sektion verschritten, 
ohne daß die Leiche der Beschuldigten zur Anerkennung vorgelegt 
worden war. Die Sektion ergab, daß das Kind gelebt hatte und be- 
deutende Spuren erlittener Mißhandlungen am Kopfe hatte. Als der 
Untersuchungsführer der Beschuldigten diese Ergebnisse vorhielt, 
erklärte sie schließlich nach langem Zureden, nach dem, was man 
gefunden, müsse es freilich so sein, daß ihr Kind gelebt habe. Sie 
müsse das in ihrer Verwirrung nicht bemerkt haben. 

Drei Wochen später kam in derselben Stadt noch ein anderes 
Mädchen in den Verdacht der Kindstötung. Dieses gestand die Tat 
ein, bekannte, daß das Kind gelebt habe und wie es von ihm miß- 
handelt worden sei, bezeichnete auch den Ort, an dem es die Leiche 
des Kindes verborgen hatte. 

Es war das Gebüsch am Flusse, in dem man drei Wochen vor- 
her die Kindsleiche gefunden hatte, zu der sich die andere Beschul- 
digte bekannt hatte. 

Bei weiteren Nachforschungen wurde schließlich eine zweite 
Kindsleiche gefunden, die die zuerst Beschuldigte als die ihres Kindes 
anerkannte und die nach dem Gutachten der Ärzte die eines tot- 
geborenen Kindes war. 

(Mittermaier, Beobachtungen über Rekognitionen in Kriminal- 
prozessen. N. Arch. d. Krim. R. 1817. Bd. 1. S. 496.) 

XV. Entdeckung eines Betrugs durch Nachweis der physischen 
Unmöglichkeit aufgestellter Behauptungen. 

Im Prozesse des Grafen de Morangi^s handelte es sich darum, 
ob der Graf eine Summe von 300 000 Fr., für die er einem gewissen 
Vöron Wechsel gegeben hatte, wirklich empfangen habe. Der Graf 
behauptete nämlich, die Wechsel seien durch Betrug von ihm er- 
schlichen worden. 

Dujonquai, der Enkel V^rons, gab an, er selbst habe das Geld 
dem ' Grafen ins Haus gebracht und zwar zwischen 7 Uhr Morgens 
und 1 Uhr Mittags, also binnen 5—6 Stunden. 

Die Unwahrheit dieser Aussage wurde auf folgende Weise 
erwiesen. 

Dujonquai behauptete, er habe die Summe in 13 Beutel, jeder zu 
600 I^uisdor, und 23 andere, jeder zu 600 Livres verteilt und 25 



Kriminalfälle und anderes aus der Litteratur. 261 

Lonisdor dem Grafen in die Hand gezählt. Bei jedem Gange habe 
er in jeder seiner Seitentaschen einen Beutel getragen und einen 
dritten im Arme gehabt. 

Die ausgemessene Entfernung zwischen der Straße, in der V6ron 
wohnte und der Wohnung des Grafen betrug für alle 13 Gänge 
zusammen etwas mehr als 5V2 Ligues. Zu einer Ligue braucht 
man, wenn man schnell geht, eine Stunde. 

Sonach hätte Dujonquai noch nichts Unmögliches behauptet gehabt. 

Aber im Hause V^rons hatte er 63 Stufen hinabzusteigen und 
im Hause des Grafen 27 hinaufzusteigen, insgesamt also 26 mal 90 
mithin 2340 Stufen zu steigen. 

Um die 380 Stufen des Turms der Kirche Notre Dame zu ersteigen, 
braucht man 8 bis 9 Minuten. 

Die Straße, die Dujonquai hätte passieren müssen, war außer- 
dem sehr steil und des Morgens stark von Wagen belebt, sodaß man 
eine halbe Ligue auf den dadurch ihm erwachsenden Aufenthalt 
rechnen konnte. 

Gerade zu der Zeit, in der er das Geld zum Grafen geschafft 
haben wollte, hatten zudem 60 — 80 Arbeiter einen ungeheuren Stein 
durch die Straße geschafft und hatten Tausende von Zuschauem die 
Passage gesperrt. Selbst wenn Dujonquai selbst keine Neugier ge- 
zeigt hätte, hätte ihn das Gedränge 7—8 Minuten jedesmal aufhalten 
müssen, bei allen 26 Gängen also im Ganzen 2^2 Stunde. 

In Vörons Haus und im Hause des Grafen hatte er aber auch 
Türen zu öffnen und zu schließen, die Beutel zu nehmen, einzustecken, 
herauszunehmen und zu übergeben. Zeit muß er auch gehabt 
haben, um die Quittungen des Grafen in Empfang zu nehmen und 
zu prüfen. 

In Anbetracht aller dieser Hindernisse und weil Dujonquai zu- 
geben mußte, daß er während dieser Gänge auch noch mit anderen 
gesprochen habe, stellte sich heraus, daß die Wahrheit seiner Aussage 
physisch unmöglich war. 

(Law Magazine. No. 65. S. 24.) 

XVI. Durch wiederkehrende Schreibfehler entdeckte Urkundenfälschung. 

Ein Schneider in Argyleshire (Schottland) fälschte mit Hilfe alter 
in Vergessenheit geratener Briefschaften, die er in einem alten Familien- 
sitze gefunden hatte, Stammbäume u. dergl. Urkunden, auf Grund 
deren er vom Lord Ordinary des höchsten Gerichts als Angehöriger 
der Familie, die man schon für ausgestorben hielt, anerkannt wurde. 



262 XVI. llAuesNER 

Dem Advokat Lord Meadowbank (gest. 1844) fiel jedoch auf, 
daß in allen Urkunden dieselben Schreibfehler waren. Er machte da- 
rauf aufmerksam, und der Betrug wurde entdeckt. 

(Will 8, an Essay on principles of circumstantial evidence. 3. edit. 
Undon. 1850. S. 1167.) 

XVII. Ein Wahnsinniger als Zeuge. 

In Ray's medical jurisprudence of insanity Art. 304 wird ein 
vordem höchsten Gerichtshofe von Maine im Mai 1833 verhandelter 
Fall erwähnt, bei dem ein Zeuge verhört wurde, der über alle Punkte 
verständige und genügende Auskunft gab, sich dabei aber für einen 
inspirierten Apostel hielt 

XVIII. Verschiedenes. 

a) Die Art des Ganges zur Erforschung der Identität. 

Dr. Hermann Vierordt: Das Gehen des Menschen in gesunden 
und kranken Zuständen nach selbstregistrierenden Methoden dargestelh. 
Tübingen ISSl. H. Laupp'sche Buchhandlung. 8. VI. u. 206 S. mit 
11 lithogr. Tafeln und 6 Holzschnitten. (10 M.) 

Vierordt teilt die in einer Reihe von Versuchen über das Gehen 
erzielten Ergebnisse mit. Die komplizierten Bewegungen des Gehens 
hat er namentlich in der Absicht, die individuelle Gangart in ihren 
einzelnen Phasen zu charakterisieren, festzustellen gesucht. 

Die Versuche, aus Fußspuren im Gelände den Täter eines Verbrechens 
zu ermitteln, beschränken meines Wissens zur Zeit im wesentlichen 
sich auf Vergleichung der im Gelände gefundenen Fußspur mit denen 
des Verdächtigten. 

Vierordts Arbeit läßt sich m. E. aber auch mit Nutzen verwerten, udi 
aus der Fußspur im Gelände den Täter zu ermitteln. Da nämlich 
sehr selten nur eine einzige Fußspur sich finden wird, wird aus dem 
Verhältnisse der verschiedenen Fußspuren zu einander, unter Berück- 
sichtigung der Vierordtschen Versuchsergebnisse sich unter Umständen 
auch auf die Art des Ganges dessen, der die Fußspur zurückge- 
lassen hat, ein ziemlich zuverlässiger Schluß ziehen lassen und wird 
vielleicht sogar sich erweisen lassen, daß der Beschuldigte der Täter 
nicht war, da Vierordt bei jeder seiner Versuchspersonen ein 
eigentümliches Verhalten nach dieser oder jener Richtung, Ab- 
weichungen von einer idealen Form des Gehens gefunden hat, auch 
ihre Schrittlänge (zwischen 600 und 700 mm) wechselte und das eine 
Bein gewöhnlich eine größere Schrittlänge wie das andere hatte. 



Kriminalfalle und anderes aus der Litteratur. 263 

Ich will dabei noch bemerken, daß unter Umständen sich vielleicht 
sogar wird nachweisen lassen können, ob der, der die Fußspur zurück- 
gelaasen hat, mit dem rechten oder linken Beine zu laufen begonnen hat 

Im Falle ersteres nachgewiesen wird, war der Täter im Zweifel 
kein Soldat, weil mit dem linken Beine anzutreten diesem gelehrt 
wird. Ich meine, daß aber der Infanterist zum mindesten eine — um 
Vierordts Worte zu gebrauchen — idealere Fußspur zurücklassen 
wird, wie ein anderer, weil er laufen gelernt hat, unzählige Leute, 
die nicht Soldat waren, aber überhaupt nicht gehen sondern „latschen." 

Es könnte jedenfalls einmal der Versuch gemacht werden, in 
größerer Zahl Fußspuren von Infanteristen, solchen, die noch nicht 
gedient haben, und solchen, die vor langer Zeit gedient haben, auf- 
zunehmen und unter sich zu vergleichen. 

Es ist nicht unmöglich, daß man damit zu Ergebnissen gelangt, 
die ermöglichen, nicht bloß den Fußabdruck, sondern auch die Spuren 
des Ganges als Beweismittel zu verwerten. 

b) Über die Tiefe des Schlafes und Chl.oroformnarkose 

an Schlafenden. 

John H. Girdner (New York) hat in New York med. Record XXIII. 
17.XXIV. 1 7. April und Okt. 1 883 über Versuche berichtet, die eran 23 Per- 
sonen angestellt hat, um festzustellen, ob es möglich sei, während normalen 
gesunden Schlafes Chloroformnarkose bei dem Schlafenden zu erzeugen. 

Fast alle, an denen der Versuch gemacht wurde, erwachten ent- 
weder sofort oder doch nach wenigen (l — Vj-i) Minuten. Nur ein 
50 jähriger Mann, dem aus einer Entfernung von 84 cm das Chloro- 
form allmählich näher gebracht wurde, zeigte sich erst nach TVa 
Minuten unruhig, drehte sich im Bette, wimmerte im Schlafe und 
erwachte schließlich erschreckt 

Girdner bemerkt weiter, daß der normale Schlaf, namentlich 
bei Kindern, oft so fest und tief sei, daß man während dieses Schlafs 
sogar kleinere Operationen an den Schlafenden vornehmen könne, 
ohne daß sie davon erwachten. 

So eröffnete er bei einem kleinen, schwächlichen Knaben während 
des Schlafes einen ziemlich großen Schenkelabzeß. 

Dr. Linengood entfernte bei einem einjährigen Kinde, während 
es in den Armen seiner Mutter schlief, Knochensplitter von einem 
Bruche des Vorderarms. 

Dr. Konrad amputierte unter gleichen Verhältnissen einen zer- 
quetschten Finger und verband den Stumpf, ohne daß das Kind erwachte. 

(vgl auch Schmidts Jahrb. Bd. 206. Jahrg. 1885. Xr. 1. S. 68.j 



264 XVI. Haüssneb 

c) Ein ärztlicher Übergriff. 

Dr. Bock hart (in Sitz. Ber. d. physik — med. Ges. zu Würz- 
burg. 1882. Sept. Abdr. Beitrag zur Ätiologie und Pathologie des 
Hamröhrentrippers) berichtet, er habe eine Spritze voll nach Kochscher 
Methode gezüchteter Gonokokken, um den Beweis zu liefern, daß die 
im Eiter des Trippers gefundenen Bakterien tatsächlich die Ursache 
des Trippers sind, in die gesunde Harnröhre eines Individuums ge- 
spritzt, das sich im Endstadium der Dementia paralytica befunden 
habe und dessen Tod jeden Tag zu erwarten gewesen sei. Nachdem 
am 10. Juli 1882 die Einspritzung vorgenommen worden sei, habe 
sich am 12. Juli die Hamröhrenmündung leicht gerötet gezeigt und 
habe er in dem Sekrete des sich dann deutlich zeigenden Hamröhren- 
trippers Tripperkokken gefunden. Am 20. Juli sei der Kranke gestorben. 

Die Handlungsweise des Dr. Bockhart erfüllt ganz offenbar den 
Tatbestand des im § 229. Ab. 1. St.G.Bs. mit Zuchthaus bis zu zehn 
Jahren bedrohten Verbrechens, weil er vorsätzlich einem andern, um 
dessen Gesundheit zu schädigen, Gift beigebracht hat. 

Die Strafverfolgung ist jetzt verjährt. Ich glaube auch nicht, 
daß Dr. Bockhart seiner Zeit verfolgt worden ist. 

d) Eine seltene Art der Abtreibung. 

Larondelle: Observation m6dico-16gale. Tentative d'avorte- 
ment suiviede mort. Joum. de m6d. S. Bruxelles Oktr. 1873, schildert 
folgende versuchte Abtreibung, die den Tod zur Folge hatte. 

Ein Schwängerer hatte versucht, der im dritten bis vierten Monate 
Schwangeren die Frucht mit der in die Scheide eingeführten Hand 
aus dem Leibe zu reißen. Die Schwangerschaft wurde jedoch nicht 
unterbrochen. Der Fötus fand sich im unverletzten Uterus. Es trat 
aber der Tod der Schwangeren durch Urämie ein. 

Die nächste Folge des Eingriffs war eine schwere Kontusion 
der Geschlechtsteile in der Vagina, Dammriß bis in den Anus, Cystitis 
mit Retentio urinae, enorme Ausdehnung der Blase und Stauungs- 
erscheinungen in den Ureteren und den Nieren. 

e) Eine sehr schwer zu entdeckende Kindstötung. 

Griffiths berichtet in Lancet S. 519. 1873. unter „Infanticide"* 
über ein sehr, schwer zu entdeckendes Verfahren bei Kindstötung. 
Durch eine Nadel wird unter dein oberen Augenlid die Augenhöhle 
durchstoßen und das Gehirn verletzt. 

Über bekannt gewordene Fälle teilt der Verfasser nichts mit. 



XVII. 
Albert Friedrich Berner. 

Von 
Ernst Lohsing. 

Hocbbetagt ist am 15. Januar 1907 Albert Friedrich Berner in 
Charlottenburg gestorben. Mit ihm ist einer der bedeutendsten Kri- 
minalisten aller Zeiten dahingegangen. Auch die moderne Richtung 
des Strafrechts hat allen Grund, seiner Verdienste eingedenk zu 
bleiben, da ja auch sie die Bedeutung der Rechtsdogmatik stets be- 
tont. Und dieses Gebiet ist es, auf dem Bemer so hervorragendes 
geschaffen hat. 

Bemer wurde am 30. November 1818 zu Strasburg in der Ucker- 
mark geboren. Seine Studien vollendete er in Berlin ; hier habilitierte 
er sich auch, wurde 1848 außerordentlicher, 1861 ordentlicher Pro- 
fessor und trat 1899 in den Ruhestand. Seine hervorragendsten 
Schriften sind „Grundlinien der Imputationslehre" (Berlin 1843), „Die 
Lehre von der Teilnahme am Verbrechen'' (Berlin 1847), „Der Wir- 
kungskreis des Strafgesetzes nach Zeit, Raum und Personen" (Berlin 
1853), „Lehrbuch des Deutschen Strafrechtes" (zuerst 1857 erschienen; 
18. Aufl. Leipzig 1898), „Abschaffung der Todesstrafe" (Dresden 1861), 
.Die Strafgesetzgebung in Deutschland vom Jahre 1751 bis zur 
CTegenwart" (Leipzig 1867), „Lehrbuch des Deutschen Preßrechts" 
(Leipzig 1 876). Daneben behandelte Bemer in Zeitschriften zahlreiche 
straf- und völkerrechtliche Fragen. 

Sein Hauptwerk ist das „Lehrbuch des Deutschen Strafrechtes"; 
es hat es zu achtzehn Auflagen gebracht und wurde auch ins Grie- 
chische, Russische, Polnische und Serbische übersetzt Im Gegenteil 
zu MarezoU und Heffter, welche das Strafrecht in engem Anschluß 
an das gemeine Recht darstellten, im Gegensatz zu Häischner und 
Wächter, die sich Partikularrechten zuwandten, ist Bemer — gleich 
dem früh verstorbenen Köstlin — von philosophischen Gesichtspunkten 
ausgegangen und hat sein Augenmerk auf die Rechtseinheit der Zu- 



266 XVII. LoHsiKG 

kunft zu richten verstanden. „Sein Lehrbuch suchte er'', wie er selbst 
in dessen 18. Auflage (Seite 59) darstellt, „durchweg philosophisch zu 
konstruieren. In der Darstellung der neueren Gesetzbücher beschränkto 
er sich auf die Grundztige und bot für das fehlende Detail in einer 
umfangreichen Entwickelung der philosophischen und der historischen 
Elemente des Strafrechtes einen Ersatz. Große Umarbeitungen erfuhr 
die zweite Auflage des Lehrbuches, bei welcher der Verfasser sich 
teils auf seine eigenen, durch das Studium der Französischen Litte- 
ratur befruchteten neuen Arbeiten (Grundsätze des Preuß. Strafrechtes, 
Notstand, Todesstrafe), teils auf den ausgezeichneten Grundriß von 
Geib stützen konnte. Jenseits der Deutschen Grenzen verbreitete sich 
das Lehrbuch in einer Anzahl von Übersetzungen. Das Strafgesetz- 
buch für das Deutsche Reich „„hat zum großen Teil die in den 
ersten vier Auflagen des Lehrbuches vertretenen Anschauungen wieder- 
gegeben'^". Seit der 5. Auflage (vorbereitet durch die Schrift „„Straf 
gesetzgebung in Deutschland"'') schließt sich das Lehrbuch dem 
Deutschen Strafgesetzbuche an, läßt die philosophische Konstruktion 
da, wo es nötig ist, hinter den konstruktiven Zusammenhang dei^ 
Gesetzbuches zurücktreten, nimmt die leitenden Gedanken in die Inter- 
pretation der Gesetze auf und beschränkt die geschichtlichen und 
philosophischen Einleitungen, um für das geltende Eecht Baum zu 
gewinnen. Es war seit seinem ersten Erscheinen bis zur Gründung' 
des neuen Deutschen Reiches das letzte Lehrbuch des Deutschen 
Strafrechtes, da von den älteren Lehrbüchern keines mehr eine neue 
Auflage erlebte und ein neueres Lehrbuch nicht herausgegeben wurde.'* 
Berners Lehrbuch hat dem Deutschen Reichsstrafgesetzbuch den We^' 
gebahnt, um sodann in dessen Bahnen zu wandeln. Das ist gewiß 
ein großer Erfolg. Die Tatsache, daß das Deutsche StGB, heute als 
veraltet empfunden wird und die Vorarbeiten zu einer Strafrechts- 
reform begonnen haben, vermag selbstverständlich Berners Verdienst 
nicht zu schmälern. Schließlich ist kein Gesetz auf die Ewigkeit 
geschaffen; auch ein solches, das wir heute als modern begrüßen 
würden, dürfte von einer späteren Generation als unmodern angefochten 
werden. 

Dieses Umstandes mochte Berner wohl eingedenk gewesen sein; 
als eine jüngere Generation andere kriminalpolitische Ansichten als 
Berner zu vertreten begann, vermochte ihn das von seinem Stand- 
punkte zwar nicht abzubringen, allein er unterließ es, sich der neuen 
Strömung feindlich entgegenzustellen. Berner blieb nach wie vor 
Indeterminist und Vergeltungstheoretiker; doch hielt ihn dies nicht 
ab, den Modernen dort Recht zu geben, wo es ihm seine Über- 



Albert Friedrich Berner. 267 

Zeugung erlaubte. So lesen wir denn in der Einleitung zur letzten 
Auflage seines Lehrbuchs: 

„Vorläufige Entlassung, bedingte Verurteilung und andere Ke- 

formen, welche das unbedingte Vergeltungsprinzip zurückweisen 

mußte, finden die Eingangspforte offen, wenn sie für die Bechts- 

ordnung ersprießlicher sind als die rücksichtslose Durchführung der 

Strafe.^ 

Das sind Worte, welche den Gegnern moderner Kriminalpolitik 

nicht genug zur Beachtung empfohlen werden können. Und auch 

das soll dem Altmeister nicht vergessen sein, daß er seine Sympathie 

für die besonderen Jagendgerichte frank und frei aussprach. 

In anderer Hinsicht allerdings folgte er der modernen Kriminal- 
politik nicht; insbesondere gilt dies bezüglich seines Verhaltens zur 
Frage der verminderten Zurechnungsfähigkeit, die er nur hinsichtlich 
der Jugendlichen in Erörterung zog und so freilich zu anderen Er- 
g:ebni88en als die I. K. V. gelangen mußte. Daß er aber der modernen 
Kriminalpolitik im Prinzip ihre Berechtigung zuerkannte, zeigt sich 
wohl am besten in der Wahl des Mannes, den er zu seinem Nach- 
folger bestimmte: es ist dies v. Liszt. Auch das bleibe nicht uner- 
wähnt, daß Berner der erste war, der die Lehre vom Strafvollzug als 
integrierenden Teil der Strafrechtslehre behandelte. 

Sein Lehrbuch wird stets seine Bedeutung erhalten und wenn über 
kurz oder lang nicht mehr als dogmatisches Werk, so doch als eine 
wertvolle Ergänzung zu seiner „ Straf gesetzgebung in Deutschland", 
der in der Deutschen Rechtsgeschichte ein dauernder Ehrenplatz ge- 
sichert bleibt. 

Berner kann auch als der wissenschaftliche Begründer des Deut- 
schen Preßrechtes gelten; hervorgehoben sei seine Abneigung gegen 
die sog. Pflichtexemplare, festgehalten sein treffendes Wort vom „gesetz- 
lichen Beuterecht." 

Bemers Verdienst bleibt es, den Übergang zur Rechtseinheit auf 
strafrechtlichem Gebiete geschaffen und so die neuere Strafrechts- 
wissenschaft begründet zu haben. Insofern gehört sein Wirken der 
Vergangenheit an; in ihr leuchtet sein Name. 

Ein Werk jedoch hat er geschaffen, mit welchem seine Bedeutung 
auch in die Zukunft ragt, d. i. seine Schrift „Abschaffung der Todes- 
strafe**. Noch haben wir die Todesstrafe; noch vermissen wir eine 
klare Ansicht der modernen Kriminalpolitiker über deren Existenz- 
berechtigung; noch ist der Kampf um die Todesstrafe nicht aus- 
gefochten; und in der Stunde der Entscheidung wird Berner zu Worte 
kommen müssen. Seine Schrift ist nicht umfangreich; er hat das 



268 XVII. Lohsing 

Problem lange nicht so ausführlich wie v. Holtzendorff behandelt, 
nicht einmal so wie Mittermaier. Aber von allen Gegnern dieses 
mittelalterlichen Strafüberbleibsels hat Bemer am richtigsten die Sache 
angepackt. In den Vordergrund der Erörterung tritt bei ihm die 
Gefahr eines Justizmordes. Mit Jean Calas beginnt er, sodann er- 
wähnt er andere französische und englische Justizmorde, gedenkt der 
Tätigkeit eines Voltaire und eines Beccaria und erst hierauf wendet 
er sich dem eigentlichen Thema zu. Er widerlegt alle Gründe, welche 
für die Beibehaltung der Todesstrafe vorgebracht wurden; insb^on- 
dere verwirft er die von den Gegnern so sehr beliebte Heranziehung 
von Bibelstellen zur Begründung ihrer Ansicht, wenngleich nicht ver- 
schwiegen werden kann, daß Bemer, vermutlich beeinflußt durch 
seinen Lehrer Schleiermacher, diesen zweifelsohne richtigen Stand- 
punkt nicht konsequent durchführt, indem er seine Anschauungen 
dann und wann mit Zitaten aus dem neuen Testament zu belegen 
sucht. Er warnt vor der wankelmütigen Volksstimme, er erörtert 
eingehend den Sicherungs- und Abschreckungsgedanken und lächelt 
über jene Verteidiger der Todesstrafe, welche sie dadurch empfehlen 
wollen, daß sie sie als minder hart denn langjährige oder gar lebens- 
längliche Freiheitsstrafe bezeichnen, und sagt: „Wenn man den Lei- 
denden einer langjährigen Freiheitsstrafe den Vorschlag machte, ihre 
Strafe durch Abhauung des Kopfes zu mildern, was würden sie ihren 
Befreiern wohl antworten?" Berner erblickt nicht in der Größe, 
sondern in der sicheren Erwartung des Eintretens der Strafe die ab- 
schreckende Kraft und in dieser Hinsicht versagt die Todesstrafe. 

Er bekämpft weiters die Ansicht, daß ein jeder Mörder unver- 
besserlich sei und in diesem Zusammenhang spricht er das schöne, 
noch immer nicht genug gewürdigte Wort aus: „Der in die ver- 
borgenen Tiefen sieht, wird es wissen und vielleicht einst an den Tag 
bringen, daß diejenigen, die im Kerker oder unter dem Henkerbeil 
büßen, bei weitem nicht die Schlechtesten sind, und daß mancher, 
der kein Verbrechen begeht, ein größerer Bösewicht ist, als der der 
Schärfe des Gesetzes verfallende Verbrecher. — Die Ansicht, daß die 
Verbrecher eine durch eine unausfüllbare sittliche Kluft von ihren Mit- 
bürgern geschiedene Pariakaste seien, ist höchst verderblich. Sie bildet 
ein großes Hindernis einer richtigen Behandlung der Verbrecher. Sie 
richtet auch zwischen den bereits aus den Strafanstalten Entlassenen 
und anderen Menschen noch eine lieblose Scheidewand auf und hemmt 
die tätige Teilnahme für ihr Los und für ihre sittliche Hebung. Sie 
geht aus Hochmut und lügnerischem Pharisäersinn hervor, der auf 
die gefallene Tugend mit stolzer Selbstgerechtigkeit herabsieht. Eine 



Albert Friedrich Berner. 269 

psychologisch richtige Beurteilung und Behandlung der Verbrecher 
ist nur möglich, wenn man dies beides festhält: einmal, daß das volle 
und reine sittliche Leben keinem von uns eignet; sodann, daß es 
keinen Verbrecher gibt, in dem das sittliche Leben ganz erloschen 
wäre.* 

Doch war Berner Eealpolitiker genug, um nur die allmähliche 
Abschaffung der Todesstrafe zu befürworten. „Der Grundsatz der 
Allmählichkeit ist**, wie Berner sagt, „dies kann nur die Unreife 
leugnen, bei Reformen auf dem Gebiete des Staates und des Rechtes 
der Grundsatz wahrer Weisheit" 

Noch ist das Bestreben nach Abschaffung der Todesstrafe nicht 
von Erfolg gekrönt. Möge allen Kriminalpolitikem das Wort Berners 
zur Richtschnur dienen : „Jede Reform des Strafensystems, welche die 
Todesstrafe beibehält, hält uns noch teilweis auf der alten Grundlage 
zurück. Erst diejenige Reform des Strafensystems, welche auch die 
Todesstrafe abschafft, führt uns in die Pforte der neuen Zeit ein.'' 
Diese Pforte zu durchschreiten war Bemer nicht vergönnt. Allein er 
hat, wenn auch selbst kein Modemer, einer neuen Zeit vorgearbeitet 
und manchen Baustein behauen, welcher beim Neubau des materiellen 
Strafrechtes Verwendung zu finden verdient 



XVIII. 
Vorsicht in Diebstahlsföllen ! 

Von 
Ober-Staatsanwalt AmBohl in Graz. 



Wie sehr Vorsicht bei Verfolgung und schon gar bei Verurteilung 
von Personen not tut, gegen die nichts weiter vorliegt als die An- 
gaben der Beschädigten und einige zufällig zusammentreffende Ver- 
dachtsmomente, aus denen der Schein, aber auch nicht mehr, gegen 
den Angezeigten spricht, mögen folgende zwei Fälle dartun. 

Die 24jährige Maria Hoitsch aus der Gegend von Radkersburs: 
war ein uneheliches Kind, blieb bis zum 20. Lebensjahre bei ihrer 
Mutter auf dem Lande, trat dann in Radkersburg als Magd in Dienst, 
kam im Jahre 1886 nach Graz in ein Caf^haus als Mädchen für 
alles und am 1. September 1887 zum pensionierten Oberst Th., der 
eine sehr resolute Frau aber keine Kinder besaß. Maria Hoitsch war 
weder gerichtlich noch polizeilich jemals beanstandet worden, jedoch 
keine vorzügliche Köchin. Die Frau Oberst kündigte ihr daher den 
Dienst und hatte für den 5. September bereits ein anderes Mädchen 
bestellt. 

Am 3. September abends sortierte der Oberst seine Barschaft von 
zusammen 850 fl. Hiervon gab er 300 fl. in ein separates Paket, 
das übrige Geld aber in seine Feldtasche, diese in eine offene Kassette 
und letztere wieder in einen unverschlossenen Kasten. 

Am 4. September abends entnahm er der Feldtasche 200 fl., um 
Zahlungen zu leisten. Hierbei nahm er wahr, daß ihm 100 fl. fehlen, 
allein er glaubte, daß er die Banknote verlegt habe und daß sie sieb 
schon finden werde. Am gleichen Tage hatte Maria Hoitsch von der 
Frau Oberst die Erlaubnis erhalten auszugehen, jedoch mit der Ver- 
pflichtung, bis 8 Uhr abends wieder zurückzukehren. Anstatt aber 
zur bezeichneten Stunde sich bei ihren Dienstgebern einzufinden, er- 
schien Hoitsch die ganze Nacht hindurch nicht wieder und auch am 
5. vormittags kam sie nicht 



Voreicht in Diebstahlsf allen ! 271 

Der Oberst war in Sorgen und meldete das Verschwinden seiner 
Köchin der Polizei. Nach Hanse zurückgekehrt, kam ihm der Ver- 
dacht, daß ihn die Hoitsch bestohlen haben könnte und er hielt Nach- 
schau in seiner Feldtasche. Wirklich fehlten 200 fl. Er dachte je- 
doch, er könne sich gestern abends bei den Zahlungen verzählt haben 
und begab sich sogleich zu dem Herrn, dem er das Geld gegeben. 
Dort erfuhr er, daß er nicht mehr und nicht weniger gezahlt habe 
als er zu zahlen schuldig war. Der Oberst durchsuchte die ganze 
Wohnung und konnte die 200 fl. nicht finden. 

Nun schien es ihm gewiß, daß die Hoitsch das Geld gestohlen 
und sich aus dem Staube gemacht habe. Sie besaß ausschließlich 
Gelegenheit zur Verübung des Diebstahles. Am 3. September befand 
sie sich allein im Zimmer, worin das Geld im Kasten lag, während 
ihre Herrenleute Siesta hielten. Die Frau Oberst hörte sie deutlich 
in jenem Zimmer herumtappen, ja sie bemerkte an der Hoitsch, bevor 
diese um 4 Uhr nachmittags sich auszugehen anschickte, eine gewisse 
Cnruhe und Verlegenheit. Alles dies bewog den Oberst, die Hoitsch 
bei der Polizei wegen des Diebstahles anzuzeigen. Mittlerweile war 
diese nach Hause gekommen und hatte von der Frau Oberst ihre 
Dokumente und Effekten begehrt. Die Frau wies sie an die Polizei, 
da ihr Arbeitsbuch sich bereits dort befinde. Nach kurzer Zeit kam 
die Hoitsch wieder und ersuchte nochmals um Ausfolgung ihres 
Buches, da es im Dienstbotenamte nicht vorliege. Nun sandte die 
Frau Oberst nach einem Wachmann und ließ die Hoitsch verhaften. 
Zur Polizei gebracht stellte diese den Diebstahl entschieden in Abrede 
und entschuldigte ihr Ausbleiben damit daß sie mit dem Zugführer 
Semlitscb des 47. Infanterieregimentes den Sonntag Nachmittag zu- 
gebracht und sich über die erlaubte Zeit mit ihm verweilt habe, wes- 
halb sie sich nicht mehr nach Hause wagte, zumal da sie ja ohnehin 
am 5. September den Dienst hätte verlassen müssen. Dies alles nützte 
ihr nichts. Sie mußte in polizeilicher Haft verbleiben und wurde am 
". September dem Landsgericht eingeliefert. 

Tags vorher hatte sich der Oberst in die Kaserne begeben, um 
sich nach dem Zugsführer Semlitscb zu erkundigen. Der Hauptmann 
wußte über ihn nur Vorteilhaftes zu melden und wollte ihn bei der 
Truppe zurückbehalten, um ihn im Interesse des Dienstes zum Feld- 
webel zu befördern. Semlitscb aber sehnte sich nach Hause und 
lehnte dankend ab. Er gab zu, daß er die Nacht mit der Hoitsch 
zugebracht und daß sie etwa 30 — 40 kr. verausgabt habe. 

Am 9. September schritt ich zur Einvernehmung der Hoitsch, 
gegen welche die Voruntersuchung wegen Verbrechens des Dieb- 



272 XVm. Amschl 

Stahles eingeleitet und die ordentliche Untersuchungshaft wegen Flucht- 
verdachtes verhängt worden war. 

Auch bei mir beteuerte sie ihre Unschuld. Sie hatte noch eine 
Lohnforderung von 1 fl. 70 kr. an den Obersten zu stellen und 
besaß 8 fl. an Ersparnissen. 

Am 4. September — Sonntag — nachmittags erwartete sie Sem- 
litsch, ihr Landsmann und Schulkamerade, auf der Gasse, da er am 
8. September vom Militär austrat und in die Heimat zog. Sie machten 
einen Spaziergang. Der Soldat bewirtete das Mädchen, die Zeit ver- 
strich beiden so angenehm, daß die 8. Stunde unbemerkt vorüberging. 
Nun getraute sich Hoitsch nicht mehr nach Hause. Was war zu tun 
als einen Gasthof aufzusuchen? Bis 5 Uhr morgens blieben die beiden 
Landsleute beisammen. 

Des Morgens wagte sich die Hoitsch nicht nach Hause zur 
strengen Frau Oberst, sondern suchte eine Unterstandgeberin auf, um 
dort für einige Tage ein Bett zu bekommen, bis sie einen neuen 
Dienst gefunden haben würde. Dann erst kehrte sie zu ihrer Herr- 
schaft zurück. Was dann geschehen, ist ohnehin bekannt. 

Sie blieb dabei, daß sie völlig unschuldig sei. Es habe zwar 
niemand Fremdes ins Haus kommen können, aber der H. Oberst dürfte 
sich beim Sortieren des Geldes oder beim Zählen geirrt ^der das Geld 
verausgabt haben. Hoitsch wollte auch vom Vorhandensein des 
Geldes nichts gewußt haben. — 

Am 11. hörte ich den Obersten als Zeugen. Er erschien in 
Uniform, mit Orden geschmückt 

Jeder Untersuchungsrichter wird mir bestätigen, daß der amtliche 
Verkehr in der Regel mit Landleuten sich angenehmer gestaltet als 
mit Städtern und Honoratioren. Diese sind empfindlich, entwickeln 
eine schreckliche Suada, machen Prätensionen und halten sich meist 
für unfehlbar. Ich stellte dem Obersten vor, daß er sich denn doch 
geirrt haben könnte, was er mit Entrüstung zurückwies. „Ich irre 
nie!'' — Ich war von der Schuld der Hoitsch nicht überzeugt, aber 
auch nicht von ihrer Unschuld, denn trotzdem bei ihr kein Geld ge- 
funden worde und auch bei Semlitsch nicht, sprachen doch manche 
Indizien gegen sie. 

Am 18. September wurde die Anklageschrift überreicht, welche 
auf das Verbrechen des Diebstahles nach §§ 171, 173 und 176 II. BStG. 
lautete. 

In den Gründen hieß es, daß Maria Hoitsch ausschließlich die 
Gelegenheit zum Diebstahl besaß. Sie allein befand sich am frag- 
lichen Nachmittage mit ihren Dienstgebem im Hause, sie allein hielt 



Vorsicht in Diebstahlsfäilen! 273 

sieb, während ihre Dienstgeber der Ruhe pflegten, in jenem Zimmer 
auf, worin das Geld verwahrt war. 

Am 23. September fand die Hauptverhandlung statt, die mit 
der Freisprechung der Maria Hoitsch, deren Enthaftung sofort er- 
folgte, endigte. 

In objektiver Richtung, besagte das Urteil, liegt vor, daß der Be- 
schädigte wohl über seine Ausgaben, nicht aber über seine Einnahmen 
bachführt Die Erfahrung lehrt aber, daß selbst bei ziemlich genauer 
Buchführung Abgänge oft nicht mit Sicherheit festgestellt werden 
können, um wieviel mehr in einem Falle, wo man sich lediglich auf 
sein eigenes, mehr oder minder gutes Gedächtnis verlassen muß. Der 
Beschädig bemerkte den Abgang des Geldes schon am 4. September, 
der Verdacht gegen die Hoitsch aber regte sich erst am zweitnächsten 
Tage infolge ihres Wegbleibens und selbst da fühlte sich der Verlust- 
träger nicht sicher, indem er vorher nachfragte, ob er nicht aus Ver- 
sehen mehr verausgabt hat, als er zu zahlen hatte. Es ist demnach 
zweifelhaft, ob ein Diebstahl überhaupt vorliegt. 

In subjektiver Richtung ergeben sich Bedenken, ob die Hoitsch 
bei der Kürze ihrer Dienstzeit vom Vorhandensein des Geldes wußte. 
Sie müßte dem Zählen durch das Schlüsselloch zugesehen haben. 
Zudem wurde bei ihr weder Geld gefunden noch der geringste Auf- 
wand konstatiert. Auffallend sei auch, daß sie im Falle einer be- 
absichtigten Flucht ihre Dokumente beim Dienstgeber zurückgelassen 
habe, nach der Tat wieder selbst gekommen, selbst zur Polizei und 
wieder zur Herrschaft zurückgegangen sein sollte. 

In Erwägung aller dieser Umstände und des guten Leumundes 
der Hoitsch konnte sich der Gericht^of die Überzeugung von ihrer 
Schuld nicht verschaffen. — 

Der Oberst war indigniert über das Urteil, noch mehr aber seine 
Gemahlin. Sie war nach Verkündigung des Urteiles an den Vertei- 
diger herangetreten und hatte ihm zugerufen: „Wenn ich einmal etwas 
anstelle, so werde ich mir Sie zum Verteidiger bestellen." — 

Drei Tage nach der Hauptverhandlung erschien der Oberst bei 
mir und höflich erkundigte ich mich nach seinem Begehren. Sehr 
zerknirscht erklärte er, er fühle sich verpflichtet, zur gerichtlichen 
Kenntnis zu bringen, daß die vermeintlich gestohlenen 200 fl. sich 
gestern nachmittag in seinem Pensionsbogen gefunden haben. Das 
Geld sei einfach verlegt worden und Maria Hoitsch völlig unschuldig. 
Ihn dauere die arme Person aufrichtig. Der Oberst benahm sich 
höchst ehrenwert Er bezahlte die Strafprozeßkosten, gab der Maria 

ArelÜT rar Kriminalanthropologie. XXVI. 18 



274 XVIII. Amschl 

Hoitsch 70 fl. und widmete 30 fl. dem Verein zur Unterstützung ent- 
lassener Sträflinge. 

Der Gerichtshof hatte mit seinem Urteile das Richtige getroffen 
und der verhängnisvolle Beweisumstand der „ausschließlichen Ge- 
legenheit** war zu Schanden geworden. — 

Eine ähnliche Geschichte trug sich einige Jahre später zu. 

Am 16. August 1889 erschien der Gutsbesitzer Feiertag bei 
Gericht und zeigte an, daß er am 12. August abends schwer be- 
trunken in einem Gasthause seine Zeche bezahlt und in seiner inneren 
Westentasche eine Brieftasche mit 265 fl. gehabt habe. Da er kaum 
mehr imstande gewesen, allein nach Hause zu kommen, so habe er 
den Wirt Josef Sunko eingeladen, mit ihm nach Hause zu fahren. 

Sie hätten sich nun auf Feiertags Wagen gesetzt und seien in 
ihr Dorf gefahren. Unterwegs sei Sunko sehr freundschaftlich ge- 
wesen und als sie eben durch einen Wald fuhren, habe er den 
Feiertag umarmt und an seine Brust gedrückt. Beim Auskleiden 
habe Feiertag entdeckt, daß ihm seine Brieftasche mit den 265 fl. 
fehle. Es liege die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Sunko ihn be- 
stohlen habe. 

Die Gastwirtin, bei der beide am Abende des 12. August gezecht 
hatten, gab an, daß Feiertag, als er die Zeche bezahlte, aus der 
inneren Tasche seiner nach hierländischer Art mit großen Stahl- 
knöpfen versehenen Weste eine lederne Brieftasche hervorgezogen, 
eine Banknote herausgenommen, damit die Zeche bezahlt, die Brief- 
tasche eingesteckt, die Weste sorgfältig zugeknöpft, mit Sunko den 
Wagen bestiegen und dann die Heimfahrt angetreten habe. Am nächsten 
Tage sei Feiertags Knecht zu ihr gekommen, um die Brieftasche zu 
suchen. Es sei alles durchsucht, allein nichts gefunden worden. 

Die Gendarmerie zeigte an, daß Feiertag und Sunko auf dem 
Wagen in einer sogenannten Flechte (ein korbartiger, nur vorne 
offener Einsatz) saßen, aus der die Brieftasche, wenn Feiertag sie 
wirklich verloren hätte, unmöglich hätte zu Boden fallen können. 
Trotz alles Suchens und Nachforschens sei die Brieftasche nirgends 
gefunden worden. Über den Leumund Sunkos könne zwar nichts 
Nachteiliges berichtet werden, allein er soll stark verschuldet sein 
und sich fortwährend in Geldverlegenheit befinden. 

Sunko selbst gab an, damals vollkommen nüchtern gewesen zu 
sein und den Feiertag nicht berührt zu haben. Als sie an dessen 
Behausung angelangt waren, sei ein Knecht herausgekommen, der die 
Pferde ausgespannt habe. Feiertag wankte in seine Wohnung, während 
Sunko sich nach Hause begab. 



Vorsicht in Diebstahlsfällen 1 275 

Am nächsten Tage sei Feiertag schon am 5 Uhr morgens zu 
Smiko gekommen und habe ihm die Brieftasche abverlangt Snnko 
war darüber sehr erschrocken nnd sperrte auf Feiertags Verlangen 
sofort seinen Kasten auf. Da Feiertag trotz der Beteuemngen Sunkos, 
daß er Ton der Brieftasche nichts wisse, auf deren Heransgabe be- 
standy so verklagte ihn Snnko beim Bezirksgerichte wegen Ehren- 
belddignng. 

Snnko beteuerte seine Unschuld, meinte, daß Feiertag die Brief- 
tasche, da der Wagen „prellte", verloren haben konnte oder daß sie 
ihm von einem seiner Knechte daheim gestohlen worden sei. 

Die Staatsanwaltschaft erklärte, daß sie keinen Grund zur Ver- 
folgung Sunkos wegen Verbrechens des Diebstahles finde. 

Am 6. November 1889 erschien Feiertag bei Gericht und zeigte 
an, daß seine Magd die Brieftasche samt dem Gelde am 3. November 
beim Auskehren hinter einem Kasten gefunden habe, wohin sie ihm 
in seinem Sausche gefallen sein muß; Snnko sei also vollkommen 
nnschuldig, er habe sich mit ihm bereits ausgeglichen, Snnko habe 
die Ehrenbeleidigungsklage zurückgezogen und bliebe ihm — Feier- 
tag — nur die Bitte übrig, die Sache zu veröffentlichen, um Sunkos 
g^ränkte Ehre wieder herzustellen. 



18'' 



XIX. 
Widernatürlichkeiten im indischen Liebesbuche. 

Von 
Josef Kohler. 



Das indische Kämasütra des Vätsyäyana ist ein Buch ohne- 
gleichen. Nirgends, wie hier, werden die vertrautesten Dinge, und 
zwar nicht in wissenschaftlicher, sondern in praktischer lebenskünst- 
lerischer Weise besprochen, besprochen mit einem Doktrinarismus und 
einer Scholastik, wie wenn es sich um die feinsten philosophischen 
Spekulationen handelte. Die Zeit der Entstehung des Buches steht 
nicht fest; jedenfalls hat es ein verhältnismäßiges Alter; denn Käli- 
däsa kennt es bereits, und diesen versetzt man in den Anfang des 
5. Jahrh. n. Chr. 

Als kulturgeschichtliche Merkwürdigkeit hat dieses von R. Schmidt 
(in Eisleben) mit Unterstützung der Berliner Akademie in Über- 
setzung herausgegebene Werk schon an sich große Bedeutung. Darauf 
aber soll nicht eingegangen werden, sondern auf die Frage, inwiefern 
die widernatürliche Unzucht bei den Hindus nachweisbar ist. 

Zunächst sei bemerkt, daß der Sadismus an vielen Stellen 
hervorbricht. Zwar die Kratzungen und kleinen Verwundungen und das 
Beißen gehören wohl weniger dieser seelischen Perversität an, da es 
sich hier mehr um lüsterne Machenschaften, als um das Bestreben 
der Schraerzbereitung handelt. Wenn es aber heißt, daß der eine 
Teil den anderen schlägt, mit dem Keil auf die Brust, mit der Schere 
an den Kopf, mit der Nadel auf die Wange, mit der Zange an die 
Seiten, und wenn dies als Gepflogenheit gewisser Gegenden bezeichnet 
wird, so ist dies jedenfalls bereits eine sadistische Unnatur. Aller- 
dings sagt Vätsyäyana, daß ein derartiges Treiben bösartig, bar- 
barisch und verderblich sei : man könne sich zwar nach der Sitte des 
Ortes richten, aber doch nur so, daß man dem anderen Teile keine 
Gefahr bereite. Dabei werden aber Fälle erzählt, daß nicht mehr und 
nicht weniger der König von Cola bei der Liebe eine Hetäre mit 



Widernatürlichkeiten im indischen Liebcsbuchc. 277 

dem Pfeile getötet, daß ein anderer Liebender mit einem Nadelstich 
einer Tänzerin ein Auge ausgestoßen habe. Als unerlaubt galt es 
daher, aber es kam in hohem Maße vor. Man vgl. darüber aus dem 
Liebesbnche die Stellen S. 160, 161, 169, 184, 191—193. 

Aber auch der Masochismus ist nicht unvertreten. So heißt 
es im Liebesbuche S. 164, daß die Frauen von Mälava und Äbhira 
durch Schläge zu gewinnen seien, indem durch Schläge ihre Lüstern- 
heit erweckt werde. Ebenso wird von den Weibern anderer Orte er- 
zahlt, daß sie sich an harten Schlägen ergötzten. 

Nicht zu verwundem ist, daß auch polygamische Erschei- 
nungen vorkommen in der Art, daß eine Frau zu gleicher Zeit mit 
mehreren Männern zu tun hat. Allerdings wird auch dies nur als 
Sonderbrauch einiger Gegenden bezeichnet, so S. 181. 

Die Geschlechtsverbindung unter Männern wird mehr- 
fach erwähnt, aber die Verbindung in anum nur als eine Sitte süd- 
licher Länder, so S. 182; sehr häufig dagegen sei das Äuparistakam, 
die Liebe per os; sie finde unter Männern statt, namentlich auch mit 
Sklaven, S. 205, 213, auch gemeinsam. Nicht selten sei aber auch 
das Äuparistakam mit Frauen; auch hier gemeinsam, d. h. verbunden 
mit der entgegengesetzten Unnatur, welche auch sonst erwähnt wird, 
so S. 214. Man nannte ein solches beiderseitiges Tun in herab- 
setzender Weise „Krähenliebe" S. 215. Doch wurde alles derartige 
Ton der feinerfühlenden Gesellschaft schwer getadelt, und die heiligen 
Bücher erklärten es als verboten, worüber auf nachfolgende Stellen 
verwiesen werden soll: 

„Neque vero istudfiat, cum a literis sacris abhorreat atque inhones- 
ium sif. Si enim postea ite^-um os illarum contigas, ipse moleste 
feras. Ita autores docenty 

[Kommentar.] „Neque vero istud fiaf\ quamquam in icsu ver- 
miurj „cum a literis sacris abhorreaf': in Dharmagastro vetitum 
est: y,Ne semen in os emittas!^^ — „Atque inhonestum sif^i inho- 
nestum est, cum a bonis repudietur: itaque „cum inhonestum sW\ 
Partxs agentis ipsumi videre rem inhonestam peccatum est; aliud 
autor his verbis demonstrat: „Si enim postea*^: si eiiim ore femi- 
narum dissolutarum cet pro vulva fructus sis, „postea^', si rursus 
Vulva utariSj „moleste feras^\ taedeat te^ si libidine accensus „os 
illarum contingas^\ attingas'^ (p. 210 f. )J) 

Insbesondere erklärt Vasistha, daß durch ein solches heilloses 
Treiben die Seelen der Voreltern beleidigt würden, ja sie hungerten 

1) Die Stelle gibt zugleich ein Beispiel für die scbolastische Art der Er- 
örterung. 



278 IXX. KoHLEB 

dann 15 Jahre lang, so schwer sei das Mißtan und ihr Gram darob, 
S. 211. Auch wird bemerkt, daß ein Brähmane, ein Mitglied der 
königlichen Kegierung, ein Vertrauensmann sich stets derartiger Dinge 
enthalten solle, ansonst er Ruhm und Ansehen verliere, S. 215. 

Es heißt hier S. 211, 215: 

„Qwi in ore icxoris suae legitimae coitum conficity illiv^ manes 
decem annos et quinque non edunt" 

„Neque vero äuparistahn/m illvd hrähmanus sapiens vel socius 
et administer consiliorum regis vel qui fiducia utitur sibi fieri 
pennittat^ 

[Kommentar.] ^^Neque vero äuparistakum illvid*^ hwnc in modum 
a meretricibics ,jsibi fieri pennittat hrähmanus sapiens^^ qui Smrtis 
et Qrutis argv/mentum atque naturam novit — „Socius et administer 
consiliorum regis*^ qui summus regni guhemator est; j^vel quicun^ 
fiducia utitur^\ qui hominibus fide dignus videtur. Qui si c^ud 
illas feminas äuparistakum sibi fieri permittunt, gloria, qua apud 
homines utuntur; et auctoritas dirimuntur, Itaque vitiosam oris 
contactionem evitent^^ 

Die verschiedenen Bräuche künstlicher Erregung und sonstiger 
künstlicher Mittel anstelle der natürlichen (namenüich auch die künst- 
liche Verstärkung der Männlichkeit durch Zufügung fremder G^en- 
stände), wie solches im Kapitel Upanisad gelehrt wird, ebenso die 
mannigfachen Arten des Liebeszaubers haben mehr ethnologische als 
juristische Bedeutung und können hier umsoweniger erörtert werden, 
als gerade die Zaubermittel wesentlich dem entsprechen, was auf der 
ganzen Erde üblich ist. 



Kleinere Mitteilungen. 



Mitgeteilt von -oo-. 
1. 

Irrungen. Meine Frau ging heute zu dem Platz, wo die Stellwagen 
abfahren. Sie sah, als sie näher kam, drei Wagen. Sie sagte sich, ich 
steige in den vordersten Wagen, da dieser zuerst abfährt. 

Sie stieg ein, nahm ihr Notizbuch zur Hand und sah ihre Kommissionen 
durch. Sie bemerkte im vorderen Wagen einen Kondukteur, der schlief. 
Sie dachte, der Kondukteur wird nicht mehr lange schlafen können; denn 
der Wagen wird bald abfahren. 

Plötzlich fiel ihr ein, der Wagen, m dem der Kondukteur schläft, ist 
ja der vorderste Wagen; ich sitze im zweiten Wagen. Sie stieg nun 
in den vordersten Wagen ein. 

Wie erklärt es sich, daß meine Frau in den zweiten und nicht in den 
vordersten Wagen eingestiegen war? 

Die Wagen standen nicht genau hintereinander. Der zweite Wagen 
war dem Trottoir näher als der vorderste Wagen. Als meine Frau bei dem 
zw^ten Wagen angekommen war, sah sie den vordersten Wagen nicht mehr 
vor sich. Sie bemerkte den vorderen Wagen erst wieder, als sie im zweiten 
Wagen saß. Sie war sich aber dieser Wahrnehmung eine Zeitlang nicht bewußt. 



Von Landgerichtsrat Gotthardt in Bamberg. 
2. 

Ein unwahres „Geständnis*^ Im Jahre 1900 entstand im Wirts- 
haus des Dorfes F. eine Rauferei, wobei der wohlhabende Bauernsohn F. 
aas F. dem Dienstknecht W. mit einem Stuhlbein auf den Kopf schlug. 
In der Verhandlung des Schöffengerichts gegen F. bestätigte W. diese Tat- 
sache als Zeuge auf Eid« Gegen W. wurde alsdann vom Staatsanwalt ein 
Ermittlungsverfahren wegen Meineids eingeleitet. Hierbei gab W. dem mit 
der Vornahme von Ermittlungen betrauten Gendarmen an, er wolle nicht 
bestimmt behaupten, daß er mit einem Stuhlbein geschlagen worden sei, 
aber ein harter Gegenstand sei es gewesen. Daraufhin wurde gegen W. 
wegen Meineids Voruntersuchung eröffnet, in welcher sich jedoch heraus- 
stellte, daß W. von F. wirklich mit einem Stuhlbein geschlagen worden war 
und daß dies W., als der Gendarm bei ihm recherchierte, auch wohl wußte. 

Zur Erklärung dieses seines Verhaltens gab W. an, nach der schöffen- 
gerichtlichen Verhandlung hätten ihn die Bewohner von F. in Schrecken 
vo^tzt, es habe allgemein geheißen, er solle meineidig gemacht werden; 
da habe er sich gedacht, wenn das ganze Dorf gegen ihn sei, könne er 
me Behauptung nicht aufrecht halten, sonst werde er meineidig gemacht, 
deshalb habe er dann bei dem Gendarmen seine frühere Angabe geändert. 

Das Verfahren gegen W. wegen Meineids wurde eingestellt, weil sich 
die Aussage des Angeschuldigten als wahr erwiesen habe. 

Beschluß der Strafkammer des k. b. Landgerichts Bamberg vom 
26. November 1900. 



Besprechungen. 



1. 

Georges Manolescu (Fürst Lahovary). Ein Fürst der Diebe. Me- 
moiren. Berlin-Groß-Lichterfelde-Ost. Dr. P. Langenscheidt, o. J. 
274 p. 80- 

Wir haben hier ein interessantes Monument vor uns: Die Memoiren 
eines Hochstaplers, über dessen Zurechnungsfähigkeit bezw. Unzu- 
rechnungsfähigkeit sich die berühmtesten medizinischen und juristischen 
Kapazitäten nicht einig sind. Durch dieses Problem erhält die Selbstbio- 
graphie des rumänischen Hochstaplers, dessen besonders in der Schweiz, 
Oesterreich, Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten vollführten, 
geradezu genialen Hochstapeleien noch in aller Erinnerung sein werden, 
für uns einen ganz besonderen Wert, abgesehen davon, daß auch schon 
die Schilderung der Gaunereien an und für sich für uns Kriminalisten von 
Interesse ist. 

Von den bedeutendsten Berliner Gerichtsärzten so Dr. Leppmann, 
den Luzerner Psychiatern, dem hervorragenden Nervenarzt Prof. Dr. Koeppen 
(Berlin), dem Untersuchungsrichter Dr. Maßmann (Berlin) wii*d Mano- 
lescu für geisteskrank gehalten. Er dagegen behauptet, die Luzemer und 
Berliner Psychiater nur getäuscht zu haben (S. 159). Ihm stimmen bei 
die Wiener Mediziner, sein Verteider Dr. Schwindt u. a. Es kann hier 
nicht unsere Aufgabe sein, zu untersuchen, wer Recht hat; die Entscheidung 
hierüber müssen wir auf diesem Gebiete Urteilsfähigeren überlassen. Doch 
mag daran erinnert werden, daß durch längere Zeiträume konsequent durch- 
geführte Simulation geistiger Störung zwar sehr selten ist, aber eben doch 
ab und zu vorkommt (Vgl. Dr. Adolf Groß „Ein Fall von mehrfacher 
Simulation geistiger Störung" in „Der Pitaval der Gegenwart** I, 1904, 
p. 193 ff.) Mir selbst ist ein Fall von Simulation des Dämmerungszustandes 
bekannt, dessen aktenmäßige Darstellung ich später vielleicht einmal geben 
werde. Manclies in seinem Buche spricht allerdings für eine Geistesstörung, so 
insbesondere seine maßlose Selbstüberschätzung und Eitelkeit (S. 1 1 4, 260, 
271), sowie seine Selbsttäuschungen (S. 90, 224, 228, 232, 233 f., 268). 
Manche Stellen des Buches erscheinen sehr gekünstelt (S. 106, 156 f., 239), 
so will er insbesondere den ersten Hoteldiebstahl nach seiner Verheiratung 
„fast automatisch" begangen haben (S. 135). Wie dem auch sein mag, 
ein klarer bestimmter Anhalt für den einen oder den andern Standpunkt 
scheint sich unseres Erachtens aus diesen Memou-en nicht zu ergeben. Vielleicht 



Besprechungen. 281 

wird wie so unzählig andere Probleme auch die Analyse der Psyche dieses 
Hochstaplers immer ein ungelöstes Problem bleiben. 

Jedenfalls ist auch davon abgesehen diese flott und fesselnd ge- 
schriebene Selbstbiographie eines Hochstaplers und Hoteldiebes interessant 
genüg, wenngleich wir Dr. Maß mann vollkommen zustimmen müssen, daß 
Manolescus Wesen durchaus nicht so ganz besonders eigenartig ist, er vielleicht 
mehr nur ein Durchnittshochstapler, immerhin aber ein interessanter Mensch 
ist (S. 264). Sein Lebenslauf ist kurz folgender: Im Jahre 1871 als 
Sohn eines rumänischen Hauptmanns geboren, besuchte er zunächst die 
Marineschule, entfloh bald von dort und führte seitdem in aller Herren 
Ländern ein abenteuerliches Leben. Er will in Luxus leben und sichert sich 
die Mittel durch großartige Hochstapeleien und Hoteldiebstähle, die ihm 
meist eine Beute von Hunderttausenden einbringen. In einem durch und 
durch luxuriösen Leben insbesondere auch durch ungeheure Spielverluste, 
werden die Unsummen aber immer bald wieder vergeudet. Bemerkenswert 
ist der faszinierende Einfluß, den seine elegante eigenartige Erscheinung auf 
die Frauen ausübte, wie sich auch in der Berliner Gerichtsverhandlung 
zeigte. Er heiratete eine deutsche Gräfin und führte mit ihr anscheinend 
eine sehr glückliche Ehe; seine Frau übte auf ihn einen guten Einfluß aus 
'S. 106, 141). Als sie seinen wahren Charakter erfuhr, ließ sie sich von 
ihm scheiden. Manolescu ist zweifellos — wie alle Hochstapler — ein 
hochbegabter Mensch, der bei richtiger Verwertung seiner Anlagen sicher- 
lich etwas Tüchtiges hätte erreichen können. Angeblich will er jetzt ein 
nenes Leben anfangen und hat nach den Angaben, die der Verlag über 
ihn gibt, bereits damit begonnen (S. 239). Man kann gespannt sein, ob 
er auf diesem Wege fortfahren wird, oder ob er w-ieder auf die Bahn des 
Verbrechens kommt. Das beharrliche Durchführen seines guten Vorsatzes 
wäre vielleicht der beste Beweis für seine geistige Gesundheit. Vor einiger 
Zeit stand allerdings schon wieder in den Zeitungen von einem Hoteldieb- 
stahl zu lesen, der in seiner bekannten Manier vollführt war, und der ihm 
audi in die Schuhe geschoben wurde. Doch trat der Verlag energisch 
gegen die Möglichkeit auf, daß Manolescu der Täter sein könne. Und in 
der Tat ist es ja eine bekannte Tatsache, daß einem gefaßten großen 
Ganner auch vielerlei zur Last gelegt wird, was er nicht getan hat (Der 
wirkliche Täter ist in der Tat später entdeckt worden. Hg.) 

Hinweisen wollen wir noch kurz auf die Beschreibungen verschiedener 
Disziplinarstrafen in französischen und englischen Gefängnissen, wie sie in 
sdnem Buche gegeben wird: „DisciplinsaaP (S. 49), „Cachot" (S. 50), 
.Oubliettes" (S. 50) und „hard labour" (S. 86). 

Dr. A. Hellwig. 

2. 
jAnthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen 
und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der ge- 
schlechtlichen Moral, herausgegeben von Dr. Friedrich 
S. Krauß. L Bd. Südslavische Volksüberlieferungen, die sich auf 
den Geschlechtsverkehr beziehen. L Erzählungen. Gesammelt, ver- 
deutscht und erläutert von Dr. Friedrich S. Krauß — Leipzig, 
Deutsche Verlags-Aktien-Gesellschaft 1904. — (Privatdruck. Nur 



282 Besprechungen. 

für Gelehrte, nicht für den Buchhandel bestimmt) — XXI, 530p. 
gr. 8 0. 30 M. — 

Wie schon der Name des Herausgebers für jeden Kundigen verbürgt, 
handelt es sich hier um ein wissenschaftliches Werk ersten Ranges, um 
einen grundlegenden Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der 
sexuellen Moral, die auch uns Kriminalisten in ganz besonderem Maße 
interessiert. Jedem Mißbrauch dieses Werkes zu andern als rein wissen- 
schaftlichen Zwecken ist von vornherein dadurch vorgebeugt, daß das Buch 
im Buchhandel nicht erhältlich ist, sondern nur für Gelehrte bestimmt ist 

Dies Buch hier in seinem ganzen Umfange zu würdigen, ist unmög- 
lich. Denn ebenso bedeutsam wie für den Kriminalisten ist es für den 
Philologen, den Mediziner, den Folkloristen und den ethnologischen Juristen. 
Es kann sich nur darum handeln, hier die Bedeutung des Buches 
für die Kriminalistik kurz anzudeuten. 

Auch in der Kriminalistik wird die historische und ethnologische Me- 
thode eine bei weitem größere Anwendung finden müssen, als es heutzu- 
tage geschieht So wird man nur durch Heranziehen der primi- 
tiven Sittlichkeitsbegriffe ein volles Verständnis unserer 
heutigen brennenden Fragen des Sexuallebens erlangen können. 
Sehr schön äußert sich hierüber der bekannte amerikanische Ethnologe, 
Professor Boas, dem vorliegender Band gewidmet ist, in einem Brief an Krauß 
folgendermaßen: „Sitten, Bräuche, Denkformen, ethisches Bewußtsein einer 
jeden Zeit fußen auf überlieferten Kulturformen. Keinem unter uns ist es 
gegeben, sich frei zu machen von dem Bann, in den uns das Leben em- 
geschlossen. Wir denken, fühlen und handeln getreu der Überlieferung, 
in der wir leben. Das einzige Mittel, uns zu befreien, ist die Versenkung 
in ein neues Leben und Verständnis für ein neues Denken, ein Fühlen, ein 
Handeln, das nicht auf dem Boden unserer Zivilisation erwachsen ist, sondern 
das seine Quellen in andern Kulturschichten hat. So dtlrfen wir hoffen, 
bei umfassender Rundschau einen Einblick in die geistigen Quellen unseres 
Seelenlebens zu gewinnen." 

Dieser Gedankenkreis ist dem ethnologisch Gebildeten so vertraut, 
die Herausgabe eines Buches über die Sexualsphäre der Südslaven erscheint 
uns von diesem Standpunkt aus so verdienstiich , daß man es für über- 
flüssig halten sollte, die Herausgabe eines solchen Buches zu rechtfertigen. 
Und doch muß Krauß, der uns schon durch sein umfangreiches Werk über 
„Die Zeugung in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven" als ernster 
und glücklicher Erforscher des Sexuallebens bekannt ist, dies in seinem 
Vorwort tun: „Wer sich in unserem Sonderfalle über das Widerwärtige und 
Ekelerregende der geschlechtlichen Vorgänge entrückt und sich der Be- 
schäftigung mit ihnen schämt, der gleicht dem Mediziner, der aus Abscheu 
am Seziertisch nicht arbeiten mag, der ist nicht reif für die Volksforschung. 
Volksforscher sind keine Salonhelden, keine Ästhetiker und keine Sitten- 
richter, sondern Sittenergründer. Wer uns darum verdächtigt, beweist nur, 
daß Ziele und Zwecke der Wissenschaft ein undurchdringliches Geheimnis für 
seinen Geist und Verstand geblieben sind." Das mögen sich die gäagt 
sein lassen, welche sich nicht entblödet haben, einen Mann wie Krauß, 
dessen edle und wahrhaft vornehme Denkungsart ein jeder zu schätzen 
weiß, der das Glück hat, mit ihm persönlich bekannt zu sein, wegen dnes 



Besprechungen. 283 

solchen Buches anzufeinden und der StaatsanwaltBchaft zu denunzieren. Wir 
hoffen von dem gesunden Sinn unserer Justiz, daß sie den Einflüsterungen 
dieser würdigen Vertreter der lex Heinze kein Gehör schenken wird. Denn 
es wäre wahrlich eine Schande, wenn ein dei'artiges wissenschaftlidies Werk 
im Lande der Denker konfisziert werden sollte, während gemeine obszöne 
Literatur und Bilder unter den Augen der Polizei offen feilgeboten werden. 

Doch nun zur näheren Würdigung des Buches! Methodologisch von 
großer Bedeutung ist^ daß Krauß nicht etwa nacli derlei obszönen Ge- 
schichten gefragt hat, daß alle diese Erzählungen und Schnurren vielmehr 
in semer Gegenwart und vielfach auch ganz ungeniert in Gegenwart von 
Frauen und Mädchen erzählt sind, daß sie Krauß entweder hierbei unauf- 
flUig aufzeichnen ließ, oder sich die Erzählung wiederholen und in die 
Feder diktieren ließ. 

Der vorliegende Band enthält u. a. „Einige Bräuche und An- 
schauungen über den Beischlaf" (p. 1/10); „Die Ausübung des 
Beischlafes (im Sprachgebrauch)" (p. 10/37); „Von der Aus- 
übung des Geschlechtsaktes" (p. 175/224); „Von der Befriedi- 
gung des Geschlechtstriebes durch die Macht der Einbildung" 
fp. 224/232); „Von der Zeitehe des Schwiegervaters mit der 
Schwiegertochter und von der Vielmännerschaft" (p. 255/282); 
.,Von der g.ai^ichen Prostitution" (p. 282/314); „Von der Blut- 
schänders (p. 314/326); „Der Mann der Verführer" (p. 326/367); 
^Von , vergewaltigten Mädchen und Frauen** (p. 367/379); „Von 
der Frauen gewaltigem Geschlechtstrieb" (p. 379/447); „Von 
Ehebrecherinnen" (p. 447/507). Dazu kommen noch zwei dankens- 
werte Umfragen über „Erotische Tätowierungen" (p. 507/514) und 
nWeiberleiberhandel in unseren Tagen" (p. 514/518). Den Schluß 
bilden noch Rezensionen einiger neuerer Schriften über die Sexualsphäre. 

Ein näheres Eingehen auf Details verbietet die Natur des Stoffes. 
Nur ein Beispiel möchten wu- herausgreifen, welches klar die von uns 
schon des öfteren hervorgehobene Bedeutung der Volkskunde auch 
für die praktische Rechtswissenschaft zeigt. Dieser aktenmäßige 
Fall findet sich auf S. 376 f. Anm. folgendermaßen geschildert: „Kennt 
ein Richter die höhere Macht des Geschlechtstriebes nicht, oder vollends 
nicht das Gewohnheitsrecht, so trifft er mit seinem Urteil nicht immer die 
riditige Entscheidung. Vor zwölf Jahren vermittelte ich einmal als Ge- 
ricfatsdolmetsch beim k. k. städt. deleg. Bezirksgerichte Ottakring in Wien 
in der Klage emer jungen Krainerin, einer Slovenin, gegen ihren Lands- 
mann, der sie hn Hotel vergewaltigt hatte. Der Richter fällte einen Frei- 
sprach mit der Begründung, daß em Mädchen, das einem jungen Manne 
in em Hotelzimmer folge, nicht vergewaltigt werde, da sie doch wüßte, 
was ihr bevorstehe. Diesmal verhielt sich der Fall ganz anders. Das 
Mädchen kam nach Wien, um einen Dienst zu suchen. Da sie des Deutschen 
nicht mächtig war, wandte sie sich an den Krainer, machte ihn durch ein 
Geschenk — das war in den Augen des Richters ein erschwerender Um- 
stand gegen die Klägerin — zu ihrem Wahlbruder, damit er ihr einen 
Dienst vermittle. Die Wahlschwester gilt dem Wahlbruder nach der Volks- 
anschauung als unantastbare Blutverwandte. Sie folgte ihm denn arglos. 
Er berauschte sie vorher und dann tat er ihr Gewalt an, wobei sie ihm 



284 Besprechungen. 

bös das Gesicht zerschund. Er beging also nach dem Gewohnheitsrechte 
der Stidslaven nicht bloß das Verbrechen der Notzucht, sondern auch das 
der Blutschande, und wäre dafür von einem in der Folklore bewanderten 
Bezirksrichter unzweifelhaft dem Landesgerichte in Strafsachen überstellt 
worden." 

Von dem übrigen reichen Inhalt des Buclies wollen wir nur noch 
erwähnen, daß sich S. If. interessante Angaben über die Sitte des 
„Umpflügens" bei der Pest (vgl. Löwenstimm ^Aberglaube und 
Strafrecht" S. 19/26) bei den Südslaven und über ihren Sinn finden und 
S. 376 bemerkenswerte Notizen über die Physiologie und Psycho- 
logie der Verführung, die vielleicht zu weiteren Forschungen Anlaß 
geben. 

Auf das Eracheinen der weiteren Bände dieser wichtigen Jahrbücher 
(Bd. II u. III sind mittlerweile erschienen) dürfen wir umsomehr gespannt 
sein, als in ihnen Themata wie Nekrophile, Päderastie, Sodomie, 
Impotenz, Mittel zur Verhütung der Empfängnis, Heilmittel 
gegen geschlechtliche Krankheiten, Mittel zur Abtreibung 
der Leibesfrucht u. a. behandelt werden sollen. 

Dem mutigen Herausgeber sowohl wie dem Verlag gebührt für ihre 
selbstlose Tat der warme Dank aller Juristen, Mediziner, Folkloristen, 
Ethnologen und Anthropologen. Dr. A* Hellwig. 

3. 

Näcke: Der lYaum als feinstes Reagens für die Art des sexuellen Emp- 
findens. Monatsschr. für Kriminal-Psychologie etc. Nov. 1905. 
Schon wiederholt hat Verf. in diesem Archiv auf die Wichtigkeit der 
Träume, auch in forensischer Hinsicht, aufmerksam gemacht Hier ebenso 
wie im Wachen geht alles determiniert zu, und nur dem oberflächlidi 
Schauenden scheint ein Tohuwabohu zu bestehen. Auch hier bricht der 
wahre Charakter mehr oder weniger verhüllt durch, oft besser als im Wachen, 
weil die Triebe ungenierter walten und die Hemmungen zum Teil oder ganz 
wegfallen. Daher könnten Träum e auch einmal für die Verbrecher- 
psychologie wichtig werden. Voraussetzung aber ist 1. Glaub- 
würdigkeit der betreffenden Person, erhöht durch spontanes Erzählen 
der Träume, und 2. eine Serie von Träumen, womöglich aus verschiedenen 
Zeiten, da ein einziger Traum an sich nichts besagt. Dann können wir 
aber namentlich bez. des sexuellen Fühlens die sicherste Diag- 
nose stellen, was z. B. bei Zwittern sogar forensisch wichtig werden kann. 
Der Homosexuelle ab ovo, so zu sagen, wird nur homosexuell träumen, der 
Bisexuelle homo- und heterosexuell, abwechselnd oder in Perioden, der 
tardiv Homosexuelle bloß in der späteren Zeit, der temporäre Urning endlich 
(d. h. also in Internaten, auf Schiffen etc.) nur temporär so. Auch 
die Prognose muß darauf begründet werden, ebenso die Therapie. Ein 
stets Homosexueller wird nie geheilt, oder es handelt sich höchstens um 
Scheinerfolge. Nur bei den anderen Arten von Inversion, namentlich der 
Bisexualität, könnte durch Suggestion geholfen werden. 

Dr. P. Näcke. 



Besprechungen. 285 



4. 

Shinn: Körperliche und geistige Entwickelung eines Kindes in bio- 
graphischer Daratellung. Deutsch bearbeitet etc. Langensalza, Greßler, 
645 8. 9 M. 
Schon wiederholt iiat Ref. auf die Wichtigkeit der Kinderpsychologie 
auch für den Juristen liingewiesen. Daher ist es wert, auf obiges bedeut- 
same Buch einer jungen Amerikanerin aufmerksam zu machen, die in 
minutiösester Weise ihre Nichte 3 Jahre lang beobachtete und alles 
registrierte. Es dürfte wahrscheinlich die eingehendste bio- 
logische Studie über ein Kind sein! Bewunderungswürdig ist die 
Genauigkeit der Aufzeichnung, ebenso das fortwährende Anstellen von aller- 
lei ingeniösen Experimenten. Alles, bis auf die Sprache des Kindes, ist ge- 
nau, den einzelnen Phasen nach studiert. Es werden allerlei Schlüsse ge- 
zogen, die aber dem Ref. nicht überall richtig erscheinen. Schai'fe Logik 
scheint der Dame weniger zu eigen, und medizinische Kenntnisse gehen ihr 
ab. Das Kind selbst, eine Vollblut- Amerikanerin, erscheint in verschiedener 
Hinsiclit ner\'ös, sehr beanlagt und frühreif, sodaß es absolut kein para- 
digma für das Durchschnitts-Kind abgeben kann! Es steht abseits in 
seiner Entwickelung, in den mannigfachen Gewohnheiten etc. Interessant 
ist es auch, die amerikanische Kindererziehung nebenbei kennen zu lernen, 
die in vieler Hinsicht der bei uns üblichen, namentlich bez. der Nahrung, 
sehr widerspricht. Vieles ist* direkt zu verwerfen, wie z. B. das sinnlose 
Schwenken oder Bewegen des zarten Kindes in Hängematte, Schaukel, Pferde- 
wagen etc. Bezüglich der Frühreife erscheint manches geradezu durch Ex- 
perimentieren künstlich gezüchtet zu sein, so z. B. die fabelhaften Fort- 
schritte in der Erkenntnis der Farben. Vieles schiebt V^erf. auf Ata\ismus, 
was ihr sicher zu beweisen nicht gelingen würde. Trotz dieser kleinen 
Ausstellungen kann die Lektüre des Werkes nicht genug empfohlen werden. 

Dr. P. Näcke. 



Havelock Ellis: Die (Jattenwahl beim Menschen mit Rücksicht auf 
Sinnesphysiologie und allgemeine Biologie. Autorisierte deutsche 
Ausgabe . . . besorgt von Dr. H. Kurella. Würzburg, G. Stuber 1906, 
338 S. 
Ein neues Buch von Ellis anzuzeigen, ist stets ein Vergnügen. Auch 
das obige >vird den Leser erfreuen und vielfach belehren, so scabrös der 
Gegenstand auch ist. Verf. will nämlich zeigen, was für Flomen te, bewußt 
oder nicht, bei der Gattenwahl bez. der Sinnesorgane mitsprechen. Er 
zeigt, wie hier das Gefühl der älteste Sinn ist, das Gesicht aber die Haupt- 
roUe spielt, während der Geruch zwar sehr in den Hintergrund tritt, aber 
inunerhin nicht zu verachten ist. Ellis zeigt wieder eine fabelhafte Be- 
lesenheit und bringt überall auch eigene Beispiele. Dabei wird phylogene- 
tisch verfahren und auf Anthropologie, Kulturgeschichte und Psychologie 
gebührend Rücksicht genommen. Das Ganze ist daher für jeden, nament- 
lich aber für den Psycho- und Soziologen, von hohem Werte. 



286 Besprechtmgen. 

Es wird ferner versucht, überall möglichst auf den Grand zu dringen. 
Den Urteilen vermag Ref. zwar nicht in allem zu folgen, das meiste aber 
unterschreibt er sicher. Namentlich das Kapitel tlber den Geruch wird 
viele überraschen. Sehr interessant ist auch das über den Einfluß des 
Rhythmus, der Stimme, der Musik. Ref. glaubt aber, daß die Männer auf 
die Frauenstimme doch etwas mehr geben, als Ellis behauptet Wenn Ellis 
die Empfänglichkeit des Hundes für Musik betont, so widerstreitet das 
aller Erfahrung. Auch glaubt Ref. nicht daran, daß der Gesang der Vögel, 
oder besondere Kunststücke etc., sexuelle Lockmittel seien, wenigstens nicht 
in der Hauptsache. Er möchte auch bestreiten, daß die meisten normalen 
Frauen beim Anhören der Musik leicht sexuell erregt werden, oder daß sie 
ihren nackten Körper mehr bewundem als die Männer. Am Ende des 
Buches ist ein höchst interessanter Abschnitt über den Kuß und drei kurze 
Autobiographien^ die das individuelle Gesclilechtsleben beleuchten. 

Dr. P. Näcke. 



Vogt: Über die Anatomie, das Wesen und die Entstehung mikrokephaler 
Mißbildungen nebst Beiträgen über die Entwickelungsstöi-ungen der 
Architektonik des Zentralnervensystems. Bergmann, Wiesbaden 1905, 
203 S. 8 M. 
Verf. beschreibt zunächst genau 3 Fälle von Mikrokephalie und forscht 
deren Ursachen nach, die in der Hauptsache endogene, d. h. im Gehirn 
selbst gelegene sind, durch Schädigung des Keimes oder eine fötale Er- 
krankung, wodurch ein Abweichen vom normalen Entwickelungsgang er- 
folgte, welcher teilweise sogar atavistische Bildungen zeitigte oder solche, 
die an dergleichen erinnerten. (Hier kann es nur ein Pseudoatavismus 
sein, da hier pathologische Verhältnisse obwalten, bei echtem Atavismus 
dagegen fehlen müssen. Ref.) Diese Untersuchungen sind nun aber der 
Ausgangspunkt für höchst interessante Darstellungen der durch viele Text- 
figuren illustrierten Entwickelungsstörungen und greifen so in die allgemeine 
Biologie ein. Man fängt so erst an, die verwickelte Architektonik des Ge- 
hirns recht zu ahnen, wie ein Teil den andern beeinflußt und vor allem wie 
sämtliche Abnormitäten, besonders die sog. Heterotopien , d. h. Verspreng- 
ungen grauer Geliirnmassen in die Markfasern, strengen allgemeinen Ge- 
setzen folgen und wie man durch ein solches Studium allmählidi den nor- 
malen Aufbau des Gehirns verstehen kann, der durch Wanderungen der 
unvollkommenen Zellen, die später zu den Ganglienzellen werden, entsteht 
Diesen aussichtsreichen Weg der Forschung hat Monakow zuerst betreten. 
Es ist dies die sog. ,teratologische Hirnforschung^. Wir können so aber 
auch die Zeit bestimmen, wann eine Mißbildung eingetreten ist. Sehr wichtig 
ist auch das Resultat, daß die Markreifung mit der Funktion nichts zu 
tun hat Alle Teile des Gehirns müssen sich femer gleichzeitig har- 
monisch entwickeln und weiter fortschreiten. Diese Untersuchungen Vogts 
sind also nicht nur bahnbrechend für die Erkenntnis der Mißbildungen über- 
haupt, sondern vor allem für den Aufbau des ganzen Gehirns. 

Dr. P. Näcke. 



Besprechungen. 287 



Bonsset: Jesus. Halle, Gebauer, 1904, 103 S. 1.— 10. Tausend. 

Nach den hier berichteten verschiedenen, meist medizinisclien Studien 
über Jesus, wird es interessieren, auch einen modernen Theologen darüber 
und zwar in geradezu glänzender Weise sich äußern zu hören. Verf. — 
ProfeesoT in Oöttingen — zeigt das vielfach Widersprechende und Legen- 
däre der Evangelien auf, so daß wir daraus nur sehr wenig Sicheres über 
Jesus selbst erfahren können. Weder die Evangelisten, noch Paulus selbst 
glaubten an die wunderbare Geburt Christi. Er ist ähnlich und wieder 
v^-schieden von den Propheten. Als Prediger war er hinreißend, ein 
Master der Gleichnisse; als Arzt befaßte er sidi nur mit Psychotherapie; 
fast alle Wunder lassen sidi darauf zurückführen. Er selbst sah in seinen 
Wundem aber nidits Außergewöhnliches. Das visionäre Element trat bei 
ihm sehr zurück. Seine Jünger fühlten sidi als Missionäre und wurden so 
erzogen. Jesus verktlndet den Gott als zukünftig, aber bald kommend; 
Gott ist ihm größer als die Welt, als sein Volk; Gott ist ihm aber auch 
gegenwärtig und übermächtig, der auch dereinst Gericht halten wird. Und 
auf dem Gerichtsgedanken basierte Jesu Ethik. Dieselbe ist allerdings 
eudämonistisch, aber doch vergeistigt Seine Ethik ist die des „hochge- 
spannten ethischen Individualismus^. Verf. sagt dazu: „Es gilt diesen 
Tatbestand unbefangen anzuerkennen und ebenso unbefangen zu gestehen, 
daß wir hier Jesu Art nicht mehr einfach nachahmen und abschreiben 
können.^ Das ganze Evangelium ist eine Religion der Persönlichkeit 
Jesus hat sidi sicher in den letzten Zeiten als „Messias", als Gottgesandten 
angesehen, als den Menschensohn, was also mehr als gewöhnlichen Menschen 
bezeichnen soll. Dabei überschritt er aber nie die Grenzen des rein Mensch- 
lichen. Nie sprach er aus, daß die Sündenvergebung Gottes 
von seinem Tode abhänge. So glaubt Ref., daß gerade diese be- 
deutende Schrift des Verf. geeignet sein wird, uns die übermächtige Gestalt 
Jesu, geremigt von allem Dogma und Legendenbeiwerk, näher zu bringen 
und lieb zu machen. Dr. P. Näcke. 



8. 
Weygandt: Über Idiotie. Halle 1906, Marhold. 86 8. 

Obige Monographie zerfällt in 2 Teile. Der erste, größere, interessiert 
mehr den Mediziner, da hier die verschiedenen Gruppen der Idioten haupt- 
Bleblich nadi pathologisch -anatomischen Gesichtspunkten abgehandelt wer- 
den. Der 2. Teil behandelt die Geschichte der Epileptiker- Fürsorge in- 
ond außerhalb Deutschlands und verdient allgemeinere Beachtung. Der 
1. Teil wird aber wenigstens dem Laien zeigen, wie überaus schwierig die 
Idiotenfrage vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist. Wie Verf. am 
Sdilosse seiner Arbeit richtig bemerkt, ist nämlich der Idiotismus nur ein 
Sammelbegriff für sehr versdiieden bedingte Leiden, wie eben der 1. Teil 
sie ans vorführt. Verf. verlangt mit Recht, daß auf alle Fälle die bil- 
dnogsfähigen Schwachsinnigen, ebenso alle mit Epilepsie behafteten in ärzt- 
liche Pflege kommen sollen, da es sich hier durchaus nicht immer um ab- 
geschlossene Prozesse handelt, sondern vielfach noch Verschlimmerungen oder 
n^e Erkrankungen verschiedener Art, auch -Psychosen sich einstellen können. 



288 BesprechuDgen. 

Die bildungsfähigen Elemente sollen von den andern, nach Verf., getrennt 
behandelt werden, „unter pädagogischer Aufsicht . . . jedoch nicht ohne stän- 
dige Mitwirkung des Arztes''. Andre Psychiater gehen noch weiter und v«*- 
langen, daß auch sie unter ärztlicher Leitung stehen, um so mehr als 
sie sich nicht streng von den nicht bildungsfähigen Elementen abtrennen 
lassen. Ref. glaubt daher, es sei am besten, beide Arten von Sdi wach- 
sinnigen in eine Anstalt, resp. Adnex zu bringen, eventuell in zwei Abtei- 
lungen, aber nur unter einem Arzte als Leiter. Erwachsene, nicht ent- 
lassungsfähige Schwachsinnige sollen nach Weygandt in Anstaltsbehand- 
lung wie die verblödeten Geisteskranken kommen, und die Idiotenf&rsorge 
sollte an das System der staatlichen Irrenanstalten angegliedert werden. 
Die Schrift ist allen Interessenten auf das wärmste zu empfehlen. 

Dr. P. Näcke. 



9. 

P a g e 1 : Grundriß eines Systems der medizinischen Kulturgesdiichte. Ber- 
lin 1905, Karger. 112 S. 2,80 M. 
Verf. versucht es hier zum erstenmal, ,,die gesamte Kulturgeschichte 
der Menschheit von einem Gesichts- und Angelpunkte aus zu mustern, 
nämlich von dem der Medizin aus.". Er bezeichnet es selbst als einen Ver- 
such, und das erklärt das vielfach Aphoristische, was zum Teil auch durch die 
Natur der Vorlesungen bedingt ist. Verf. will zeigen, welchen Einfluß die 
Medizin auf alle andern Kulturfaktoren ausgeübt und von ihnen wieder 
erhalten hat, in Kunst und Wissenschaft. Und das ist ihm im allgemeinen 
wohl gelungen. Man erstaunt, daß selbst die Theologen nicht ein so ge- 
wichtiges Kulturferment darstellten, wie die Mediziner. Im einzelnen 
wird man dem Autor nicht überall Recht geben können. Er nennt z. B. 
die Medizin die Tochter der Philosophie. Das ist sie aber, selbst in alten 
Zeiten, nur sehr bedingt gewesen, in der neueren ganz wenig. Unbegreif- 
lich ist sein Haß gegen das Frauenstudium. Er scheint auch darin „phy- 
siologischen Schwachsinn*' der Frauen zu wittern. Wer unter den Frauen 
Lust und Beruf in sich fühlt zu studieren, mag es ruhig tun! Es sind 
deren nur sehr wenige, und sie brauchen deshalb lange nicht der Eigen- 
schaften zu entbehren, die zu einer guten Gattin und Mutter nötig smd. 
Für den Orient und Sibirien bedeuten weibliche Ärzte geradezu einen Segen ! 
Ebenso verfehlt scheint dem Ref. des Verfassers Haß gegen die staatliche 
Krankenversicherung etc. zu sein. Trotz mancher Nachteile sind die Vor- 
teile sicher überwiegend, und aUe Völker beneiden uns um solche Ein- 
richtungen! Auch an der staatüchen Ehrengerichtsbarkeit der Ärzte 
läßt Verf. kein gutes Haar. Er bedauert das Emporblühen der Sexnal- 
pathologie, worin ihm Ref. wieder nicht folgen kann. Auch glaubt Ref. 
noch lange nicht, daß Iwan Bloch oder andere den amerikanischen Ursprung 
der Syphilis wirklich bewiesen haben. Aufgefallen ist dem Ref., daß 
Verf. mit besonderer Vorliebe jüdische Ärzte zitiert. Den Juristen wird 
namentlich das Kapitel „Recht und Medizin^ interessieren. Aber auch das 
Übrige wird ihn vielfach anregen. Dr. P. Näcke. 



Besprechungen. 289 

10. 
Sehäfer: MoQumenta medica. Hamburg, 19 05, Lüdeking. 135 S. 1,20 M. 
Verf. war durch Krankheit verhmdert, seine Tätigkeit als Psychiater 
weiter zu üben, und benutzte seine Muße dazu, die alten Klassiker wieder 
vorzunehmen und aus ihnen alles mögliche Medizinische und Psychologische 
zasammenzusuchen, eine sehr verdienstliche und wertvolle Arbeit in guten 
Übersetzungen, alphabetisch nach den Hauptthemen geordnet Merkwürdiger- 
weise tritt Hyppokrates nicht auf, kaum die Tragiker oder Aristophanes, 
dagegen besonders gern Plutarch, Plato, Homer, Herodot, Lucrez, Cicero, 
Seneca, Martial, Livius, und die Satiriker, Wir sehen hier die ver- 
^H^iedenen Epidemien geschildert, voran die klassische Beschreibung des 
Thukydides über die Pest in Athen, die Verf. mit andern für Flecktyphus 
halten möchte, Ref. mehr für Abdominaltyphus. Offenbar sind alle medi- 
zinischen Schriftsteller ausgeschlossen aus der Sammlung, und nur die Laien 
sollen reden. Wir sehen so, was das Volk und die Gebildeten von Medizin 
im Altertum wußten, und das war sicher nicht wenig. — Verf. hat sehr recht, 
wenn er in seinem kurzen Vorworte sagt, daß man die Alten erst im 
späteren Alter lieben und schätzen lernt. Wie imponieren einem dann erst 
Homer, Herodo^ Sophokles, der alles überragende Aeschylos und Aristo- 
phanes! Wie wunderbar sind die psychologischen Darstellungen eines 
Plutarch, die Gedankentiefen eines Lucrez, Epikuros oder Tacitus, die 
feinde Satire eines Juvenal! Schade, daß den meisten im Laufe 
der Zeiten die alten Sprachkenntnisse abhanden kommen. Aber es gibt von 
allem Besten gute Übersetzungen, die den Inhalt ganz wiedergeben, wenn 
auch der Geist nur bedingt verdeutscht werden kann. Ref. kann nur allen 
raten, von Zeit zu Zeit einen der Alten wieder vorzunehmen und sich daran 
zu erquicken. Der Leser wird oft staunen, schöne Funde machen und selbst 
in solchen vergilbten Blättern genug Neuland entdecken. 

Dr. P. Näcke. 



11. 
Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und 

Forschungen zur Entwickelungsgeschichte der geschlechtlichen Moral. 

Von Dr. Fr. Krauss. H.Bd. Leipzig 1905, Deutsche Verlagsaktien- 

geseilschaft. Hochquart. 480 S. 30 M. 
Dieser II. Bd. reiht sich würdig dem an derselben Stelle besprochenen 
l Bd. des Jahres 1904 an. Ja, er ist sogar noch interessanter für den 
Kulturhistoriker und Folkloristen, da er nicht bloß die Südslaven behandelt, 
sondern auch Deutsche, Ungarn, Zigeuner etc. Diesmal tritt Krauss nicht 
als emziger Autor auf, sondern es erscheinen eine Reihe namhafter Männer 
mit ihren Beiträgen. Daß allein neuerdings Prof. Eulenburg und van 
Steinen als Mitarbeiter verzeichnet sind, ist wohl der beste Beweis dafür, 
wie ernst, wissenschaftlich und verdienstlich diese Jahrbücher sind. Höchst 
interessant ist das Idioticon eroticum viennense und Berolinense von Reiskel. 
Wenn es auch nicht vollständig ist, so ist man doch über den Reich- 
tum der Kraftansdrücke überrascht und bewundert den Humor der Wiener 
and den scharfen Witz der Berliner. Leider fehlt jede Etymologie ! Solche 
Uiotica sollten aus den verschiedensten Gegenden geliefert werden, da sie 

IzdÜT für Kriminalanüiropologie. XXVf. 19 



290 Besprechungen. 

einen guten Niederschlag der Volkspsyche geben. Ausgezeichnet ist die 
große Sammlung von Rätseln und Rätselfragen niederösterreichischer Stadt 
leute und von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten Deutscher 
in Niederösterreich, gesammelt von Krauss und Reiskel. Vieles davon ist 
auch bei uns zu Hause. Dann folgen erotische Lieder aus Österreich, 
Schnadahüpfln, magyarische Reigentanzlieder, städtische Erzählungen, Be- 
schwörungen aus Sizilien, mehiere kleinere Abhandlungen und eine ganz 
vorzügliche elsässische Erotik und weitere Beiträge von Krauss zu den süd- 
slawischen Überlieferungen. Wenn man weiter bedenkt, daß fast überall 
mehr oder weniger lange Einleitungen und viele Bemerkungen kulturhisto- 
rischer etc. Art gegeben sind, so wird man über den Reichtum des Gebotenen 
gebührenderweise staunen. Man sieht daraus, wie das Sexuelle 
das Volk dämonisch an sich zieht und wie unbewußt es in 
ganz ähnlicher Weise arbeitet. Immer aber wird darauf hinge- 
wiesen, daß trotz dieser Vorliebe für Obszönes beim niedem Volke die 
Geschlechtsmoral eine durchaus gesunde sein kann, ja sogar abstoßende 
Volkssitten, wie z. B. das „Rupfen** im Elsaß vertragen sich damit In den 
oberen Schichten tritt diese Vorliebe für das Sexuelle verhüllter auf, in 
allerlei Zweideutigkeiten etc., die Moral ist darum aber nicht besser. Welcher 
Schatz von Witz und feinen Beobachtungen ist uns allein in den ge- 
meinen Sprichwörtern und Rätseln erhalten, und wie viel altes Volksgut 
treffen wir dort an , das noch ungehoben ist ! Daran vorbeizugehen , weil 
der Gegenstand skabrös ist, verrät nur einen engen Horizont. Die Wissen- 
schaft hat allein nach Wahrheit zu fragen, nicht nach gut oder schlecht! 
Sehr richtig meint ferner einmal Krauss: „Es läßt daraus schließen, daß 
ein gewisses Bedürfnis nach Erotik im Menschen vorhanden ist, das sich 
auf verschiedene Weise betätigt. Große Geister ... verbrechen manchmal einen 
erotischen Scherz in Schriften und Bildern . . , die fast immer anonym 
bleiben." Auch in Studentenkreisen kommen sie bekanntlich vor. Ein 
Autor W. G. betont mit Recht, wie wichtig gerade für den Arzt 
und Richter die Kenntnis dieser Erotik ist. Das wäre also so- 
gar ein sehr praktischer Nutzen solcher Studien! Rühmend wird deshalb 
besonders des österreichischen Oberstaatsanwalts Graf Lamezan gedacht, der 
eben, weil er die Volks -Erotik sehr genau kannte, nie eine Anzeige, die 
auf Grund von Unkenntnis der einschlägigen Verhältnisse geschah, weiter 
verfolgte. Und wie viel Aberglauben hängt direkt oder indirekt 
mit dem Sexuellen zusammen! Wer also die Volkspsyche 
ganz kennen lernen will, kann hier ohne Eingehen auf die 
sexuellen Verhältnisse nicht einen vollständigen Einblick 
gewinnen. Und dazu verhelfen ihm sicher die besprochenen Jahrbücher. 

Dr. P. Näcke. 



12. 

Dr. Robert R. Rentoul, Sterilization of Men al Degenerates. 

American Journal of Sociology, 1906—1907, S. 319—327. üni- 

versity of Chicago Preß. 
Auf der Jahresversammlung der British Medical Association zu Toronto 
(1006) wies Dr. Robert R. Rentoul auf die eretaunlich rasche Zunahme der geistig 



Besprechungen. 291 

defekten Individuen insbesondere in Großbritannien und Irland hin, die viel 
beträchtlicher ist als die Zunahme der Bevölkerung und em energisches 
Einschreiten erfordert. Es kann sich nicht um Versuche zur Heilung 
handehi, weil die Defekte zum großen Teil angeboren und unheilbar sind ; 
die schdnbaren Erfolge der medizinischen Wissenschaft täuschen nur, wir 
gehen dabei der Entartung entgegen, wenn den Untauglichen wie bisher 
die Fortpflanzung gestattet bleibt Unter den 60 721 Schwachsmnigen, die 
im Jahre 1901 im Veremigten Königreich gezählt wurden, waren 18900 
verheiratet oder verwitwet, unter den 117 274 Geisteskranken 46 800. 
Diese Zahlen geben noch kein richtiges Bild von der Möglichkeit der Aus- 
breitung geistiger Defekte durch Vererbung, weil sie jene nicht umfassen, 
in welchen die Geisteskrankheit latent ist und bloß u-gend einer Anregung 
bedarf, um zum Ausbruch zu kommen ; die Mehrheit von ihnen setzt Nach- 
kommen in die Welt. Rentoul führt auch Fälle an, die von großer Frucht- 
barkeit der mit psychischen Defekten behafteten Personen zeugen. Um hier 
Abhilfe zu schaffen, erachtet er die Sterilisierung (partielle Exzision und 
Unterbindung der Eileiter, bezw. der Samenleiter) als einziges effektives 
Mittel. Sie solle bei Geisteskranken, Epileptikern, Idioten, Verbrechern, 
Trunksüchtigen, sowie gewohnheitsmäßigen Landstreichern zwangsweise er- 
folgen, während sich ihr andere untaugliche Individuen bei Zustimmung der 
Eitern oder Vormünder freiwillig unterziehen können. Kein Arzt soll zur 
Vornahme der Operation ohne schriftliche Zustimmung der Behörde (Lunacy 
Commissioners) berechtigt sein ; für die unbefugte Operation, die Verwendung 
sterilisierter Personen zu „ungesetzlichen'' Zwecken und für den Fall der 
Verheiratung einer solchen unter Verschweigung der Zeugungsunfähigkeit 
wird eme Kerkerstrafe in der Dauer von 15 Jahren vorgeschlagen. — Die 
Sterilisierung der Degenerierten würde ohne Zweifel viel beitragen zur quali- 
tativen Hebung der Rasse; Rentoul unterschätzt aber die Schwierigkeiten, 
die ihrer praktischen Durchführung entgegenstehen. Insbesondere in Groß- 
britannien hat sie die wenigste Aussicht, verwirklicht zu werden. 

H. Fehlinger. 



13. 

Arthur Macdonald, Man and Abnormal Man. Washington, 1905. 

Government Printing Office. 780 S. S^. Mit zahlreichen Tabellen 

und Abbildungen. 
In diesem Bande hat Macdonald die Ergebnisse eigener und fremder 
Forediungen gesammelt, um damit einen dem Kongreß zu Washington vor- 
liegenden Gesetzentwurf zu begründen, welcher die regelmäßige Pflege der 
Anthropometrie , sowie des Studiums der Ursachen der Verbrechen, des 
Panperismus usw. auf Staatskosten anstrebt. Ob zwar in Amerika für 
wissenschaftliche Zwecke alljährlich hohe Summen Geldes ausgegeben 
wwden, so ist doch herzlich wenig für anthropologische Untersuchungen, 
^ar die Förderung der Wissenschaft vom Menschen, verwendet worden. Die 
«ntelnen Abschnitte des Buches betreffen : Studien an Kindern. — Hypno- 
tismns. ~ Geisteskrankheit und Genie. — Kriminologie. — Statistik des 
Verbrechens, des Selbstmords und der Geisteskrankheiten, sowie der Ab- 
normitäten. — Außerdem sind umfassende Literaturnachweise beigegeben, 

19» 



292 BesprechnDgen. 

die für jeden nützlich sein werden, der sich mit einschlägigen Studien be- 
faßt. Der interessanteste Abschnitt ist jener, welcher die Messungen nnd 
Experimente an Kindern behandelt; es sind dabei sowohl Europäer- wie 
Negerkinder berücksichtigt worden, die letztgenannten leider in zu geringer 
Zahl. Ein anderer Mangel besteht in der viel zu wenig eingehenden ana- 
lytischen Bearbeitung des in den Tabellen enthaltenen Materials. Die 
statistischen Daten über Verbrechen und Selbstmord in den Vereinigten 
Staaten reichen nur bis zum Jahre 1890; sie sollen aber in einer dem- 
nächst erscheinenden Veröffentlichung des Zensusamtes bis zur jüngsten 
Zeit ergänzt werden. H. Fehlinger. 

14. 

Dr. R. H. Whitten (Editor), Review of Legislation, 1905. New 
York State Library Bulletin 105. 384 8. Albany, 1906. State 
Education Department. 
Die Gesetze, welche von den amerikanischen Einzelstaatsparlamenten 
beschlossen werden, füllen alljährlich mehrere Bände und es ist sehr schwer, 
die vielen Neuerungen zu überblicken; um diesem Übelstand abzuhelfen, 
gibt die New Yorker Staatsbibliothek, mit Unterstützung von Fachmännern, 
seit mehreren Jahren eine zusammenfassende DarsteUung der Fortschritte 
auf dem Gebiete der einzelstaatlichen Gesetzgebung heraus. In dem 
jüngsten, das Jahr 1905 betreffenden Bande behandeln unter anderem: 
S. J. Barrows die Strafgesetze; G. Mac Langhlin die Zwangserziehung; 
R. Headley die Bekämpfung der Trunksucht; C. V. Chapin die öffentlidie 
Gesundheit und Sicherheit; T. E. Mac G^arr die Fürsorge für Geisteskranke 
und Schwachsinnige; W. B. Bück die Gesetze betreffend Wohltätigkeite- 
institutionen usw. Die Aufsätze sind kurz und leichtverständlich ab- 
gefaßt, die Einteilung des Stoffes ist übersichtlich. Fehlinger. 



XX. \^ 

Neue Gaunertricks. 



Oeuunmelt von 
Dr. jur. Hans Sohneiokert, Berlin. 



Dritte Folge.») 

Als Schulbeispiel für die Sugge^tivwirkung des Verbrechens wird die 
allbekannte Cöpenicker Affäre noch lange in der Kriminalpsychologie 
gelten können; welche Rolle dabei die Presse gespielt hat, läßt sich 
daraus ersehen, daß weitab von Cöpenick jener Gaunertrick tatsächlich 
suggestiv gewirkt hat, wie mehrere Fälle aus neuester Zeit beweisen. 
Bei dieser Gelegenheit wurden ähnliche Fälle aus der Vergangenheit 
in Erinnerung gebracht, bei denen auch die Uniform, ein Titel oder 
Amt einer mit öffentlicher Macht ausgestatteten Persönlichkeit mit 
Erfolg mißbraucht worden sind. Betrügereien von Schwindlern in 
Priester- und Ordenskleidung, Erpressungsversuche falscher Polizei- 
beamten, Gaunerstreiche falscher Staats- und Kommunalbeamten 
kommen nicht selten vor; oft genügt schon das Vorgeben, im Auftrage 
dritter Personen ^zu handeln, um Vertrauensselige zu täuscheVz. B. 
die Tricks falscher Telephon-, Telegraphen-, Gaswerksarbeiter und 
Kaminkehrer u. dgl. Solche Tricks werden wegen ihrer tragi- 
komischen Folgen bald überall bekannt und haben mehr eine historische 
Bedeutung. 

Ich gehe jetzt über zur Darstellung einzelner Fälle, die ähnlich 
wie früher gruppiert sind. 

I. Betrftgereien und Diebstahle 

a) unter Vertrauensmißbrauch oder unter Mißbrauch 
. von Titeln, Amt und Würden. 

1. Um Grtisse von den Verwandten aus der Heimat zu bestellen, 
be«uchte ein etwa 22jähr. Mädchen eine Familie, die sich durch richtige 
Angaben und sicheres Auftreten der Schwindlerin täuschen ließ, und 

1) Vgl. Archiv XVII, 151 u. XXII, 203. 
Aiehh Ar Eiiminalanthiopologie. XXVI. 20 



294 XX. SCHNEICKERT 

sie zum Mittagessen einlud; in Wirklichkeit war es aber auf einen 
Diebstahl abgesehen, der auch gelang. — In einem ähnlichen Falle 
pflegte sich eine Diebin als entfernte Verwandte aus der Proviiu 
gratis einzulogieren.*) 

2. Ein Hoteldieb wußte sich als Händler mit Apothekerwaren 
(insbesondere von Mitteln gegen Kopfschmerzen u. dgl.) bei Hotelgasten 
Eingang zu verschaffen und mißbrauchte das Vertrauen, wie auch 
jener Dieb, der sich an anscheinend rheumatisch kranke Personen 
auf der S^aße heranmachte, sie unter Zusicherung einer probaten 
Heilkur nach Hause begleitete und dort nach Diebesbeute Ausschau hielt 

3. Ein Dienstmädchen, das mit ihrem Gepäck eine neue Dienst- 
stelle beziehen wollte, stand hilf- und ratlos an einem verkehrsreichen 
Platze; da gesellten sich zwei Männer zu ihm und gaben ihrem 
Mitleid Ausdruck, daß das Mädchen so schwer tragen müsse. Die 
beiden Gauner, etwa 28 und ^6 Jahre alt, rieten dem Mädchen, mit 
der Straßenbahn zu fahren und boten ihre Hilfe zum Fortschaffen 
des Gepäcks an. Auf dem Wege zur Straßenbahn betraten die 
Gauner mit dem Korb eine Bedürfnisanstalt, während das Mädchen 
draußen stehen blieb und sich noch verschämt umwandte. Diese 
Gelegenheit benutzten die beiden, um mit dem entwendeten Korb 
die Anstalt auf der entgegengesetzten Seite zu verlassen. 2) 

4. Ein Fahrraddieb wußte sich als „Eunstfahrer^ dem Besitzer 
eines neuen Fahrrades zu nähern und erbot sich, diesem nnd seinen 
zufällig anwesenden Bekannten seine ^Kunstfertigkeit auf dem Fahrrad 
zu zeigen, bei welcher Gelegenheit er mit dem Bade nach einigen 
Scheinmanövem eiligst davonfuhr. 

Wie Prostituierte unter der Maske einer anständigen Dame zu 
ihrem Ziele zu kommen verstehen, zeigen die beiden folgenden Fälle. 

5. Die frühere Buchhalterin A. K. hatte sich bei Rennwetter in 
einem Hausflur einer belebten Straße untergestellt, augenscheinlich 
sehr ungehalten über das Regenwetter. Ein Herr C. bot der K. 
galant seinen Schirm an und führte sie nach anfänglichem Wider- 
streben in ein Schanklokal. Dort offenbarte sie sich als die unglück- 
liche Gattin eines Oberleutnants H. in der P.-straße, die nun anch 
tatsächlich existierte. Die K. wußte als Frau Oberleutnant Kapital 
ans dem sich entwickelnden Liebesverhältnis mit C. wie auch mit 



1) Vgl. auch den im Archiv XXI, S. 40, mitgeteilten Trick eines falschen 
Krankenpflegers, der sich als früherer „Irrenw&rter*' bei Angehörigen eines in 
einer Irrenanstalt Internierten mit dessen „Empfehlungen" einführte, um Geld- 
spenden zu erschwindeln. 

2) Vgl. die ähnlichen Tricks unter Ziffer 25 ff. 



Neue Gaunertricks. 295 

anderen Henen zu schlagen, bis ihr schließlich der beleidigende Miß- 
brauch des Namens H. durch telephonische Gespräche ihrer Verehrer 
mit der richtigen Frau Oberleutnant H. zum Verhängnis wurde. 
(Strafe: 1 Monat Gefängnis.) 

6. In der Nähe eines Bahnhofes traf ein Hen spät am Abend 
ein junges, gut gekleidetes Mädchen, das einen sehr schüchternen 
Eindruck machte und scheinbar ganz ratlos dastand. Auf seine Anrede 
erzählte es ihm, sie sei die Tochter eines Beamten aus einem Vorort^ 
habe den letzten Zug versäumt und wolle nun in der Nähe des 
Bahnhofes auf den ersten Frtlhzug warten, um nachhause zu fahren. 
Der Herr bot ihr — unter Achtung ihres sichtlichen Schamgefühls 
— ein Nachtlager in seiner Wohnung an, mußte aber am nächsten 
Moi^n das schüchterne Mädchen und seine 1200 Mark Beichskassen- 
scheine vermissen. 

7. Um Paletotdiebstähle in den hiesigen Hochschulen leichter 
ausführen zu können, traten der Handlungsgehilfe G. und der Zeichner 
R. in C!ouleur einer hiesigen Verbindung auf; auch der künstliche 
^Schmiß'' fehlte nicht. 

b) Fortsetzung. Betrüger mit falscher Legitimation. 

8. Ein Gauner, der sich als Kriminalbeamter vorstellte, forderte 
einem Herrn sein sämtliches Papiergeld ab, da er im Verdacht der 
Banknotenfälschung stehe. Das ihm übergebene Papiergeld verschloß 
er vor den Augen des Düpierten in einem Briefumschlag, den er in 
die Tasche steckte, während er den Herrn sistierte und aufforderte 
zu seiner Vernehmung mit in das hiesige Polizeidienstgebäude zu 
kommen. In dem großen Gebäude war es dem Schwindler nicht 
schwer, vor den Augen des auf seine Vernehmung wartenden Be- 
trogenen zu verschwinden. 

9. Unter dem Vorgeben, in großer Verlegenheit zu sein, ver- 
kaufte ein Gauner einer Händlerin in der Zentralmarkthalle eine Uhr 
für 16 Mark. Nach einer Weile kam dessen Komplize, der sich als 
Kriininalschutzmann ausgab, unter Vorzeigung einer falschen Legiti- 
mationsmarke, und beschuldigte die Händlerin der Hehlerei, da sie, wie 
er beobachtet habe, soeben eine gestohlene Uhr angekauft habe. Er 
nahm ihr die Uhr ab und forderte sie auf, in das (nahe gelegene) 
Polizeigebäude, Zimmer Nr. 3, zu kommen. Während sich die be- 
trogene Frau dazu anschickte, verschwand der Schwindler in der 
Menschenmenge. 

10. Bei einer reichen Dame war ein Raub ausgeführt worden; 
einer der Mittäter wußte sich der Dame als Privatdetektiv zu nähern 

20* 



296 XX. SCHNEICKERT 

und verschaffte sich für seine nicht unzutreffenden Ermittelung»! eine 
gute Gleidquelle, bis er sich schließlich selbst gefangen hatte. 

11. Ein im Zuchthaus internierter Einbrecher, der von Beruf 
Schlosser war, wurde in der Strafanstalt als solcher beschäftigt und 
trug auch blaue Schlosserkleidung. Darauf gründete er einen kühnen 
Fluchtplan. Er verschaffte sich allerlei Werkzeug, mit dem er nach 
und nach die Eisenstäbe seines Zellenfensters durchschnitt und dafür 
Holzstäbe einsetzte, so daß der Aufseher die ümwechselung des 
Gitters nicht erkennen konnte. Nun ließ er sich eines Abends gegen 
6 Uhr zum Fenster nach dem Hof heraus und ging dann durch 
das bewachte Tor, wo er für einen im Zuchthaus tätigen Arbeiter 
gehalten wurde. 

12. Ein falscher Zeitungsberichterstatter versuchte sich dadurch 
einen leichten Verdienst zu sichern, daß er nach der Urteilsverkündung 
dem Verurteilten versprach, gegen ein angemessenes Schweigegeld 
(10 Mark) von der Veröffentlichung seines Verhandlungsberichtes, der 
für die Presse bestimmt sei, Abstand zu nehmen. — Diesen Trick 
beutete er als Erpresser noch weiter aus. 

13. Als Vermittler für Reinmachefrauen trieb ein etwa 27jähriger 
Mann hier sein Unwesen. Mit einer Aktenmappe unter dem Arm 
besuchte er verschiedene Frauen aus Arbeiterkreisen und erkundigte 
sich bei diesen, ob sie Stellung als Reinemachefrauen bei einer 
Geschäftsfirma annehmen wollten. Bei Verzicht auf eine solche 
Vermittelung ließ er sich geeignete Adressen aus ihren Bekannten- 
kreisen geben und ließ sich so weiter empfehlen. Falls eine Reine- 
machestelle angenommen wurde, füllte der „Vermittler" eine Art Ver- 
tragsformular aus und unterzeichnete unter Mißbrauch bestimmter 
Firmen; als Sicherheit für das pünktliche Antreten der Reinemache- 
frau ließ er sich regelmäßig drei Mark Pfand zahlen. 

14. Ein falscher „Revisor" einer Speditionsfirma besucht Geschäfte, 
die durch ein Schild als Annahmestelle jener Firma gekennzeichnet 
sind, und läßt sich dort das Auftragsbuch über die bestellten Spedi- 
tionen vorlegen, das er angeblich revidieren solle. Zuweilen gibt er 
an, er müsse zur Erneuerung der Geschäftsbücher, die bei einem 
Brande in den Geschäftsräumen der Speditionsfirma vernichtet worden 
seien, die Namen der Auftraggeber aus jenem Buche herausschreiben. 
Tatsächlich notiert er aber nur jene Auftraggeber, die für ausgeführte 
Speditionen die Gebühren noch nicht bezahlt haben. Mit gefälschten 
Quittungsformularen zieht er hierauf die Außenstände ein. 

15. Als Kassierer einer Feuerversicherungsgesellsohaft ließ sich ein 
Schwindler die Versicherungspolizen vorlegen und verlangte die Ver- 



Neue Gaunertricks. 297 

sicherungsprämien unter dem Vorgeben, die Fälligkeitstermine seien 
geändert worden. 

16. Der 22 Jahre alte Hoteldiener U. stellte sich, mit einem 
Paket nnd einem verschlossenen Brief in der Hand, Hausdienern auf 
ihren Botengängen als Eilbote ihres Chefs vor, dessen Namen oder 
Gescbäftsfirma er von dem Handwagen oder Geschäftsdreirad vorher 
abgelesen hatte, und übergab das Paket mit der Weisung, es mit 
quittierter B^chnung sofort bei dem auf dem Briefumschlag verzeich- 
neten Kunden abzuliefern. Die eingezogenen Gelder ließ er sich 
übergeben, um sie angeblich dem Chef auszuhändigen. In dem Paket 
befand sich ein Ziegelstein. 

c) Fortsetzung. Betrügereien mit Hilfe des Telephons. 
DerMißbrauch öffentlicher Verkehrseinrichtungen durch Verbrecher, 
namentlich der Postämter und Telephone, ist sehr weit verbreitet 
und bildet heutzutage eine ständige Rubrik in der Verbrechenschronik. 

17. Mehrere hiesige Kolonial- und Delikateßwarengeschäfte er- 
hielten in der letzten Zeit durch den Femsprecher den Auftrag, dem 
Arzt Dr. X., der verreisen wolle, eiligst dieses oder jenes zu liefern 
ond die quittierte Rechnung mitzusenden. Da jedesmal ein Arzt des 
angegebenen Namens in dem bezeichneten Hause wohnte, so trug 
man kein Bedenken, den Hausdiener mit der Ware zu schicken. 
Wenn dieser aber kam, so begegnete ihm der „Herr Doktor" schon 
auf der Treppe, nahm ihm persönlich den Korb mit den Waren ab 
und bat ihn freundlichst, ihm rasch noch ein Dutzend Apfelsinen zu 
holen. Unterdessen verschwand der Schwindler mit Korb und Ware. 

18. In einem anderen Falle wurde ein hiesiger Geschäftsmann 
von dem Chef einer ihm bekannten großen Firma telephonisch an- 
gerufen. Dieser teilte ihm mit, daß auf seine Empfehlung ein Mann 
zu ihm kommen werde, um eine Unterstützung zu holen. Er sei be- 
dürftig und würdig und habe von ihm 20 Mark bekommen. Es 
dauerte auch gar nicht lange, da fand sich der empfohlene Mann 
ein. Der Geschäftsmann war unterdessen aber so vorsichtig gewesen, 
bei der Firma einmal nachzufragen, was es mit dem Manne für eine 
Bewandtnis habe, und wie er denn heiße. Er erfuhr jetzt, daß weder 
der Chef noch ein Angestellter der Firma ihn angerufen hätte, wo- 
rauf er den Unterstützungsbedürftigen verhaften ließ. 

19. In einem weiteren Falle wurden mehrere hiesige große 
Firmen der Damenkonfektions- und Seidenstoffbranche um recht be- 
deutende Warensendungen betrogen. Die betreffenden Geschäfte 
worden angeblich von befreundeten Firmen telephonisch angerufen, 



298 XX. SCHMEICKEBT 

die in sachgemäßer Weise die BestelluDgen mit dem HinzuMgen 
aufgaben, daß demnächst ein junger Mann der bestellenden Firma 
erscheinen und die Waren abholen würde. Er werde sich durch 
eine Geschäftskarte der Firma, auf welcher der Antrag schriftlich 
wiederholt würde, legitimieren. Die Geschäfte händigten, als der 
junge Mann mit der beschriebenen Geschäftskarte erschien, die War^i 
anstandslos aus. Nachträglich wurde ermittelt, daß ein Komplize des 
die Waren abholenden jungen Mannes bei der Bestellfirma erschienen 
war und sich unter irgend einem Verwand Geschäftskarten erbeten 
hatte, die dann entsprechend ausgefüllt wurden. 

20. Der bei einer Firma in der Spandauerstraße angestellte Haus- 
diener P. befand sich mit einem Handwagen auf einem Botengänge. 
Auf der Straße trat ein Unbekannter an ihn heran und übergab ihm 
ein Paket, das 500 Zigarren enthalten sollte, mit der Anweisung, für 
dieses 22 Mark zu bezahlen. Als P. Zweifel äußerte, begaben sich 
beide in ein nahe gelegenes Lokal, von welchem aus der Unbekannte 
angeblich an die Firma in der Spandauerstraße telephonierte. Tat- 
sächlich setzte der raffinierte Schwindler ein Scheingespräch in Szene, 
so daß sich P. veranlaßt fühlte, dem Unbekannten schließlich die 
verlangten 22 Mk von dem bisher einkassierten Gelde auszuhändigen. 
Als P. später in seinem Geschäfte erschien und das Paket ablieferte, 
wußte hier niemand etwas von einer Bestellung. Das Paket sdbst 
enthielt vier Preßkohlen. 

21. Eine jugendliche Hochstaplerin, die sich L. v. Th. nannte, 
verabredete mit einem Liebhaber, daß er sie zu einer bestimmten 
Stunde aus diesem oder jenem großen Kostümgeschäft abhole. Vor- 
her ging dann die Hochstaplerin, deren ganze Erscheinung überall 
einen guten Eindruck machte, in das Geschäft und suchte sich das 
Beste aus. Die neue Oberkleidung behielt sie gleich an, das alte 
Kostüm sollte mit den anderen Sachen und quittierter Rechnung an 
ihre Mutter Frau v. Th. nach Potsdam gesandt werden. Nach Er- 
ledigung dieser geschäftlichen Angelegenheiten bat dann die falsche 
Aristokratin herablassend um die Erlaubnis, noch etwas verweilen zu 
dürfen, bis ihr Bräutigam, der auch stets einen hochklingenden 
Namen führte, sie abhole. Weil dann jedesmal zur angegebenen Zeit 
ein Kavalier erschien, so schöpften die Geschäftsleute nicht den ge- 
ringsten Verdacht. Bald nach ihrem Weggang klingelte Fräulein 
V. Th. an: Die quittierte Rechnung solle zwar der ersten Verabredung 
gemäß nach Potsdam an ihre Mutter gehen^ das Paket dagegen 
möge man lieber bei ihrem Onkel in Berlin abgeben. Für ihren 
Onkel gab sie einen Aristokraten aus, einen Junggesellen, dessen 



Neue Gaunertricks. 299 

Gepflogenheiten sie ausgekundschaftet hatte, und der, wie sie wußte, 
zuhause war. Die Angestellten nahmen hier das Paket an, wenn 
sie auch nicht wußten, daß ihr Dienstherr eine Nichte Namens v. Tb. 
besitze, gaben es denn auch ebenso gern wieder heraus, wenn Frl. 
V. Th. nach einiger Zeit durch einen Dienstmann das irrtümlich 
falsch bestellte Paket wieder abholen ließ. Der Dienstmann brachte 
dann das Paket in das Hotel oder Pensionat, in dem Frl. y. Th. 
unter diesem oder jenem anderen Namen als „Eunstschülerin^ gerade 
wohnte. So erhielt die Hochstaplerin zu dem neuen Kostttm auch 
die anderen Sachen, die sie noch gekauft hatte, umsonst und außer- 
dem bekam sie das alte Kleid zurück. 

22. Ein ehemaliger Zigarrenhändler Richard S. und ein Haus- 
diener Max H. hatten sich zu Raubzttgen gegen Zigarrengeschäfte 
zusammengetan. Sie suchten sich Läden aus, die einen besonderen 
Femsprechraum haben. Während dann der eine etwas kaufte, 
klingelte der andere aus der Nachbarschaft den betreffenden Ver- 
käufer telephonisch an. Sobald nun dieser an den Apparat gegangen 
war und sich mit dem Anrufer, der eine größere Bestellung machte, 
unterhielt, öffnete der „Eunde*^ die Ladenkasse und verschwand mit 
ihrem Inhalt 

d) Fortsetzung. Weglocken der zu Schädigenden und 
unauffälliges Verschwinden des Betrügers. 

23. In der Filiale der H.schen Großbäckerei erschien eines Abends 
em 15 jähriger Bursche und übergab der Verkäuferin einen Brief 
mit der Angabe, er komme von dem H.schen Hauptgeschäft Das 
Schreiben lautete: 

„Liebes Fräalein! Kommen Sie doch bitte sofort nach dem Haupt- 
geschäft Meine Frau ist plötzlich krank geworden und ist ganz schwarz 
and blau. Der junge Mann, der Ihnen den Brief gibt, kann Sie solange 
vertreten ; Sie können ihm ruhig vertrauen. Kommen Sie bitte recht schnell, 
setzen Sie sich gar nicht erst einen Hut auf. H." 

Nach einigem Zögern entschloß sich die Verkäuferin, der in dem 
Brief ausgesprochenen Bitte Folge zu leisten. Als sie fort war, 
plfinderte er in Gemütsruhe die Ladenkasse und bediente sogar 
einige inzwischen eingetretene Kunden. 

Der gute Erfolg, den der Bursche bei seiner ersten Tat gehabt 
hatte, ermunterte ihn zu weiteren Raubzügen, bei denen er immer 
dreister vorging. In einem Brief wurde die Verkäuferin in einer 
Filiale aufgefordert, dem Überbringer des Briefes 50 Mark auszu- 

1) Vgl weitere Telephontricks unter Nr. 29, 40 a und 65. 



300 XX. SCHNEICKERT 

bändigen, ,,da8 Geld aber gut einzupacken, damit nicbts yerloren 
gebe/* Nacbdem diese Eaubzüge bekannt waren, gelang ihm sein 
Trick nocbmals, indem er die Verkäuferin aus der Filiale weglockte 
und ins Hauptgeschäft schickte, da man dort den Kassenräuber er- 
griffen habe. — (Urteil: 1 Jahr Gefängnis.) 

24. In ein Milchgeschäft kamen an mehreren Tagen nachein- 
ander zwei Schulknaben im Alter von 12 und 13 Jahren und tranken 
dort zwei Glas Milch. Als sie eines Tages wieder erschienen, baten 
sie, da sie angeblich kein Geld hatten, um Wasser Die Inhaberin 
des Ladens begab sich nun ahnungslos in die hinter dem Laden 
liegende Küche und holte zwei Glas Wasser. Mit der größten Ruhe 
tranken die Knaben, bedankten sich und verabschiedeten sich mit 
dem Bemerken, daß sie am anderen Tage wieder zum Jtfilchtrinken 
erscheinen würden. In der Abwesenheit der Milchhändlerin hatten 
sie die Ladenkasse ausgeraubt. 

Aus verschiedenen süddeutschen Städten wird folgender Trick 
gemeldet. ^ 

25. Ein Schwindler K. mietete sich ein möbiliertes Zimmer und 
bestellte dann Zigarren oder Stiefel bei großen Firmen mit der gleich- 
zeitigen Bitte, dem Boten fünfzig bis hundert Mark „Wechselgeld" 
mitzugeben. Der Bote kam, lieferte Ware und Wechselgeld ab, 
K. verschwand damit im Nebenzimmer, angeblich um den „Schein" zu 
holen. Der Bote wartete dann immer vergebens, denn der Schwindler 
hatte durch einen anderen Ausgang schon längst das Weite gesucht. 

Gebäude mit doppeltem Ausgang spielen bei vielen „Spezialisten** 
eine große Rolle und zwar in Fällen, in denen sie sich schnell und 
sicher ihrer Opfer entledigen wollen. Hierher gehört z. B. auch der 
nachstehende Trick: 

26. Der Schlächtergeselle E. bot hiesigen Gastwirten billiges 
Fleisch an, das er leicht verschaffen könne, da er auf dem Schlacht- 
hof beschäftigt sei. 

Wenn ein Wirt auf dieses Angebot einging, so nahm ihn E. 
gleich mit nach dem Schlachthof, um das Geschäft abzuschließen 
und auszuführen. Vor dem Gebäude aber ließ er ihn mit dem Be- 
merken, der Kontrolleur sei gerade da, warten und verlangte nun 
den vereinbarten Kaufpreis, damit er das Erforderliche selbst besorge. 
Während der Gastwirt draußen wartete, verschwand der Betrüger 
durch eine Hintertür. 

27. Ein zwanzigjähriger russischer Student D., der über seine 
Vermögensverhältnisse hinaus lebte, versuchte hier folgenden äußerst 
raffinierten Gaunertrick: 



Neue Gaunertricks. 301 

Eines Tages fuhr er in einem gemieteten Automobil bei einem 
hiesigen Hotel in der Friedrichstraße vor. Unter dem Namen „Fürst 
Ton Margarin" mietete D., der die reich mit Silbertressen versehene 
Uniform der Petersburger Akademie trug, zwei Zimmer. An dem- 
selben Tage begab er sich zu dem Juwelier S. und wählte hier 
Brillantringe und Ohrringe im Werte von 15000 Mk. aus, die er als 
Änswahlsendung für eine Dame in das Hotel bestellte. Hier hatte 
der Angeklagte seinen Schwindel in raffiniertester Weise vorbereitet. 
Mittels eines Stiefelknechts ahmte D. die Körperform eines im Bette 
liegenden Menschen nach, die Täuschung vervollständigte er schließ- 
lich durch eine Maske und einen falschen Bart. Dies ganze Mach- 
werk sollte die „Dame" darstellen, die sich aus der wertvollen Aus- 
wahlsendung die ihr gefallenden Schmuckstücke aussuchen sollte. 
Am Nachmittage erschien der Juwelier mit den Brillanten. Zu seinem 
Erstaunen wurde er durch ein halbverdunkeltes Zimmer geführt, in 
dem — wie der „Fürst'' angab — die „Dame'' im Bette lag. Tat- 
sachlich glaubte der Juwdier auch, daß eine weibliche Person im 
Bette lag. Im Nebenzimmer wollte der „Fürst" dem Juwelier die 
Brillanten abnehmen, um sie der „Dame** vorzulegen. In dieser 
Weise gedachte der Angeklagte sodann zu verschwinden. Das ge- 
schickt inszenierte Schwindelmanöver gelang jedoch infolge der Auf- 
merksamkeit des Juweliers nicht (Urteil: 2 Monate Gefängnis). 

28. Von ihrem neu erworbenen Kavalier verlangte eine „Dame*' 
taglich elf Mark Honorar unter dem Vorgeben, das „Barfußtanzen" 
(zu Vari^tözwecken) erlernen zu wollen. Der geprellte Liebhaber 
begleitete auch täglich die „Elevin" zu einem bestimmten Hause — 
mit einem zweiten Ausgang. 

29. Als „Beamter der Armendirektion" wußte ein hiesiger Ein- 
brecher sein Verbrechen geschickt vorzubereiten. Er suchte eine 
Witwe H. auf, der er erklärte, die Stadt Berlin habe einen besonderen 
„Fonds für brave Witwen" ausgeworfen , aus dem sie auch eine 
Unterstützung in Aussicht habe; ein Freiherr v. B. besorge die Aus- 
zahlungen. Er veranlaßte hierauf die Frau H., mit ihm auf ein 
Postamt zu gehen, wo er ein Scheingespräch mit dem Freiherrn am 
am Telephon inszenierte, das mit den Worten schloß: „Also dann 
kann die Frau H. das Geld dort abholen." Nun schrieb er der 
Frau H., die jetzt keinen Zweifel mehr hatte, Namen und Wohnung 
des Auszahlers auf einen Zettel und schickte sie sofort dorthin. In- 
zwischen führte der falsche Beamte bei der H. einen Einbruchsdieb- 
stahl aus. 

30. Ein Hausbesitzer, dem Einbrecher einen Besuch abstatteten, 



302 XX. SCHKEICKEBT 

war im Begriff, sein Haus zu betreten, als er vor dem Haustor einen 
Mann — den Aufpasser — antraf, der wiederholt ganz aufgeregt an 
der Häusglocke zog. Auf die Frage des Heimkehrenden, was er da 
wolle, antwortete er, seine Frau sei plötzlich krank geworden, & 
müsse sofort den Arzt (oder die Hebamme), der hier wohne, zu ihr 
rufen. Auf seinen Irrtum, daß hier kein Arzt wohne, aufmerksam 
gemacht, gab er sich nicht eher zufrieden, als bis ihn der Hausbesitzer 
zu dem nächsten Arzt geführt hatte. Die Einbrecher waren aber so 
rechtzeitig gewarnt worden, daß sie noch vor der Entdeckung ent- 
kommen konnten. 

31. Ein Schwindler mit falschem Papiergeld (sogen, „Blüten'*) 
machte sich in der Nähe eines Bahnhofs an Provinzler heran, fragte 
sie nach dem Ziel ihrer Reise und^chloß sich ihnen unter dem Vorwande, 
daß er auch dorthin wolle, mit seinem „Freunde'^ an. Bei emem 
Glas Bier, das er hier oder da zu trinken vorschlug, wußte er es so 
einzurichten, daß der Fremde einen Hundert- oder Fünfzigmarkschein 
in seiner Geldbörse zu sehen bekam. Auf dem Wege nach dem 
Bahnhofe wollte er dann rasch noch ein paar Zigarren kaufen, erbat 
sich von dem Fremden kleines Geld und gab ihm zur Sicherheit 
seine Geldbörse mit dem Scheine, der nur eine „Blüte^ war. Der Ge- 
prellte wartete vergeblich auf die Rückkehr. 

e) Fortsetzung. Betrug und Diebstahl durch 
Vertauschung (Diebstähle k Tamöricaine^). 

Hierher gehören z. B. auch die sogen. „Wechselfallenschwindler**, 
die unter irgend einem Vorgeben sich in Geschäften großes Geld, 
insbesondere Gold und Papiergeld, wechseln oder umgekehrt Klein- 
geld sich umtauschen lassen. Typisch ist folgender Trick: 

32. Der Zuschneider Seh. bat die Verkäuferin oder Kassiererin irgend 
eines Geschäftes, ihm für Kleingeld einen Hundertmarkschein einzu- 
wechseln, da er diesen zum Geburtstag seines Vaters in einen Brief 
nach auswärts schicken wolle, was ihn mehr überrasche als eine 
Geldsendung durch Postanweisung. Seh. holte auch einen bereits 
adressierten und frankierten Brief aus der Tasche hervor und ver- 
schloß das Kuvert, nachdem er den Hundertmarkschein hineingesteckt 
hatte. Nunmehr begann Seh. mit der Aufzählung des Kurantgeldes. Hier- 
bei stellte sich heraus, daß er „zufällig'^ ein fehlendes Zwanzigmarkstück 

1) Hier sei auch an den von Groß in seinem Handbuch für U.R. U, S.24i, 
erwähnten Fall erinnert, in dem ein Weib (als Aufpasserin) Geburtswehen vor- 
täuschte, um unliebsame Ankömmlinge ebenso vom Tatort wegzulocken. 

2) Vgl. Archiv XXH, S. 206 f. unter Ziffer 12. 



Neue Gaanertricks. 303 

in seiner Wohnung hatte liegen lassen. Mit der Bitte, das Kuvert 
nicht erst wieder aufzureißen, gab er den Brief zurück und strich 
frleichzeitig das bereits aufgezählte Geld wieder ein. In einigen 
Fällen glaubten die Verkäuferinnen den Angaben des Angeklagten 
und behüteten vertrauensselig das Kuvert, welches der Angeklagte 
in der Tasche geschickt mit einem anderen vertauscht hatte, in dem 
sich nur mehrere Blätter Papier befanden, (urteil: 6 Monate Ge- 
^gnis.) 

33. Eine Zigeunerin lenkte die Aufmerksamkeit einer Verkäuferin 
durch Wahrsagen aus den Handlinien ab; währenddessen stahl ihre 
Gehilfin oder strich das aufgezählte Wechselgeld mit dem vorher 
zur Bezahlung hingelegten größeren Geldstück ein. 

34. Kanarienzüchter wurden von einem Schwindler auf folgende 
Weise geschädigt. Zunächst kaufte dieser ein Kanarienweibchen für 
1,50 M. Bald darauf kam er zum zweiten Male und kaufte ein 
Kanarienmännchen für 13 M. und schloß den Vogel in einem mit- 
gebrachten Pappkarton ein. Unter dem Vorwande, schnell noch einen 
Einkauf in der Nähe zu besorgen, verließ er den Kanarienzüchter, 
unter Zurttcklassung des Pappkartons; die Bezahlung sollte nach 
säner Bückkehr erfolgen. Der Gauner hatte beim Einpacken unbe- 
merkt das Männchen mit dem Weibchen vertauscht. 

35. Ein Leihhausbeamter kaufte ein Wertpapier, das sich auf 
eine ganz eigenartige Weise rentieren sollte. Er nahm eine Ver- 
handlung mit einer gar nicht existierenden Person auf und unter- 
schrieb das Protokoll mit dem fingierten Namen. Das Wertpapier 
gab er dann nach dem vorgeschriebenen Geschäftsgang weiter. 
Als der Pfandschein aus der Buchhalterei herauskam, nahm er ihn 
in Empfang und erhob das Geld an der Kasse, wobei er den Schein 
erweckte, als ob er es für einen Dritten in Empfang nähme. Nun 
wartete er bis zu dem Tage, an dem die Revision und die Ein- 
d^lung stattfand. 

Das Wertpapier hätte nun jahrelang liegen bleiben können, wenn 
nur die Zinsen an das Leihamt regelmäßig bezahlt wurden. Der Be- 
amte entnahm aber das von ihm selbst verpfändete Papier der 
Mappe, löste vorsichtig das Siegel ab und nahm das Wertpapier aus 
dem Umschlag heraus. Statt dessen steckte er Zeitungspapier hinein 
ond klebte den Umschlag mit dem Siegel vorsichtig wieder zu. 
Am Jahresschluß löste er das Pfand ein und begann dann bald 
dieselbe Manipulation aufs neue. Durch eigenes Versehen gab er 
eines Tages den geheimnisvollen Brief an einen Ijeihhauskunden her- 
aus und wurde so entdeckt (Urteil: 6 Mon. Gefängnis.) 



304 XX. SCBNEICKERT 

36. Diebe, deren Spezialität auf Billardbälle gerichtet ist, ver- 
tauschen nicht selten Elfenbeinbälle durch unechte Billardkugeln. 

37. In einem Unterschlagungsfalle wurden die Münzen mehrerer 
Geldrollen durch entsprechend zugerichtete Bleirohre vertauscht; die 
unterschlagene Summe belief sich auf ca. 10 000 Mark. 

f) Fortsetzung: Lotterie- und Billetschwindel. 

38. Im Auftrage eines bekannten Annoncenbureaus wurden ver- 
schiedenen Zeitungen Prospekte eines Bankhauses Miskow & Comp., 
Stettin beigelegt, in denen zum Kauf von Losen der „Roten Kreuz- 
Lotterie" aufgefordert wurde. Daraufhin wurden von verschiedenen Per- 
sonen 3,60 M. für Los und Ziehungsliste eingesandt Vierzehn Tage nach 
Absendung des Geldes erhielten die Interessenten ein Schreiben von 
dem Bankhause Miskow & Comp., Kopenhagen, in dem mitgeteilt 
wurde, daß die Rote-Kreuz-Lose vergriffen seien und an deren Stelle 
ein dänisches Koloniallos mitgeschickt werde, dessen Gewinnchancen 
15 mal so groß seien als jene der Rote-Kreuz-Lose. Das gesandte 
Vs Los kostete 1,65 M. „Der kleine Überschuß soll einstweilen gut 
gebracht werden'*, hieß es weiter, außerdem werde „strengste Dis- 
kretion'* zugesichert. 

39. Die große Nachfrage nach Theaterbillets für die Bayreuther 
Wagner-Festspiele hat auch manchen Betrug gezeitigt Ein Herr 
hatte sich auf die Anzeige eines gewissen A. Martin in Brüssel, der 
wegen Familientrauer drei Sitzplätze für die Bayreuther Vorstellungen 
abzugeben wünschte, an diesen gewandt Darauf traf die Antwort 
ein, daß die Billette leider schon weitergegeben worden seien, doch 
wolle sich der Briefschreiber mit dem Ankäufer in Verbindung setzen, 
weil er glaube, daß dieser die Billette doch wieder abtreten werde. 
Einige Tage später erhielt jener Herr von einem gewissen N. Latimer 
Theatrical Agent aus London ein Angebot der Billette mit dem Be- 
merken, er habe aus Brüssel die Nachricht erhalten, daß er — jener 
Herr — sich für die Bayreuther Theaterbillette interessiere. Der ge- 
forderte Kaufpreis wurde eingesandt, doch die bestellten Billette 
blieben aus, da sie sich, wie sich herausstellte, überhaupt schon im 
Besitz anderer Personen in Deutschland befanden. 

40. Der 18 jährige Handlungsgehilfe G. prahlte seinen neuen 
Bekannten gegientiber mit seinen guten Beziehungen zu Künstlern 
und Künstlerinnen des hiesigen Opernhauses, durch die er in den 
Besitz der besten Theaterplätze zu billigen Preisen kommen könne, 
wovon die neuen Freunde des Handlungsgehilfen gerne Gebranch 
machen wollten. G. stellte ihnen, nachdem sie 4 bis 6 Mark pro Platz 



Neue Gaunertricks. 305 

gezahlt hatten, Karten auf einen bestimmten Tag aus, die dann von 
der Theaterkasse für die bezeichnete Vorstellung gegen Eintrittskarten 
auf die angegebenen Plätze umgetauscht werden sollten. Die Fällig- 
keitsfrist steckte er ziemlich weit, um möglichst viele Karten aus- 
schreiben zu können. Kurz vor der betreffenden Vorstellung ver- 
schwand G. aus Berlin und die Düpierten wurden erst an der Kasse 
über den Schwindel aufgeklärt. 

40 a. Die Namen berühmter Schriftsteller werden zuweilen auch 
zur Erlangung von Theaterbillets mißbraucht, namentlich bei tele- 
phonischen Bestellungen von Freiplätzen. 

g) Fortsetzung. Betrug und Urkundenfälschung. 

41. Eines Tages erschien bei dem Hauseigentümer P. ein junger 
Bursche, der einen Brief überbrachte, welcher angeblich von dem 
in demselben Hause wohnhaften Obsthändler A. herrührte. In dem 
Schreiben teilte A. angeblich mit, er befinde sich in der Zentral- 
markthalle und könne auf einer Auktion billig einen Posten Äpfel 
und Apfelsinen kaufen. Da ihm das Geld ausgegangen sei, bitte er, 
dem Boten zehn Mark auszuhändigen. Tatsächlich wurde dem Boten 
der verlangte Betrag ausgehändigt. Als A. nach Hause kam, stellte 
es sich heraus, daß der Brief gefälscht war. In dieser Weise gelang 
es dem Gauner in vier Fällen, sich Geld zu erschwindeln, während 
es in zehn weiteren bei einem Versuch blieb. (Urteil: 1 Jahr und 
1 Monat Gefängnis.) 

42. Der 18 jährige Drogist H. ließ sich unter falschem Namen 
auf Grund gefälschter Atteste als Laufbursche oder Hausdiener 
engagieren und wußte das Vertrauen seiner Chefs dadurch zu er- 
wecken, daß er ihnen gelegentlich angebliche Briefe seiner „alten 
Eltern" vorlegte, in denen ihm diese zu der neuen Stellung Glück 
wünschten und ihm allerlei weise Lehren auf seinen Weg mitgaben. 
Die Briefe sowohl, als auch die Atteste schrieb er sich aber nach 
einem feststehendem Schema selbst. Der brave Sohn der biederen 
Eltern benutzte dann die erste Gelegenheit, bei der ihm Geld oder 
Geldeswert anvertraut wurde, um spurlos damit zu verschwinden. 
(Urteil: 2 Jahre, 3 Monate Gefängnis.) 

43. Der unten (Nr. 77) erwähnte Räuber K. verschaffte sich in 
der Eile durch folgenden Trick Geld. Er fälschte ein Telegramm 
seines Schwagers, der Kassierer in einem hiesigen Geschäfte ist, 
des Inhalts: 

„Heate Kassenrevision. Benötige sofort 25 Mark bei eventuellem Verlust 
der Stellung. Bitte jungem Mädchen sofort Greld geben!" 



806 XX. SCHKSICKEBT . 

Bald nach dem Telegramm kam ein junges Mädchen, seine Ge- 
liebte, und die Frau des Kassierers händigte ihr 30 M. nnd 1 M. 
Fahrgeld aus^ 

h) Fortsetzung. Inseratenschwindel, Stellen- und 
Kautionsschwindel. 

44. Der Schankwirt B. inserierte in einer Zeitung, daß eine 
große Brauererei in Erfurt ein^n Brauereidirektor, einen General- 
vertreter für Berlin sowie mehrere andere Angestellte suche. Es mel- 
deten sich viele Personen in dem Lokal des B. in der Großen 
Präsidentenstraße, das als Auskunftsstelle in dem Inserat angegeben 
war. B. erklärte, er wäre ein Verwandter des schwerreichen Brauerei- 
besitzers in Erfurt und ließ hierbei durchblicken, daß es sehr auf 
ihn ankomme, ob einer der Bewerber den Vorrang habe oder nicht 
Zahlreiche Bewerber versuchten nun, in der einfachsten Weise sieb 
die besondere Gunst des B. dadurch zu erringen, daß sie eine mög- 
lichst große Zeche bei ihm machten. (Einer der eifrigsten Bewerber 
machte an einem Abend eine Zeche von fünfzig Mark.) Als sich der 
Herr Brauereibesitzer immer noch nicht sehen ließ, wurden einige 
der Stellungsuchenden ungeduldig. B. wies eines Abends ein Tele- 
gramm vor, nach dem der sehnlichst Erwartete endlich angekooim^ 
sei und in einem Hotel wohne. Er sei jedoch vorläufig noch zu 
müde, um sofort die Engagements zu erledigen. Am nächsten Tage 
begab sich B. auch in das betreffende Hotel und kehrte erst nach 
geraumer Zeit mit dem Bemerken zurück, der Herr Brauereibesitzer 
sei schwer erkrankt. Inzwischen waren die Stellungsuchenden hinter 
den Schwindel gekommen. 

45. Eine gewisse Elisabeth B. sprach an den Omnibushaltestdlen 
oder auch im Omnibus Mädchen an, von denen sie vermutete, daß 
sie wohl eine Stelle suchen könnten. Traf diese Vermutung zu, so 
stellte sie sich unter einem falschen Namen vor und erzählte, ihr 
Onkel, Herr W., sei im Schloß angestellt und wolle sie dort auch 
anbringen. Ihr Bräutigam aber sei dagegen, weil er bald Hochzeit 
feiern wolle. Es würde sie nun sehr freuen, wenn sie ihrem Onkel 
wenigstens Ersatz bringen könne, damit er nicht gar zu böse werde. 
Ein von ihr empfohlenes Mädchen werde er ohne Zweifel annehmen. 
Die Bewerberinnen gaben gern ihre Adresse an und bekamen bald 
von „Herrn W." einen Brief, daß auf die Empfehlung seiner Nichte 
ihrer Anstellung im Schlosse nichts im Wege stehe, nur müßten sie 
eine Bürgschaft von 20 oder 25 Mark stellen^ die seine Nichte gegen 
Quittung abholen werde. Nach kurzer Zeit erschien dann auch die 



Neue Gaunertricks. 307 

Nichte mit einer gefälschten Quittung, erzählte allerlei von ihrer 
wirksamen Fürsprache bei dem Onkel W., strich das Geld ein und 
verschwand auf Nimmerwiedersehn. 

46. Der Kaufmann M., der in den Zeitungen Darlehen gegen 
mäßige Zinsen anbot, wurde von einer Beamtenwitwe um die Ge- 
währung eines Darlehns gebeten. M. machte die Gewährung eines 
solchen von einer Auskunft abhängig und verlangte hierfür vorschuß- 
weise 5 M., die er auch erhielt Die daraufhin eingeholte Auskunft, 
die H. seiner Klientin zeigte, lautete ganz unbestimmt. Als einzige 
positive Angabe enthielt sie den Bat, daß Gewährung einer Sicherheit 
geboten sei. Die Beamtenwitwe war aber hierzu nicht imstande. 
M. schlug ihr das Darlehen infolgedessen ab, weigerte sich aber auch, 
die angezahlten 5 M. für die wertlose Auskunft zurückzuerstatten. 
Die Witwe erstattete hierauf Anzeige, und die Ermittlungen ergaben, 
daß derartige Manöver bei Geldvermittelungen an der Tagesordnung 
seien. Im vorliegenden Falle sei es wahrscheinlich, daß M. mit dem 
Inhaber des Auskunftsbureaus von vornherein über die Form, in der 
die Auskünfte zu erteilen seien, bestimmte Abmachungen getroffen 
hätte. Es wurde festgestellt, daß M. der Witwe insofern eine un- 
richtige Angabe gemacht hatte, als er 5 M. für die Auskunft ver- 
langte, die in Wirklichkeit nur etwa 1 M. kostete, (urteil: M. wurde 
m 20 M. Geldstrafe verurteilt) 

47. In englischen Provinzzeitungen erscheinen von Zeit zu Zeit 
Inserate, in denen darauf hingewiesen wird, daß Eheschließungen 
in London in drei Tagen erfolgen können. Irgendein „inter- 
nationales Kechtsschutzbureau" übernimmt sofort die Vermittelung. 
Das Pärchen wird bei seiner Ankunft empfangen und in ein ganz 
bestimmtes „Privathotel" geleitet. Nach drei Tagen schon kann die 
Trauung erfolgen, wenn sich zwei Zeugen finden, die unter Eid er- 
Uären, daß das Pärchen bereits seit mindestens 21 Tagen in London 
sich aufhalte. Für Beschaffung dieser „Meineids-Gentlemen" sind im 
voraus 1000 M. zu zahlen. 

48. Das Opfer eines Stellenschwindlers berichtet: 

„Ich meldete mich auf ein täglich wiederkehrendes Inserat, in dem Materialisten, 
Kontoristen, Bnreauschreiber usw. gesucht wurden. Es dauerte nicht lange und 
idi erhielt die Aufforderung, mich im Filialbureau des Verbandes „Reform" 
(Zentralstelle Bissen) vorzustellen. Hier wurden mir zunächst für Vermittelung 
^ Mark abverlangt Nach erfolgtem Elngagement hätte ich — so wurde mir 
bedeutet, weitere 10 Mark, also insgesamt 15 Mark zu entrichten. Eines Tages 
«bielt ich den Bescheid, es sei für mich eine geeignete Stellung vorhanden, um 
<lie ich mich bewerben könne. Die Adresse der betr. Firma dürfe man mir aber 
^t nenn^, wenn ich die volle Vermittlungsgebühr im Voraus entrichtet hätte; 



308 XX. SCHNEICKERT, 

ich zahlte 10 Mark und versprach den Beet von 5 Mark fQr den Fall dnee 
definitiven Engagementsabschlu&ses. Damit war man einverstanden, nahm die 
10 Mark and schickte mich zu einer Firma, bei der die Stellung, um die ich 
mich bewerben wollte, seit Tagen bereits besetzt war. Auf meine Vorhaltungen 
erhielt ich meine 10 Mark zwar zurück, man veranlaßte mich aber gleichzdtig, 
für eine neue Vermittelung wieder 6 Mark einzuzahlen. Über diesen Betrag 
erhielt ich eine Quittung, die ich aber erst spSter durchlas und nach der ich 
5 Mark für ein Abonnement auf einen Vakanzen- Anzeiger bezahlt hatte/* 

Ein neuer Geschäftskniff ist der sogen. Pf andsch eins chw in del, 
der bei Privatpfandleihanstalten ins Werk gesetzt wird. 

49. Es gibt eine Anzahl von Fabriken, die ganz billige, in ihrem 
Äußeren aber den wertvollsten Stücken gleichende Uhren, Ketten, 
Ringe, Krawattennadeln, Medaillons usw. anfertigen, und die meist 
von den sogenannten „Pfandscheinschiebem" erworben werden, ledig- 
lich zu dem Zweck, sofort versetzt zu werden, und zwar bei Privat- 
pfandleihanstalten, die in der Regel keine gewiegten Taxatoren 
haben. So kommt es vor, daß Uhren, die einen Verkaufswert von 
7—8 M. haben, mit 12— 15 M. beliehen werden. Die Uhren haben 
ein schlechtes Geh werk und schwache Gehäuse. Noch größer ist 
der Schaden z. B. bei farbigen Edelsteinen, die so täuschend nach- 
gemacht werden, daß selbst Fachleute häufig sich düpieren lassen. 
Haben die ,,Schieber'' einen solchen Gegenstand versetzt und bei 
diesem Versatz schon so und soviel verdient, dann suchen sie sich 
ein geeignetes Opfer, dem sie auch noch den Pfandschein für ein 
paar Mark aufnötigen. 

Einer der guten Zwecke, die man der Presse zubilligen muß, ißt 
die öffentliche Warnung vor betrügerischen Firmen und Inseraten. 

So bringt die „Berliner Morgenpost'' (vom 10. Dez. 1905) unter 
der Aufschrift „Lohnender Nebenverdienst** eine Reihe 
Inseratensch windeltricks, denen ich die nachstehenden entnehme, 

50. Eine Firma empfiehlt ein „Maschine zum Geldmachen." Der 
Gewährsmann schreibt: 

„Diese Maschine bestobt in einem Apparat, der imstande sein soll, zwar 
nicht direkt*Geld, wohl aber eine photographische Aufnahme und ein ganzes Dutzend 
Visit- oder Kabinettbilder oder Porträts-Postkarten innerhalb nur weniger Minuten 
selbsttätig herzustellen, daher, Fachkenntnisse absolut unnötig. Kaufpreis nur 
18 bis 100 Mark, je nach Ausstattung. Auf Wunsch erhielt ich einige „Probebilder*» 
ein Visitbild auf glänzendem und ein Kabinettbild auf mattem Celloidinpapier, 
also auf den in Ateliers gebräuchlichen Papieren, während, wie mir als „Fach- 
mann" bekannt, der bewußte Apparat nur auf Bromsilber seine Bilder selbsttätig 
herstellen kann! Ferner stammten jene „Probebilder'* aus erstklassigen Ateliers, auf- 
genommen mit teuren Porträts-Objektiven, und waren gut durchretouchiert, während 
die (mit solchen Aufnahmen überhaupt gar nicht zu vergleichenden) Produkte jener 
Goldmaschine vollständig unretouchiert in die Hände des Publikums gehmgen*. 



Neue Gaunertricks. 309 

In einer „Anleitung für Nebenverdienst durch Adressenschreiben** 
heißt es: 

«Schreiben Sie alle Adressen auf von Leuten, die an gewissen Krank- 
heiten leiden, wir zahlen für 100 solcher Adressen 1 Mark. Die Adressen 
werden jedoch geprüft, indem Heilmittel-Prospekte an die 'Betreffenden 
gesandt werden; dann zeigt sich ja an der Hand der einlaufenden Bestellungen, 
ob resp. welche Adressen gut sind**. 

51. Eine Firma, die das Angebot macht, Aufträge auf Druck- 
sachen und Gummistempel entgegenzunehmen, inseriert: 

„Hoher Nebenverdienst für deutlich Schreibende. (Interessante 
Tätigkeit) Prospekte gegen 10 Pfg.-Marke". 

In dem Prospekt wird das Geheimnis aufgeklärt: „Bei Aufgabe 
einer Druck- oder Stempelbestellung ist zweimal, in deutscher und 
lateinischer Schrift recht deutlich geschrieben der Text einzu- 
senden." Der „Firma" kommt es nur auf die Vereinnahmung der 
lO-Pfg.-Marken an. 

52. Ein Firma in Leipzig offeriert in großen Annoncen bequemen 
schriftlichen Nebenverdienst bis 100 M. monatlich für Herren und 
Damen. Wer sich meldet, erhält einen kleinen Prospekt, in welchem 
es heißt, daß es sich „um schriftliche Arbeiten handle, welche „Ihnen" 
nicht in ihrem Beruf stören", und „welche ich direkt vergebe, also 
nicht bloß nachweise, wie es so viele andere tun, nachdem mein 
Unternehmen sich den Ruf strengster Reellität erworben hat" Der 
Prospekt enthält die Aufforderung, zunächst 50 Pfg. für „Korre- 
spondenzgebühren^' zu schicken, dann werde die genaue „Anleitung" 
zugesandt werden. 

53. Über einen groß angelegten Schwindeltrick, der in verschie- 
denen deutschen Großstädten mit nicht geringem Erfolg inszeniert 
wurde, berichtet die „Berl. Morgenpost", wie folgt: 

Anfang April 1906 erschienen in mehreren Zeitungen Anzeigen, 
daß Generalvertreter für einen leicht verkäuflichen 20 Pfennig- 
artikel gesucht würden. Ein Herr aus H., der in Berlin wohnt, las 
die Anzeige in seiner Dorfzeitung, bewarb sich und erhielt von einem 
Herrn Antoine Walz aus Lille, die Generalvertretung für Deutschland, 
mit Ausnahme von Rheinland und Westfalen. Diese beiden Provinzen 
vertrat, wie ihm mitgeteilt wurde, ein gewisser Julius Amraon in 
Aachen. 

Aas der Geschäftsan Weisung ersah der neue ^Generalvertreter'*, daß er 
«tHagnesiapastUlen** verkaufen sollte, die, dem Petroleum zugesetzt, den vorzüg- 
Bchsten Petroleum- Wachsglühlichterzeuger darstellen sollten, mit 50 pCt. Petroleum- 
«rapamis. Durch 120 Zeitungen seien Hausiei-er gesucht worden, die täglich 
jeder 30 Mark verdienen sollten. Auf an ihn eingegangene Bestellungen der 
Hausierer sollte der Generalvertreter die Ware unter Nachnahme von Walz aus 
Arehir ffir Kriohialaiithropologle. XXYI. 21 



310 XX. SCHNEICXERT 

Lille kommen lassen. Der Herr aus H. erhielt nach seiner hiesigen Wohnang 
von Hausierern, denen Walz seine Geschäftskarte zugesandt hatte, bald für 250ö 
Mark Bestellungen. Bei der Höhe der Summe erkundigte er sich erst bd Hern 
Anmion in Aachen, der angeblich schon längere Zeit mit großem Erfolg tätig 
gewesen war. Die Auskunft lautete vorzüglich, und nun trug der Generalvertreter 
kein Bedenken mehr, die 2500 Mark für die Nachnahmesendung zu bezahlen. 
Als er dann aber die Ware den acht Hausierern, die sie bestellt hatten, zusandte, 
erfuhr er von der Post, daß alle nach Nordfrankreich abgereist seien. Sie waren 
für immer verschwunden, der Generalvertreter bekam die wertlosen Magnesia- 
pastillen zurück und ist sein Geld los. Walz hatte nicht nur in Berlin, sondern 
auch in Hamburg, Bremen, Leipzig und anderen Großstädten Generalvertreter 
für seine ^Magnesiapdstillen'' eingesetzt und jedem die alleinige Vertretung für 
das ganze Deutsche Reich zugesagt, mit Ausnahme von Rheinland und Westfalen. 
Hier hauste in Aachen Herr Ammon, dessen T,große Erfolge*^ als Zugmittel dienten, 
und der als Helfershelfer des Schwindlers die glänzenden Auskünfte fabrizierte. 
A. hatte in Aachen auf kurze' Zeit ein möbliertes Zimmer gemietet. Es wurde 
femer festgestellt, daß Walz selbst mit seinen französischen „Hausierern* in 
Deutschland herumreiste und die Bestellungen an die Generalvertreter aufgab, 
ohne sich bei seinen Vertretern sehen zu lassen. Eines Tages teilte er diesai 
mit, daß er seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegen wolle, und erbat sich 
Geldsendungen vorläufig postlagernd nach Köln. Das war ein Mittel, die ver- 
trauensseligen Leute noch sicherer zu machen. Rund 30000 Mark sollen der 
Schwindlerbande nach Frankreich zugeflossen sein. 

i) Fortsetzung. Kurpfuscherei und Wahrsageschwindel. 

54. Die Firma „Coza-Institut" in London hatte in vielen deutschen 
Zeitungen ,,Coza-Pulver*', ein unfehlbares Mittel gegen Trunksucht 
für 10—20 M. empfohlen. Das wertlose Mittel, dessen reeller Wert 
kaum 40 Pfg. ist, besteht nur aus Kalmus- und Enzianwurzel und 
doppelkohlensaurem Natron. 

Ein weiteres, ebenfalls wirkungsloses „Mittel gegen Fettleibig- 
keit" — „Anticellatabletten", 10 M. 20 Pf. p. Nachnahme — bot die 
gleiche Firma an. 

55. Ein gewisser A. Stroop in Neuenkirchen preist ein Sym- 
pathiemittel gegen Krebs-, Magen- und Leberleiden — 10 M, 20 Pf. 
p. Nachnahme — an; die (aus fein zerteilten Pflanzenblättem her- 
gestellten grünen) Pulver sind nur an bestimmten Tagen einzunehmen 
und zwar Jedesmal am Morgen nach Neumond vor Sonnenaufgang." 

Vor diesen Mitteln haben verschiedene Behörden öffentlich ge- 
warnt. 

56. Ein Leser der ^Berl. Morgen-Post" berichtet über den 
„Maxim-Planchette"-Schwindel des „Professors" Johannes Maxim 
in London, wie folgt: 

M. inserierte in vielen deutschen Zeitungen unter der Über- 
schrift „Wunderbar": 



Neue Gaunertricks. 311 

... Sie mögen an Zauberei glauben oder nicht. Ihre Gelegenheit ist 
gekommen, es zu erproben. Sie werden sehen, was für eine wunderbare 
Offenbarung ich Ihnen über Sie selbst, Ihre Vergangenheit, Cregenwart 
und Zukunft schreiben kann. Es ist vollständig gratis. 

Wer, dieser Aufforderung entsprechend, seine Adresse angibt, 
erhält ein vervielfältigtes Schreiben mit allerlei albernen Wahr- 
sagungen. Zum Schlüsse kommt dann der Pferdefuß: 

„Bezüglich der gestellten Privatfragen kann ich Ihnen als besten Ant- 
wortgeber die Maxim-Planchette empfehlen, die Ihnen zugleich mit einer 
Unterweisung für Bypnotismus und Lesen des Geistes im eigenen Hause 
gegeben wird, gleichfalls ein Buch über die Geheimnisse des Lebens, in der 
Mitgliedschaft der Maxim- Ailiance mit einbegriffen für nur 5 Mark, die 
per Postanweisung, Banknote oder in Briefmarken übersandt werden können*^. 

Reagiert man nicht sofort auf diese freundliche, auf grünem 
Papier hektographierte Einladung, so folgt ein zweites Schreiben auf 
rosenrotem Papier. Darin wird die „Maxim-Planchette" wie folgt be- 
schrieben: 

«Man setze die Planchette auf einen großen Bogen weißes Papier, gehe 
damit in einen ruhigen, stillen Raum, sehe in das Kristallglas und frage, 
was man zu wissen wünscht. Das Instrument schreibt von selbst die Antwort 
auf das Papier. Nun sehe man in das Kristallglas, und es wird Ihnen dasselbe 
bestätigen, was die Planchette schrieb." 

Nach Einsendung von 5 M. läßt Maxim nichts mehr von sich hören. 

57. Xu dem großen englischen Seebad Brighton florierte seit 
Jahren das Geschäft eines Herrn Hawkins, der einem leichtgläubigen 
Publikum zwei Pulver verkaufte, die beinahe jede Krankheit heilen 
sollten. Sie hießen „Gloriensis" und „Corassa Compound**; ersteres 
hatte, wie die Annoncen versicherten, ein Franziskaner in Westafrika, 
dieses ein Priester in Südaroerika entdeckt Ein Schächtelchen mit 
fünf dieser Pulver kostete 18 s 9 d, und das Geschäft ging so gut, 
daß sich der Quacksalber in Brighton selbst zwei Häuser halten 
konnte und noch andere auswärts besaß. Eine Reihe Angestellter sandte 
täglich Tausende von Zeugnissen aus, in denen sich Arzte, Pfarrer 
usw., die aber nur in Mr. Hawkins Phantasie existierten, mit Be- 
geisterung über die Heilkraft der Wunderpulver aussprachen. Diese 
bestanden einfach aus Bromkali und kohlensaurem Natron, waren 
ganz harmlos, aber auch ganz wertlos und kosteten in ihrer Her- 
stellung nur paar Pfennige. 

(Urteil: 3 Monate Gefängnis.) 

58. Dem 27 jährigen Gärtner K., der durch Zufall von der schweren 
Krankheit eines Mädchens Kenntnis erlangt hatte, war es gelungen, 
sich Eingang bei dessen Angehörigen zu verschaffen und sie zu 
überreden, ihm die Behandlung *der Kranken anzuvertrauen. Seiner 

21* 



312 XX. SCHNEICKBRT 

Theorie, daß jede Krankheit durch böse Geister verursacht werde, 
die er bannen könne, hatten die Angehörigen Glauben geschenkt und 
bestellten den behandelnden Arzt ab. Der „Geisterbeschwörer^, der 
das kranke Mädchen wiederholt in einem dunklen Zimmer „behan- 
delte", nutzte die Gelegenheit dagegen nur zu unsittlichen Attentaten au& 

59. Die bisher unbescholtene Wahrsagerin Rosalie F. wurde 
wegen Betruges zu 40 Mark Geldstrafe verurteilt. 

Tatbestand: Auf Grund einer Annonce erschien eines Tages die 
20 jährige Fabrikarbeiterin G. bei der Wahrsagerin F^ die schon 
nach den ersten Worten als Motiv der „Konsultation'' Liebeskummer 
feststellte. Das junge Mädchen klagte unter bitteren Tränen, daß ihr 
Bräutigam immer kühler zu ihr werde und sich jetzt gänzlich von 
ihr abwenden wolle. Die F. braute unter allem möglichen Hokus- 
pokus einen Liebestrank und brachte schließlich aus dem Eidotter 
auch den Grund des zurückhaltenden Wesens des heiß geliebten 
Bräutigams heraus. Allen Ernstes versicherte sie dem jungen Mäd- 
chens, der Treulose befinde sich nur in Geldverlegenheit und wolle 
es ihr nicht eingestehen. Er würde es aber sehr übel nehmen, wenn 
sie ihm das Geld persönlich anbiete. Die erfindungsreiche Wahr- 
sagerin bot sich an, die Vermittlerrolle zu übernehmen und dem jungen 
Mann das Geld zu übergeben. Vertrauensvoll händigte die G. der 
Wahrsagerin 20 Mark aus, nachdem sie vorher den Namen und die 
Wohnung ihres Bräutigajns angegeben hatte. Zu ihrem größten 
Leidwesen blieb jedoch alles beim alten» Sie begab sich deshalb 
nochmals zu der Angeklagten. Diese aber gab an, der Bräutigam 
brauche noch mehr Geld, da er viele Schulden zu bezahlen habe, be- 
vor er ans Heiraten denken könne. Die Vertrauensselige opferte 
nochmals 5 Mark, natürlich wieder ohne jeden Erfolg. Der Bräutigam 
blieb bei seinem ablehnenden Verhalten. Endlich faßte sie Mut 
und sprach ihn auf der Straße an, ob er denn die 25 Mark nicht 
erhalten habe. Nunmehr stellte sich heraus, daß die Wahrsagerin 
das Geld für sich behalten hatte. 

60. Annonce einer modernen Pythia: 

„Weltberühmt! Weltbekannt I Kein Hokus-Pokus! Keine Sympathicl 
Kein Spiritismus I Nur studierte Planeten- und Kartenkunst Dankbare 
Anerkennung vornehmer Persönlichkeiten. Laut Beschluß des Kgl. Amts- 
gerichts ist meine Kunst erlaubt I Wegen zahlreicher Erfolge öffentlich aus- 
gezeichnet. Kartenkunstlerin X. bei Berlin." 

k) Fortsetzung. Wobltätigkeitssch windel. 

61. Der vorbestrafte 36 jährige Schriftsetzer L. verschaffte sich 
irgend ein Zirkular des „Berliner Asylvereins für Obdachlose*' und 



Nene GaunertrickB. 313 

ließ sich mehrere Exemplare anfertigen, die er aber außer den 
Unterschriften des Vorstandes bekannter Persönlichkeiten noch mit 
dem Namen „Kühne" versehen ließ, der angeblich den Posten eines 
Kassenwarts bekleiden und in der Oranienstraße wohnen sollte. 
Mit Hilfe dieses fingierten „Kassierers^ beabsichtigte L. eine Reihe 
hochgestellter Personen, die sich der öffentlichen Wohlfahrtspflege 
widmen, zu prellen. Neben diesem gefälschten Zirkular versandte 
der Gauner eine Liste, auf der sich die Namen mehrerer Börsenleute 
und Großindustrieller befanden und femer noch ein Begleitschreiben 
mit der höflichen Bitte, den zu spendenden Betrag in die Liste ein- 
zuzeichnen und diese dann an die nächstangegebene Adresse weiter- 
zusenden. Derartige Briefe richtete L. an mehrere bekannte Persön- 
lichkeiten. Während nun die gefälschten Kollekten durch die aus- 
ersehenen Opfer selbst weitergegeben wurden, wartete L. in seinem 
Stammlokal in aller Gemütsruhe auf den Erfolg. Da in den Zirku- 
laren die Bitte ausgesprochen war, sämtliche Anfragen an den 
.^Kassierer Kühne^ in der Oranienstraße zu richten, so hatte L. an 
das dort zuständige Postamt unter dem Namen eines „Kaufmanns 
Kühne*' das Ersuchen gerichtet, sämtliche an ihn eingehende Brief- 
schaften auf der Post lagern zu lassen, weil er angeblich verreist 
sei Nach einigen Tagen holte sich der Schwindler drei eingegangene 
Listen ab und begann nun, die gezeichneten Beiträge einzukassieren. 
(Urteil: 2V2 Jahre Zuchthaus, 450 Mark Geldstrafe.) 

62. Ein ungarischer Schriftsteller Namens Lasar Judawicz gab 
sich gleich anderen Schwindlern für ein Opfer der russischen B^vo- 
Intion aus. Er besuchte jüdische Finanzleute, die durch ihre Wohl- 
tätigkeit bekannt sind, erzählte ihnen, daß er in Helsingfors eine 
Druckerei besessen, durch die Revolution aber sein ganzes Hab und 
Gut verloren habe. Unschuldig sei er nämlich in den Verdacht ge- 
raten, an der Ermordung eines Generalgouverneurs teilgenommen zu 
haben. Daher habe er fliehen müssen und nur das 'nackte Leben ge- 
rettet Sein Vermögen habe die russische Regierung eingezogen. 
Um . seinem Bettel eine gewisse Form zu geben, überreichte der 
„Flfichtling'^ ein angeblich von ihm selbst verfaßtes und gedrucktes 
Bach Jakobs „TempeP, das altjüdische Kulturbräuche behandelt und 
dem jedesmaligen Empfänger gewidmet war. Mitleidige Leute kauften 
ihm nicht nur viele Exemplare seines Werkes ab, sondern gaben ihm 
auch darüber hinaus noch reichliche Unterstützungen. Widmungen 
seines Werkes hatte er sich auf verschiedenen Namen in großer 
Menge drucken lassen. Er brauchte sie jedesmal, wenn er Absatz, 
fand, nur einzukleben. 



314 * XX. SCHNEICKERT 

63. Bei einer Wohltätigkeitsgesellschaft erbettelte sich ein 
Vagabund eine Fahrkarte nach einer etwas entfernt liegenden Ort- 
schaft, wo er Arbeit finden oder eine Stellung antreten werde, unter 
Beaufsichtigung trat er die Reise an, stieg aber schon an der nächsten 
Haltestelle aus und ließ sich unter irgend einem Vorwand an der 
Stationskasse die Differenz der nicht zurückgelegten Fahrstrecke 
herauszahlen. 

1) Fortsetzug. Rennbahnschwindler. 

64. Der Vertreter einer Wettbureaufiliale, der zu bestimmten 
Stunden in Cafös Wettaufträge entgegennimmt, um sie seinem Bureau 
zu übermitteln, gibt z. B. . um 2 Uhr drei Briefe auf zu einem 
Rennen, das um V4 3 Uhr — angenommen in Wien — zum Austrag 
kommt. In jedem der Briefe nennt er ein anderes Pferd. Wenn er 
dann um 2 V^ Uhr von der Rennbahn die telephonische Nachricht 
erhält, welches Pferd gesiegt hat, begibt er sich auf das Aufgabe- 
postamt, legitimiert sich als Absender und läßt sich zwei Briefe, (welche 
nicht siegende Pferde bezeichnen), zurückgeben, während der ab- 
gehende dritte Brief feststellt, daß eine Viertelstunde vor dem Rennen 
der Sieger ordnungsgemäß gewettet ist. Auch die Differenz der 
mitteleuropäischen Zeit, die ja feststeht, wird hierbei genau beachtet. 
Ähnlich ist ein anderer Trick, der in der Weise ausgeführt wird, daß 
ein einzelner Einschreibebrief eingeliefert und dann eine Viertelstunde 
später „auf einen Augenblick'' von dem Beamten zurückgefordert und 
der Inhalt verändert oder vertauscht wird. 

65. „Der Mann mit guten Tips". Durch ein fingiertes 
Telephongespräch in irgend einem Zigarrenladen, in dem sich einige 
Kunden des Zigarrenhändlers aufhalten; lenkt der Schwindler deren 
Aufmerksamkeit auf seine „guten Tips", die er aus sicherer Quelle 
mitgeteilt erhalten habe; die Auskunft habe ihn selbst 15 Mark 
gekostet. 

Für einige Mark verkauft er dann den vertrauensseligen Leuten 
seine „guten Tips" weiter, ohne selbst aber eine Ahnung davon zu 
haben, welche Rennpferde Hoffnung auf Sieg verheißen. 

m) Fortsetzung. Versicherungssch windeK 
Aus Paris wird über einen ganz eigenartigen Fall eines Ver- 
sicherungsschwindels berichtet. 

66. Ein Metzgerraeister in Marseille, der an Schwindsucht starb, 
ließ sich kurz vor seinem Tode bei 34 verschiedenen Lebensver- 
sicherungen mit insgesamt 1800000 Francs versichern. Die in den 



Neue Gaanertricks. 315 

Policen mit durchschnittlich je 53000 Francs Bedachten standen zu 
dem Verstorbenen in gar keinem Verwandtschaftsverhältnis und 
waren in den meisten Fällen Bankiers und Agenten, die auch 
die Versicherungprämien bezahlt hatten. Als sie zur Verant- 
wortung gezogen wurden, machten sie den Einwand, jede der 34 
Versicherungsgesellschaften habe einen Arzt gehabt, der den Metzger 
untersuchte. Wenn es den Versicherungsärzten nicht gelang, die 
Symptome der Schwindsucht zu entdecken, so sei das eben Sache 
der Gesellschaften, die für gewissenhaftere Untersuchung sorgen 
sollten. 

67. In Lyon ist folgender Versicherungsschwindel entdeckt worden. 
Sobald in dieser Stadt jemand aus den begüterten Ej*eisen starb, 

erhielten die Erben von einer Londoner Versicherungsgesellschaft eine 
Zuschrift, in der sie daran erinnert wurden, daß die letzte Prämie 
der Lebensversicherung des Herrn oder der Frau X. noch nicht ein- 
gezahlt sei; wenn sie nicht umgehend beglichen würde, müßte die 
Pohce verfallen. Die Erben beeilten sich natürtich stets, die Be- 
träge, zwischen 128 und 500 Francs schwankend, einzusenden und 
gleichzeitig um die Liquidierung der Police zu ersuchen. Auf die 
Antworten mußten sie immer vergeblich warten. In Lyon und Um- 
gebung sollen Hunderte auf diese Weise geschädigt worden sein. 

n) Fortsetzung. Verschiedene andere Betrügertricks. 

68. Künstliche Unglücksfälle inszenierte in Paris eine gut 
organisierte Betrügerbande, die sich stets gut rentierten. Der typische 
ÜDglücksfall spielt sich folgendermaßen ab: 

Zwei Fußgänger, die den Fahrdamm in entgegengesetzter Bich- 
tung überschreiten wollen, begegnen sich und prallen bei dem Ver- 
such, auszuweichen, aneinander. Inzwischen nähert sich ein Wagen. 
Nur dem einen gelingt es, rasch bei Seite zu springen; der andere 
kommt aber unter die Pferde und erleidet eine leichte Verletzung. 
Der Vorfall ist von einer Gruppe junger Leute beobachtet worden, 
die übereinstimmend behaupten, der Kutscher sei an dem Vorfall 
schuld; er hätte noch Zeit gehabt, die Pferde anzuhalten. Da 
Äußerungen des Unwillens immer lauter werden, schreitet ein Schutz- 
mann ein und nimmt von einem gutgekleideten Herrn die Aussage 
entgegen, daß der Kutscher an dem Unglücksfall die Schuld trage. 
Der Verletzte klagt dann gegen den Kutscher, und dieser wird auf 
Grand der Zeugenaussagen zur Zahlung eines beträchtlichen Schmer- 
zensgeldes verurteilt 

69. St, „Direktor der Lehranstalt für Krawattenfabrikation ^ hier, 



316 XX. SCHNEICKEKT 

versprach in hochtönenden Anpreisungen Frauen und Mädchen, daß 
sie in seiner Lehranstalt die Herstellung von Krawatten in acht bis 
vierzehn Tagen erlernen könnten und nach der Lehre Stellungen mit 
30 bis 50 Mark Wochenverdienst bekämen. Viele Mädchen trauten 
dem verlockenden Angebot um so mehr, als Direktor St vor Schwindel- 
firmen, die ähnliches versprächen, warnte. Die Ausbildung kostete 
10 Mark für acht und 20 Mark für vierzehn Tage. Zu dem Lehr- 
geld kamen noch allerlei Anschaffungen, so daß die Frauen und 
Mädchen durchweg etwa 30 Mark auszugeben hatten ; die versprochenen 
Stellungen bekamen sie durch St. aber nicht. 

70. Unlauterer Wettbewerb: Der Inhaber eines Waren- 
hauses in Spandau richtete einen sogen. „Bamschausverkauf ^ ein. Große 
Plakate kündigten an, daß alle Waren den doppelten Wert des Ve^ 
kaufspreises hätten. 

Im Schaufenster waren u. a. Ledergürtel ausgestellt mit einem 
großen Plakat, auf dem die Zahl „58^ stand. Das Publikum hielt 
diese Zahl für den Preis der Gürtel. Wie der Warenhausinhaber 
vor Gericht erklärte, sei dies nur die Anzahl der noch vorhandenen 
Gürtel gewesen. An einem Kostüm stand die Zahl „48". Wenn 
eine Käuferin, durch den billigen Preis angelockt, das Geschäft be- 
trat^ wurde ihr mitgeteilt, daß dies nur die Nummer des Kostüms sei; 
dagegen wären ähnliche Kostüme am Lager, die aber etwas teurer 
wären. An verschiedenen Stoffballen standen große Zahlen, wie 
z. B. „1,15", so daß es den Anschein hatte, dies sei der Preis für 
1 m Stoff. Erst wenn man sich das Plakat genau ansah, bemerkte 
man hinter der Zahl „1,15** in ganz kleiner Schrift „Zentimeter 
breit'^ Bei verschiedenen anderen Waren, die zu auffällig billigen 
Preisen im Schaufenster ausgezeichnet waren, wurde dem kauflustigen 
Publikum überhaupt der Verkauf verweigert 

(Urteil: 300 M. Geldstrafe.) 

71. Ein falscher Bahnbediensteter erschien bei Künstlern mit der 
Erklärung, daß ein Faß Wein von einem Verehrer für sie angekommen 
sei. Ihre Eitelkeit ließ keine Ablehnung des Geschenkes zu, sie 
zahlten auch gerne die von dem Betrüger geforderte Geldsumme für 
Zoll und Spesen (Wien). 

In einem ähnlichen Falle bot der Betrüger hiesigen Geschäfts- 
leuten 1000 Zigaretten zum Geschenk an und ließ sich jeweils 20 M. 
für Zoll und Spesen bezahlen. 

72. Eine Hausiererin bot „echten Klostemeuburger Essig" zum 
Verkauf an und gab, um des Absatzes sicher zu sein, an, die Frau X. 
aus dem unteren Stock, die solchen Essig bestellt habe, schicke sie 



Neue Gaunertricks. 317 

mit den Überzähligen 3 Flaschen herauf, da ihr 10 Liter zu viel 
seien. Der Preis dafür war etwas hoch und der Essig unbrauchbar. 
Die freundliche Nachbarin vom unteren Stock, welche die Essig- 
händlerin nur durch ihr Türschild kannte, wußte natürlich nichts von 
der Essigbestellung und Empfehlung. 

73. Um seine Eonkurrenten aus dem Felde zu schlagen, hatte 
ein Milchhändler seinem Geschäftsfeinde täglich Wasser in die während 
des Milchaustragens im Treppenflur abgestellten Milchkannen gegossen. 

Betrogene Dienstboten. 

74. Ein Schwindler, der eine mit Metallbuchstaben versehene 
Hansdienermütze trug, suchte Dienstmädchen in Abwesenheit ihrer 
Herrschaft auf und erklärte, er sei der Bote einer in der Nähe be- 
legenen Apotheke. Hier habe die Herrschaft soeben einige Flaschen 
Medizin gekauft, die er gegen Zahlung (eines zwischen 6 und 15 Mark 
variierenden Betrages) abliefern solle. Die Fläschchen enthielten nur 
gefärbtes Wasser. 

75. In einem anderen Falle wußte ein Schwindler Dienstmädchen 
in der Weise zu betrügen, daß er ein „Wertpaket" mit der zutreffen- 
den Adresse und der Aufschrift „Wert 300 Mark" zurecht machte, 
das er unter Einforderung einiger Mark „Gebühren** dem Dienstboten 
(oder Familienangehörigen) aushändigte: zuvor hatte er die Abwesen- 
heit des Adressaten ausgekundschaftet. 

76. Ein Hausdiener, der von seiner Herrschaft den Auftrag er- 
halten hatte, ein bekanntes Pelzwarengeschäft zur Abholung der 
Pelze zwecks Aufbewahrung während des Sommers aufzufordern, 
teilte diesen Auftrag jenem Pelzwarengeschäft durch Postkarte mit; 
diese Karte schrieb er in einer Schankwirtschaft in Gegenwart eines 
neuen Freundes, der sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen 
ließ, für die Abholung der Pelze zu sorgen. Als der Angestellte 
des Pelzwarengeschäftes erschien, wurde die Gaunerei entdeckt 



II. ftanb und Etnbmehdtebstalil. 

77. Der Geschäftsreisende E. hatte Kenntnis davon erhalten, daß 
die Verkäuferin D. eines Fleischerladens häufig größere Geldbeträge 
nach dem Zentralviehhof zu tragen hatte. Als die D. eines Tages 
unterwegs war, 2000 M. in einem Lederbeutel nach der Viehkommissions- 
bank zu tragen, gesellte sich plötzlich K. zu ihr mit der Frage, ob 
sie ^Fräulein D." sei. Auf ihre bejahende Antwort stellte sich K. 
ab Sohn eines Viehkommissionärs vor und erzählte folgendes: 



318 XX. SCHNEICKERT 

Ihr Vater sei plötzlich nach Berlin gekommen und habe auf der 
Straße einen Blntsturz bekommen. Zufällig sei sein Vater hinzuge- 
kommen und habe den Erkrankten mit nach der Wohnung genommen, 
wo er jetzt noch schwer krank daniederliege. Da er dem Tode nahe 
sei, habe er den dringenden Wunsch geäußert, noch einmal seine 
Tochter zu sehen. Die D. war über diese so unerwartet gekommene 
schmerzliche Nachricht ganz bestürzt und folgte eiligst dem K., zumal 
die Angaben des Angeklagten einen gewissen Schein der Wahrheit 
trugen; der Vater der D. wollte tatsächlich um jene Zeit in B^lin 
eintreffen. 

Nachdem sie mit K. das von ihm bezeichnete Haus, in dem ihr 
totkranker Vater liegen sollte, betreten hatte, wurde sie von K. über- 
fallen, dieser mußte aber von der Beraubung Abstand nehmen, da durch 
den entstandenen Lärm Hausbewohner herbeigelockt wurden. Einer 
Frau, die ihm bei seiner Flucht den Weg versperren wollte, rief er 
zu, daß oben auf der Treppe ein junges Mädchen einen Krampfan- 
fall bekommen habe. Nachdem dieser Raubversuch mißlungen war, 
verschaffte er sich durch den oben unter Ziffer 43 mitgeteilten Trick 
Geld. (Urteil: 2 Jahre, 1 Monat Zuchthaus.) 

78. An die Wirtschafterin B. trat hier ein fein gekleideter junger 
Mann heran und fragte nach dem Weg nach einer anderen Straße. 
Sie wollte erst nicht antworten, ließ sich dann aber doch in ein Ge- 
spräch ein. Plötzlich brachte der junge Mann, der neben ihr herging, 
das Gespräch auf ihre Uhrkette, die er als „Juwelier"' bewunderte. 
Unversehens griff er dann nach der Kette, um sie der Trägerin zu 
entreißen. Diese hielt die Kette fest, konnte aber nicht verhindern, 
daß der Räuber die Uhr abriß uud damit das Weite suchte. 

79. Beraubung von Stationskassen. In Betracht 
kommen hauptsächlich kleinere Bahnhöfe, auf denen sich in den 
Stationsgebäuden nur zwei Beamte befinden. Laufen dann zu 
gleicher Zeit zwei Züge ein, so müssen beide Beamte den Raum 
dienstlich verlassen. Diesen Augenblick benutzen die Räuber, um 
schleunigst in das Stationsbureau einzudringen und die Hauptkasse 
zu berauben. 

80. Ein neues Sonderfach haben sich hiesige Einbrecher aus- 
gesucht. Sie gehen die Haustreppen auf und ab und horchen an 
den Wohnungen, job drinnen nicht etwas los ist. Wo sie ans 
Klavierspiel, Gesang oder lebhafter Unterhaltung mit Sicherheit auf 
eine angeregte Gesellschaft schließen können, da öffnen sie mit guten 
Nachschlüsseln geräuschlos die Flurtür und stehlen, was die Gäste 
oder die Gastgeber auf depa Flur abgelegt haben. 



Neue Gaunertricks. 319 

81. Die Musikbegleitung spielt auch noch in einem anderen 
Falle eine Rolle; während der Einbrecher in den Räumen eines 
Schankwirtes arbeitet, müssen seine Komplizen in der Gaststube den 
Musikautomaten ständig spielen lassen und den Wirt in geeigneter 
Weise unterhalten. 



III. Hilfsmittel und Vorbereitung des Verbrechers. 

82. Bettler als Kundschafter und Vermittler. Die 
^besseren Einbrecher** geben sich selbst nicht mehr mit dem „Aus- 
baldowern'' ab. 

Bei verhafteten Bettlern fand man Verzeichnisse von Wohnungen, 
die zum Teil schon erbrochen sind und zum Teil noch an die Reihe 
kommen sollten. Diese „Arbeitsteilung^ . hat sich allmählich zu einem 
System ausgebildet. Die Bettler verkaufen in den Kaschemmen ihre 
^Tips" an die Einbrecher für 50 Pfennig, 1 Mark und mehr. 

83. Eia Gauner, dem es keine besonderen Schwierigkeiten 
machte, Frauenkleidung anzulegen, vermietete sich bei Familien als 
Hausmädchen, um bei günstiger Gelegenheit seine Diebstähle auszu- 
führen und plötzlich zu verschwinden. 

84. Die 21 jährige Arbeiterin R. wandte sich mit jämmerlicher 
üiene an Schlosser und klagte ihnen, daß sie von ihrer Mutter un- 
m^ischlich mißhandelt werde. Sie halte es nicht mehr aus, und wolle 
ihre Habseligkeiten wegholen, um anderswo ein Unterkommen zu 
suchen. Die Leute ließen sich endlich rühren und schlössen der 
Jammernden die Wohnung auf, die sie als die ihrer Mutter bezeich- 
nete. In Wirklichkeit waren es fremde Wohnungen, in die das 
Mädchen auf diese Weise Einlaß erhielt, nachdem es ausgeforscht 
hatte, wann die Insassen weggegangen waren und wiederkommen 
würden. In der Wohnung packte die Einbrecherin schleunigst 
Wäsche, Kleider, Schmucksachen und auch bares Geld, wenn sie es 
fand, zusammen und verschwand damit. Traf sie einen besonders 
weichherzigen Schlosser, so half er ihr auch noch in gutem Glauben 
die Beute wegschaffen. 

85. Das „Wiener Fremdenblatt" meldet folgenden gelungenen 
Gaunerstreich : 

Aus einem verschlossenen Bureau hatte ein Schwindler eine 
wertvolle Schreibmaschine entwendet und für 120 Kronen an einen 
Trödler verkauft. Der Dieb hatte sich kurz vor der Ausführung des 
Diebstahls in das Haus geschlichen, in dem sich die Bureaus befin- 
den, und von der Tür des leeren Zimmers den Schlüssel abgezogen. 



320 XX. SCHNBICKERT 

Eine Aktentasche in der Hand, hatte er dann einen Dienstmann 
aufgesucht Er ging mit dem Dienstmann nochmals in daß 
Haus und schloß mit dem mitgenommenen Schlüssel das Burean- 
zimmer auf, so daß der Dienstmann glauben mußte, der Mann gehöre 
zum Hause. Er gab ihm den Auftrag, die Schreibmaschine mitzn* 
nehmen. Der Dienstmann tat, wie ihm geheißen, und schritt hinter 
dem Mann die Treppe hinab und an dem Diener des Bureaus vorbei 
zum Hause hinaus. Nun ging der Fremde zu einem Trödler, dem 
er die Schreibmaschine zum Kauf anbot. Es wurde ein Preis von 
120 Kronen vereinbart und der Verkäufer erbot sich, dem Trödler 
der eine Legimation verlangte, selbst in das Bureau zu führen und 
ihm dort eine Bestätigung über den erfolgten Verkauf auszustellen. 
Und tatsächlich hatte der Dieb die Kühnheit, ein drittes Mal in das 
Bureau zu gehen. Er nahm dort einen Bogen Kanzleipapier und den 
Bureaustempel und bescheinigte dem Trödler, daß er ihm die Maschine 
verkaufte. Er unterschrieb und stempelte die Bestätigung und ging 
dann mit dem Trödler unbelästigt wieder weg. 

86. um den schweren gesetzlichen Bestimmungen des Einbruch- 
diebstahls nicht anheimzufallen, kamen hiesige Einbrecher auf die Idee, 
die Auslagen der Schaufenster durch die neben den Fenstern an- 
gebrachten Luftklappen mittelst kunstvoll angefertigten Drahtangeln 
herauszuholen. (Sogen. „Fischzug".) 

87. Ein Räuber, der die Beraubung eines hiesigen Geldbriefträgers 
plante, lockte sein Opfer durch Absendung einer auf 40 Pfg. lauten- 
den Postanweisung in einen Neubau und überfiel ihn dort, aus einem 
Versteck hervorkommend. Der Verbrecher wurde an der weiteren 
Ausführung seines Planes gehindert, während im Jahre 1883 ein 
ganz ähnlich vorbereitetes Verbrechen den Tod des Geldbriefträgers 
zur Folge hatte. 

88. Kassenschrankeinbruch: Die neuesten Methoden der 
Einbrecher zeigen, daß sie den Fabrikanten diebessicherer KajBsen- 
schränke gewachsen sind. Im „Pitaval der Gegenwart**, (Bd. II, 
Heft 3, S. 275 f.) werden Methoden amerikanischer Bäuber mitgeteilt 
So wurden Geldschränke durch Pulver gesprengt, das mittelst einer 
Luftpumpe in das Innere des Schrankes gebracht wurde, nachdem 
außer zwei kleinen Öffnungen alle Fugen durch Kitt sorgfältig ver- 
schlossen worden waren. In einem Falle ist dort auch von der Ver- 
wendung von Nitroglyzerin als Sprengmittel die Rede. 

Auch die hiesigen Kassenschrankeinbrecher sind auf dem Lauf- 
enden ; nicht nur Sprengstoffe werden dazu verwendet, sondern auch 
ganz moderne Hilfsmittel, z. B. Ter mit, eine Substanz, die in Ver- 



Neue Gaunertricks. 321 

binduDg mit einer dazu gehörigen Entzündungsmasse eine außer- 
ordentliche Stichflamme erzeugt und die Verschlußplatten der Geld- 
schranke zum Schmelzen bringt. (In einem Falle hatten kürzlich 
hiesige „Geldschrankknacker" einen schweren Verlust Das in den 
Scbloßkasten eingelassene Pulver zündete nicht gleich, so daß einer 
der Einbrecher nachsehen wollte. Zu gleicher Zeit explodierte die 
Pulvermasse und die auffliegende Tür erschlug den Unvorsichtigen. 
Die Komplizen flohen ohne Beute.) 



IV. Versteck gestohlener Wertsachen und Stehening der 

Diebesbente. 

89. Der Schneidermeister K., dem es gelungen war, einem Kunden 
einen Tausendmarkschein zu stehlen, nähte diesen in der Falte einer 
Hose ein, die er dann, zu seiner vorläuflgen Sicherheit, bei einem 
Pfandleiher versetzte. Durch das auffällige Beiseiteschaffen des Pfand- 
zettels während einer Hausdurchsuchung hatte er sich selbst verraten. 

90. Bei einem in Valladolid verhafteten Hochstapler fand man 
mehrere ll'ausend- und Fünfhundertfrancs-Banknoten als „Zigaretten" 
verarbeitet im Etui; in einem anderen Falle waren gestohlene Bank- 
noten, klein zusammengelegt, auf dem Boden fertiger Gewehrpatronen 
gefunden worden. (Vgl. hierzu auch den Aufsatz „Amerikanische 
Räuber" im „Pitaval der Gegenwart", II, 228.) 

91. Eine Prostituierte hatte, um einen gestohlenen Hundertmark- 
schein schnell in Sicherheit zu bringen, diesen unter dem gläsernen 
Behälter einer Stehlampe, die auf einem metallenen Ständer ruhte, 
versteckt, in einem anderen Falle auf den hohen Badeofen gelegt. 

92. Als sicheres Versteck gestohlener Wertsachen werden auch 
?xme die amtlichen Aufbewahrungsstellen der Bahnhöfe gewählt, 
wobei der Dieb oder Hehler den die Wertsachen enthaltenden Hand- 
koffer von Zeit zu Zeit abholt und bei einer anderen Aufbewahrung- 
stelle hinterlegt. Auf gleiche Weise haben Einbrecher auch schon ihr 
Handwerkszeug in Verwahrung gegeben. 

93. Gewerbsmäßige Diebe mieteten sich zur Sicherung ihrer Beute 
einen LÄgerkeller, den ein Komplize verwaltete. Die Waren wurden 
dort am hellen Tage geschäftsmäßig abgeladen und nach einer ge- 
eigneten ^Verarbeitung" (insbesondere Entfernen äußerer Merkmale 
wie Etiketten u. dgl.) weitertransportiert. In einem anderen Falle 
sandten die Hehler die Beute, um deren Ursprung zu verbergen, an 
die Geliebte eines Komplizen nach Halle, von wo dann die Ware als 
Qnverf anglich nach Berlin zurückkam. 



322 XX. SCHNEICKERT 

y. Erpressnngen. 

94. Ein polnischer Graf T. trat mit einem jungen Manne, dem 
Schiächtergesellen K., der auf Grund des § 175 StG.B. gewerbs- 
mäßige Erpressungen verübte, in Verbindung. Sobald eine hochge- 
stellte Person von K. ins Netz gelockt war, schrieb der Graf an diese 
einen Brief etwa folgenden Inhalts: 

^Wie ich durch Zufall in Erfahrung gebracht habe, gehören Sie, wie 
auch ich, zu den Homosexuellen. Ich habe ferner gehört, daß Sie von eiDem 
gewerbsmäßigen Erpresser, einem gewissen K., verfolgt werden. Da auch 
ich von demselben Erpresser verfolgt werde, habe ich mit ihm unterhandelt 
und will ihn nach Amerika abschieben. Als Reisegeld und Abündungs- 
summe verlangt dieser K. aber 3000 Mark ; 1 500 Mark will ich selbst zahlen, 
wenn Sie die andere Hälfte zahlen wollen** etc. (Urteil: 2 Jahre Gefängnis.) 

95. Der Kaufmann M. vereinbarte mit dem Fuhrmann R einen 
Wohnungsumzug mittelst eines großen gedeckten Möbelwagens, ztiin 
Preise von 45 Mark. R. erschien aber mit einem kleinen ungedeckten 
Wagen, der nicht ausreichte; jetzt erklärte R, es befänden sich 
unter den Möbeln Gegenstände, deren Transport er nicht übernommen 
habe. Er müsse deshalb zweimal fahren und verlange aus diesem 
Grunde noch 15 M. Als M. sich weigerte, diese zu bezahlen, lud der 
Angeklagte die Möbel wieder ab und stellte sie mitten auf die 
Straße. Vorher aber behielt er einen wertvollen Schrank auf dem 
Wagen und drohte, er werde dieses Möbelstück alsbald verkaufen, 
wenn ihm nicht als Endschädigung für die bisher aufgewendete Mühe 
6 M. gezahlt würden. Als M. sich zahlungsbereit erklärt hatte, steigerte 
E. seine Forderung auf 15 Mark. M. sah sich gezwungen, die ver- 
langten 1 5 M. zu bezahlen, um seinen Schrank wieder zu erhalten. Mit 
den Worten: „Solche Sachen machen wir öfter, das ist das beste 
Geschäft", fuhr R. hohnlachend davon. (Urteil: 6 Wochen Gefängnis). 

96. Eine Dame wettete hinter dem Rücken ihres Mannes auf 
den Rennbahnen. Durch einen ehemaligen Jockei, der ihr gute Tips 
gab, wurde sie mit einem eleganten Herrn bekannt, der sich „Dr. K." 
nannte. Dieser „Dr. K.'' bemerkte an einem Finger der Dame einen 
kostbaren. Ring, der ihm umsomehr gefiel, als er sich für die alte 
Goldschmiedekunst besonders interessierte. Eines Tages schrieb er 
der Dame, er habe sich in ihren Ring verliebt, und bat sie, diesen 
ihm auf einen Tag zu überlassen, damit ein ihm befreundeter Gold- 
schmied ihn zeichne und ihm nach seinem Muster einen zweiten 
mache. Er erwarte das Dienstmädchen, das ja den Ring bringen 
könne, vor der Tür seines Goldschmieds, der die Zeichnung sofort 
ausführen werde, sodaß das Mädchen das Original gleich wieder mit- 
nehmen könne. Das Mädchen traf denn auch den „Dr. K." vor 



Nene Gaunertricks. 323 

einem bekannten Goldwarengescbäft, das er bezeichnet hatte. Der 
Zeichner war aber zufällig nicht zu Hause, sondern in einem Cafä- 
Dorthin also fuhr man mit einer Droschke, um ihn zu suchen. Der 
•Herr Doktor" nahm das Mädchen mit hinein, ging dann allein 
durch alle Räume, um sich nach seinem Freunde umzusehen, war 
aber plötzlich mit dem Ring verschwunden. Nach langem Warten ging 
das Mädchen nach Hause. Bald darauf kam ein Brief von dem 
Ringliebbaber. Jetzt ließ er die Maske fallen und schrieb der Dame, 
sie sei einem Gauner in die Finger gefallen. Wenn sie nicht da und 
da so und so viel für ihn niederlege, werde er ihrem Manne ver- 
raten, daß sie sein Geld auf der Rennbahn vergeude, und was er 
ihm sonst noch zu erzählen wisse, das verrate ja sein Besitz ihres 
Ringes. Der „Dr. K." war ein schwer vorbestrafter Hochstapler. 



YI. Yerscliledene andere Gaunertricks. 

Eigenartige Erwerbsquellen: 

97. Der stellungslose 26 jährige Handlungsgehilfe Alfred K. er- 
mittelte aus den Zeitungen und Säulenanschlägen die ausgeschriebenen 
Belohnungen für die Wiederbeschaffung verlorener Sachen. Dann 
meldete er sich bei den Verlierern mit der Nachricht, sein Bruder in 
F. sei der Finder und habe ihm bereits von seinem Fund geschrieben. 
Der Verlierer war gern damit einverstanden, daß K. nach F. 
fahre und die verlorene Sache abhole. Weil er aber kein Reisegeld 
hatte, gab man ihm bereitwillig einen Vorschuß auf die Belohnung. 

98. Um seine gestohlenen Juwelen von mehreren Tausend Mark 
wieder zu erlangen, wandte sich der Juwelier St. an ein Detektiv- 
institut. Er traf mit dessen Inhaber Gr. ein schriftliches Abkommen, 
wonach Gr. einen baren Vorschuß von 125 M. erhielt und ihm für 
Wiederbeschaffung der Sachen eine Prämie von 500 M. ausgesetzt 
wurde. Gr. veranlaßte darauf die Anbringung eines Plakats an den 
Anschlagsäulen folgenden Inhalts: 

„Die gestohlenen Juwelen aus dem Schaukasten-Einbruch in der Friedrich- 
straße kauft die Detektei Gr. und M., ebenso wie in dem Falle des auf einer 
Bierreise in der Elsasserstraße ausgeraubten Herrn*) unter voller Diskretion 
zurück. Namen das Täters brauchen nicht genannt zu werden. Vertrauens- 
leute derselben wollen sich wenden an die Detektei Gr. und M." 
Gr. teilte eines Tages dem St. mit, er sei den Dieben auf der 
Spur, es würde wohl möglich sein, die „Sore'' für 1000 M. zurück- 

1) In diesem Falle mußte der Bestohlene einen Vorschuß von 150 M. zahlen 
mä für Wiederbeschaffung der Brillantringe 300 M. 



324 XX. SCHNEICKEBT 

zukaufen, und deshalb solle St. an einem bestimmten Tage einen Be- 
Yollmäcbtigten mit 1000 M. nacb einem (näher bezeichneten) Lokal 
schicken, dort würden auch die Agenten der Detektei sein. (St. brach 
aber aus irgend weichem Grunde seine Beziehungen zu Gr. ab. Es 
lag der Verdacht nahe, daß mit den Dieben selbst unterhandelt 
wurde. Das Strafverfahren gegen Gr. endete mit Freisprechung.) 

99. In einer hiesigen Fabrik wurden die eingegangenen Post- 
anweisungen in einer Schatulle von der Post abgeholt, im Kontor ge- 
bucht und sodann vom Chef unterschrieben, worauf die Abholung des 
Geldes durch den Boten der Firma erfolgte. Als Botin wurde em 
Lehrmädchen verwendet Es behielt nun von den täglich auf 1000 
bis 2000 M. sich belaufenden Anweisungen in neun Fällen je eine 
von der Buchung zurück und ließ sie nach der Unterzeichnung der 
übrigen von dem Chef unterzeichnen unter dem Vorgeben, daß er 
diese zu unterschreiben übersehen hätte. Das alsdann auf die Unter- 
schrift hin erhobene Geld, zusammen über 100 M;, behielt sie für 
sich. (Urteil: 30 M. Geldstrafe.) 

100. Um seinen Pfannkuchen zur Silvesterfeier einen möglichst 
großen Absatz zusichern, hatte ein Bäckermeister unter die Arbeiterbevol- 
kerung seiner Gegend einige Tage vorher Zettel verteilen lassen, in 
denen u. a. angekündigt war: „Außerdem backe ich in einen Pfann- 
kuchen ein 10 Markstück und der glückliche Finder erhält bei Vor- 
zeigung außerdem noch sechs Dutzend gratis dazu.** Das Pfannkuchen- 
geschäft ging am Silvestertage glänzend. Am Neujahrsmorgen aber 
war die Wohnung des Bäckermeisters von Frauen und Männern erfüllt, 
die sämtlich je 6 Dutzend Pfannkuchen verlangten und dies Verlangen 
durch die Vorzeigung eines 10 Markstückes begründeten, das jeder 
in seinem Pfannkuchen gefunden haben wollte. Obwohl der Bäcker- 
meister den Leuten auseinandersetzte, daß doch nur einer höchstens 
— eigentlich ja niemand — das Goldstück gefunden haben könne, 
wurde er die lärmende Menge nicht los und so verstand er sich 
schließlich dazu, jedem der „Finder'^ 6 Dutzend gratis einzupacken. 

101. In verschiedenen Landgegenden Sachsens erschwindelte sieb 
ein „Reisephotographiekonsortium'' bedeutende Einnahmen, wie in der 
„Photogr.-Chronik**, 1905, S. 310 f., mitgeteilt wird. In einem Falle 
hatte sich der „Chef" jenes Konsortiums von einem Gastwirtssohn 
einen Amateurphotographenapparat (für Platten zu 9 : 12) geliehen 
und nach vereinnahmten Anzahlungen mehrere Familiengruppen (so- 
gar in der bestellten Größe 13 : 18 und 18 : 24) „aufgenommen'', 
ohne überhaupt Platten exponiert zu haben. (Urteil: 3 Monate und 
2 Wochen Gefängnis.) 



Neue Gaonertricks. 326 

c) Fortsetzung. Fingierte Überfälle: 

102. Auf den Posten vor der Ulanenkaserne in H. sollte ein 
Überfall verübt worden sein. Nunmehr hat der betreffende Ulan ein 
Geständnis dahin abgelegt, daß er sich den Messerstich auf der Brust, 
den er von einem Unbekannten erhalten haben wollte, selbst beige* 
bracht habe. . Durch sein angeblich mutiges Vorgehen bei dem Über- 
fall hatte er seine Beförderung zum Gefreiten zu erlangen gehofft 

Jene Fälle sind nicht selten, in denen z. B. untreue Angestellte 
einen Überfall und Raub fingieren, um ihre eigenen Veruntreuungen 
zu verdecken. Hierher gehört auch der folgende Fall: 

103. Die Ehefrau des Eüfermeisters M. in Mainz wurde von 
ihrem heimkehrenden Manne blutüberströmt, besinnungslos und ge- 
fesselt in der Wohnung aufgefunden. Nachdem sie das Bewußtsein 
wieder erlangt, erzählte sie, von einem Unbekannten, der sich ihr als 
Weinhändler vorgestellt habe, durch einen Messerstich in die Brust 
nod einen Hammerschlag auf den Kopf verletzt worden zu sein. Der 
Täter habe sodann unter Mitnahme von 250 Mark, die in einem 
Koffer verwahrt wurden, die Flucht ergriffen. 

Schließlich hat die Frau bei ihrer Vernehmung vor dem Unter- 
snchungsrichter eingeräumt, daß die ganze Überfallsgeschichte von 
ihr frei erfunden worden sei, und daß sie sich die Verletzung selbst 
beigebracht und die Fesseln sich selbst angelegt habe. Die angeblich 
geraubten 250 M. habe sie zur Zahlung heimlicher Schulden benutzen 
wollen und einstweilen unter dem Bett versteckt 

103. Der Arbeiter Wilhelm L. ist Mitglied der Berliner Maurer- 
Krankenkasse und war krank gemeldet. Als ein Kontrolleur der 
Kasse in der L.-schen Wohnung erschien, traf er den vermeintlichen 
Kranken auch im Bett liegend an. Der Patient unterschrieb ohne 
weiteres die Besuchsbescheinigung im Kontrollbuch. Kaum hatte der 
Kontrolleur jedoch wieder die Straße betreten, so traf er zu seinem 
Erstaunen den angeblich kranken Wilhelm L. wohl und munter an. 
Schließlich gestand L auch ein, daß er seinen kranken Bruder Her- 
mann unter seinem eigenen Namen als krank angemeldet habe, da er 
keiner Kasse angehöre. 

d) Fortsetzung. 

104. Um die Kosten eines zweifelhaften Prozesses zu ersparen, 
zedierte der Kaufmann T. der Frau 6., die ihrerseits im Armenrecht 
klagen konnte, eine Forderung von 5900 Mark. 

105. Einem zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Straßenhändler 
wurde wegen eines Geschlechtsleidens Strafaufschub gewährt. Von 
Zeit zu Zeit ließ er sich von einem Arzte diese Krankheit bestätigen 

AzcUt fllr Krimioalanthropologie. XXVI. 22 



826 XX. SCHNEICKERT 

und erklärte auf die Frage, warum er sich nicht kurieren lasse, daß 
diese Krankheit sein einziger Strafaufscbiebungsgrund sei. 

106. Der Strafgefangene Wilhelm K. hat sich wiederholt selbst 
denunziert, wegen Diebstahls in verschiedenen Städten Deutschlands, 
um, wie er selbst gestand, Abwechselung in sein einsames Zucht- 
hausleben zu bringen durch Reisen auf Staatskosten und so noch die 
Möglichkeit zur Flucht zu haben. 

107. Um die wider ihren Willen in einem Bordell festgehaltenen 
Mädchen bei Geschäftsausgängen einigermaßen von der Flacht ab- 
zuhalten, hatte eine Kupplerin ihrer Begleiterin jeweils das Geld- 
täschchen ^anvertraute, das sie bei einer beabsichtigten Flucht nicht 
zu unterschlagen wagte. (Wien.) 

108. Ein junger Bursche sollte sein kleines Brüderchen hüten. 
Um sich dieser Sorge auf einige Stunden zu entheben, brachte er es 
als „verlaufenes Kind" auf die Polizeiwache und holte es später, 
nachdem er sich etwas unkenntlich gemacht hatte, als „Angehöriger" 
wieder ab. 

109. Ein Verleumder hatte, um seine Verdächtigungen beweisen 
zu können, eine „Abschrift" eines „zufällig gefundenen", aber gar 
nicht vorhanden gewesenen Briefes kompromittierenden Inhalts her- 
gestellt und sie bei einer Denunziation verwendet Das Original 
jenes Briefes, das er vermutlich gefälscht und „Zeugen" vorgel^ 
hatte, wollte er an den Adressaten (seinen Feind) alsbald nach dem 
Auffinden zurückgegeben haben. 

HO. Ein passende Gelegenheit zum Beseitigen unliebsamer 
Kinder (Säuglinge) bot eine Bettlerin in Paris, die solche Kinder 
gegen eine Abfindsumme annahm und bei Ausübung ihres Bettel- 
gewerbes auf dem Arm mitschleppte, so daß die rauhe Nachtinft 
sehr bald dem kleinen Geschöpf den Todesstoß gab. 

111. Der in einem Vorort wohnende Leser einer Tageszeitung 
mit pikanten Chiffreannoncen verschaffte sich unter Mißbrauch des 
Postgeheimnisses die auf einem bestimmten Postamt niedergelegten 
Antwortschreiben, indem er sich an jenes Postamt mit der Bitte 
wandte, die (näherbezeichneten, angeblich auf seine Annonce einge- 
gangenen) Briefe nach X. nachzusenden. (So glaubte er den gefähr- 
lichen Schlingen einer etwaigen PostObservation zu entgehen.) 

112. Um sich nach verübtem Raubanfall einen Alibi beweis 
zu sichern, eilte die 24 jährige Fabrikarbeiterin H. in der Nacht 
rasch nach Hause, entkleidete sich und ging, nur mit dem Hemd 
bekleidet, zu einer Hausgenossin, die sie unter irgend einem Vorwand 
um Kaffee bat. 



XXL 
Aas dem Formalariiiagazin unserer Kurpfuscher. 

Von 
Dr. jar. Hans Sohneiokert, Berlio. 

Wenn man erfahren will, ob die zahlreichen und weitverbreiteten 
^populären" Lehrbücher des „Natnrheilverfahrens" etwas genützt 
oder geschadet haben, so braucht man z. B. nur die Kurpfuscher zu 
fragen, woher sie ihre Wissenschaft bezogen haben. Die praktischen 
Kenntnisse verschaffen sich manche allenfalls noch durch den Besuch 
eines „Massagekurses", in dem auch etwas von Krankenpflege die 
Rede ist Der „Abschlußprüfung" folgt die Ausstellung eines ärzt- 
lichen „Befähigungszeugnisses", das schon manche Kurpfuscher — 
namentlich die weiblichen — auf den Gedanken gebracht hat, sich in 
ihren Ankündigungen „staatlich geprüft" zu nennen, weil der Kursus 
und die Prüfung in irgend einer „Massageschule" von einem „staatlich 
approbierten Arzt" geleitet wurde, und wer sich nicht einmal diese 
pekuniären Opfer der „Vorbildung" leisten kann, der sieht ganz ein- 
fach zu, „wie die anderen es treiben." Darauf lassen nicht allein 
die auffallend übereinstimmenden Methoden und Geschäftsformulare 
schließen, auch die Angaben mancher Kurpfuscher, zumal im An- 
faogsstadium ihrer Heiltätigkeit, bestätigen dies. Entweder suchen 
sie unter dem Vorwand, die Hilfe des Heilkünstlers persönlich in 
Anspruch zu nehmen, solche auf und lassen sich allerlei Mittel ver- 
abreichen oder „verschreiben", die dann im eigenen Spezialbetrieb 
eingeführt werden sollen; oder sie lassen sich von den in jeder Groß- 
stadtpresse täglich annoncierenden Heilkünstlern unter dem gleichen 
Vorgeben Prospekte, Heilmittel und Gebrauchsanweisungen zusenden, 
Material genug, um die Formulare und Dankschreiben, — ein 
unentbehrliches Suggestionsmittel, — für den eigenen Betrieb herzu- 
stellen. 

Im Nachstehenden will ich durch Wiedergabe einiger für den 
Kriminalisten wie Psychologen in mancher Richtung interessanter 

22* 



328 XXI. SCHNEICKERT 

Originalformulare die Behandlungsmethoden unserer Kurpfusche' 
etwas beleuchten. 

1. Die Behandlung Ton Frauenleiden. 

Was heutzutage nicht mehr in öffentlichen Ankündigungen von 
„Rat und Hilfe in allen diskreten Frauenangelegenheiten*' genannt oder 
angedeutet werden darf, erfahren wir um so genauer aus den an 
Interessenten versandten Prospekten , Fragebogen , Gebrauchsan- 
weisungen und Dankschreiben. Es gibt ^Frauenleiden", die in 
Wirklichkeiten aber keine Krankheiten sind, zu deren Behandlung die 
„Kranke" aber keinen Arzt konsultieren will und darf. Weil ihr 
Leiden und ihre Behandlung ein Geheimnis ist und bleiben soU, 
zieht sie es daher vor, möglichst ungesehen, also „brieflich'* von 
ihrem Leiden befreit zu werden. Auf eine solche Behandlung speku- 
lieren unsere Kurpfuscher mit großem Erfolg. 

a) Methode einer Firma in H. (Preußen). 
Nachdem die Hilfesuchende sich brieflich an die in der Zeitung 
sich empfehlende Firma (zuweilen „Frauenheilinstitut" genannt) unter 
Beifügung der — in der Annonce verlangten — Retourfreimarke 
gewendet hat, unter Andeutung ihres diskreten Zu- oder Umstände«, 
erhält sie folgendes hektographische Antwortschreiben: 

„ A uf Ihre Anfrage teile ich Ihnen ergebenst mit, daß durch meine erfolgreiche 
Methode die bei Frauen eingetretene Störung der monatlichen Periode wieder 
vollständig geregelt wird. Sie bekommen Gebrauchsanweisung zur Selbst- 
hilfe und zwar nicht durch Medizin ; denn medizinisches Gift ist zu schädlich 
und gefahrlich für den menschlichen Körper und die sonstigen Medikamente 
wirken nicht durchgreifend genug, sondern eine andere natürliche Anwendung, 
durch welche Stoffe und Säfte, die nicht in den Körper gehören, aas dem- 
selben wieder entfernt werden, und tritt auch dann die Menstruation (monat- 
liche Regel) normal wieder ein. 

Da Sie eventuell für später meine Hilfe nicht wieder gebrauchen, weil 
Sie sich dann stets selbst helfen können, so wird auch mein Honorar dem- 
nach berechnet, welches gewöhnlich 20 — 30 Mark beträgt; bei gut sitoierten 
Personen auch mehr'). 

Teilen Sie mir bitte die bctieffende Summe mit, welche Sie hierfür zu 
zahlen gedenken, und ich werde dieselbe (wenn annehmbar) bei der betreffen- 
den Sendung per Nachnahme von Ihnen erheben. 

Die besten Referenzen über meinen ehrenhaften Ruf stehen gern zur 
gefl. Disposition. 

NB. Honorar bitte selbst zu bestimmen nach Ihren Verhältnisse. 
Garantiere sichere Hilfe und absolute Unschädlichkeit. 

Sie haben damit gleichzeitig auch für alle späteren Stockungen der 
Periode ein stets sicher wirkendes Mittel im Haus, um dieselbe immer wieder 

1) Einen ähnlichen Passus fand ich auch bei einer Hamburger Firma im 
Gebrauch . 



Ans dem Formularmagazin unserer Kurpfuscher. 329 

prompt zu regeln, brauchen also keine fremde Hilfe wieder. Ist Blutarmut 
oder Hartleibigkeit vorhanden?" 

b) Methode einer sächsischen Firma. 
Eine mit Maschinenschrift hergestellte und vervielfältigte Gebrauchs- 
anweisung lautet: 

„Gegen dieses Leiden verordne ich Ihnen 

Abends : 
Klistier, Sitzbad, Breiumschlag (*/« Pfund Mehl und V« Liter kochendes 
Witsser zusammenrühren!) auf den Unterleib, Wärmflasche an die Füsse. 

Am Tage: 
Dampfbäder. Einspritzungen eines Tees mittelst Irrigators (lauwarm). Bei 
Leibschmerzen, sogen. Blutkrampfen, sind Dampfbäder, Leibumschläge und 
Pfefferminztee anzuwenden.'' 

NB. Nach acht Tagen soll der „Unna" Mitteilung über den Verlauf 
des Leidens gemacht werden behufs weiteren Rates, unbedingt aber dann, 
wenn sich außergewöhnliche oder doch zu lange andauernde Blutungen ein- 
stellen sollten. „Würde sich aber größeres Unwohlsein oder besondere krank- 
hafte Beschwerden nach unserer hier verordneten Versuchskur einstellen, so 
ist überhaupt von der ganzen Kur abzusehen und uns schleunigst davon 
Mitteilung zugehen zu lassen. In weiteren Gegenden wohnende Patientinnen 
können »ich bei besonders befremdlichen Erscheinungen an den dortigen Arzt 
wenden. Für alle nicht auf diesem Rezepte erwähnten Bemühungen oder 
neben unseren arzneilichen Verordnungen noch etwa außerdem gebrauchten 
Mittel lehnen wir jede Verantwortung entschieden ab." 

(Auf dem Rande steht in Querdruck der Vermerk: „Vor Kinderaugen 
zu verbergen 1") 

c) Methode einer Firma aus dem Rheinland. 

Das gedruckte Antwortschreiben auf die erste Anfrage lautet hier: 

«Sehr geehrte Dame! Auf geschätzte Anfrage diene Ihnen hiermit 
zur Nachricht, daß ich Frauenleiden jeder Art behandle. Wie sehr 
die Damen mit mir zufrieden waren, werden Sie am besten aus einigen hier 
beUiegenden Dankschreibon ersehen können. 

Sollten Sie jemals meinen Rat in Anspruch nehmen wollen, so wenden 
Sie sich nur vertrauensvoll an mich und beschreiben mir Ihr Leiden. Ich 
übernehme die Behandlung sehr gern und gebe auch erforderiich werdende 
Heilmittel. 

Die Kosten, welche Ihnen durch die Behandlung entstehen, sind minimal. 
Ich berechne für Behandlung und Heilmittel 12 Mark, gebe zu den Mitteln 
eine genaue Kurvorschrift und noch 3 Wochen lang jeden weiteren Rat 
gratis, was den Frauen immer ganz besonders angenehm ist Die Mittel 
werden so reichlich bemessen, daß dieselben selten vollständig aufgebraucht 
werden, es kann der Rest immer noch für den nächsten Fall aufbewahrt 
werden. Meine Mittel enthalten keinerlei Giftstoffe, sind weder Geheim- noch 
Abortivmittel." 

(Nun folgt die Anpreisung eines conceptionshindemden Mittels: 1 Schachtel 
mit 12 Pastillen per Nachnahme 2.40 Mark.) 



330 XXI. SCHKEICKERT 

„Wie beliebt diese Pastillen bei den Damen und Herren sind, zeigen 
mir schon über 3000 Dankschreiben, von denen notariell beglaubigte Ab- 
schriften auf Wunsch mitgesandt werden. 

Zum Schluß möchte ich Sie noch bitten, die beiliegenden Drucksachen 
nicht achtlos zu verwerfen, sondern sorgfältig aufzubewahren. Wer aodi 
vielleicht heute noch keine Verwendung hat, kann dieselben doch schon in 
in einigen Tagen notwendig gebrauchen." 

(NB. Bei jeder Nachfrage bitte die Nr. ... anzugeben und eine Marke 
beizulegen.) 

Es folgt dann (in Druck) die Abschrift einiger Dankschreiben 
z. B.: 

„Frau W. in R. Durch die Pillen wurde ich ganz wieder geheilt, die 
Blutstockung und der Weißfluß sind verschwunden. Nr ^ 

„M. in B. Teile Ihnen hierdurch mit, daß mein fünfmonatliches C) 
Leiden gehoben ist, wofür ich Ihnen meinen besten Dank sage. Nr. . . .'* usw. 

Ais weitere Drucksache wird nachstehender Fragebogen beigelegt 

1. Name, Stand .^ 9. Empfinden Sie in den Brüsten 

2. Wohnort, Straße? Schmerzen? 

3. Worin besteht das Leiden? 10. Leiden Sie an Blutarmut? 

4. Wie alt sind Sie? 11. Haben Sie stets kalte Hände und 

5. Wann zeigte sich die letzte Regel? Küsse? 

ß. Leiden Sie auch an Weißfluß und 12. Bekommen Sie bei geringer An- 
welche Farbe hat dieser? strengung Herzklopfen? 

7. Macht dieser Ausfluß auch wund? 13. Wie ist der Stuhlgang? 

8. Haben Sie schon geboren und wann 14. Müssen Sie hänfig urinieren? 
zuletzt? 15. Worüber haben Sie noch zu klagen? 

d) Methode einer Konkurrenzfirma aus derselben 

Gegend. 
Auf die erste Anfrage wird folgendes gedruckte Antwortschreiben 
zugesandt: 

^In Erledigung Ihrer gefl. Anfrage teile ich Ihnen ergebenst mit, daß 
ich Sie in Behandlung zu nehmen bereit bin und kann ich Ihnen für absolute 
Unschädlichkeit garantieren. Wie die Damen mit mir zufrieden sind, wollen 
Sie aus den beiliegenden Dankschreiben erseheu. Damit ich Ihnen die richtigen 
Mittel senden kann, wollen Sie den einliegenden Fragebogen gefl. ausfüllen 
und mir einsenden. 

Ich bereclmo für Honorar und Mittel zusammen 12 Mark. Dafür erhalten 
Sie aber nicht nur die Mittel und Kur Vorschriften, sondern ich gebe Ihnen noch 
3 Wochen lang jede weiter gewünschte Auskunft unentgeltlich. Ob Sie mir 
nun den ganzen Betrag oder die Hälfte im Voraus einsenden, überlasse ich 
Ihnen. Wenn Sie den ganzen Betrag vorher einsenden, sende ich alles franko, 
sonst muß ich das Porto berechnen*). 

Die Mittel sind so reichlich, daß Sie für einmal meist zuviel haben und 
den Rest für spätere Fälle aufbewahren können. Sie werden auf alle Fälle 
mit meiner Bedienung zufrieden sein." 



1) Diese Versandbedingungen entsprechen genau den bei Methode c üblichen! 



Aus dem Formularmagazin unserer Kurpfuscher. 331 

(NB. Jeder Anfrage bitte die Nr. . . . zuzufügen und eine Retourmarke 
beizulegen.) 

Als gedruckte Beilage wird „Abschrift einiger Danksagungen "^ 
mitgesandt, deren Form und Inhalt den oben bei c) erwähnten sehr 
ähnlich sind. Mit ihrer ^notariellen Beglaubigung" wird hier noch 
keine Reklame gemacht. 

Der Fragebogen enthält genau dieselben Fragen wieder 
unter c) mitgeteilte; nur fehlen hier die Fragen 7, 11 und 12; da- 
gegen beißt hier die Frage 9: „Haben sie häufig Erbrechen?" die 
Frage 10: „Leiden Sie häufig an Bleichsucht oder Blutarmut?** 
Frage 12: „Müssen sie oft urinieren ?** (Oben hieß es „häufig urinieren*'.) 
Nach der Farbe des Weißflusses wird hier nicht gefragt. 

Nach 2 — 3 Wochen langem Schweigen wird der Anzeigenden 
nochmals der gleiche Fragebogen zugesandt^ jedoch mit dem Stempel- 
aufdruck : * 

„Bitte um baldgefl. Entschließung, durch Zögern wird das Leiden 
nnr noch schlimmer.*' 

e) Methode eines Berliner „Spezialfrauenheilinstituts.** 
Die den Nachnahmepaketen zu 12,50 Mk. beigefügte (hektograpisch 
hergestellte) Gebrauchsanweisung hat folgenden Inhalt: 

^Bezüglich Ihres werten Schreibens verordne ich Ihnen gegen dieses 
Leiden eine viertägige Kur meiner giftfreien pflanzlichen Hcilsäfte " 

Nun folgt die Verordnung von heißen Kräuterbädern, Tee (römische 
Kamillen), Scheidenausspfilungen (mit Alaun), Pillen, „damit das Blut in 
Wallung gerät" Diese Verordnung muß nacheinander an vier Abenden 
befolgt werden. 

^Gehen Sie dann gleich ins Bett und schwitzen Sie so viel wie möglich. 
Nehmen Sie sich während der Kur auch vor Kälte oder rauher Zugluft in 
acht, da sonst leicht üble Folgen dadurch entstehen können. Auch wollen Sie die 
Anweisung meines arzneilosen Heilverfahrens recht gewissenhaft und energisch 
ausführen, wenn es auch viel Mühe und Umstände bereitet, vielen aber 
die erwartete Heilung und vollständige Herstellung ihrer Gesundheit ge- 
bracht hat. 

In weiteren Gegenden wohnenden Patienten empfehle ich, bei besonders 
befremdliehen Erscheinungen sich unverzüglich an den dortigen Arzt zu 
wenden. (Schlußsatz wie oben bei Methode b.) 

f) Methode einer anderen Berliner Firma. 
Um die Druckkosten zu ersparen, werden hier die Antwort- 
schreiben auf Vorrat handschriftlich hergestellt, manchmal auch 
tiektographiert 

Schema I lautet hier: 

^Geehrte Damel Im Besitz Ihrer werten Zeilen habe ich das Nähere 
<laraa8 ersehen und bin ich in der Lage, Damen, bei denen eine Blutstockung 



332 XXI. SCHNEICKEBT 

eiDgetreten ist, ihre Periode wieder herbeizuschaffen. Meine Kur, die ich 
verordne, ist in keinem Falle der Gesundheit schädlich und bewirkt, daß weh 
die Periode schmeraios wieder einstellt Ich beredine für meine Bemühung 
. . . Mark, indem ich ein Paket per Nachnahme zusende. In Ihrem d^ensten 
Interesse empfiehlt es sich, diese Angelegenheit nicht aufzuschieben, sondern 
bald dafür zu tun, weshalb ich Ihren Bescheid erwarte." *) 
Schema II, Begleitschreiben der Nachnahmesendung: 

^Ihrem Wunsche gemäß sende ich Ihnen heute meine Verordnungen 
Von beifolgendem Wacholdermus*) bitte dreimal täglich einen Teelöffel voll 
einzunehmen und zwar 

nach dem ersten Frühstück 
dach dem ersten Mittagsbrot 
nach dem ersten Abendbrot. 
Von den Wacholderbeeren nehmen Sie für einen Liter Wasser einen 
Eßlöffel voll Beeren, lassen selbe gut kochen, gießen es durch einen Teesieb 
und machen jeden Abend eine lauwarme Ausspülung. Einen Irrigator werden 
Sie wohl haben. 

Wenn Sie meine Verordnungen pünktlich ausführen, so wird sich 
voraussichtlich die Blutstockung geben. Die . . . Mark sind für meinen Bat 
die beifolgenden Sachen sind Zugabe. '^ 

Das gedruckte Schema III, eine Art Bückversicherung, lautet: 
„Der Inhaberin dieses bestätige ich, daß ich mich eines Frauenleidens 
wegen in deren Behandlung begeben habe, ich bewillige ihr ein freiwilliges 
Honorar von . . . Mark.') 

Gleichzeitig bemerke ich ganz ausdrücklich, daß ich mich nicht schwanger 
fühle! 

Art des Leidens . . . Datum und Name . . . 
Bei längerem Schweigen der Interessenten wurden ^^Mahnkarten^ 
versandt. 

Als Spezialmittel wurde auch verordnet: Pulsatilla, täglich drei- 
mal 20—25 Tropfen in einem Eßlöffel voll Wasser. 

g) Methode einer anderen Berliner Firma. 
Hier wird „verordnet", jedoch nur als „Krankenbäder" und „Tee 
gegen Blutstockung" bezeichnet: 
I. Für Bäder: 
Amikablüten 



Feld-Thymian 
Schwarzer Senf, gestoßen 
Salbei 



50 gr. (Verkaufspreis 5. — Mk.) 
für ein Bad verwendet. 



1) Trotz ihres bescheidenen Auftretens hatte die in Frage stehende ^ weise 
Frau" in sehr vielen Zeitungen ihre Hilfe angepriesen und auch Geschäftsbücher 
geführt, auf deren erste Seite sie die Devise „Mit Gott*' niedergeschrieben hatte. 

2) Ein Fläschchcn Wachholdermus kostet im Einkauf 75 Pfennige und wird 
zu 10 Mark verkauft 

3) In einem anderen Falle hatte sich eine gewerbsmäßige Abtreiberin die 
Ratenzahlungen ihrer Runden als „Darlehen" durch Schuldscheine gesichert 



Ans dem Fonnularmagazin unserer Karpfascher. 333 

IL Tee: 

Eardobenediktenkraut 
Katzenpfötcbenblfiten. 
Cafisiaschoten. 
Baldrian, 
m. Leibmassage. 

2. Die Behandlung sonsttger Krankheiten. 

Der Betrieb der hier jetzt verschwundenen amerikanischen Firma 
^Dr. Max Langhiin Company", deren Einrichtung und Erfolge ich in 
diesem Archiv XVIII, S. 196 erwähnte^ konnte als mustergültig in 
seiner Art angesehen werden. Heute will ich einiges über die Heil- 
methode und innere Einrichtung dieser Firma berichten. 

Es handelte sich um den Vertrieb eines ^üniversalmittels" gegen 
alle Krankheiten, des berühmten ^Elektro- Vigor-Gürtels", der um den 
Leib zu tragen war und aus seinen „Kettenbatterien** die Heilkraft 
der Elektrizität nach jedem Krankheitsherd leiten sollte. Diese Firma, 
die zu jener Zeit (1904) 20 Filialen in allen Weltteilen eingerichtet 
hatte, inszenierte nicht nur durch auffallend große Annoncen in 
Tagesblättem, sondern auch durch den Versand fein ausgestatteter 
Broschüren eine Riesenreklame. Die Broschüren mit auffallendem 
Titelbild (Löwenbezwinger), die in drei verschiedenen Ausgaben ver- 
sandt wurden, enthielten in der Hauptsache Abbildungen des Gürtels und 
der „Kettenbatterien", sowie ihrer Anwendungsart und Heilwirkungen. 

Eine Broschüre betitelt: ^^Elektrizität und Lebenskraft Eine 
Abhandlung über moderne Elektro-Therapie" (79 Seiten), pries die 
Vorzüge des Gürtels im Allgemeinen, die zweite Broschüre war dem 
„Manne" gewidmet (80 S.)» die dritte „der Jungfrau, der Frau und 
Mutter" (64 S.). Die Überschriften sind mit großen roten Buchstaben 
g^^ruckt und bezeichnen die Krankheiten, gegen die der ,,Elektro- 
Vigor" mit Erfolg anzuwenden ist, z. B. beim Ausbleiben der Men- 
struation, bei Mastdarmleiden, bei der Brightschen Nierenkrankheit, 
Blasenleiden, Gebärmuttervorfall, Weißfluß, chronischer Entzündung 
und Eiterung der Gebärmutter und Eierstöcke, erregenden Träumen, 
rheumatischen Schmerzen, verbogenen Gelenken und geschwollenen 
GHedem, Hexenschuß, im Klimakterium, bei schlimmen Folgen der 
Jugendsünden, bei Neurasthenie, Magen- und Darmleiden, Dyspepsie, 
zur Verhütung von Krampfadern und Hämorrhoiden, bei Geschlechts- 
schwächen jeder Art, bei Rückenmarkleiden usw. ')• Die großartigen 



1) Daß LaaghliDS Methode „siegreich** ist, beweisen viele Annoncen in 



334 XXL SCHNEICKERT 

Erfolge des Gürtels werden durch eine Sammlung von „Anerkennungs- 
schreiben" — für jedes Land besonders — bewiesen. 

Das Charakteristikum der Kurpfuscherei, die briefliche Be- 
handlung „ohne Berufsstörung"' stellt der „Fragebogen* dar, dessen 
formulierte Fragen für die kriminelle Beurteilung der Kurpfuscherei 
im Einzelfalle von großer Wichtigkeit sind, da sie doch die oft ver- 
hängnisvolle Selbstdiagnose von Laien verlangen. 

Der „Fragebogen für Herren" sei nachstehend wieder- 
gegeben. 

Die folgenden Fragen müssen so kurz wie möglich mit einer klaren 
und bestimmten Beschreibung Ihres Zustandes beantwortet werden. Was 
sich nicht auf die Diagnose bezieht, braucht nicht erwähnt zu werdoi. 
Weitere Details und Erläuterungen können unter „Allgemeinen Bemerkungen* 
angeführt werden. 

Wenn Sie dieses Formular sorgfältig ausgefüllt haben, sind wir m der 
Lage, Ihnen mitzuteilen, ob wir Ihnen durch unser System nützen können. 
Diese Ratschläge werden Ihnen kostenlos erteilt, ohne Sie irgendwie zu 
verpflichten, und, da hierfür unser Renommee bürgt, werden Ihre Fragen 
wahrheitsgetreu und gewissenhaft beantwortet, gleichviel, ob Sie mit uns 
in Verbindung treten oder nicht. 

Wenn Sie sich bereits entschlossen haben, unsere Dienste in Anspruch 
zu nehmen, und einen passenden Elektro- Vigor zu empfangen wünschen, 
senden Sie uns mit der Beantwortung der Fragen 25.— M., und derselbe 
wird Ihnen mit der Gebrauchsanweisung per Post zugehen und ein even- 
tueller Mehrbetrag durch Postnachnahme erhoben werden. *) 

Fragen: 
1. Name? 2. Adresse? 3. Alter? 4. Größe? 5. Gewicht? 6. Taillen- 
maß? 7. Sind Sie verheiratet? 8. Wenn ja, wie lange? 9. Beschäftigung? 
10. Waren Sie angestrengt tätig? 11. Sind Sie jetzt noch angestrengt tätig? 
12. Art der Beschäftigung? 13. Seit wann sind Sie leidend? 14. Ver- 
schlechtert sich der Zustand? 15. Was war die Veranlassung? 16. Wo- 
rüber klagen Sie am meisten? 17. Haben Sie Rückenschmerzen? 18. Ist 
es sehr schmerzhaft? 19. Müssen Sie oft urinieren? 20. Welche Farbe hat 
der Urin? 21. Hat derselbe Satz? 22. Welche Farbe? 23. Haben Sie 
beim Urinieren Beschwerden? 24. Sind Sie nervös? 25. Sind Sie leicht er- 
regbar? 25. Werden Sie leicht müde? 27. Neigen Sie zur Schwermut? 
28. Schwaches Gedächtnis? 29. Leiden Sie an Geistesschwäche? 30. Was 
ist die Ursache hierfür? 31. Haben Sie Krampf aderbruch ? 32. Haben Sie 
Aderanschwellung im Hodensack? 33. Welche Seite? 34. Haben Sie 
regelmäßigen Stuhlgang? 35. Haben Sie gute Verdauung? 36. Haben 
Sie Beschwerden nach dem Essen? 37. Magern Sie ab? 38. Haben Sie 
wässeriges Aufstoßen und ist dasselbe sauer? 29. Haben Sie vielfach 

unseren heutigen Tageszeitungen, in denen Apparate angepriesen werden, welche 
die nötige Elektrizität dem Körper zuführen, „während man schläft*'. 

1) Der „Elektro- Vigor" hat — je nach seiner Stromstärke — 7 Nummern, 
die 25, 35, 50, 75, 100, 150, 200 Mark kosten. 



Aus dem Formolannagaziii unserer Kurpfuscher. 335 

Arznei gebraucht? 40. Wogegen? 41. Medizinieren Sie noch? 42. Waren 
Sie jemals schwer erkrankt? 43. Sind Sie wieder hergestellt? 44. Haben 
Sie einen Bruch? 45. Andere Erscheinungen wie Rheumatismus, Nieren-, 
Magenbeschwerden, Mannesschwäche etc., welche in obigen Fragen nicht 
enthalten sind, bitten wir hier unten anzuführen. 

Der „Fragebogen für Damen" enthält noch die besonderen 
Fragen: 

Wieviel Kinder haben Sie? Sind dieselben gesund? Haben Sie Herz- 
klopfen"? Leiden Sie an Schwindel und Ohnmachtsfallen? Wie ist Ihr 
Appetit? Ihre Verdauung? Leiden Sie an Kopfweh? Zeigen die Augen 
und die Haut gelbe Verfärbung? Leiden Sie an kalten Füßen und Händen? 
Ist Ihr Schlaf gut? Haben Sie ünterleibsschmerzen ? Verspüren Sie dort 
ziehende Schmerzen? Ist Ihre Regel schmerzhaft? Tritt dieselbe unregel- 
mäßig ein? Hält sie lange an? Ist sie schwach oder stark? Leiden Sie 
an weißem Fluß? Sind Ihre Eltern gesund? Welches Arzneimittel haben 
Sie schon genommen ? Haben Sie jemals starkes Fieber oder andere Krank- 
heiten gehabt? Haben Sie sich gut erholt? 

Unter diesen Fragen folgen dann zwei Figuren, die vordere und 
hintere Seite des menschlichen Körpers darstellend, mit dem Vermerk : 

„Bezeichnen Sie mit einem Kreuz den Ort Ihrer Beschwerde. Greben 
Sie an, ob die Schmerzen stark oder schwach und ob sie dauernd oder vor- 
übergehend sind. 

Langhlin hatte nun für alle Krankheiten (bektographisch und mit 
Maschinenschrift hergestellte) Antwortschreiben, in einem modernen 
Aktenschrank schön geordnet, in großer Anzahl vorrätig. 

Ich will den Lesern einen Einblick gewähren in Laughlins 
Korrespondenz, die der leidendeh Menschheit in so tiberzeugender 
Weise Besserung und Heilung zusichert. 

Diagnose: Allgemeine Schwäche. 

Ihren Bericht haben wir erhalten und die von Ihnen angegebenen 
krankhaften Erscheinungen genau geprtift Es freut uns, Ihnen erwidern zu 
können, daß wir auch Ihnen Aussicht auf erfolgreiche Behandlung zu machen 
imstande sind. Wir verlassen uns hierbei nicht auf Möglichkeiten, sondern 
halten Ihre Wiederherstellung für höchstwahrscheinlich, da wir hunderte von 
Fällen erfolgreich behandelt haben, die genau dieselben Krankheitserscheinungen 
aufwiesen, wie sie von Ihnen angegeben werden. 

Es gereicht uns zur besonderen Befriedigung, auf Tausende hinweisen 
zu können, die in Worten des höchsten Lobes über unsere Behimdlungs- 
niethode sich äußern, nachdem sie keinerlei dauernde Erleichterung von an- 
deren Mitteln sich verschaffen konnten. Mit Stolz weisen wir auf Herren 
hin, welche noch vor einigen Jahren schwach und gebrochen durch Verlust 
ihrer physischen Kräfte zu uns kamen, nachdem alle früheren Versuche, ihre 
Gesundheit durch Medizinkuren und andere Methoden herzustellen, erfolglos 
i^ewesen waren und sie kaum noch auf volle Genesung zu hoffen wagten, 
^e aber dann infolge der Anwendung von ^Elektro- Vigor** jetzt wieder im 



336 XXI. SCHNEICKKBT 

vollen Besitze ihrer Gesondheit und Kraft und ohne irgendein Anzeichen 
ihrer früheren Schwächen und Gebrechen sind. 

Sollten Sie sich entschließen^ unseren Ratschlägen zu folgen, so können 
wir Sie versichern, daß unser „Elektro-Vigor'* Sie in jeder Richtung in 
kurzer Zeit zu dem machen wird, was die Natur aus Ihnen zu machen be- 
absichtigte, einen perfekten Mann, frei von jedem Anzeichen der Schwache, 
über die Sie sich jetzt zu beklagen haben und daß alle die Elemente von 
Energie und Kraft bei Ihnen sich entwickeln werden, die ein gesunder 
Mann besitzen soll. 

, Unser Selbstvertrauen stützt sich auf den Umstand, daß wir da, wo 
immer unsere Vorschläge und unsere Hinweisungen auf die Naturgesetze 
prompt befolgt wurden, noch nie einen Mißerfolg zu verzeichnen hatten. 

Ohne Zweifel hat das Studium unserer Broschüre, zugleich mit der 
Kenntnis Ihrer eigenen Konstitution Sie überzeugt, daß Elektrizität das dnzig 
richtige Mittel gegen Ihr Leiden ist Elektrizität ist ja die Quintessenz allen 
Nervenlebens und unsere Erfahrung lehrte uns, daß in einem Körper, dessen 
innere Organe von dieser Naturkraft erfüllt sind, kein Leiden Wund fassen 
kann. Die berühmtesten Fachleute erklären die Elektrizität als das Medium 
allen nervösen, also auch des sexuellen Lebens und unser eigener Erfolg 
bisher beweist uns die Wahrheit dieser Auffassung. 

Wir sind daher berechtigt, zu sagen, daß Elektrizität, nach unserer 
Vorschrift angewandt, von den besten Erfolgen gekrönt sein muß. Unser 
fl Elektro- Vigor** ersetzt nicht nur die verloren gegangene Kraft der ge- 
schwächten Organe, sondern stellt eine natürliche galvanische Batterie ans 
dem Nervensystem dar, sodaß dieses, mit elektrischer Energie geladen, nach- 
her imstande ist, stets wieder nur eigene Kraft zu entwickeln, auf diese Art 
die Lebensfunktion hochzuhalten und Rückfällen vorzubeugen. 

Wir sind Anhänger der Theorie, daß da, wo alle Organe kräftig genug 
sind, ihre Funktion derart zu verrichten, wie es die Natur beabsichtigte, es 
jeder Krankheit unmöglich ist, festen Fuß zu fassen. 

Dies ist nun die Grundlage unserer Behandlung! In Ihrem Falle wird 
unser „Elektro- Vigor" in den geschwächten Teilen die natürliche Lebens- 
kraft wieder herstellen und sie alle 24 Stunden einmal mit neuer Kraft 
füllen; indem Ihre Organe allmählich und stufenweise diese belebende 
Essenz in sich aufnehmen imd dadurch kräftiger werden, wird (Gesundheit 
und Lebensmut wiederkehren und Sie werden sich wieder wie ein Mann 
unter Männern fühlen können. 
* Um nun in Ihrem Falle den gewünschten Erfolg erzielen zu können, 

empfehlen wir Ihnen die Anwendung unseres Apparates Nr Der 

Apparat hat zwei Scheibenelektroden, die den Strom von der Batterie her 
dem "Körper zuführen und in den Rücken unterhalb der Nierengegend zu 
liegen kommen, femer eine Elektrode für die Magengegend und endlich die 
Spirale zur speziellen Verwendung an den Geschlechtsorganen. Auf dieee 
Weise können Sie das ganze Nervensystem mit Elektnzität füllen, alle 
Organe zu neuer Tätigkeit erwecken und mit frischer Spannkraft laden. 
Wir würden Ihnen den vollständigen Apparat herrichten und sofort nach 
Empfang des Betrages von Mk. . . . durch die Post zustellen lassen. In den 
Preis ist die Vergütung für alle weiteren Bemühungen und Ratschläge 



Aus dem Formularmagazin unserer Kurpfuscher. 337 

onsereraeits in Ihrem Falle einbegriffen, femer wird für tadellose Funktion 
des Apparates auf ein Jahr Garantie geleistet 

Wir hoffen, Sie werden reiflich erwägen, was wir Ihnen schrieben und 
bedenken, was Ihnen Ihre Gesundheit wert sein muß. Sie sollten keines- 
falls die richtige Behandlung Ihrer Beschwerden noch länger hinausschieben 
denn Sie k<^nnen sicher sein, daß Zustände, wie der Ihrige, sich von selbst 
niemals bessern, sondern sich stets verschlimmem. 

In der Erwartung etc. 

3. Zum Schluß meiner heutigen Sammlung möchte ich noch die 
.,Aufnahmebedingungen^ einer „Deutschen Privat-Entbindungsanstalt*' 
einer deutschen Hebamme in V. (Belgien), „Inhaberin erster Zeugnisse", 
hier folgen lassen. 

1. Die Anstalt nimmt zu jeder Zeit Damen, auch minderjährige, unter 
strengster Diskretion auf. 

2—4 verzeichnen die Pensionspreise. 

5. Ein tüchtiger Frauenarzt steht der Anstalt immer zur Verfügung. 

6. Zur Anmeldung eines unehelichen Kindes ist ein amtliches Papier, 
ev. der Geburtsschein der Mutter erforderlich. Ein Bericht betreffs der Ge- 
burt Hndet nach der Heimatbehorde nicht statt; eine Vormundschaft ist 
vollständig ausgeschlossen. 

6. Zur Taufe des Kindes, gleich welcher Konfession, sind Taufpaten 
zur Stelle. 

S. Auf Wunsch kann das Kind in V. selbst in Pflege gegeben werden 
und verpflichtet sich die Inhaberin der Anstalt, dieselbe zu überwachen. 

9. Beschreibung der schönen und gesunden Lage der Anstalt 

10. Strengste Verschwiegenheit, liebevollste Aufnahme und allerbeste 
Verpflegung wird zugesichert. 



XXII. 
Für den bedingten Straferlass. 

Erweiterte Besprechung der gleichnamigen Schrift von Dr. jur. Alfred Groß, Prag.H 

Von 
Dr. SSmst Belaquis, Berlin. 



Nur drei Jahre sind vergangen, seit Pemn 2) die erste umfassende 
rechtsvergleichende Monographie über bedingten Straferlaß veröffent- 
licht hat. So liegt denn bei Erscheinen einer neuen umfangreieben 
rechtsvergleichend-kritischen Untersuchung aus diesem Gebiete die 
Versuchung nahe, das Verhältnis zu deren Vorgängerin — eben zu 
dieser Arbeit Perrins — näher ins Auge zu fassen. 

Zu solcher Vergleichung können aber nur jene Abschnitte der Alfred 
Großschen Arbeit herangezogen werden, die, in Übereinstimmung mit 
Perrins Abhandlung, „Rechtsvergleichung^ und Kritik enthalten. 
Also Abschnitt I: „Der bedingte Straferiaß im Auslande" (S. 3—65) 
und Abschnitt II: „Kritik der gegnerischen Einwendungen" (S. 65— 
96). Die Abschnitte III und IV, welche die Ausgestaltung und Idee 
des bedingten Straferlasses mit besonderer Rücksicht auf Österreich 
ins Auge fassen, sind selbständig zu beurteilen Sie fehlen bei 
Perrin, wie andererseits bei A. Groß der Teil der Perrinschen Unter- 
suchung über „die dogmatische Fundierung" nicht enthalten ist. 

Aus politisch-taktischen Gründen mag es nun gerechtfertigt 
sein, durch andere untersuchtes, auch feststehendes in neuer Zu- 
sammenfassung zu veröffentlichen, einen höheren wissenschaft- 
lichen Wert wird solche Arbeit nicht beanspruchen können. Auch 

1 ) A 1 f r d G r o ß , Dr. jur. Für den bedin^n Straferlaß. Rechtsvergleicbend- 
kritische Untersuchung. S. A. aus der von Hofrat Prof. Grünhat herausgegebenen 
Zeitschrift für das Privat- und öffentliche Recht der Gegenwart XXXIV. Bd. 
Wien, 1907, Alfred Holder. 152 S. 

2) Teil Perrin. De la remise conditionnelle des peines. £tade de droit 
comparß. Genöve et B&le. — Vgl. darüber meine Rezension: M.-Schr. Krim.- 
Psych. II, 647 ff. 



Für den bedingten Straferlaß. 339 

wird es sich fragen, ob bei dem Fortschreiten der Kenntnis der inter- 
nationalen Sprachen fürderhin noch nötig sei, in diesen Sprachen 
Ferfaßte ausländische Untersuchungen in analogem Gedankengang 
deutsch zu publizieren. Wie man auf solche Frage auch antworten 
mag, der rein juristisch-wissenschaftliche Wert einer solchen Publi- 
kation ist ein geringer. Selbständiges Daseinsrecht erlangt sie nur 
— und damit erfahren obige Punkte Einschränkung — wenn die 
Methode neu oder neue Momente festgestellt werden. — Beides ist 
in Alfred Groß' Arbeit (Abschn. I und II) in gewissem Umfang 
der Fall. — 

Rechtsvergleichung im eigentlichen Sinne kann nur bei einem 
Ineinanderarbeiten der Normen der verschiedenen Länder, kurz: bei 
einer systematischen Detailarbeit festgestellt werden. Das ledigliche 
Nebeneinanderstellen der Systeme der einzelnen Staaten in toto über- 
laßt die Vergleichung dem Leser. £s ist als wesentlich historisch 
anzusehen. Den ersten schwierigeren Weg geht Perrin, der zwischen 
historischem und rechtsvergleichendem Teil streng unterscheidet; den 
letzteren leichteren geht Groß, welcher Geschichte und Rechtszusammen- 
stellung verbindet 

Die Methode also ist verschieden, die Anlehnung an Perrin im 
,recht8vergleichenden" Teil der Großschen Arbeit aber für mich 
ganz klar. Beide Methoden mögen ihre Vor- und Nachteile besitzen.' 
Perrins Darstellung leidet daran, daß nicht das einzelne Gesetz auf 
einmal ganz überblickt werden kann, daß man sich die Bestimmungen 
mühsam zusammensuchen muß, die im rechtsvergleichenden Teil nicht 
immer ausführlich zusammengestellt werden konnten, sollte die Arbeit 
nicht für den I^ser zu ermüdend sich gestalten. Groß' Auffassung 
gibt ein besseres Bild des einzelnen Gesetzes, jedoch für Geschichte 
zu viel, für Rechtsvergleichung zu wenig. Letzteres um so mehr, 
als die Vergleichung durch Perrin ganz wesentlich erleichtert war. 

Höchst unglücklich aber ist auch die Änderung, die Groß im 
Gegensatz zu Perrin in der Stellung einzelner Länder vorgenommen. 
Perrins Einteilung beruht auf Scheidung der Systeme. Die Ordnung 
innerhalb des einzelnen Systems ist chronologisch. Bei Groß geht 
die Zusammenstellung weder nach Systemen, noch nach der Zeit der 
Norm, noch etwa nach — dem Alphabet. Verändert ist die Stellung 
von Queensland, Newyork, Neu-Seeland, Neuenburg. Man vergleiche 
die Zusammenfassung in beiden Schriften. Ein leitender Gedanke 
fehlt bei Groß. Man wird daher der Perrinschen Darstellung sicher- 
lich den Vorzug geben. Interessiert uns denn bei einer Arbeit über 
bedingten Straf eriaß besonders der Umstand, daß der Kanton Neuen- 



340 XXII. Delaquis 

borg zur Schweiz gehört oder daß er bis 1904 das englisch -ameri- 
kanische System der bedingten Urteilsaossetznng akzeptiert hatte? 
— Soviel über die Methode. 

Das Neue in Alfred Groß' Abschnitt I besteht in einer Fort- 
führung der Perrinschen Zusammenstellung auf den heutigen Stand 
der Gesetzgebung. Neu angeführt sind das französische Gesetz Tom 
28. Juni 1904, das Gesetz Neuenbürgs vom 28. März 1904, das 
bulgarische Gesetz vom 5. Januar 1904, Italiens Legge Ronchetti 
vom 26. Juni 1904, der ital. Strafprozess-Entwurf 1905, Japans Ge- 
setz vom 31. März 1905, das dänische Gesetz vom 1. April 1905, 
eine russische Novelle, der spanische Ges.-Entw. 1900 und der nieder- 
ländische Entw. 1904. Klar dargelegt sind die s. Zt. von Penrin 
übersehenen gemeinsamen Grundsätze des deutschen Bundesrates 
vom 1. Jannuar 1903, berücksichtigt die Protokolle der deutsche 
Strafprozesskommission. Weiterhin sind neu angezogen einige 
schweizerisch-kantonaJe Gesetzentwürfe. — Hervorgehoben sei, daB 
das S. 31 zitierte belgische Gesetz vom 19. Juni 1899 in Wirklich- 
keit vom 15. gleichen Monats datiert. Der S. 45 angeführte Ent- 
wurf von Basel-Stadt ist abgeändert schon am 28. Februar 1906 als 
„Gesetz betreffend den bedingten Strafvollzug (vom 11. Jan. 1906) 
in Kraft getreten. In der st. gallischen Gesetzsammlung, N. F. IX, 
S. 248 ff. wird das „Gesetz des Großen Rates des Kantons St. Gallen 
über den bedingten Strafnachlaß vom 24. November, in Kraft ge- 
treten am 1. Januar 1906, in Vollzug mit 1. Mai 1906'*, veröffent- 
licht Auch hier kennt Alfred Groß nur den Entwurf: 

In Abschnitt II enthalten die Kapitel über „bedingte Verurteilung 
und bedingte Begnadigung'', „Vergeltungsstrafe und bedingter Straf- 
erlaß" nichts neues. Die besondere Betonung der überwiegenden 
Dekreszenztendenz im Entwicklungsprozeß des Poenalrechtes (73) 
stammt schon von Wahlberg, ist aber heute doppelt zeitgemäß; der 
Stellungnahme im Streite zwischen Vergeltungs- und Schutzstrafe ist 
zuzustimmen. Die im 3. Kapitel besprochenen „praktischen Eigeb- 
nisse der bedingten Verurteilung*' lassen die neuesten statistischen 
Daten vermissen. Es ist für eine 1907 erscheinende Arbeit ganz un- 
zulässig, die Statistik nur bis 1899 zu beachten und wesentlich aus 
zweiter Hand zu nehmen! Auch ist das Angeführte unzulänglich. 

Der III. Abschnitt: „Ausgestaltung des bedingten Straferlasses" 
soll des Verfassers Ansicht Ausdruck leihen. Der bed. Straferlaß ist 
zulässig, so lange der Verurteilte noch keine Freiheitsstrafe verbüßt 
hat. Mehrmaliger bedingter Straferlaß ist solchenfalls zu ge- 
währen. Bei Geldstrafen ist bedingter Straferlaß nicht sinnentsprechend. 



Für den bedingten Straferlaß. 341 

Wohl aber soll er dann eintreten, wenn Geld- in Freiheitsstrafe um- 
gewandelt wird. Die Lösung ist, daß das erkennende Gericht sofort 
mit dem urteile auch das Erkenntnis auf Aussetzung der gegebenen- 
falls subsidiär eintretenden Freiheitsstrafe fällt, diese Strafaussetzung 
auch unmittelbar zu Akt bringt, hiervon aber weder dem Verurteilten, 
noch dessen Verteidigung Mitteilung macht.^ (101) 

Zum letzten Punkte noch ein Wort Die Lösung ist doch recht 
nmstlUidlich ! Warum nicht, wie in Italien >), dem Insolvablen 
das Recht geben, dem verurteilenden Gericht ein Gesuch auf Um- 
wandlung der Geldstrafe in bed. Erlaß einer Freiheitsstrafe einzu- 
reichen ? 

Weil bei Verschiedenheit der Person der Richter zwischen Urteil 
und Gesuch, der zweite Richter bei der Entscheidung nur auf die 
Aktenlage angewiesen wäre? (101). Der Einwand ist nicht stich- 
haltig, wie Alfred Groß — sich selbst widersprechend — auf S. 113 
darlegt — 

Ob Nebenstrafen trotz bed. Aussetzung des Vollzuges der Haupt- 
strafe sofort zum Vollzuge gelangen sollen, entscheidet der Richter 
im Einzelfall. (105) Wir stimmen der Forderung nach Bestimmung 
der Haximalgrenze der Freiheitsstrafe, bis zu welcher bedingter Straf- 
vollzug zu gewähren wäre, zu. Daß Aufsicht durch Fürsorgevereine 
während der Bewährungsfrist von Vorteil wäre, leuchtet ein. Be- 
dingungen mögen an den Erlaß gebunden werden. 

Nun möchte ich emige Punkte zusammenfassend erörtern, da sie 
Einwendungen vom gleichen Gesichtspunkte aus unterliegen. A. Groß' 
Ansicht geht dahin: 

Geldstrafe, auch früher schon verbüßte Freiheitsstrafe schließen 
den bedingten Straferlaß aus. Begehung einer strafbaren Handlung 
während der Probefrist soll nur dann Vollstreckung der ersten Strafe 
obligatorisch nach sich ziehen, wenn der Verurteilte in der Strafanstalt 
»gesessen^. Sonst soll dem richterlichen Ermessen die Entscheidung 
überlassen bleiben. 

Dabei scheint Groß doch ein Moment zu tibersehen. — Ganz 
richtig: Der Grundgedanke des bedingten Strafvollzuges ist Prophy- 
laxe gegen Ansteckung in der Strafanstalt Doch weiterhin will man 
damit auch bessern und nur Besserungsfähigen ihn gewähren. — 
Das Besserungsmoment hebt Groß selbst S. 148 hervor. — Aus 
diesem Grunde ist bei Geldstrafe, ist auch bei schon früher ver- 
büßter Freiheitsstrafe bedingter Erlaß zuzugeben. Nicht immer ist 



1) Vgl Perrin 1. c. S. 201, 
Arokir ffir ErinüBaUmtbiopolog^e. XXVI. 23 



342 XXII. Delaqüis 

die Besserung ausgeschlossen, wenn auch schon früher Freiheits- 
strafe vom Verurteilten verbüßt wurde. — Prophylaxe gegen die Ge- 
fahren dieser ist der Grundgedanke! Man übersehe aber nicht das 
ethische Moment. Auch Stimulans zur Besserung. Dies scheint der 
Gang der kommenden Entwicklung. 

Ist aber jemand wert, den zweiten Erlaß zu „kriegen'^, wenn er 
die erste Probefrist nicht gut bestand? M Ist da noch Besserung? 
Doch wohl recht selten. Soll denn in Ländern, wo Verurteilungen 
zu Ehrenhauptstrafen eintreten können, auch solchenfalls der Straf- 
erlaß in Wirkung bleiben? — Steht denn der, der „gesessen", immer 
tiefer als solcher Mann? — Entscheidet stets das richterliche Ermessen? 

Mit Recht wendet sich A. Groß gegen Beschränkungen der 
Wirkungen des Institutes auf Jugendliche, auf Frauen, gegen die 
Forderung eines festen Wohnsitzes während der Bewährungsfrist. 

Das letztere Postulat wäre u. E. doch nur dann verständlich, 
wenn die Besserung während der Bewährungsfrist nicht nur praesu- 
miert würde (rein rechtliche Führung), sondern positiv erwiesen 
werden müßte. 

Die Dauer dieser Frist ist maximal und minimal gesetzlich fest- 
zustellen. Für Nichtbewährung genügt Begehung einer Straftat in 
diesem Zeitraum. Bewährt sich der Verurteilte, so gilt die Strafe als 
verbüßt 

Ist diese Lösung kriminal politisch richtig? Wir glauben: nein! 
Der Besserung des Sträflings winkt geringerer Lohn, sein späteres 
Fortkommen ist auch keineswegs gesichert, wie dies der Fall, wenn 
der Erlaß zu einer Art Rehabilitation führt Hier müssen die kriminal- 
politischen Rücksichten den dogmatischen vorangehen. Auch ist die 
Wirkung dann erst voll erwogen, wenn die Regelung des Straf- 
registers in die Betrachtung einbezogen würde. Ich will darauf nicht 
näher eingehen. Die Konsequenzen, die Groß aus der Wirkung ,,non 
avenue'' auf S. lU zu ziehen scheint, beweisen, daß er die Ein- 
richtung des Strafregisters in Frankreich nicht kennt. 

Prozessual verlangt dann Alfred Groß für den bed. Erlaß die 
Form des Urteils (112). Die Rechtsmittelinstanz entscheidet auch 
über Aussetzung der Strafvollstreckung (115). Selbständige Anfechtung 
^des Straferlaßerkenntnisses'^ soll möglich sein (115 ff.) vom Kläger u. 
vom Angeklagten. Rechtsmittel: Berufung, Nichtigkeitsbeschwerde. 
Die Regelung im österr. Entw. sei „gänzlich verunglückt und unbe- 
friedigend''. 



l) D. h. während derselben wieder delinquierto. 



Für den bedingten Straferlaß. 343 

Nun Abschnitt IV. Sein Platz innerhalb der Arbeit ist recht 
ungeschickt gewählt. Sein Zweck: Feststellung, daß der dem bed. 
Straferlaß innewohnende Gedanke bereits in den Kodifikationen des 
IS. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt (3). Es wird etwas weit 
ausgeholt und auf S. 120—135 zunächst die Unzulänglichkeit des 
Strafensystems und des Strafvollzugs in Österreich bewiesen. Zwischen 
Freispruch und Freiheitsstrafe müssen treten : Verweis für geringfügige 
Delikte, bedingter Straferlaß für schwerere. 

Nachdem somit in etwas ausgedehnter Form die Notwendigkeit 
des bedingten Straferlasses für die moderne Zeit nachgewiesen 
worden, sucht Groß nach Anfängen des Instituts in älterer Zeit. 
— Auch hier ist die Disposition recht unzulänglich! — Was er uns 
bringt, kann nicht befriedigen. Die Bildungen, die A. Groß anführt, 
sind ihrem Grundgedanken, ihrem Zweck nach vom bedingten Straf- 
erlasse grundverschieden. Zum Teil Vorläufer der bedingten Ent- 
lassung, wollen alle Milderung der Strafe. Daß der bedingte Straf- 
vollzug die Wirkung eventuaJiter auch hat, ist nicht sein Grund und 
Zweck, wie dort. Rein äußerlich, historisch mag ein Zusammenhang 
später einmal zwischen den Gebilden bestehen; dogmatisch wird er 
nie vorhanden sein. — Der Natur nach dort: definitive Milderung, 
Begnadigung, Erlaß; hier: eine bedingte Strafvertauschung. 

Die Gnadenübung auf Grund der kaiserl. Entschließung vom 
24. November 1902 wird nie für den bedingten Straferlaß Ersatz 
sein können! — Ja, sie steht aber auch mit diesem in keinerlei Zu- 
sammenhang. Wozu also die langen Erörterungen? — Auch A. 
Groß wendet sich schließlich gegen den unbedingten Straferlaß 
nach Lammasch (wie dies schon Lohsing tat) und nach Hoegel. Mit 
vollem Recht. — 

Das Urteil zusammenfassend wäre zu sagen: Die Arbeit ist 
stilistisch gut; zu Propagandazwecken brauchbar; methodisch verfehlt; 
wissenschaftlich nicht wesentlich fördernd. 

Berlin, 8. Februar 1907. 



1) So schon: v. Liszt, vgl. Lohsing, Jur. Blätter 1906, S. 24. 



23* 



XXIII. 
Die Rehabilitation Yerurieilter und die Kriminalpsychologie. 

(Im Anschluß an die am 18. Oktober 1906 auf der Hauptversammlung der 
Zentralstelle für das Gcfangenenfürsorgewesen der Provinz Brandenburg und 
des Pro vinzial Verbandes der Brandenburgischen Fürsorgevereine für ent- 
lassene Sträflinge gehaltenen Vorträge über „Rehabilitation* von Dr. jnr. 
Ernst Delaquis (Berlin) und Prediger Hildenhagen (Guben). M 

Von 

Dr. Ottokar Tesar (Berlin.) 



I 



Wie aus der dem Titel beigesetzten Beschränkung ersichtlich ist, 
soll hier in knapper P'orm die Rehabilitationsfrage nur von einem be- 
stimmten Gesichtspunkte aus, von dem der Kriminalpsychologie, unter- 
sucht werden.2) Da es sich jedoch, wie Delaquis in dem zitierten Vortrage 
ausführt, hier um das jüngste der Postulate handelt, die im Zusammen- 
hang mit der Reform des R. St G. B. laut geworden sind, dürfte eine 
kurze Erläuterung des bis heute nicht allgemein geläufigen Begriffes am 
Platze sein. Hier mag nur die Fassung zu Grunde gelegt werden, die der 
Rehabilitation im spezifisch technischen Sinn entspricht In diesem Sinn 
erscheint die Rehabilitation als Aufhebung der Ehrenminderungen oder 
der Verurteilung selbst durch gerichtliche Entscheidung, nach erstan- 
dener Strafe unter der Bedingung (positiver Feststellung) des seit der 
Entlassung durchgeführten Wohlverhaltens (Delaquis). 3) 

Nur in diesem technischen Sinn wird hier die Rehabilitation auf- 
gefaßt, da sie auch nur in diesem in neuester Zeit kriminalpolitisches 
Interesse erweckte und nur in diesem bisher in Deutschland zur öffent- 
lichen Diskussion stand. (J. K. V. Hamburg 1905 und die im Titel 
angeführte Versammlung). 

1) Die beiden Vortrage sind inzwischen in der Zeitschr. f. ges. StR.Wiss. 
erschienen. 27. Bd., 4. Heft, S. 376 u. 398. 

2) Über die historische Entwicklang und über die Aasgestaltimg im Straf- 
recht der Gegenwart siehe Dr. E. Delaqais. Die Rehabilitation Verarteiltir. 
Berlin, Guttentag, 1906. 

3) Soweit lediglich „Delaquis'' zitiert wird, bezieht sich dies auf dm im 
Titel angeführten Vortrag, ebenso bei „Hildenhagen". 



Die Rehabilitation Verurteilter und die Kriminalpsychologie. 345 

Daß es neben der Rehabilitation in diesem engeren Sinn Bildungen 
gibt^ die vom Gesetz mit denselben rechtlichen Wirkungen aus- 
gestattet sind, trotzdem sie an andere Voraussetzungen geknüpft sind, 
ist zuzugeben. Frankreich selbst, das in der Behabilitationsfrage in 
gewissem Sinne vorbildlich geworden ist, hat in der Rehabilitation de 
droit (1899) ein Institut geschaffen, das dieselben rechtlichen Wir- 
kungen hervorbringt wie die hier befürwortete Rehabilitation judiciaire, 
obzwar man sich mit der formellen Tatsache begnügte, daß in der 
Zwischenzeit (zwischen Strafverbüßung und Rehabilitationsansuchen) 
überhaupt keine Verurteilung oder keine solche von Bedeutung erfolgt 
ist (Högel, Aschaffenb. Mon.-Schr. IIL S. 488). Es muß jedoch zu- 
gaben werden, daß trotzdem ihre kriminalpolitische Wertung und 
ihre Wertung in der öffentlichen Meinung eine andere sein kann; 
denn gerade die letztere läßt sich durch gesetzliche Vorschriften nur 
bis zu einer gewissen Grenze beeinflussen, gerade die letztere wird, 
trotzdem das Gesetz Personen von verschiedener Qualifikation die- 
selben rechtlichen Vorteile zuteil werden läßt, zwischen ihnen dif- 
ferenzieren; sie wird Personen, bei denen positiv gute Führung die 
Voraussetzung der Rehabilitation bildete, anders behandeln als die, 
bei welchen sie, obzwar sie vom Gesetz gleich behandelt werden, nicht 
eine derartige Gewähr zu haben glaubt; die Rehabilitation in dem, von 
Delaquis vertretenen Sinn, wird somit tatsächlich andere Wirkungen 
baben als die, welche zwar rechtlich gleichgestellt ist, aber an andere 
Voraussetzungen geknüpft ist. Es wird der Unterschied bleiben zwischen 
Personen, die sich selbst rehabilitiert (Delaquis), bei denen das Reha- 
bilitationsdekret lediglich deklarativ ist, und solchen, die das Gesetz 
ihnen gleichzustellen versucht, ohne daß es seinen Willen voll erreicht 
Daß mit der Aufstellung des Erfordernisses der positiven Besserung 
Schwierigkeiten in der Durchführung ihrer Feststellung verbunden 
sein mögen, darüber ist man sich nicht im Unklaren; man hofft sie 
jedoch auf dem Wege einer Ausdehnung der Tätigkeit der Fürsorge- 
organe zu überwinden. 

Damit dürfte das Wesen der Rehabilitation in skizzenhafter Weise 
soweit dargelegt sein, als zur Würdigung der mit ihr angestrebten 
Wirkungen vom Standpunkt der Kriminalpsychologie erforderlich er- 
scheint 

Die Wirkungen, die man aus Gründen der Kriminalpolitik dem 
Delinquenten gegenüber bezweckt, sind doppelter Art. Vor allem soll 
^ die Psyche des Delinquenten nach seiner Entlassung ein gewisser 
^■inflnß ausgeübt werden, ich möchte diese Wirkung, um einen kurzen 
Ausdruck dafür zu haben, als die positive bezeichnen; außerdem soll ihm 



346 XXm. Tesar 

aber durch die Rehabilitation die Möglichkeit geboten werden, in einem 
möglichst ungefährlichen Milieu zu leben, — negative Wirkung. 

Die positive Wirkung! Der Delinquent hat seine Strafe, von 
der wir eine gewisse Motivsetzung für sein künftiges Leben erwarten, 
verbüßt Die Strafe soll, — kurz, vielleicht etwas ungenau ausge- 
drückt, — seine aus der begangenen Tat erkannte kriminelle Neigung 
paralysieren. Die Strafe soll gleichsam einen Gleichgewichtszustand 
schaffen zwischen den antisozialen Elementen seines Ichs und den 
ihnen entgegenarbeitenden, indem diese künstlich, mittelbar oder un- 
mittelbar in ihrer motivierenden Kraft verstärkt werden. 

Hier nun tritt die Aussicht auf Rehabilitation ein. Durch ihre 
Inaussichtstellung sucht man den Gleichgewichtszustand in ein Über- 
wiegen der vom Verbrechen abhaltenden Motive zu verwandeln; man 
stellt dem Delinquenten für gute Führung während einer bestimmten 
Zeit einen „Fleisszettel" in Aussicht, einen Vorteil, der durch seine 
Lustbetonung ihn in seinem Verhalten der Rechtsordnung gegenüber 
unterstützen soll. Solange er sich nicht gewohnt, das Recht zu achten, 
um des Rechtes willen, wird ihm eine Belohnung für seine gute Füh- 
rung in Aussicht gestellt und ihm so in seinem Zustand sozialer Re- 
konvaleszenz ein Schutzmittel gewährt gegen einen Rückfall in seinen 
früheren Zustand. Hat man den Entlassenen durch die künstliche 
Motivsetzung über den kritischen Zeitraum hinweggebracht, so kann 
man erwarten, daß die während dieses Zeitraumes betätigte Übung im 
rechtmäßigen Handeln ihrerseits eine stärkende Kraft gegenüber den 
Lockungen zu antisozialem Verhalten ausüben und ein Straucheln am 
Wege des Rechts verhindern werde. 

Dadurch, daß wir eine Belohnung in Aussicht stellen, um die 
Begehung künftiger Delikte zu verhindern, nehmen wir eine vom 
historisch-kriminalpolitischen Standpunkt interessante Idee wieder auf, 
indem zu der Verbrechensverhütung durch Strafe, durch den Appell 
an die Unlust, das Gegenstück geschaffen wird in der die gleichen 
Zwecke verfolgenden Inaussichtstellung von Lohn, mit seiner Lustbe- 
tonung im Menschen. Haben wir bisher die Wirkungen der Reha- 
bilitation betrachtet, die direkt auf den Delinquenten damit ausgeübt 
werden sollen, so gilt es nun, die ins Auge zu fassen, die darin be- 
stehen, schädliche Reize des Milieus möglichst hintanzuhalten, — die 
negative Seite bei den Wirkungen der Rehabilitation. 

Am besten wird sich an Beispielen die kriminalpolitische Be- 
deutung dieser Seite der Rehabilitation zeigen. 

Nehmen wir an, der Delinquent habe seine Strafe verbüßt und 
es sei ihm durch die Fürsorge für entlassene Sträflinge ein Erwerb 



Die Rehabilitation Verurteilter und die Kriminalpsychologie. 347 

verschafft worden. Er führt sich ganz gut und bewährt sich als 
tüchtiger Arbeiter. Da winkt ihm bei einem anderen Brodherrn eine 
Verbesserung seiner Stellung. Er strebt danach, doch er kann sie nicht 
erreichen, denn ihm hängt noch immer das Odium der Vorbestrafung 
nach. Er sieht sein Fortkommen vernichtet, seine alte Arbeitsfreudig- 
keit erlischt. Dadurch zieht er sich seine Dienstentlassung zu, und er 
gerät mit der Arbeitslosigkeit wieder in die großen Gefahren, die dieser 
Zustand darbietet, denen er nur selten widerstehen kann; oder aber 
er sucht, da er den einen Weg für sein Fortkommen verschlossen sieht, 
auf unredliche Weise seinem Glück nachzuhelfen und fällt damit wieder 
dem Verbrechen anheim. 

Vielleicht aber gelingt es dem Entlassenen eine Stellung zu finden, 
in der er seinen dauernden Lebensunterhalt zu finden hofft, vielleicht 
findet er Leute, die frei von einem gewissen Pharisäertum, das Streben, 
in tüchtiger Arbeit sich zu bewähren, genug hoch schätzen, um ihn 
auch besserer Posten für würdig zu halten. Aber aus Gründen der 
Konkurrenz (Delaquis), aus politischen Gründen behandeln ihn seine 
Arbeitsgenossen als einen durch seine Vorstrafen Minderwertigen, 
weigern sich mit ihm zu arbeiten usw. und zwingen damit den Arbeit- 
geber, der deswegen nicht den ganzen Betrieb gefährden will, den 
Vorbestraften zu entlassen. Der gleiche Effekt wie im ersten Fall, — 
„der Verbrecher aus verlorener Ehre**. (Hildenhagen). Ich glaube ich 
brauche die im genannten Vortrag, vom Herrn Korreferenten Hilden- 
hagen für diesen Typus angeführten, treffenden Fälle hier nicht zu 
bringen. Aus Tagesblättem und aus den Sammlungen von Kriminal- 
fallen dürften hierher gehörige Beispiele genügend bekannt sein. 

Hier nun sucht die Rehabilitation einzusetzen. Dadurch, daß sie 
die Verurteilung beseitigt und dem Entlassenen im Rehabilitations- 
dekret auf Grund seiner guten Führung ein Legitimationspapier für 
seine soziale Brauchbarkeit schafft, sucht sie dem Rehabilitierten eine, 
seinen Anlagen entsprechende Kraftentfaltung zu ermöglichen, dabei 
zu verhindern, daß er durch die Unterbindung seines Fortkommens 
in ein Milieu verfällt, daß eine derartige Fülle an kritischen, zum 
Delikt verlockenden Reizen enthält, daß die Wahrscheinlichkeit seines 
Rückfalls bis zur Gewißheit gesteigert wird. 

So bietet uns die Frage der Rehabilitation manches Interessante, 
das für die Kriminalpsychologie und für eine auf ihr fußende Kriminal- 
politik von Wert sein mag. 

Haben wir, bisher die Bedeutung der Rehabilitation in Hinsicht 
auf die Verhütung künftiger Verbrechen betrachtet, so soll nun noch 
auf eine andere Seite derselben hingewiesen werden, auf ihren Wert^ 



348 XXIII. Tesak 

den sie hinsichtlich der Erforschung begangener Verbrechen dadurch 
hat, daß durch sie die aus Literatur und Praxis bekannten Fälle 
möglichst vermieden werden, daß sich Personen wegen ihrer Vor- 
strafen nicht als Zeugen melden. 

Gar mancher, der vielleicht für den konkreten Fall höchst wich- 
tige Angaben zu machen vermöchte, unterläßt es, sich als Zeuge zu 
melden, um nicht seine, in der Vergessenheit der Vergangenheit 
schlummernden Vorstrafen aufs neue dem Gericht und damit der 
großen Öffentlichkeit preiszugeben und sich so wieder der Schande 
des Vorbestraftseins auszusetzen. Man sucht diese Mängel vorläufig 
dadurch zu beseitigen, daß mit der Einführung der Rehabilitation eine 
Beschränkung des richterlichen Fragerechts, hinsichtlich VorstrafeD, 
gegenüber denen Rehabilitation erfolgt ist, Hand in Hand gehen soll, 
da bei der schrankenlosen Ausübung desselben, wenigsten heute, die 
gehofften Wirkungen der Rehabilitation leicht in Frage gestellt werden 
können. 

Bei der Lösung der Frage, wie das Fragerecht beschränkt werden 
soll, ergeben sich jedoch große Schwierigkeiten, die auch bis heute 
noch keine befriedigende Lösung erfahren haben. (S. Ötker. G. S. 67. 
S. 424ff.J 

Hier soll auch nicht versucht werden, eine solche zu finden; nur 
auf die psychologische Seite dieses Problems soll hingewiesen werden. 
Die Schwierigkeiten bei der Beschränkung des Fragerechtes ergeben 
sich aus der hier eintretenden Interessen kollision; das Interesse des 
Staates einerseits an der Erforschung materieller Wahrheit, das Inter- 
esse des Einzelnen an seiner individuellen Ehre anderseits, sind es, die 
hier zusammentreffen. Schließt man das Fragerecht nach Vorstrafen, 
bezüglich derer Rehabilitation erfolgt ist, vollkommen aus, kann also 
bei einer Frage nach dem Vorhandensein von Vorstrafen, bezüglich 
derer Rehabilitation erfolgt ist, ihr Vorhandensein verneint werden, 
so haben wir das Recht auf die freie Herbeischaffung der für den 
konkreten Fall relevant sein könnenden Beweistatsachen zu Gunsten 
der Ehre des Vernommenen eingeschränkt, indem wir eine gesetzliche 
präsumptio iuris et de iure dafür schaffen, daß die betreffende Vor- 
strafe für den konkreten Fall irrelevant sei. 

Eine weitere Möglichkeit ist, daß man bei der Beschränkung der 
freien Beweisaufnahme weniger radikal vorgeht, indem man die Vor- 
strafen, bezüglich derer Rehabilitation erfolgt ist, nicht unter aUen 
Umständen für belanglos erklärt, sondern die Möglichkeit von allen 
Fällen vorsieht, in denen trotzdem derartige Vorstrafen berücksichtigt 
werden können. Es sind dies die Fälle der sogenannten Konnexität, 



Die Rehabilitation Verurteilter und die Krimioalpsychologie. 349 

wo man einen psychischen Zasammenhang zwischen der ersten Tat 
und dem hier in Betracht kommenden Fall als mehr oder minder wahr- 
scheinlich annehmen zu können glaubt Damit kommt man jedoch 
zu einer Frage, die auch auf einem andern Gebiete, dem des Rück- 
falls, große Schwierigkeiten bereitet Das angegriffene Rechtsgut, die 
Form der Begehung und das Motiv kommen hier als Kriterien der 
Konnexität in Betracht. Soll nur eines von diesen drei Momenten hier 
Bedeutung haben, sollen sie wahlweise in Betracht kommen, oder müssen 
alle drei gleichzeitig vorhanden sein, damit Konnexität eintrete? 

So bietet uns die Beschränkung des richterlichen Fragerechts 
nach Vorstrafen psychologisch interessante wie in ihrer Lösung schwie- 
rige Fragen dar. Wie diese Frage der Beschränkung, die heute mit 
Rücksicht auf die Individuallehre als notwendig empfunden wird, ge- 
löst werden möge, sie dürfte doch eine mehr oder minder vollkom- 
mene interimistische Maßregel bedeuten, die nur solange notwendig ist, 
bis die Rehabilitation sich ini Volksbewußtsein allgemein eingebürgert 
haben wird, bis man den im Rehabilitations-Dekret liegenden Nach- 
weis guter Führung den ihm zukommenden Wert allgemein beilegen 
wird; dann kann auch das Fragerecht ungehindert ausgeübt werden, 
wenn niemand eine Minderung seiner Ehre fürchten darf wegen des 
Bekenntnisses: 

Vorbestraft, aber rehabilitiert! 



XXIV. 
Tatermittelung durch Photogramm. 

Von 
Privatdozent Assessor Dr. Hans Beiohel, Leipzig. 

Die hervorragende Bedeutung, welche die Photographie für die 
Rekognoszierung des Täters, d. h. die Identifizierung eines Verdäch- 
tigen mit einer, den Personalien nach bekannten Person besitzt, ist 
allbekannt. Daß sie aber auch zur Feststellung der Tat selbst, znr 
Entlarvung des Täters in flagranti mit Nutzen verwandt werden kann, 
lehrt folgender Fall, der der Findigkeit des Verletzten alle Ehre macht 

Aus dem verschlossenen Arbeitspult eines Prinzipals kamen fort- 
gesetzt Geldbeträge abhanden. Der Verdacht lenkte sich auf den 
Handlungsgehilfen G., der tlber seine Gehaltsverhältnisse lebte; indessen 
war ihm Bestimmtes nicht nachzuweisen. Um dem Täter auf die Spur 
zu kommen, verband der Prinzipal den Deckel des Pultes durch elek- 
trische Leitung mit einem diskret im Zimmer aufgestellten Moment- 
photographenapparat. Sobald der Pultdeckel gehoben wurde, entstand 
vermöge einer sinnreichen Anordnung Stromschluß und der elektrische 
Strom bewirkte mechanisch die zeitweilige Lüftung des Objektiv- 
verschlusses. Das Objektiv war auf das Pult und dessen Umgebung 
gerichtet. Der Versuch gelang. Eines Tages zeigte die Platte das 
Negativ des G., wie er — anscheinend nach Eröffnung mittels Nach- 
schlüssels — den Pultdeckel in die Höhe hob. Dies führte zur Straf- 
anzeige und zur Verurteilung des G. (3 Monate Gefängnis). 

Urteil des L.-G. Plauen i. Vgtl. lA 182/06 am 8. Nov. 1906. 



XXV. 
Ein eigenartiger Fal] von Kindesunterschiebung. 

Von 
Privatdozent AsseBSor Dr. Hans Beiohel» Leipzig. 

In Bd. 21 S. 168 dieses Archivs habe ich den Fall einer in reifen 
Jahren stehenden adeligen Dame mitgeteilt, die, bloß um zur Ehe zu 
gelangen, eine Urkundenfälschung beging. Noch eigenartiger ist der 
Fall, der am 20. Nov. 1906 die V. Strafkammer des Landgerichts 
Dresden beschäftigte. Die minderjährige Anna Frieda R, Tochter 
wohlhabender Eltern, unterhielt wider Willen der Eltern ein Ver- 
hältnis mit dem vermögenslosen Ingenieur X. Um den elterlichen 
Ehekonsens (§ 1305 BGB) durchzusetzen, täuschte sie, obschon in 
Wahrheit in ganz normalen Umständen, den Eltern und ihrem Ge- 
liebten vor, von diesem schwanger zu sein. Hierdurch bestimmt, 
willigten die Eltern in sofortige Eheschließung ein, und die Hochzeit 
fand statt ^). Um nicht Lügen gestraft zu werden, fingierte bald da- 
nach die E., die auch jetzt in Wahrheit nicht schwanger war, eine 
Niederkunft und präsentierte ihrem Ehemann einen zwei Monate alten 
Knaben diskreter Herkunft, den sie heimlich „gekauff* hatte, als seinen 
Sohn. Der Standesbeamte, welcher der Richtigkeit der Geburtsanzeige 
auf den Grund ging (§ 21 Personenstandsgesetz), brachte die Unter- 
schiebung alsbald an den Tag. Die Erstattung der Strafanzeige aus 
§ 169 StGBs erfolgte durch den Ehemann X., welcher in der Haupt- 
verhandlung empört erklärte, sich von seiner Frau scheiden lassen 
zu wollen. Das Gericht ging von der Erwägung aus, daß im wesent- 
lichen verliebte Torheit und der Wunsch, den Geliebten baldigst hei- 
raten zu können, die R. zu ihrem sonderbaren Verhalten veranlaßt 
babe, ließ deshalb Milde walten und erkannte auf das Minimum, einen 
Tag Gefängnis. — 

Wollte der Eheprozeßrichter die Tat der R. ebenso nachsichtig 
beurteilen wie der Strafrichter, so würde er zur Abweisung der Schei- 
dungsklage zu gelangen haben, denn er könnte alsdann in dem Yer- 

1) Ziviüstiscbe Handbemerkung: Steht dem Aussteuerverlangen der R. der 
Einwand ans § 1621 Abs. 1 B.G.B. entgegen? Sieberlich im Falle rechtzeitiger 
Anfeditung der Konsenserklärung (§ 123 B.G.B.) ; aber auch ohnedies, wie mir 
scheint, nach den Grundsätzen über die exe. doli generahs (§ 162 B.G.B., 
RGZ. 56 262, David in Gruchots Beitr. 46 282 ff. u. a. m.) 



352 XXV. Reichel 

halten der R eine „schwere Verletzung der durch die Ehe begründeten 
Pflichten" (§ 1568 BGB) nicht erblicken. Ich zweifele, ob er zu diesem 
Ergebnis. gelangen wird. Ein formeller Zwang besteht hierzu nicht; 
denn das Straf urteil bindet den Zitilrichter in keinem Punkte (§ 14 
Einf. Ges. z. Civ. Pr. 0.). Aber auch ein sachlicher Anlaß zu gleich- 
mäßiger Entscheidung scheint nicht gegeben. Mag nämhch selbst die 
R., als sie die Schwangerschaft vortäuschte, zunächst nur aus verzeih- 
lichen Liebeswünschen gehandelt haben, so fiel doch ein hinreichender 
Grund, diese Komödie fortzuspielen, mit dem Zeitpunkte fort, in dem sie 
ihren nächsten und sehnlichsten Wunsch, die Eheschließung, erfüllt 
sah. Was sie fernerhin bewog, ihre Fiktion aufrecht zu erhalten, 
konnte nur mehr die selbstsüchtige Scheu davor sein, sich als Lügnerin 
entlarvt zu sehen i). Ich gebe zu, diese Scheu hatte einen besonderen 
Grund in der Rücksicht auf die Besonderheit des lügnerischen Ver- 
haltens; sie basierte zum Teil auf dem weiblichen Schamgefühl. 
Die R. schämte sich voraussetzlich nicht allein der betätigten Unwahr- 
heit, sie schämte sich offenbar auch der untergelaufenen Schamlosig- 
keit. Denn sie hatte im erotischen Interesse einen Tatumstand vor- 
gespiegelt, der sich auf intime Verhältnisse ihres Körpers bezog. Allein 
alle diese Entschuldigungsmomente schlugen, meine ich, dem Ehe- 
manne gegenüber nicht durch. Die eheliche Lebensgemeinschaft for- 
dert ein rückhaltloses Offenbaren auch diskreter und kompromittierender 
umstände, sofern der andere Teil auf deren wahrheitsgemäße Ent- 
hüllung ein Recht hat. Ein gegenteiliges Verhalten verstößt nicht 
nur gegen die Moralgebote der ehelichen Liebe, sondern auch gegen 
das Rechtsgebot der ehelichen Treue. Eine schwere Verletzung dieser 
ehelichen Treupflicht war es, wenn die R., nur um nicht als Lügnerin 
dazustehen, ihrem Ehemann ein wildfremdes Kind unterschob, das er 
bis auf Weiteres vor Gott und Welt als das seine anzuerkennen und 
zu alimentieren hatte. Nach alledem halte ich es für völlig zutreffend, 
wenn der Ehemann sich als solcher betrogen ansieht, und für durch- 
aus glaubhaft, wenn er behauptet, durch das hinterhaltige Gtebahren 
seiner Ehefrau sei seine eheliche Gesinnung dergestalt zerstört, daß 
ihm die Fortsetzung der Ehe nicht zugemutet werden könne. (§ 1568 
BGB.). Ja, ich würde kein Bedenken tragen, dem Scheidungsver- 
langen selbst dann Beachtung zu schenken, wenn die Ehefrau ihrem 
gutgläubigen Ehemann ein fremdes Kind unterschieben wollte ledig- 
lich in dem Bestreben, ihm den langersehnten Leibeserben und Fidei- 
kommißfolger zu verschaffen. Die Ehe ist ein Vertrauensverhältnis; 
Lüge und Heimlichkeit aber sind das Grab alles Vertrauens. 
1) Sie hätte ja auch besser eine Fehlgeburt simulieren können. 



Kleinere Mitteilungen. 



Von Medizinalrat Dr. P. Näcke. 
1. 

Sächsische Kriminal Statistik für die Jahre 1882 bis 1903. 
Kürzlich ist der Jahrgang 1906 der „Zeitschrift des Kgl. Sächsischen 
Statistischen Landesamts^^ 1. Heft, erschienen , der von Seite 160 bis 207 
die letzte zwanzigjährige Kriminalstatistik enthält, welche sich nach dem 
Bilde der Reichsstatistik bewegt. Die Erläuterungen zu den Zahlenüber- 
sichten durch Dr. v. Friesen und Dr. Bauck sind höchst interessante und 
kritische. Daraus entnehme ich folgendes. Sachsen ist ein Ländchen, 
das zu statistischen Untersuchungen geradezu auffordert. Es zeigt kulturell 
eine ziemlich homogene und hoch entwickelte Konstitution und trotzdem 
bestehen bez. der ökonomischen und geologischen Verhältnisse ziemlich 
^oase, aber durchsichtige Verhältnisse. Ackerbau und Industrie werden 
intensiv betrieben, wenngleich letztere bei weitem tiberwiegt. Im ganzen 
schneidet Sachsen bez. der Kriminalität sehr gut ab. Eine höhere Krimi- 
nalität als das deutsche Reich zeigt es nur bei Gewalt und Drohungen 
gegen Beamte, Unzucht mit Gewalt u. s. f., schweren Diebstahl, Urkunden- 
flUschung und Brandstiftung; ungefähr gleich groß ist sie bei einfachem 
Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, niedriger dagegen bei Körperverletzungen, 
Nötigung und Bedrohung, Hausfriedensbruch, Meineid, Kuppelei, Beleidi- 
gung, Hehlerei und Sachbeschädigung. In stärkerer Zunahme begriffen als 
im deutschen Reiche waren nur die Delikte Gewalt und Drohung gegen 
Beamte, Hausfriedensbruch und schwerer Diebstalil, eine Abnahme gegen- 
über einer Zunahme im Reiche bei einfacher Körperverletzung und Be- 
leidigung. Am größten war die Kriminalität in den Kreishauptmannschaften 
Dresden und Leipzig, am geringsten in Bautzen und am größten wiederum 
in den Großstädten Dresden, Leipzig und Chemnitz. Die weibliche Krimi- 
nalität war größer als im Reiche nur bei Diebstahl, Betrag und Brand- 
stiftung, sonst niedriger, ebenso bleibt die der Jugendliclien hinter dem 
Reichsdurchschnitt zurück. 

Die Bearbeiter aber selbst machen auf das Heikle vieler Zahlen auf- 
merksam. So lange es keine Individualstatistik gibt, wird jede Statistik 
mehr oder weniger gefälscht sein und selbst eine Massenstatistik tilgt das 
nicht aus. Und wie sollen wir in Wirklichkeit die Zahlen der verschiedenen 
Länder miteinander vergleichen, wo überall Subjektivitäten in der Auffassung 
der Schwere und Bestrafung der Delikte eintreten, ja sogar von Bezü*k zu 
Bezirk? Ward mir doch z. B. erst kürzlich von einem Gerichte erzählt, 
das einen Mann bei wiederholtem und erschwertem Diebstahl mit 8 Jahren 



354 Kleinere Mitteilungen. 

Gefängnis bestraft hatte, was die andern Richter, und mit Recht, horrend 
fanden? Die Tendenz geht im allgemeinen dahin, viele kleine Delikte 
ungestraft zu lassen und die größeren leichter zu bestrafen, und das ist 
sehr löblich. Wie können dann aber diese Zahlen mit früheren vergiidieo 
werden? Was für total verschiedene Sachen werden z. B. in den Topf 
des Diebstahls, des Widerstands etc. geworfen, die vielfach mit Delikten 
nichts oder nur wenig zu tun haben? Bei Jugendlichen handelt es sich 
an sehr vielen Stellen, wie der eme Ref. sehr richtig sagt, nur um dumme 
Streiche. Die Diebstähle überhaupt sind meist ganz unbedeutende und 
lassen sich mit den andern nicht vergleichen. In Sachsen ist Widerstand 
gegen Beamte meist ein solcher bei Verhaftung, Verstöße gegen öffent- 
liche Ordnung smd meist solche gegen die Gewerbeordnung. Kann man 
sie wirklich als Delikte auffassen? Nein, wer auf die offiziellen Zahlen 
schwört, gehört zu den dogmatischen Gläubigen und zeigt wenig kriti- 
schen Smn! 

In einer Arbeit (dies Archiv, 25. Bd. p. 64) ,, Rasse und Verbrechen* 
machte ich darauf aufmerksam, daß gewisse Unterschiede in der Krimi- 
nalität sehr wahrscheinlich auch mit durch die Rasse bedingt seien und 
suchte das an Sachsen zu demonstrieren, mdem dort, wo viel slaviscfae« 
Element existiert, weniger Gewalttätigkeit herrscht ; der Lausitzer ist weniger 
roh und mehr friedliebend als z. B. der Voigtländer, wenn nicht der 
Alkohol einwirkt. Damals handelte es sich (Anfang p. 74) um eine 
Statistik von 1875 — 1879. Das Gleiche zeigt uns die eben dargelegte 
Kriminalstatistik von 1882 — 1903. Ja, wir sehen überhaupt hier in der 
ganzen Lausitz mit den Amtshauptmannschaften Kamenz, Bautzen, Löban 
und Zittau die Verbrechen und Vergehen an Zahl bedeutend der im Voigt- 
lande nachstehen, was sicher dort nicht bloß die geringere Industriebevölke- 
ruug und das weniger dichte Zusammenwohneu ausmachten. Das Voigt- 
land mit den Amtshauptmannschaften Plauen, Oelsnitz und Auerbach steht 
fast überall mit an der Spitze der Kriminalität in Sachsen, .wunderbarer- 
weise macht hier bez. des Diebstahls Auerbach eine Ausnahme. Die Lausitz 
hat allerdings relativ wenig Industrie, daher aber ist die Nähe Böhmens 
wegen Schwierigkeit der Verfolgung von Verbrechen erschwerend, sodaß 
hier leicht em „ Verbrecherschlupf wmkel" entstehen kann. Auch die Ver- 
gehen gegen die Sittlichkeit (§ 175 — 176 al. 9. B) waren in der Kreis- 
hauptmannschaft Bautzen im Jahrfünft 1898/1902 geringer als in Zwickau 
für das Voigtland. Auch hier dürfte die Rasse mitsprechen. Die libido 
scheint beim Slaven gi'ößer zu sein als beim Germanen, daher gewiß z. T. 
auch der große Kinderreichtum der slavischen Völker. Hier werden des- 
halb wahrscheinlich auch größere Zahlen unehelicher Geburten vorhanden 
sein und Gewalt zur Erreichung sexueller Befriedigung scheint seltener vor- 
zukommen als bei den Germanen. Für die Konfession konnte die säch- 
sische Kriminalstatistik nichts liefern, da zu wenig Katholiken im Lande 
wohnen. Dagegen ist es interessant zu erfahren, daß die Juden eine größere 
Kriminalität bez. der Vergehen gegen die Gewerbeordnung und des Betrugs 
aufweisen als die Christen und außerdem eine größere als bei den übrigen 
Israeliten Deutschlands. Von Friesen glaubt Letzteres darauf zurückführen 
zu können, daß im übrigen Deutschland die Juden den Großhandel be- 
herrschten und großen Grundbesitz etc. erlangten ; das aber, meine ich, trifft 



Kleinere Mitteilungen. 355 

nur eine sehr geringe Zahl von Juden! Die meisten stehen wohl nicht viel 
besser da als m Sachsen^ wo nur wenig Juden sind. Im allgememen gilt 
für zugewanderte Juden das Gesetz , daß je ignoranter ^ ärmer ^ fauler und 
gedankensdiwadier das Wirtsvolk ist, umsomehr setzen sich Juden fest, 
umsomehr blQhen sie auf. Grade der deutsche Osten beweist dies schla- 
gend, aber noch mehr Polen, Rußland, Rumänien, Ungarn etc. Die 
Zahl der Juden bildet also bis zu einem gewissen Grade einen Index für 
den derzeitigen Kulturwert emes Volkes. — Dr. Bauck bemerkt sehr richtig : 
.Der Gedanke an eine endliche Ausrottung des Verbrechens ist eine Utopie. . . . 
die Wurzel der Kriminalität ist ethisch und unausrottbar, so lange die 
Menschen körperlich und geistig ungleichartig sind; wohl aber treibt sie 
verschieden auf verschiedenem Boden. . . ." Die Moralität wird nach ihm nur 
z. T. im Strafgesetze gefaßt „So unterliegt der Straf gesetzgebung und 
dem Strafvollzug nur ein kleiner Teil der unmoralischen Handlungen, jedoch 
ein großer Teil von Vergehen ohne kriminelles Interesse. . . ."' Das Straf recht 
ist weiter nach ihm absolut nötig und hat doch sittlich den Menschen nie 
(? Näcke) gefördert; die Strafe wirke nur allgemein vorbeugend, sie sei ein 
Schutz der Gesellschaft, aber kein wirksames Mittel zur Bekämpfung der 
Verbrechen, Man sieht schon daraus, wie modern Dr. Bauck denkt Die 
Zunahme der Kriminalität beruht besonders auf dem steigenden Rückfall. 
Um aber wahrhaft die Kriminalität eines Volkes zu kennen, wenigstens 
besaer wie jetzt, müßten — meine ich — alle durch Fremde, Eingewanderte 
begangenen Verbrechen abgezogen werden und das geschieht wohl fast nie. 
Gerade Sachsen beherbergt eine sehr große Masse Fremder und ohne sie 
würde das Land sicher noch viel weniger relative Kriminalität aufweisen 
ab jetzt; die Eingewanderten erhöhen besonders die Zahl der Ver- 
brechen in den Großstädten. 



Weiteres über die kanadischen Duchoborzen. Wiederholt 
habe ich in diesem Archive die Schicksale dieser armen, fanatischen russi- 
sdien Sekte verfolgt, nachdem Prof. A. E. Spitzka hier eingehend und in- 
teressant ihre Geschichte und ihren Auszug in die Weite, um Jesum zu suchen, 
geschildert hatte. Am 31. Dez. 1906 schreibt mir nun genannter Herr 
folgendes: „Von den Duchoborzen kann ich nur mitteilen, daß die Polizei 
es nötig findet, gewisse aufrührerische Fanatiker von Zeit zu Zeit in Haft 
2u nehmen. Diese Anführer nennen sich „Jesus", „Johann der Täufer'', 
-Petrus", „Moses'* und „Adam" und sie scheinen selber fest an ihre Identität 
zu glauben. Nur durch solche strenge polizeiliche Aufsicht sind die üb- 
lichen Pilgerfahrten verhindert worden." Man sieht also, daß diese Sekte 
nur durch sti-enge Maßregeln an ihren hirnverbrannten Pilgerauszügen ver- 
hindert wird. Sie hält offenbar fest zusammen und es scheint, als ob die 
Sektierer doch nicht oder nicht genügend mit andern fremden Mitbewohnern 
-verdünnt'' wurden, wie es erst zu tun beabsichtigt wurde, indem man die 
Familien unter Fremde verstreuen wollte, sonst würden schwerlich solche 
Fanatiker immer wieder von neuem entstehen. Diese Anführer scheinen wohl 
ziemlich sicher geisteskrank zu sein. Während sie früher ihre Auszüge 
machten, um Jesum zu suchen, ersteht jetzt unter ihnen selbst ein Jesus, 



356 Kleinere Mitteilungen. 

ein Johannes und andere biblische Gestalten. Die Anhänger, welche sidier 
sehr zahlreich sein müssen, sind aber wahrscheinlich nur Verblendöe, 
Suggerierte, nicht Irre. Radikal könnte hier nur Einsperren der Anffihrer 
und wirkliche „Verdünnung" der Familien mit gesunde, fremden Elfr 
menten abhelfen! 



3. 

Der Traum als eine Quelle von Erinnerungstäuschungen. i 
Auf diesen Umstand ist schon öfters auch von mir hingewiesen worden, und j 
forensisch ist die Sache entschieden im Auge zu behalten. Es ist aber selten, daß | 
man einen sicheren Fall festnageln kann. Solches kann ich heute tun. Die i 
ersten Tage im Jan. ging ich mit meiner Frau an der Wohnung einer j 
beurlaubten Patientin vorbei und meme Frau frug mich, ob die betreffende 
Dame nicht gestern mich gesprochen habe. Auf Verneinung frug sie 
weiter, ob nicht vorgestern. Auch das ward vememt und mußte sogar 
wiederholt werden, da meine Frau es gar nicht glauben konnte. Eb ergab 
sich nun, daß sie vorgestern nachts geträumt habe, sie wäre in der Speise- 
kammer und hätte durch das von dort auf die Treppe gehende Fensto- 
genau Fräulein X. die Treppe herauf gehen sehen und sidi gewundert, wie 
leicht der Schritt der alten Dame noch sei. Dieser Traum war also scheinbar 
vollkommen vergessen, bis 40 — 50 Stunden später beim Vorübergehen an 
der Wohnung des Fräulein X. die im Traum erlebte Szene mit vollstö- 
tJberzeugung der Wahrheit vor die Seele trat und erst nachträglidi der 
wirkliche Hergang der Sache klar wurde. Man sieht, v,iG leicht auf diese 
Weise unter Umständen eine falsche Beschuldigung, ein falsches Zeugnis 
entstehen kann. Der Richter soU also daran denken, auf der andern Seite 
sich aber auch hüten einen Traum etwa hmeinzusuggerieren. 



Warum zieht uns das Feuer so an, speziell aber die 
Kinder? Hellwig hat kürzlich in diesem Archive (Bd. 26, p. 113) in- 
teressante Bemerkungen zur Feuermanie der Kinder gemacht, die durch 
das Folgende noch ergänzt werden sollen. Auch ich glaube, daß bd 
Knaben dies Symptom häufiger ist als bei Mädchen, was schon der Um- 
stand zeigt, daß jugendliche Brandstifter fast stets Knaben sind. AUe 
Kinder lieben das Feuer und das Wasser, mehr nodi als Erwachsene, 
wenigstens in gewissen Richtungen. Bei manchen artet dies geradezu in 
eine gefährliche „Feuermanie" aus. Was aber ist der Urgrund dieser 
allgememen Erscheinung? Es ist offenbar ein Phototropismus jeg- 
licher organischen Materie, d.h. Anziehung durch emen Licht^anz. 
die Sonne, das Feuer etc. Dazu kommt bis zu einem gewissen Grade 
auch ein Thermotropismus, insofern jede Zelle von der Wärme an- 
gezogen wird. Von einer Chemotaxos, d. h. Anziehung durch chemische 
Eigenschaften ist aber kaum die Rede. Diese Grundeigenschaften der Zdle 
erklären auch hmreichend das Anziehen des Gewürms, der Mücken etc. durch 
das Lacht, oder der Wandervögel durch den Leuchtturm, an dessen LAteme 
sie den Kopf sich so oft einrennen. Bei den höheren Tieren dagegen 



Kleinere Mitteilungen. 357 

tritt ein psychisches Moment auf, das jene Instinkte wiederholt : Die Furcht^ 
wie man dies z. B. bei StaUbränden sieht, wobei es fraglich bleibt, inwie- 
weit diese Furcht angeboren ist oder nicht vielmehr durch Erfahrung er- 
worben ward, sowie ob die Ansteckungsgefahr der Panik sehr bedeutsam mit- 
wirkt oder gar allem tätig ist. Bei dem Menschen aber treten zu obengenannter 
Anziehung dem Feuer gegenüber noch weitere Momente auf, die dem Tiere 
wohl ganz abgehen. Da ist zunächst die Bewegung, die anzieht. Der 
Menscli, als ein Aktiver, liebt sie mehr als die Ruhe, die ihm nur zu oft 
das Symbol der Kühe wird. Sie repräsentiert ihm das Handehi! Aber 
dazu kommt noch ein Weiteres. Diese Bewegung beim Feuer (auch beim 
Wasser) ist eine monotone, fast rythmische und dadurch bilden sich bei 
längerem Anschauen wahrscheinlich ganz leichte Zirkulationsstörungen im 
Gehirn, die angenehm, wie ein Halbrausch wirken, älmlich wie Tanzen, 
Schaukeln u. s. f. Manclien wird es geradezu schlecht, wenn sie längere 
Zeit auf eine bewegte Wasserfläche sehen. Femer wirkt auch das Glitzern, 
die Farbe, das Aufflackern der Flamme mit, was sich besonders gespenstisch 
vom nächtlichen Hintergründe abhebt, ähnlich wie bei bewegter See 
die huschenden Sonnen-, Mond- oder Sternlichter. Zu erwähnen smd auch 
die wechselnden Gestalten der Feuerumrisse, des Hauches mit seinem 
scharfen Gerüche, das Knistern der brennenden Materien, die Wärmeentwicke- 
lang, die herbeigeströmten halbbeleuchteten Menschen, der Lärm durch 
die Löschmannschaften, das Sturmläuten etc. So sind, wie wir sehen, alle 
Sinnesorgane bis auf den Geschmack bei dem Eindruck be- 
teiligt Beim Erwachsenen knüpfen sich aber auch unterbewußt aller- 
lei Assoziationen daran: das furchtbare Unglück für die Menschen, das 
Geschrei derselben etc., was unwillkürlich mehr oder mmder geheime sadistische 
Erregungen wachruft — hier aber ohne irgend welchen sexuellen Hinter- 
grund, sowie ich auch keinen Fall durch Brandunglück bewirkten sexu- 
elle Sadismus kenne! — Trotz des Gruseins fühlen sich die meisten 
Menschen immer wieder zur Unglücksstätte hingezogen und es läßt sich 
nicht leugnen, daß das Ganze oft auch einen ästhetischen Genuß gewährt. 
Beim Kinde selbst sind nun alle diese seelischen Momente nur wenig ent- 
wickelt, dagegen mehr andere, die dem Erwachsenen meist abgehen. Daa 
Anzünden eines Streichhölzchens gewährt ihm besonderen Reiz, der sicher 
noch durch das strenge Verbot der Eltern erhöht wird. Es ist quasi ein 
kleiner und unbegreiflicher Schöpfungsakt. Der Rauch, die Flamme in 
ihren verschiedenen Gestaltungen und Farbenspielen erregen die kindliche 
Phantasie und das Zerstörtwerden durch die Flamme befriedigt den ge- 
heimen sadistischen Drang. Auch der Gerudi scheint manche zu ergötzen. 
Nicht am wenigsten interessant sind endlich die Löschversuche, das 
Zischen des vergossenen Wassers etc. Um ein größeres Feuer tanzen 
die Kinder gern in halbwilder Erregung. Ähnliche Momente sind bei dem 
Patschen der Kmder in Pfützen zu beobachten. Interessant ist es, daß 
beim Erwachsenen in Momenten der Abgespanntheit oder Zer- 
streutheit diese kindlichen Liebhabereien unbewußt oder nur 
halbbewußt zeitweise durchbrechen. Man brennt dann z. B. un- 
nötigerweise ein Streichholz an und sieht lange in die Flamme hinein oder 
tritt in eine Wasserlache etc. Kurz, es sind quasi Atavismen, Rückschläge 
in die Kinderzeit, wie ich deren früher verschiedene beschrieben habe. 

ArehiT fOr Eriminalantliropologie. XXVI. 24 



358 Kleinere Mitteilungen. 

Hellwig verspricht sich in semer Mitteilung bei Feuermanie der Kinder 
viel von Hypnose oder Wachsuggestion. Ich wäre auf die Beweise begierig, 
die er dafür anführen könnte, da man schon längst eine wirkliche Be- 
seitigung von Kinderfehlem durch obige Maßnahmen für kaum möglich 
erklärt, soviel ich wenigstens weiß. Die gegenteiligen Behauptungen B^ril- 
Jon's aus Paris smd nicht ernst zu nehmen. 



5. 

Über den Wert von Greisen-Aussagen. Cazin hat kürzlich 
(referiert in der Revue de Psychiatrie etc. 1906, p. 516) in einer Pfründen- 
anstalt von Nancy eine Reihe scheinbar normaler Greise untersucht. Der 
test bestand darin, daß Verf. jeden der Greise V* Stunde lang über ganz ge- 
wöhnliche Dinge gesprochen hatte. Es zeigte sich dann, daß fast ^/a der 
Leute den Doktor 2 Monate nach dieser Unterredung nicht wieder erkannten. 
Als hauptsächlichste Ursache werden Schwächung des Gedächtnisses, der 
Seh- und Hörschärfe, die Suggestibilität, die Ermüdung infolge der Auf- 
merksamkeit, latente psychische Leiden etc. angegeben. Als Forderungen 
in foro stellt Cazin folgendes auf: bei wichtigen Aussagen die betreffenden 
Greise vorher psychiatrisch untersuchen zu lassen; wenn man sie anhört, 
soll man sie erzählen lassen, ohne u*gend eine tendenziöse Frage zn 
stellen; endlich die Aussage der Zeugen nach einigen Tagen wiederholen 
zu lassen. Das alles scheint dem Ref. sehr wichtig zu sein. Freilich hat 
Cazin kein Vergleichs-Material an Erwachsenen vorgenommen, was ihm 
Ref. in der Revue de Psychiatrie mit Recht vorwirft. Doch würden die 
Resultate bei Greisen trotzdem wesentlich schlechter ausgefallen sein. Sehr 
zu denken geben allerdings die Experimente von Borst und Charap^de, die 
zeigten, daß auch bei normalen Erwachsenen ein wahrheitsgetreues Zeugnis 
nur eine Ausnahme ist! Doch ist hier, wie stets, zwischen Laboratoriom- 
versuch und Gerichtsverhör noch scharf zu unterscheiden und prak 
tisch dürften im allgemeinen die Zeugnisse Erwachsener, wie der Ref. der 
Revue (Juquetier) mit Recht sagt, in foro doch genügen. 



6. 

Ein Beitrag zur historischen Verbrecherkunde. Der aus 
gezeichnete Arzt, Mediko-Historiker, Aegyptologe und Assyriologe Dr. von 
Oefele in Neuenahr schreibt mir am 2S. Dez. 1906 folgendes, das ich ans 
verschiedenen Gründen für wichtig genug halte und deshalb in extenso 
gebe: „ . . . Für Herrn Professor Gross hätte ich einen schönen Gelegen- 
heitsfund für historische Kriminalanthropologie. Unter dem Assyrerkönig 
Asarhaddon (ein furchtbar abergläubischer Kerl) scheint sich unter die 
babylonische Priesterschaft noch viel ärgeres Gesindel eingeschlichen zu 
haben, als der Prophet Daniel an haarsträubenden Sachen erzählt Da 
haben (sie) doch aus dem Allerheiligsten des Tempels des Ninib (er ist 
Schutzpatron der Schmiede, Chirurgen und anderer Stände) oberhalb des 
Götterbildes aus einem Deckenbalken 7 Zoll ausgesägt und die bekleidende 
Vergoldung gestohlen; ein anderer Priester hat unrechtmäßig Siegel ge- 
<5ffnet, um wertvolle Steine zu veruntreuen, und dabei versichert dies 



Kleinere Mitteilungen. 359 

Geb'chter, daß sie Tag und Nacht fasten und beten für das Wohlergehen 
des Königs nnd des Königlichen Hauses. Als der König krank ist und 
strengste Diät halten muß, da winselt er schon nach wenig mehr als 24 
Stunden wie ein kleines Kind und schickt dreimal m einem Tage nach den 
Oberärzten, ob er denn noch nichts essen dürfe nnd wie emem kleinen Kinde 
suciien diese Ärzte die strenge Diät immer wieder um einige Stunden zu 
verlängern; dabei scheint diese ganze Erkrankung von einer königlichen 
Überanstrengung auszugehen, die eine allerdings unangenehme Blenorrhoe 
mit Urin, der wie Pfeffer brannte, verursachte. Durch eine unvernünftige 
Abführkur ^) gegen dieses Leiden wurden scheinbar dysenterieforme Er- 
scheinungen hervorgerufen, welche jene Hungerkur veranlaßten. Wenn in 
einem anderen Falle em „Lehrer** (also modern Professor) mit neun (!) 
Helfern (also Assistenten) in das Haus eines Kranken anrückt, so hat sicher- 
lich dieser Kranke auch zu den zahlungsfähigen Patienten gehört". 

Wir haben also hier betrügerische Priester^), wie so häufig namentlich 
in orientalischen Kulten. Sie scheinen sich sogar einst unmittelbar über 
dem Götterbilde ein Balkenstück auszusägen, der Vergoldung halber, die 
jedenfalls an Hehler abgegeben wurde. Man darf deshalb vielleicht aber 
aodi an einen Atheismus unter ihnen und an eine d^cadence der ganzen 
Zeit denken, wohin femer der starke Aberglaube des Königs gehören 
könnte. Endlich wird Siegelbruch mit Diebstahl von einem Priester be- 
richtet Sehr interessant sind andererseits die medizinischen Streiflichter in 
dieser Geschichte. Tripper (Blenorrhoe) gab es also auch schon damals 
mit seinen unangenehmen Folgen. Wir erfahren nun dessen Behandlung, 
die allerdings eine Pferdekur darstellt Gerade für das Alter und die Be- 
handlung des Trippers ist obige Keilschrift sehr wichtig und sie läßt ver- 
muten, daß Geschlechtskrankheiten auch in den obersten Regionen zu 
Hause waren, da kaum anzunehmen ist, daß der König sich dies galante 
Leiden bei einer gewöhnlichen puella publica geholt hatte. 



7. 

Merkwürdiger Fall von Fetischismus. In „The Alienist and 
Nenrologist'', 1906, p. 462 erzählt Kiernan folgendes: Zwei sehr ange- 
sehene Bürger von Wladikaukas (Russland) hatten wiederholt Mädchen aus 
angesehenen Familien entführt und in merkwürdiger Weise behandelt. 
Wegen senilen Schwachsinns wurden sie freigesprochen und in eine Irren- 
^talt geschafft. Das letzte Opfer war eine junge Erbin, die von jenen 
ein ganzes Jahr gefangen gehalten ward. Zwei Greise mit Masken über- 
fielen sie in der Nacht, verstopften ihr den Mund, verbanden ihr die Augen 

1) Schade ist es, daß keine Symptomatologie angegeben ist (denn daß diese 
K&uze Erkrankung mit Hungerkur am 29. eines Monats bei Neumond begann, 
hilft uns nichts), sonst könnte vielleicht auch schon Asarhaddon als Kasuistik 
der Wadenkrämpfe zu Galens Bericht über übermäßige Abführkuren gestellt 
werden. 

2) Wer denkt hierbei nicht unwillkürlich an die Verflüssigung des Blutes 
des heiligen Januarius in Neapel, das neuerdings wiederholt wissenschaftlich als 
ß«trug nachgewiesen nnd demonstriert ward und trotzdem weiter blüht? 

24* 



860 Kleinere MitteilungeD. 

und entführten sie per Wagen. In einem reichen Salon ward sie befreit. 
Die zwei Greise, ohne ein Wort zu sagen, gaben ihr ein enges Feder- 
kleid und sperrten sie in einen grossen, vergoldeten Käfig, 
der im Salon stand. Der eine — den andern sah sie niemals wieder — 
beguckte sie schweigend jeden Morgen durch die Käfigstäbe, warf ifar 
manchmal Stücke Zucker hin und brachte jeden Morgen einen Topf heißai 
Wassers, das er in den Futtemapf des Vogels goß, mdem er sagte: „Bade 
dich, Vögelchen/ Das waren die einzigen Worte, die sie je hörtel Erst 
nach einem Jahr entließ sie der Herr aus dem Käfig, verband ihr die Aogeo 
und brachte sie per Wagen bis nahe an ihre Wohnung. — Ein ähn- 
licher FaU ist mir nie in der Literatur vorgekommen. Alles verlief hier 
rein platonisch, nichts von coitus, Exhlbition oder Onanie vor od^ nadi 
Beschauen des eigentümlichen Vogels. Sicher liegt aber hier eine abortive 
sexuelle Befriedigung vor, mit sadistischem Anstriche und dem umstände, 
daß nur junge Mädchen aus guten Familien im Vogelkleide und in Käfigen 
die libido erregen konnten. Warum gerade die Gestalt des Vogels? Viel- 
leicht spielte im Unterbewußtsein der Vogel als ein gdles Tier eine 
gewisse Rolle mit Warum beteiligte sich nur der Eine an dem 
Beschauen? Daß es junge Mädchen sein mußten, ist bei Greisen natürlich: 
les extremes se touchent. Daß sie aber auch aus guter Famihe sein mußtoi, 
darin liegt wahrscheinlich ein sadistischer Zug, noch mehr natürlich in der 
Gefangennahme. 



Seltsame Nicht-Erkennung einer Leiche seitens der An- 
gehörigen. Ich habe schon früher in diesem Archiv zwei hierher ge^ 
hörige Fälle erzählt Jetzt ereignete sich ein noch viel merkwürdig^%r, 
den ich der „Täglichen Rundschau*' vom 13. Dezember 1906 entnehme. 
In der Lüneburger Haide findet man am Wege einen Erfrorenen. Leute 
werden aus einem Dorfe requiriert und nun heißt es dort weiter: „Man 
fand bei der Leiche keine Papiere. Bei näherer Besichtigung erkennen die 
fünf Männer in dem Toten den Arbeiter August Briese, der bei seiner 
Mutter in Flecken wohnte. Man scliaffte den Toten in die Wohnung der 
Mutter. Die Geschwister erkennen sofort ihren Bruder, die Mutter ihren 
Sohn. Sie ordnen an, daß die Leiche auf das Bett gelegt wird, das der 
Tote bei seinen Lebzeiten benutzt hat. Nun erscheint der Gendarm, sieht 
den Toten an und bezweifelt, daß es August Briese ist, da er ihn am selb^ 
Tage nachmittags mit einer Joppe bekleidet gesehen hat und dieser Tote 
andere Kleidung trägt Gegen 7 Uhr abends drahtet man nach der Honig- 
fabrik, wo Briese in Arbeit steht und erhält von dort die Antwort, daß 
Briese gesund und munter bei seiner Arbeit sei. Gleich darauf kommt 
Briese nach Hause, sieht den Toten in seinem Bette und ist wenig erbaut 
davon. Dann wird die Leiche in das Spritzenhaus geschafft, wo sie noch 
nicht erkannt werden konnte. Auf dem Bürgermeisteramte aber konnte 
August Briese das ausführliche Protokoll über seinen Tod einsehen.** Man 
vergegenwärtige sich die Situation. Ein Arbeiter wohnt stets bei Mat- 
ter und Geschwistern. Eines Tages wird eine Leiche zu ihnen ge- 
bracht und von ihnen als die des Sohnes resp. Bruders agnosziert, wie 



Kleinere Mitteilungen. 361 

anch von ffinf Männern des Dorfes, die ihn jedenfalls alle kannten. Und 
doch war er es nicht! Die Angehörigen hatten nicht emmal beachtet, daß 
die Leiche eine Joppe trug, die der Lebende am selben Tage nicht anhatte, 
vielleicht nicht einmal besaß und nur dem Gendarm war. dieser Umstand 
anfgefallen. Die Psychologie solcher Verkennungen ist eine verwickelte. 
Jedenfalls lag zunächst wohl große Oesichtsähnlichkeit vor. Aber trotzdem 
zeigt es sich auch hier, wie stumpf oft die Wahrnehmungen des 
Volkes im alltäglichen Leben auch den Angehörigen gegen- 
über sind, wie besonders auch die Ärzte oft konstatieren. Es mOssen 
nicht selten große Unterschiede da sein, ehe sie auffallen. Ein geschärf- 
teres Auge hat allerdings gewöhnlich die Mutter. Hauptsache ist und 
bleibt aber die direkte oder indirekte Suggestion. Daß die 
Leiche die des Briese sein müßte, geht offenbar zunächst von den 
fünf Arbeitern aus, die sie aufhoben. Das wirkte als Suggestion bei den 
Angehörigen. Verstärkt ward sie dann sicherlich durch einen positiven 
Ausspruch desjenigen im Familienkreise, der am meisten galt, mag es nun 
die Mutter oder eines der Geschwister gewesen sem. Vielleicht war auch 
ungünstiges Tageslicht daran mit Schuld, wenigstens schemt die Aufhebung 
erat nachmittags gegen 6 Uhr, Anfang Dez., stattgefunden zu haben, so- 
daß vielleicht erst gegen 7 die Leiche hereingebracht und also nur bei 
künstlichem Lichte betrachtet werden konnte. Und bekannt ist es ja, wie 
dann feinere Unterschiede oft verschwinden. 



9. 

Stärke und Dauer der libido bei Homosexuellen. Zu den 
dunkelsten Kapiteln gehört das über Stärke und Dauer des Geschlechts- 
triebes bei Urningen. Und nicht bloss wissenschaftlichen Wert besitzt die 
Sache, sondern auch forensen. Man liest und hört öfter, daß die Richter 
einen stärkeren Trieb hier annehmen und leichter dazu geneigt sind, Zwangs- 
bandlungen infolgedessen zu statuieren. Ähnliches liest man auch hier und 
da in Lehrbüchern oder Spezialarbeiten und doch weiß bis heut^ 
Doch niemand Sicheres über dies Thema. Aus naheliegenden 
Gründen ist es auch schwer. Sicheres, d. h. Statistisches hierüber zu erfahren. 
Ein hochstehender feingebildeter Bisexueller, der sehr viele Homosexuelle 
persönlich kennt und dessen Urteil ich absolut glaube, schrieb mir am 
24. U. 06 folgendes, dem ich einen gewissen Wert hier nicht absprechen 
jnöchte. „. . . Ihre Frage, ob bei den Homosexuellen die libido stärker 
18t, als bei den Heterosexuellen, wäre ich geneigt, fast zu bejahen. Jeden- 
falls Schemen mir die Homosexuellen im Durchschnitt eher noch polygamer 
^ die Normalen veranlagt zu sein. Der häufige Wechsel kann aber 
vielleicht auch hauptsächlich durch die Notwendigkeit, das Verhältnis zu 
verbergen, sich erklären und durch den Zwang, der sozialen und straf- 
rechtlichen Ursachen wegen, nur vorübergehende, auf das Sexuelle be- 
®<^hränkte Beziehungen anzuknüpfen, namentlich da sehr oft die sozial Höher- 
stehenden gerade Leute aus dem Volke lieben und dann auch die bei 
normalen Verhältnissen den Liebesbund enger schließenden, seelischen und 
^tellektuellen Momente fehlen oder nicht zur Entwickelung gelangen können. 
^ as dann die Fortdauer der libido anbelangt, so kenne ich Fälle von sehr 



362 Kleinere Mitteilungen. 

langer Dauer. Ich möchte fast glauben^ daß der Homosexuelle im Durch- 
schnitt länger potent bleibt, als der Heterosexuelle. Jedenfalls weiß idi z. B^ 
daß junge Homosexuelle, die Gerontophile sind, immer zahlreiche alte Lieb^ 
haber finden. Ich kannte selbst einen 70jährigen Homosexuellen, der 
seinen glaubwürdigen, durch seinen sozialen Verkehr mit jungen Barsehen 
bestätigten Angaben nach noch mindestens einmal die Woche geschlechtlich 
verkehrte und zwar, wie er behauptete, am liebsten als aktiver Päderast 
im eigentlichen Sinne. Derselbe hat sein ganzes Leben lang homosexuell 
verkehrt und zwar früher, wie er versichert und wie ich selbst vor wenigen 
Jahren von verschiedenen Jünglingen hörte, öfters die Woche . . . .* 

Solche Fälle von später und starker Potenz finden sich aber anch ba 
den Heterosexuellen. Es fragt sich nur, ob häufiger dort Selbst Hirschfeld 
konnte mu* keine sichere Auskunft hierüber geben und berichtet habe ich 
schon in meiner größeren Arbeit (in diesem Archiv) über emen Besuch bei 
Urningen in Berlin, wie unendlicli wenig alte Leute ich in den Lokalen 
mit homosexuellen Besuchern sah. Das scheint mir doch darauf hinzo- 
deuten, daß auch hier die Potenz stark abnimmt und nicht ein bloßer Zu- 
fall mit im Spiele steht. Es wäre interessant, bei Leichen von alten Hetero- 
und Homosexuellen die Quantität und Qualität des Samens festzustellen. 
Das ist noch nicht untersucht worden, so viel ich weiß. Jedenfalls wird 
man vorläufig allen angeblich positiven Behauptungen über Stärke und 
Dauer der libido bei Urningen nur mit gi'oßem Zweifel begegnen, be- 
sonders wenn es Schriftseiler sind, die die eigentlichen Urninge gar nicht 
oder nur wenig kennen, und das sind leider die meisten. 



10. 

Homo nobilis n. bSte humaine. über die b^te humaine, d. h. 
all die niederen, schlechten Instinkte des Menschen ist genug gesprochen 
und geschrieben worden und trotz unserer hochgeschraubten Kultur 
treten diese Instinkte oft genug häßlich hervor, wie wir dies bei Theater- 
^ branden, Schiffsunglücken, Revolutionen etc. quasi epidemisch auftreten sehen. 
Es ist da besonders der Erhaltungstrieb, der sich oft in tierischer Weiße 
Geltung verschafft. Es scheint auch kaum, daß diese gemein-egoistischen 
Instinkte wesentlich durch die Kultur verringert wurden, nur daß sie 
vielleicht seltener sich in der ganzen Nacktheit zeigen. 

Bei dem großen Erdbeben, welches St. Franzisko 1906 fast total 
zerstörte, hat natürlich auch wieder die böte humaine ihre Orgien 
gefeiert und „ Schlachthyänen ** gab es genug. Auf der anderen Seite 
zeigten sich aber doch auch Züge des homo nobilis und nicht nur ver- 
einzelt, sondern massenhaft, was den Menschheitsfreund erfreuen maß. 
Hierüber lese ich im „Ärztl. Zentral- Anzeiger'' vom 29. Okt. 1906 (nach- 
gedruckt aus der „Münchener med. Wochenschrift" Nr. 38, 1906) folgendes: 

„Wer an der Menschheit zweifelnd auf dem Wege ist, Pessimist zu 
werden, wie es Mode zu werden scheint, der gehe nach St. Franzisko nnd 
lerne sich tief in seine Seele hinein schämen. Denn eine solche Fülle von 
Selbstlosigkeit, Tapferkeit, Entsagung und Gleichmut in dieser Zeit der 
Trübsal ist einfach überwältigend. So steht man staunend inmitten der 
Tragödie und statt zu trauern, fühlt man sich in mächtiger Ergriffenheit 



Kleinere Mitteilungen. 363 

in die Höhe gerissen nnd das Herz schwillt voll freudigen Stolzes oh so 
vielen Heldentums. 

Es ist^ als hätte die ungeheure Heimsuchung alle schlechten Seiten 
des menschlichen Charakters wie mit einem Zauberschlage abstreifen lassen 
und die elementaren Gewalten, die im Herzen wunderbar schliefen, auf 
einmal tief unter der Rinde bloßgelegt und zu herrlichen Taten verwandelt. 
Der kleine, unbeaclitete Mann wurde zum Riesen, der Nörgler zum 
Wohltäter, der Tagedieb zum Klichtmenschen. Wie wahr ist doch das 
Schill ersehe Wort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhVen Zwecken". 
Der Reiche fraternisiert mit dem Armen, alte Feinde versöhnen sich, Kon- 
kurrenten verbinden sich untereinander, enragierte politische Gegner legen 
in liebender Gemeinschaft kräftig Hand an, verbissene Fanatiker vergessen 
alles Zeremoniell und vereinigen sich zu dem einen Zweck, zu helfen. 
Hysterische Frauen vergessen zu klagen und stellen sich in Reih und Glied 
zu den Helfern. Selbst die chinesischen Kaufleute, welche man in den 
Tagen des Glanzes ä la Shylock zu behandeln gewohnt war, begraben 
ihren schlecht verhehlten Groll und steuern in großherziger Weise zum 
allgemeinen Hilfsfonds bei." 

Mit am härtesten mitgenommen wurden die Ärzte, von denen fast 1000 
ihr Hab und Gut verloren. Trotzdem verloren sie nicht den Kopf, flohen 
nicht, sondern standen den Kranken bei, wo sie nur konnten, ohne an sich 
zu denken, ja einige wiesen jede Unterstützung amerikanischer, auswärtiger 
Kollegen zurück. Hier, wird man vielleicht sagen, liegt es noch im Pflicht- 
kreise des Arztes. Aber die vielen Hunderte Anderen, wie wir oben 
salien, vergaßen sich, ihre Krankheit und alles, um den anderen zu helfen ; 
das ist in der Tat groß und wert einer Epopöe ! Das Merkwürdige für 
mich ist namentlich der Umstand, daß von diesen aufopfernden Menschen 
vielleidit die Mehrzahl sonst nie besondere Altruisten waren. Das furcht- 
bare Unglück bricht herein und plötzlich entfaltet sich die schöne Herzens- 
blüte, die sonst im Verborgenen trieb. Man möchte aber fast auch 
an eine unbewußte Nachahmung der andern, an eine „psychische 
Infektion" durch Beispiel denken, die plötzlich aus Durch- 
schnittsmenschen Helden machte. Man hat auch bei schweren 
Verbrechern plötzlich Züge edler Menschlichkeit sich entfalten sehen, z. B. 
anläßlich eines Brandes, und der große Zola und Balzac werden nie müde 
ans zu zeigen, wie doch auch im Schlimmsten noch etwas 
menschliches schlummert Die „geborene*^ Hure Nana zeigt sich an 
einigen Stellen, z. B. bei ihrem Tode von einer Seelengröße, die an An- 
tikes erinnert. Es ist nur eigentümlich, wie verschieden dasselbe Faktum, 
z. B. ein Unglück, auf die einzelnen Menschen einwirkt. Die einen werden 
niedergedrückt, aller Initiative beraubt, die anderen denken nur an sich, 
werden zum remen Tier und noch andere verwandeln sich in Helden. 
Aber eine so gewaltige, gewiß viele Tausende umspannende günstige Ver- 
änderung der Menschen, wie in dem Falle von St. Franzisko, ist mir noch 
nie vorgekommen. Auch eine momentane Begeisterung kann Ähnliches 
vielleicht erzeugen, doch wohl nur als kurz dauerndes Produkt, kaum in 
nachhaltiger Wh-kung. So schreibt Zola in „Lourdes" p. 403 (Paris, Char- 
pantier, 1903, 159° Aufl.) daß, als inmitten der vor der Grotte Wunder 
entartenden Menge eine Kinderstimme wiederholt ausrief: „Rette, Jesus, 



364 Kleinere Mitteilungen. 

die andern^ die andern^^^ Tränen allen Augen entströmtep, diese Bitte alle 
Herzen erschütterte GJ^^^^ ^^ pl"^ durs ä la folie de la Charit^ dans un 
sublime d^sordre qui leur aurait fait ouvrir ä deux mains leur poitrine ponr 
donner au prochain leur santö et leur jeunesse/') Das ist sicherlich psy- 
chologisch wahr. Man weiß auch, wie in Zeiten allgemeiner Gefahr die 
Vaterlandsliebe weite Kreise erfaßt nnd für eine Zeit wenigstens gewi^e 
altruistische Gefühle vorherrschen läßt Hier gerade ist das Moment der 
„psychischen Infektion" sicher von Bedeutung. 



11. 

Delikte durch Hyperästhesie der Sinnesorgane. In einer 
Arbeit in diesem Archiv ij habe ich nachzuweisen gesucht, daß eüie Mög- 
lichkeit zu Gewalttaten in einer krankhaft gesteigerten Empfindlichkeit der 
Haut oder der Sinnesorgane liegen könnte. Kürzlich las ich nun dafür emen 
klassischen Beleg. Tomaschny^) berichtet nämlich (1. c. p. 693) von 
einem 36 jährigen Manne, der mit 12 Jahren ein Kopftrauma erlitt, viel 
im Wirtshause verkehrte, \aelfach vorbestraft war und in der Haft an Er- 
regung mit „epileptischem" Charakter erkrankte. Er kam in eine Irren- 
anstalt, ward bald als gebessert entlassen, ohne daß Krämpfe gesehen 
wurden. „Am 14. Jan. 1904 .... schlug M. sein wenige Monate altes 
Kind, durch dessen Schreien er gereizt wurde, so heftig, daß es einige 
Stunden später infolge der Mißhandlung starb. M. hatte am Vormittag im 
Ärger über einen für ihn ungünstig verlaufenen gerichtlichen Termin ge- 
trunken. .... Vor Gericht stellte M. in Abrede, das Kmd mit Absicht 
geschlagen zu haben, dieses sei vielmehr selbst aus dem Wagen gefallen 
und habe sich am Kopfe verletzt. (Die gerichtliche Obduktion ergab die 
Unmöglichkeit dieser Angaben des M.)" Wir sehen also hier eine Hyperls- 
thesie des Gehörorgans, die sich jedenfalls nach dem früheren Kopftraoma 
«in gestellt und durch Trunk gesteigert hatte. Noch akuter ward sie gesteigert, 
nachdem er kurz vor der Tat getrunken hatte. Das bloße Kindergeschrei 
irritierte ihn dann so, daß er losschlug und zwar so derb, daß das arme 
Kind starb. Derartige Fälle sind sicher gar nicht allzu vereinzelt, nur selten 
veröffentlicht worden. Dieselben zeigen eben wieder, daß wir auch nach 
den selteneren Möglichkeiten zu Verbrechen forschen müssen, die doch einmal 
in Betracht kommen können. 



1) Näcko: Die Überempfindlichkoit gewisser Sinne als ein möglicher cri- 
minogener Faktor. Dies Archiv Bd. 15, 1904. 

2) Toraaschny: Alkohol versuche bei Beurteilung zweifelhafter Geistes- 
zustände. Allg. Zeitsehr. für Psychiatrie etc. 63. Bd. (1906) p. 691 sc. 



Besprechungen. 



Eugen Villiod, Direktor derAgence g^nöraledepolice privöe . 
in Paris: Wie man stiehlt and mordet. Autorisierte 
deutsche Ausgabe von Friedrich Preußier. Mit 19 Ab- 
bildungen. Leipzig Schulze & Comp. 
Das Buch enthält Kapitel über die Verbrecher im allgemeinen, die 
Diebe, den Betrug durch Inserate; dann über die Diebe an der Person, 
Einbrecher, die Ausbeutung menschl. Leidenschaften, die Falschspieler, die 
Ausbeutung der Sinnlichkeit und über Verbrecher, die in Banden arbeiten. Der 
Schluß spricht von „Reformen", hauptsächlich davon, daß Prämien für 
dai Verrat von Verbrechen viel nützen. Das Buch enthält nicht viel, was 
nicht aus Büchern und Zeitungen schon beka